Children Of Tomorrow
Kapitel 9: Ruhelos
Holiday Inn
Liverpool, England
30. Juli 2003
Die Digitalanzeige seiner Uhr zeigte „3.13 Uhr" in grünen Leuchtziffern an. Die Decken und Laken um ihn herum waren zerwühlt und die Decke hatte er während seinem Alptraum wohl aus dem Bett geworfen. Er brauchte sie ohne hin nicht, denn das Wetter in England war in diesem Sommer ungewöhnlich warm und besonders in dieser Nacht war es unerträglich schwül. Jarod rieb sich die Augen mit dem Handballen und seufzte tief. Er hatte von Ethan und Parker geträumt, aber er konnte sich nicht mehr daran erinnern, was er geträumt hatte. Jedenfalls hatte der Traum einen bitteren Nachgeschmack in seinem Mund hinterlassen und er fühlte, dass mit einem der beiden etwas nicht in Ordnung sein konnte.
Mit Ethan hatte er an diesem Nachmittag noch telefoniert; sein kleiner Bruder war in der Schweiz, wo Jarod ihn sicher vor dem Center glaubte. Außerdem war Emily bei Ethan; seine beiden jüngeren Geschwister hatten sich von Anfang an sehr gut verstanden. Er und Kyle waren im Center aufgewachsen und hatten den Schrecken dort am eigenen Leib zu spüren bekommen. Bei Ethan und Emily hingegen war es anders: die beiden hatten immer im Schatten des Centers gelebt, immer mit der Angst vor diesem übermächtigen, gesichtslosen Feind, der ihre Familien zerstört und ihnen ihre Mütter entrissen hatte (Raines hatte Catherine nach Ethans Geburt erschossen, und Margret hatte Emily bei der Flucht vor ein paar Sweepern zurückgelassen, damit ihre Tochter in Sicherheit war).
Langsam stand Jarod auf; der Schweiß lief ihm den Rücken hinunter. Der Pretender hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Er fühlte sich unruhig und aufgewühlt und der Drang, sich zu bewegen und irgendetwas zu tun führte ihn hinaus auf den Balkon. Von dort aus konnte er das hell erleuchtete Liverpool sehen; die Lichter brannten Tag und Nacht, und auch der Verkehrslärm war zu dieser Zeit nur unmerklich leiser als bei Tag. Jarod atmete tief durch und sog die frische, schlechte Luft der Industriestadt ein und fühlte seine Lungen damit während er auf das Lichtermeer vor ihm blickte.
Irgendwo da war Parker; bis hier her war sie ihm nun schon gefolgt – sie hatte ihn in Nizza, Prag und Oslo gefunden. Bald würde er seinen kleinen Europatrip beenden und wieder für kurze Zeit in die Staaten zurückkehren, um von dort aus nach Südamerika weiterzureisen. Es war immer noch das alte Spiel: Er floh, sie jagte. Aber wovor floh er, und was jagte sie?
Er legte die Hände auf das Balkongeländer und lehnte sich nach vorn während er den Kopf in die kühle Brise legte, die nun aufkam.
You run, I chase.
Inzwischen war der ganze Kontinent für ihr Spiel „freigegeben" worden. Aber es hielt sie am Leben; so lange sie einen Pretender zu fangen hatte, war sie sicher; und das war es, was er wollte. Das war aber auch die Schwierigkeit: er führte sie nach Bangladesch und Tokio, von Havanna nach Ankorage und dabei musste er achten, dass sie ihm immer auf den Fersen blieb, aber ihn nicht zu fassen bekam. Jarod wollte sie so lange wir möglich vom Center, Raines und Lyle fernhalten um sie zu beschützen.
Wo ist sie, fragte er sich plötzlich selbst als er auf die Lichter von Liverpool hinabblickte. In diesem Moment wünschte er sich, einen Inneren Sinn zu haben, der es ihm verraten würde. Aber nur Ethan hatte diese Fähigkeit, doch er würde es seinen Bruder wissen lassen, wenn es Parker nicht gut gehen würde.
Aber irgendetwas stimmte nicht; etwas war nicht in Ordnung, auch wenn alles so wie immer zu sein schien…
The Center
Blue Cove, Delaware
SL 18, Zimmer der Schwarzen Akten
8.00 a.m. Ortszeit
„Ah!" Damien schrie aus voller Kehle. Sein Gesicht war schon rot angelaufen. Dicke Tränen liefen seine heißen Wangen hinunter als er sich auf dem Boden wand und mit der rechten Hand sein linkes Handgelenk umklammert hielt. Er warf den Kopf in den Nacken und schrie weiter, denn der scharfe Schmerz, der in seinem Handgelenk pochte, wurde immer intensiver.
