Kapitel 9: Familienzusammenkunft

Paige war sich nicht sicher, ob sie ihren eigenen Ohren trauen konnte. Hatte Chris gerade tatsächlich gesagt, er sei Pipers Sohn? Ihr Neffe? Die Zeit schien für einige Sekunden still zu stehen und niemand rührte sich, bis Piper plötzlich aus ihrer Starre erwachte.

Sie hatte den jungen Mann zuerst nur ungläubig angesehen, aber nun zog sie Chris in ihre Arme und drückte ihn so fest an sich, wie sie nur konnte. Überrascht durch diese wohl unerwartete Geste, erwiderte er ihre Umarmung zuerst nur zögerlich, aber so langsam schien er sich an die ungewohnte Situation zu gewöhnen.

Ohne, dass sie es bemerkte, rannen Paige die Tränen über die Wangen, während sie so dastand und Mutter und Sohn beobachtete. Es war, als würden sie sich jetzt zum ersten Mal seit langer Zeit wieder begegnen und in gewisser Weise war es ja auch so, zumindest was Chris betraf.

Er hatte sein Gesicht in Pipers Haaren vergraben und nur das gelegentliche Beben seiner Schultern deutete darauf hin, dass er immer noch weinte. Die Älteste der Mächtigen Drei strich ihm sanft über den Rücken und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das Paige nicht genau verstand, um ihn zu beruhigen.

Leise, um die beiden nicht zu stören, verließ diese den Dachboden und ging nach unten. Kurz überlegte sie, ob sie Phoebe jetzt sofort von der Neuigkeit berichten sollte; die Empatin hatte sich zwar schon schlafen gelegt, aber sie wäre sicher nicht sauer dafür geweckt zu werden. Eher im Gegenteil. Aber sie würde sicher sofort mit Chris reden wollen und er und Piper brauchten nun wirklich etwas Zeit für sich.

Vermutlich würde Phoebe beleidigt sein, dass sie es als Letzte erfuhr, aber dieses Risiko würde Paige eingehen.

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Minuten waren vergangen, bis sich Chris endlich aus den Armen seiner Mutter löste. Etwas verlegen versuchte er sich die Tränen aus den Augen zu wischen, aber das war gar nicht so einfach, da immer wieder neue nachkamen.

Er konnte spüren, dass seine Mutter ihn ansah und in diesem Augenblick verfluchte er wirklich den Umstand, dass er sie nicht sehen konnte. Nicht in ihre Augen blicken konnte, um sich zu vergewissern, dass sie glücklich über ihre Entdeckung war. Sie hatte ihn umarmt, ja, aber er wollte den Ausdruck auf ihrem Gesicht sehen können um sicher zu sein, dass sie es ernst meinte.

Piper musste ihm seine Zweifel angesehen haben, denn sie legte nun sanft eine Hand auf die Wange ihres Sohnes und sprach in einem so liebevollen Tonfall, wie Chris ihn nur von seiner Mum aus der Zukunft gewöhnt war. „Was hast du? Was bedrückt dich?"

Der junge Mann biss sich nervös auf die Unterlippe. Er war sich nicht sicher, ob dies wirklich der richtige Augenblick war, um es zur Sprache zu bringen, aber er hatte seit er hier war schon genug Lügen erzählt. Jetzt war es langsam Zeit für die Wahrheit.

„Es tut mir leid, dass ich dir und den anderen so viel Kummer bereitet habe. Was ich gestern gesagt habe, dass Wyatts Bruder tot sei…, ich wünschte ich könnte es ungeschehen machen, aber…"

„Ist schon gut, Chris. Glaub mir, so traurig ich auch war, und ich hatte das Gefühl, mein Herz würde zerbrechen, dieser Moment ist mehr als eine Entschädigung dafür." Sie machte eine kurze Pause, bevor sie weiter sprach.

„Ich hatte gedacht, du seiest tot…" Bei diesen Worten ließ Chris schuldbewusst den Kopf hängen, aber Piper hob ihn sanft wieder an.

„Nein, du verstehst nicht. Ich meine gestern, als du diesen verdammten Zauber gesprochen hast. Als wir auf den Dachboden kamen lagst du mit offenen Augen auf dem Boden und warst so blass, dass ich sicher war, du seiest tot. Ich hätte es nicht ertragen können dich zu verlieren, selbst als ich noch nicht wusste wer du bist." Die Hexe strich unbewusst eine Träne von ihrer Wange während sie das Gefühl der Nähe zwischen sich und ihrem Sohn genoss.

