Das Wiedersehen
Lucius Malfoy öffnete die Augen. Sein Arm pochte noch immer ein wenig, aber der Großteil der Schmerzen schien verschwunden zu sein.
Er fühlte sich auch viel besser.
Etwas Schweres lag auf seinem gesunden Arm. Lucius sah herunter und konnte ein heimliches Lächeln nicht unterdrücken.
Da lag sie. Tief und fest schlafend.
Ihre kleine Nasenspitze zuckte ab und zu.
Der junge Mann streckte seine bandagierte Hand aus und strich ihr durch das offene Haar.
Die Türe ging auf.
„Lucius Abraxas Malfoy. Wo warst du heute morgen, als-", seine Mutter verstummte, als sie ihren Sohn unbekleidet in seinem Bett vorfand. Daneben seine Verlobte, ebenfalls äußerst leicht bekleidet.
„Was in drei Teufels Namen hat das zu bedeuten?" Lucius warf sich eilig seinem Bademantel über, wobei Narcissas Kopf unsanft von seinem Arm auf die Bettkante knallte.
Das Mädchen schüttelte verwirrt den Kopf.
Verschlafen sah sie sich im Zimmer um. Dann, wie vom Blitz getroffen setzte sie sich auf.
„Ich wusste es doch. Sie haben meinen Sohn verführt, sie kleines, dreckiges…"
„Das ist überhaupt nicht wahr.", rief das blonde Mädchen entrüstet.
„Hatte ich Ihnen nicht verboten unaufgefordert zu sprechen?"
„Ich lasse mir von Ihnen nichts verbieten, Mrs. Malfoy. Schon gar nicht meinen Mund."
Die Frau öffnete den Mund, wusste anscheinend aber nicht, was sie darauf sagen sollte. Also wandte sie sich an ihren Sohn.
„Was hast du dazu zu sagen, Lucius?"
Ja genau, Lucius. Verteidige mich!
„Ich habe dazu nichts zu sagen Mutter."
Wie bitte?
„Aha, ich fasse es nicht. Mein eigener Sohn… Vor der Ehe! Und schuld daran ist ein kleines Flittchen, wie sie! Oh, hätte ich mich nur nie darauf eingelassen."
Sag ihr, wie es wirklich war. Sag ihr, dass er es war. Erzähl ihr, was er mit dir gemacht hat!
Narcissa sah den Mann, dem sie kaum 48 Stunden zuvor das Leben gerettet hatte, eindringlich an.
„Lucius, hast du mit ihr geschlafen?"
Der Mann sagte nichts.
„Hatte mein Sohn Geschlechtsverkehr mit Ihnen?"
Ja natürlich. Unzählige Male. Aber ich habe da sicher nicht freiwillig mitgemacht. Und dann hat er mein Kind getötet und mich beinahe noch mit dazu und…
„Nein, es ist nichts vorgefallen, Mrs. Malfoy."
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
'Kling.'
Großartig!
Sie warf die abgebrochene Türklinke geräuschvoll gegen die Wand.
Dieses Arschloch.
Das hast du davon. Hättest ihn da unten verrecken lassen sollen. Jetzt hast du ihn schon wieder verteidigt. Gegen diesen Drachen! Das verdient er nicht! Er verdient DICH nicht.
Er wird schon seine Gründe…
Belüg dich doch nicht auch noch selbst. Er ist ein widerwärtiger Mistkerl.
Er war doch gestern so nett…
Weil er dich gebraucht hat, weil er sonst ins Gras gebissen hätte.
Nein, das glaube ich nicht.
Selbst Schuld!
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Abend.
Narcissa kuschelte sich in das Hermelinfell, das als Decke auf dem blauen Sofa lag und ließ ihr Buch herbei fliegen.
Er hielt sie fest in seinen Armen, als wolle er sie von allem Unglück und Bösen auf der Welt beschützen. Leanne atmete seinen Geruch ein und-
Narcissa kniff die Augen zusammen. Seufzend griff sie nach ihrem Brillenetui, das auf dem kleinen Couchtisch lag.
So wirklich hatte sie es nie ganz geglaubt, wenn man ihr in der Schule gesagt hatte, dass sie zum Lesen eine Brille benötigte.
