Achtes Kapitel

Harrys Sicht

Ich schlucke einen Kloß hinunter, als ich höre, wie Sev die Treppe heraufstürmt und drehe mich nervös zu Sirius um, der gerade durch eine Tür in einen angrenzenden Raum verschwindet. Aber ich weiß, dass ich das alleine durchstehen muss. Ich war derjenige, der es vermasselt hat; ich bin derjenige, der es wieder gerade biegen muss. Dennoch kann ich nicht anders, als zusammen zu zucken, als die Tür weit aufgerissen wird.

Zu behaupten, dass Sev wirklich angepisst aussieht, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Seine schwarzen Augen lodern geradezu und seine Fingerknöchel treten weiß hervor. Langsam hebt er einen Arm und bedeutet mir, näher zu kommen. Ich gehorche, ich will seine Geduld nicht noch weiter strapazieren. Denn dieser Sev ist eher wie mein Lehrer und nicht wie der Sev, den ich als meinen Dad bezeichne. Ein weiterer Beweis dafür, dass er beides ist. Ich bleibe vor ihm stehen und schaue ihm nervös in die Augen. Seine Augen blitzen mich an, aber dann überrascht er mich, indem er mich fest in die Arme nimmt.

„Oh Harry", nuschelt er in mein Haar. „Ich kann gar nicht glauben, wie dumm du manchmal doch bist. Zu glauben, dass ich aufhören würde dich zu lieben, weil du mir meinen Sohn zurück gebracht hast!"

Er hält mich jetzt auf Armlänge von sich weg, damit er mich böse anblitzen kann.

„Benutz deinen Verstand", schlägt er mir dann vor. „Hab ich dir nicht immer und immer wieder gesagt, dass ich dich liebe? Ich verstehe, dass das alles neu für dich ist, aber ..."

Ich werde rot.

„Sprich mit mir, verdammt noch mal!", knurrt er mich schon fast an. „Du kannst doch nicht einfach so abhauen. Kannst du dir vorstellen, was für Sorgen ich mir gemacht habe?"

Ich blicke zu Boden, beschämt. Jetzt, im Nachhinein, ist es nicht schwer, die Fehler zu sehen, in dem was ich getan habe. Er hat gesagt, dass er mich liebt; er hat mir versichert, dass er mich nie allein lassen würde. Dennoch habe ich es nicht begriffen.

Sev seufzt und legt sachte einen Finger unter mein Kinn, damit ich aufblicke und ihm in die Augen schauen kann.

„ ... Sprich mit mir", sagt er fast schon flehend. „Lass mich dir helfen, dich an den Gedanken einer Familie zu gewöhnen. Tu das, was du getan hast, niemals wieder. Bitte?"

Es ist fast schon komisch, wie er klingt, als er dieses letzte Wort hervorwürgt. Severus Snape sagt niemals `bitte´. Aber die Ernsthaftigkeit der Situation stellt die Bedeutung des Wortes in ein anderes Licht und ich kann gar nicht anders, als seine Verzweiflung, die hinter diesem Wort steht, zu spüren.

„Ich werde es nie wieder tun", verspreche ich leise und schaue in direkt an. „Sirius hat mir meine Fehler auch schon bewusst gemacht."

Sev verdreht seine Augen, ist durch mein Versprechen aber sichtlich erleichtert. Dann umarmt er mich noch einmal fest, bevor er einen Schritt zurückgeht.

„Lass uns gehen", sagt er sanft. „Ich denke, es ist an der Zeit, dass du erfährst, was Sirius und ich uns überlegt haben. Außerdem denke ich, dass er sicherstellen will, dass ich dich nicht in deine Einzelteile zerlegt habe."

Ich murre ein wenig. Ich hatte gedacht, dass die beiden ihren Streit vielleicht beigelegt haben, aber Sev hat mir gerade das Gegenteil bewiesen.

„Ihr seit solche Babys", brumme ich herum.

Sev zieht zwar eine Augenbraue hoch, sagt aber nichts, als wir weiterlaufen. Und ich bin mir gar nicht sicher, was ich erwarten soll.

