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Kapitel 9
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Dieses Spielchen spielten sie noch zwei weitere Tage. Am dritten musste Kate am Morgen aufs Revier und Martha passte zwei Stunden auf ihn auf. Sie hatte alle Akten mitgenommen, sah Martha, die den Esstisch abwischte. Doch dann sah die den Laptop, der aufgedreht am Tresen stand und fragte sich, was Kate dazu bewegt hatte, diesen dort stehen zu lassen.
Einen raschen Blick auf die Couch geworfen, fuhr Martha über das Touchpad und sah bereits Kates Laptop. Vorsichtig und unsicher klickte sie den Browser an, sie sah, dass Kate die eine oder andere Suche über Heilvorgänge von Knochenbrüchen gegoogelt hatte. Allerdings sprang ihr auch der Link zur Homepage ihres Sohnes ins Gesicht.
Ohne sich weiter um diese zu kümmern, klickte sie das Emailprogramm an. Natürlich wusste Martha, dass es nicht rechtens war, der jungen Frau, die sich so reizend um ihren Sohn kümmerte. Obwohl vielleicht reizend nicht der richtige Ausdruck war. Kate versuchte ihr Bestes, Richard war destruktiv und tat sich schwer, ihre Hilfe anzunehmen. Martha hatte sich bereits mehrmals gefragt, wieso sich ihr Sohn wie der größte Idiot auf Gottes Erdboden verhielt.
Als es offen war, sah sie eine Email, die Kate nicht weggeschickt hatte, sie befand sich im „Entwürfe"-Ordner. Es war eine Email an ihren Sohn. Wiederholt mahnte sie sich, den Laptop zuzumachen und zu vergessen, dass sie jemals Hand an dieses Ding gelegt hatte.
*Lieber Castle,
nach all dem, was in den letzten Wochen passiert ist, muss ich dich bitten, auch wenn es mir schwer fällt, nicht mehr aufs Revier zu kommen, nicht mehr mein Schatten zu sein.
Die Vorgänge und dein Verhalten der letzten Wochen hat ich merken lassen, dass ich so nicht weiterarbeiten kann und auch nicht möchte. Ich dachte stets, dass wir eine Freundschaft haben, auf die Gefühle des anderen Rücksicht nehmen, doch nach all dem, glaube ich genau das nicht mehr.
Irgendwann hast du mich gefragt, an was ich mich erinnern kann. Ich kann und konnte mich stets an alles erinnern. Das Geräusch des Schusses, der Schmerz, der meine Brust durchfuhr, wie du mich zu Boden gerissen hast, um mich zu schützen und an das, was du mir dann gesagt hast. Jedes einzelne Wort werde ich ewig und immer in Erinnerung behalten.
Anfänglich war ich nicht bereit es mir einzugestehen, dann dachte ich, dass du es ernst meinst, war beinahe dazu bereit, dir zu sagen, was ich empfinde, doch dann hast du dich entschieden, andere Wege einzuschlagen und ich kann es dir wahrhaftig nicht verübeln, da ich lange brauchte um zu heilen, viel Zeit mit meinem Therapeuten verbrachte, um über dich und mich zu sprechen. Doch das, was in den letzten Wochen vorgefallen ist, kann ich nicht weiter mitansehen.
Spiel dein Trumpf mit dem Bürgermeister nicht aus. Lass es einfach ….*
Dann hörte da Email mitten im Satz auf und war aus irgendeinem Grund in dem Ordner gelandet. Als sie ihre Zeilen las, wusste Martha, auf was Kate anspielte. All die Frauen, Ricks Verhalten ihr gegenüber. All das, was so furchtbar offensichtlich war.
Doch irgendetwas hatte Kate dazu veranlasst, das Email nicht wegzuschicken.
Vom Couchtisch kam plötzlich ein Murren. Rasch schloss sie das Email-Programm, stellte den Laptop wieder an seinen Platz zurück und ging zu ihrem Sohn, dem sie einen etwas abfälligen Blick zuwarf.
„Was möchtest du?", fragte sie ihn etwas unfreundlich.
„Orangensaft."
„Wie wäre es mit den kleinen Formen der Höflichkeit?"
Ohne ihm die Chance zu geben zu antworten, stellte sie ihm eine Flasche Orangensaft aus dem Kühlschrank auf den Boden neben die Couch.
