Kerkermond Evolution

Kerkermond Evolution


Hallo, liebe Leser,

gerade fragt mich meine Beta: Wo ist eigentlich die Szene, mit „Wahrheit und Pflicht"?

Tja, was soll ich sagen? Ich habe ein ganzes Kapitel vergessen upzudaten. Es wäre das neunte Kapitel gewesen, vor „Ritual" und nach „Ein letzter Ausweg". Da es nun einmal da ist, will ich es Euch nicht vorhalten, zumal es sein kann, dass einige Leute als Leser neu dazu kommen. Die haben dann das Glück, den Sex zwischen Remus und Lucius in der ‚unkastrierten' Version zu bekommen, mit Vorspiel. Hat ja auch was ;-)

Viel Vergnügen mit diesem unerwarteten (auch für mich!) Update.


9. Wahrheit und Pflicht

Die Stunden verrannen. Remus hörte Malfoy mit den Kindern spielen, und es schien, als habe der Slytherin beschlossen, den Vollmond, die Dementoren und die prekäre Situation, in der sie alle sich befanden, zu ignorieren.

„Warum kommt Remus nicht?" fragte Dhakira im Nebenraum.

„Er ruht sich aus für die Nacht", hörte er Malfoys Stimme, sanft, beruhigend, gelassen.

„Muss er wieder die Dementoren verjagen?" fragte Johari.

„Einer muss es tun", erwiderte Malfoy, und Remus konnte das Lächeln in seiner Stimme hören.

Malfoy, das stand fest, war ein grandioser Schauspieler und verfügte über ein gerüttelt' Maß an Selbstbeherrschung.

Remus warf einen Blick zum Fenster hinaus. Die Sonne würde in etwa einer Stunde untergehen, und bis zum Mondaufgang blieb ihnen danach mit Glück eine weitere, bevor die Verwandlung ihm jeden Sinn für Vernunft rauben und der mordlüsternen Bestie in seinem Inneren Bahn brechen würde.

Lucius beschäftigte sich indes mit poetischen Themen. Der Slytherin verfügte über eine Gabe, Geschichten zu erzählen, die selbst Remus in den Bann schlug.

„Dornröschen", klang es an sein Ohr, „lief die Treppe hinauf. Noch nie war sie in diesem Teil des Schlosses gewesen."

„Das saß die böse Fee mit dem Spinnrad", flüsterte Dhakira, ganz im Bann des Märchens.

„So erzählen es die Muggel", sagte Malfoy. „In Wahrheit hat sich Dornröschen nicht gestochen, sondern die Fee war eine Hexe, und sie zog ihren Zauberstab und sprach den Todeszauber über die Prinzessin. Doch als die bösen Worte aus ihrem Mund kamen, stellte die Hexe erstaunt fest, dass sie nicht ‚Avada kedavra' gesagt hatte, sondern etwas anderes."

„Was denn?" fragte Babu atemlos.

„Es war ein Schlafzauber, der sehr sanft ist und wunderschöne Träume macht", antwortete Malfoy sanft. „Wollt ihr wissen, wie er geht?"

„Ja", piepsten zwei Kinderstimmen.

Remus sprang auf und hastete zur Tür. Merlin, es bestand kein Zweifel, Malfoy würde die Kinder töten. Tatsächlich hatte der Slytherin den Stab auf die drei Kleinen gerichtet, als Remus den Nebenraum erreichte. Doch er kam zu spät.

Somniare!"

Die Körper der Kinder erschlafften und sanken gegeneinander, Malfoy beugte sich über sie und zog die Decke glatt, so dass sie warm eingewickelt waren.

„Was haben Sie getan?" keuchte Remus.

„Kennen Sie nicht das Kinderlied, Lupin? ‚Dornröschen, schlafe hundert Jahr'? Was haben Sie gedacht? Dass ich die Kinder umbringe? Wenn ich das jemals gewollt hätte, wären sie seit zwei Tagen bereits tot, und Sie dazu."

Er fixierte sein Gegenüber. Sein eisgrauer Blick bohrte sich fast spürbar in Remus' Gesicht.

„Merlin, Sie haben es wirklich geglaubt, nicht wahr? Sie haben mich doch gesehen mit diesen Kindern, Lupin. Seit zwei Tagen versuche ich, ihnen etwas von dem Grauen in diesem Kerker zu nehmen, und dennoch glauben Sie, ich könnte am Ende alles mit einem hingeworfenen Todesfluch beenden?" Der Ärger in seiner Stimme war überdeutlich. Malfoy wandte sich ab und starrte aus dem Fenster.

