*Auch hier noch einmal höheres Rating M - wegen Gewaltbeschreibungen. LG, Jenna*


Wer Wind sät…


Man muss manchmal von einem Menschen fortgehen, um ihn zu finden."


(Heimito von Doderer)


Sich damit abzufinden, dass Mick nicht mehr am Leben war, und sich nur noch auf die süße Rache zu konzentrieren, die mir hoffentlich bald gegönnt sein würde, war die weiseste Entscheidung, die man in meiner Situation fällen konnte. Meine Hoffnung, ihn noch lebend zu finden, war nicht so groß gewesen wie die von Beth und deswegen fiel es mir ein wenig leichter, mich wieder darauf zu konzentrieren, was zurzeit am Wichtigsten war. Das bedeutete nicht, dass der Schmerz in mir völlig verschwunden war, dazu ging er einfach zu tief, aber in alle den Jahren, die ich schon durch diese Welt streifte, war ich ein Meister der Verdrängung geworden. Gefühle wie Trauer und Verzweiflung standen mir nur im Weg und deswegen konnte ich sie im Moment einfach nicht zulassen. Mich hatte diese kalte Entschlossenheit gepackt, mit der ich schon viele Krisen in meinem Leben bravourös gemeistert hatte.

Die Jungs hatten gut gearbeitet. Es war ihnen tatsächlich gelungen, nicht nur alle Akten und sonstigen Schriftverkehr aus dem Büro des Labors im rekordverdächtigen Tempo mitgehen zu lassen, sondern sie hatten auch noch große Teile der Computerdateien kopieren können, darunter digitale Aufnahmen von den Überwachungskameras der letzten zwei Tage, die in den Fluren installiert worden waren. Und genau diese sah ich mir nun an, mir alle Gesichter einprägend, die mehr oder minder deutlich darauf zu erkennen waren, um ihnen eines Tages die gerechte Strafe für ihre Verbrechen an uns Vampiren zukommen lassen zu können. Zumeist waren es nur immer wieder dieselben Ärzte und Laborassistenten, die mit kleinen Wägelchen voller Utensilien durch die Flure eilten und in diversen Zimmern verschwanden. Nur ab und zu wurde auch eine Bahre heraus geschoben, auf der ein abgedeckter Körper lag, höchstwahrscheinlich ein toter Vampir. Und jedes Mal wenn das geschah, zogen sich meine Innereien unangenehm zusammen, weil mich der Gedanke überfiel, dass einer von ihnen Mick sein musste. Die Bilder liefen rasend schnell über den Monitor meines PCs, aber mit meinen Vampirsinnen nahm ich jede Einzelheit wahr. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, während ich ein wenig nervös Micks Ring zwischen den Fingern drehte, ihn ab und zu mit einem leisen Klicken auf dem Tisch auftippen lassend.

Und dann geschah etwas. Mehrere weiß gekleidete Männer rannten eilig durch den Flur und verschwanden in einem der Zimmer. Eine Weile passierte nichts. Dann kamen zwei von ihnen wieder heraus, heftig streitend. Einer von ihnen war Peterson, das erkannte ich sofort. Er war sehr erregt, fuchtelte wild in der Luft herum, zeigte mehrmals in den Raum und verschwand dann wieder kopfschüttelnd darin, während der andere Mann in eine andere Richtung davon ging. Ich spulte ein Stück vorwärts. Alle kamen wieder heraus, nun sehr betrübt wirkend. Wahrscheinlich hatten sie das nächste Versuchsobjekt ‚versehentlich' getötet, mit ihren Spritzen und Geräten… Meine Zähne pressten sich voller Wut aufeinander und wieder spulte ich vor und hielt an, als Peterson ein paar Stunden später erneut im Flur erschien – dieses Mal schob er eine Liege vor sich her. Er verschwand in demselben Raum wie zuvor und kam erst nach einer ganzen Weile wieder heraus. Auf der Bahre lag nun eine Gestalt, verhüllt durch ein weißes Laken – der Vampir, der wohl zuvor gestorben war, und der Gedanke, dass das Mick sein konnte, machte mich langsam rasend. Doch dann stutzte ich und hielt die Aufnahme an. Ich spulte nur ein paar Sekunden zurück und zoomte das Bild ein Stücke näher. Dann ließ ich die Aufnahme wieder laufen. Peterson schob die Liege durch den Flur und genau in dem Moment, als er direkt an der Kamera vorbei kam, hob er den Blick. Ich drückte die Stopptaste und beugte mich vor. Ja, er sah hinauf, direkt in die Kamera und in seine Augen stand deutlich Angst geschrieben. Warum hatte der Mann Angst? So etwas musste doch für ihn zum Alltag gehören.

Ich wandte mich von dem Computer ab und stand auf. Meine Augen flogen über all die Akten, Schriftstücke und sonstigen Dinge aus dem Labor, die ich auf meinem Tisch ausgebreitet hatte, und schließlich fanden sie, was sie gesucht hatten: Das Protokollbuch aus dem Überwachungsraum. Ich griff in einer raschen Bewegung danach und durchblätterte es so ungeduldig, dass sich einige Seiten lösten und zu Boden segelten. Doch dann fand ich es, das Datum, das auch am unteren Rand der Videoaufnahme stand.

