- Kapitel 9 -

Claude Bligh

„Hallo Winona", begrüßte Toireasa ihre Freundin, als sie sich schon früh am Morgen vor dem Krankenflügel trafen. „Brauchst nicht reinzugehen. Ich hab mir gerade Madame Pomfreys Geschimpfe über undankbare Kinder anhören müssen. Anscheinend hat sich Tarsuinn in der Nacht still und leise abgesetzt."

„Und? Wo ist er hin?"

„Keine Ahnung. Madame Pomfrey schien aber überhaupt nicht groß besorgt zu sein, was ich mal als gutes Zeichen werte. Ich schätze, sie wollte es mir nicht sagen, aber sie weiß genau, wo er ist. Wahrscheinlich hat sie die Bilder oder Geister auf ihn angesetzt und wollte es nicht zugeben."

„Und wo suchen wir dann nach ihm?"

„Bei dem großen Schloss, dem Wald und Hagrids Hütte? Das ist eine Nadel im Heuhaufen."

„Und was wäre dein Vorschlag?"

„Geduldig warten, bis er sich bequemt aufzutauchen?"

„Du weißt, er wollte am ersten Abend mit Professor Dumbledore sprechen. Ich bin mir sicher, er hat das trotzdem gemacht und wenn es ihm nicht gefallen hat, braucht er vielleicht unseren Zuspruch, Hilfe, Gesellschaft… was auch immer. Du weißt schon!"

„Er wird schon auftauchen. Lass uns doch einfach essen gehen. Vielleicht hatte er ja Hunger, weil er gestern nicht am Festessen teilgenommen hat."

„Dem ist sein Magen doch meist egal", zwinkerte Winona ironisch. „Ganz im Gegensatz zu dir."

„Und? Ist das ein Verbrechen?", beschwerte sich Toireasa. „Warum musst du mich immer damit aufziehen?"

„Das ist der pure Neid", gestand Winona. „Ich hab gestern zugesehen, wie du von allen guten Sachen probieren konntest, während ich schon nach der Hälfte die Flagge streichen musste."

„Samuel sagt immer, ich hätte einen Schakalmagen. Stimmt ja irgendwie, ich kann mich voll stopfen, wenn es sich lohnt, und ein wenig zurückstecken, wenn es nicht so schmeckt."

„Hier in Hogwarts schmeckt es doch eigentlich immer und niemand meckert, wenn man das gekochte Gemüse liegen lässt. Ich wette eher, du hast ´nen Bandwurm."

„Das hätte Madame Pomfrey schon längst bemerkt. Es ist doch nur so… ach, da ist ja unser Vermisster."

Die beiden Mädchen hatten die Große Halle erreicht und schauten nun auf einen anscheinend schlafenden Tarsuinn am Ravenclaw-Tisch. Natürlich konnte das nicht sein, denn in der Halle war es absolut ruhig, aber zumindest hatte er die Arme auf dem Tisch verschränkt und den Kopf darauf gelegt. Toireasa zögerte einen Augenblick, doch Winona kannte da weniger Hemmungen. Von Tikki war weit und breit nichts zu sehen.

„Geh Madame Pomfrey die nächsten Tage aus dem Weg", sagte sie und setzte sich neben den Jungen. „Sie mag keine ungezogenen Patienten."

„Mir doch egal", brummte er und hob den Kopf. Jetzt konnte Toireasa sehen, dass unter seinem Ohr ein Buch lag.

„Mies drauf heute, oder?", fuhr Winona einfach fort. „Wir werden Peeves schon entsprechend dafür büßen lassen. Inzwischen wissen wir doch, wie wir ihn kriegen können."

„Ach, Peeves", winkte der Junge ab. „Wen interessiert der schon?"

„Ist es das Buch?", fragte Toireasa vorsichtig.

„Eigentlich nicht", sagte Tarsuinn undeutlich. „Zumindest nicht sehr."

„Und was ist es dann?"

Für einen Augenblick wurde Tarsuinns Gesicht völlig ausdruckslos, doch das gab sich zum Glück relativ schnell und er kehrte zu seinem frustrierten Ausdruck zurück. Eine Emotion war bei ihm ein besseres Zeichen als keine Emotion.

„Ach, was soll's. Bevor wir wieder mit der Anschweigenummer anfangen, erzähl ich es lieber", murmelte er. „Wir sind doch noch allein, oder?"

„Hier hängen keine Bilder und Geister sehe ich auch nicht", erklärte Winona verschwörerisch.

„Gut, dann hören es nur die Richtigen, dass ich heute Nacht was ziemlich Blödes gemacht habe."

„Und was?", drängte Winona, obwohl Tarsuinn die Pause nur zum Luft holen brauchte.

„Ich hab Patsy angeschrien und rausgeworfen, ich Idiot."

„Du hast was?", fuhr Toireasa ihn unbeabsichtigt laut an.

Der Junge zuckte richtiggehend vor ihr zurück und sein Mund verzog sich schuldbewusst.

„Ich weiß ja selbst, wie doof das war. Aber als ich herausfand, dass sie keine Hogwarts-Elfe ist, hab ich einfach…"

„Sie ist eine", unterbrach Toireasa. „Sie hatte die passende Uniform an."

„Eine Uniform ist ein Stück Stoff, kein Beweis", meinte Tarsuinn nur. „Keiner der Elfen hier kennt sie und außerdem hat sie mir gesagt, dass sie einen anderen Meister hatte."

„Einen anderen Meister?", brachte Toireasa nur erschrocken heraus.

„Ich glaub, sie meinte den so genannten Wohltäter, obwohl ich sie nicht richtig ausreden gelassen habe. Ich bin vorher ausgeflippt."

„So richtig?", stellte Winona die Frage, die sich Toireasa gerade noch verkneifen konnte.

„Nein", sagte Tarsuinn und ein gequältes Lächeln umspielte seine Lippen. „Eigentlich seltsam, aber es ist nichts durch Magie zu Bruch gegangen. Keine Ahnung, wieso."

„Vielleicht, weil du sie trotzdem sehr magst", vermutete Toireasa.