„Aber es ist ja auch viel einfacher so, nicht wahr? Welchen Grund sollte es geben, einem Todesser zu vertrauen, warum sollte man sich als ‚edler' Gryffindor die Mühe machen, die Absichten eines Slytherin zu hinterfragen? Sie, Black, Potter und der ganze Orden um Dumbledore, ihr haltet uns ohnehin für Abschaum, den man am besten gleich mit einem Fluch ausradiert. Da ist es völlig unnötig, einen Blick hinter die Maske zu werfen."

Remus stand wie erstarrt. Die Erkenntnis traf ihn mit erbarmungsloser Härte, dass es aus Malfoys Perspektive genau so aussah, wie dieser es eben geschildert hatte. Noch bevor Remus etwas sagen konnte, hatte Malfoy die Zelle durchquert und stand direkt vor ihm und sah ihm ins Gesicht.

„Sie sind der letzte Mensch, den ich jetzt berühren möchte, Lupin. Aber ich werde alles tun, das in meiner Macht steht, um diesen Kindern das Schicksal, das der Dunkle Lord ihnen zugedacht hat, zu ersparen."

Er beugte sich vor, und seine Lippen streiften über Remus' Mund, nicht flüchtig, aber kurz. Rau und verkrustet, als Resultat der Prügel, die Malfoy von seinen ‚Freunden' Crabbe und Goyle erhalten hatte, hinterließen sie ein seltsam fremdes, aber nicht unangenehmes Gefühl.

Wortlos beobachtete Remus den anderen Mann, wie er mit sorgfältiger Sprucharbeit eine der zerschlissenen Decken in eine behelfsmäßige Matratze verwandelte. Er spürte, wie sein Herz zu rasen begann. Es fiel ihm nicht schwer, sich seine Angst einzugestehen. Malfoy machte ernst, eine Möglichkeit, die Remus nicht wirklich ernsthaft in Betracht gezogen hatte, obwohl die Alternative so unendlich grausam war.

Es stimmte, er hatte damit gerechnet, dass Malfoy ihn eher töten würden als dem Ritual zuzustimmen, und er hatte sich damit abgefunden. Alles in Remus schrie danach, dieser Situation zu entkommen. Er konnte seine Seele nur ein einziges Mal verschenken, und ganz sicher war Lucius Malfoy weder annähernd der perfekte Kandidat noch war dieser Kerker die Art von romantischer Umgebung, die Remus sich als junger Mann ausgemalt hatte.

Diese Verbindung würde ihnen beiden nichts als Leid bringen, und vermutlich einem von ihnen am Ende den Tod. Doch der Zauberbann beinhaltete die Chance, die drei Kinder zu retten. Es gab keine andere Entscheidung als die, die Malfoy bereits getroffen hatte. Sterben und sich gegenseitig zur Hölle hexen konnten sie hinterher immer noch.

Zögernd machte Remus ein paar Schritte auf das Lager am steinernen Boden zu.

„Es ist Ihr Ritual, Lupin", sagte Malfoy hart. „Wie geht es weiter?"

„Wir … sollten die Kleider ablegen, denke ich", sagte Remus. Seine Stimme zitterte so sehr wie seine Hände, als er nervös am Verschluss seiner Robe herumnestelte.

Evanesca", sagte Malfoy lässig, und mit einem Schwung des Stabes waren Remus' Kleider verschwunden. „Bringen wir es hinter uns", fügte er hinzu und reichte Remus den Stab.

Kälte drang an Remus' Haut. Er legte den Stab zur Seite und zog sich fröstelnd seinen mit Magie notdürftig geflickten Umhang um die nackten Schultern.

„Malfoy", sagte er leise, „es wird nicht funktionieren, wenn es sich für uns anfühlt wie eine Vergewaltigung. Der Zauber verlangt Ihren Namen auf meinen Lippen, wenn ich zum Höhepunkt komme, und den meinen auf Ihren. Erst dann kann ich den Biss ansetzen. Es ist ein Liebesakt, falls Ihnen dieser Ausdruck etwas sagt."

Die Augen des Slytherin verengten sich zu Schlitzen.

„Liebe hat etwas mit Freiwilligkeit zu tun", zischte er.

