Heute wird ein Wunsch von Anne Fraser erfüllt. Autor der Geschichte ist Caxirta.
Titel: Glockenklang
Autor: Caxirta
Rating: ab 14
Fandom: Harry Potter
Zusammenfassung: Weihnachtszeit (Goldlackwasser + Wichteln) + Hauslehrerkonferenz = folgende Fan-Fiction
Disclaimer: Alle Rechte liegen, wie immer, bei JKR, der wunderbaren Schöpferin der HP-Welt und ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte.
Anmerkung des Autors: Anne Fraser gewidmet
Glockenklang
Es war schon spät, als Minerva McGonagall ihr Büro verließ und in den siebten Stock ging. Wie jedes Jahr, war dort in einem gemütlichen Zimmerchen die kleine Weihnachtsfeier der vier Hauslehrer. Ursprünglich ist es nur ihre Dezember-Besprechung gewesen, doch schnell hatte es sich zu einem kleinen Fest entwickelt. Professor Flitwick war, genauso wie in der Großen Halle, für die Dekoration zuständig, Professor Sprout sorgte dafür, dass die Weihnachtssterne nicht zu früh verwelkten und immer ausreichend Nachschub aus der Küche kam und sie selbst boxte in den ersten Minuten die zur Diskussion stehenden Themen durch. Meistens waren sie bei diesem Treffen nur zu dritt, denn der vierte im Bunde, Professor Snape, hielt von dem Weihnachtsfest nicht viel und hasste den Trubel und die Geschenke.
Damit es trotz allem nicht langweilig wurde, hatten sie sich für dieses Jahr etwas Besonderes ausgedacht. Minerva selbst hatte einige muggelstämmige Schülerinnen darüber sprechen hören und wollte unbedingt mit ihren Kollegen ausprobieren, wie das sogenannte Ekelwichteln funktionierte. Wenn es Spaß machte, würden sie es im kommenden Jahr auch allen anderen Professoren vorstellen, um gemeinsam im Lehrerzimmer diese Art der Geschenkverteilung zu praktizieren. Es war interessant. Man schrieb die Namen aller Beteiligten einzeln auf kleine Zettel, faltete und mischte sie gut und ließ dann alle reihum ziehen. Man musste demjenigen, dessen Namen man bekommen hat, ein Geschenk machen. Nur dieser einen Person – das allein war schon ein riesiger Vorteil! Doch das ist noch nicht alles von dem Spiel. Abgesehen davon, dass geheim bleiben musste, wer wen beschenkte, es musste nicht einmal etwas Schönes sein! Beim Ekelwichteln konnte man den anderen ärgern, ihm etwas unter die Nase reiben oder einfach nur Schabernack mit ihm treiben. Pomona und Filius hatten begeistert zugestimmt, Severus sich seiner Meinung vornehm enthalten.
Anfang Dezember hatten sie gelost und nun, beim Treffen, sollten die Geschenke geöffnet werden.
Als Minerva den gemütlich eingerichteten Raum betrat, waren die anderen beiden bereits anwesend. Sie saßen an einem aus groben Holz geschnitzten Tisch, direkt neben dem Kamin, der angenehme Wärme spendete.
„Minerva, da bist du ja!", quietschte Filius vergnügt und erhob sein Glas.
„Habt ihr schon ohne mich angefangen?"
„Nur keine Vorwürfe, Minerva. Wir sind dir nur ein halbes Goldlackwasser voraus", erwiderte Pomona, die auf der Bank zur Seite rutschte, damit die Verwandlungsprofessorin direkt neben ihr Platz nehmen konnte.
„Was steht auf dem Programm?", erkundigte sich Filius, der ausnahmsweise einen einwandfreien Blick über die Tischplatte hatte. Der Raum war eben perfekt, sowohl von der weit von den Gemeinschaftsräumen entfernten Lage als auch von der Einrichtung. Der Stuhl, auf dem er saß, war wie für ihn geschaffen und er fragte sich immer wieder, warum es ihm nicht möglich war, ihn aus dem Raum mitzunehmen. Irgendeine besondere Magie des Schlosses, schien es zu verhindern.
„Nicht viel", entgegnete sie und spähte auf eine kleine Pergamentrolle, die vor ihr auf dem Tisch lag.
