Ich bedanke mich ganz herzlich für alle Reviews. Als kleine Aufmerksamkeit gibt es noch ein Kapitel mit Tolga

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„Ich nehme einen ganz normalen Cappuccino," sagte Conny und ließ sich auf dem Stuhl in der Ecke nieder. Tolga verschwand, um die diversen Kaffeewünsche zu besorgen. Mit gespieltem Interesse sah Conny sich in dem Coffee-Shop um. Um diese Tageszeit bestand das Publikum hauptsächlich aus Studenten, Lehrern, die in der Freistunde der Schule entflohen waren und designergekleideten Menschen mit ungeregelten Kreativjobs. Als es absolut nichts mehr zu sehen gab, erlaubte sie ihrem Blick, zu Martina zu wandern. Groß, schlank, glänzende schwarze Haare und die grünsten Augen, die Conny je gesehen hatte – und sie war eine Hexe. Locker und elegant saß sie auf ihrem Stuhl, die langen Beine unter dem ultrakurzen Rock graziös gekreuzt, schenkte sie Severus ein verführerisches Lächeln ihrer blutrot geschminkten Lippen.

Conny schluckte ihre Eifersucht hinunter und versicherte sich im Stillen wieder einmal, dass dies hier eine rein geschäftliche Zusammenkunft war: Martina besaß mehrere Läden für alternative Kosmetika und Körperpflegeprodukte, sie wollte, dass Severus für sie produzierte; Tolga hatte den Kontakt hergestellt und das Treffen organisiert. Conny fühlte sich eigentlich dabei herzlich überflüssig, aber Severus hatte darauf bestanden, dass sie als moralische Unterstützung mitkam.

Tolga kehrte mit einem geschickt balancierten Tablett voller Tassen und Gläser zurück, verteilte sie, holte sich einen bequemen Sessel vom Nachbartisch, ließ sich hineinfallen und strahlte in die Runde.

„Was ist? Wollt ihr nicht endlich zur Sache kommen?"

Martina lächelte zurück, nahm ihren Laptop aus der Tasche und baute ihn auf. Severus lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung waren völlig neutral, aber Conny kannte inzwischen die Anzeichen seiner inneren Anspannung: Unter der Tischplatte verborgen, waren seine langen Finger so ineinander verkrampft, dass die Knöchel weiß hervortraten. Heimlich legte sie eine Hand auf sein Bein und erntete einen kurzen, dankbaren Seitenblick. Conny seufzte leise. Was machte sie eigentlich hier?

Martina betätigte flink ein paar Tasten, studierte kurz den Bildschirm.

„Ja, Severus, ich habe mir die Liste Ihrer Produkte angesehen und einige davon getestet. Das ist alles ganz gut…"

„Ganz gut? Martina, die Sachen sind hammer." Tolga war entrüstet.

Martina lächelte etwas gequält.

„Ich denke, wir könnten die gesamte Produktpalette exklusiv übernehmen, allerdings unter einem neuen Label, damit uns niemand mit dem Kramladen, für den sie jetzt arbeiten, in Verbindung bringt, irgendetwas Griffiges, was auch Ihren Namen enthält. Schade, dass Ihre Initialen historisch belastet und daher völlig unbrauchbar sind."

Conny verzog das Gesicht, Severus brauchte eine Weile, bis er verstanden hatte, auch Tolga ging erst spät ein Licht auf.

„Oh – Scheiße aber auch," war alles, was ihm dazu einfiel.

„Keine Sorge, wir finden da schon eine Möglichkeit, die Ihre Person mit einbringt," fuhr Martina ungerührt fort, „wie war denn zum Beispiel der Mädchenname Ihrer Mutter?"

„Prince."

„Voll supi, Alter, das wär's doch. Prince Productions – be beautiful like a princess."

Sichtlich zufrieden mit seinem Einfall räkelte sich Tolga in seinem Sessel.

Martina warf ihm einen anerkennenden Blick zu.

„Gar nicht so schlecht, da könnte man was draus machen. Ich stelle mir die Einführung als Event vor, zu dem wir besonders treue Kundinnen einladen, damit sie den Schöpfer der Produktreihe persönlich kennen lernen können. Das ganze vielleicht verbunden mit einer Show von der Boutique nebenan; Sektempfang, Häppchen vom KaDeWe, dezente Jazzband... Wie auch immer, Severus, ich biete Ihnen eine Gewinnbeteiligung von – sagen wir 30 Prozent, unter der Bedingung, dass Sie Ihre Produkte updaten und exklusiv für mich arbeiten."

Severus nahm das Angebot mit unbewegtem Gesicht zur Kenntnis. Connys Blick ging wieder zu seinen Händen – er musste unwahrscheinlich biegsame Finger haben, dass er sie so ineinander verknoten konnte! Sie merkte, dass sie die ihren ebenfalls unwillkürlich verkrampft hatte und musste sich zwingen, sie wieder zu lockern..