„Ich weiß", sagte Remus, jetzt deutlich ruhiger. „Wir haben uns aus freien Stücken entschlossen, diesen Weg zu wählen, und nicht den anderen. Ich lebe, die Kinder leben, und Sie hängen nicht am Fensterkreuz. Ich gebe zu, der Rahmen für unseren freien Willen ist eng gesteckt. Es liegt leider nicht in meiner Macht, dies zu ändern."

Malfoy sah Remus an, fast eine Minute schwieg er. Dann schloss er die Augen, nickte schließlich und erhob sich, um seine Hose abzustreifen. Knapp auf Armeslänge von Remus entfernt ließ er sich wieder auf die Matratze sinken.

Diesmal war es Remus, der sich nach vorne neigte, dem anderen entgegen, und behutsam seine Lippen berührte. Malfoy zuckte nicht zurück, wie er es getan hatte, als Remus am Vortag versucht hatte, seine Nase zu richten, aber er erwiderte den Kuss auch nicht. Stattdessen spürte Remus seine Hände auf seinen Schultern, seine Fingerspitzen, die auf seiner Haut sanft kleine Kreise beschrieben und sich vorsichtig an der Seite seines Halses nach oben arbeiteten.

Remus schloss die Augen und versuchte, Zeit und Raum aus seinen Gedanken zu verbannen. Die Kinder schliefen fest, von Malfoys Traumzauber betäubt, um sie brauchte er sich keine Sorgen zu machen für den Moment.

‚Sirius', dachte Remus. ‚Wenn es Sirius wäre, könnte ich es ertragen.'

Sie waren niemals intim gewesen in all den Monaten, die Grimmauldplatz ihrer beider unfreiwilliges Gefängnis gewesen war, aber sie hatten einander ein Maß an Nähe gestattet, dass doch über eine Freundschaft hinaus ging. Doch Sirius war von Bellatrix' Fluch hinter den fürchterlichen Vorhang in der Mysterienabteilung geschleudert worden, und Malfoy hatte nicht eben geringen Anteil daran.

Nein, der Gedanke an Sirius war keine Hilfe, im Gegenteil. Es tat weh und machte Remus zornig und traurig. Je mehr er darüber nachdachte, desto wütender wurde er.

Erst Malfoys Aufschrei holte ihn schlagartig in die Realität zurück.

„Verflucht, Lupin, ist es nicht ein bisschen früh dafür?"

Malfoy hielt sich mit einer Hand die Schulter, und als Remus ihn verständnislos ansah, zog er den Arm weg: Deutlich zeichnete sich der Abdruck von Remus' Zähnen auf Malfoys heller Haut ab.

„Du hast Sirius auf dem Gewissen!", knurrte Remus, schlug Malfoy mit der Faust ins Gesicht und war binnen Sekunden über ihm. Er presste Malfoy gegen die Matratze, drückte ihm mit seinem ganzen Gewicht die Oberschenkel auseinander und krallte seine Fingernägel in die Wunde, die das Dunkle Mal hinterlassen hatte.

Malfoy stöhnte auf und versuchte, sich zu befreien, doch Remus, so nah am Mond viel stärker als sonst und voller unterdrückter Aggression, ließ nicht nach. Malfoy allerdings war keiner, der so schnell aufgab. Mit Zähigkeit und enormem Geschick gelang es ihm nach minutenlangem, stummem Ringkampf, an den Zauberstab zu kommen, der neben der Matratze lag.

Remus bemerkte es erst, als er das kühle Holz auf der Haut spürte, und von dem Druck ausgehend einen brennenden, zunächst noch leichten Schmerz, dort, wo das Silber im Stab seine nackte Haut berührte.

„Lass los und benimm dich endlich wie ein Mensch, Lupin", keuchte er. „Sieh mich an!"

Remus hielt inne und starrte in die grauen Augen seines Gegenübers, dessen Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt war.

„Es lag niemals in meiner Absicht, Sirius zu töten. Ich bin an diesem Tag nur für Pettigrew eingesprungen, weil der Idiot sich eine Magen-Darm-Grippe gefangen hatte. Ich habe versucht, an die Prophezeiung zu kommen, ja. Aber ich wollte, dass Potter sie heraus gibt, ohne Kampf. Ich glaubte, er würde nachgeben, wenn ich das Weasleymädchen bedrohe. Leider ist Potter immer für eine Überraschung gut."

