Nick seufzte erleichtert, als er nach Schichtende endlich nach Hause kam, und sei es nur, damit er sich Sachen zum Wechseln holen konnte. Der auffällig unauffällige schwarze Van, der an der Stoßstange von Monroes Käfer klebte auf der Fahrt hierher, war ihm relativ gleich. Auf dem Revier wußten die, die es anging, eh, daß ein guter Freund von ihm krank war. Vielleicht würde es die Ermittler der Inneren Abteilung dazu bringen, über die Anschuldigungen Munters noch einmal nachzudenken.
Nick schloß die Tür auf und schlüpfte in das Haus hinein, das er mit Juliette zusammen bewohnte. Ihr Haus, nicht seins. Aber er mochte es, zeigte es doch deutlich Juliettes Handschrift überall.
Er machte sich nicht die Mühe, die Jacke auszuziehen, sondern lief die Treppe nach oben in den ersten Stock. Da er Juliettes Kombi nicht gesehen hatte vorm Haus, ging er davon aus, daß sie noch nicht da war. Umso besser, mußte er noch keine weiteren Ausflüchte suchen.
Doch kaum war er im ersten Stock angekommen, als er ihre Stimme hörte:
„Nick?"
Er blieb stehen, hin- und hergerissen. Einerseits wollte er Juliette, so wie immer, liebevoll begrüßen und in seine Arme schließen. Andererseits aber hatte er Rosalees Gutmütigkeit wirklich überstrapaziert und er sollte sehen, daß er so schnell wie möglich zu Monroe kam.
„Ich bin im Schlafzimmer", antwortete er schließlich, sich so schnell wie möglich eine Ausrede zusammenbastelnd, während er Juliettes Schritte auf der Treppe hörte.
Er ging ins Schlafzimmer, holte seine alte Sporttasche unter dem Bett hervor und öffnete die erste Schublade der Kommode, in der ein Großteil seiner Kleidung lagerte.
„Hey, was ist denn los?" fragte Juliette.
Nick sah zu ihr hinüber. Sie stand im Türrahmen und beobachtete sichtlich irritiert, wie er einen Stapel Unterwäsche in die Tasche packte.
„Hab deinen Wagen gar nicht draußen gesehen", sagte er lächelnd und trat zu ihr, sie kurz und liebevoll in den Arm nehmend und ihr einen Kuß auf die Lippen hauchend.
Juliette sah zu ihm hoch und runzelte die Stirn. „Das liegt vermutlich daran, daß der Wagen in der Werkstatt ist … ich könnte übrigens das gleiche fragen. Wo ist deiner?"
Nick lächelte tapfer. „Da gibt's ein Problem", ließ er sie wissen.
„Und welches?"
Nick legte letzte Hand an die Lüge, die er sich auf die Schnelle hatte einfallen lassen. „Zimmerman, du weißt, der vom Drogendezernat", begann er dann.
Juliette nickte und ließ zu, daß Nick sich von ihr löste. „Was ist mit ihm?"
Nick zuckte mit den Schultern. „Denen ist plötzlich ein Fall heiß geworden und dummerweise brauchten sie noch jemanden für eine Observation", erklärte er. „Du weißt, er hatte mir schon öfter geholfen."
Juliette nickte und kreuzte die Arme vor der Brust, während sie beobachtete, wie er weiter Kleidung einpackte. „Und das bedeutet?"
Nick ging hinüber zum begehbaren Schrank und holte sich noch zwei seiner Lieblingshemden, ehe er den Reißverschluß der Tasche schloß und sich wieder Juliette zuwandte. „Ich werde ein paar Tage nicht nach Hause kommen." Er zuckte mit den Schultern. „Tut mir leid."
„Aber … die Theaterkarten!" entfuhr es Juliette.
Die Premiere!
Nick schloß die Augen. Verdammt, daran hatte er gar nicht mehr gedacht!
„Tut mir leid", sagte er schließlich.
Juliette trat an ihn heran und sah zu ihm auf. „Kann denn kein anderer übernehmen?" fragte sie.
