Das Geheimnis der Mühle

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9. Der Kreis schließt sich

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Es war nicht der erste Schnee des Jahres, doch es war der erste Schnee, der so reichlich gefallen war und so herrlich pappte, dass man Schneebälle daraus formen konnte. Kurz vor Mittag hatte Hanzo eine vorgezogene Arbeitspause ausgerufen, und es hatte keine Minute gedauert, bis eine wüste Schneeballschlacht im Gange war. Staschko und Kito taten sich dabei besonders hervor, aber auch Andrusch und Lyschko nahmen sich nicht viel.

Für einmal schien der Abstand aufgebrochen, den die anderen Gesellen seit Jahresbeginn zu Krabat eingehalten hatten. Kubo packte ihn und warf ihn zu Boden, und Petar kniete sich auf ihn und seifte sein Gesicht mit Schnee ein, bis Krabat lachend um Gnade flehte.

Hanzo vergaß seine Altgesellen-Würde und rannte Lobosch hinterher, der ihm ein Stück Eis unters Hemd gesteckt hatte. Witko, der aus der Küche gekommen war, als er gesehen hatte, was sich im Hof abspielte, wälzte sich mit Stani im Schnee herum. Nur Juro hatte seine Töpfe nicht im Stich lassen wollen, aber Andrusch und Staschko beschlossen, ihm zur Entschädigung ein paar Schneebälle mitzubringen, die sie ihm in Hemd und Hose stecken wollten.

Als endlich alle erschöpft innehalten mussten, um wieder zu Atem zu kommen, begannen die drei Jüngsten, einen Schneemann zu bauen. Sie gaben sich große Mühe, ihm das Aussehen des Meisters zu verleihen. Gerade, als sie ihr Werk mit einem Stück Kohle krönten, das die Augenklappe darstellen sollte, ging die Haustür auf und der Meister trat heraus. Sein Haar, das unter dem Dreispitz hervorschaute, war fast weiß, und er stützte sich auf einen Stock. Dennoch kam er rasch und behände auf die Mühlknappen zu.

Die Gesichtsfarbe von Witko, Lobosch und Stani wechselte von apfelrot zu mehlweiß und wieder zurück. Hastig versuchten sie, sich hinter den anderen Gesellen zu verstecken.

Der Meister ging einmal um den Schneemann herum und musterte ihn mit ausdrucksloser Miene.

Die älteren Gesellen grinsten. Lyschko schob Stani, der sich hinter ihm zu verbergen suchte, immer wieder nach vorne, und Andrusch hielt Lobosch an einem seiner abstehenden Ohren fest, damit er nicht fliehen konnte. Nur Witko war es gelungen, sich hinter Petar und Kubo zumindest vorübergehend in Sicherheit zu bringen.

Der Meister schnippte mit den Fingern und blickte die Burschen auffordernd an. Zögernd traten die drei Übeltäter vor. Stani wirkte so verängstigt, als erwartete er, für diese Frechheit von der Mühle geworfen zu werden.

Der Meister sah die drei durchdringend an, einen nach dem anderen. Sie standen stocksteif und wagten kaum, seinem Blick zu begegnen.

Da kräuselten sich die Lippen des Meisters zu einem Grinsen. Er nahm seinen Dreispitz ab und verbeugte sich mit dem Hut in der Hand vor der versammelten Gesellschaft.

Dann trat er zu dem Schneemann hin und setzte ihm den Dreispitz auf, ehe er pfeifend ins Haus zurückging.

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Es ist tiefster Winter und schwärzeste, mondlose Nacht. Auf dem unberührten Schnee vor der Mühle steht der Herr Gevatter, ohne Pferde und Wagen. Das rote Licht, das von der flackernden Feder auf seinem Hut ausgeht, lässt es aussehen, als stünde er in einem Teich aus Feuer.

„Es ist ein Kreis, Krabat", sagt der Herr Gevatter mit der Stimme des Meisters.

Und richtig, Krabat sieht nun, dass das rote Licht einen vollkommenen Kreis um die schwarze Gestalt bildet.

„Ein Kreis", fährt der Herr Gevatter fort, „hat keinen Anfang und kein Ende. Ich bin nur die Rückseite des Lebens, Krabat, sein Schatten, und gleichzeitig der Pate, der ihm von Beginn an zur Seite gestellt ist. Tag, Nacht, Sommer, Winter, Wachen, Schlafen – das eine kann ohne das andere nicht bestehen, und das Rad muss sich immer weiter drehen. Das verstehst du doch, oder?"