„Ein Glück, dass wir im November schon so viel organisiert haben. Mit der Abreise der Schüler morgen sollte es keine Probleme geben, alle Formalitäten sind erledigt… Es gibt keine Beschwerden über Schüler anderer Häuser-"
„Zumindest keine, die uns betreffen würden", ergänzte Pomona und Minerva lächelte. Ja, es war immer dasselbe. Derjenige, mit dem man über Schülerstreitigkeiten sprechen müsste, war nicht anwesend. Allerdings gab es diesmal wirklich nur eine Kleinigkeit und die würde sie auch in den nächsten Tagen unter vier Augen klären können.
„Ein Hoch darauf!"
Filius erhob sein Glas und die drei Professoren stießen an. Nach ein paar kräftigen Schlucken wandte Minerva sich wieder der Liste zu. Je eher sie fertig waren, desto besser. Es erschienen bereits Platten mit köstlichen Naschereien am Tisch und die Gläser füllten sich von selbst wieder auf.
Gedankenverloren nahm sie sich ein Plätzchen und knabberte daran, während sie über die Noten ein paar besonders schwache Schüler sprachen und sinnierten, wie man ihnen am besten helfen konnte, das Schuljahr zu bestehen.
Eine halbe Stunde später befand sich die Liste wieder zusammengerollt und vergessen unter dem Tisch, die drei Professoren unterhielten sich ausgelassen, jeder bei seinem vierten Goldlackwässerchen. Minerva verzog das Gesicht, als Pomona detailliert über ihr letztes – durchaus überraschendes – Treffen mit Professor Trelawney berichtete. Die Kollegin war vor zwei Wochen zu ihr ins Gewächshaus gekommen und hatte einige Fragen zu besonderen Gewürzen gestellt, die in Pomona den Verdacht erwecken ließen, dass Sybill eine Schnapsdrossel war.
„Das würde einiges erklären…"
„Ja! Immer wenn sie genug intus hat, werden ihre Vorhersagen wahr!"
Sie lachten schallend, stießen auf Sybill an und verloren sich erneut in Gesprächen über merkwürdige Erlebnisse mit ihren Kollegen.
„Jetzt ist aber Zeit für Geschenke!"
„Oh ja!", stimmte Pomona ein und mit einem Wink ihres Zauberstabs verschwanden ihre Gläser.
„Brauchen wir den ganzen Tisch dazu?", fragte Minerva skeptisch.
„Nicht doch, aber dafür brauchen wir jetzt was Richtiges!", erwiderte ihre Kollegin vergnügt und mit einem Flicken ihres Stabs erschienen drei frische Gläser, bereits mit Feuerwhisky gefüllt.
Minerva schmunzelte und ergriff sofort ein Glas.
„Nun denn, auf die Geschenke!"
Sie stießen an und sahen erwartungsvoll zum Christbaum. Darunter erschienen nun vier Päckchen, alle mit einem kleinen Namensschild versehen.
Filius sprang als erster auf und ging hinüber.
„Wie heißt es immer so schön? Der Kleinste beginnt!"
Pomona und Minerva lachten und stimmten ihrem Kollegen zu, der höflich genug war, darauf zu warten, bevor er sein Päckchen nahm und nach kurzem andächtigen Betrachten aufriss. Schnell begriff er, dass es sich um ein Buch handeln musste und als er es endlich komplett ausgepackt in Händen hielt, starrte er auf den Titel. Es war aus der Serie „Hilfe zur Selbsthilfe" und neben der Illustration eines Maßbandes prangte „So werden auch sie ein Großer!"
Die beiden Professorinnen standen auf und gingen zu ihm. Minerva grinste schelmisch über das ganze Gesicht und Pomona musste sich vor lauter Lachen den Bauch halten. Nach der ersten Schrecksekunde musste auch Filius lachen und ein Grinsen blieb auf seinen Lippen hängen.
„Alles Wichtige ist groß genug", schmunzelte er und provozierte damit eine weitere Lachattacke, diesmal konnte auch Minerva sich nicht zurückhalten.