Sie packte die Brille unsanft und besah sie sich einen Moment.
Feine, hauchdünn geschliffene Gläser. Kaum sichtbar mit einem zierlichen , goldenen Gestell.
„Verfluchtes Ding.", maulte sie kurz, setzte sie dann aber doch auf und siehe da- Die Buchstaben erschienen deutlich und klar vor ihren Augen.
Die Türe knarrte. Narcissa seufzte noch einmal und drehte sich um.
Lucius Malfoy.
Mit ihm hatte sie nicht gerechnet. Nicht so früh.
„Du…hast eine Brille?", fragte er vorsichtig und ging einige Schritte auf sie zu.
Was? Eine Frage. Er hatte eine ganz normale Frage gestellt?
„Ahhm- Ich…ja leider."
Er nickte.
„Es war klug von dir meiner Mutter nichts von den letzten Tagen zu erzählen. Das hätte mich in Verlegenheit bringen können."
Konnte er nicht ganz normal ‚Danke' sagen? Wie alle anderen Menschen auch.
„Das Geschehen unten in den Kerkern darf niemand erfahren, verstehst du?"
Davon redete er? Von seinem vollkommen bescheuerten Selbstmordversuch? Nicht davon, wie er ihr Kind getötet hatte? Nicht davon, wie sehr er sie verletzt hatte?
„Ja, ich denke schon."
Wieder ein Nicken.
„Morgen Abend ist ein großer Empfang bei einem Geschäftspartner meines Vaters. Ich erwarte dich um 8 Uhr unten, in Ordnung?"
Sie nahm die Brille von der Nase und nickte.
„Gut.", er räusperte sich verlegen, dann trat er den Rückweg an. Im Spiegel sah er, wie das Mädchen die Brille beiseite legte.
„Du- liest nicht mehr weiter?", fragte er zögernd.
„Doch, ich denke schon. Nur nicht mit diesem grausam hässlichen Gestell."
Ein letztes Nicken von ihm, dann verschwand er aus der Türe.
°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
„Miss sehen wirklich ganz großartig aus.", quietschte Dibby begeistert, als Narcissa aus dem Badezimmer trat.
Ja, in der Tat, Narcissa war sehr zufrieden mit sich. Ein enges schulterfreies Kleid ganz aus nachtblauem, schimmerndem Stoff.
Um ihren Hals funkelten zahlreiche winzige Diamanten, genau wie die, die in ihren Ohren hingen.
Ihr Haar fiel in großen Locken auf ihre Schultern.
Die Augen hatte sie mit dem Ton ihres Kleides abgestimmt. Das Hellblau ihrer Augen stach durch das dunkle Blau des Lidschattens hindurch, mit dem sie das gesamte Auge umrahmt hatte. Die Lippen zierte ein dezenter Braunton, der im Licht wässrig schimmerte.
Narcissa lächelte die Elfe an, dann sah sie auf die Uhr.
Kurz vor Acht.
„Ich geh dann mal.", sagte sie wenig begeistert und ging in den Flur heraus.
Am Fuß der Treppe stand Lucius. Er hatte ihr den Rücken zugewandt und sah aus einem der riesigen Fenster.
„Wurde auch Zeit. Meine Eltern sind schon vorgegangen.", sagte er mürrisch, ohne ihr einen Blick zu zuwerfen.
Schnell eilte sie die Treppe herunter. Erst als er ihre Absätze auf dem Marmorboden hören konnte drehte er sich um.
Einen Moment sah er sie an.
Sie wusste es. Sie musste ihm gefallen. Warum sagte er es nicht ganz einfach?
Wortlos bot er ihr seinen Arm an und disapparierte mit ihr.
Früher wäre sie ganz scharf darauf gewesen auf so ein großes Fest zu gehen. Sie bekam von Festen nie genug. Jetzt war alles anders. Am liebsten würde sie auf ihrer Couch liegen. Friedlich in ihrer eigenen Welt der Bücher versunken. Vielleicht ein wenig Musik gehört.
Aber jetzt war sie gezwungen den ganzen Abend jemand zu sein, der sie nicht wahr. Leute zu grüßen, die sie nicht kannte. Unbeschwert zu wirken.