‚25.02.09 - 2.00 Uhr – Dr. Peterson – Leichenbeseitigung', war dort in einer ziemlichen Sauklaue eingetragen worden. Mein Blick glitt weiter zu den nächsten Zeilen: ‚7.00Uhr – Dr. Peterson vermisst – Diebstahl von Firmeneigentum – wahrscheinlich flüchtig'

Deswegen hatte er so verängstigt ausgesehen. Er hatte den Leichnam mitgehen lassen, war geflohen, aus welchem Grund auch immer und nun suchte alle Welt nach ihm. Aber wieso… wieso hatte er das getan? War er auf eine Erkenntnis gestoßen, die er mit niemandem teilen wollte? Hatte er entdeckt, wonach er so lange gesucht hatte – das Elixier des Lebens, gewonnen aus dem Blut eines toten Vampirs? Was hatte er mit der Leiche gemacht? War es Mick gewesen? Ich atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. ‚Denk sachlich, denk nicht an Mick!', sprach ich mir selbst zu. Und als ich die Augen wieder öffnete, wusste ich, was ich tun musste. Ich griff zu meinem Telefon und rief Logan an.

„Ja! Josef Kostans unterbezahlter Leibeigener hier, wer da?" dröhnte er mir frech entgegen.

„Beschränk die Suche für eine Weile nur auf Frank Peterson!", sagte ich im strengen Ton. „Wer von deinen Freunden kümmert sich um die Überwachungskameras der Banken von Nevada und Kalifornien?"

Logan grübelte einen Moment und ich verdrehte für ihn leider unsichtbar die Augen.

„Logan!" fuhr ich ihn ungeduldig an, als immer noch nichts kam.

„Ja, Mann…lass mich doch mal denken… Das waren, glaube ich, Fred und Jeremy."

„Sag ihnen sie sollen mich sofort anrufen, wenn Peterson irgendwo Geld abhebt – so schnell kann er noch nicht so weit weg sein. Er wird überall gesucht…Und er braucht Geld, um zu verschwinden…", ich überlegte einen Moment, „… und am Besten wäre es, wenn sie auch auf die Archive der letzten zwei Tage zurückgreifen…"

„Auf die Archive….? Weißt du wie viele Banken das sind?" gab Logan zurück und klang jetzt schon ganz erschöpft. „Die können nicht…"

Ich ließ ihn nicht ausreden. „Dann hilfst du ihnen halt! Und du hast doch bestimmt noch mehr von diesen freakigen Freunden! Ruf' die an, sonst mache ich dich dafür verantwortlich, wenn der Bastard mir entwischt!" Damit knallte ich das Telefon zurück auf die Station und ließ mich kopfschüttelnd auf meinen Ledersessel nieder. Natürlich war mir bewusst, dass dieser Arzt innerhalb von zwei Tagen längst außer Landes sein konnte, aber ich wollte es wenigstens versuchen. Menschen taten die eigenartigsten Dinge, wenn sie in Panik waren… Wie zum Beispiel Leichen klauen…

Ein eigenartiges Gefühl breitete sich in meinem Inneren bei diesem Gedanken aus und mein Blick fiel erneut auf meinen furchtbar in Unordnung geratenen Tisch, wanderte zu den Akten der Versuchspersonen. „Das ist doch idiotisch", knurrte ich mir selbst zu, als ich mich vorbeugte und die oberste Akte ergriff, Micks Akte. Ich schlug die letzte Seite auf und überflog noch einmal die Zeilen, die mir im Labor diesen entsetzlichen Stich versetzt hatten:

‚Tod eingetreten nach Medikamentenüberdosis - Organversagen – 24. 02. 09 – 23.43 Uhr – Leichnam zur Verbrennung freigegeben'

Mein Magen machte eine kleine Drehung als ich die Unterschrift entzifferte. Peterson – eindeutig. Warum war mir das vorher nicht aufgefallen? Und das Datum und die Uhrzeit bestätigten, dass der Körper auf der Liege tatsächlich der meines Freundes sein musste… Er hatte Mick mitgenommen…

„Das bedeutet gar nichts, Josef", sagte ich streng zu mir selbst und schüttelte den Kopf. Mick war tot – wenn, dann hatte er nur seinen Leichnam mitgenommen… Oder?