Sie hexten sich ihre Stühle sowie ihre lebenswichtigen Gläser herbei und nahmen direkt neben der Tanne Platz. Während Filius bereits in den ersten Seiten seines Buchs blätterte, wagte Pomona sich an ihr Geschenk. Misstrauisch beäugte sie das unförmig verpackte Päckchen, schüttelte es vorsichtig und klopfte dagegen.
„Es wird dich schon nicht beißen", meinte Minerva, die dieses Trödeln nicht länger ansehen konnte.
„Wer weiß, wer weiß", murmelte Filius und nahm einen großen Schluck Feuerwhisky.
Pomona tippte mit der Zauberstabspitze dagegen und die Schleifen und das Papier fielen ab. Es war wieder ein Buch.
„Gilderoy Lockhart, Hilfe für Zucht und Garten. Von der Abessinischen Schrumpffeige bis zum Zitternden Ginsterbusch."
Pomonas Stimme versagte beinahe, als sie den kurzen Text las und atmete einige Male tief durch.
„Minerva! Du Biest!"
„Bitte?"
„Ich weiß, dass du das warst!", entrüstete sich Pomona und erlitt einen weiteren Kicheranfall.
„Eindeutig, Minerva. Du hast dich verraten", pflichtete Filius bei. Als sie ihn verständnislos ansah, setzte er nach.
„Es ist ganz einfach. Severus wollte genauso wenig mitmachen wie hierherkommen und deshalb hast du uns beide beschenkt. Bücher passen zu dir und da wir beide eins bekommen haben- "
Er sprach nicht weiter und nahm wieder einen Schluck. Seiner Meinung nach war das wohl genug der Erklärung.
Ohne Kommentar bückte sich nun Minerva, um ihr kniehohes Geschenk aufzuheben und machte mit der Verpackung kurzen Prozess. Es war ein kleiner Kratzbaum, von dem eine an einer Schnur verknüpfte Gummimaus baumelte, die bei der geringsten Berührung quietschte. Das seltsame Geschenk betrachtend, stellte Minerva es neben ihren Stuhl und verwandelte sich kurzerhand in eine Katze. Sofort schnüffelte sie an der Maus, machte dann aber einen Bogen um diese und sprang auf die obere Plattform. Diese kippte sofort um und erschrocken schlug Minerva ihre Krallen in den Boden, der gerade eine 90 Grad Drehung gemacht hat. Vergeblich versuchte sie sich wieder hochzuziehen, gab es schließlich auf und rutschte bäuchlings vom Gestell hinunter. Schlagartig richtete sich die Plattform wieder in die Horizontale, so als ob nichts geschehen wäre. Immer noch verschreckt schüttelte Minerva sich und nahm wieder ihre menschliche Gestalt an, während Filius und Pomona sich gegenseitig auf ihren Sesseln stützend prächtig unterhielten.
„Was für eine Darstellung! Bravo!"
Nach einem kurzen, säuerlichen Blick in die Richtung der beiden, stimmte Minerva in das Lachen ein. Es war tatsächlich ein lustiges Geschenk und sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie sie gerade ausgesehen haben musste. Nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, ergriff Pomona als erste das Wort.
„Sollen wir es ihm schicken?"
Nur noch ein Päckchen lag unter dem Baum und war an den einzig fehlenden Hauslehrer adressiert.
„Oder wir geben es ihm zum Frühstück in der Großen Halle", schlug Filius mit listigem Blick vor.
„Da verjagst du ihn nur und er kommt selbst dort nicht mehr hin", seufzte Minerva und musste lachen, als ihr die Hufflepuff eine vielsagende Miene aufsetzte.
„Ja, in Ordnung, geben wir's ihm morgen", lenkte sie ein, „und danke für dein wunderbares Präsent", ergänzte sie mit einer angedeuteten Verbeugung Richtung Professor Flitwick. Dieser tat verständnislos und Minerva gestikulierte ungeduldig mit ihrem Glas. „Der Kratzbaum, Filius, der war doch von dir."
Sofort beherrschte Enttäuschung sein Gesicht. „Jetzt tu doch nicht so, du hast auch sofort gesehen, dass es von mir war…", setzte Minerva nach, nahm wieder Platz und tätschelte den Rücken des in der Mitte sitzenden Kollegen.
„Da hast du recht", erwiderte er wieder mit einem schelmischen Grinsen und bot ihr sofort sein Glas zum Anstoßen an.
