Und hier kommt ein neues Kapitelchen für euch. Ich hoffe ihr mögt es. Wie immer gehört keiner der Charaktere mir, leider...
Kapitel 9
Das nächste Treffen mit Morans Leuten war für den kommenden Abend einberufen worden und John hatte extra zuvor ein Treffen mit Mycrofts Beautyteam (wie er es in seinen Gedanken nannte) vereinbart um sicherzugehen, dass seine Maskerade auch optisch tadellos war. Er entschied sich zudem für einen schwarzen Rollkragenpullover, dessen Ärmel er bis zu den Ellenbogen nach oben schob - in der Hoffnung, dass man ein Blick auf sein Tattoo erhaschen würde. Vermutlich war diese Geste unnötig, doch er fand, dass sie auch nicht schaden konnte.
Das Treffen fand wieder in der Fabrikhalle in der Greenwitch Road statt und John schlussfolgerte, dass dieser Ort so etwas wie das Hauptquartier für Morans Leute darstellte – eine Information, welche ihm und Mycroft später durchaus nutzen konnte. Morans Männer wirkten noch immer aufgeregt, doch Moran selbst wirkte wieder wesentlich gefasster als bei ihrem letzten Treffen. Er hatte sich in einer Ecke lässig an die Wand gelehnt und diskutierte leise mit Frankham, welcher John sogleich misstrauisch musterte, als dieser die Halle betrat. Moran schien ihn jedoch zuerst gar nicht zu bemerken, was John hoffen ließ dass Frankhams Bericht zu seinen Gunsten ausgefallen war. Doch zu Johns Erstaunen lagen weder Hamilton noch Mycroft im Fokus dieses Treffens sondern eine Person Namens Stepperton. Laut Moran handelte es sich bei dem Typen um ein ehemaliges Mitglied von Moriarties Netzwerk, das sich nach seinem Tod losgesagt hatte und in direkter Konkurrenz zu Moran getreten war. Dies bedeutete für Morans Leute, dass Aufträge abgegraben wurden und Kontakte im Netzwerk plötzlich wegbrachen, da Stepperton sie für sich gewonnen hatte.
„Die Frage ist, ob sich dieser Typ auch an unseren Leuten zu schaffen macht" dröhnte Morans Stimme durch die Halle und John sah, wie einige Mitglieder um ihn ehrfurchtsvoll erstarrt waren. Keiner sagte etwas und so setzte Moran seinen Monolog fort. „Wir müssen der Sache nachgehen, Stepperton in unseren Gewahrsam bringen und ihn … befragen." Einige der Männer um ihn herum nickten eifrig, doch John entschied sich dafür eine Miene ruhig und abwartend wirken zu lassen. Es schien die gewünschte Wirkung zu zeigen, denn als Moran den Blick über seine Leute schweifen ließ, blieb er auf ihm ruhen.
„Hamilton. Soweit ich weiß haben Sie einige Erfahrungen auf diesem Gebiet" sagte er schließlich und musterte ihn.
„Das könnte man so sagen" antwortete John lässig und grinste gefährlich. „Wollen Sie, dass ich den Typen für Sie hierher bringe?"
Moran zögerte einen Moment. „Nicht hierher. Frankham kennt den richtigen Ort. Er wird Sie auf der Mission begleiten."
Das überraschte John nicht im Geringsten. Frankham hatte angekündigt, dass er ein Auge auf ihn haben würde. Zwar war es offensichtlich, dass Moran auf Hamiltons Fähigkeiten angewiesen war, doch wollte er ihn offensichtlich an der kurzen Leine halten. John sah dem mit gemischten Gefühlen entgegen. Zwar bot dies eine hervorragende Gelegenheit etwas mehr über Frankham zu lernen, andererseits würde er so unter strenger Beobachtung stehen, was jegliche Hilfe durch Mycroft unmöglich machte.
„Ich bevorzuge es allein zu arbeiten" knurrte er schließlich, denn soweit John aus den Akten wusste, war Hamilton tatsächlich ein Alleingänger. Moran musterte ihn intensiv und er spürte wie Frankhams Blicke sich förmlich in seinen Schädel bohrten.
„Nichtsdestotrotz wird Frankham Sie begleiten. Sie werden feststellen, dass sich seine Fähigkeiten als äußerst nützlich erweisen werden."
