Kapitel 9
Während sie Fredericks Tun am Boden beobachtete, biss Hermine die Zähne fest aufeinander. Sie tat es vornehmlich, um nicht noch einmal wie ein Mädchen zu schreien, doch es half auch unglaublich, die Schmerzen zu ertragen, die ihre derzeitige Position mit sich brachte.
Die Kraft, die sie an der Decke hielt, presste ihr die Luft aus den Lungen und machte es ihr beinahe unmöglich, vernünftig zu atmen. Die kleinen Vorsprünge in der Decke bohrten sich dabei tief in ihre Kleidung und die Haut, einige drückten direkt auf ihre Wirbelsäule und ließen ihre Beine taub werden. Was genau das bedeutete, darüber wollte sie nicht so genau nachdenken.
Stattdessen hatte sie sich damit beschäftigt, die Regelkreisläufe dieser Magie zu entschlüsseln. Ganz sicher war sie sich noch immer nicht, aber die Tatsache, dass sie nicht einmal ihre Finger richtig bewegen konnte, sprach dafür, dass es einen Ausweg gab. Denn wenn sie sich hätte bewegen können, wäre die Magie von flexibler Natur gewesen. So allerdings schien sie steif zu sein und Hermine könnte sie durchbrechen. Wenn sie sich nur genug anstrengte. Immer wieder versuchte sie, ihre Hand von der Decke zu lösen. Immer wieder scheiterte sie. Doch mit jedem Mal fühlte es sich so an, als bräuchte es nur ein kleines bisschen mehr Kraft, damit sie doch erfolgreich war. Und irgend woher brachte sie dieses kleine Bisschen stets auf.
Frederick beachtete sie dabei gar nicht. Er hatte sich einem riesigen Findling zugewandt, der in einer Sackgasse des Tunnelsystems dicht vor der Wand lag. Sie konnte hören, dass er leise Beschwörungen murmelte und hin und wieder huschten auch einige Funken durch die Luft. Hermine wusste wirklich nicht, was genau er vorhatte.
Dafür hatte sie ihr eigenes Ziel sehr viel genauer vor Augen. Und als sie es schaffte, ihren kleinen Finger zu beugen, entkam ihr ein leises Seufzen, gefolgt von der Erkenntnis, dass ihr Vorhaben schmerzlich enden würde. Wenn sie sich dieser Kraft entzog, würde sie gute zehn Meter in die Tiefe stürzen.
Im nächsten Moment wurde sie unsanft aus ihren Gedanken gerissen, indem die Kraft dafür sorgte, dass sie wie ein Puck beim Eishockey quer über die Decke glitt. Die Steinfortsätze rissen ihre Jacke und das Shirt auf, ebenso ihre Haut. Etwas Warmes, Feuchtes breitete sich auf ihrem Rücken aus und der neuerliche Schmerz ließ sie unwillkürlich schreien.
„Na, na, Sie werden doch nicht gehen wollen, ohne sich zu verabschieden, oder?", fragte Frederick, grinste verschlagen und erhöhte die Kraft, die sie an der Decke hielt.
„Natürlich nicht", zischte Hermine und zog die Nase hoch. Es war wirklich eine sehr ungünstige Situation, in die sie sich hier gebracht hatte.
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Severus erstarrte, als ein weiterer Schrei durch die Gänge hallte. Er drehte sich einmal um sich selbst, lauschte dem Echo und versuchte herauszufinden, in welcher Richtung die Quelle lag. Nach einigen Momenten war es wieder vollkommen still und er verzog das Gesicht.
„Schrei noch einmal, Granger", murmelte er und entschied sich an einer Abzweigung für den rechten Gang. „Komm schon, ich weiß, dass du es willst!" Alles, was er danach noch murmelte, wurde von einem leisen Grollen übertönt.
Sofort duckte er sich hinter einen Felsvorsprung und blickte in den Gang zurück. Ohne es laut aussprechen zu müssen, erlosch das Licht an der Spitze seines Zauberstabes. Dennoch wurde die Umgebung in ein zartes Glimmen getaucht, das ihm vorher noch nicht aufgefallen war.
Jedenfalls warf es Schatten und diese Schatten waren wenig erheiternd. Er hatte schon immer seine Gründe gehabt, Löwen zu verabscheuen. Falls er dieses Gangsystem jemals wieder lebend verlassen sollte, würde er eine Abhandlung darüber schreiben, die er sich über das Bett heftete und jeden Abend las. Möglicherweise würden sich Situationen wie diese dann vermeiden lassen.