„Auf uns!"
„Und was ist mit mir?"
Sie streckten sich, Pomonas Glas klirrte mit den ihren zusammen.
„Auf uns!"
Sie leerten ihre Gläser und sahen versonnen die glitzernden Lichter des Christbaumschmucks an.
„Ich freu mich zu sehen, was er bekommt", sinnierte Filius.
„Das werden wir morgen erfahren", entgegnete Minerva versonnen und stieß vorsichtig mit ihrer Fußspitze gegen ihr Geschenk. Unbewegt hielt die Plattform stand. In dem kleinen Ding steckte eine ungeheure Portion Magie, so ein Kunstwerk konnte nur der gute Filius zu Stande bringen.
Sie saßen still, geradezu andächtig da. Das Holz knackste im Kamin, es war rundum gemütlich, der Raum war erfüllt vom Duft der grünen Zweige und vom Zimt der Kekse. Es war wahrlich Weihnachtsstimmung aufgekommen.
Pomona wandte ihren stolzen Blick von einem in voller Blüte stehenden Weihnachtsstern ab und nippte an ihrem Glas. Sie verschluckte sich beinahe, als die Tür aufgerissen wurde und ein eisiger Luftzug aus dem Gang hereinwehte.
„Severus!"
Lautlos fiel die Tür ins Schloss. Der Hauslehrer von Slytherin grüßte nicht, ging einfach zum Weihnachtsbaum und musterte ihn eindringlich. Wenn es ein Schüler gewesen wäre, hätte er wohl die Flucht ergriffen. Aber so stand er in seiner Schönheit ungetrübt da. Severus Blick fiel auf das letzte Päckchen darunter und seine Augenbrauen schnellten hoch. Jemand hatte an ihn gedacht? Aber nein. Minerva hatte ihm von diesem albernen Spiel erzählt, dem Ekelwichteln. Kein Wunder, dass man etwas für ihn gefunden hatte. Er wusste nur noch nicht, welche Boshaftigkeit sich hinter dem bunten Papier verbarg.
„Das ist für dich", sagte Minerva unnötigerweise. Sie war, wie immer, ihm gegenüber sachlich. Allerdings bemerkte er den rosigen Schimmer auf ihren Backen, der wie bei den anderen Anwesenden bewies, dass es bisher ein sehr ausgelassenes Fest gewesen sein musste. Severus nickte, bückte sich rasch und hob es auf. Nachdenklich wiegte er es in der Hand und stellte fest, dass es zumindest kein Buch war.
„Entschuldigt, dass ich zu spät bin", sagte er schließlich und zeichnete sich einen Stuhl, um neben den anderen Platz zu nehmen. Innerhalb von Sekunden hatte er ein Glas voller Feuerwhisky vor sich schweben, das er dankend annahm. Das Geschenk lag nun beinahe vergessen auf seinem Schoß. Doch die interessierten Blicke der anderen, brachten seine Aufmerksamkeit bald wieder darauf zurück. Etwas zaghaft begann er das Geschenkpapier an den Ecken zu lockern. Dann riss er es vorsichtig an Ende auf und spähte hinein. Er schüttelte einen braunen Karton heraus, öffnete ihn und fand darin Zeitungspapier. Er nahm es heraus, ließ die bisher abgeschälte Verpackung zu Boden fallen und begann, die Bestandteile alter Tagesprophetausgaben abzuwickeln. Das Päckchen wurde immer kleiner und er war sich schon beinahe sicher, dass am Ende gar nichts mehr drin war. Er versuchte, in den Mienen der anderen zu lesen, doch sie sahen ihn alle gleichermaßen neugierig an, tranken und kicherten gelegentlich. Kurz, bevor ihm endgültig der Geduldsfaden riss, kam eine kleine, hübsche Schatulle zum Vorschein. Sie war aus Holz und wurde von schönen Schnitzereien geziert. Einen Moment hielt er inne, um sie sich genauer zu betrachten. Er erwartete eigentlich nichts mehr. Vielleicht war das ja bereits sein Geschenk. Das wäre allerdings nicht besonders eklig. Im Gegenteil, es war dezent, sinnvoll, eigentlich perfekt für jemanden wie ihn, der nichts wollte. Da er nicht fragen wollte und sich sicher war, keine Antwort zu erhalten, klappte er das Kästchen auf. Sofort ertönte das Läuten von Glöckchen. Verdutzt schreckte Severus zurück, als etwas ihm entgegen zischte. Es war nur ein verschwommenes Grün zu erkennen, das um seinen Kopf zischte, während es immer noch so Klang, als ob ein Weihnachtsschlitten durch den Raum fahren würde.