John brummte scheinbar schlechtgelaunt vor sich hin bevor er sagte: „Na schön. Aber sollte er mir ein Klotz am Bein sein…" Er ließ den Satz unvollendet im Raum stehen, doch statt sich angegriffen zu fühlen grinste Moran.
„Sie werden überrascht sein, Captain."
John hatte keine Erfahrung mit Entführungen (zumindest nicht auf der Seite des Entführenden) ganz egal was er Moran hatte glauben lassen. Daher hatte er gleich nach seiner Rückkehr Mycroft getextet und ihn um Rat gefragt. Der hatte schließlich einen großen Erfahrungsschatz was Kidnapping betraf.
Christopher Hamilton wurde für morgen für eine Entführung gebucht. Bitte um praktische Tipps. Will mich nicht blamieren. JW
Es dauerte nicht lange, bevor Mycrofts Ebenbild auf John Laptop erschien und ihn höflich begrüßte.
„Guten Abend, John. Ich sehe, Sie machen langsam Karriere" meinte Mycroft mit einem undeutbaren Lächeln und John grinste verlegen.
„Sieht so aus."
„Bitte informieren Sie mich zunächst über die Details" bat ihn der Andere höflich und John begann alles wiederzugeben, was er heute gelernt hatte.
„Außerdem wird Frankham mich begleiten, was die Sache auf der einen Seite schwieriger macht, auf der anderen Seite aber nützliche Informationen liefern könnte."
Mycroft nahm seinen Bericht mit ernster Miene entgegen und legte seine Hände vor seinen Lippen in einer Denkerpose aneinander.
„In diesem Falle wäre die klassische Variante zu bevorzugen. Ich nehme an Morans Leute stellen Ihnen einen Lieferwagen zur Verfügung. Zudem wären ein Betäubungsmittel wie Chloroform, Handschellen, Seile, Knebel, ein Sack mit Schnur und einige nicht tödliche Waffen von Vorteil. Ich lasse Ihnen die Dinge morgen früh mit einem Boten vorbeibringen."
John nickte, spürte jedoch wie sein Magen ihm einige Etagen tiefer rutschte. Aber er hatte gewusst, dass die Identität des Christopher Hamilton ihm so einiges abverlangen würde. „Vielen Dank Mycroft."
Dieser Lächelte gütig. „Keine Ursache John. Hier noch einige praktische Tipps…" Und so hatte Mycroft schließlich ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert und locker die eine oder andere Entführung geschildert, die er in der Vergangenheit veranlasst hatte. Dabei strich er Fehler heraus, die seinen Leuten unterlaufen waren und gab väterliche Ratschläge für die ein oder andere brenzlige Situation. Am Ende fühlte sich John nicht nur einigermaßen vorbereitet und guter Dinge, sondern er stellte fest, dass er Mycrofts Erzählungen sogar zum Teil genossen hatte. Wer hätte gedacht, dass eine Entführung zu planen sogar Spaß machen konnte?
Mycrofts Equipment traf wie versprochen am nächsten Morgen ein. John nahm sich die Zeit um alles genauestens zu inspizieren, bevor er die Dinge sorgfältig in seinem schwarzen Rucksack und den Taschen seiner Kleidung verstaute. Frankham traf gegen Mittag in seiner Wohnung ein. John hatte bereits seit einer Stunde fertig gepackt und so war es eine Erlösung, als er endlich mit dem Anderen im Gepäck auf die Straßen von London heraustrat.
„Moran hat mir versichert Sie wüssten was zu tun ist. Nun? Wie sieht Ihr Plan aus?" meinte John in leicht arrogantem Tonfall und blickte den Anderen an. Frankham hob nur irritiert eine Augenbraue bevor er sagte:
„Zuerst sehen wir uns das Gelände an." Meinte der kühl. „Wir finden heraus wie die Umgebung um seine Wohnung beschaffen ist und sehen, wo wir ihn am besten erwischen können."
John nickte halbherzig. „So viel hatte ich mir denken können. Wie wäre es mit ein paar Details?" Frankham winkte ab.
„Diese Sachen besprechen wir am besten vor Ort" beschwichtigte dieser ihn. „Und nun kommen Sie. Wir haben noch einiges vor."
