8. Kapitel - Wenn die Schlange in einen andern Balg kriecht, ist's immer wieder ein Schlangenbalg
Wenn die Schlange in einen andern Balg kriecht, ist's immer wieder ein Schlangenbalg
(Sprichwort)
Ein dunkler Raum baute sich um Harry herum auf und es dauerte einige Augenblicke ehe seine Augen sich daran gewöhnt hatten, wo sie bis vorhin im gleißenden Licht des Erinnerungsnebel geblendet wurden.
Es war kalt um ihn, eine klamme, feuchte Kälte in einem Raum, deren Wände aus dicken, unbehauenen Sandsteinen bestand.
Harrys Herz schlug immer noch bis zum Hals. Violets Tod hatte ihn sehr berührt und er konnte sich vorstellen, was Salazar nun von Muggeln hielt.
Auf der anderen Seite war er gespannt, weil er wusste, dass er gleich wohl auf Godric Gryffindor treffen würde, den Paten seines eigenen Hauses.
Harry wusste, wohin Salazars Hass auf Muggel führen würde. Jetzt wusste er auch, woher er rührte. Jedoch wusste er im Augenblick nicht, wie er das ganze bewerten sollte. Er verstand Salazar und das machte ihm Angst.
Er hatte außerdem keine Zeit jetzt drüber nachzudenken, denn die Szene vor ihm spielte sich ab, wie ein Kinofilm, in den er selbst durch die Leinwand der weißen Erinnerungsfäden gestiegen war.
An einem runden Tisch in der Mitte des kargen Raumes saßen vier Personen.
Harry erkannte plötzlich nicht nur die vier Menschen, sondern auch den Raum, in dem die vier Gründer sich trafen: Es war ein Kerkerraum, der Raum der später und bis heute als Gemeinschaftsraum des Hauses Slytherin genutzt wurde.
Das Schloss Hogwarts musste also schon vor Gründung der Schule gestanden haben, zumindest aber sein Krypta.
Die vier Zauberer, die an dem Tisch saßen, mussten, neben Salazar Slytherin, Helga Hufflepuff, Rovena Ravenclaw und Godric Gryffindor sein.
Letzteren erkannte Harry sofort. Er saß zwischen Salazar und einer Hexe, die Harry als Hufflepuff identifizierte.
Er sah genau so aus, wie Harry ihn sich vorgestellt hatte. Godric Gryffindor war groß, breitschultrig und wie er so erhaben dasaß strahlte er Ruhe und Sicherheit aus.
Er trug einen feinen roten Umhang, dessen Innenfutter ein leuchtendes Orange hervorschimmern ließ. Neben den ihm wirkte Salazar schmal und kränklich. Harry überlegte sich dass er in letzter Zeit wohl eher schwierige Zeiten erlebt hatte während Gryffindor sich bereits in seinem Ruhm sonnen konnte.
Harry bemerkte den abfälligen Blick gegen Gryffindor.
Volles, feurig rotes Haar, das verwegen, aber nicht durcheinander wirkte, reichte Gryffindor bis auf die Schultern. Er trug einen kurzen, ebenso roten Bart und die blauen, freundlichen, lebendigen Augen blinzten verschmitzt in die Runde und musterten jeden einzelnen der Umsitzenden, was sie gleichzeitig mit einem zufriedenen Gruß verbanden.
Harry erinnerte sich an die Tafelrunde, einen Tisch, der deshalb rund war, damit niemand am Kopfende sitzen konnte, was als Zeichen des Anführers gedeutet worden wäre.
Auch dieser Tisch wies kein Kopfende auf. Dennoch war augenscheinlich, dass Gryffindor Gastgeber und Vordenken bei dieser Versammlung war.
Die Hexe, die Harry für Helga Hufflepuff hielt, war klein etwas rundlich und hatte ein fröhliches, rotes Gesicht, dessen Nase im Vergleich zum Rest des Körpers winzig erschien. Sie trug einen grünen, wallenden Umhang, der direkt unter ihrem Doppelkinn zugeknöpft wurde und für Harry so aussah, als müsste er sie ziemlich würgen.