„Das weiß ich nicht mehr", gestand der Junge düster. „Ich meine, gerade ich sollte wissen, dass Hauselfen nur einen eingeschränkten Willen haben und auf Befehl Sachen machen, die falsch sind. Ich dachte, man sollte niemals sie, sondern den Zauberer dafür zur Verantwortung ziehen. Aber gestern, als es mich selbst betraf, da hab ich auch Patsy Vorwürfe gemacht. Vielleicht tue ich ihr damit Unrecht, aber sie hätte sich dagegen wehren sollen. Immerhin wollte sie, dass ich ihr Meister werde."

„Nicht dein Ernst!", staunte Winona. „Wie soll das gehen? Sie kann doch nicht zwei Meistern dienen."

„Sie sagte, sie wäre jetzt frei", erklärte Tarsuinn und schien nachzudenken. „Sie sagte auch, sie hätte mich nur beschützen sollen und sie nannte ihren Meister Klauenhand…"

„Den Namen hab ich noch nie gehört", warf Toireasa stirnrunzelnd ein.

„Der Narr in meinen Träumen hat meist eine Klauenhand. Ich durfte sogar miterleben, wie er sie bekommen hat."

„Aber warum sollte Patsy dich beschützen? Hätte sie dich nicht entführen müssen?"

„Wenn ich ihr Angebot angenommen hätte, dann hätte ich sie das fragen können", fluchte Tarsuinn genervt. „Aber so kann ich nur vermuten, dass vielleicht der Spender passen muss und vielleicht ist das wie bei einer Knochenmarksspende nicht sehr wahrscheinlich."

„Was ist eine Knochenmarksspende?", fragte Toireasa.

„Eine Muggelheilmethode für Leukämie", erklärte Winona. „Was dir wahrscheinlich auch nix sagt. Im Grunde bedeutet es nur, dass die Chancen, außerhalb der Familie jemand Passenden zu finden, extrem unwahrscheinlich ist. Eins zu ein paar Millionen, oder so."

„Verstehe", murmelte Toireasa. „Wenn Tarsuinn also für diesen Mann besonders wichtig ist, weil vielleicht kaum zu ersetzen, dann macht es Sinn, ihn zu beschützen. Nur seltsam, dass es gerade Patsy war. Sie ist doch so ungeschickt."

„Vielleicht war das nur gespielt", vermutete Winona.

„Oder sie hat andere Talente", ergänzte Tarsuinn. „Wisst ihr, ich habe auch darüber nachgedacht. Spätestens am Ende des ersten Schuljahres muss der Narr erfahren haben, dass ich in Hogwarts bin, und Patsy ist im zweiten Jahr dann aufgetaucht. Erinnert ihr euch an den Dementor im Zug? Ich hab ihn nicht verletzt, Lupin-san auch nicht. Was, wenn Patsy es war? Ich meine, ihr habt doch selbst gesagt, dass Hauselfen extrem magische Wesen sind, mit dem Urteilsvermögen eines sechsjährigen Kindes. Vielleicht können sie wirklich Dementoren fertig machen, wenn sie wollen."

„Davon habe ich noch nie gehört", schränkte Toireasa ein, die den Gedanken an so viel Macht ein wenig beunruhigend fand.

„Aber hast du denn überhaupt je von einem Versuch gehört?", fragte Winona, der der Gedanke gar kein Unbehagen zu bereiten schien. „Ich zumindest nicht. Wisst ihr, ich hab mich immer gewundert, warum Hauselfen der Besitz und die Nutzung eines Zauberstabes verboten ist. Sie haben schon ohne das Ding ´ne Menge drauf. Wäre echt spannend, was sie mit einem Stab anstellen könnten."

„Oder auch gefährlich", gab Toireasa zu bedenken.

„Hab dich nicht so", lachte Winona. „Wir haben bis jetzt Tarsuinns Gegenwart überlebt, da sollte eine durchgeknallte Hauselfe ein Kinderspiel sein."

„Wärest du bitte so freundlich, so was nicht in meiner Gegenwart zu behaupten", grinste Tarsuinn erstaunlicherweise. „Es wäre mir deutlich wohler, wenn du mich nicht als die größte Bedrohung in deiner Nähe empfinden würdest."

„Dich empfinde ich gar nicht als gefährlich", behauptete Winona fest. „Nur alles, was in deiner Umgebung geschieht. Einhörner, Dementoren, Geister, nicht zu vergessen die Wilde Jagd. Du musst zugeben…"

„Pssst!", unterbrach Tarsuinn. „Jemand kommt!" Er legte den Kopf lauschend schräg und entspannte sich dann sichtlich. „Es ist nur Professor Dumbledore."

„Fein", freute sich Toireasa. „Dann können wir ja ihm gleich alles erzählen."

„Ich halte das nicht für eine so gute Idee", war Tarsuinn dagegen, aber an Winonas Blick konnte Toireasa erkennen, dass es zwei zu eins in den Meinungen gegen ihn stand.

Nun hörte auch sie Schritte näher kommen und als diese die Eingangstür erreichten, stellte sich zum hundertsten Male heraus, wie perfekt Tarsuinns Gehör funktionierte.

„Oh, die üblichen Verdächtigen", murmelte der Professor, nachdem er einen kurzen Blick in den Saal geworfen hatte.

„Guten Morgen, Professor", grüßten alle drei Kinder fast gleichzeitig und Toireasa sprang sogar höflich auf. „Hätten Sie eine Minute für uns?"

Es war nur ein kurzes, neugieriges Blitzen in den Augen des Mannes zu sehen, dann kam er mild lächelnd näher.

„Guten Morgen auch euch dreien. Bin ich denn am Tisch willkommen?", fragte er übertrieben zurückhaltend und ging die Tafel auf der gegenüberliegenden Seite bis zu ihnen hinunter.

„Natürlich", erwiderte Winona, während Toireasa nicht das Recht hatte, auf diese Frage zu antworten. Dies war der Ravenclaw-Tisch. „Wer sollte Ihnen dieses Recht absprechen?"

„Ich weiß nicht. Vielleicht Tarsuinn?"

„Ich werde mich ganz sicher nicht auf eine Diskussion einlassen, die ich nicht gewinnen kann", meinte der Junge unleidlich. „Ich freue mich also, wenn Sie sich zu uns setzen."

„Gesprochen wie ein verheirateter Mann", lachte der Professor. „Sehr weise."

„Rückgratlos", murmelte Tarsuinn.