„Nun, ich denke, es ist Zeit für die Revanche", knurrte er, während er seinen Zauberstab fester griff und die Deckung des Felsvorsprungs verließ.
Der Löwe bleckte die Zähne und grollte tief.
Severus tat es ihm gleich.
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„Was wollen Sie von mir?" Hermines schnaufender Atem klang laut in der kleinen Höhle.
Frederick zuckte mit den Schultern und sah nicht einmal zu ihr auf. „Von Ihnen will ich gar nichts. Sie sind nur zufällig da und… nützlich." Sein Lachen klang etwas grunzend.
„Inwiefern nützlich?" Zeit schinden – den Charakter erforschen – Schwachpunkte finden. Diese Dinge drehten sich in ihrem Kopf und sie war überzeugt, dass es mit dem Sauerstoffmangel zu tun hatte. Als ob ein Elefant auf ihrem Brustkorb sitzen würde.
„Glauben Sie wirklich, ich sei einer der Bösewichte, der seinen Plan detailliert auseinander nimmt, bis die Rettung kommt und mir eine lange Nase macht? Ich hatte mehr von Ihnen erwartet." Er sprach ein paar weitere Worte, die sie nicht verstand, doch offensichtlich hatten diese sich an den Findling gewandt. Der Stein begann zu vibrieren, was sich über den Boden und die Wände bis zur Decke hinauf übertrug.
Hermine war sich nicht sicher, ob sie es als angenehm oder unangenehm empfand. Auf jeden Fall erleichterte es ihr das Atmen ein wenig. Und es ließ die kleinen Steine auf dem Boden tanzen, was hoffentlich genug Lärm machte, um Snape in ihre Richtung zu lotsen.
Apropos lotsen… Hermine runzelte ihre Stirn, dann holte sie so tief es ihr möglich war Luft und schrie.
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Der Schrei ließ Severus zusammenzucken, was es dem Löwen beinahe erlaubte, die Oberhand zu gewinnen. „Ausgezeichnetes Timing, Miss Granger", murmelte er und schloss einen Fluch an, der dem Löwen ein Jaulen entlockte, ihn allerdings nur bedingt zu kümmern schien.
Severus sah sich immer weiter in den Gang gedrängt und konnte nur hoffen, dass er sich nicht für die einzige Sackgasse in der Umgebung entschieden hatte. Ein Protego hielt das Tier nur leidlich auf (so für zwei Sekunden), eher schafften es Lichtblitze, ihn zu blenden. Letztendlich war es ein kleiner Moment, der Severus auf eine Idee brachte. Als er den Gang mit einigen weiteren Blitzen erhellte, folgte der Löwe dem Licht aufmerksam und achtete für ein paar Sekunden gar nicht auf das, was Severus tat.
„Sieh einer an." Er hob seinen Zauberstab und erschuf einige leuchtende Kugeln, die knapp über dem Boden schwebten und durcheinander flossen. Sie veränderten ihre Form, die Farbe, ihre Richtung und die Geschwindigkeit. Und der Löwe hatte Probleme, alle gleichzeitig im Auge zu behalten. Dennoch ließ er sich auf die Hinterpfoten sinken und begann nach dem Licht zu langen, als seien es Wollknäule, die an einem Band hingen.
Severus nutzte die Gelegenheit, um sich langsam in den Gang zurückzuziehen. Er tastete sich an der rauen Wand entlang und warf immer mal wieder einen Blick zurück. Letztendlich schaffte er etwa einhundert Meter, ehe der Löwe bemerkte, dass er einem Trick auf den Leim gegangen war. Das Brüllen ließ die Wände zittern und brodeln, als befände sich Leben in ihnen. Staub rieselte von der Decke und Severus begann zu laufen.
Er bog um eine Ecke, erkannte sie als Sackgasse und grinste zufrieden, als er den riesigen Stalakmiten sah, der aus dem Boden in die Höhe gewachsen war. Er reichte ihm bis über die Hüfte und Severus ging beinahe gelassen daran vorbei, während er einen Illusionszauber darüber sprach. Danach postierte er sich am Ende des Ganges und lockerte einen großen Teil der Decke auf, so dass es nur einen minimalen Anstoß brauchte, ehe etwa eine halbe Tonne Gestein zu Boden fallen würde.