Die anderen sahen genauso überrascht wie er drein. Gerade wollte er fragen, was das eigentlich solle und ob diese Belästigung bald aufhöre, da fiel ihm ein, dass das vielleicht der eklige Teil des Geschenks war. Er suchte gerade die passenden Worte für die angemessenen Beleidigungen zusammen, da hörte es auf. Er sah verwundert auf. Direkt über seinem Kopf schwebte ein kleiner Mistelzweig. Es war absolut still geworden und alle sahen weiterhin auf das Grün. Es rührte sich nicht mehr und auch sonst geschah nichts. Severus sah zu den anderen. Die hatten sich anscheinend bisher bemüht ruhig zu bleiben, denn sie prusteten gleichzeitig los und verloren jegliche Kontrolle. Filius schüttelte sich und stürzte beinahe vom Sessel, Pomona lachte schallend und Minerva kicherte unkontrolliert. Diese geballte Freude brachte selbst Severus Mundwinkel zum Zucken und schließlich lachte er zwar nicht, aber grinste. Er genoss seinen Feuerwhisky und wartete ab, bis die anderen sich so weit beruhigt hatten, dass sie wieder sprechen konnten. Zu diesem Zeitpunkt hievte sich Filius wieder in eine aufrechte Person, Minerva strich sich mehrmals Strähnen aus dem Gesicht und bemühte sich ebenfalls um eine korrekte Haltung. Pomona trocknete sich die Lachtränen mit einem Taschentuch und versuchte immer wieder aufsteigende Kicheranfälle mit ihrem Getränk zu ersticken.
„Was habt ihr bekommen?", fragte er interessiert und sah Minerva direkt an, die sich am besten unter Kontrolle hatte. Sie wies wortlos auf das Gestell neben ihrem Platz.
„Einen Kratzbaum?"
„Einen magischen Kratzbaum", korrigierte sie und bekam einen fragenden Blick zurück. „Ich werde es nicht nochmal vorführen, Severus, aber glaub mir, er ist verhext." Sie schmunzelte und er bereute insgeheim, dass er diese Übergabe verpasst hatte. Aber vielleicht bot sich irgendwann die Gelegenheit, Minerva in ihrer Katzengestalt darauf zu setzen und den Effekt zu beobachten. Zum Beispiel, wenn er die Wette gewann, dass Slytherin den Hauspokal gewinnt. Dessen war er sich sicher und sie würde wie immer dagegen halten. Er nickte und sah weiter zu Filius, der ein Buch hochhielt. Als er den Titel entziffert hatte, die Finger seines Kollegen verdeckten die Hälfte der Buchstaben, schnaubte er. Zuletzt reichte ihm Pomona ihr Geschenk, ebenfalls ein Buch, aber bereits aufgeschlagen.
„Meines ist sogar mit Widmung", kicherte sie.
Severus sah die in violetter Tinte ausladend geschwungenen Wörter und ein Schauder lief ihm über den Rücken. „Für die wunderbarste Hexe auf Erden, in Liebe, Gilderoy", las er vor und schaffte es nicht, die Verachtung aus seiner Stimme zu verbannen. Er gab es Pomona zurück, die es zuklappte und neben ihren Sessel platzierte, vielleicht in der Hoffnung, dass jemand darauf stieg. Dabei konnte er den Titel lesen und wurde lebhaft an die schier endlos scheinenden Minuten erinnert, die er mit Lockharts Geplapper zugebracht hatte. Wie hatte er diesen aufgeblasenen, dummen Menschen verabscheut. Das war das einzige Mal, dass Potter etwas Gutes geschafft hatte, als dieser widerliche Kollege ohne Gedächtnis wieder auftauchte.