Remus knurrte, und Malfoy zog den Zauberstab ein Stück zurück.

„Sirius' Tod war allein das Werk von Bellatrix."

„Du redest dich heraus!" schrie Remus ihn an.

„Natürlich tue ich das", zischte Malfoy. „Was würdest du tun, mit einem Irren im Bett?"

Er ließ zu Remus' Erstaunen den Zauberstab sinken. Remus starrte ihn an, diesen schlanken, blonden Mann mit dem zerschlagenen Gesicht und den Blutergüssen auf dem gesamten Körper. Auf Malfoys Wange zeichneten sich dunkelrot und blau die Knöchel von Remus' Faust ab.

Nichts unterschied diese Wunden von denen, die die Todesser Malfoy beigebracht hatten.

Remus schüttelte entmutigt den Kopf. „Das hier wird nicht funktionieren", sagte er.

Malfoy warf einen Blick in Richtung der Kinder.

„Doch, Lupin. Es muss und es wird."

Mit einer komplizierten Bewegung des Zauberstabes beschwor er eine Flasche aus der Luft.

„Rotwein?" fragte Remus verblüfft.

„Chateau Rothschild, 1966. Stand oben im Büro im Schrank."

Malfoy lächelte ein feines, hintergründiges Lächeln, das ganz sicher für den privaten Bereich reserviert war. Er klopfte mit dem Stab auf die Flasche, und der Korken sprang heraus. Auf sein ‚Accio' sauste der Zinnbecher heran. Er füllte ihn und reichte ihn dann Remus.

„Auf die Kinder. Cheers."

Remus witterte vorsichtig an dem Wein. Das Bouquet war makellos. Es war zweifellos der beste Tropfen, den er je zwischen den Fingern gehabt hatte.

Er nahm einen Schluck, ließ das feine Aroma über die Zunge gleiten und trank den Becher dann bis zur Neige.

Malfoy schenkte ihm nach.

„Was ist mit Ihnen?" fragte Remus.

„Ich kenne diesen Wein schon. Sie haben ihn nötiger als ich."

„Ich will nicht allein trinken", sagte Remus. „Wollen Sie mich betrunken machen?"

Malfoy zuckte die Schultern und nahm einen Schluck.

„Ist es nicht so, dass Caniden keinen Alkohol vertragen?", meinte Malfoy. „Aber nein, es sollte Ihnen lediglich diese…Angelegenheit erleichtern."

Remus atmete tief durch. Wenn er geglaubt hatte, dass sich das Ritual wie von selbst vollziehen würde, sobald sie sich einig waren, so hatte er sich geirrt. Wie berührte man einen völlig fremden Menschen, dem man nicht einmal wirklich vertraute? Auch in schwierigsten wirtschaftlichen Zeiten – und es hatte einige davon gegeben in Remus' Leben – hatte er sich niemals verkauft.

„Wahrheit oder Pflicht?" fragte Malfoy unvermittelt.

„Was?" fragte Remus irritiert.

„Ein Partyspiel", erklärte Malfoy. „Sie müssen wahrheitsgemäß eine Frage beantworten oder die Pflicht erfüllen, die man Ihnen auferlegt. Wir wechseln uns ab." Er lachte leise. „Sie sind ohnehin im Vorteil. Wahrheit und Pflicht sind typische Gryffindor-Stärken."

„Was haben Sie in Slytherin gespielt? Lüge und zügelloses Vergnügen?" entgegnete Remus.

„Ist das die erste Frage?" erkundigte sich Malfoy. „Dann wähle ich Wahrheit. Slytherins spielen es genau so wie Sie, aber die Wahrheit hat bei uns viele Facetten."

„Das ist nur ein elegantes Synonym für Lüge", stellte Remus fest.

„Sei es wie es sei", erwiderte Malfoy kryptisch. „Also gut, Lupin. Wahrheit oder Pflicht?"

Remus nahm noch einen Schluck Wein. Dies war wirklich ein traumhafter Tropfen.

„Wahrheit", erwiderte er. Reden war allemal besser als etwas mit Malfoy tun zu müssen.

Sekunden später bereute er die vorschnelle Antwort.

„Dann sagen Sie mir: Waren Sie und Sirius Black ein Paar?"

Malfoys Blick schien beinahe amüsiert, als Remus sich entsetzt verschluckte. Er spürte, wie ihm die Röte in die Wange stieg.