Nachdem die üblichen Worte der Begrüßung gesprochen worden waren, begannen sich die Gäste im Schloss zu verteilen.
Narcissa war nicht wohl zu Mute, bei der Tatsache, dass sie bis jetzt kein wirklich vertrautes Gesicht gesehen hatte.
Ihr Verlobter hatte während der gesamten Zeit kein Wort mit ihr gewechselt und…
„Mein Engelchen!"
Narcissa und ihr Begleiter drehten sich um.
„Dad!", sie löste sich von Lucius und rannte auf ihren Vater zu.
Glücklich ließ dieser seine Tochter in seine Arme laufen und schloss sie fest darin ein.
„Mein wunderschöner kleiner Engel.", sagte er und wog sie in seinen Armen.
Lucius Malfoy stand stumm da und betrachtete das Bild, das sich ihm bot. Dann ging er auf die Beiden zu.
„Guten Abend Mr. Black.", sagte er kühl und streckte seine Hand aus. Mr. Black schob seine Tochter ein kleines Stück zur Seite und schüttelte die Hand.
„Sie werden meine Tochter doch bestimmt für einen Moment entschuldigen, nicht wahr? Ich hätte gerne einige Minuten mit ihr gesprochen."
„Ich-", Narcissa konnte eine Ader auf seiner Stirn ein wenig heftiger als sonst pulsieren sehen.
„Natürlich.", sagte er dann und drehte sich um und schritt davon.
„Wie geht es dir, Goldschopf?", fragte ihr Vater, als sie draußen im dunklen Park standen.
„Gut.", log sie.
„Du hast nicht auf meine Briefe geantwortet."
„Du hast mir geschrieben?", mit großen Augen sah sie zu ihrem Vater auf.
„Bestimmt jeden zweiten Tag. Du hast keinen Brief bekommen?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Diese Eulen werden auch nicht klüger.", seufzte er Schulter zuckend. „Und dir geht es wirklich gut?"
Endlich schüttelte sie den Kopf. Große Tränen liefen aus ihren Augen.
„Es ist alles so schrecklich, Daddy.", heulte sie und drückte sich gegen den gewaltigen Bauch ihres Vaters.
Total überrumpelt streichelte er ihren Rücken.
„Behandeln sie dich nicht gut?"
Sie begann noch lauter zu weinen.
„Was haben sie dir getan?"
Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
„Hier bist du, Narcissa. Würdest du bitte mitkommen, ich-"
„Was haben Sie mit meiner Tochter gemacht, Malfoy?", fragte der dicke Mann entrüstet.
Lucius Malfoy hob eine Augenbraue.
„Was hat sie Ihnen erzählt, Black?"
„Noch nichts. Aber ich sehe, dass etwas mit ihr nicht stimmt."
Lucius sah Narcissas verheultes Gesicht.
„Nun, sie neigt ja zu Gefühlsausbrüchen.", sagte er trocken.
„Das tut sie in der Regel nicht. Ich kenne meine Tochter."
„Oh, ich bitte dich.", eine kalte Frauenstimme drang zu ihnen herüber.
Narcissas Mutter stand in der Verandatüre.
„Du warst doch nie zu hause. Du kennst deine Tochter nicht.", sie kam zu ihnen herunter und ließ sich von Lucius Malfoy die Hand küssen.
„Und jetzt stell dich nicht so an."
„Das ist mir sehr unangenehm.", sagte sie an Lucius gewandt.
„Wir sind ja unter uns, Mrs. Black. Ich kann verstehen, dass sie Heimweh hat."
„Nun komm schon Narcissa."
Unsanft zog ihre Mutter sie von ihrem Vater weg.
„Aber-", begann er.
„Ich denke es ist das Beste, wenn wir beide nach Hause apparieren, nicht wahr?", fragte Lucius das Mädchen, das immer noch weinte.
Ohne eine Antwort ab zuwarten nahm er sie an der Hand und disapparierte.
Vielen lieben Dank für die vielen Reviews. Ich hab mich total gefreut :-)
Macht weiter so. (Das nächste Kapitel ist übrigens schon in Bearbeitung.)
Lg Lucia