In den vergangenen Tagen war ihm so viel zugestoßen und doch hatte er bis zu diesem Augenblick keinen von ihnen wirklich an sich heran gelassen. Das war eine Eigenschaft, die Piper schon früh an dem jungen Mann aufgefallen war, er behielt seine Probleme stets für sich und bat niemals für sich selbst um Hilfe.

Aber ob er es sich eingestehen wollte oder nicht, jetzt war er auf die Hilfe von ihr und ihren Schwestern angewiesen. Nun da sie den Spruch kannte, den er ausgesprochen hatte, sollte es nicht schwierig sein, einen Gegenzauber zu schreiben, aber um sicher zu gehen würde sie bis morgen früh warten und die Macht der Drei nutzen.

Es war immerhin schon mitten in der Nacht und Piper hatte bemerkt, dass Chris immer noch eine leicht erhöhte Temperatur hatte. Es war besser, wenn er sich noch ausruhte, schließlich war er – mal wieder – nur knapp dem Tod entkommen. Ein deutlicher Hinweis dafür, dass er wirklich ein Halliwell war.

Bei diesem Gedanken musste die Hexe lächeln und gab dem jungen Mann vor ihr einen sanften Kuss auf die Stirn, bevor sie sich von ihrem Platz erhob. Ohne darüber nachzudenken griff Chris nach ihrem Arm, als er spürte, wie Piper sich von ihm zurückzog. Es war, als hätte er zum ersten Mal seit acht Jahren wieder eine Mutter und er wollte nicht, dass sie ihn sofort wieder verließ, selbst wenn sie nur aus dem Raum gehen wollte.

Er wusste, dass er sich kindisch benahm, aber in diesem Moment war ihm das egal, er wollte jetzt nur nicht wieder allein sein.

Piper sah den hilflosen Ausdruck in Chris' Gesicht und konnte nicht anders als seiner stillen Bitte nachzukommen und wieder auf dem Sofa Platz zu nehmen.

„Es ist spät, Liebling, du solltest versuchen noch etwas zu schlafen, immerhin bist du von einem Wächter der Finsternis verwundet worden und hast noch Fieber." Wie um dies zu beweisen legte Piper ihm die Hand auf die Stirn und nickte leicht als sie merkte, wie warm diese war.

Chris hielt immer noch den Arm der Hexe fest, wie um sicher zu gehen, dass sie nicht plötzlich in Luft auflöste. In der ganzen Zeit die er bei ihnen war hatte der junge Mann nie so verletzlich gewirkt, wie in diesem Augenblick. Auch seine Stimme war ungewohnt sanft, beinahe schon schüchtern.

„Bleibt… bleibst du noch etwas?"

„In Ordnung." Piper hatte keine Sekunde gezögert und half Chris nun sich wieder zurück auf die Kissen sinken zu lassen, wobei sie bemerkte, wie geschwächt er immer noch war. Die Aufregung der letzten Minuten hatte seine Müdigkeit kurzzeitig vertrieben, aber nun war sie wieder voll da und der Wächter des Lichts bemühte sich vergeblich noch länger wach zu bleiben.

Piper saß neben ihm auf dem Sofa und beobachtete, wie ihr Sohn sich entspannte, seine Atmung flacher wurde und er langsam ins Reich der Träume überdriftete. Gerade als sie dachte, er sei eingeschlafen hielt seine Stimme sie doch noch einmal zurück.

„Mum?"

„Ja?"

„Ich liebe dich." Lächelnd strich Piper ihm einige Haarsträhnen aus dem Gesicht, bevor sie sich noch einmal zu dem jungen Mann hinunter beugte und ihm einen Kuss auf die Stirn gab.

„Ich liebe dich auch, Schatz."

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Mum! Ich bin wieder zuhause!"

Hallo Liebling. Na, wie war die Schule?" Piper Halliwell war gerade aus der Küche gekommen und umarmte ihren jüngsten Sohn liebevoll.

Ganz okay. Adam, ein Junge aus meiner Klasse, hat am Samstag Geburtstag und hat mich zu seiner Party eingeladen. Kann ich hingehen? Bitte?" Der etwa zehn Jahre alte Junge sah seine Mutter erwartungsvoll und mit strahlenden Augen an. Es war deutlich zu erkennen, dass er sich schon sehr auf die Feier freute und am Boden zerstört sein würde, sollte sie es verbieten.

Natürlich kannst du hingehen, Chris. Ist dein Bruder auch eingeladen?" Piper war schon wieder in die Küche gegangen um ihrem Sohn das Essen vorzubereiten, daher sah sie nicht den widerstrebenden Ausdruck in seinen Augen.