„Es ist keine besonders gute Idee, über Sirius zu sprechen", sagte er ausweichend.

„Sie haben ‚Wahrheit' gewählt. Sie müssen antworten", erinnerte Malfoy. „Falls es Ihnen die Antwort erleichtert, ich mochte Sirius. Er war der Lieblingscousin meiner Frau, auch wenn die Beziehung im ersten Krieg schlechter wurde. Davor gab es einige wilde gemeinsame Partys."

Remus sah erstaunt auf. „Sirius hätte davon erzählt", widersprach er Malfoy.

„Hätte er das?" schoss Malfoy zurück. „Er und ich hätten Severus Snape einmal fast in einer Schüssel Kürbisbowle ertränkt, wussten Sie das?"

Remus schüttelte den Kopf. Aber das sah Sirius zumindest ähnlich. Er hatte schon immer eine unüberwindliche Rivalität und eine enorme Abneigung gegen Severus gehegt.

„Es erschien ihm vielleicht nicht klug, seinen Gryffindorfreunden von den Ausschweifungen seiner Slytherinfamilienpartys zu berichten", ergänzte Malfoy.

Remus antwortete nicht. Aber er neigte beinahe dazu, Malfoy zu glauben.

„Wann war das?" fragte er.

„Auf Cissys und meiner Verlobung", erwiderte Malfoy.

Remus goss Wein in den Zinnbecher nach.

„Ich erinnere mich, dass er dort hin wollte. Aber er hat nie über dieses Fest gesprochen."

„Verständlich. Er hat die Nacht mit Roweena Crabbe verbracht – sie war gerade einmal drei Wochen verheiratet. Sirius waren solche Nebensächlichkeiten stets egal. Regeln interessierten ihn nicht."

„Das stimmt allerdings", gab Remus zu.

Er musste lächeln beim Gedanken an Sirius, wie er damals gewesen war: unbeherrscht, spontan, großzügig und so lebenshungrig, als müsse er die Abenteuer für ein ganzes Leben in wenigen Jahren konsumieren. Bitter, dass er im Nachhinein genau so gekommen war. Die kurzen Jahre nach der Schule…ihnen folgten nur noch Askaban, die Flucht und ein Jahr eingesperrt im Grimmauldplatz.

„Sie schulden mir noch eine Antwort, Lupin." Malfoy sah ihn abwartend an.

„Wir waren…sehr eng befreundet", erwiderte Remus schließlich.

Malfoy sagte: „Also schön, belassen wir es dabei."

Remus war dankbar, dass der Slytherin nicht weiter in ihn drang.

„Wahrheit oder Pflicht?" fragte er.

„Wahrheit, für den Anfang", erwiderte Malfoy.

„Das Dunkle Mal – warum haben Sie es genommen?" fragte Remus.

Malfoy sah erstaunt aus. „Was ist das für eine Frage? Ich dachte, das sei allgemein bekannt. Mein Vater war ein Gefolgsmann des Dunklen Lords. Ich nahm das Mal, als ich Hogwarts verließ. Es war eine Frage der Familieehre, ein Nein war keine Option."

„Hätten Sie abgelehnt, wenn es ohne Konsequenzen möglich gewesen wäre?"

Remus fragte sich, ob Malfoy diesen leichten Ausweg, besser dazustehen, Verantwortung abzuschieben, annehmen würde.

Doch er hatte sich getäuscht. Der Slytherin schüttelte den Kopf.

„Oh nein. Ich war sehr stolz, dass der Dunkle Lord mir vertraute. Ich war achtzehn und mit Abstand der Jüngste in einem illustren Kreis mächtiger Zauberer von altem Blut." Er lachte leise. „Sie sollten verstehen, Lupin: Ich habe den Idealen des Dunklen Lords niemals abgeschworen. Er hat sich von mir abgewandt, weil ich nicht mehr bereit war, seinen Befehlen Folge zu leisten. Ich bin kein Kandidat für den Phönixorden."

„Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, Ihnen eine Mitgliedschaft anzutragen", sagte Remus kühl.

„Wahrheit oder Pflicht?" beendete Malfoy das Thema.

„Wahrheit", wählte Remus.

„Angenommen, Sie könnten sich eine Öffnung in dieser Mauer erkaufen – sagen wir mit dem Tod eines Hauselfen. Würden Sie es tun?"

Malfoys Blick hatte etwas Lauerndes.

Remus schluckte hart.