Der Löwe lief zuerst an der Abzweigung vorbei, doch Severus konnte hören, wie er kurz darauf stehen blieb und umkehrte. Zweifellos hatte er seine Witterung aufgenommen (und er nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit eine Möglichkeit zum Waschen zu suchen). Ein tiefes Grollen kam um die Ecke, ehe der Löwe zu sehen war. Gegen seinen Willen kroch eine Gänsehaut Severus' Rücken hinunter. Wenn das hier schief ging…
Das Tier senkte den Kopf, behielt Severus aber genau im Auge. Vorsichtig kam es auf ihn zu, setzte eine der riesigen Tatzen vor die andere und die Tatsache, dass der nun nicht sichtbare Stalakmit sich genau zwischen den Pranken befand, ließ Severus grinsen.
„Put, put", sagte er trocken und lockte den Löwen damit weit genug in den Gang. Im nächsten Moment zuckte er kurz mit dem Zauberstab und die Steine polterten auf den gewaltigen Rücken, zwangen das Tier in die Knie. Die Wucht trieb den Stalakmiten in den Körper, das Brüllen war ohrenbetäubend und die Befriedigung des Tränkemeisters grenzenlos.
Nachdem er überzeugt war, dass der Löwe tot oder zumindest kurz davor war, steckte er den Zauberstab weg und stieg über die Gliedmaßen des Tieres hinweg. „Ich hasse Löwen!", knurrte er und machte sich dann daran, Hermine Granger zu finden.
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Frederick Ferret hatte Hermine schnell zum Schweigen gebracht. Sie bekam nur noch am Rande mit, was um sie herum geschah. Die Ohnmacht rückte mit jeder Minute näher und sie war inzwischen soweit, sie willkommen zu heißen. Das taube Gefühl, das ihren Körper ergriffen hatte, tat sein Übriges und sie schloss ihre Augen.
Zumindest bis sie plötzlich nicht mehr die harte Höhlendecke in ihrem Rücken spürte, sondern durch zehn Meter Nichts dem Boden entgegen fiel. Sie hatte keine Kraft mehr zum Schreien, doch das Keuchen, als sie auf dem Boden aufkam und die Luft neuerlich aus ihren Lungen gepresst wurde, hallte dennoch von den Wänden wider.
„Nicht einschlafen!", säuselte eine Stimme an ihrem Ohr.
Hermine schloss demonstrativ ihre Augen. Sie hatte genug ausgehalten für einen Tag.
Doch Frederick schien da anderer Meinung zu sein. Er sprach einen Zauber, der einige ihrer Verletzungen oberflächlich heilte und sie vor allem in das Reich der Zurechnungsfähigen zurückholte. Ein sehr zufriedenes Feixen stand auf seinem Gesicht, als sie hustete, etwas Blut auf den staubigen Boden spuckte und widerwillig zu ihm aufsah. „Schon besser. Wissen Sie, ich habe ein Spiel begonnen und nicht vor, meine Figuren schon zu früh zu opfern. Ihre Zeit wird kommen, aber noch nicht jetzt."
Hermine kämpfte sich mühsam auf die Knie und sah verächtlich in das Gesicht des Mannes, der angeblich einmal ein Freund von Snape gewesen war. „Ich entscheide selbst, wann meine Zeit ist", presste sie mit heiserer Stimme hervor.
„Sind Sie sich da so sicher?" Er ließ sich mit einem Knie vor ihr auf den Boden sinken und streckte die Hand aus, um ihr einige Haare aus dem Gesicht zu wischen.
Hermine wich zurück und rümpfte die Nase. „Absolut."
Er gab einen bedauernden Laut von sich. „Dann sollte ich Sie möglicherweise noch einmal an die Spielregeln erinnern." Nur durch eine Geste mit seiner Hand erhob sie sich erneut in die Luft. Dieses Mal jedoch machte sie nur eine kurze Bekanntschaft mit der Höhlendecke, bevor sie wieder auf den Boden zuraste.
Nur dass der Boden plötzlich weiß war. Hermine keuchte, als sie hart auf etwas angedeutet Weichem landete. Sie lag auf dem Rücken und sah sich um, nachdem sie wieder dazu in der Lage war. Milchige, gläserne Wände umgaben sie und das, was sie als Weiß gesehen hatte, war die Parodie eines Kissens. Sie hatte so etwas für ihren Geschmack schon viel zu oft gesehen. Es war die Auskleidung eines Sarges.