„Ja", erwidert Krabat. „Das versteh' ich."

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Es war nur noch eine Woche bis zur Altjahresnacht, als der Meister Krabat und Lyschko zu sich in die Schwarze Kammer rief. Er sah alt und geschwächt aus. Seine Gestalt war gebeugt, sein Gesicht bleich und eingefallen.

„Wir müssen", sagte der Meister mit rauer Stimme, „bald unsere Wahl treffen."

Krabat wurde es eng ums Herz. Weder er noch Lyschko erwiderten etwas.

„Ich weiß, Lyschko", fuhr der Meister fort, „dass du aus gutem Grund eine Abneigung gegen Andrusch hast, und dass du ihn wählen würdest, wenn es nur danach ginge, wen wir mögen und wer uns ein Ärgernis ist. Aber unsere Entscheidung muss das Wohl der gesamten Mühlengemeinschaft berücksichtigen. Wenn es ständig Streit gibt, oder wenn einer andauernd über die Stränge schlägt, oder wenn die Bruderschaft gar in Gefahr ist, ganz aus den Fugen zu geraten und keine Einheit mehr bildet, dann müssen wir sehen, wo das seinen Ursprung hat und wer die Quelle des Ganzen ist."

Der Meister sah Krabat an.

„Juro", sagte Krabat leise. Er hatte einen gallebitteren Geschmack im Mund.

„Juro", bestätigte der Meister. „Ich habe es dir mehr als einmal gesagt: Juro wird nicht ruhen, ehe er den Meister der Mühle zu Fall gebracht hat, gleich, wer es sein mag. Er hat das ganze Jahr über versucht, die anderen Gesellen hinter sich zu scharen, und zumindest bei Andrusch, Staschko und Kito ist ihm das auch gelungen. Nächstes Jahr werden es vielleicht noch mehr sein, die ihm folgen. Wir müssen jetzt wahrhaftig etwas tun, wenn wir nicht wollen, dass uns die Steine brechen und die Mühle still steht. Es gibt keinen anderen Weg mehr: dieses Jahr muss es Juro sein."

Krabat und Lyschko wechselten einen Blick. Lyschko sah nicht glücklich aus, aber schließlich nickte er. „Du hast Recht, Meister: Juro muss es sein."

„Krabat?", fragte der Meister.

Krabat schloss die Augen. Sein Herz lag ihm wie ein Stein in der Brust.

„Juro", sagte er dann.

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Anders als im vergangenen Jahr bei Merten war es der Meister, der zuerst mit Juro sprach, und er tat es erst am Morgen des Altjahrestages.

Da es, soweit die Gesellen wussten, diesmal mit Ausnahme von Krabat, Lyschko und dem Lehrjungen im Grunde jeden treffen konnte, war die Stimmung auf der Mühle immer gedrückter und gereizter geworden, je näher das Jahresende heranrückte. Es gab viel Streit und manches Mal Schläge.

Aber keiner der Gesellen, mit Ausnahme vielleicht von Juro selbst, hatte wohl ernsthaft damit gerechnet, dass die Wahl auf ihn fallen könnte, so vorsichtig, wie er das Jahr über gewesen war. Hanzo mochte für sie wahrscheinlicher erschienen sein, weil der Meister sich mit dessen Arbeit als Altgesell ausdrücklich unzufrieden gezeigt hatte. Vielleicht auch Andrusch oder Staschko, da sie Lyschko, der nun wieder in der Gunst des Meisters stand, oft hart angegangen und deshalb verwarnt worden waren und auch sonst viel Unfug getrieben hatten. Auch den schmächtig gebliebenen und für die Müllerei untauglichen Witko, der mit der Arbeitsgeschwindigkeit in den Neumondnächten kaum Schritt halten konnte, mochten sie als mögliches Opfer in Erwägung gezogen haben.

Krabat sah Juro zum Schuppen hinausgehen, aschgrau im Gesicht.

Als Juro vom Wüsten Plan zurückkehrte, passte Krabat ihn im Hof ab. Er hatte ein unbeschreiblich scheußliches Gefühl dabei, doch er fand, dass er es Juro schuldig war.