Die andere Hexe, Rovena Ravenclaw, deren Schönheit legendär wie ihre Intelligenz war, blickte ein wenig gelangweilt in die Runde. Sie trug ein blaues, seidig-glänzendes Kleid und ein Diadem, das in der heutigen Zeit eher lächerlich wirken würde, auf Rovenas nussbraunem Haar allerdings wie das I-Pünktchen einer perfekte Erscheinung.
Gegen sie stank Helga vollkommen ab. Ihre dünnen, lockigen, dunkelblonden Haare standen unkontrolliert zu allen Seiten ab und es sah so aus, als hätte sie es aufgegeben, überhaupt etwas aus sich zu machen. Jedoch erblicke Harry keinen einzigen Anflug von Neid auf Rovena in Helgas Gesicht. Vielmehr lächelte sie der anderen Hexe aufmunternd zu.
Salazar schaute missmutig drein. Er passte nicht hierher. Er war immer noch keiner von ihnen. Ärmlich und schäbig wirkte er zwischen der glänzenden Gestalt von Godric Gryffindor und der blendenden Schönheit der Rovena Ravenclaw.
Noch hatte niemand gesprochen. Gryffindor hatte ein bedeutsames Schweigen für einen wirkungsvollen Anfang für ein bedeutendes Treffen wie dieses.
Hufflepuff schien es zu genießen, Ravenclaw begann sich zu langweilen und Slytherin nutzte die Gelegenheit sich seinen grämenden Gedanken hinzugeben und sich in eine Abneigung hineinzusteigern, die man ihm an den zusammengezogenen Augenbrauen ablesen konnte.
„Herzlich Willkommen, seid gegrüßt, meine Freunde!", setzte Gryffindor schließlich an und seine Stimme klang sonor und wohlig in Harrys Ohren.
„Ich denke, wir wissen alle, weswegen ich euch hierher eingeladen habe und ich möchte vor allem Salazar Slytherin danken, der mich erst auf die Idee brachte.".
Salazars Lippen schmälerten sich und es war offensichtlich, dass sein Unwohlsein sich zu blankem Hass entwickelte.
„Nun, Salazar wird es bestätigen, dass es für einen jungen Zauberer schwierig ist – vor allem in letzter Zeit – einen Meister zu finden und in die Lehre zu gehen und es ist beinahe ein Skandal, dass ein derart begabter Hexer, wie Salazar Slytherin keine Ausbildung erhält, die ihm gebührt. Ich selbst und ich denke auch ihr Rovena, Helga…", er nickte ihnen höflich zu, „… habt in eurem Leben viele Lehrlinge bei euch aufgenommen.".
Die beiden Hexen nickten, Helga fröhlich aufblickend, Rovena gelangweilt.
„Das jedoch ist nicht genug! Meine Freunde das Zeitalter der reisenden Zauber, die ihrer Lehrlinge als Packesel missbrauchen muss ein Ende haben und schließlich kam mir die Idee eine Schule für Zauberer zu gründen.", Gryffindor schwieg, als erwartete er nun Wortmeldungen der anderen.
„Wie stellst du dir das vor? Eine Schule…", sagte Rovena, als sie nach einem Blick in die Runde feststellte, dass keiner der anderen Anstalten machte etwas anzumerken.
„Wir brauchen ein festes Schulhaus.", erklärte Gryffindor, „Dort werden wie unsere Schüler in Klassen, nach Altersstufen unterteilt, in der Kunst der Zauberei unterrichten. So können wir gleichzeitig mehreren Lehrlingen gerecht werden.".
„So weit so gut!", warf Hufflepuff ein, „Aber wo und wie…".
Gryffindor schnitt ihr das Wort ab: „Deshalb habe ich euch alle hierher eingeladen. Dieses Schloss wurde zerstört. Nur noch die Kellergewölbe sind übrig und wir würden keinem Muggel in die Quere kommen, hin oben auf dem Berg. Wir könnten es wieder aufbauen und unseren Schülern für die Zeit ihrer Ausbildung ein zu Hause bieten, statt mit ihn heimatlos durch über das Land zu ziehen.".