Nein, er hat nur Leute aus unserer Klasse eingeladen." Nach kurzem Zögern fügte er noch hinzu, „Wo steckt Wyatt überhaupt? Hatte er heute nicht früher Schluss als ich?"

Piper, die gerade dabei gewesen war, Teller auf den Küchentisch zu stellen, hielt kurz in ihrer Bewegung inne und bemühte sich dann, Chris bei ihrer Antwort nicht in die Augen zu sehen.

Nun, Leo war vorhin hier. Er hatte nicht viel Zeit und da du noch nicht hier warst, sind er und Wyatt alleine los." Jetzt sah sie doch in die Augen ihres Sohnes und war traurig über die Enttäuschung die sie darin sah. „Mach dir nichts draus, Liebling, sie unternehmen bestimmt nichts Besonderes. Und beim nächsten Mal, wenn er etwas Zeit findet, werdet ihr bestimmt alle zusammen etwas unternehmen. Ganz sicher." Sie lächelte ihren Sohn an, in der Hoffnung ihn damit etwas aufzuheitern und tatsächlich wich sein mürrischer Gesichtsausdruck bald einem kleinen Lächeln. Chris wusste nicht wie, aber irgendwie schaffte seine Mutter es immer ihn aufzumuntern. „Na komm, lass uns erstmal essen. Ich hab dir dein Lieblingsessen gemacht." Daraufhin wurde das Lächeln auf dem Gesicht des kleinen Jungen sogar noch etwas breiter.

Erschrocken schlug Phoebe Halliwell die Augen auf als sie aus ihrem Traum erwachte.

„Oh, mein Gott!", war alles, was sie flüsternd hervor brachte.

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„Piper! Paige!" Noch im Pyjama kam Phoebe die Treppe hinunter gerannt und rief dabei aufgeregt nach ihren Schwestern. Sie musste ihnen unbedingt sofort erzählen, was sie geträumt hatte.

„Wir sind hier in der Küche.", kam sofort Pipers Antwort und innerhalb weniger Sekunden stand die Empatin vor den beiden Hexen, wild mit den Händen gestikulierend, während sie versuchte den Grund ihrer Aufregung in Worte zu fassen.

„Ich muss euch etwas erzählen; also ich weiß gar nicht, ob ich es überhaupt sagen darf, aber ich kann das einfach nicht für mich behalten." Sie machte eine dramatische Pause, um die Bedeutung ihrer Neuigkeit zu unterstreichen, erntete aber nur verwirrte Blicke von ihren Schwestern, weshalb sie mit einem Seufzen fort fuhr. „Also, es geht um Chris, er.."

„Ist er okay? Sein Zustand hat sich doch nicht wieder verschlechtert, oder?", wurde sie von Piper hektisch unterbrochen. Nun war es an Phoebe, ihre Schwester verwirrt anzusehen, aber mit einem Kopfschütteln fuhr sie fort.

„Nein, es geht ihm gut. Das nehme ich zumindest mal an, denn ich war gar nicht bei ihm." Sie atmete tief durch, wie um sich innerlich darauf vorzubereiten, Piper diese schockierende Nachricht zu überbringen.

„Also, was ich eigentlich sagen wollte: Ich habe geträumt und Chris kam darin vor und er… Nun, wie soll ich das sagen, er… nun, er ist…" Ein Lächeln schlich sich auf Pipers Gesicht, als sie erkannte, worauf Phoebe hinaus wollte. Sie bemühte sich, möglichst gelassen zu wirken, als sie nun den Satz ihrer Schwester beendete.

„Mein Sohn?"

Wie versteinert sah die Empatin ihre Schwester mit offen stehendem Mund an, zu überrascht um etwas zu erwidern, bis ihre Lippen schließlich ein stummes ‚Oh' formten.

„Du weißt es also." Nach einer Sekunde fügte sie sichtlich enttäuscht hinzu „Wieso weißt du das schon? Woher?"

Jetzt konnte sich auch Paige ein Lachen nicht verkneifen, als sie Phoebe, die immer noch geschockt war, dass ihre Überraschung doch keine mehr war, eine Tasse Kaffee in die Hand drückte und sie dann hinüber zum Küchentisch führte um sich zu setzen. Dann klärten sie und Piper ihre Schwester über die Geschehnisse der vergangenen Nacht auf und wie sie hinter Chris' wohl best gehütetes Geheimnis gekommen waren.

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„Er muss wirklich Angst gehabt haben, es uns zu sagen." Meinte Phoebe langsam, während sie gedankenverloren über den Rand ihrer Kaffeetasse schaute.

„Wie meinst du das?" Piper sah ihre Schwester fragend an, was diese dazu brachte sich zu ihr umzudrehen, einen mitfühlenden Ausdruck im Gesicht.