„Was sagst du zu deinem Geschenk?", wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Er blickte erneut auf und sah immer noch den Mistelzweig über sich schweben. Er kannte die Bedeutung der Pflanze, doch er wusste nicht, warum sie nun die ganze Zeit wie das Damokles Schwert über seinem Kopf hängen musste. Es würde nichts passieren, er würde allen Frauen ausweichen, sicherheitshalber auch allen Männern und den Schülern sowieso. Er hatte niemanden, mit dem er sich unter einen solchen Zweig freiwillig stellen würde und aus Zwang heraus, würde er es auch nicht tun. Er konnte problemlos über lange Zeit allein sein. Das würde er auch jetzt sein, so lang der Mistelzweig dort war. Denn er war sich sicher, dass dieser mit einem Zauber befestigt war, den er nicht ohne mehrstündige Experimente entfernen konnte. Da war es einfacher zu warten, bis die Wirkung nachließ und sich das Problem von alleine löste.
„Es ist schön grün, danke", antwortete er und neigte anerkennend seinen Kopf. „Es war eine gute Idee", setzte er an Minerva gewandt fort und erhob sein Glas. Die anderen folgten seiner Geste.
„Auf das Ekelwichteln!"
„Auf das Ekelwichteln!"
Gläserklirren und große Schlucke folgten.
„Das war toll!", stellte Pomona vergnügt fest und sprang auf. Sie kam auf Severus mit einladend ausgebreiteten Armen zu und er beschloss, dass Aufgabe die beste Verteidigung war. Er erhob sich ebenfalls. Dann passierte alles rasend schnell. Pomona war ihm viel schneller nah, als es möglich sein sollte, ergriff seine Hände und tanzte mit ihm durch den Raum.
„Das ist doch albern!", lachte Minerva, kam hinzu und fliegend ging der Wechsel vonstatten. Nun lag Minerva in seinen Armen und walzte mit ihm durch den Raum, während Filius und Pomona sich auf etwas Rock'n'Roll-artiges geeinigt hatten.
So verging die Zeit in Windeseile, bis alle außer Atem waren. Severus ging zurück zu seinem Platz, wo er sein Glas gelassen hatte und Minerva folgte ihm sofort. Er setzte sich, sie zog ihren Stuhl heran und saß trotzdem beinahe auf seinem Schoß. Irritiert sah er sie an und sie schien auch etwas verwundert zu sein.
„Pomona!", riefen sie gleichzeitig. Ihre Kollegin kicherte und kam zu ihnen, wohl bedacht von Severus Abstand zu halten.
„Jaaa?"
„Von dir ist das Geschenk."
„Gut erkannt, Severus", lachte sie.
„Was soll das?"
„Es ist ein Mistelzweig- "
„Nicht was es ist. Was soll das, dass Minerva-"
„Scht! Unterbrich sie doch nicht, Severus", unterbrach ihn die Kollegin an seiner Seite.
„Damit du nicht so allein bist, zieht er Menschen an…was du darunter tust ist dann deine Angelegenheit."
„Aber so können wir doch nicht arbeiten!"
„Es sind Ferien!"
„Erst danach geht es wieder weg?"
„Ich fürchte eher", in ihrer Stimme klang wahres Bedauern mit.
„Und was sollen wir jetzt tun?"
„Weihnachten genießen!"
„Aber – Pomona!"
„Ich helf euch ja schon", kicherte sie, machte einen Bogen um Severus und bot Minerva ihre Arme an. Diese nahm sie dankend an und ließ sich von ihrer Kollegin mit einem Aufwand, der normalerweise nicht notwendig gewesen wäre, von Severus wegziehen.
„Siehst du, mit etwas Kraft kommt man gegen den Zauber an", beschwichtigte Pomona den nun böse dreinsehenden Zaubertrankprofessor.
„Es ist schon lustig", gab Minerva zu.
„Es ist furchtbar."
„Das soll es für dich sein. Das ist Ekelwichteln", gab Pomona schnippisch zurück und widmete sich wieder ihrem Glas, in dem nun wie zu Beginn Goldlackwasser schimmerte.