„Du hast dir das ja sehr schön und einfach ausgedacht.", sprach Ravenclaw plötzlich und in ihrer Stimme lag ein versteckter Spott, der in Harry Augen einiges an Sympathie kostete, „Wie stellst du dir das vor? Sollen wir einfach auf gut Glück Eulen durch die Gegend schicken in der Hoffnung, dass sie eine junge Hexe oder einen Zauberer finden? Meinst du die Eltern junger Magier werden ihren Kinder eine derart unkonventionelle Ausbildung erlauben? Wir alle wurden von Meistern einzeln ausgebildet und haben keinerlei Erfahrung mit dem Führen einer Schule. Godric, mit Verlaub, du solltest diese Ideen zu Ende denken, bevor du uns hier alle zusammentrommelst. Oder erklär mir: Wie willst du entscheiden, wer auf die Schule gehen darf und wer nicht? Wie willst du entscheide, wer von der Schule überhaupt erfahren darf und wer nicht?".
Stille. Das hatte gesessen.
Ein leises Räuspern wurde vernehmbar und es war das erste Mal, dass nun Salazar Slytherin seine Stimme erhob: „Ich denke wie Miss Ravenclaw. Es könnte gefährlich sein, wenn jemand Wind von der Sache bekommt, den es nichts angeht und ich wüsste nicht, dass es irgendwo jemanden gibt, der eine Kartei über alle Zaubererfamilien Englands besitzt.".
„Oh bitte! Nenn mich Rovena!", sagte Ravenclaw und lachte Salazar kurz zu, „Sag mal, du hattest doch gar keinen Meister, nicht wahr?".
„Nein. Ich… und auch keinen Schüler bisher… Ich weiß nicht, ob eine magische Ausbildung überhaupt notwendig ist bei meinem Menschen, dem es im Blut steckt.".
„Wenn ich richtig informiert bin, steckt es dir ja nicht unbedingt im Blut.", sagte Gryffindor und lachte. Als er der einzige blieb, der seine Bemerkung lustig fand, klopfte er Salazar freundschaftlich auf die Schulter: „Sieh mal, das ist, was ich sagen wollte: Alle sollen die Möglichkeit bekommen, eine magische Ausbildung zu bekommen, auch wenn die Eltern es sich nicht leisten können einen namhaften Meister zu engagieren oder… bei muggelstämmigen. Nicht jeder ist so begabt wie du, Salazar.".
Der selbe knirschte mit den Zähnen: „Ich denke anders.".
„Bleibt das Problem: Wie werden wir allen jungen Hexen und Zauberern gerecht? Wie… laden wir sie ein?", sagte Ravenclaw ungeduldig und rückte ihr Diadem zurecht.
„Ich denke, jeder der Magie erlernen will, kann es auf eigene Faust tun. Jeder der fleißig und verbissen genug ist, kann es lernen. Das meinte ich damit, dass es einem im Blut liegt!", zischte Salazar, ohne auf Ravenclaws Einwurf zu reagieren.
„Aber auch Fleiß muss in die richtigen Bahnen gelenkt werden.", warf Hufflepuff ein, „Ich habe schon so oft erlebt, dass ein Lehrling einen Zauber mit aller Hingabe versucht hat, die ihm möglich war und es reichte nicht. Eine Anleitung zur Magie sollte jedem zuteil werden, da stimme ich mit Godric überein.".
„Wie?", knurrte Ravenclaw nun noch ungeduldiger. Es störte sie über die Theorie eines Themas zu sprechen, wenn noch nicht einmal die Voraussetzungen für ein Vorhaben geklärt waren.
Niemand konnte eine Antwort geben und so sprach Rovena weiter: „Ich sehe es durchaus als Problem an, hier oben eine Zauberschule aufzubauen, wenn unten im Dorf jede Menge Muggel leben. Vielleicht ist es euch noch nicht aufgefallen, aber in den letzten Jahren haben sich die Muggel-Zauberer-Beziehungen erheblich verschlechtert. Sie misstrauen uns und es ist mit Sicherheit klüger in solchen Zeiten nicht damit zu prahlen, dass wie Hexen und Zauberer professionell in einem protzigen Schloss ausbilden um sie dann auf die Bevölkerung loszulassen.".