„Nun, er war eher bereit blind zu bleiben, als uns zu verraten wer er wirklich ist. Das spricht doch wohl für sich, meinst du nicht?" Piper nickte lediglich stumm und für ein paar Minuten blieb es still im Raum, während jede der drei Hexen ihren Gedanken nachhing. Doch schließlich wurde die Stille von Paige unterbrochen.

„Wann wirst du es Leo sagen?" Geschockt sah die älteste zu ihrer kleinen Schwester hinüber. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht.

„Nun, bestimmt nicht allzu bald. Leo ist oben bei den anderen Ältesten in Sicherheit und so soll es auch bleiben. Es war schon hart für ihn einen Sohn zurück zu lassen, da muss er sich nicht noch zusätzlich Gedanken um Chris machen müssen." Im Grunde war das alles, was Piper zu dem Thema sagen wollte, aber Phoebe ließ natürlich nicht so einfach locker.

„Also, irgendwann wirst du es ihm sagen müssen. Jetzt, wo ihr nicht mehr zusammen seid, könnte Chris schließlich ein kleines Problem bekommen, wenn du und Leo nicht in nächster Zeit…", unschlüssig hob die Empatin die Hände, nicht sicher, wie sie es taktvoll ausdrücken sollte, „na du weißt schon..."

Paige hingegen zog es allerdings vor, das Problem direkt beim Namen zu nennen.

„Wenn ihr beide ihn nicht bald aktiv werdet und ihn zeugt."

Pipers Gesicht hatte eine deutlich rötere Färbung angenommen, als ihr plötzlich etwas einzufallen schien und sie vorsichtig eine Hand auf ihren Bauch legte. Sichtlich peinlich berührt aber auch überrascht sah sie nun mit großen Augen abwechselnd ihre Schwestern an.

„Nun, vielleicht habe ich…, bzw. haben wir dieses Problem sogar schon gelöst." Sekundenlang sahen Phoebe und Paige ihre Schwester nur verwirrt an, bis ihnen klar wurde, was diese damit meinte.

„Ooooh," war das einzige, was Paige in diesem Moment dazu einfiel, während Phoebe geschockt die Hände vor den Mund schlug.

„Du meinst du bist… schwanger?"

„Ich weiß es nicht. Vielleicht. Schon möglich."

Unschlüssig sah Piper immer wieder von ihrem Bauch zu ihren Schwestern und schließlich nach oben in Richtung des Dachbodens. Sie war ziemlich überwältigt von der Neuigkeit gewesen, dass der junge Mann aus der Zukunft ihr Sohn war und fing gerade erst an sich daran zu gewöhnen, aber der Gedanke, dass sie womöglich bereits mit ihm schwanger war, machte die Situation nicht gerade einfacher. Wenn sie denn überhaupt wirklich schon schwanger war.

Ein Vorschlag von Paige war es, was sie schließlich wieder aus ihren Gedanken riss.

„Wir sollten es Chris sagen. Immerhin wäre das dann eine Sache weniger um die er sich Sorgen machen müsste." Piper sah ihre jüngere Schwester geschockt an. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein.

„Bist du verrückt? Ich sage doch meinem Sohn nicht, was sein Vater und ich letzte Nacht gemacht haben. Das wäre einfach nur…" sie hob abwehrend die Hände, „buä!"

„Okay, okay, ist ja schon gut. War ja nur ein Vorschlag."

„Wenn ich sicher bin, dass ich wirklich schwanger bin, werde ich es ihm sagen, nicht vorher. Möglicherweise ist ja auch nichts passiert und ich werde nichts davon erwähnen bis ich sicher bin." Sie machte eine kurze Pause um ihre Gedanken zu ordnen und sich wieder an das zu erinnern, was jetzt die größte Priorität hatte. Chris war immer noch blind.

„Wir sollten das Thema erst mal vergessen und uns wieder auf das konzentrieren, was jetzt wichtig ist. Jetzt, wo wir den genauen Zauberspruch kennen, den Chris benutzt hat, können wir leicht einen Gegenzauber sprechen. Ich habe ihn bereits geschrieben, aber ich wollte lieber auf Nummer Sicher gehen und die Macht der Drei nutzen, also lasst es uns am besten sofort tun. Je früher mein Sohn wieder sehen kann, desto besser."

Piper stand entschlossen auf und verließ die Küche Richtung Dachboden, ihre Schwestern direkt hinter ihr. Nach allem, was geschehen war, hatte sie letzte Nacht keinen Schlaf finden können und noch eine halbe Ewigkeit an einem Zauberspruch gearbeitet. Er musste perfekt sein, schließlich wollte sie keine bösen Überraschungen mehr erleben und im Endeffekt war sie mit dem Ergebnis durchaus zufrieden. Es sollte alles wie geplant funktionieren.