„Ich fürchte nicht", entgegnete Nick und schüttelte den Kopf.
Juliette lehnte sich an ihn und umschlang ihn mit den Armen.
Nick seufzte wieder.
Er haßte es, daß er sie anlügen mußte. Aber wie sollte er ihr erklären, daß er vorübergehend auszog, damit er Monroe pflegen konnte. Der gleiche Monroe, der Juliette aus dem Tunnel befreit hatte. Der Monroe, den er seitdem tunlichst nicht mehr erwähnte, wollte er doch nicht in Erklärungsnot geraten.
Er schloß Juliette in seine Arme und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. „Tut mir wirklich leid", flüsterte er.
Sie hob den Kopf und ließ sich von ihm lang und liebevoll küssen. „Aber melde dich zumindest zwischendurch", ermahnte sie ihn.
Nick lächelte. „Werde ich auf jeden Fall tun. Und nochmal … wegen des Theaters … ich hab schlicht nicht dran gedacht."
„Paß nur auf dich auf, Nick!" Juliette umschlang seinen Hals mit ihren Armen und drückte seinen Kopf langsam zu sich hinunter, damit sie ihn noch einmal küssen konnte.
Er mußte verrückt sein, ging Nick in diesem Moment auf. Er mußte wirklich verrückt sein, Juliette wegen Monroe sitzenzulassen.
„Werd ich tun", flüsterte er und sah ihr tief in die Augen. „Ich liebe dich, Honey."
Sie lächelte ihn an. „Und ich liebe dich, Nick."
Als er kurz darauf, den schwarzen Van noch immer hinter sich wissend (gut, daß zumindest Juliette ihre Ruhe haben würde vor den Typen aus der Inneren), Monroes Auffahrt hinauffuhr, war er müde.
All die Aufregungen des Tages, Monroe vielleicht sterbenskrank, die Anzeige gegen ihn, Nick, all die Lügen, die sein Kartenhaus mittlerweile eher schlecht als recht zusammenhielten … es zerrte an ihm und laugte ihn allmählich aus.
Nick hoffte, daß die Nacht nicht allzu schlimm werden würde, weder für ihn noch für Monroe. Vielleicht tat es dem Blutbad ganz gut, wenn er ausschlafen konnte. Vielleicht nicht unbedingt Heilung, aber Erleichterung.
Nick joggte den Fußweg zur Haustür hinauf, die sich kurz vor ihm öffnete. Rosalees unschuldige, braune Rehaugen sahen hinaus auf die Straße an Nick vorbei. „Du wirst verfolgt", bemerkte die Fuchsbau. Im nächsten Moment stand sie in ihrer Wesengestalt vor ihm.
Nick drängte sie ins Haus und schloß die Tür hinter sich. „Ja, ich werde verfolgt, und ich weiß das auch. Es ist nicht ..." Er stockte und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und stellte die Sporttasche mit seiner Wäsche zum Wechseln neben sich hinter die Haustür. „Doch, es ist", seufzte er endlich und ließ die Schultern hängen.
„Was ist passiert?" fragte Rosalee mitfühlend, den Fuchs wieder zurückdrängend in sich hinein.
Nick zuckte mit den Schultern, griff wieder nach seiner Tasche und ging an der hübschen Fuchsbau vorbei ins Wohnzimmer.
„Ich hoffe, ich kann die Couch nehmen?" rief er über die Schulter zurück.
Rosalee folgte ihm ins Wohnzimmer und musterte ihn ernst mit gekreuzten Armen. „Was ist los?" verlangte sie zu wissen.
Nick seufzte und stellte seine Tasche neben Monroes Sofa ab, ehe er sich umdrehte und wieder mit den Schultern zuckte. „Nichts weiter", lächelte er.
Rosalee sah ihn scharf an, schärfer als er je geglaubt hatte.
„Eine Zeugin hat mich angezeigt", sagte er schließlich und ließ sich auf dem Sofa nieder.
„Warum sollte sie dich anzeigen?" bohrte Rosalee nach.