„Du spricht ja so, als wollten wir Schwerverbrecher ausbilden.", sagte Hufflepuff etwas vorwurfsvoll.
„Genau so werden sie es auffassen. Ich glaube, das Problem liegt im Hochmut vieler Zauberer.", sie blitzte unmerklich zu Gryffindor herüber, „Muggel fürchten Zauberei, weil…".
„Muggel fürchten keine Zauberei!", fiel ihr Slytherin plötzlich ins Wort, „Sie hassen Zauberei! Sie hassen Magie, weil sie neidisch sind uns weil sie alles verachten, was sie nicht kennen.".
„So weit würde ich nicht gehen.", sagte Rovena.
„Habt ihr einmal Muggel kennen gelernt?", fragte Slytherin düster in die Runde.
„Nun, ich denke, das Problem ist, dass viele Zauberer tatsächlich etwas eingebildet auftreten und die Muggel sich nun einfach in der Überzahl befinden.", versuchte Hufflepuff zu schlichten.
„Könnten wir zurück zum Thema kommen?", bat Ravenclaw, „Sind wir uns einige, dass Muggel lieber nichts von dieser Schule erfahren sollten?".
Die drei um sie herum nickten.
„Schön, bleibt die Frage: Wie filtern wir die heraus, die es erfahren solle?", fuhr sie fort.
Niemand schien eine Antwort zu wissen, denn für einige Zeit herrschte Schweigen, bis Gryffindor seine Stimme erneut erhob: „Rovena, ich weiß, dass du keine Fragen stellst, wenn du nicht bereist die Antwort kennst. Wenn du nun bitte so freundlich wärst…".
„Nun, es ist ganz einfach und ich sage es schon seit Jahren: Diese Gesellschaft ist vollkommen unorganisiert und die Interessen der magischen Bevölkerung des Landes erschreckend untervertreten in allen Institutionen und der Regierung. Meiner Meinung nach benötigen wir einen Vertreter unter den Beratern des Königs. Es gab Zeiten da war dies Gang und Gäbe und Zauberer und Muggel profitierten beide gleichermaßen von der Zusammenarbeit. Warum soll es nicht wieder so ein? Seit Merlin gab es keinen bedeutenden Zauberer mehr, der von Muggeln wie Magiern gleichermaßen Respekt erworben hat. Seit Merlin hat das Bild der Zauberer unter den Muggeln schwer gelitten Schuld daran mögen das Arrogante Auftreten oder die ständigen Lügengeschichten sein, die über uns in die Welt gesetzt werden. Ich frage mich jedoch, wieso niemand sich verantwortlich fühlt dieser Entwicklung entgegen zu wirken.".
„Worauf willst du hinaus?", fragte Hufflepuff interessiert.
„Wir brauchen einen Minister im Stab des Königs, jemanden, der unserer Interessen vertritt und gleichzeitig das etwas ins Wanken geratene Bild unserer Gesellschaft zurecht rückt. Es sollte Buch geführt werden, wo Zauberer leben, wo Zauberer in Muggelfamilien hineingeboren werden, damit man die Eltern, wie die Kinder mit dieser Situation unterstützen kann. Man hört ja schreckliche Dinge, die sie mit den armen Kindern tun, wenn sich herausstellt, dass sie magische Fähigkeiten besitzen…".
„Buch führen über die Wohnorte von Zauberern?", fragte Hufflepuff nach, „Grenzt das nicht an Überwachung? Sollten wir nicht auf das Gute vertrauen, ehe wir derartige Mittel…".
„Das ist nichts Gutes!", sagte Slytherin düster zu der fröhlichen Frau herüber, die keinen Hehl daraus machte, dass sie Salazar Slytherin nicht ausstehen konnte: „Wie kann jemand so junges schon so verbittert sein?", fragte sie und wandte dann ihren Blick von ihm ab.