Ich stieß ein wütendes Knurren aus, sprang wieder auf und lief in meinem Büro auf und ab. Irgendwie musste ich meine Erregung durch Bewegung loswerden. Warum nur flammte dieses kleine Fünkchen Hoffnung in mir immer wieder auf? Das war doch verrückt! Ich war eindeutig viel zu alt, um an Märchen oder Wunder zu glauben – wenn ich ehrlich war, hatte ich das noch nicht mal als Kind. Ich war immer schon ein sehr logisch denkender, rationaler Mensch gewesen, in dessen Leben es nur sehr wenig Platz für Romantik, Aberglauben und tiefe Gefühle gab. Die Begegnung mit Sara hatte mich verändert, schön, aber im Grunde genommen hatte mir das Leben gerade in Bezug auf diese wundervolle Frau gezeigt, dass es keine Wunder gab. Wieso fiel es mir so schwer, diese Einsicht auch bei Mick zu zeigen? Stattdessen ergriff ich jeden Strohhalm, der mir unter die Finger kam, war er auch noch so kurz und zerbrechlich.

Ich vernahm ein dumpfes Geräusch aus dem oberen Stockwerk und dann hörte ich Beth meinen Namen rufen und die Treppe herunterpoltern. Irgendwas war nicht in Ordnung, das spürte ich sofort und wollte schon zur Tür gehen, als mein Telefon losschrillte. Mir kam ein leiser Fluch über die Lippen und ich riss das Telefon aus der Station. „Was, Logan?!" schnauzte ich ungeduldig hinein.

„Ich hab' grad' Fred in der Leitung. Der überwacht die Kameras der Banken in L.A. und er hat für uns noch einmal ein paar ältere Aufnahmen gecheckt ", beeilte sich Logan zu sagen. „Peterson hat vor zwei Stunden erfolglos versucht Geld abzuheben – in der Lions Bank in der Nähe der medizinischen Fakultät in L.A.! Wenig später hat er in einer Apotheke ganz in der Nähe mit seiner Kreditkarte bezahlt!"

Beth riss atemlos die Tür zu meinem Büro auf. „Josef, Diana hat mich…"

Ich stoppte sie mit einer Einhalt gebietenden Handbewegung und atmete tief durch, um die aufkeimende Unruhe in mir selbst zu ersticken. „Okay, Logan", brachte ich einigermaßen beherrscht hervor. „Du rufst jetzt die anderen an und holst den Van – du weißt schon welchen! Und dann treffen wir uns alle in einer halben Stunde an der Universität!"

„Halbe Stunde? Das schaff ich n…"

„Halbe Stunde – oder du lernst mich auf eine Weise kennen, die dir gar nicht gefallen wird!" Ich drückte ihn weg, schmiss das Telefon auf den Tisch und ging auf Beth zu, die mich etwas erschrocken ansah. „Ich weiß wo Peterson ist!"

Beth nickte. „Ich auch! Er ist zur Uni zurückgekehrt!"

Ich zog meine Brauen irritiert zusammen.

„Diana hat mich gerade angerufen", erklärte Beth, bevor ich fragen konnte. „Du weißt, die Studentin. Sie meinte, sie hätte Peterson in der Nähe des stillgelegten Flügels der medizinischen Fakultät gesehen. Aber er ist so schnell verschwunden, dass sie dem nicht wirklich nachgehen konnte."

„Stillgelegter Flügel?" hakte ich hellhörig nach. „Gibt es da Labore oder Untersuchungsräume?"

Beth runzelte die Stirn. „Ich denke schon, weil die Universitätsklinik auf dem gleichen Gelände ist. Der Südflügel ist wegen Bauarbeiten geschlossen, aber er gehört auch zum medizinischen Bereich… Wieso fragst du?"

„Das kann ich dir jetzt nicht erklären", brachte ich ungeduldig hervor, ergriff meine Lederjacke, die an einem Kleiderständer in der Ecke hing, und schob mich an ihr vorbei aus der Tür. Natürlich eilte sie mir nach.

„Wir fahren zur Uni?" fragte sie und ich stoppte mitten in der Bewegung. Ich holte tief Luft, zog dann aber nur meine Brauen fragend zusammen. „Es macht keinen Sinn, dir zu sagen, dass das zu gefährlich ist und du besser hier bleiben solltest, oder?"

„Nein", sagte sie gerade heraus und lächelte. Irgendwie sah sie so bezaubernd aus, wie sie da stand mit ihren zerzausten Haaren und den vom vielen Weinen geröteten Augen, in denen plötzlich wieder so viel Leben war, dass ich gar nicht anders konnte, als ihr Lächeln zu erwidern.

„Na, dann los!" meinte ich nur, öffnete die Tür und ließ sie zuerst hinausgehen.


Auf der Fahrt zur Universität erzählte ich Beth alles, was ich bisher in Erfahrung hatte bringen können, und ihre Augen wurden dabei größer und größer.

„Aber warum ist er noch hier?" fragte sie gerade, als wir nur ein Stück von dem Hauptgebäude entfernt unter einem großen Baum hielten. „Warum hat er nicht seine Sachen gepackt und ist nach Mexiko ausgewandert oder so?"

„Weil er einer von diesen Verrückten ist, die erst mit ihrer Arbeit aufhören können, wenn sie gefunden haben, was sie suchen", erklärte ich, öffnete die Tür und stieg aus.

Beth folgte mir sofort. „Aber er wird von allen möglichen Leuten gesucht und die wenigsten davon wollen ihn am Leben lassen."