Sie fuhren mit dem Taxi bis zur Fortis Road. Die Taxifahrt verlief zunächst ruhig – sie wechselten kaum ein Wort miteinander, denn jeder schien seinen Gedanken nachzuhängen. John empfand die Stimmung als unglaublich entspannend. Er fühlte sich John unweigerlich an die unzähligen Taxifahrten in Sherlocks Gesellschaft erinnert. Auch Sie hatten auf dem Weg zu einem Fall meistens ihren Gedanken nachgehangen. Sherlock hatte gegrübelt und John hatte einfach die Ruhe genossen. In der Zeit, in der der Wirbelwind Sherlock durch sein Leben getobt war, hatte es weiß Gott zu wenig davon gegeben. Dieses Mal träumte John jedoch nicht vor sich hin, sondern versuchte unauffällig Frankham zu beobachten und einige Dinge über ihn zu lernen. Und so ließ er unauffällig seinen Blick über Frankhams Gestalt gleiten und begann seine Beobachtungen in Sherlock-Manier zu katalogisieren. Der Mann neben ihm war Anfang bis Mitte 30, schlank – nein sogar dürr – was auf gestörte Essgewohnheiten hinweisen konnte. Seine Kleidung wirkte abgetragen, aber sauber, jedoch etwa 2 Nummern zu groß für Frankham. Sein Haar war von seltsam gelblichem Blond was darauf hindeutete, dass die Farbe künstlich war. Dennoch wirkte es fettig und ungepflegt, das Gesicht des Mannes schien hingegen frisch rasiert worden zu sein. War das seltsam?
Plötzlich wurde John sich Gewahr, dass er beobachtet wurde. Frankham starrte ihn mit gehobener Augenbraue an und sagte schließlich: „Und? Was sehen Sie?"
Johns Herzschlag schien für einen Moment auszusetzen. „Was meinen Sie?"
„Ich kenne diesen Blick." Erklärte Frankham ruhig. „Habe ihn oft genug an anderen Leuten gesehen. Sie haben mich analysiert. Also, was sehen Sie?"
Wieder einmal schien Johns Hirn für einen Moment auszusetzen. Das war schon das zweite Mal, dass Frankham diese Wirkung auf ihn hatte. Er überlegte sich einfach quer zu stellen, doch dann erinnerte er sich, dass Mycroft gemeint hatte, er solle sich notfalls mit dem Kerl anfreunden. Und vielleicht konnte er durch Frankhams Reaktionen sogar noch das eine oder andere lernen?
„Ich würde sagen ihr Haar ist gefärbt. Die Farbe ist seltsam, zu gelb für ein natürliches blond. Ihr Haar wirkt ungepflegt, ihr Gesicht hingegen ist frisch rasiert und Sie haben sich sogar die Augenbrauen färben lassen, was auf eine gewisse Sorgfältigkeit hinweist. Das passt nicht ganz." Begann John und er sah, wie etwas in den Augen des Anderen aufblitzte. „Ihre Kleidung wirkt älter - nicht nach der neusten Mode - und zudem ist sie Ihnen mindestens zwei Nummern zu groß. Entweder Sie legen nicht viel Wert auf ihr Äußeres, oder Ihre finanzielle Situation ist im Moment nicht so rosig. Da Sie allerdings ein engerer Vertrauter Morans zu sein scheinen, würde ich das eher ausschließen." Er hielt kurz Inne und musterte Frankham. Dessen Gesicht wirkte beinahe amüsiert als er sagte: „Und weiter?"
John besann sich auf seine Rolle als Christopher Hamilton und auf die Prioritäten dieses Mannes. Er ließ seinen Blick noch einmal an Frankham auf- und abgleiten bevor er fortfuhr: „Sie scheinen mager, auch wenn dieser Eindruck durch die weite Kleidung natürlich noch verstärkt wird. Ich bin mir sicher, dass Sie mir in einem Kampf keine große Hilfe sein werden." Er grinste schief. „Also hoffen wir besser, dass Stepperton sich nicht zu sehr zur Wehr setzen wird."
Frankham schmunzelte und wirkte plötzlich gar nicht mehr wie der bedrohliche Kerl, den er vor zwei Tagen in seiner Wohnung vorgefunden hatte, sondern vielmehr wie der harmlose Geselle, der ihn in der Bar angesprochen hatte. Dieser Eindruck verflog jedoch sofort wieder und wich einer ernsten Miene als das Taxi plötzlich an ihrem Zielort angekommen war und der Fahrer verkündete: „Fortis Road."