„Wie dem auch sei.", fuhr Rovena fort, „Überwachung ist in solchen Zeiten ein Garant für Sicherheit. Glaub mir, es werden Zeiten kommen, das sind wir auf eine starke Zusammenarbeit in unserer Gemeinschaft angewiesen. Ich habe die Befürchtung, dass der Aberglaube sich unter der Bevölkerung schneller Verbreitet als uns lieb ist und es ist besser, wenn wir darauf vorbereitet sind.".
„Rovena, wir sind hier um über den Aufbau einer Schule zu sprechen und nicht über deine Vision von einem Ministerium. Jedes Mal fängst du damit an!", sagte Gryffindor und blinzelte ihr fröhlich zu.
„Es ist eine Notwendigkeit und bis man mich endlich erst nimmt, werde ich nicht damit aufhören!", gab Ravenclaw kühl zurück, „Was ich sagen wollte: Diesen Ministerium, diese Datenbank aller Zaubererfamilien würde uns helfen unsere Schüler auszuwählen.".
„Auszuwählen?", fragt Helga Hufflepuff plötzlich und hob den Kopf, der zuvor offenbar nicht ganz dem Vortrag Ravenclaws gefolgt war, „Ich dachte, wir nehmen jeden, wenn er nur Zaubern kann?".
Rovena rümpfte die Nase: „Also ein bisschen sollte er schon auf dem Kasten haben. Ich jedenfalls nehme nicht jeden als meinen Lehrling auf. Ein bisschen Intelligenz erwarte ich schon. Wie siehst du das, Salazar?".
Er schien überrascht, angesprochen worden zu sein. Doch er antwortete prompt: „Intelligenz und Herzblut!".
„Du und dein verdammtes Blut!", rief Hufflepuff wieder mit verachtendem Tonfall, „Ich wusste, dass es ein Fehler war, dich hierher einzuladen! Du hast keine Erfahrung und keine Ahnung…".
„Was hast du gegen mich?", fragte Salazar plötzlich, „Die ganze Zeit stänkerst du gegen mich. Dabei dachte ich, du seist eine so gesittete, tolerante Hexe! Ist es, weil ich ein Schlammblut bin?".
„Nein! Es ist, weil du… Du bist ein verbitterter, feindseliger Menschenhasser und wie man hört, warst du es, der mit der Peverell-Tochter durchgebrannt ist, kurz bevor sie…".
„Willst du mir die Schuld geben? Dann bist du nicht besser als die Waschweiber am Markplatz unten in Hogsmeade!".
„Ich gebe niemandem die Schuld!", rief Helga entrüstet, „Ich frage mich nur, ob es nötig war dieses Risiko auf sich zu nehmen.".
„Wie weltfremd bist du, Helga?", zischte Slytherin, sprang auf und beugte sich über den Tisch zu ihr.
„Weißt du wie es ist, nicht zu den einen zu gehören, aber gleichzeitig von den anderen wie ein Stück Dreck behandelt zu werden? Als Schlammblut kann man nicht so einfach zum alten Peverell hineinspazieren und bei ihm um die Hand seiner Tochter anhalten.".
„Verschon uns bitte vor deinem Liebesleben!", sagte Rovena und zog Salazar zurück auf seinen Stuhl, „Und Helga, das tut nun wirklich nichts zur Sache!".
„Ich halte es nur für etwas scheinheilig, auf der einen Seite nicht über den Blutstatus sprechen zu wollen, dann aber über mich urteilen zu wollen, weil…", zischte Slytherin immer noch angriffslustig wie eine Viper. Seine Augen hatten sich zu schlitzen verengt und fokussierten Helga Hufflepuff.
„Ich glaube, ihr redet beide aneinander vorbei.", brachte sich Gryffindor ein, „Salazar meinte nicht reines Blut im Sinne eines reinrassigen Zaubererstammbaums, sondern den Elan und die angeborene Neugier eines jeden jungen Magiers. Und Helga unterstellt dir nicht, dass du Violet Peverell umgebrachte hast, sondern behauptet nur, dass du ziemlich leichtsinnig oder unverantwortlich gehandelt hast, als du mit Violet Peverell einfach abgehauen bist.".