„Lobenswert", lachte Winona. „Nehmen Sie doch bitte Platz, Professor, und dann sagen Sie uns bitte, ob Sie eine Hauselfe namens Patsy kennen?"

„Sollte ich?", erkundigte sich der Direktor interessiert. Zu Toireasas Erstaunen war es dann doch Tarsuinn, der die Frage ausführlich beantwortete. Still beobachtete sie das Gesicht des alten Mannes, sofern es nicht hinter dem Bart verborgen war. Im Großen und Ganzen begrenzte sich dies somit zwar nur auf Mund und Augen, aber besonders die Augen konnten sehr ausdruckstark sein. Er sagte nichts, er unterbrach Tarsuinn nicht, aber bei der Erwähnung der Klauenhand runzelte er die Stirn. Erst als der Junge sich selbst zum wiederholten Mal der Dummheit bezichtigte, weil er das Angebot der Hauselfe nicht angenommen hatte, sagte der Professor etwas.

„Du solltest dir wohl überlegen, so etwas anzunehmen", formulierte er eindringlich. „Auch wenn es die meisten Hauselfen todunglücklich macht in Freiheit zu leben, so musst du dir auch überlegen, was dies für eine Verantwortung bedeutet und ob du ihr damit wirklich einen Gefallen tust. Hauselfen sind keine Haustiere, auch wenn leider viele Zauberer und Hexen sie so behandeln. Tarsuinn, du hast mir selbst gesagt, für wie gefährlich du es hältst, Macht über andere zu haben. Du solltest dir wohl überlegen, ob du auf diesem Weg an Informationen kommen willst."

„Aber wenn es wichtig ist…", gab der Junge zu bedenken.

„…darfst du trotzdem nicht jedes Mittel einsetzen, das dir erfolgversprechend scheint. Wenn Patsy dich wirklich mag, dann würde sie es auch ohne Zwang sagen. Mit Zwang jedoch besteht die Chance, dass sie dich mit Halbwahrheiten in die Irre führt."

„Und ohne Zwang hat sie mich ein Jahr belogen!", blaffte Tarsuinn den Professor an. Toireasa presste erschrocken die Hand vor ihren Mund. Er war manchmal schrecklich undiplomatisch.

„Kein Zwang?", ignorierte Dumbledore den Ausbruch und schaute nur freundlich auf den Jungen herunter. „Denkst du wirklich, sie stand im letzten Jahr nicht unter Zwang?"

„Nein", entgegnete Tarsuinn plötzlich kleinlaut.

„Dann denk dies einmal weiter. So wie es klang, ist sie wahrscheinlich auf eigenen Wunsch frei und sie ist zu dir gekommen. Sie muss damit gerechnet haben, dass du es herausfindest und dass du wütend bist, aber trotzdem wollte sie nur zu dir. Ein solches Vertrauen sollte man nicht ausnutzen und man sollte sich auch fragen, warum der Narr sie für dich freigegeben hat." Inzwischen war Tarsuinns Kopf deutlich gesenkt und seine Ohren waren stark gerötet. „Wie ich sehe, hat Rica dir das Tagebuch gegeben", wechselte der Professor plötzlich das Thema. „Es wäre ratsam, wenn du zu mir kommen würdest, wenn du Fragen hast, bei denen dir deine Freundinnen…", er zwinkerte Toireasa und Winona freundlich zu, „…nicht helfen können." Der Junge nickte, noch immer mit tief gesenktem Kopf. „Nun, ich muss weiter, bevor mich noch jemand mit drei Schülern dunkle Pläne schmieden sieht."

„Professor!", fand Tarsuinn seine Stimme endlich wieder. „Werden Sie nach Patsy suchen?"

„Ich denke, sie wäre es wert, wenn stimmt, was ihr mir über das letzte Jahr erzählt habt. Außerdem haben uns und euch die ganze Zeit die Hogwartselfen zugehört. Ich bin mir sicher, sie werden euch und Patsy helfen wollen."

„Falls Sie sie finden, könnten Sie ihr sagen, es täte mir Leid?"

„Natürlich."

„Danke sehr."

„Keine Ursache. Und nun, guten Appetit", sagte der Professor und ging zum Lehrertisch. Wenige Sekunden später kamen die Vertrauensschüler Slytherins mit Professor Snape in die Große Halle.

Dann deckte sich plötzlich der Tisch vor Tarsuinn, Winona und Toireasa.

„Danke schön, Freddy und ihr anderen", sagte der Junge leise.

Toireasa starrte ihn entsetzt an.

„Sag mal, wusstest du, dass uns die Elfen zuhören können?", fragte sie und dachte an die vielen geheimen Gemeinheiten, die man sich manchmal am Tisch über gewisse Lehrer zumurmelte.

„Ja", meinte Tarsuinn unbewegt.

„Und wann wolltest du uns das sagen?"

„Ich hab nicht dran gedacht", entschuldigte er sich halb abwesend. „Ich glaub eh nicht, dass sie petzen. Ansonsten gäbe es viel mehr Minuspunkte."

„Obwohl das Snapes ständig miese Laune erklären würde", flüsterte Winona gehässig und schielte rüber zu dem Lehrer, der gerade mit Dumbledore sprach und dabei einige missbilligende Blicke auf Toireasa warf. Toireasa war klar, sie saß am falschen Tisch, aber es war erst sieben und normalerweise kamen die meisten so gegen acht Uhr hier hinunter. Da sollte es doch niemanden stören, wenn sie nicht allein an einem langen Tisch sitzen wollte.

So unterhielten sie sich leise und erst als mehr und mehr verschlafene Schüler auftauchten, begab sie sich an den Slytherin-Tisch. Am liebsten hätte sie sich das sogar ganz gespart, aber sie hatte noch keinen Stundenplan und den gab es immer nach dem Frühstück, wenn alle anwesend waren.

So gut es ging ignorierte sie Aidan, Regina und Malfoy und unterhielt sich mit William, Aaron, Melissa und Miriam. Melissa, das älteste Mädchen unter ihnen, war ein wenig gedrückter Stimmung, denn Samuel, der Vertrauensschüler, ihr Freund der zwei letzten Jahre, war ja nicht mehr in der Schule und es war offensichtlich, dass sie ihn schon jetzt vermisste. Wie Toireasa erfuhr, hatte er dank der Fürsprache seines Vaters eine Aurorenausbildung bekommen, obwohl er in Verwandlungen den notwendigen UTZ knapp verfehlt hatte.

Eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn gab es dann die Stundenpläne, die die Vertrauensschüler verteilten. Toireasa bekam den ihren von einem der Neuen aus der Fünften. Sie kannte ihn nicht, aber als er ihr das Blatt mit einem ätzenden: „Interessante Wahl, Keary" hinwarf, wusste sie, dass Samuels Ersatz ein Depp á la Malfoy war.

„Du hast Muggelkunde und Pflege magischer Geschöpfe genommen?", fragte William nach einem kurzen Blick erstaunt. „Okay, Pflege versteh ich ja bei dir, aber Muggelkunde? Du solltest doch inzwischen von den Ravenclaws mehr gelernt haben, als wir anderen alle zusammen wissen."

„Nicht wirklich", gestand Toireasa. „Für die ist das alles so normal, dass sie mir einige Sachen einfach nicht verständlich erklären können. Merton hat mal versucht mir zu beschreiben, was ihre Autos antreibt. Er hat mir irgendwas von Takten erzählt, obwohl das nichts mit Musik zu tun hat. Ich hab schon nach zwei Minuten aufgegeben ihm zuzuhören."

„Und du denkst, in Muggelkunde wird das besser?"

„Zumindest erklärt es hoffentlich jemand, der es auch selbst erst mühsam begreifen musste."

„Das bezweifle ich ernsthaft. Zumindest laut Malfoy soll Professor Bligh ein muggelgeborener Zauberer sein. Kann aber auch sein, dass dies nur zu seinem Vorurteil zu diesem Fach passen soll."

„Ich lass mich einfach mal überraschen", zuckte Toireasa die Schultern. „Zumindest werd ich da meine Ruhe vor Regina und Hofstaat haben."

„Zumindest wirst du wohl die erste Slytherin seit Jahren in dem Fach sein", meinte Melissa. „Ich glaub, Samuel war der Letzte, der es bis zu den UTZ's mit durchgeschleppt hat. Professor Snape empfiehlt jedem, sich von dem Fach fernzuhalten, weil es schlecht fürs Haus ist."

„Inwiefern?"

„Was denkst du, wie viel Ahnung wir durchschnittlich gebildete Zaubererkinder von Muggeldingen haben? Jeder Muggelgeborene, der nix auf die Reihe bekommt, belegt dieses Fach und kassiert erstklassige Noten und Punkte fürs Haus."

„Zu mir ist Snape nicht gekommen", erklärte Toireasa mit einem Seitenblick auf den Lehrer.

„Hätte es denn genutzt?", lachte William.

„Kaum", gab Toireasa zu. „Aber eine Warnung wäre trotzdem nett gewesen. Ich…"

Sie unterbrach sich selbst, denn Professor Snape war aufgestanden und kam mit starrem Blick die Tafel entlang. Zunächst hatte sie noch die Hoffung, sie würde sich einbilden, dass er genau sie ansah, doch dieses Wunschdenken zerstob unter der Kälte seiner Augen. Düster stand er neben Toireasa und schaute auf sie herunter.

Gott verdammt fühlte man sich klein neben so einem Mann. Wenn er doch endlich was sagte!

„Miss Keary", sagte der Professor schließlich. „Die Vertrauensschüler haben mich gebeten Ihre selbst gewählte Isolation im Haus zu beenden, und deshalb werden ab heute Abend neue Schlafarrangements getroffen, um es Ihnen leichter zu machen. Ich erwarte von Ihnen guten Willen und keinen Ärger, genauso wie von jedem anderen Slytherin auch."

Toireasa war zu geschockt, um irgendetwas Vernünftiges antworten zu können. Sie liebte die Sicherheit ihres Raumes, die Möglichkeit allen anderen aus dem Weg zu gehen – fast unangreifbar zu sein.

„Ich will nicht", antwortete sie schließlich, aber da war der Professor schon lange aus der Halle raus.

„Keine Angst", meinte Miriam ernst. „Professor Snape ist nicht dumm. Er wird dich sicher bei pflegeleichten Mädchen wie mir unterbringen. Schließlich will er keinen Mord und Totschlag."

„Dass er mich nicht zu den Fabelhaften Fünf schickt, hab ich auch nicht vermutet", gab Toireasa zu. „Aber du verstehst nicht. Ich habe gar kein Schloss mit. Weder für meine Kiste, noch für meinen Koffer."

„Schick doch einfach eine Eule nach Hogsmeade", schlug Melissa vor. „Wenn dir das Geld fehlt, leihe ich dir was."

„Nein, nein", wehrte Toireasa das Angebot ab. „Geld hab ich in den Ferien genug verdient. Das kann ich mir schon leisten. Ich fand es nur gut einen Ort zu haben, an dem ich keine Angst vor nächtlichen Besuchen haben muss."

„Alles eine Frage der Vorsorge", erklärte Melissa. „Pass auf, Toireasa. Ich spreche mal mit Truman aus der siebten. Er ist von den Vertrauensschülern im Moment noch der einzige mit Vernunft und Maß und er will bei meiner Ma in der Abteilung anfangen. Er wird nicht wollen, dass ich schlecht über ihn schreibe."

Das war Slytherin. Toireasa gefiel das nicht, akzeptierte es aber. So lief es nun mal und ein wenig musste man wohl mit den Schlangen zischeln, um nicht gebissen zu werden. Sie durfte nur nachher nicht vergessen, Keyx mit Geld ins Dorf zu schicken.

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Die erste Stunde war Vergnügen und Last zugleich. Kräuterkunde. Professor Sprout verzweifelte über Toireasas Unfähigkeit, Unkraut von Explosiverbsen zu unterscheiden und Tarsuinn und Winona sorgten mit kleinen, scherzhaften Bemerkungen noch für eine Verstärkung der Qual. Nicht, weil sie gemein waren oder so, sondern weil Toireasa selbst lachen musste und dadurch noch unkonzentrierter wurde. Regina versuchte das auszunutzen und gab sich alle Mühe, heimlich ein paar Erbsen dahin zu schnipsen, wo Toireasa arbeitete. Dies funktionierte so gut, dass nach ungefähr einer halben Stunde, Toireasa Punkte abgezogen bekam.

