Samtpfoten und Saphiraugen
In der grossen Stadt
Teil 09
Der Morgen beginnt für mich mit einem riesigen Schrecken, denn mit einem Mal werd ich von zwei Händen gepackt und unter dem Gartenbank hervor gezogen.
Ich finde mich plötzlich in den Armen eines kleinen Mädchens wieder, das mich aus grossen Augen anstrahlt.
„Oh, Papa, Papa, guck mal, da ist eine Miezekatze in unserem Garten", quäkt sie und das mit einer Lautstärke, dass ich das Gefühl habe, mir platzt gleich das Trommelfell.
Sie rennt hüpfend mit mir den Kiesweg entlang zum Haus und ich glaub ich muss gleich kotzen, obwohl mein Magen eigentlich vollkommen leer ist, so schaukelt sie mich hin und her.
Ihr Vater scheint dann allerdings weniger begeistert von meinem Anblick zu sein.
„Was willst du denn mit dem dreckigen Mistvieh, Stacy? Bringt sie raus vors Gartentor, sonst denkt sie noch, sie könne hier bleiben."
"Aber Papa, Papa, darf ich sie nicht behalten, ich hab mir immer schon ein Kätzchen gewünscht."
Hey! Hallo? Geht's noch? Werd ich hier auch noch mal gefragt? Scheinbar nicht. Der Disput zwischen Vater und Tochter geht noch eine Weile weiter, endet für mich allerdings nicht besonders günstig, denn ich lande vor dem Gartentor und ohne auch nur eine Scheibe Schinken oder sonst was Fressbares abbekommen zu haben.
Hungrig versuche ich mich zu orientieren und tapse müde los. Irgendwie hat der Schlaf rein gar nichts gebracht und ich komme nur sehr langsam vorwärts. In Gegenden, die ich sonst immer gemieden habe, aber irgendwie fühl ich mich hier sicherer, als da wo's viele Menschen und noch mehr Autos hat.
Allerdings muss ich fest stellen, dass auch Hinterhöfe ihre Gefahren beherbergen und sei es in Form von anderen Katzen, die offensichtlich der Meinung sind, ich würde ihre Reviergrenzen verletzen, wenn ich hindurch gehe.
Ein grosser, fetter, roter Kater, der mich entfernt an dieses lasagnefressende Monster aus dem Cartoonchanel erinnert, spuckt mich böse an und seine scharfen Krallen und die gezeigten Reisszähne lassen mich für einen Moment meine Erschöpfung vergessen und ich seh zu, dass ich weiter komme.
Doch scheinbar komm ich auch nur vom Regen in die Traufe, denn das nächste Revier gehört einem Siamkater, der mir in gebrochenem Japanisch, mit chinesischem Akzent klar macht, dass Fremdlinge hier nicht erwünscht seien und Strassenkinder von ihm nichts bekommen würden.
Pah, von wegen Strassenkind, wenn der wüsste. Aber so langsam kann ich mich kaum noch dran erinnern wie es war, auf zwei Beinen durch ein durch und durch erfolgreiches Leben zu schreiten und auf solche Kreaturen einfach drauf zu treten.
Ich seufze. Ob ich so was jetzt noch könnte? Irgendwie hab ich so das Gefühl, eher nicht.
Der nächste Angriff, einer getigerten Katzendame, die mir eine gepfefferte Ohrfeige verpasst, ohne dass ich sie auch nur hab kommen sehen, lässt mich schliesslich flüchten und irgendwann zitternd und fertig mit den Nerven in einen Karton versteckend.
Mein Herz rast und in meinen Lungen rasselt es gewaltig von der Anstrengung und dann kann ich auch noch eine fremde Katze riechen, die sich meinem auserkorenen Versteck nähert. Bitte lieber Gott, wenn es dich gibt, lass sie mich nicht finden, bitte!
Natürlich gibt es keinen Gott, oder zumindest für Katzen nicht, oder er hört mich einfach gerade nicht, denn die herunter hängende Klappe des Kartons wird aufgedrückt und eine dreifarbige Glückskatze streckt ihren Kopf hinein.
„Na, was haben wir denn da?", maunzt sie mich an und ich verkriech mich in die hinterste Ecke und knurre nur leise, was sogar in meinen eigenen Ohren erbärmlich klingt.
„Na, na Kleiner, du musst doch keine Angst haben..."