„Und was macht das für einen Unterschied?", jetzt fokussierten seine Augen Godric Gryffindor.
„Einen sehr großen. Es zeigt uns, dass keiner von uns perfekt ist und wir alle voneinander lernen können und müssen. Deshalb sind wir ja überhaupt erst hier zusammengekommen.".
Obwohl die vier Zauberer mit diesem Spruch nicht zufrieden schienen, verstand Harry ihn offenbar als einziger, was wohl daran lag, dass er gerade nicht dermaßen emotional aufgewühlt war.
Keiner der vier größten Zauberer der damaligen Zeit war perfekt. Das wurde Harry nun klar. Es waren Menschen, die es (vielleicht) zufällig geschafft hatten, nicht in Vergessenheit zu geraten.
Gryffindor war vielleicht stark, hatte eine einnehmende Persönlichkeit, die Harry an einen strahlenden Helden in goldener Rüstung erinnert, doch er war eben auch etwas naiv, wie es ihm vorkam. Er war nicht der größte Denker der vier, sondern eher einer, der etwas anpackte, ohne seine Gedanken zu Ende gebracht hatte.
Ravenclaw mochte scharfsinnig sein, doch eben so scharfzüngig trat sie auf. Harry fand sie gar unsympathisch, eingebildet arrogant, obgleich sie sicherlich gute und wichtige Ideen eingebracht hatte.
Hufflepuff, die mütterliche, gemütliche Hexe hatte Vorurteile gegenüber Slytherin und konnte offenbar nicht ausstehen, wenn jemand von der Norm abwich. Sie fühlte sich am wohlsten, wenn sie sich umgeben der allbekannten Werte wusste und so wollte sich auch, dass alle anderen Menschen lebten.
Uns schließlich Slytherin: nervös, ganz und gar nicht von der Grundidee des Treffens überzeugt, der sich gleich angegriffen fühlte und zurückschoss, ohne Wert auf einen friedfertigen Verlauf des Treffens zu legen. Auch er hatte offenbar unüberbrückbare Vorurteile, die Harry nur schwer deuten konnte.
„Nun gut, wir sind ja auch nicht hier um gleich morgen die Schule zu eröffnen.", sagte Gryffindor in väterlichen Tonfall, der offensichtlich Slytherin wie Ravenclaw gegen den Strich ging.
„Wir sind alle erwachsene Menschen und wissen, dass ein solches Unterfangen langwierig sein wird und viel Arbeit kostet. Ich habe euch hierher eingeladen, weil ihr drei die wichtigsten und besten Hexen und Zauberer des Landes seid und ich glaube, diese Schule gemeinsam mit euch zu Ruhm und Ehre führen zu können. In anderen Ländern gibt es bereits ähnliche akademische Projekte. Die Frage, die ich hier jedoch erst einmal erörtern wollte ist: Seid ihr bereit euch daran zu beteiligen?".
Hufflepuff nickte als erste.
Doch Ravenclaw mischte sich wiederum ein: „Unter einer Bedingung, Godric: Die Schule ist nicht magisch begabten Menschen unzugänglich, bis sich die Tumulte gelegt haben, damit für die Schüler keinerlei Gefahren bestehen. Wie du eben angesprochen hast, haben die anderen Zaubererschulen auf dem Kontinent erhebliche Probleme den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Es ist noch nicht lange her da hat man versucht Beauxbatons Akademie niederzubrennen.".
„Das wusste ich gar nicht.", sagte Hufflepuff erstaunt.
„Siehst du, deswegen sind ein Ministerium und unabhängige Medien zur Vernetzung der internationalen Zaubererbeziehungen zwingend notwendig!", schloss Ravenclaw messerscharf.
„Nun gut, ich dachte ohnehin daran, das Schloss und das Umland mit Zaubern abzuschirmen. Allerdings dacht ich da eher an Spione.", sagte Gryffindor und Ravenclaw griff sich an den Kopf, verkniff sich allerdings eine Bemerkung.
