9.
„Einen wunderschönen guten Morgen Berlin", dröhnte die unerträglich gut gelaunte Stimme eines Radiomoderators in Lisas Träume. Erschöpft aufstöhnend tastete Lisa nach ihrem Radiowecker. Gezielt schlug sie zu und unterbrach so die Staumeldungen. Sie wälzte sich auf den Rücken und rieb sich die Augen. Das war ja schon wieder eine verdammt kurze Nacht, war ihr erster Gedanke.
Gähnend öffnete Lisa ihre Tür zum Balkon. „Wie machst du das bloß?", fragte sie Bruno, der dort stand und die Aussicht genoss. Normalerweise stand Churchill immer neben ihn. Mit den Vorderpfoten an der Balkonbürstung abgestützt – ähnlich wie sein Herrchen, der immer die Arme auf die Brüstung legte, seine Kaffeetasse fest umklammert hielt und vor sich hinträumte. Noch konnte Churchill nicht über die Brüstung sehen, aber so wie er wuchs, war das nur noch eine Frage der Zeit. An diesem Morgen allerdings stand Bruno alleine auf dem Balkon. „Ich konnte nicht mehr schlafen", antwortete Bruno. „Die Tierklinik macht erst in drei Stunden auf", erriet Lisa den Grund für Brunos Sorgenfalten. „Dann kannst du den kleinen Racker abholen. Ich bin mir ganz sicher, er ist dann genauso fit wie vorher." – „Ich weiß. Die Ärzte wollten ihn ja nur zur Beobachtung dabehalten. Trotzdem, wie konnte denn das passieren? Er hat Ecstasy gefressen, Lisa", meinte Bruno traurig. „Er hat es in meinem Büro gefunden. Lisa, das waren nicht meine Pillen." Beruhigend legte Lisa ihren Arm um ihren Bruder. „Ich weiß, Bruno. Genauso wie ich weiß, warum du mittwochs immer so früh Feierabend machst und trotzdem so spät nach Hause kommst. Ich finde es großartig, dass du zu dieser Selbsthilfegruppe gehst und schon so lange clean bist." – „Aber wer hat mir das Zeug dann untergeschoben?", fragte Bruno verzweifelt. „David und Richard haben sich gegenseitig die Schuld zugeschoben. Klar, dass der erste Verdacht auf David fällt – ich meine, probiert hat er es ja schon einmal, aber die Niederträchtigkeit dieser Aktion trägt natürlich Richards Handschrift." – „Darum hast du sie gleich beide suspendiert?!", rang sich Bruno nun doch ein Lachen ab. „Jep, genau deshalb", lachte Lisa. „Und deshalb wird das wieder ein anstrengender Tag. Aber wenigstens können die Zwei so keinen Unsinn anstellen. Aber mal 'was Anderes: Was hältst du von Frühstück?" – „Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages", imitierte Bruno seine Stiefmutter. „Es ist noch Lasagne von gestern Abend da", schlug er Lisa kichernd vor. „Hm, lecker und im Gegensatz zum Aufschnitt kann die noch nicht weglaufen", erwiderte Lisa ebenso ausgelassen. „Ja, und wenn uns keine Lebensmittelvergiftung niederstreckt, holen wir Churchill gleich aus der Klinik." – „Genau, ich freue mich schon auf unser Untier. Das ist seine erste Nacht außer Haus", zog Lisa ihren Bruder auf. „Ich weiß doch genau, dass du, liebe Lisa, nur so tust, als wäre Churchill dir zu viel. Du hast ihn genauso lieb wie ich", konterte Bruno gelassen. „Schon gut, schon gut. Ich gebe es zu, aber für das Geständnis machst du Frühstück."