Als die Professorin weitergegangen war, kommentierte Tarsuinn Reginas Erfolg grinsend mit den Worten: „Anscheinend will Regina nicht, dass Slytherin dieses Jahr gewinnt. Damit kann ich gut leben."

Dabei war er laut genug, dass es das tyrannische Mädchen hören musste und, welch Wunder, die Versuche Toireasa zu blamieren hörten umgehend auf.

„Echt", flüsterte Winona und zog ein Unkraut aus dem Boden, das für Toireasa genauso aussah wie die Pflanze daneben, welche das Mädchen aber stehen gelassen hatte. „Kein Wunder, dass Regina nur in Slytherin landen konnte. Für Ravenclaw ist sie zu dumm, für Gryffindor zu feige und für Hufflepuff zu bösartig."

„Aber sie kann Leute dazu bringen, sie zu bewundern", gestand Toireasa mit einem abfälligen Schnauben dem Mädchen zu. „Und die nutzt sie dann aus, ohne dass die sich schlecht dabei fühlen oder es gar bemerken."

„Vergiss Aidan", meinte Tarsuinn, als könne er Toireasas Gedanken lesen. „Entweder er merkt es selbst, oder nicht. Wenn du dich einmischst, wird sicher alles noch schlimmer und alles ist deine Schuld."

„Ich hab aber Aidan früher gemocht", versuchte sie zu erklären. „Er war wirklich wie ein Bruder zu mir und zu sehen, was für ein… ein…"

„Arschloch!", half Winona aus.

„…er geworden ist, tut weh."

„Ich an deiner Stelle, würde eher mal mit Risteárd reden", murmelte Tarsuinn fast unhörbar und mit traumwandlerischer Sicherheit ließ er seine Hände durch das Beet gleiten und zog danach nur Unkraut aus dem Boden.

„Warum das?"

„Ich glaub, er zweifelt", erklärte der Junge mit sehr neutralem Gesichtsausdruck. „Er ist einer der größten Idioten, die ich je erleben durfte, und er verabscheut mich und Muggel, aber er macht sich auch Sorgen um dich. Ich musste ihm versprechen, auf dich aufzupassen."

„Das soll Risteárd verlangt haben?", staunte Toireasa. „Wann?"

„Irgendwann zwischen Halloween und Weihnachten."

„Und warum hast du mir das nicht gesagt?"

„Ich wollte nicht, dass du ihn wieder magst. Aber er hat sich geweigert in deine Erinnerungen einzudringen."

„Aber das hättest du mir doch sagen können", war Toireasa ein wenig entsetzt. „Ich hab ihn noch nie gemocht. Es hätte doch nichts zwischen uns verändert und wenn ich gewusst hätte, dass meine Stiefmutter in meinen Erinnerungen etwas sucht…"

„Er hat mich beschimpft und angedeutet, dass man so was wie mich besser ausrotten sollte. Was glaubst du, wie begeistert ich von ihm war? Er ist ein engstirniger, bösartiger, snobistischer und gefährlicher Irrer, mit einem seltsamen Blick auf richtig und falsch. Ich wollte damals nicht, dass du denkst, mit ihm reden zu können."

„Wärt ihr bitte etwas leiser", murmelte Winona und boxte ihnen beiden schmerzhaft gegen die Schulter. „Das geht wohl die anderen nichts an, oder?"

Für einen kurzen Moment schaute Toireasa auf, sah unzählige neugierige Blicke auf sich ruhen und dann stieß sie ihre Hände so ungestüm in ein Gewirr aus Pflanzen, dass der gesamte Strauch vor ihr explodierte, und nur dank der Handschuhe und einer Schutzbrille passierte nicht Schlimmeres als ein paar geschwärzte Stellen auf ihren Handschuhen und der Arbeitskleidung. Außerdem waren ihre Augenbrauen halb weggesengt, aber das konnte man mit einem einfachen Zauber nachher wieder richten lassen.

Den Rest des Unterrichtes schwiegen sie. Toireasa vor allem, weil sie zum einen sauer auf Tarsuinn war, denn die Information, dass Ihre Ex-Stiefmutter an ihre Erinnerungen wollte hätte vor einem Jahr sehr geholfen. Natürlich war unklar, ob sie selbst mit diesem Wissen die richtigen Schlüsse gezogen hätte, aber es wäre trotzdem wichtig gewesen.

Auf der anderen Seite fühlte es sich unangenehm gut an, dass Tarsuinn Toireasa nicht verlieren wollte.

„Bis nachher in Zauberkunst", verabschiedete sie sich in der Hoffnung, dass dies ein halbes Friedensangebot war.

„Viel Spaß in Muggelkunde", meinte Winona freundlich und trat Tarsuinn dabei auf den Fuß.

„Ich will Nachmittag mal wieder versuchen draußen zu fliegen", murmelte der Junge leise. „Kommst du mit?"

„Gern", sagte Toireasa zu und damit war es wohl ausgestanden. Im Grunde war es auch dumm, über Sachen zu streiten, die längst erledigt waren. Er hatte halt mal einen egoistischen Fehler gemacht und bei seiner sonstigen Großzügigkeit in Bezug auf seine Geschenke an Toireasa, war es kleinlich, ihm das vorzuhalten.

Auf dem Weg zu dem Klassenraum für Muggelkunde versuchte Toireasa diesen Gedanken wieder abzuschütteln. Tarsuinn hatte sie schon einmal zusammengestaucht, als sie sich das zu sehr zu Herzen genommen hatte.

Wie Melissa vorausgesagt hatte, war sie die einzige Slytherin, die sich in dem Raum einfand. Aber das machte nicht sonderlich viel aus, denn so richtig viele Schüler waren nicht anwesend. Besonders wenn man bedachte, dass Vertreter aller vier Häuser anwesend waren. Die einzigen Anwesenden, die Toireasa näher kannte, waren Alec und Merton, die jedoch weit auseinander saßen. Alec in der ersten Reihe und Merton, wie es sich für Störenfriede gehörte, in der letzten. Ohne eine Einladung abzuwarten, setzte Toireasa sich neben den muggelgeborenen Jungen.

„Was zur Hölle machst du denn hier?", grinste sie und dachte gleichzeitig an Melissas Worte. „Wusste gar nicht, dass du gute Zensuren so dringend nötig hast."