„Was ist mir dir, Salazar?", fragte Gryffindor.
Slytherin zögerte, dann sagte er langsam: „Ich halte es wie Rovena. Die Schule muss für Muggel unzugänglich sein!".
Harry war sich sicher, dass Slytherin immer noch keinen Gefallen an der ganzen Schulidee gefunden hatte, doch er wusste, dass dies vielleicht die einzige Chance seines Lebens sein würde, einen Beruf zu erlangen, Geld und Anerkennung zu verdienen, sich eine Heimat zu schaffen.
„Was haltet ihr von einem Unsichtbarkeitsfluch über dem Wald, dem See und dem Schlossgelände?", frage Gryffindor.
„Und du glaubst es würde die Muggel unten im Dorf nicht befremden, wenn sie eines Tages aus dem Fenster schauen und oben am Berg die Ruine verschwunden ist?", sagte Ravenclaw und blitzte Gryffindor scharf an.
„Was schlägst du vor?", fragte er zurück.
„Nun, es gibt da so einige Zauber, die dafür sorgen, dass Muggel sich nicht einem bestimmten Ort nähern. Wenn sie zum Beispiel glauben, dass ihnen hier Lebensgefahr droht.", erklärte Ravenclaw, „Wenn wir das Schloss wieder aufbauen, müssen wir dafür sorgen, dass genau das von den Muggeln nicht wahrgenommen wird. Sie sollen weiterhin die Trümmer sehen und glauben, dass sie hier oben auf Spukgespenster oder Dämonen treffen. Außerdem konnten wie Verwirrzauber einsetzen, dem jedem Muggel, der sich nähern ins Gedächtnis ruft, dass er vergessen hat nachzusehen, ob seine Haustür verschlossen oder das Ofenfeuer gelöscht hat.".
„Oder ein Fluch, der Muggeln, die sich der Schule näheren, dermaßen schlimme Kopfschmerzen verursachen, dass sie erwägen doch lieber nach Hause zu gehen und sich hinzulegen.", sagte Salazar leise.
Helga schaute unverwandt und voller Abscheu zu ihm hinüber: „Körperliche Schmerzen sind nun wirklich nicht unbedingt die Sachen, wie wir zur Abwehr verwenden sollten.", sagte sie kalt, „Du widerst mich an!".
„Wenn ihr euch alle so sicher seid, dass vergessene Kaminfeuer Muggelneugier aufhalten…", erwiderte Salazar ruhig, aber dennoch mit einem snapeischen Tonfall, der Harry eiskalt den Rücken herunter lief.
Die Szene verschwamm und begann sich aufzulösen. Harry fragte sich, ob die Desillusionierungszauber, die heute noch über Hogwarts lagen, wohl immer noch die selben waren, die damals von den vier Gründern beschlossen und durchgeführt wurden. Wenn dem so war, dann gebührte ihrer Zauberkunst hoher Respekt. Nicht jeder – und Harry war sich sicher, nicht einmal Dumbledore – konnte Zauber aussprechen, die nach eintausend Jahren noch wirksam waren. Dennoch hoffte er, dass Slytherins Vorschlag der Muggelabwehr tatsächlich nicht stattgegeben wurde.
Er wusste nicht, was es war, aber der einst so introvertierte Junge, wies nun unangenehm harte Züge auf, die wiederum verdeutlichten, dass die Menschen selbst nicht gut oder böse auf die Welt kamen, sondern dass die Welt sie gut oder böse machte. Die Welt selbst war weder gerecht noch einfach zu ertragen. Niemand war einzig gut oder schlecht und Harry erinnerte sich wehmütig an seinen Paten, Sirius, der einst zu ihm sagte: „Die Welt besteht nicht nur aus Todessern und Mitgliedern des Phönixordens.". Jeder hat eine dunkle Seite in sich und die Kunst eines guten Lebens ist es, diese so geschickt wie möglich an den anderen Menschen kontaktlos vorbei zu manövrieren.