Severus seufzte ergeben. Mit dem Wissen, würden die drei ihn in den kommenden Tagen sicher nicht in Ruhe lassen und sobald die anderen Professoren davon erfuhren – und das würden sie bestimmt, einen auf eine Person fixierten schwebenden Mistelzweig übersah man kaum – würde er überhaupt keine Zeit mehr für sich allein haben. Zumindest tagsüber nicht und davor graute ihm.
„Wir passen schon auf dich auf", schmunzelte Filius. Anscheinend hatte Severus Besorgnis sich in seiner Mimik wiedergespiegelt und sofort bemühte er sich um einen neutralen Gesichtsausdruck.
Er ertränkte seine Antwort in einem kräftigen Schluck Feuerwhisky, woraufhin eine wohlige Wärme sich in ihm ausbreitete.
„Ich denke, es ist Zeit", verkündete Filius überraschend.
„Schon?", ertönte die vorwurfsvolle Stimme von Pomona und kramte eine Taschenuhr aus ihrem Umhang. „Tatsächlich, dann auf, auf, ihr Lieben!" Sie ging zum Fenster und sah sie auffordernd an. Sofort folgten die anderen beiden und Severus ergab sich ebenfalls.
„Was soll das jetzt?"
„Ach, das kennst du nicht. Jedes Jahr nach unseren kleinen Privatweihnachtsfeier hier", ein Kichern unterbrach die Erklärung, „anderer Häuser der Lehrer wünschen wir für's nächste Jahr!"
„Bitte?"
„Pomona, gib das Glas her! Du sagst keine vollständigen Sätze mehr", schimpfte Minerva.
„Ach, egal, es ist doch sowieso immer und ewig das Gleiche…"
„Jeder von uns wünscht einem anderen Hauslehrer etwas Gutes für das nächste Jahr und dann hat jeder noch einen allgemeinen Wunsch frei", erklärte Minerva und trat einen Schritt näher zu Severus. Dieser räusperte sich, erinnerte sich dann aber, dass sie es unabsichtlich getan hatte und ergab sich seinem Schicksal, dass er das Zentrum einer Kuschelorgie werden würde.
„Ich wünsche Slytherin ein Jahr voller Eintracht und das Wissen, dass wir unabhängig unserer Herkunft am Ende alle zusammengehören", sagte Filius als Erster und blickte ernst in die Runde. Er erhob sein Glas und wartete.
„Ich wünsche Hufflepuff den Respekt und die Anerkennungen, die sie sich mit ihren Fleiß verdienen."
„Ich wünsche Ravenclaw weiterhin herausragendes Wissen zu mehren und die Geduld, auch den etwas Schwächeren zu helfen und gemeinsam ans Ziel zu gelangen."
„Ich wünsche Gryffindor … die Einsicht, dass Mut nicht alles ist."
Das vierte Glas kam in die Mitte. Mit einem lauten Klackern, stießen sie zugleich gegeneinander und die Lehrer tranken auf das Wohl ihrer Häuser.
Danach sahen sie gemeinsam aus dem Fenster. Ihre Blicke ruhten auf den verschneiten Ländereien, den Bäumen des Verbotenen Waldes, die eine stille Einheit bildeten und die dunkle Grenze zwischen dem leuchtend weißen Schnee und den dunkelblauen Himmel zogen, von dem die Sterne hinab glitzerten.
Ein friedlicher Moment, an dem die Zeit still stehen konnte.
„Nun, ist's eh egal", brach Pomona als Erste das Schweigen. „Komm", sagte sie an Severus gewandt und zog ihn am Ärmel haltend mit sich. Sie verließen alle gemeinsam das Fenster und setzen sich um den kleinen Holztisch. „Wär schad' das übrig zu lassen", kommentierte Pomona, schenkte allen ein und schob ihnen die Gläser hin.
„Morgen können wir ausschlafen", bekräftigte Filius.
„Und morgen Abend ist die ganze Lehrerschaft eingeladen, also, Severus erzähl, was geht grad bei dir so ab?"
Sie neigten sich alle interessiert vor und Severus konnte nicht umhin, einen Schwank aus seinem Haus zu erzählen.
Noch lange hörte man das Gelächter aus dem geheimen Weihnachtskämmerlein, doch keiner kam daran vorbei, um es zu bemerken. Niemand, außer einem alten Herrn, der kurz darauf schmunzelnd in seinem Bett lag.