„Damie!" Alex kniete sich neben ihren Bruder hin und versuchte, ihn irgendwie anzufassen um ihn zu beruhigen, aber sie traute sich nicht. „Damien!" Sie wusste nicht recht, was passiert war. Die beiden waren die einzigen im Zimmer.
Endlich – nachdem Damien geraume Zeit auf dem Boden liegend vor Schmerzen geschrien hatte – öffnete sich die Tür und Aidan führte Willie herein.
„Wir haben auf dem Bett herumgetobt und dann ist Damie 'runtergefallen und hat sich an der Hand verletzt!", berichtete der Drilling des Verletzten schnell.
Der afroamerikanische Sweeper verdrehte die Augen und seufzte. „Ihr müsst lernen, vorsichtiger zu sein", meinte er vorwurfsvoll. „Sind die anderen schon im Labor? Warum seid ihr noch hier?" Er bekam keine Antwort von den Drillingen, aber es interessierte ihn auch nicht; alles was er sah, war, dass Damien große Schmerzen hatte und sein Handgelenk umklammert hielt. „Alles klar, Kumpel, ich bin ja jetzt da!" Er bückte sich und hob das schreiende Kind vom Boden auf. „Die auf der Krankenstation werden das schon wieder hinkriegen.
Damien wimmerte nun nur noch und schniefte als Willie ihn auf dem Arm hielt wie ein Baby: er lag auf den Armen des Sweepers, den Rücken an seinem einem Arm abgestützt, die Knie um den anderen Arm des Mannes gebogen.
„Komm schon, Sportsfreund, ein Indianer kennt keinen Schmerz!" Willie lächelte matt. Inzwischen waren Alex und Aidan zur Tür gerannt, um sie zu öffnen. „Das wird schon wieder", sagte Willie noch einmal.
Die beiden anderen Drillinge sahen ernsthaft besorgt und verängstigt aus. Aber es war nur ein Unfall gewesen…
SL-17
An diesem Abend saß Gage missmutig – und nicht wie sonst gedankenverloren – in seinem Zimmer auf dem Bett. Seit Hannahs Tod waren nun vier Jahre vergangen. In der ersten Zeit hatte er es nicht wahrhaben können. Wutanfälle, während denen er alles, was er in die Hände bekam, zertrümmerte und gegen Wände warf (hauptsächlich Bücher und Unterlagen über Simulationen), hatten sich mit Depressionen und unkontrolliertem Weinen abgewechselt. Sein Großvater hatte ihn nicht mehr beruhigen können, und so hatte er ihn sich selbst überlassen, wenn er über den Verlust seiner Schwester nicht hinwegkam. Es war Sam gewesen, der Gage dazu gebracht hatte, wieder zu essen, sich zu waschen und andere einfache Dinge zu tun, für die Gage die Kraft gefehlt hatte. Wenn der Sweeper nicht gewesen wäre, hätte Gage sich vollkommen aus der Welt zurückgezogen und nicht mehr geredet. Aber trotz der vier Jahre hatte Gage oft Trotzphasen, in denen ihm alles so egal war wie nie. Raines ließ ihn dann immer schlagen und schüchterte ihn mit Drohungen ein. Seit sein Großvater nicht mehr da war, wurde Gage wie jedes andere Center Projekt behandelt, und nicht mehr wie der Erbe der Parker-Dynastie. Lyle hatte inzwischen kein Interesse mehr daran, ihn aus dem Weg zu schaffen, denn der Junge stellte keine Gefahr mehr da.
Der nun Dreizehnjährige hatte sich daran gewöhnt, vernachlässigt zu werden von den Wissenschaftlern des Centers, und ignoriert und geächtet zu werden. Niemand legte mehr speziellen Wert darauf, seine Talente zu fördern; stattdessen musste er Geld verdienen für das Center wie jeder Pretender. Der junge Teenager war ein Spielball gewesen – die ganze Zeit. An dem Tag, an dem seine Schwester gestorben war, war auch etwas in ihm gestorben, und als sein Großvater verschwand, hatte er seinen Wert als Machtmittel verloren. Es war ein Spiel gewesen, für das er noch zu jung gewesen war um es zu begreifen.
„Was haben sie mit ihm gemacht?", fragte der Junge vorwurfsvoll, als die Tür aufging und ein Lichtstrahl die Dunkelheit seiner Zelle durchschnitt. Das fahle Licht fiel auch auf sein Gesicht; er war mager, hatte eingefallene Wangen und seine Augen waren stumpf. „Er war auf der Krankenstation, Sam, ich hab ihn heute da gesehen!" Seine Stimme klang anklagend.
Sam betrat das Zimmer und das erste, was er tat – wie jeden Abend – war, das Licht anzuschalten. Der Sweeper zog die Augenbrauen nach oben und sah seinen Schützling fragend an.