„Ja, wen wundert's", presste ich leise zwischen den Zähnen hervor und ließ meinen Blick über das Gelände schweifen. Im Hauptgebäude brannten nur sehr wenige Lichter – im Gegensatz zur Klinik, deren Gebäude sich auf der gegenüberliegenden Seite des Weges in den dunklen, stark bewölkten Nachthimmel reckte. Ihr Haupteingang war hell erleuchtet und auch in einigen Zimmern regte sich noch Leben. Der Rest des Geländes lag in tiefer Dunkelheit, kein Wunder angesichts der späten Stunde, zu der wir unterwegs waren. Dennoch konnte ich relativ schnell den Teil der Medizinischen Fakultät ausmachen, der momentan stillgelegt war, denn an einer der Wände hatte man ein Baugerüst angebracht.

„Meinst du, er hat wirklich eine Leiche mitgenommen?" fragte Beth nun und ich spürte genau, was sie eigentlich fragen wollte. Doch darauf konnte und wollte ich ihr keine Antwort geben. Ein leises Brummen, nicht weit von uns entfernt, kündigte die Ankunft des Vans an. Logan war so klug gewesen, die Scheinwerfer auszuschalten, und da der Van schwarz lackiert war, konnte man ihn in der Dunkelheit tatsächlich nur sehr schwer ausmachen, zumindest, wenn man kein Vampir war. Logan hielt direkt vor uns und ich schob die staunende Beth hinüber zur Hintertür des Wagens, um dort zusammen mit ihr einzusteigen. Neben allerlei technischen Geräten befanden sich noch meine vier Leidensgenossen von unserer letzten gemeinsamen Aktion im hinteren Teil des Vans. Sie sahen ein wenig übermüdet und gestresst aus, nickten uns aber relativ freundlich zu, als wir uns zu ihnen setzten.

„Und? Gibt es jetzt endlich mal etwas Handfestes für uns zu tun?" fragte Max mit einem halben Lächeln. Ich reagierte nur mit einer Erwiderung des Lächelns und klopfte dann ungeduldig an die Scheibe, die den hinteren Bereich von der Fahrerseite trennte. Logan ließ die Scheibe sofort herunter und sah mich fragend an.

„Fahr auf die Rückseite des Gebäudes!" wies ich ihn an. „Ich will nicht, dass man uns so leicht sehen kann!"

Logan nickte nur und fuhr so ruckartig an, dass wir alle ein wenig zur Seite rutschten.

„Vollidiot!" knurrte Phillip, der sich auch noch den Kopf gestoßen hatte, und schlug mit der Faust gegen die Wand. Logan zog schuldbewusst die Schultern ein und murmelte ein leises „'tschuldigung…"

Ich biss die Zähne zusammen, um nicht ebenfalls in lautes Fluchen auszubrechen, und schüttelte den Kopf.

„Gut", sagte ich tief durchatmend und griff in die Innenseite meiner Jackentasche, um Petersons Steckbrief heraus zu holen und den anderen zu zeigen. „Wir suchen diesen Mann! Er muss irgendwo in dem stillgelegten Gebäudeteil sein – wahrscheinlich eher in den unteren Bereichen wie Erdgeschoss oder Keller. Dort soll es Labore geben…"

„Mann, nicht schon wieder!" stöhnte Mark genervt. „Das…"

Ein verärgertes Zusammenziehen meiner Brauen genügte, um ihn ganz schnell wieder verstummen zu lassen. Der Van begann nun, so stark zu ruckeln, dass wir uns alle festhalten mussten. Logan hatte sich wohl entschlossen, den Weg ein wenig abzukürzen, und fuhr quer über den Rasen.

„Logan!" brachte ich mit einem wütenden Knurren hervor.

„Wir sind sofort da!" meinte er, fuhr eine scharfe Kurve, die uns noch einmal fast aufeinander fallen ließ, und bremste dann ruckartig. Ich wollte schon aufspringen und Logan an die Gurgel gehen, aber eine Hand hatte sich sanft auf meinen Arm gelegt und hielt mich fest. Ich sah Beth verärgert an, doch sie schüttelte nur den Kopf und irgendwie kam ich dadurch tatsächlich ein wenig zur Besinnung. Ich wandte mich wieder an unsere Begleiter.

„Ich will den Mann lebend", fuhr ich überdeutlich fort und sah alle vier der Reihe nach an. „Er gehört mir! Und ich komme mit rein!"

Ich spürte, dass Beth mich besorgt ansah, aber ich schenkte ihr keine Beachtung. Stattdessen schob ich mich an ihr vorbei und öffnete die Tür, um alle aussteigen zu lassen. Logan kam nach hinten und ich verließ fluchtartig den Wagen. So brauchbar er war, ich konnte diesen Kerl einfach nicht in meiner Nähe ertragen. Er begann seine Geräte in die richtige Position zu bringen, während ich mich an Phillip wandte.

„Habt ihr auf dem Weg herausfinden können, wo der Überwachungsraum dieser Fakultät liegt?"