Ich kann mich nicht wehren und auch nicht fliehen. Die Katze kommt in den Karton und ehe ich mich versehe, fährt ihre raue Zunge über mein Gesicht.
Ich bin viel zu perplex, als dass ich etwas dagegen zu könnte und lass eine 1A Katzenwäsche über mich ergehen.
Danach bin ich zwar nass, doch irgendwie fühl ich mich doch auch wieder etwas wohler in meiner Haut. Etwas verdattert gucke ich die weisse Katze mit den braunen und getigerten Flecken an und kann es fast nicht fassen, dass ich noch am Leben bin.
„Ach Herzchen, was ist dir denn passiert, dass du so verschreckt bist?", schnurrt sich mich weiter an und drückt sich an mich und da hör ich es wieder, dieses inzwischen nur all zu bekante Geräusch: das Schnurren einer Katze.
Langsam entspanne ich mich und kneife die Augen zusammen, während es neben mir angenehm schnurrt. Seit Tagen hab ich mich nicht mehr so sicher gefühlt, wie in diesem Augenblick und Leila, wie die Katze sich mir vorstellt, weicht auch danach nicht von meiner Seite, sondern zeigt mir erst mal, wo ich was zu Essen bekomm und alleine Schale Milch lässt mich beinahe sabbern.
Leila überlässt mir die ganze Schale, ich muss sehr verhungert aussehen, aber ‚nein' sagen kann ich auch nicht, dafür bin ich in der Tat zu hungrig.
Doch selbst mit Leilas Hilfe wird es die nächsten Tage nicht besser, denn die Menschen sehen Strassenkatzen scheinbar nicht sehr gerne und wo immer wir auftauchen, werden wir schnell wieder verjagt, manchmal sogar mit Sachen beworfen. Irgendwann wage ich mich gar nicht mehr raus und selbst Leilas gutes Zureden hilft nicht mehr so richtig.
„Bleib hier Herzchen", meint sie daraufhin nur zu mir und stupst mich zurück in unseren Karton und will los laufen, um Futter zu besorgen, als wir das Quietschen von Reifen vernehmen, die direkt vor der Strasse hier bremsen.
Ich kenne diesen Wagen und mein Herz beginnt zu rassen, denn ich kenne auch den Mann, der daraus aussteigt mit einem Kescher in der Hand und grimmig drein blickend.
Panisch sehe ich mich nach einem Fluchtweg um, doch das hier ist eine Sackgasse und dass wissen wir alle drei.
Falsch vor sich hin summend kommt der Tierfänger auf uns zu, ignoriert Leilas bedrohliches Fauchen und grinst nur noch dreckiger.
„Kleiner...ich werd ihn ablenken und du lauf, hast du verstanden?"
„Ja, aber ich kann doch nicht..."
"Hast du verstanden?"
„Ja schon, aber Leila..."
"Lauf! LAUF!"
Die Glückskatze schiesst auf den Mann zu, der mit seinem Kescher ausholt und instinktiv nehme ich meine Pfoten in die Hand und laufe was das Zeug hält, so dass er keine Chance hat, mich zu erwischen.
Aber das will er scheinbar auch gar nicht, denn sein Fangnetz schnappt zu und ich sehe aus einem Augenwinkel heraus, wie Leila hilflos darin zappelt und faucht.
Mein Herz blutet, wie es das sonst nur getan hat, wenn Mokuba in Gefahr war und ich weiss nicht, wie ich ihr nun helfen soll. Ich verfluche meinen jetzigen Körper und wünschte ich könnte weinen, doch selbst das ist einer Katze nicht vergönnt.
Ich laufe also weiter bis meine Pfoten schmerzen, aber ich laufe weiter, auch wenn meine Lungen bereits brennen, bis ich einfach nicht mehr kann und an einer Mauer schliesslich stoppe und mich anlehne.
Ich bekomme kaum Luft und selbst durch den geöffneten Mund ist es schwer genug Sauerstoff in meine malträtierten Lungen zu bekommen.
Nur langsam beruhige ich mich und wage ich es, über die Schulter zurück zu blicken und mich umzusehen, wo ich hier denn überhaupt hin gelaufen bin.
Seltsam vertraut kommt mir die Mauer vor und der Lärm, der mich umgibt und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: ich bin in meiner Schule!