„Nehmen wir einen, der nicht besonders nett ist – Kreacher zum Beispiel", setzte Malfoy nach.

„Ich glaube nicht, dass diese Frage uns dem Zweck dieses…dieses ‚Spiels' näher bringt", sagte Remus ausweichend.

Malfoy lachte, es klang böse und bitter.

„Das reicht mir als Antwort. Natürlich würden Sie Kreacher opfern, Lupin. Ich sehe, das sogenannte Gute ist auch nur eine quantitative Abstufung des gewöhnlichen Bösen."

„Wahrheit oder Pflicht?"

Remus wollte ganz sicher nicht länger bei dieser philosophischen Diskussion bleiben, die zu nichts führen würde.

„Wahrheit. Wir werden der Pflicht am Ende ohnehin nicht entgehen", sagte Malfoy.

Remus nickte. Eine Frage beschäftigte ihn, aber er zögerte. Malfoy hatte zweifelsohne eine Lektion verdient, doch er war nicht sicher. Schließlich siegte seine Neugier.

„Warum hat Sie-wissen-schon-wer Ihre Frau getötet?"

Remus bereute die Frage sofort, als er Malfoys Gesichtsausdruck war. Der Slytherin war von einem Moment zum nächsten leichenblass geworden, seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen gepresst und in seinen grauen Augen stand eine Mischung aus Angst und Schmerz, die Remus den Atem raubte.

„Pflicht", keuchte Malfoy.

„Es tut mir Leid", sagte Remus hilflos und reichte Malfoy den Becher mit dem letzten Wein.

Malfoy trank aus und warf den Becher mit aller Kraft an die Wand, was ein schepperndes Geräusch erzeugte.

„Die Sonne geht unter", sagte er leise.

„Ich weiß", erwiderte Remus. „Kommen Sie zu mir. Das ist Ihre Pflicht. Jetzt."

Solange Remus denken konnte, war er derjenige gewesen, zu dem alle kamen, die dringend des Trostes bedurften. Warum die Menschen sich dafür einen wie ihn aussuchten, dem das Schicksal härter mitgespielt hatte als den meisten anderen, war ihm lange ein Rätsel gewesen. Vielleicht lag eines der Geheimnisse darin, dass sie sich stets damit beruhigen konnten, dass es ihm zumeist schlechter ging als ihnen selbst, zumindest mittelfristig. Die Folge war in jedem Fall, dass Trost zu spenden ihm zu einer zweiten Natur geworden war. Selbst einen Feind wie Malfoy jetzt festzuhalten, erwies sich als einfach.

Der Slytherin weinte nicht, aber er rang um Beherrschung.

Behutsam legte Remus ihm die Arme um die Schultern. Irgendwie mussten sie einen Anfang finden. Und tatsächlich wehrte sich Malfoy nicht, auch nicht, als Remus begann, ihn zu küssen und seine Hände in den jetzt kinnlangen blonden Haaren zu vergraben. Dabei gab sich Remus keine Mühe, die Wunden auf Malfoys Lippen und in seinem Gesicht auszusparen. Im Gegenteil, ihm physisch wehzutun machte das Geschehen ambivalenter – einfacher. Der Wolf war nicht mehr fern, und Remus spürte die Wut und Aggression der eingesperrten Bestie. Sie mussten sich langsam beeilen, der Mond würde in weniger als einer Stunde aufgehen.

Ob Malfoy seine Hast und Sorge spürte, konnte Remus nicht sagen, doch plötzlich stöhnte er vor Schmerz auf. Malfoy hatte ihn in die Unterlippe gebissen.

„Sieh an, wer hätte gedacht, dass der Zugang zu deiner Erregung über Schmerz läuft, Werwolf", flüsterte Malfoy an Remus' Ohr.

„Nenn mich nicht…so", keuchte Remus, doch als er Malfoys Hand in seinem Schritt spürte, wich er nicht aus, sondern drängte sich ihm entgegen. Als der Slytherin seine Finger um Remus' Glied schloss, und ihn ein Zittern durchlief, wusste er, dass es begonnen hatte.


Fortsetzung folgt

Wenn ich eine Anmerkung machen darf, ich bin froh, dass wir diesen Fehler mit dem vergessenen Kapitel gefunden haben. So wird es viel, viel runder! Ich mag dieses Kapitel gerne. Es ist das erste Mal, dass man wirklich etwas mehr über Lucius erfährt.