Nick zuckte mit den Schultern und starrte vor sich hin.
Wann hatte es begonnen? Warum diese Beschwerde?
Da setzte denn endlich seine Gedankenwelt ein.
„Es ist Munters Tochter Helena", begann er schließlich stockend zu erklären, sich die Brocken selbst irgendwie zusammensuchend. „Monroe meinte, wenn ich es eilig hätte, könne ich ruhig ein wenig drohen Als ich genau das tat ..." Wieder zuckte er mit den Schultern.
Rosalee seufzte. „Du hast sie unter Druck gesetzt, richtig?"
Nick nickte stumm und kniff die Lippen aufeinander.
„Sonst noch etwas?"
Er schüttelte den Kopf.
„Was ist passiert?"
Er zuckte mit den Schultern. „Sie ist zum Commissioner und hat sich dort beschwert. Mit anderen Worten: Renard ist außen vor und ich bin den Höllenhunden der Inneren zum Fraß vorgeworfen worden."
Rosalee seufzte und ließ sich ihm gegenüber nieder. „Und du hast oft genug das Menschengesetz gebrochen, richtig?"
Nick nickte wieder. „Genau das ist das Problem. Meinetwegen können sie mich beschatten, solange ich es weiß, daß sie da sind. Solange aber muß ich den Trailer umgehen und leider nicht nutzen."
Rosalee sah ihn forschend an, nickte dann aber.
Nick runzelte die Stirn. „Du weißt von dem Trailer?"
„Monroe hat es mir verraten … vor einer halben Stunde", erklärte die hübsche Fuchsbau nach einem Blick auf ihre Uhr.
Nick mußte wider Willen schmunzeln.
„Er wollte es nicht", erklärte Rosalee ernst. „Es ist ihm herausgerutscht."
Nick dachte einen Moment lang nach, dann zuckte er mit den Schultern. „Ich vertraue dir", sagte er schließlich und blickte ihr in die Augen.
Rosalee lächelte. „Das solltest du vielleicht nicht", entgegnete sie.
„Warum? Weil du ein Wesen bist und ich ein Grimm? Ich dachte, wir seien über das Stadium allmählich hinaus."
Rosalee seufzte. Es war ihr nur allzu deutlich anzumerken, daß sie Nick und seinem Erbe eigentlich noch einiges hinzuzufügen hatte, aber auch, daß sie schlicht müde war.
Kein Wunder, dachte der junge Grimm, Rosalee war mindestens ebenso lange wach wie er, hatte sicherlich ähnliches durchgemacht und war von ihm dann auch noch in die Pflicht genommen worden, aus der er sie schlicht nicht hatte entlassen können.
„Der Trank nimmt Monroe ein wenig die Schmerzen", begann Rosalee endlich zu erklären, mied jetzt aber Nicks Blick. „Also habe ich ihm noch etwas davon gegeben. Jetzt schläft er, und er sollte auch schlafen."
Nick nickte. „Schon klar", sagte er.
Rosalee strich sich eine Strähne ihres Haares hinters Ohr. „Ich werde mich ein wenig umhören, ob jemand etwas von Blutbaden in oder um Portland herum gehört hat. Aber ..." Sie seufzte und zog die Schultern hoch. Jetzt sah sie doch in Nicks Augen, voller Verzweiflung und Trauer. „... selbst wenn wir Blutbaden finden sollten, ist das noch kein Garant dafür, daß die uns auch helfen können. Nicht alle Wesen sind in Wesen-Medizin bewandert. Soweit ich weiß, sind Heiler unter Blutbaden sogar extrem selten."
„Aber es gibt sie", wandte Nick ein.
Auf dem Weg hierher hatte er einen Plan gefaßt. Vielleicht einen gefährlichen, eingedenk ihres letzten Zusammentreffens, aber er wollte versuchen, Angelina ausfindig zu machen. Soweit er wußte, kannte die Blutbad Monroe am längsten, war mehr oder weniger mit ihm zusammen aufgewachsen und war eine ganze Weile lang seine Lebensgefährtin gewesen. Angelina aber war auch sehr … wild und ungezähmt. Nick erinnerte sich noch sehr genau an ihr erstes Zusammentreffen, als sie ihn durch das Fenster aus seinem Wagen gezerrt hatte und sich gerade daranmachen wollte, ihn zu zerfleischen, als Monroe und ihr Bruder dazwischengingen.