„Bruderherz, was treibt dich so früh in meine bescheidene Hütte?", fragte Richard selbstgefällig grinsend. „Der Umstand, das wir beide suspendiert sind", erwiderte David und trat an Richard vorbei in dessen Wohnung. „Müsstest du dafür nicht deine Ex bezirzen? Ich kann daran nämlich auch nichts ändern", meinte Richard Angst provokant ruhig. „Ich drehe total am Rad deswegen und du nimmst es einfach so hin. Ich meine…" – „David, David, David", tadelte Richard sein Gegenüber gespielt. „Wir haben eine Schlacht, aber noch nicht den Krieg verloren. Wenn du dich nicht so dämlich angestellt hättest, dann wärst jetzt nur du suspendiert und ich könnte mich weiter um Kerima kümmern." – „Aber ich hatte mit dem Extasy in Lehmanns Büro überhaupt nichts zu tun", echauffierte David sich. „Ich weiß das, du weißt es, aber die Plenske und ihre Mischpoke wissen es nicht. Was glaubst du, warum sie dich sofort verdächtigt hat?" – „Du Schwein hast mich gelinkt." Richards Gesichts verzog sich gekränkt. „Oh, David, das traust du mir zu? Ich habe dir gesagt, dass wir nur so lange gemeinsame Sache machen, wie nötig." – „Noch bist du nicht am Ziel", triumphierte David. „Du auch nicht. Und wenn du dich nicht so entsetzlich blöd angestellt hättest, dann könnte ich mich immer noch um die Show kümmern." – „Was hast du vor?", verlangte David zu wissen. „Meine gute alte Freundin Sabotage und ich, wir kümmern uns schon darum, dass das, was jetzt so Erfolg versprechend aussieht, in einem Desaster endet. Kaffee? Ich war gerade dabei meinen freien Tag mit einem ausgiebigen Frühstück zu beginnen. Willst du etwas mitessen?" Wütend ballte David die Fäuste. „Ich weiß, du fragst dich gerade, warum du ausgerechnet mit mir gemeinsame Sache machst, wo du mich doch eigentlich so hasst. Ich sage es dir, du willst dich für ihre Abfuhr an der Plenske rechnen und du willst Kerima. Deine Rache wirst du kriegen, aber du solltest keinen Gedanken mehr an Kerima verschwenden. Das ist meine Firma und dafür würde ich alles tun." – „Du gehst sogar soweit, Lisas Hund zu vergiften." – „Nun sei doch nicht so sentimental. Es ist ein Hund. Außerdem war das nicht der Plan. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Köter genauso ein Müllschlucker ist wie deine Ex. Die Pillen sollten nur bei diesem Lehmann gefunden werden, damit seine ach so seichte Schwester glaubt, der Stress bei Kerima wäre zu viel für ihn und sie ihn wieder zum Entzug schickt. Dann wäre Schluss mit diesem Schuh-Unsinn gewesen." – „Und wie soll es jetzt weitergehen?", fragte David. „Na dem Köter geht's doch wieder gut." – „Ich meine, wegen der Show." – „Du solltest doch mein Frühstücksangebot annehmen. Dir das zu erklären dauert nämlich."
„So, Herr Lehmann, da ist Ihr Churchill wieder", kündigte die Tierärztin schon von weitem an, denn der Bernhardiner zog sie hinter sich her und sie hatte alle Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Freudig sprang Churchill an seinem Herrchen hoch. „Hallo mein Großer", freute Bruno sich. „War's denn schön in der Tierklinik?" – „Ich glaube nicht", lachte die Tierärztin. „Erst den Magen ausgepumpt bekommen, einen Tropf und einen Einlauf. Das würde Ihnen auch nicht gefallen." Bruno verzog das Gesicht. „In der Tat, das würde mir nicht gefallen. Wie geht es ihm denn jetzt?" – „Ach, eigentlich ist er gut drauf. Es gab keine Auffälligkeiten während der Nacht. Sie haben ihn eben sehr schnell hergebracht. Klar, er war aufgedreht, durch das Extasy in seinem Blutkreislauf, aber es war glücklicherweise sehr wenig. Er ist glimpflich davongekommen. Das hätte böse enden können", erklärte die Tierärztin. „Mit dem Füttern sollten Sie es aber langsam angehen lassen. Der kleine… ähm… naja, so klein ist er ja gar nicht. Er ist ja vollkommen leer. Nicht, dass er zu viel auf einmal herunter schlingt und dann…" – „… kotzen muss. Alles klar, ich achte darauf." Bruno streckte die Hand aus, um nach der Leine zu greifen. „Die Polizei war heute früh auch schon da", begann die Tierärztin sichtlich betreten. „Ich konnte ja kaum Angaben machen, außer, dass Churchill einen gepflegten Eindruck macht, er alle Impfungen und einen Chip hat, was auf einen engagierten Halter deutet, aber ich musste auch sagen, dass er immerhin drei Extasy-Pillen intus hatte." – „Verstehe. Das mussten Sie. Das ist Ihr Job", versuchte Bruno der jungen Ärztin die Unsicherheit zu nehmen. „Es ist ja auch schon so gut wie geklärt, wer die Pillen in meinem Büro deponiert hat. Derjenige wollte ja auch gar nicht, dass Churchill sie frisst, sondern dass ich… sehen Sie, ich war einmal abhängig, aber jetzt bin ich clean und…" – „Sie sollten das nicht zu vielen Leuten erzählen, sonst passiert Ihnen das immer wieder", meinte die Tierärztin kritisch. Bruno nickte. „Ich schätze, da haben Sie Recht", gestand er mit einem zerknirschten Blick auf seinen mittlerweile wieder quietschfidelen Hund. „Ich wünsche Ihnen und Churchill trotzdem alles Gute. Wissen Sie, Sie haben die Verantwortung für diesen Hund und das bewirkt manchmal Wunder." Freundlich lächelnd schüttelte die Tierärztin Brunos Hand, bevor er mit Churchill die Tierklinik verließ.
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