Sirius Sicht

Seit ich denken kann, habe ich Severus gehasst. Sicher, am Anfang war es nur eine belanglose Abneigung gegenüber einem Mitschüler, aber als er meine Eltern verraten hat, wurde es persönlich. Unsere Streitereien und Duelle sind in Hogwarts in die Geschichte eingegangen. Aber wir haben damals nie daran gedacht, dass der andere auch ein Mensch mit Gefühlen ist. Nicht, dass ich ihn als solchen sehen wollte, Severus ist trotz allem ein schleimiger Idiot, aber wir haben uns nie darüber Gedanken gemacht, warum wir es getan haben.

Dann haben wir uns eine sehr lange Zeit lang nicht gesehen. Zwölf Jahre, um genau zu sein. Und bis dahin ist dann auch Harry in mein Leben getreten. Als der Sohn meines besten Freundes und als mein Patenkind bedeutet er mir mehr, als alles andere in der Welt. Er ist das einzige, das von Lily und James übrig geblieben ist, der Junge, bei dem ich unzählige Male zum Babysitten war, als er noch jünger war. Ich liebe ihn innig.

Severus war zu dieser Zeit frei und hat mich immer noch gehasst. Aber das war in Ordnung, denn ich habe ihn auch verabscheut. Was aber nicht in Ordnung war, war, dass er Harry gehasst hat. Jedoch gab es nichts, was ich dagegen tun konnte, denn ich war, bin, auf der Flucht. Obwohl ich mich um Harry kümmern wollte, konnte ich es nicht. Und dafür gab ich Severus die Schuld.

Ich war auf der Flucht, immer unterwegs und konnte den Jungen, den ich liebe, nur selten sehen, ich musste mich mit Briefen zufrieden geben. Und dann fand das Trimagische Turnier statt und alles hat sich verändert. Harry hat sich verändert, Voldemort hat sich verändert und Dumbledore hat uns verändert. Zum ersten Mal hab ich meinem Feind die Hand geschüttelt. Dann hat Dumbledore uns beide in sein Büro geschleppt, damit wir etwas klären konnten.

Ich habe nie gewusst, dass er mein Cousin ist. Ich habe nie gewusst, dass er so aufwachsen musste, wie er aufgewachsen ist, bloß weil wir unter dem Fidelius Zauber gelebt haben. Aber es hat sicherlich erklärt, warum Dumbledore uns dazu gezwungen hat, nach dem Tod meiner Eltern im siebten Jahr, zusammen zu leben. Und auch wenn ich dadurch nicht begonnen habe, Severus zu lieben, habe ich doch verstanden, dass er seine Gründe hatte und wir haben es schließlich geschafft uns einigermaßen zu arrangieren.

Aber dieses Verständnis, das wir erreicht hatten ist zerbrochen, als ich gehört habe, dass Harry in diesem Sommer bei ihm wohnen wird. Und als Harry mir gesagt hat, dass er für ihn wie ein Dad ist, hat mich das hart getroffen. Sehr hart sogar. Aber ich habe es verstanden. Severus war da und ich nicht. Obwohl Harry mich zwar auch liebt, konnte ich nicht sein `Dad´ sein, denn ich konnte nicht bei ihm sein. Mein Hass ist wieder erstarkt.

Dann haben sich Remus und Severus zusammen getan. Das ist etwas, was ich nicht wieder sehen will. Egal, jedenfalls haben sie mir, fast schon mit Gewalt, klar gemacht, dass Harry mich liebt, dass er Severus nicht lieber hat, dass er auch mich als Vaterfigur bezeichnet und dass, auch wenn Severus und Harry Dinge teilen, die ich nicht verstehen kann, es auch zwischen Harry und mir solche Dinge gibt. Und dann hat mir Severus noch verkündet, dass er mir helfen wird, Peter zu fangen, `Harry zu liebe´. Ich hasse diesen Mann!

Jedenfalls habe ich verstanden und was ich Harry gesagt habe, war eigentlich von der Predigt, die ich von den `Inquisitoren aus der Hölle´ erdulden musste, inspiriert. So langsam kann ich verstehen, was sie damit gemeint haben, dass auch Harry und ich Dinge teilen. Wir machen die gleichen Fehler.