„Etwas Freundlichkeit würde dir nicht schaden", erklärte sie ihm und stand genau vor Richard, der versuchte ihren Blicken auszuweichen. „Ja, du hast Schmerzen. Ja, irgendwie ist alles blöd gelaufen in letzter Zeit, aber du hast mir immer gepredigt, dass man wieder aufstehen muss, wenn man gefallen ist, um weiterzugehen. Und was machst du? Du schmollst vor dich hin. Behandelst die Menschen, die sich um dich kümmern wollen, wie der letzte Dreck."
„Mutter …"
Doch Martha hob nur die Hand, um ihm zu signalisieren, dass sie noch nicht fertig sei.
„Glaubst du, dass Kate aus Spaß hier ist? Gates hat sie quasi damit beauftragt, sich um dich zu kümmern und das nachdem du dich wie der letzte Idiot in den vergangenen Wochen verhalten hast! Und sie ist hier, bemüht sich, es dir Recht zu machen. Und was machst du? Du zeigst ihr die kalte Schulter. Wie lange soll das so weitergehen?" Marthas Stimme war am Ende in die Höhe gegangen und Castle hatte sich alle Mühe gegeben, sich aufzurichten, blickte sie verdutzt an.
„Du lernst aus deinen Fehlern nicht im Geringsten, Richard." Kommentierte und fuchtelte mit den Händen umher, in typischer Martha-Manier. „Bemühe dich Richard, bemühe dich wieder der Richard zu sein, den wir lieben, nicht der Depp, der du im Moment bist. Den du darzustellen versuchst."
Danach ließ sie ihn einfach sitzen, ging in ihren flachen Schuhen die Treppe hinauf und blieb auf der letzte Stufe stehen, um sein Verhalten zu studieren. Ihr Sohn fuhr sich mehrmals mit beiden Händen über das Gesicht. Vielleicht würde er es endlich einsehen, sagte sich Martha.
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Es war kurz vor Mittag als Kate die Türe aufschloss und ins Wohnzimmer eintrat. Sie sah sich um, entdeckte die Kaffeebecher in der Abwasch, sah, dass der Lieferant der Putzerei dagewesen war, um die gereinigten Anzüge und Kostüme zu bringen, aber sie sah Castle nicht.
Ihr Schuhe und Jacke in den Schrank gebend, wanderte sie nur in Socken kurz in ihr Zimmer, zog sich eine bequeme Haushose an und eines ihrer Lieblings-Tshirts. Sie wollte sich wenigstens wohlfühlen, wenn sie wieder wie Luft behandelt werden würde.
Unten ging sie schließlich in Richards Büro, doch auch dort war er nicht. Die Türe zu seinem Schlafzimmer war angelehnt. Anfänglich überlegte sie, ob sie anklopfen sollte, überlegte es sich anders, da sie ihn nicht wecken wollte.
Als sie die Türe aufschob, sah sie Rick. Er lag auf seinem Bett, auf der gesunden Seite seines Körpers, nur in Boxershorts und schien ein Buch zu lesen.
Kate konnte nicht anders als auf ihre Unterlippe zu beißen. Er sah aus als würde er aus einem schlechten Film stammen. Sein muskulöser Körper lag auf den dunkelbraunen Laken, der Gips seines Beines war grün, der seines Unterarms blau. Wie ein kleines Kind, sagte sich Kate. Er konnte nicht anders. Wahrscheinlich würde er auch hoffen, zumindest eine schöne Narbe davonzutragen.
„Castle"; sagte sie leise.
„Hm", war seine Antwort und richtete seinen Blick auf sie.
„Ich wollte nur sagen, dass ich wieder da bin. Wenn du was brauchst … du weißt ja…"
„Danke, aber im Moment habe ich alles", erklärte er ihr und zeigte auf den Nachtisch, auf dem Orangensaft und seine Medikamente standen.
Beckett musste lächeln, dies konnte sie sich nicht verkneifen, war es doch ein anderer Castle, den sie gerade angetroffen hatte. Er war freundlich und nett, zügelte seine Stimme. Und ja, sie musste sich eingestehen, dass er sexy war, verdammt sexy.
„Beckett, zügle diene Fantasien", sagte Kates innere Stimme immer und immer wieder. Doch auch als sie in der Küche stand und sich einen Kaffee richtete, bekam sie das Bild nicht aus dem Kopf. Seine muskulöse Brust, die breiten Schultern, der Gipsarm. Sein herrlich wirres Haar und die großen blauen Augen, die sie ansahen.
