Er erwachte wie immer so abrupt, als ob ihn jemand geschüttelt hätte. Seine Augen öffneten sich, sein Geist, der ihn über die langen Stunden des Tages verlassen hatte, kehrte zu ihm zurück. Sofort waren seine Sinne wieder messerscharf, seine Reflexe von übermenschlicher Schnelligkeit.

Müde. Verschlafen. Umnachtet.
Für Kreaturen wie ihn gab es solche Zustände nicht. Entweder er ruhte oder er war wach. Den wohligen Zustand zwischen Schlafen und Wachen kannte er nicht mehr. Er konnte sich aber noch dunkel daran erinnern, wie es war, in einem warmen Bett aufzuwachen. Wie man sich danach sehnte, sich herumzudrehen, die Decke fester um sich zu schlingen um sich erneut in den Kissen zu vergraben, bevor einen die Aktivitäten des Tages in Anspruch nahmen. Wie anfangs der Blick getrübt und verschwommen war, wenn man sich im Bett aufrichtete, weil man vom Morgenlicht geblendet wurde. Wie man dann seine Glieder dehnte und streckte, um die Steifheit der Nacht daraus zu vertreiben. Wie man dann aufstand und einen kurzen Moment vom Schwindel gepackt wurde, wenn das Blut zu schnell vom Kopf in die Beine fuhr. Wie man ans Fenster trat um die kühle Morgenluft an der Haut zu spüren, und wie langsam die Lebensgeister in einen zurückkehrten…
Oder wie man einschlief. Wie die Welt langsam verschwamm und wie man dann von der Wirklichkeit in die Traumwelt hinüber glitt.

Doch er war anders. Für ihn gab es lediglich zwei Möglichkeiten. Er war wach oder eben nicht. Zwischen diesen beiden Phasen gab es keine Übergänge. In dem Moment, in dem die Sonne einen bestimmten Punkt am Himmel erreicht hatte, noch unsichtbar hinter dem Horizont, warnte ihn sein Instinkt, dass er sich besser JETZT an einen sicheren, das hieß, dunklen, Ort begeben sollte.
Das konnte sein Sarkophag in der Krypta des Schlosses sein, oder auch nur ein abgedunkelter Raum mit geschlossenen Fensterrahmen und zugezogenen Vorhängen. Wichtig war, dass er sich dort hinlegen und bedenkenlos die Augen schließen konnte. Sobald er dies tat, verließ ihn sein Bewusstsein und kehrte erst dann zu ihm zurück, wenn die Sonne wieder untergegangen war.

Er hatte mehrmals versucht wach zu bleiben und gegen die Macht der Gestirne anzukämpfen. Hatte sich an seinem Bewusstsein festgeklammert und sich mit aller Kraft auf das Wachbleiben konzentriert, doch es war stets vergebens gewesen. Von einer Sekunde auf die andere war er eingeschlafen. Das Wort „schlafen" war dabei natürlich untertrieben.
Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes, hieß es. In seinem Fall war dies nicht nur eine malerische Phrase, in seinem Fall war es Gewissheit, so umfassend war die Schwärze, in die sein Geist eintauchte.

Anfangs hatte er manchmal darüber meditiert, wie es denn wäre, am helllichten Tag zu erwachen, ohne zu ahnen, dass die Sonne noch am Himmel stand. Wie es wäre, wenn er aus seinem Sarkophag stiege, die Krypta verließe und eine Türe öffnete. Wie er sich dann auf einmal in der Eingangshalle des Schlosses befände, wo gerade die grelle Mittagssonne durch eines der Fenster blitzte. Er würde brennen…
Ein schrecklicher Gedanke, ein würdeloser Tod. Doch konnte das nicht geschehen, sein Körper beschützte ihn vor Zufällen wie diesen.

Aus praktischen Gründen zog er, wenn möglich, seinen Sarg zum Ruhen vor. Dieser stand an einem der sichersten Orte im Schloss- Er war sich absolut sicher, dass niemand ihn dort stören würde. Zu leicht wäre es für ein Zimmermädchen, unbedacht eine Tür oder ein Fenster zu dem Raum zu öffnen, in den er sich gerade zurück gezogen hatte, und ihn dabei dem heißen Licht der Sonne auszusetzen, und dann… man dachte lieber nicht darüber nach.

Dahingegen war er äußerst unwahrscheinlich, dass sich jemand seinen Weg durch das labyrinthähnliche Geflecht der Gänge und Treppen des Kerkers bahnen und dort die Kammer finden würde, in der die großen Marmorsarkophage standen.

Der Graf stemmte seine Arme gegen den Deckel des Sarges und schob den schweren Stein beiseite. Er richtete sich auf und stieg heraus. Was würde die Nacht wohl bringen?
Glücklicherweise war die Stimme in ihm immer noch unhörbar leise. Er würde Frieden haben. Heute Nacht, morgen Nacht… Möglicherweise auch noch einige Nächte danach, bis er sich wieder auf die Suche machen musste.