Ich habe sie oben allein gelassen, damit sie sich aussprechen können. Ich mag die Tatsache zwar nicht, dass ich nicht dabei sein kann, aber es geht nicht. Ich habe meinen Beitrag schon geleistet, als ich mit ihm gesprochen habe. Also unterhalte ich mich statt dessen unten mit Donal, wobei ich äußerst erstaunt bin, dass ich ihn seit Jahren kenne, aber nie auch nur vermutet habe, dass er der Sohn von Severus ist. Denn ich habe eine beachtliche Zeit in Arabella Figgs Haus verbracht, eines meiner Hauptverstecke. Es fühlt sich komisch an, zu erfahren, dass man plötzlich noch einen Verwandten hat.

„Wieso hast du es mir denn nie erzählt?", frage ich ihn, nachdem wir mehrere Minuten lang alte Erinnerungen ausgetauscht haben.

Donal zuckt mit den Schultern und schaut mich an.

„Du hast nie gefragt", sagt er und grinst. „Außerdem hatte ich keine Ahnung, dass du meinen Vater kennst."

Ich verziehe das Gesicht.

„Weißt du, wir sind nicht gerade beste Freunde", antworte ich ihm. „Ich denke nicht, dass er über unsere Freundschaft erfreut sein wird. Oder über deine Haarfrisur."

Donal lacht und schmeißt sich sein langes, schwarzes Haar hinter die Schultern, wobei er die Geste nachahmt, die ich andauernd mache. Sein Haar ist bloß ein paar Zentimeter länger als meines, deswegen wirkt sie sehr passend.

„Es sind meine Haare", sagt er lachend. „Ich kann damit machen, was ich will."

Dazu kann ich bloß meinen Kopf schütteln.

„Schon", stimme ich zu. „Aber irgendwie glaube ich, dass er es trotzdem nicht besonders mögen wird, dass du mir die Frisur nachgemacht hast."

Hinter mir höre ich es auf einmal brummen, drehe mich daraufhin um und entdecke Severus und Harry hinter mir stehen, wobei Harry grinst, Severus mich hingegen böse anfunkelt. Harry kommt auf mich zu und umarmt mich.

„Danke", flüstert er mir zu.

Ich lächle ihn an. Die sanfte Stimme lindert meinen Schmerz und lässt mich wieder besser fühlen.

„Gern geschehen", flüstere ich zurück, dann sage ich laut. „Also, Severus. Gefällt es dir nicht, dass ich deinen Sohn kenne?"

Severus schaut mich weiterhin finster an, Remus und Harry seufzen beide, während Donal leicht amüsiert drein schaut. Aber wie sehr ich es auch liebe, Severus zu nerven, haben wir jetzt doch andere Dinge zu besprechen.

„Um zur Sache zu kommen", sage ich nun und bedeute Harry, dass er sich zu mir aufs Sofa setzen kann. „Nachdem wir jetzt sowieso schon mal alle hier sind, können wir auch gleich zu dem Gespräch kommen."

Harry hopst neben mir aufs Sofa und legt sich so hin, dass es alles andere als bequem aussieht.

„Welches Gespräch?", fragt er, während Severus sich noch versucht zu entscheiden, ob er sich neben Harry setzen soll oder in den Sessel auf der anderen Seite des Zimmers, also möglichst weit weg von mir.

Harry nimmt ihm aber schließlich die Wahl ab, als er ihn stark am T-Shirt zieht und Severus somit auf eher unelegante Weise auf dem Sofa landet. Dann zwinkert er mir zu, was mich etwas zum Lachen bringt, bevor ich seine Frage beantworte.

„Severus und ich haben eine Abmachung geschlossen", erkläre ich. „Dir zu liebe werden wir uns gegenseitig tolerieren. Er wird mir auch dabei helfen, meine Unschuld zu beweisen. Außerdem werde ich die Ferien mit euch beiden verbringen."

Über diesen letzten Punkt hatten wir allerdings keine Abmachung getroffen. Harry weiß dass jedoch nicht und es spielt auch keine Rolle mehr, als er sich Severus um den Hals wirft und ihn fest umarmt.

„Danke, Sev!", sagt er.