Nick mochte Angelina nicht sonderlich, aber wenn das Leben seines Freundes auf dem Spiel stand, würde er riskieren, erneut gegen sie anzutreten. Außerdem hatte er das Gefühl, daß Monroe durchaus noch Kontakt zu ihr hatte. Ihr Haus jedenfalls wurde regelmäßig besucht, also mußte sie noch in der Gegend sein.
Rosalee musterte ihn sehr genau, als könne sie an seinem Gesicht ablesen, worüber er nachdachte. Hatte Monroe ihr gegenüber seine alte Flamme erwähnt? Nick wußte es nicht.
„Ansonsten solltest du auch versuchen, etwas Schlaf zu finden", sagte sie schließlich mit echter Besorgnis in der Stimme. „Ich komme morgen früh wieder her, so früh wie möglich."
„Schlaf dich aus", entgegnete Nick. „Ich brauche morgen erst um zehn zum Dienst. Also laß dir Zeit."
Rosalee sah ihn wieder an. „Du brauchst auch Ruhe, Nick. Hast du letzte Nacht überhaupt geschlafen?"
„Ein paar Stunden." Er zuckte mit den Schultern. „Kaffee hält mich schon wach, keine Sorge."
„Und was ist mit deinen Verfolgern? Die kommen hier nicht rein, oder?"
„Das dürfen sie nicht. Das hier ist nicht mein Haus, ich bin hier nur zu Gast", entgegnete Nick. „Und bisher haben sie nicht einen Beweis gegen mich, nur eine Aussage derjenigen, die die Anzeige erstattet hat. Die werden schonungslos in meiner Vergangenheit wühlen, ja. Aber sie dürfen nicht an meine Freunde ran."
„Was genau ist zwischen dir und der Geheimniskauz vorgefallen?" fragte Rosalee nachdenklich.
Nick zuckte mit den Schultern. „Nichts, rein gar nichts! Ich habe sie ein wenig unter Druck gesetzt, was den Geheimraum anging, aber ..." Er stockte und griff in seine Jackentasche.
„Was ist los?" Rosalee richtete sich wieder auf.
„Ein Handy! Ich habe dort ein gelocktes Handy gefunden", antwortete Nick. „Ich habs mitgenommen und zur Spurensicherung gegeben."
Rosalee seufzte. „Vermutlich hättest du genau das nicht tun sollen. War sie daran interessiert?"
Nick nickte. „Definitiv. Aber sie kannte es nicht." Er sah zu der Fuchsbau hinüber. „Und wir haben den zweiten Geheimnisraum noch nicht gefunden, wohl aber ein Grundstück, über das sie auch nichts wußte."
Rosalee runzelte die Stirn. „Du denkst, der Geheimnisraum, das Handy und das Grundstück hängen zusammen?"
„Fällt dir was besseres ein?" Er zuckte mit den Schultern.
Rosalee schüttelte den Kopf. „Ich werde auf dem Weg nach Hause darüber nachdenken. Vielleicht fällt mir ja noch etwas ein". Sie erhob sich und wandte sich ab. Dann drehte sie sich doch noch einmal um und sah auf Nick hinunter. „Wo liegt denn dieses Grundstück?"
„Ein Stück hinter Portland Richtung Kalifornien", antwortete er. „Direkt am Fluß."
Rosalee nickte, scheinbar vollkommen in Gedanken versunken. „Gut, dann ..."
„Gute Nacht, Rosalee", lächelte Nick, der selbst eine bleierne Müdigkeit empfand. „Ruh dich aus!"
„Du dich aber auch." Aus irgendeinem Grund kam Rosalee zu ihm und umarmte ihn fest, ehe sie ging.
Nick sah ihr verwirrt nach …