Aus ihrer Ledertasche nahm sie die Akten, die Gates ihr mitgegeben hatte. Ja, Captain Gates wünschte, dass sie sich um diese älteren ungelösten Fälle kümmerte, hatte sie ihr heute in der Früh offenbart. Zuerst musste man alle Daten digitalisieren, wurde Kate erklärt und dann könne sie sich zum Einlesen beginnen, sich mit Castle um die Fakten kümmern. Natürlich konnte Gates nicht wissen, sagte sich Kate immer wieder, dass diese Frau nicht wissen konnte, wie schief der Haussegen hing. Dass er kurz davor war, runterzufallen.
Bestückt mit der ersten Akte, dem Kaffee, Block und Bleistift setzte sich Kate auf die Couch. Irgendwie fühlte es sich nicht richtig an. Irgendetwas fehlte.
Castle.
Sie blieb kurz ruhig, versuchte herauszufinden, was er in diesem Moment tat, doch kein Geräusch kam aus dem Schlafzimmer. Vielleicht war der geglaubte Wandel des Mannes, der nur in Boxershorts bekleidet, dort verweilte, auch nur Einbildung gewesen?
Langsamer als sonst machte sie sich Notizen, schrieb sich die wichtigsten Fakten zu dem Fall heraus. Es handelte sich um einen Dreifachmord. Drei junge Frauen, zuvor missbraucht.
Eigentlich wollte sie sich damit nicht beschäftigen, immer wieder schwenkten ihre Gedanken zu Rick ab. Am liebsten würde sie weiterhin in der Tür stehen und ihn beobachten. Oder Sachen mit ihm machen, die ihr schon lange Zeit nicht mehr durch den Kopf gegangen waren, zu viel Zeit hatte sie damit verbracht, ihn zu hassen.
Vielleicht war eine Stunde vergangen, bis sie ein Geräusch aus dem Schlafzimmer hörte. Es war ihr Name.
„Kate", rief Castle. Nicht Beckett. Es war Kate.
Sie machte sich auf den Weg zu ihm und sah, dass er versuchte, aufzustehen. Es fiel ihn immer noch schwer, sich aufzurichten.
„Lass mich dir helfen", murmelte Kate und war sofort an seiner Seite.
Gemeinsam gingen sie langsam und ohne viele Worte zu wechseln ins Badezimmer.
„Wohin"?
„Kate … siehst du die Plastikfolie dort?", er zeigte auf die Ablagefläche. „Nimm sie und das Klebeband und verklebe mir oben den Gips. Ich weiß, " erklärte er, als sie etwas sagen wollte, „dass es ein Sportgips ist, aber trotzdem soll kein Wasser vorerst hineinkommen."
„Möchtest du duschen?", fragte sie verwundert. Rick nickte nur.
„Ich kann das nicht mit Mutter …", antwortete er beinahe beschämt.
Er wollte duschen, wiederholte sie in ihren Gedanken. Duschen. Das würde bedeuten, dass er nackt sein würde und sie wäre eventuell im selben Raum. Wie würde sie jemals wieder dieses Bild aus dem Kopf bekommen? Schon jetzt bereitete es ihr Probleme, sein trainierter Bauch, die wenigen blonden Haare auf seiner Brust, der weitaus ausgeprägtere Haarstreifen an seinem Bauch, der in den Boxershorts verschwand. „Kate, das ist nicht gesund", sagte ihre innere Stimme, „wirklich nicht." Die andere Stimme konterte, dass man bei einem Körperbau wie diesem eine Ausnahme machen könnte, alleine des Körperbaus wegen und aufgrund der spärlichen Bekleidung, die vorhanden war.
„Und wie stellst du dir das genau vor?", fragte sie, als sie sich vor ihn kniete und die Folie um den Gips wickelte und mit wasserfestem Klebeband verklebte.
„Hm…", kam aus seinem Mund und die Art und Weise, wie er sie ansah, ließ sie erkennen, dass alle seine Gehirnwindungen gerade dabei waren, einen Knoten zu bilden.
„Castle …", rief ihn Kate zurück und griff vorsichtig nach seiner Hand.
Wortlos reichte er ihr den Arm. Klebeband und Folie hafteten innerhalb weniger Augenblicke auch auf diesem.
„Ich werde das Wasser aufdrehen", sagte sie rasch und ging zur Dusche, weg von ihm.