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Das Geräusch von Schritten und der Duft von Kerzen war es, was Chris aus seinem Schlaf aufwachen ließ. Er brauchte einen Moment zur Orientierung, als plötzlich die Erinnerungen an die Ereignisse der vergangenen Nacht zurückkehrten. Sein Geheimnis war gelüftet worden und Piper wusste nun wer er war. Aber was am wichtigsten war, sie schien glücklich über ihre Entdeckung gewesen zu sein.

Chris musste unwillkürlich lächeln, als er an ihre Umarmung dachte und daran, dass sie gesagt hatte, dass sie ihn lieben würde.

Sein Lächeln machte aber bald darauf einem verwirrten Ausdruck Platz, als ihm die Geräusche um ihn herum wieder bewusst wurden. Vorsichtig richtete er sich auf und fragte mit noch ziemlich verschlafen klingender Stimme:

„Was ist los?"

Die drei Hexen waren gerade damit beschäftigt, einen großen Kreis aus Kerzen aufzustellen, als sie die Stimme des Wächters des Lichts hörten.

Piper ging sofort zu ihm hinüber um ihm zu erklären, was sie vorhatten und ihm beim Aufstehen zu helfen. Schließlich war seine Anwesenheit innerhalb des Kreises erforderlich.

„Guten Morgen, Liebling." Piper ging vor der Couch in die Hocke um ihren Sohn in die Arme zu schließen. „Deine Tanten und ich wollen einen Zauber sprechen, der dir hoffentlich deine Sehkraft wieder zurückgibt. Wir haben schon Kerzen aufgestellt." mit einem Lächeln fügte sie noch hinzu, „Du bist sozusagen der einzige, der noch fehlt."

Sie legte sanft eine Hand auf Chris' Rücken um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein, aber dem jungen Mann war es wichtig, nicht völlig hilflos zu erscheinen.

„Danke, aber es geht schon." Seine Beweggründe richtig deutend, zog Piper ihre Hand zurück und ergriff schließlich nur zögerlich den Arm ihres Sohnes um diesen zum Kreis hinüber zu führen, nachdem er aufgestanden war.

Als Chris innerhalb des Kerzenrings stand, zündete Paige die letzten Kerzen an und die drei Hexen bezogen mit gleichem Abstand zueinander Stellung außerhalb des Kreises. Piper stand direkt vor dem Wächter des Lichts und sah ihm noch ein letztes Mal besorgt ins Gesicht, bevor sie mit dem Spruch begann und ihre Schwestern ihrem Beispiel folgten.

„Die uralten Mächte rufen wir
Denn euren Beistand braucht es hier
Der Wunsch ist erfüllt, nun lasst nicht länger missen,
Was diesem jungen Mann entrissen.
Nehmt die Dunkelheit hinfort
Und erleuchtet ihm wieder diesen Ort."

Noch während die Hexen den Zauber sprachen, konnte Chris spüren, wie die Magie zu wirken begann. Seine Augen kribbelten beinahe unerträglich und Piper konnte sehen, wie sie regelrecht zu leuchten schienen.

Plötzlich wurde dem jungen Wächter des Lichts furchtbar schwindelig und er konnte nur hoffen, dass dies lediglich eine kurze Nebenwirkung des Zaubers und nichts Besorgniserregendes war; aber so oder so fiel es ihm immer schwerer sein Gleichgewicht zu halten. Schließlich musste er sich langsam auf die Knie sinken lassen um nicht aus Versehen aus dem Kreis zu treten.

Seine Mutter beobachtete das Geschehen nahezu krank vor Sorge und am liebsten wäre sie sofort an seine Seite geeilt, aber zuerst mussten sie den Zauber beenden. Nachdem sie allerdings die letzen Worte gesprochen hatte, konnte sie nichts mehr zurückhalten und innerhalb einer Sekunde kniete sie auf dem Boden vor Chris, bemüht seinen Kopf anzuheben, um sein Gesicht sehen zu können.

„Chris, ist alles in Ordnung? Bitte, sag' was."

Die Besorgnis in ihrer Stimme brachte Chris schließlich dazu, den Kopf zu heben. Er hatte Tränen in den Augen, aber er lächelte und erwiderte fest den Blick seiner Mutter. Lachend hob er eine Hand und strich sanft über Pipers Wange, als hätte er noch nie etwas Schöneres gesehen, als sie.

„Hey, mum."

tbc