Phillip nickte und legte sein Headset an. „Ich kümmere mich um das Personal", sagte er mit einem kleinen Grinsen. Ich nickte zufrieden und er verschwand mit der für Vampire so typischen, katzenhaften Schnelligkeit im Dunkel der Nacht.

„Was heißt, er kümmert sich um das Personal?" fragte Beth neben mir mit großer Skepsis in der Stimme.

„Keine Sorge, er bringt sie nicht um", erklärte ich beschwichtigend, während ich mir eine der kugelsicheren Westen anzog, die die anderen mitgebracht hatten. Es war zwar nicht so, dass wir durch Schusswunden sterben konnten, aber weh taten sie allemal und sie sorgten für einen relativ hohen Blutverlust – etwas, was wir in einem Kampf nicht wirklich gebrauchen konnten. „Wir wollen bloß keine Zuschauer bei dieser Aktion."

Beth nickt nur und betrachtete mich nachdenklich von oben bis unten.

„Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass du mich nicht mit rein nehmen wirst", sagte sie gerade heraus.

„Das liegt wohl daran, dass das tatsächlich so ist", gab ich ehrlich zurück und schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln. „Hör zu, du kannst uns besser helfen, wenn du Logan unterstützt und mit Ausschau nach möglichen Gefahrenquellen oder sonstigen Unannehmlichkeiten hältst." Ich wies auf den Genannten, der gerade ein paar Monitore in Gang brachte und die Antenne, die auf dem Dach des Autos angebracht war, auf das Gebäude ausrichtete.

„Rechnest du denn mit jemandem?" fragte Beth misstrauisch.

„Peterson hat einen Fehler gemacht, indem er versucht hat, an Geld zu kommen", erklärte ich angespannt, „ einen Fehler, den bestimmt auch die Spitzel der Legion bemerkt haben. Dass sie noch nicht hier sind, heißt nicht, dass sie nicht kommen werden."

Logan gab ein Juchzen von sich und wir wandten uns beide zu ihm um.

„Ich bin im Überwachungssystem der Uni drin", erklärte er freudestrahlend. „Jetzt kann uns niemand entgehen. Wartet mal…" Er gab ein paar Befehle in seinen Laptop ein und auf den kleinen Monitoren des Vans erschienen verschiedene Bilder vom Inneren des Gebäudes. „Voilá!" grinste er. „Der Südflügel ist zwar stillgelegt, aber die Kameras sind noch aktiv…." Er hielt plötzlich inne und starrte angespannt auf einen der Monitore. „Oh, oh!"

„Was heißt ‚Oh, oh'?!", fragte ich schneidend und war sofort an seiner Seite. In einem der Flure bewegten sich dunkle Gestalten, ausgerüstet wie wir, mit schweren Waffen und kugelsicheren Westen – aber sie waren maskiert, wie alle, die für die Legion arbeiteten.

„Wo kommen die auf einmal her?" Logan veränderte das Bild auf einem anderen Monitor und nun konnte man die Vorderseite des Gebäudes erkennen. Doch dort war nichts zu entdecken. Sie mussten ihren Wagen irgendwo außerhalb der Reichweite der Kameras versteckt haben und zwar so gut, dass auch wir ihn nicht hatten sehen können.

„Verfl…" Ich sparte mir den Rest meines Fluches, schnappte mir stattdessen eines der Headsets und schaltete es schnell an. „Phillip…?"

„Josef! Wir sind nicht allein!", ertönte sofort seine gehetzte Stimme. „Die Wachmänner waren schon ausgeschaltet… Bin auf dem Weg zu euch…"

„Lauf zum Gebäude, wir stoßen gleich zu dir!", gab ich zurück und wandte mich schnell zu Beth um.

„Du bleibst hier!" sagte ich fest und sah sie eindringlich an. „Du weichst Logan nicht von der Seite, bis wir da wieder raus sind – ganz gleich was passiert!" Zu meiner Beruhigung nickte sie sofort einsichtig und ich rannte los, gefolgt von den anderen schwer bewaffneten Vampiren. Heute würde es blutig werden – heute kam der Tag der Rache…

Die sechs Männer in schwarz waren schnell. Sie stießen die Türen zu den vielen Räumen des Gebäudes Stück für Stück auf und durchkämmten so in rasantem Tempo das Erdgeschoss. Das Gebäude war zwar groß und besaß mehrere Flure, aber die Männer der Legion mussten schon eine Weile im Gebäude sein, denn jetzt verließen sie das Erdgeschoss und stürmten das Treppenhaus. Nur wenige Minuten später erschienen sie in einem der überwachten Flurabschnitte des Kellers und arbeiteten sich dort schnell vorwärts. Beths Herz pochte hart in ihrer Brust. Sie machte sich Sorgen um Josef und die anderen, obwohl sie wusste, dass sie als Vampire weitaus weniger gefährdet waren als die Menschen, die sich in dem Gebäude bewegten. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben waren ihr die Menschen in dieser Situation egal. Sie hatten Mick auf dem Gewissen… sie verdienten kein Mitleid… Und in ihrem Inneren war auch kein Platz dafür. Da war so ein komisches Gefühl, so eine unheimliche Vorahnung, die ihr sagte, dass irgendetwas Wichtiges passieren würde, etwas, das alles änderte und das rasches Handeln notwendig machte.