Frederick trat an ihre Seite und nutzte ihre Position aus, um doch noch mit zwei Fingern durch ihre verklebten Haare zu streichen. „Kennen Sie das Märchen von Schneewittchen?", fragte er leise, ließ sein eigentümliche Lachen noch einmal hören und verschloss den Sarg dann mit einem ebenfalls milchigen Deckel.
Es wurde vollkommen still um Hermine und zumindest eines sagte ihr diese Feststellung sofort: Dieser Sarg besaß keine Luftlöcher.
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Etwas Schweres, Schmerzendes füllte Severus' Magen und er war sich sicher, es lag nicht am Hunger. Der Kampf mit dem Löwen hatte seine Spuren hinterlassen, die er erst spürte, nachdem er einige Meter hinter sich gelassen hatte. Seine Ohren klingelten noch immer von dem ohrenbetäubendem Todesschrei und irgendwann während seines Kampfes musste er sich den Knöchel verstaucht haben, der inzwischen auf die Größe einer Pampelmuse angeschwollen war.
Doch er verlangsamte seinen Schritt nicht.
Das schwere, schmerzende Etwas, das sich irgendwo in seiner Magengegend tummelte wie ein verdammter Niffler, der nach Gold suchte, wuchs parallel zu seinem Knöchel. Und auch wenn es nicht das erste Mal war, dass Severus es spürte, so war es doch noch nie zuvor so ausgeprägt gewesen. Schuld.
Das Konzept von Schuld war ihm wirklich nicht fremd. Er hatte eine Menge Schuld. Schuld an vielen Dingen, an Dingen, die hätten verhindert werden können. Schuld an vielen Todesfällen. Er war sich ganz sicher, dieser eine Tod sollte nicht in seinen Verantwortungsbereich fallen.
Doch die Tatsache, dass ihm eine vermaledeite Frucht noch vor einer Stunde wichtiger gewesen war, als das Leben eines anderen Menschen, ließ das störende Etwas in seinem Bauch noch einiges an Volumen zunehmen und er schluckte einen unangenehmen Geschmack hinunter, der sich irgendwo an seinem Rachen festgesetzt hatte.
Grangers Schreie waren verstummt und bisher schaffte er es, sich mit gewissen Überredungen zu überzeugen, dass das noch nichts zu bedeuten hatte. Die junge Frau trieb ihren Entführer ... Frederick womöglich gerade mit unerwünschten Ratschlägen in den Wahnsinn und er würde sie jeden Moment freiwillig zurückbringen. Und ihnen den Weg nach draußen zeigen. Und ihnen womöglich noch ein Lunchpaket mit auf den Weg geben.
Ja klar, und Trolle konnten Schach spielen.
Er war in den Gang zurückgelaufen, den er vorher verlassen hatte, und hatte die irrige Vorstellung, Geschwindigkeit könnte seine ziellose Suche irgendwie wett machen. Doch nach einer halben Stunde musste er sich eingestehen, dass ihm seine Panik nichts brachte außer schmerzenden Fußsohlen und einem Pfeifen in seinen Lungen. Er war verdammt noch mal zu alt für diesen Mist.
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Es war nass und heiß und irgendwo musste er noch einen offene Wunde haben, denn es war nicht nur Schweiß, der seine Hand glitschig machte. Nur kurz die Augen schließen und Luft holen, das klang wie eine gute Idee. Und er brauchte einen Plan. Einen guten Plan.
Noch immer mit geschlossenen Augen holte er tief Luft und gab sich allergrößte Mühe, seinen Puls wieder etwas unter Kontrolle zu bringen.
„Verdammt noch mal!", brüllte er schließlich und erschrak heftig. Noch nicht einmal er selbst hatte mit diesem Ausbruch gerechnet. Das Echo seiner eigenen Stimme vibrierte auf seiner Haut und ein Schauer rann über seinen Rücken, der nichts mit dem kühlenden Luftzug zu tun hatte, der den Schweiß auf seiner Stirn trocknete. „Frederick!"