„Sie wissen, dass es illegal ist?" Severus' Stimme war leise und ausdruckslos.

Conny und Tolga sahen ihn erstaunt an, Martina hingegen zuckte nur abfällig mit den Schultern und lachte unbekümmert.

„Ach, kommen Sie, Severus, diese altmodischen englischen Gesetze. Hier sieht das niemand so eng."

„Das Ministerium hat Mittel und Wege, so etwas herauszubekommen. Ich bin immer noch ein britischer Zauberer und an diese Gesetze gebunden."

„Das Ministerium ist weit weg, Severus. Warum sollte es sich ausgerechnet für uns interessieren?"

Severus antwortete nicht, blickte nur angestrengt auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand.

„Kann mir mal einer erklären, was das Ministerium damit zu tun hat?" forderte Tolga ungeduldig.

„Es ist verboten, Zaubertränke jeglicher Art an Muggel, also Nichtzauberer, weiterzugeben," erklärte Severus.

Martina machte eine abfällige Handbewegung, Tolga schüttelte fassungslos den Kopf.

„Wieso? Ist doch voll der Blödsinn, wa?"

„Es ist kein Blödsinn, Tolga. Zaubertränke können gefährlich sein und für kriminelle, schädliche Zwecke eingesetzt werden, dieses Gesetz soll die Menschen nur schützen."

„Aber du machst das doch schon die ganze Zeit?"

Severus fuhr sich mit der Hand durch die Haare und verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse.

„Ja, was blieb mir anderes übrig. Aber ich mache es nicht in einem so großen Umfang und völlig anonym."

„Und keinen hat es gestört! Mann, Severus, Alter, vergiss das Ministerium. Hier kannst du berühmt werden und die ganz große Kohle machen."

„Da kann ich Tolga nur zustimmen," sagte Martina und lächelte ihn erwartungsvoll an. Severus begegnete ihrem Blick und hielt ihn fest. Conny kannte diese Art des Blickkontakts. Er gab einem immer das Gefühl, alle eigenen Gedanken seien nackt vor Severus ausgebreitet. Sie mochte es nicht und war Severus immer schnell ausgewichen bei den wenigen Gelegenheiten, wo er es bei ihr angewandt hatte.

Martina hingegen hielt dem Augenangriff offenbar mühelos stand, sah Severus mit einem kleinen Lächeln herausfordernd an.

Endlich brach er die Verbindung ab, schaute kurz auf die Tischplatte und dann wieder zu Martina.

„Nein."

„Ey, Severus, Alter, du tickst doch nicht mehr richtig! Wie kann man so ein Angebot ausschlagen?"

Eine ausschweifende, empörte Armbewegung brachte Tolgas Espressotasse zum Kentern. Während er sich der Kaffeepfütze widmete und Martina angewidert die braunen Spritzer von ihrem silberfarbenen Laptop wischte, studierte Conny erneut Severus' Hände. Sie lagen jetzt entknotet auf seinen Oberschenkeln. Er hatte seine Entscheidung getroffen.

„Sie sollten es sich wirklich noch einmal überlegen, Severus," sagte Martina samtig und entsorgte die schmutzige Serviette im Aschenbecher.

„Ihre finanziellen Mittel sind ja wohl – recht eingeschränkt."

Ihr abschätziger Blick wanderte über sein Aldi-Hemd und Connys T-Shirt, das aus einer ähnlich dubiosen Quelle stammte.

„Es reicht zum Leben," entgegnete er einfach, „mehr brauche ich nicht."

Er sah kurz zu Conny, die ihm ein aufmunterndes Lächeln schenkte. Innerlich atmete sie auf. Gott sei Dank, je weniger er mit dieser Hexe zu tun hatte, desto besser. Conny hatte sich inzwischen an Tolga und seine Freunde gewöhnt, fand sie ganz nett und eigentlich völlig normal, aber diese Martina verursachte ihr eine Gänsehaut, der, wie sie instinktiv spürte, mehr zugrunde lag als die Furcht vor weiblicher Konkurrenz.

Mit einem kleinen theatralischen Seufzer, der wohl soviel besagen sollte wie ‚ich vergeude hier nur meine Zeit' fuhr die Hexe den Computer herunter und packte ihn ein.

„Falls Sie es sich noch einmal überlegen sollten, Severus – Sie wissen, wo Sie mich finden."

Ein kurzes Nicken und sie war auf dem Weg nach draußen.

Tolga blickte Severus kopfschüttelnd an.

„Mensch, Alter, warum zickst du so rum? Willst du sie schmoren lassen? Willst du mehr Geld rausholen?"

Severus schüttelte ernst den Kopf.