„Und?" fragte sie Logan nun schon zum dritten Mal, während sie voller Anspannung auf einem ihrer eh schon viel zu kurzen Fingernägel herum biss, „kannst du ihn irgendwo sehen?"

Logan verdrehte genervt die Augen. „Guck doch selber hin! Außerdem sagte ich doch schon, dass nicht in jedem Raum eine Kamera ist. Peterson kann überall sein. Vielleicht pennt er auch irgendwo… Aber da sind unsere Jungs!"

Unsere Jungs? Beth verkniff sich ein Grinsen bei dem Gedanken daran, wie Josef wohl darauf reagieren würde, von Logan so genannt zu werden, und konzentrierte sich mehr auf das, was sich auf den Monitoren abspielte. Erstaunlich, was man mit Geld und Technik so alles anstellen konnte… Sie hatte einen wunderbaren Überblick über alle Flure und den Eingangsbereich und konnte so mit verfolgen, was zumindest dort vor sich ging. Die ‚Jungs' waren gerade durch den Eingang gekommen und eilten nun den langen Flur hinunter.

„Wo sind sie?", konnte sie Josefs Stimme durch ihre Kopfhörer vernehmen, die sie sich mit großer Mühe bei Logan erkämpft hatte.

„Ein Stockwerk tiefer. Die Treppe ist nicht weit von euch entfernt", erklärte Logan ruhig. „Einfach eine Weile geradeaus dann rechts und wieder links. Aber seid vorsichtig, die sind ziemlich schwer bewaffnet!"

Josef antwortete nicht und Beth konnte fasziniert beobachten, wie die fünf Vampire sich mit unglaublicher Schnelligkeit an den Kameras vorbei bewegten.

„Scheiße!" fluchte Logan plötzlich neben ihr. „Da kommt noch mehr Besuch!" Und tatsächlich sah auch Beth nun zwei dunkle Kleinbusse vor dem Eingang halten und gut ein Dutzend schwarz gekleideter Männer mit Skimasken und schweren Waffen sprang heraus. Eine Hälfte davon stürmte durch den Eingang in das Gebäude, die andere verschwand irgendwo auf der Seite. Beth schlug entsetzt die Hände vor den Mund.

„Beeilt euch!" rief Logan aufgebracht, während Josef und die anderen Vampire sich dem Ende des Flures und damit dem Treppenhaus näherten. „Die sehen nicht sehr friedlich aus!"

Kaltes Entsetzen packte Beth, als ihr Blick auf einen der anderen Monitore fiel: Eine Tür im Flur des Kellers öffnete sich und Peterson trat heraus, gerade in dem Moment, als die erste Gruppe der Männer in schwarz diesen Flurabschnitt erreichten. Er versuchte, sich herum zu werfen und zu fliehen, aber die Männer waren zu schnell, packten ihn und hielten ihn fest.

„Scheiße!" hörte sie Logan ins Mikrophon rufen. „Die haben ihn! Die haben Peterson! Unten im Keller! Hinterer Bereich!"

Einer der Männer warf einen Blick in den Raum und war plötzlich ganz aufgeregt. Er gestikulierte wild, bis schließlich ein anderer irgendeine Art Waffe aus seinen Sachen zog und dann zusammen mit dem zweiten Mann im Raum verschwand. Das unterschwellige Gefühl in Beths Bauch wurde stärker, drängender und ihr Puls begann zu rasen. Ihr Blick klebte an dem Monitor und wie aus weiter Ferne bekam sie mit, wie Logan ‚seine Jungs' anspornte, sich zu beeilen. Oh, bitte, sie mussten doch einfach jeden Moment auf der Bildfläche erscheinen….

Beth hielt unbewusst den Atem an, als die Männer wieder aus dem Raum kamen. Sie waren nicht mehr allein, sie schleppten etwas mit sich… jemanden… Sein Gesicht war nicht zu erkennen, denn sein Kopf hing schlaff herunter und seine nackten Füße setzten nicht wirklich auf den Boden auf, sondern schleiften mehr oder minder darüber hinweg. Aber es war kein Toter. Er lebte, denn er versuchte wenigsten ab und zu seine Füße zu bewegen… und das Gefühl in Beth wurde zu einem drängenden Brennen. Sie atmete schwer und stockend, während sie beobachtete, wie Peterson sich gegen seine Angreifer wehrte, die ihn in eine andere Richtung zogen als die kraftlose Gestalt, die sie aus dem Raum geholt hatten. Alles in Beth verkrampfte sich immer stärker, während sich ein wahnwitziger Gedanke in ihrem Inneren ausbreitete, den sie nicht haben durfte… Aber sie musste… musste etwas tun… musste es wissen…

„Oh, Scheiße", entfuhr es Logan und als ob er damit ein leises Startsignal gegeben hätte, brach plötzlich das Chaos aus.