„Nun, oh unerreichte Kräuterkundlerin…", übertrieb Merton amüsiert, „…für mich ist das bares Geld, da mir meine Eltern für gute Zensuren Taschengeld geben und für schlechte welches abziehen und außerdem gibt es Berufe, die einen Abschluss in Muggelkunde voraussetzen, egal ob man muggelstämmig ist oder nicht."

„Und du willst so einen Job?"

„Nein, aber das darfst du meinen Eltern nicht erzählen. Mein Dad hofft noch immer, ich würde mal eine Automechaniker-Ausbildung machen und in seine Fußstapfen treten, weil ich der einzige Junge bin. Er hat in den Ferien versucht, mein Interesse an Autobasteleien zu wecken, indem er ständig darüber geredet hat, wie man sie magisch aufpeppen könnte."

„Hat er denn Ahnung davon?"

„Nein, aber ich werd einen Teufel tun und ihn von seinen Hoffnungen befreien. Meine kleine Schwester treibt meine Eltern eh schon in den Wahnsinn mit ihrer Begeisterung für Zauberei. Ich musste ihr erst mal auf die Finger klopfen, weil sie sich langsam darauf was einzubilden begann."

„Muss schwer für deine Eltern sein", meinte Toireasa mitfühlend.

„Es geht", meinte Merton. „Im Grunde hat die Zauberei unsere Familienfinanzen stark entlastet. Das Schulgeld bekomme ich ja von Hogwarts und damit ist mehr Geld für meine Schwestern da. Sie bekommen schon deutlich mehr Taschengeld, als ich es je gesehen habe, und demnächst will Ma wieder halbtags arbeiten gehen. Außerdem wird Jenny ja nächstes Jahr hier eingeschult und dann sind es nur noch zwei, um die sie sich kümmern müssen."

„RUHE!", rief eine laute, männliche und distanzierte Stimme durch den Raum. „Das hier ist ein Unterrichtsraum und keine Kneipe. Alles auf!" Langsam und ein wenig verwirrt wollten die anwesenden Schüler dem nachkommen. Noch kein Lehrer, nicht einmal Professor Snape, verlangte so was. „Das geht auch schneller!", zischte der Mann kühl, was alle bis auf Merton deutlich beschleunigte.

Neugierig schaute Toireasa den Lehrer vor ihnen an. Er war hager, groß und hatte eine Glatze, die man landläufig als Sportplatz mit Hecke bezeichnete. Das glattrasierte Gesicht war seltsam emotionslos und auch schon recht alt. Er hatte eine stocksteife Haltung, steckte in einem mausgrauen Anzug mit Lederstücken an den Ellenbogen und in seiner rechten Hand hielt er einen langen Zeigestock.

„Oh, Mist!", murmelte Merton neben ihr. „Der sieht ja wie mein Lehrer aus den Sommerkursen aus!"

„Erlauben Sie, mich Ihnen vorzustellen", erklärte der Mann mit überdeutlich artikulierten Worten. „Mein Name ist Professor Bligh…"

„Oh, nein. Er ist es!", stöhnte Merton.

„…Sie werden mich mit Professor, Professor Bligh oder Sir ansprechen. Wenn ich den Raum betrete, werden Sie aufstehen und sich erst setzen, nachdem ich mich gesetzt habe. Damit wir uns gleich verstehen: Ich vergebe Punkte nicht für selbstverständliche Pflichterfüllung. Um bei mir zu punkten, müssen Sie Leistung zeigen. Im Gegenteil dazu, werde ich Ihnen gnadenlos jeden Ihrer Fehler vor Augen führen. Ich verabscheue Faulheit, Vergesslichkeit und Dummheit. Eine vergessene Hausaufgabe kostet fünf Punkte, eine schlampige drei, eine abgeschriebene dreißig. Respektlosigkeit und Unaufmerksamkeit im Unterricht ziehen Ihnen einen Punkt ab und geben eine zusätzliche Hausarbeit. Vergessene Unterrichtsmittel – zwei Punkte. Zu spät kommen – zehn Punkte. Ohne Entschuldigung fehlen – zwanzig Punkte und einen Meldung an den Hauslehrer. Scherze, Streiche, Witze, die nichts mit dem Unterricht zu tun haben – drei Punkte." Professor Bligh machte eine größere Pause. „Nun – ich fand es schon immer als fair, wenn die Schüler sich ausrechnen können, wie sich Nachlässigkeit und Fleiß jeweils auswirken und die gleichen Regeln für alle gelten." Der Professor ließ einen distanzierten Blick über seine Schüler schweifen, dann trat er an den ersten linken Tisch und deutete mit seinem Zeigestock auf eine Schülerin.

„Name?", fragte er ein farbiges Mädchen mit einer Frisur, die aus unzähligen und kunstvoll geflochtenen Zöpfen bestand.

„Bahiyah Wilkins, Professor", antwortete diese ein wenig eingeschüchtert.

„Ein guter Name", erwiderte der Professor offensichtlich zufrieden. „Stammt von Swahili, wenn ich mich nicht irre."

„Ja, Professor."

„Gut, Sie dürfen sich setzen, Miss Wilkins." Er ging einen Schritt beiseite. „Sie?", blaffte er Bahiyahs Sitznachbarin an.

So ging es immer weiter. Professor Bligh ging vor der ersten Reihe immer schrittweise hin und her und deutete mit seinem Stab über die schon Sitzenden hinweg auf den nächsten Schüler. Zu jedem hatte er eine kurze Information, die eigentlich völlig nichtssagend war, aber zunächst beeindruckend wirkte. Erst als Toireasa mit der Zeit klar wurde, dass all dies nicht spontan sein musste, da der Lehrer die Namen seiner Schüler ja schon seit Monaten kannte, konnte sie es einordnen. Professor Bligh wollte beeindrucken!

Wie der Zufall es so wollte, saß Toireasa nicht nur in der sechsten und letzten Reihe, sondern war auch als letzte der sechs Schüler da dran. Zuvor jedoch musste Merton leiden.

„Oh, Mr Phillips", sagte der Professor und zum ersten Mal schlich sich ein schmales Lächeln auf seine Lippen, welches einem Schakal durchaus Ehre gemacht hätte. „Erfreut, Sie wiederzusehen. Ich hoffe, Sie können sich noch an mich erinnern und ich bin mir sicher, bei Ihrer Herkunft kann ich nur Spitzenleistungen von Ihnen erwarten. Nun – zumindest bessere als in Mathematik und Englisch, nicht wahr?"