+*+*+

Im Salon nahm er ein Glas und schenkte sich Rotwein ein. Er nahm in einem der großen Sessel Platz und kostete einen Schluck. Eigentlich war es sinnlos, wenn er aß oder trank. Sein Körper hatte nur eine Nahrungsquelle nötig. Er fühlte weder Hunger noch Durst. Alkohol und Koffein wirkten nicht auf seinen Kreislauf. Dennoch verlangte es ihm manchmal nach einem Schluck guten Weins. Er war in der Lage, diesen viel mehr zu genießen, als er es als Mensch je gekonnt hätte. Waren doch seine Geschmacksnerven hypersensibel und dazu fähig, die feinsten Geschmacksnuancen zu erkennen und auseinander zu halten. Er nahm noch einen Schluck, stellte das Glas ab und lehnte sich in seinem Sessel zurück.
Ein Glas Wein zu trinken ließ ihn sich beinahe normal fühlen. Ein Mann, der in einem Sessel saß und ein gutes Getränk zu sich nahm, so wie er es früher auch getan hatte.

Es begutachtete seine Umgebung. Der Salon war wie stets makllos. Kein Staubkörnchen verunreinigte die blanke Holzoberfläche des Tischchens neben ihm, das Weinglas war perfekt poliert.

Das Verhältnis zwischen seinen Dienstboten und ihm war zu gleichen Teilen von Vertrauen und Angst geprägt. Sie arbeiteten untertags in den Gärten, wienerten die Böden der Gänge und Hallen, reinigten die Zimmer und befreiten die Bücher in der umfangreichen Bibliothek von Staub. Im Gegenzug erhielten sie ihren Lohn sowie die ungeschriebene Garantie, das Schloss stets lebend verlassen zu dürfen. Noch nie hatten er oder sein Sohn dieses Versprechen gebrochen. Das Personal im Schloss war sicher. Es wäre auch töricht, seine eigenen Bediensteten anzugreifen. Wer hätte denn sonst für Ordnung und Sauberkeit sorgen sollen? Natürlich war die Furcht vor ihm wahrscheinlich der Hauptgrund, warum die Zimmermädchen, Gärtner und Knechte ihre Aufgaben stets so tadellos und zuverlässig verrichteten.

Ob sie um sein seltsames Wesen wussten, oder ob sie es nur vermuteten, war ungewiss. Jedenfalls verließen die meisten von ihnen jeden Abend vor Sonnenuntergang das Schloss, flohen zurück in die umliegenden Dörfer und Höfe, und kehren erst dann zurück, wenn die Sonne wieder sicher am Himmel stand. Die wenigen, die im Gesindehaus der Schlossanlage blieben, verrammelten nachts ihre Türen und Fenster und waren erst bei Tageslicht dazu bereit, ihre Aufgaben wieder aufzunehmen.

Angst. Wo immer er erschien, hatten die Leute Angst vor ihm. Und zu Recht! Schließlich war er, Breda von Krolock, ihr Fürst und der Herr über ihre Ländereien. Der Graf nahm das Weinglas auf und blickte auf die rubinrote Flüssigkeit, die im Schein des Kaminfeuers glänzte wie ein Juwel. Ein wenig Ehrfurcht war da schon angebracht.

+*+*

Anstatt noch ein weiteres Glas zu trinken, machte er sich auf die Suche nach Herbert. Es verlangte ihn nach Gesellschaft. Die Nacht war klar und warm, viel zu schade, um sich im Schloss zu verschanzen und sie nicht draußen zu genieß hatte Herbert Lust auf einen Ausritt. Da er seinen Sohn in dessen Räumen traf nicht antraf, durchquerte er das Schloss, trat nach draußen und begab sich zu den Stallungen.

Die Pferde wieherten leise in ihren Boxen. Auf den ersten Blick sah er, dass Nocturn, der schwarze Hengst seines Sohnes, fort war. Herbert hatte also die selbe Idee gehabt wie er.
Vielleicht würde er ihn unterwegs antreffen...

+*+*+

Das Tier unter ihm war warm und bewegte sich mit Kraft und Eleganz über die verschlungenen Waldwege. Beinahe intuitiv folgte es den Befehlen seines Reiters. Ein Gedanke von ihm schien auszureichen, um das Tier zu lenken.
Pferde waren schwierige Geschöpfe. Entweder, sie vertrauten einem Menschen, oder nicht. Hatte man die anfängliche Chance versäumt, sich mit ihnen gut zu stellen, würde es einem nie mehr gelingen, sich mit ihnen zu befreunden. Sie erlaubten es dem Reiter vielleicht noch aufzusteigen, trabten los, wen er es wollte, und bleiben stehen, wenn er an den Zügeln riss. Doch sie würden ihm nie bedingungslos und vertrauensvoll gehorchen, wie Vesta Graf von Krolock gehorchte. Man konnte ihnen nichts vormachen, egal wie viel Zucker und Rüben man ihnen auch fütterte.