Nicht nur die drei Männer, die Peterson wegschleppten, bogen um die Ecke und prallten mit der Gruppe um Josef zusammen, sondern plötzlich tauchten sechs der anderen Männer in Schwarz aus dem Nichts im Flur des Kellers auf und trafen auf die beiden, die den Unbekannten als Last mit sich trugen. In Sekundenbruchteilen wurde auf beiden Seiten das Feuer eröffnet und die Hölle brach los. Körper fielen zu Boden, Männer sprangen zur Seite und Blut spritzte… und Beth hielt nichts mehr im Wagen. Ihr Verstand hatte sich völlig verabschiedet. Sie warf ihre Kopfhörer beiseite, sprang ins Freie und rannte los. Sie konnte Logan schreien hören und vernahm schon vom Weiten das gedämpfte Maschinengewehrfeuer aus dem Gebäude vor sich und dennoch flogen ihre Füße nur so über den Grund. In ihr war kein Platz für Angst um sich selbst. Sie gehorchte nur diesem unglaublichen Instinkt, diesem quälenden Gefühl im Bauch, das ihr auf so unvernünftige Weise versuchte einzureden, dass er es sein konnte… dass er nicht tot war… Sie musste… musste einfach dort hin… musste ihn sehen, mit ihren eigenen Augen…

Sie lief nicht zum Haupteingang sondern zu der Seite des Gebäudes, von der aus die sechs anderen Angreifer in das Gebäude gekommen sein mussten. Und tatsächlich fand sie dort einen kleinen Notausgang, dessen Tür mit einem Sprengsatz gewaltsam geöffnet worden war. Ihr Herz hämmerte bis in ihre Stirn und ihre Kehle war ganz trocken, als sie zunächst nur sehr vorsichtig eintrat. Doch rasch wurden ihre Schritte wieder schneller, wurde der Wunsch nach Erkenntnis so stark, dass er jede Angst in ihr zurück drängte. Sie konnte Schmerzesschreie hören und laute Zurufe und immer wieder das laute Knallen von Schüssen, aber es schien so, als würden sie sich von ihr fortbewegen. An einer Ecke blieb sie stehen und lugte vorsichtig in den Flur vor ihr.

Der Anblick, der sich ihr bot, war schrecklich. Über all waren Blutspritzer an den Wänden. Zwei der dunkel gekleideten Männer lagen trotz ihrer kugelsicheren Westen niedergestreckt in riesigen Blutlachen und rührten sich nicht mehr. Man hatte ihnen in die Köpfe geschossen. Beth zitterten die Beine, als sie nun doch etwas langsamer auf die Männer zuging. Sie konnte wirklich nicht sagen, wer zu wem gehörte, denn irgendwie schien es so, als würde hier jeder gegen jeden kämpfen. Aber das war ihr auch egal. Ihr Blick hatte etwas anderes am Ende des Flures erfasst - zwei Gestalten, von der die dunkel gekleidete mit der Hälfte ihres Körpers auf der anderen lag, sie halbwegs unter sich vergrub.

Beths Herz setzte einen Schlag aus, um dann nur umso schneller gegen ihre Rippen zu pochen. Sie eilte los, obwohl die Schüsse und Schreie der anderen noch viel zu nah waren. Andere Geräusche nicht menschlicher Natur mixten sich nun darunter, Geräusche, die ihr vertraut waren. Das Schreien der Menschen wurde schriller und ängstlicher, aber es berührte sie nicht. Ihr Herz hämmerte so schmerzhaft in der Brust, dass sie es kaum ertragen konnte, und ihre Beine waren so weich, dass sie immer wieder ins Stolpern geriet. Nur einen Meter vor den beiden reglosen Gestalten rutschte sie plötzlich in einer weiteren Blutlache aus und ging zu Boden. Zitternd stützte sie sich auf ihre Hände und richtete sich etwas auf. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass sich um die Ecke herum, ganz in ihrer Nähe, Menschen bewegten und kämpften, aber es war ihr egal. Sie war so aufgelöst, so verzweifelt, dass sie nicht mehr klar denken konnte, und so rappelte sie sich wieder halbwegs auf, rutschte auf ihren Knien zu den Gestalten hinüber und packte den Arm des Mannes in Schwarz, der sie aus toten Augen blicklos anstarrte, der Rest seines Gesichtes immer noch verborgen unter der Skimaske. Sie zog verzweifelt und mit aller Kraft, die sie noch besaß, an ihm, konnte ihn aber nicht wirklich von dem anderen Mann, der mit dem Gesicht nach unten am Boden lag, herunterziehen. Er war viel zu groß und zu schwer. Sie ließ ihn erschöpft wieder los, drehte sich und stemmte stattdessen die Füße gegen seinen Oberkörper und endlich bewegte er sich, rutschte hinunter von der anderen Person.