Severus umarmt ihn irgendwie ungeschickt zurück und blitzt mich dabei böse an. Er wurde von Harry genauso verzaubert, wie ich, er hat jetzt keinen Weg, es zu leugnen. Und als ich das selbstgefällige Grinsen des Jungen der lebt sehe, als er sich wieder zwischen uns setzt, beginne ich mich zu fragen, ob Harry nicht meinen Trick durchschaut hat und seine neu gewonnene Vaterfigur dazu manipulier hat, keine Einwände zu erheben. Dieser Junge ist gerissen. Manchmal bin ich wirklich überrascht, dass er nicht in Slytherin gelandet ist.

Remus und Donal scheinen es auch durchschaut zu haben, denn sie blicken beide höchst amüsiert drein.

„Du weißt schon, dass du gerade auf elegante Art und Weise manipuliert worden bist, stimmts Vater?", lacht Donal.

Severus schlägt Harry leicht auf den Hinterkopf und tut so, als ob er ihn böse anfunkeln würde.

„Nein!", sagt er gespielt sarkastisch. „Böser, böser Harry."

Sevs Sicht

Und jetzt manipuliert er mich. Mann, ist es nicht lustig, die Freuden eines Vaters kennen zu lernen? Aber Späße beiseite, ich bin überglücklich, dass ich Harry sicher und wohlbehalten wieder gefunden habe und dass ich mit ihm über die Gründe seines Verschwindens geredet habe. Ich liebe den Jungen und ich könnte es nicht ertragen, wenn er verletzt würde. Auch wenn das bedeutet, dass ich Sirius jede Ferien ertragen muss.

Ich bin jedoch besorgt darüber, was geschehen wird, wenn die Sommerferien vorüber sind. Wenn ich wieder direkt dem strengen Blick Voldemorts ausgesetzt bin und wenn Sirius wieder auf der Flucht sein wird. Dann werden wir nicht mehr so viel Zeit miteinander verbringen können wie momentan und ich muss wieder so tun, als wäre ich böse. Wenn ich nur wüsste, wie das unsere Beziehung beeinflussen wird. Meine Bedenken sind zwar wahrscheinlich albern, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich sie habe. Außerdem frage ich mich auch, was wohl Granger und Weasley dazu sagen werden, dass Harry und ich jetzt eine Familie sind.

Falls jetzt irgendjemand ein Foto von uns schießen würde, bezweifle ich, dass man etwas anderes als eine große, glückliche Familie sehen würde. Harry, Sirius und ich sitzen auf dem Sofa, wobei Harry in der Mitte sitzt und aufgrund der entspannten Atmosphäre, die durch seinen kleinen Trick entstanden ist, strahlend lacht. Remus sitzt in einem Sessel gegenüber von Sirius und schaut erfreut aus, mit einem Zwinkern in den Augen, das ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Und gegenüber von mir sitzt mein verloren gegangener Sohn Donal, der zu Harry hinüber schaut und grinst. Irgendwie glaube ich, dass die Beiden gute Freunde werden.

Es ist heute ein schöner Abend. Und auch wenn er nicht für immer dauern kann, wird er eine Erinnerung hinterlassen, an die man zurück denken kann. Eine Erinnerung, die Hoffnung und Freude in unseren Herzen und in unseren Gedanken entflammen kann. Denn heute Abend, gibt es keine Feindseligkeiten, nicht mal zwischen Sirius und mir.

Dann ertönt plötzlich ein lautes Plop vom Kamin her, was uns alle erschrecken lässt. Sirius ist sogar schon aufgesprungen und hält seinen Zauberstab in Richtung Kamin. Aber anstatt eines Todessers oder etwas ähnlichem, sehen wir einen kleinen, pelzigen Wirbelwind, der sich an Harry kuschelt und laute, zufrieden klingende Geräusche von sich gibt. Honey hat ihren Herrn wieder gefunden.

TBC

Nächstes Mal: der Epilog, lasst euch überraschen ;)

Ich freue mich über eure Reviews, Favourites und Alerts.

Vielen Dank an alle, die mir für das letzte Kapitel ein Review geschrieben haben: Elektra van Helsing, Reinadoreen, MaraJade, Rina und xAuroraSkyx.