„Nein, Tolga. Sei mir nicht böse, ich weiß deine Hilfe zu schätzen, aber die Sache ist mir zu riskant. Es wäre wirklich illegal und...," er brach ab und seine Augen wurden schmal.

„Sag, wie gut kennst du Martina?"

Der junge Zauberer wedelte abwehrend mit den Händen.

„Nicht besonders, eigentlich gar nicht. Sie ist die Ex von einem Freund von der Ex von meinem Kumpel Alex. Wieso?"

Severus holte tief Luft und tastete unter dem Tisch nach Connys Hand. Seine Finger waren eiskalt, als Conny sie ergriff und beschützend festhielt.

„Ich traue ihr nicht. In meiner Lage muss ich vorsichtig sein."

Tolga setzte sich abrupt auf und lehnte sich fasziniert über den Tisch.

„Schüsch, Severus, das klingt ja wie ein Krimi, wa? Voll krass, aber ich nehme an, mehr willst du mir nicht verraten."

Mit einem enttäuschten Seufzer lehnte Tolga sich zurück, als er sah, dass Severus fast unmerklich den Kopf schüttelte.

„OK, Alter, lass gut sein, ist vielleicht auch besser, wenn ich's nicht weiß, wa?" Er grinste vielsagend in Richtung Conny. „Es ist dein Leben, du musst wissen, was du tust. Hauptsache, ihr seid glücklich, wa?"

Conny lächelte bestätigend und packte Severus' Hand fester. Er erwiderte den Druck.

Tolga stand auf. „Ich muss los, ich hab gleich Vorlesung. Bis dann."

Severus lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Conny bemerkte, wie müde er auf einmal aussah.

„Warum traust du ihr nicht?" fragte sie.

„Instinkt, Conny. Der Instinkt eines ehemaligen Spions. Die Frau ist zu glatt, zu - verschlossen. Sie ist nicht, was sie vorgibt zu sein."

„Aber was sollte sie denn verbergen?"

Er hob resigniert die Schultern. „Ich weiß es nicht, Conny, ich weiß nur, dass es so ist."

Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.

„Ich bin es müde, mich zu verstecken, ich möchte frei sein."

Er sah sie an und lächelte entschuldigend, als er ihren missbilligend-besorgten Gesichtsausdruck bemerkte.

„Eigentlich geht es mir gut, ich weiß. Ich habe ein Auskommen, ich habe Freunde. Aber ich bin immer noch verbannt, ein Ausgestoßener. Manchmal, wenn ich dich nicht hätte..."

Er brach ab und presste die Lippen zusammen.

Conny schob ihren unangetasteten Cappuccino in die Mitte des Tisches.

„Komm, wir gehen."

Sie angelte ihre Tasche von der Stuhllehne und stand auf. Severus tat es ihr nach und hob seinen Stock vom Boden auf. Langsam gingen sie nach draußen. Es war angenehm warm, die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, aber Conny fröstelte. Sie hatte sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, mit einem Zauberer zusammenzusein, meistens waren seine magischen Fähigkeiten im Alltag ja auch eher nützlich. Über seine dunkle Vergangenheit und seine Situation als Verbannter hatten sie kaum mehr gesprochen und Conny dachte nur selten darüber nach. Jetzt war wieder schmerzlich in ihr Bewusstsein gedrungen, wie dünn und verletzlich die Schicht war, die über den Abgründen seiner Vergangenheit lag.

Vor der Treppe zur U-Bahn blieb sie stehen.

„Severus..."

Er sah sie fragend an. Sie schluckte, holte tief Luft – und schüttelte dann doch nur hilflos den Kopf.

„Ich – ach, verdammt." Heftig schlang sie die Arme um ihn und als er sich hinunterbeugte, um sie zu küssen, gab sie sich leidenschaftlich seinem Mund hin.

Lautes Pfeifen und Johlen brachte sie wieder in die Realität zurück: Die Schüler der nahegelegenen Schule hatten Unterrichtsschluss und kommentierten das Schauspiel, das ihnen zwei erwachsene Menschen auf offener Straße boten, auf ihre Weise.

Conny lief dunkelrot an und wollte schnell in der U-Bahn verschwinden, aber Severus blieb stehen und hielt sie einfach fest. Dabei bedachte er die Gruppe überwiegend türkischer oder arabischer Jungen mit einem Blick, wie Conny ihn noch nie bei ihm gesehen hatte. Die Wirkung auf die Jugendlichen war sehenswert – sie verstummten augenblicklich, schienen einige Zentimeter zu schrumpfen und machten sich schnell davon.

Conny stand der Mund offen. Severus grinste sie an.

„Ich war Lehrer," sagte er nur und wandte sich jetzt auch in Richtung U-Bahn.

Dank an J.K.Rowling für das Ausleihen von Personen und Plot