Beth hielt am ganzen Körper zitternd inne. Ihr Blick glitt unsicher über die Gestalt des Mannes. Sie wusste, dass das verrückt war, dass das nicht sein konnte… er sah so anders aus, so viel schmaler und sein Haar war vor nicht allzu langer Zeit komplett geschoren worden. Jetzt war es nur einige Millimeter lang. So anders… so anders… und doch war die Hoffnung plötzlich wieder da, war so groß wie noch nie, denn da war so etwas Vertrautes an ihm...

Ihre bebenden Finger griffen nach der Schulter des Mannes, zogen mit aller Kraft. Sie glitt mit einer Hand unter ihn, sodass sie ihn halb umarmte, und endlich, endlich gelang es ihr, ihn zu drehen, seinen Oberkörper zu sich in ihren Schoß zu ziehen. Dass ihre Finger dabei in etwas Warmes, Feuchtes griffen, bemerkte sie kaum, zu sehr war sie darauf aus, endlich in sein Gesicht zu sehen, das immer noch von ihr abgewandt war.

„Bitte… bitte", flüsterte sie, während ihre zitternde Hand zu seinem Hals wanderte, sich vorsichtig an seine warme Wange legte, um seinen Kopf zu sich zu drehen. Ihr Herzschlag setzte einen Moment aus, als sie in sein etwas eingefallenes, aber so unglaublich vertrautes Gesicht blickte, das Gesicht, das sie in ihren traurigen Erinnerungen immer heimgesucht, nach dem sie sich so schmerzhaft gesehnt hatte - und all die angestauten Gefühle, all die Angst, Trauer und Verzweiflung der letzten Tage brachen mit einem Mal mit solcher Wucht über ihr zusammen, dass ein tiefer, ihren ganzen Körper erschütternder Schluchzer aus ihrer Kehle drang und sie unmittelbar zu weinen anfing.

„Mick…", stieß sie hervor und ihre Stimme war kaum mehr als ein krächzendes Flüstern. Er lebte… Gott, er lebte! „Mick…" Ihre Hand strich ungläubig über seine Wange, während sie die ständig nachkommenden Tränen wegblinzeln musste, um ihn überhaupt richtig erkennen zu können. Sie drückte seinen kraftlosen Körper unbewusst fester an sich, schloss ihn in die Arme, so als wolle sie ihn nie mehr loslassen.

„Wir sind da, wir sind da", stieß sie leise aus und streichelte sein Gesicht zärtlich und vorsichtig, als hätte sie Angst, er könne sonst zerbrechen. Seine Lider zuckten und sie lachte und weinte zur selben Zeit, als er seine Augen öffnete, bemüht darum, zu erkennen, wen er da vor sich hatte.

„Oh, Gott, Mick", brachte sie erstickt hervor. „Hörst du mich?" Er reagierte nicht. Seine Augen waren glasig und konnten den Blick nicht wirklich halten. Und er atmete so schwer und unregelmäßig.

„Wir… wir haben dich gefunden", redete sie trotzdem weiter auf ihn ein, versuchte ruhig und sanft zu klingen, aber es gelang ihr nicht wirklich, weil sie es selbst kaum verkraftete, dass sie ihn plötzlich in den Armen hielt – Mick, ihren Mick. „Wir holen dich hier raus!"

Seine Haut war so heiß unter ihren Fingern, so ungewöhnlich heiß… unter ihren mit Blut verschmierten… blutverschmierten…

Er hustete kraftlos und verzog dann schmerzerfüllt das Gesicht und das röchelnde Geräusch aus seiner Kehle ging ihr durch Mark und Bein. Jetzt erst wanderte Beths Blick über den Rest seines Körpers, nahm wahr, was sie anfangs nicht hatte sehen wollen. Seine Kleidung war von Blut durchtränkt und sie konnte mehrere Einschussstellen in Brust und Bauch erkennen. Der Anblick schnürte ihr die Kehle zu, schreckliche Erinnerungen an eine ganz ähnliche Situation wallten in ihr auf und Panik erfasste sie. Sie presste erst eine und dann beide Hände auf zwei der haltlos weiter blutenden Wunden.

„Oh, Gott", stieß sie mit einer Mischung aus Unglauben und Verzweiflung aus. Das durfte nicht schon wieder passieren – konnte nicht passieren! Er war ein Vampir! Er durfte nicht so bluten…

„Gott, wieso hört das nicht auf?" entfuhr es ihr panisch. „Das muss doch längst heilen…" Und im selben Moment konnte sie die Antwort schon spüren, fühlte sie es unter ihren zitternden Fingern, in seinem warmen Körper, seinen rasselnden, kurzen Atemzügen und dem schnellen Schlag des Herzens in seiner Brust, das immer mehr Blut aus seinen Adern pumpte, ihm die Kraft raubte, die er so dringend brauchte. Ein Schrei der Verzweiflung formte sich in Beths Inneren und schließlich ließ sie ihn heraus, so laut, so drängend, wie es nur ging, schrie voller Angst nach der einzigen Person, die ihr jetzt helfen konnte. „JOSEF!!"