„Ich werde mich bemühen, Sir", erklärte Merton ein wenig trotzig, der sich inzwischen wieder gefangen zu haben schien.

„Wie ich schon sagte, ich erwarte mehr von Ihnen – nämlich Bestleistungen. Sie dürfen sich setzen."

Damit war Toireasa dran. Sie versuchte, möglichst ruhig zu wirken.

„Dann sind Sie somit Toireasa Keary?", erklärte der Professor und fixierte nicht Toireasas Augen, sondern nur das Hausabzeichen auf ihrer Schuluniform. „Um ehrlich zu sein, bin ich an solchen Glanz in meiner Hütte nicht gewöhnt." Einige in den vorderen Reihen kicherten hämisch. Mit einem schnellen Schritt trat der Professor zwei Schritte beiseite und der Zeigestab peitsche mit lautem Knall vor einem Jungen auf den Tisch. Jeder Schüler im Raum zuckte erschrocken zusammen, so laut und hart war das Geräusch. „Mr Lancaster! Ich habe nichts gesagt, was lustig wäre, und ich hoffe doch, Sie lachen nicht über mich!"

„Nein", nuschelte Alec.

„Wie bitte?"

Nein, Sir!"

„Gut", Professor Bligh wandte sich an die Klasse. „Bis wir das Thema Muggelwitze behandeln, wird es keinen Anlass für Gekicher, Gelächter oder ähnliche Bekundungen geben. Sie sind hier, um zu lernen, nicht zum Vergnügen oder Spaß! Miss Keary, Sie dürfen sich setzen!"

Froh, sich endlich hinter den anderen verstecken zu können, ließ Toireasa sich auf ihren Stuhl fallen. Sie sah dabei mit hochgezogenen Augenbrauen zu Merton, der jedoch nichts sagte, sondern stattdessen eine Grimasse schnitt, die Augen verdrehte und den Zeigefinger vor die Lippen hielt. Es war eine deutliche Warnung. Normalerweise konnte man sich in der letzten Reihe immer ganz gut unterhalten.

„Also – kommen wir zu Muggelkunde!", sagte der Professor, klemmte sich den Zeigestock unter den Arm und begann, vor der Klasse auf und ab zu marschieren. „Was erwartet Sie hier? Nun – ganz sicher nicht, was Sie erwarten. Es sei denn, Sie haben sich vorher bei älteren Schülern informiert und nicht einfach ins Blaue hinein gewählt. Das würde ich intelligent nennen. Alles andere nicht.

Muggelkunde ist mehr als jedes andere Fach. In den nächsten Jahren lernen Sie hier Mathematik, Englisch, einfachste Physik, und Muggelgeschichte. Sie werden sich wie ein Muggel kleiden und sprechen, telefonieren, Briefe auf Muggelart verschicken, Steuererklärungen verfassen, Bus fahren, Geldautomaten bedienen und Muggelabwehr- und Verwirrzauber erlernen." Professor Bligh stellte seinen Spaziergang an und ließ seinen Blick über eine fast paralysierte Klasse schweifen. Toireasa fühlte sich ein wenig an Professor Snapes erste Ansprache erinnert, doch dieser hier fehlte es an Zauber und Düsternis. Den Tod verkorken, die Sinne betören – das wollte man hören, nicht, dass man Unmengen langweiliger Dinge lernen sollte. Die meisten hier waren doch sowieso unter Muggeln aufgewachsen. „Ich sehe es in Ihren Augen", fuhr der Professor fort und schaute durch die Reihen. „Sie wollen etwas anmerken, Miss Keary!"

„Nein, Sir", entgegnete Toireasa, nachdem sie kurz und hart geschluckt hatte.

„Gut, dann bin ich neugierig. Was erwarten gerade Sie von meinem Unterricht?"

Jetzt nicht mehr viel, wollte Toireasa antworten, doch das unterließ sie lieber. „Ungefähr das, was Sie aufgezählt haben, Professor", erwiderte sie in möglichst neutralem Ton. Nur nicht so langweilig.

„Gut, Sie hatten sicher schon ausgiebigen Kontakt mit Muggeln", ließ der Professor sie nicht in Ruhe. Irgendwie war es seltsam. Man erwartete eigentlich Ironie bei diesen Worten zu hören oder gar ätzenden Sarkasmus. Bligh schaffte es jedoch, einen so gleichförmigen Ton an den Tag zu legen, dass die Gedanken sich fast wehrten, den Sinn zu erfassen. „Können Sie mir sagen, was das Wichtigste im Umgang mit Muggeln ist?"

Darauf kannte Toireasa die Antwort.

„Die Geheimhaltung unserer Welt, Sir", sagte sie knapp.

„Bedeutet dies, Sie hatten schon mehrfach das Vergnügen von Muggelgesellschaft?"

„Ja, Sir."

„Haben Sie den Kontakt gesucht?"

„Es hat sich so ergeben."

„Können Sie mir den Namen des aktuellen Muggel-Premierministers nennen?"

„Nein."

„Wissen Sie vielleicht, aller wie viele Jahre er gewählt wird?"

„Nein."

„Wie heißt der König Großbritanniens?"

Das wusste sie wieder.

„Es gibt keinen König, nur einen Prinzregenten und eine Königin."

„Und wie lautet der Name der Königin?"

„Elizabeth, glaub ich."

„Und welche Macht hat sie?", fragte der Professor lauernd.

„Sie ist die Königin", entgegnete Toireasa verwirrt. „Sie ist wohl die Herrscherin über das Muggelengland."

Professor Bligh drehte sich abrupt auf den Hacken um und schritt wieder zurück zur Tafel.