Innerhalb weniger Augenblicke war es viel wärmer im Badezimmer. Viel wärmer.
Kate war unsicher in ihren Handlungen, unsicher in ihren Gedanken. Sie wusste nicht, wie sie mit der ganzen Situation umgehen sollte, doch schien es Castle ebenso zu gehen, da er sich nicht vom Fleck bewegte, kein Wort sagte.
„Castle?", fragte sie schließlich.
Rick ging langsam, mit Kates Hilfe, in Richtung Dusche und griff an den Bund seine Boxershorts. Beckett war sich bewusst, dass sie früher oder später entfernt werden müssten und er dies mit dem Gipsbein nicht konnte.
Seine Finger verweilten am Bund. Er öffnete zweimal den Mund, schloss ihn dann wieder. Kate stieg hinter ihn, stütze ihn, als er in die Dusche stieg. Dann presste sie eine Hand auf seinen Rücken und ließ sie hinabgleiten, schließlich hakte sie beide Hände vorsichtig in den Bund der Boxershorts und zog diese hinunter, bis Castle hinaussteigen konnte.
Und dann stand er in all seiner Glorie vor ihm. Kate konnte zwar nur ihr Hinterteil sehen, aber dieses hätte sie zu gerne angegriffen.
„Ich warte bei der Türe, Castle", sagte sie schüchtern und wollte den Raum verlassen, als er sie bat zu bleiben.
So setzte sie sich auf die zugeklappte Toilette, hielt ein großes Badetuch in der Hand und versuchte krampfhaft nicht in die Dusche zu starren, auf seinen Rücken, die Muskeln, die sich bewegte, den trainierten Po. Was hatte sie angestellt, dass diese höhere Macht sie damit strafte, ihr zu zeigen, was sie nicht haben konnte?
Irgendwann scherzte er: „Jetzt sind wir quitt, Kate." Und er lachte, ein Lachen, das tief aus seinem Bauch kam.
Verdattert saß sie da und starrte auf das Muttermal auf seinem Po. „Wie meinst du das?"
„Als dein Apartment explodierte …. Ich meine natürlich habe ich nicht hingesehen …"
„Genau … du hast nicht hingesehen …", murmelte Kate.
Rick drehte sich ein wenig und blickte sie an, beinahe so weit, dass Kate alles gesehen hätte.
„Hhm….?"
„Kate?"
„Du hast hingesehen, ich habe dich doch dabei erwischt", sagte sie leise. Und wenig hatte es in ihrer Beziehung geändert, dass er sie gesehen hatte. Damals war sie noch nicht so trainiert wie heute, jugendlicher im Vergleich sogar. Heute, heute ging sie ohne ihre Yoga- oder Pilates-Übungen gemacht zu haben selten schlafen. Wenn es sich nicht am Abend ausgegangen war, dann war in der Früh vor dem Frühstück so weit. Sie kleidete sich anders.
So erinnerte sie sich auch an Morgen, als er in ihrer Küche stand und Pfannkuchen machte. Sie trug zufällig dasselbe T-Shirt wie damals, in violett.
„Rick", mahnte sie ihn, sich wieder umzudrehen.
Irgendwann bat er sie um das Handtuch, nachdem er das Wasser abgedreht hatte und er trocknete sich ab. Wickelte es sich dann um die Hüften und griff nach Kates Hand, die sie ihm reichte, um sich allmählich aus der Dusche herauszubewegen.
Als er auf dem Bett in seinem Schlafzimmer saß, brachte Olivia ihm frische Boxershorts und ein frisches T-Shirt. Sie half ihm beides anzuziehen, berührte ihn öfter als notwendig, doch er sagte nichts. Einmal hatte er sogar kurz ihre Hand gehalten, als sie ihm die Unterhose hochzog, doch war sie zu diesem Zeitpunkt hinter ihm gestanden. Zu gerne hätte Kate ihm in diese großen blauen Augen gesehen.
Am Nachmittag saß er auf der Couch und Kate beim Esstisch, las immer noch Akten und immer wieder schweiften ihre Gedanken und Blicke zu ihm ab. Zwar trug er nun ein Shirt, doch änderte das nichts an dem Bild, welches immer noch vor ihrem geistigen Auge herumschwirrte.
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Ende Kapitel 9
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A/N: Danke für all die Reviews! Ihr habt meine 400er Grenze beinahe schon geknackt!