Bei ihm war es noch ein Stück komplizierter. Die meisten Tiere schienen zu wittern, dass er von Natur aus eher ein Raubtier als eine Person war. Manche Pferde schlugen aus und wieherten in schierer Panik, wenn sie nur seine Witterung aufnahmen. Doch Vesta, die graue Stute, vertraute ihm schon seit sie ein Fohlen war. Es war schön, durch die warme Frühlingsluft zu reiten. Angenehm, die geschmeidigen Bewegungen des Pferdes unter sich zu fühlen. Die Bäume und Sträucher peitschten an ihm vorbei, sein Mantel wehte im Wind.

Vor ihm tauchte plötzlich ein Umriss aus den Schatten auf. Er bedeutete der Stute, ihre Schritte zu verlangsamen. Es war eine Kutsche. Sie steckte schief im Unterholz, eine der Türen stand offen. Die Achse war wohl gebrochen. Die Besitzer schienen sich vom Ort des Geschehens entfernt zu haben, denn obwohl die Kutsche zweispännig war, war kein Pferd mehr zu sehen.
Der Graf wollte schon weiter reiten, als er etwas auf dem Waldboden glänzen sah. Direkt neben der offenen Tür der beschädigten Kutsche verzierte ein Berg scheinbar weiß-grauen Staubes die Erde. Der farbliche Kontrast der glänzenden Asche auf dem moosig-grünen Waldboden war beinahe schön anzusehen...

+*+*

Das ungute Gefühl, das diese Entdeckung in ihm weckte, wollte er so schnell wie möglich hinter sich lassen, deshalb ritt er weiter. In Gedanken versunken überließ er Vesta die Möglichkeit, sich ihren eigenen Weg zu suchen. Mit aller Macht unterdrückte er die Erinnerung an das, was so unschuldig neben der Kutsche gelegen hatte. Es war also so eingetreten, wie er es befürchtet hatte. Er hatte das Mädchen gebissen, sie war gestorben, und dann...
Er achtete nicht darauf, wohin ihn das Pferd trug. Erst als Vesta leise schnaubend stehen blieb, nahm er seine Umgebung wieder mit Interesse wahr.

„Nicht schon wieder...", dachte er, als er sich erneut auf der Lichtung nahe des Dorfes wiederfand, wohin er sich schon letzte Nacht „verirrt" hatte.

+*+*

Vorwurfsvoll starrte er Vesta an. Das Tier blickte unschuldig zurück. Der Graf seufzte. Doch jetzt, wo er schon einmal da war, konnte er auf dieser Lichtung genauso gut Platz nehmen, wie an sonst irgendeinem Platz. Er ließ Vestas Zügel los und setzte sich zu Füßen des Baumstammes nieder, gegen den er sich bereits letzte Nacht gelehnt hatte.

Was für ein merkwürdiger Zufall. Nur, dass es so etwas wie Zufälle eigentlich nicht gab.
Sarah, die hübsche Wirtstochter schien seine Gedanken in letzter Zeit gefangen zu halten. Er dachte an seine letzte Begegnung mit ihr, oder besser, den letzten Blick, den er auf sie geworfen hatte. Von Begegnung konnte man kaum sprechen. Schließlich hatte er sie lediglich aus den Schatten heraus beobachtet.

Breda von Krolock hatte schon viele hübsche Mädchen gesehen. Schönheit war vergänglich, zumindest bei den Menschen. Was in jungen Jahren schlank, glatt und blass war, wurde im Laufe der Zeit aufgedunsen, faltig und braun. Schwarze glänzende Locken wurden grau und strohig, rosige Haut überzog sich früher oder später mit unansehnlichen Flecken und Runzeln.
Er hatte manch eine hübsche Maid altern sehen. Mädchen, die mit ihrem Aussehen die jungen Männer um den Verstand brachten, sahen zehn Jahre und fünf Kinder später verbraucht und müde aus.

Auch Sarah war schön. Wenn er es sich selbst gegenüber zugab, war sie eine der schönsten Frauen, die er in den letzten 100 Jahren gesehen hatte. Ihre Haut war so blass und durchscheinend wie feinstes Porzellan, ihr Haar von einem ungewöhnlich seidigen und feurigen Rot. Ihr Körper war schlank und dennoch weiblich, ihre Bewegungen so grazil wie die einer Tänzerin... Am wunderbarsten jedoch waren ihre Augen. Große, dunkelgrüne Augen, die die Nacht zu durchbohren schienen, als könnten sie selbst hinter die Sterne blicken.

Dazu kam ihr Temperament, oder besser gesagt, ihre beinahe erfrischende Unvernunft. Stets hatte sie sich nachts auf die Lichtung geschlichen. Hatte dort die Sterne betrachtet, als gäbe es dort etwas zu sehen, das absonderlich war. Als ob sie verzweifelt nach etwas suchte.
Nachts alleine... Undenkbar für ein junges Mädchen.
Sie hatte sich ihren Eltern in dieser Hinsicht auf geradezu unverschämte Weise widersetzt, bis diese den jugendlichen Frechheiten, im wahrsten Sinne des Wortes, einen Riegel vorgeschoben hatten. Sie faszinierte ihn, das war sicher.

In diesem Moment, an diesem Ort, fasste Breda von Krolock den Entschluss, dass er sie näher kennen lernen musste. Koste es was es wolle.

+*+*