„Wie Sie hören konnten…", sagte er dabei zur gesamten Klasse. „…sind sich einige unter uns noch immer nicht der Ernsthaftigkeit der Geheimhaltung bewusst. Aus simpler Neugierde suchen unwissende Kinder Kontakt zu Muggeln und wundern sich dann, wenn das Ministerium Gedächtnisse verändern muss. Miss Keary ist ein gutes Beispiel für den engen und überheblichen Blickwinkel, den einige Familien leider pflegen. Sie könnte nicht ein normales Gespräch mit einem Muggel führen, ohne sich und uns zu verraten. Aber das wollen wir ihr hier nicht vorwerfen. Immerhin ist sie eine der wenigen, die anscheinend bereit sind, dieses Manko zu beseitigen. Und deshalb…" Merton zog dem Professor hinter dessen Rücken Grimassen. „…werden wir hier heute etwas Wichtiges lernen. Zum Beispiel verliert Ravenclaw einen Punkt und Mr Philips wird, mit mindestens eintausend Worten, einen Aufsatz über Höflichkeit und Respekt gegenüber einem Lehrer schreiben und Miss Keary wird in ähnlicher Länge erklären, warum sie das Verhalten Mr Philips nicht zurechtgewiesen hat."

Toireasas Augen wurden schmale, zornige Schlitze. Was bildete sich dieser Professor Bligh eigentlich ein? Sie hatte doch nichts gemacht und dafür bestrafte er sie? Immerhin war sie ja nicht die Einzige gewesen, die Merton beobachtet hatte. Zum Glück war sie nicht dumm genug, um sich über diese Ungerechtigkeit aufzuregen.

„Nun aber zum Unterricht. Wie Sie alle wissen, regiert Geld die Welt. Da ist es schon erstaunlich, wie wenig wir Zauberer über die Muggelwährung wissen. Bitte nehmen Sie Ihre Bücher „Das seltsame Leben der Muggel I", eine Schriftrolle und die Federn zur Hand, schlagen Sie Seite drei auf und schreiben Sie mit, was Sie für wichtig halten."

Und dann begann Professor Bligh zu erzählen. Es war gähnend langweilig, denn statt sich nur mit der Praxis zu befassen, holte der Lehrer sehr weit aus, begann bei der geschichtlichen Entwicklung des Zahlungsmittels, Umstellungen, der Begründung für die Existenz von Geld ohne eigenen Wert (Papiergeld) und von Geld, das nicht existierte, aber trotzdem vorhanden war. Das meiste davon interessierte niemanden in der Klasse. Was Toireasa jedoch am nervigsten fand, war Blighs unangenehme Eigenart, unvermittelt doofe Fragen an all jene zu stellen, die ihm gerade der Aufmerksamkeit für wert erschienen. Und niemand war wertvoller als Toireasa und Merton.

Sie konnte es nicht beschwören, denn sie wusste über Muggel nur die Dinge, die sie von ihren Freunden und in den letzten Ferien gelernt hatte, aber sie hatte den Eindruck, die Fragen, die sie und Merton bekamen, waren immer die schwierigsten. Doch irgendwie konnte sie dem Professor auch schwer Absicht unterstellen, denn abgesehen von der Strafarbeit gab es keine unfaire Behandlung. Er gab keine Pluspunkte für richtige Antworten, er zog keine ab, wenn man falsch lag. Ja sogar auf Kommentare verzichtete er. Stattdessen stellte er die falsch beantwortete Frage dann an alle und erst, wenn es da keine befriedigende Antwort gab, erklärte er selbst. Es war nervtötend. Professor Bligh schien bar jeder Emotion und Leidenschaft – nicht mal in negativer Hinsicht.

Als die Pausenklingel sie endlich erlöste, waren sie mit einer Strafarbeit und einem Hausaufsatz über Muggelfalschgeld geschlagen. Und erneut hatte der Professor auf tausend Worten bestanden, was den Trick mit dem Großschreiben unmöglich machte.

„Was ist das denn für ein Spinner?", fauchte Toireasa, sobald sie sicher war, außer Hörweite zu sein.

„Professor Claude Bligh", murmelte Merton sauer. „Der Anti-Snape."

„Wenn er der Anti-Snape wäre, dann hätte er dich und jeden nicht so auf dem Kieker."

„Gut, dann hasst er halt alle Kinder und dich besonders. Seine Kommentare dir gegenüber waren ziemlich hinterhältig. Auch wenn er Alec sein blödes Lachen wieder in den Hals gestopft hat."

„Was Alec sicher mir mehr übel nimmt als ihm", vermutete Toireasa.

„Alec ist nicht der Hellste und hat noch keine eigene Meinung", tröstete Merton und versuchte sich in einem Lächeln. „Achte nicht auf ihn."

„Tu ich auch nicht", erwiderte Toireasa. „Aber auf dich hab ich geachtet. Du kanntest den Professor schon?"

„Ja, sagte ich doch schon. Aus den Sommerkursen, die ich dank meiner Eltern besuchen musste. Er hat mir mehr als einmal gesagt, dass ich froh sein kann, erst nach 1986 zur Schule gekommen zu sein, denn sonst hätte ich ein wenig Motivationshilfe auf den Hintern bekommen. Eine Maßnahme, für die meine Eltern seiner Ansicht nach anscheinend zu weich wären."

„Er wollte dich schlagen?"

„Ja. An Privatschulen ist das noch heute erlaubt. Ich bin richtig froh, dass sie es an den staatlichen nicht mehr dürfen."

„Dann hast du ja Glück, dass sie auch hier nicht mehr körperlich züchtigen."

„Das kannst du aber laut sagen."

„Also würde Bligh gern prügeln und weil er es nicht darf…"

„Ich denke nicht, dass er es gern machen würde", widersprach Merton kopfschüttelnd. „Dafür fehlt ihm irgendwie was. Aber ich denke, er hält es für eine gute Erziehungs- und Motivationshilfe, auf die er nur ungern verzichtet. Ich bin mir sicher, er denkt, auch alle anderen Lehrer hier sind weich. Außer vielleicht Snape."

„Er ist ein grauenhafter Lehrer!", fand Toireasa. „Ich hasse Muggelkunde jetzt schon nur wegen ihm."

„Mag sein", zuckte Merton. „Aber lernen tut man trotzdem bei ihm, auch wenn er ein kalter Fisch und Mistkerl ist. Trotzdem werde ich ihm einen Streich spielen, dass schwöre ich hiermit feierlich – und er wird es mir nie nachweisen können."

„Wenn du Hilfe brauchst – sag es mir einfach", bot Toireasa an und ein kleiner, böser Teil wünschte dem Jungen nicht nur Erfolg dabei, sondern auch, dass Winonas und Tarsuinns erste Alte Runen Stunde ähnlich schlecht verlaufen war. Dann musste sie wenigstens deren Frotzeleien nicht ertragen.

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