„Damien – Amy hatte heute seinen Arm auf der Krankenstation eingegipst!", meinte Gage.
„Die Drillinge haben auf dem Bett gespielt und gerangelt und dabei ist er gefallen und hat sich das Handgelenk angebrochen. Es ist nichts Ernstes, Gage, und es war ein Unfall; so etwas passiert, wenn Kinder toben."
„Toben", Gage tastete das Wort mit der Zunge ab als wolle er den Geschmack einer neuen Speise testen. Hatten Hannah und er getobt? Er konnte sich nicht daran erinnern. „Wie geht es ihm?", erkundigte er sich schüchtern. Er war erleichtert über das, was Sam ihm erzählte.
„Der kleine Kerl ist tapfer – wie sein Bruder und seine Schwester. Er wird es überleben." Sam lächelte. „Und was hast du heute so getrieben?"
„Ich arbeite daran, dass Problem einer ausgestorbenen Pflanze zu lösen, dass die einzige Nahrung einer speziellen Vogelart war", erklärte Gage. Seine Stimme klang nüchtern, aber ein bisschen Stolz gemischt mit Schüchternheit konnte Sam ebenfalls heraushören. „Wie war es in Wien?"
Sam seufzte und zog den Stuhl von Gages Schreibtisch heran, um sich zu setzten. „Nun, wie hatten bei unserer Mission keinen Erfolg; Miss Parker ist jetzt in England, kommt aber bald wieder zurück nach Blue Cove, nehme ich an."
Nun liefen Gages Wangen rot an, als der Sweeper Parker erwähnte. „Wie geht es ihr?"
„Gut", log Sam schnell. Er wollte nicht, dass der Junge sich Sorgen machte, denn niemand wusste wirklich, wie es Miss Parker ging seit sie vor eineinhalb Jahren von Carthis zurückgekommen und Raines als ihrem Vater gegenübergestanden hatte.
„Musst du bald wieder gehen?", fragte er.
„Ich weiß nicht", antwortete Sam. „Nun, ich denke, ich werde eine Weile da bleiben. Immerhin muss ich mich auch um die Kleinen kümmern. Raines will immer noch nicht, dass du sie besuchst?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
„Victor und Jenna würden sich wahrscheinlich nicht einmal mehr an mich erinnern, was hätte es also für einen Sinn?" Und die Kleinen erinnerten ihn an Hannah. Aber trotzdem konnte er gar nicht genug über die Schwarzen Akten erfahren. In der ersten Zeit nach Hannahs Tod war er zum ersten Mal wieder ein bisschen aus sich herausgekommen und hatte gelächelt, als er die Kleinen heimlich durch den Luftschacht beobachtet hatte. Davon erzählte er Sam allerdings nichts.
Und nun, da die Sorge, dass Lyle Damien etwas angetan haben könnte, sich in Luft aufgelöst hatte, pochte sein Herz als er daran dachte, wie er die Drillinge im Krankenflügel gesehen hatte. Kein vergitterter Zugang verdarb seine Sicht. Er hatte die drei Kleinen kaum auseinander halten können, zumal alle drei die gleichen Blue Jeans und das gleiche, dunkelblaue Softballshirt angehabt hatten. Er war im Nebenzimmer gewesen um nach einem Buch zu suchen, das Amy hatte, und durch den Türspalt hatte er die drei dunkelhaarigen Vierjährigen da sitzen sehen, mit zerzaustem Haar. Der Junge in der Mitte hatte einen frischen, weißen Gips um sein linkes Handgelenk gehabt und die drei hatten den Fremdkörper eingehend betrachtet. Damiens Gesicht war noch leicht verschreckt und verweint gewesen, aber er hatte schon wieder gelacht, als Alex mit gespielt ernster Miene gemeint hatte, damit könne er dem daumenlosen Mr. Lyle in Sachen Arbeitsunfälle Konkurrenz machen.
Ich hab sie gesehen! Ich hab sie gesehen, dachte Gage aufgeregt und er ließ sich nach hinten auf sein Bett fallen.
Und dann erinnerte er sich an den glasigen, hilflosen Blick, den Aidan ihm und Hannah einmal als Baby zugeworfen hatte. Damals waren die Augen des Drillings noch blau gewesen wie bei allen Babys. Die Drillinge hatten nun dunkle, braue Augen. Diese Blick von Aidan damals, als er seinen kleinen Kopf gedreht hatte, war etwas Besonderes gewesen, etwas, dass Gage seither nicht mehr zur Ruhe hatte kommen lassen und ihn fast dazu zwang, an die Kleinen zu denken.
Up next: Besondere Kinder
Lyle hat einen schlechten Tag und lässt es an den Kindern aus. Außerdem werden Caden und Nathalie bei einem Besuch im Computerzentrum erwischt…