Frankham nickte, reichte dem Fahrer eine zwanzig Pfund Note und stieg aus. John folgte ihm.
Sie betraten das düsterste Viertel, das John jemals in London gesehen hatte. Er war in seiner Zeit mit Sherlock zwar viel herumgekommen, doch er war sich sicher, dass er diese Ecke der Stadt noch nie zuvor betreten hatte. Die Häuser standen dicht gedrängt, so dass sich vor ihnen ein Geflecht enger Gassen erstreckte. Die ganze Gegend wirkte unübersichtlich und schien verlassen. ‚Geradezu perfekt für ein Kidnapping', dachte John als er sich mit Frankham durch die Gassen voranschob. Als sie schließlich um einige Ecken gebogen waren, sah John plötzlich einen dunklen Lieferwagen vor ihnen geparkt stehen und er war sich sicher, dass Moran ihn organisiert hatte. Gerade wollte er auf das Auto zugehen um es zu inspizieren, als sich ihm plötzlich die Nackenhaare aufstellten und sein Instinkt ihm sagte, dass etwas nicht stimmt. Reflexartig wandte er sich um und fing gerade noch Frankhams Arm, welcher ihm im nächsten Moment einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf verpasst hätte. So nutze er den Schwung der Bewegung und leitete den Anderen gekonnt an sich vorbei, so dass dieser strauchelte.
„Frankham!" bellte er. „Haben Sie den Verstand verloren?"
Dieser rappelte sich blitzschnell wieder auf und fixierte ihn mit kühler Miene. „Im Gegenteil. Ich hatte eigentlich gehofft Sie hier zu überrumpeln. Sie sind eine Bedrohung für meine Sache." Erklärte er und ging wieder in Kampfstellung. John tat es ihm gleich.
„Ihre Sache?" fragte John irritiert.
„Ich kann nicht zulassen, dass noch mehr Leute verschwinden" sagte Frankham und schnellte blitzschnell nach vorn. John wich aus und versuchte nun seinerseits einen Treffer zu landen, doch Frankham war schneller. Er hatte den Kerl unterschätzt.
„Reden Sie von Stepperton?" fragte er schließlich ein wenig irritiert. Frankham schnaubte. „Stepperton ist nur ein kleiner Fisch und interessiert mich nicht" meinte er kühl und strahlte plötzlich eine überirdische Überlegenheit aus, welche John eine Gänsehaut versetzte. „Den kann ich später jederzeit selbst aus dem Verkehr ziehen. Ich rede natürlich von Mycroft Holmes."
Nun war John verwirrt. „Mycroft?"
„Ich kann nicht zulassen, dass Sie ihn an Morans Männer verraten" erklärte Frankham und hob stolz das Kinn. In diesem Moment durchzuckte John ein kurzer Moment der Erkenntnis - er kannte diese Pose. Und plötzlich fügten sich alle Puzzleteile zusammen. Auf einmal wusste er, wer die dritte Partei in diesem Spiel gegen Moran war und die Erkenntnis verschlug ihm den Atem. Das war unmöglich! Doch statt Erleichterung zu empfinden, verspürte er nur Zorn und Enttäuschung. All diese Monate der Unwissenheit und Trauer…
Noch bevor Frankham erneut zu einem Angriff ansetzen konnte war John hervorgeschossen, hatte seinen Gegner aus dem Gleichgewicht gebracht, ihn um 180 Grad um die eigene Achse gedreht und ihm einen gezielten Schlag auf den Hinterkopf verpasst, welcher ihn zu Boden schickte. Ehe er großartig darüber nachdenken konnte – denn nachdenken war schlecht in diesem Moment - hatte er den Anderen am Boden fixiert und mithilfe von Mycrofts Equipment zu einem wehrlosen Päckchen verschnürt. Dann zog er sein Telefon hervor und wählte Mycrofts Nummer.
„Mycroft? Hier ist Hamilton" sagte er mit kühler Stimme. „Ich bin auf den Weg zu Ihnen. Und ich habe eine Überraschung für Sie im Gepäck."