Er hatte nicht wirklich mit einer Reaktion gerechnet und so erschrak er sich um so mehr, als aus dem Nichts eine Figur vor ihm apparierte. Es gab kein lautes Knacken, keinen Hinweis darauf, dass die Person vor ihm appariert war, doch alles deutete darauf hin, dass die Person echt war. Das schiefe Grinsen, das gefährliche Blitzen in den Augen und zu guter Letzt die Stimme, die Snape vor so langer Zeit das letzte Mal gehört hatte.
„Severus. Ich würde gerne sagen, es ist schön, dich wieder zu sehen. Aber das wäre fast gelogen."
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Hermines Panik hatte sich bereits vor langem gelegt. Panik verbrauchte Energie, die sie nicht mehr aufbringen konnte. Jede Bewegung, selbst das Öffnen der Augen kostete Kraft und die verbrauchte sie lieber bei endlosen Versuchen genug Sauerstoff in ihre Lunge zu saugen. Jeder Atemzug füllte ihre Lunge weniger aus und es war nicht nur die Hitze, die ihr Schweißperlen auf die Stirn trieb. Endlos suchten ihre Finger nach Halt, nach etwas, das auch nur andeutungsweise einen Ausweg bereitstellen könnte. Aber bisher war ihre Suche erfolglos.
Sie wagte es noch einmal, die Augen zu öffnen, doch das milchige Glas ließ ihr keinen direkten Blick nach draußen. Sie konnte die Fackeln erahnen, in den die Feuer tanzten, aber nicht mehr.
Vielleicht sollte sie ihre Kraft und vor allem den Sauerstoff sparen, bis Snape sie endlich rettete. Das wurde langsam zu einer lästigen Angewohnheit von ihm. Sie zu retten.
Sie schnaufte leise und ärgerte sich sofort dafür. Das war ein Atemzug weniger.
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„Frederick", schnaubte Severus und hoffte, dass seine innere Aufregung nicht allzu sehr nach außen hin sichtbar war. „Ich würde ja gerne sagen, es ist schön, dass du noch lebst. Aber das wäre gelogen."
Frederick grinste schief und begann auf einer kurzen Strecke von etwa drei Metern auf und ab zu laufen.
„Weißt du, Severus. Ich hatte mir unsere Begegnung immer anders vorgestellt. Ich meine, du bist ja schließlich mein Freund gewesen. Aber du bist nie aufgetaucht. Interessiert es dich überhaupt, wo ich geblieben bin?"
Severus knirschte mit den Zähnen. „Ich bin hier unten, oder?"
Frederick schüttelte den Kopf und zog eine strenge Miene, als würde er mit einem Schüler schimpfen wollen, der seine Hausaufgaben nicht erledigt hatte. „Du kannst einem Hund nicht einfach Zucker geben, wenn du ihn jahrelang vernachlässigt hast und dann hoffen, dass er Männchen macht."
Severus zuckte mit einer Augenbraue. „Einem Hund? Ein Hund ist mir hier noch nicht begegnet. Nur eine große Katze. Und ich muss schon sagen, seltsame Freunde hast du dir hier unten gesucht."
„Nun ja", erwiderte Frederick. „Man kann nicht wählerisch sein hier unten." Das letzte Wort betonte er mit einer sarkastisch tropfenden Note. „Und da mein einziger Freund mich im Stich gelassen hat..."
Severus unterbrach ihn, das unangenehme Gefühl in seiner Magengegend war immer schwerer zu ignorieren. „Ich habe gesucht. Du warst nicht hier."
„Dann, mein Freund, hast du nicht gründlich genug gesucht." Frederick blieb endlich stehen und sah Severus mit intensivem Blick an. „Ich werde es dir dieses Mal leicht machen. Damals hatte ich das Gefühl, hier unten lebendig begraben zu sein. Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Weißt du, wie das ist?" Er wartete keine Antwort ab, sondern machte nur eine dramatische Pause, um sich gedankenverloren mit dem Finger gegen das Kinn zu tippen. „Na ja, deine kleine Gefährtin wird es dir berichten können. Vorausgesetzt du findest sie." Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, unter dem gelbe Zähne zum Vorschein kamen.
Misstrauisch starrte Severus zurück. „Was hast du getan?" Doch noch ehe er die Frage zu Ende formulierte hatte, wusste Severus, worauf er hinaus wollte.
„Du brauchst nur deiner Nase zu folgen, die Gänge werden dir den Weg schon weisen. Sag mal, bist du auf die Nase gefallen, oder war die schon immer so groß?"
Severus ignorierte seine letzte Bemerkung und war bereits losgelaufen. Doch Fredericks Stimme wurde nicht leiser. Sie begleitete ihn, so schnell er auch lief. Der Tunnel vor ihm verzweigte sich und Severus blieb einen Augenblick stehen, um zu überlegen. Doch die Sache mit dem Überlegen war schwierig, wenn ständig eine körperlose Stimme seine Gedankengänge unterbrach.
„Du hättest mir ruhig ein paar getrocknete Pflaumen mitbringen können. Die vermisse ich hier definitiv am meisten."
Fünf Minuten.
„Natürlich hat man hier unten alles, was man braucht, aber ehrlich. Ein wenig menschliche Nähe und hin und wieder ein Steak á la Frederick wäre auch nicht zu verachten."
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Es war, als ob sie eine Suppe einatmen würde. Nudelsuppe mit zerkochten Rüben. Ja, genauso fühlte es sich an. Ein heftiger Druck schien ihre Lunge zerquetschen zu wollen, was eigentlich unmöglich war. Denn eigentlich müsste doch eine Leere zu spüren sein, oder? Wo nichts drin war, konnte auch kein Druck aufgebaut werden. Das klang logisch. Half ihr in ihrer Situation aber kaum weiter.
Sie atmete flach mit weit geöffnetem Mund. Das Geräusch ihres eigenen Herzens übertönte das Rasseln ihrer Atmung und sie spürte ganz langsam, wie der fehlende Sauerstoff ihr Gehirn beeinträchtigte. Alles wurde blasser und verschwommen. Sie spürte ihren Puls unterhalb ihres Ohres gegen die Haut pochen. Er schien genauso wie sie zu kämpfen, das Blut in Bewegung zu halten. Doch es wurde immer langsamer, das Pochen immer hoffnungsloser und Hermine konnte sich gegen die kurz bevorstehenden Bewusstlosigkeit nicht mehr wehren, die angerollt kam mit der Überzeugungskraft eines Norwegischen Stachelbuckels.
Sie schloss die Augen, ignorierte das Zucken in ihren Gliedern und schlief ein mit der Aussicht, nicht mehr aufzuwachen.
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Severus keuchte atemlos. Er hatte nicht den geringsten Plan, wo er hin musste. Allerdings waren ihm die Ratschläge „kalt, viel zu kalt, Severus" oder „Warm, wärmer... oh schau mal da hinten ist Licht am Ende des Tunnels" mehr als Recht.
Aber warum gab ihm Frederick Ratschläge, wenn nicht, um ihn damit in eine Falle zu locken? Der Gedanke war erschreckend. Aber noch erschreckender war die Tatsache, dass Severus sich nicht darum scherte. Wenn auch nur der Hauch einer Chance bestand, Granger hier lebendig wieder rauszuholen, würde er sie nutzen. Er hatte bereits bei Frederick versagt. Den Fehler würde er nicht noch einmal machen.
Er war kurz davor Frederick zu bitten, ja anzuflehen, ihm zu sagen, was er wollte. Was sollte Severus tun, um seinen Fehler wieder gut zu machen? Er hätte alles getan. Doch die lähmende Gefahr, bald einen weiteren Todesfall auf dem Gewissen zu haben, ließ sein Füße von ganz alleine weiterlaufen.
Das Licht am Ende des Tunnels entpuppte sich als kleine Gruft mit einem runden Grundriss. Die Wände waren nicht erdig, wie er es hier unten erwartet hätte. Sie war blank geschliffen und kleine, funkelnde Nuancen gaben ihm eine beinahe ehrwürdige Erscheinung. Wie kleine Diamanten auf einem samtenen Tuch.
Wieder ertönte Fredericks Stimme, ganz dicht an seinem Ohr, doch als er herumwirbelte um zu sehen, ob er hinter ihm stand, war niemand zu erkennen. „Schneewittchen, Severus. Kennst du das Märchen?"
Severus war losgelaufen, noch bevor Frederick seinen Satz beendet hatte. Ein gläserner Sarg war in der Mitte des Raumes aufgebahrt und darin waren die verschwommenen Umrisse von Hermine Granger zu erkennen. Und es sah nicht so aus, als würde sie seine Anwesenheit bemerken.
TBC...