Juro sah ihn an, müde, aber ruhig.

„Es … tut mir Leid, Juro", brachte Krabat mühsam hervor.

„Ich weiß, Krabat", erwiderte Juro leise. „Ich weiß."

„Wenn es … wenn es eine andere Möglichkeit gegeben hätte …"

Juro schüttelte den Kopf. „Du hast klug gewählt, Krabat. Ich hätte nie aufgehört, ehe der Meister nicht besiegt gewesen wäre – wenn nicht dieser, dann der nächste. Und das wärst dann du gewesen."

„Juro …"

„Ich für meinen Teil bin immer dein Freund gewesen, Krabat. Selbst, wenn ich dich eines Tages hätte töten müssen: Ich hätte es als dein Freund getan."

Eine Weile standen sie sich schweigend gegenüber. Dann streckte Juro Krabat die rechte Hand hin. Nach kurzem Zögern griff Krabat zu und drückte sie fest.

„Auch ich war immer dein Freund, Juro", sagte er leise.

Juro nickte.

Dann ließ Krabat seine Hand los, und Juro wandte sich ab und ging zum Schuppen hinüber, um Hacke und Schaufel zurückzustellen.

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Beim Abendessen, das in vollkommenem Schweigen verlief, kam Juro wie gewohnt seinen Pflichten nach. Der Meister war nicht erschienen.

Nach dem Essen half Witko, das Geschirr abzutragen. Der kleine Stani, der bei all seiner Ahnungslosigkeit nicht übersehen konnte, dass etwas nicht stimmte und dass es mit Juro zu tun hatte, drückte sich unter dem Vorwand, beim Abwasch helfen zu wollen, ebenfalls in der Küche herum. Stani liebte Juro, weil dieser vom ersten Tag an freundlich zu ihm gewesen war – wie zu allen Lehrjungen vor ihm.

Krabat begriff plötzlich, dass jeder einzelne der Gesellen als Lehrling von Juro gepäppelt und beschützt worden war. Vielleicht war das der Grund, warum, anders als sonst, an diesem Abend niemand die Stube verlassen mochte. Etliche der Burschen boten Juro ihre Hilfe in der Küche an. Hanzo sprang auf und lief auf den Hof hinaus, weil Juro nicht sehen sollte, dass er weinte.

Krabat war hundeelend zumute, und wenn er Lyschko betrachtete, dann schien es diesem nicht besser zu gehen.

Endlich schlüpfte auch Lyschko in die Küche, wobei er fast verschämt wirkte. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er wieder herauskam, aber als er es tat, sah er ein wenig erleichtert aus.

Die Gesellen saßen stumm um den Tisch herum – abgesehen von denen, die Juro zur Hand gingen, und von Hanzo, der immer noch draußen war. Manchmal traf Krabat ein feindseliger Blick, aber die meisten schienen sich nicht um ihn und Lyschko zu scheren.

Es wurde spät und später. Hanzo kehrte in die Gesindestube zurück, mit vor Kälte klappernden Zähnen. Kubo, Lobosch, Witko und Stani kamen aus der Küche heraus. Offensichtlich wollte Juro eine Weile allein sein – vielleicht, um sich in Ruhe von dem Ort zu verabschieden, der dreizehn Jahre lang sein Zuhause gewesen war.

Endlich trat Juro aus der Küche in die Gesindestube. Er sah die versammelten Gesellen an, eine Mischung aus Überraschung und Rührung auf dem Gesicht. Dann trat er an den Tisch und drückte reihum jedem die Hand. Auch Krabat und Lyschko sparte er nicht aus.

Dann sagte Juro: „Ich bitt' euch, geht zu Bett und versucht, zu schlafen. Ich werde nicht mehr mit hinaufkommen."

Die Burschen sahen ihn betreten an. Nach und nach erhoben sich alle, um seiner Bitte Folge zu leisten. Stani, der immer noch nicht wusste, was eigentlich los war, hatte Tränen in den Augen, und er war nicht der einzige.

Krabat verließ den Raum als Letzter. In der Tür sah er sich noch einmal um.

Juro stand am leeren Tisch und schob die Schemel zusammen, wie er es abends immer getan hatte. Einen Augenblick blieb Krabat stehen und beobachtete ihn dabei, mit einem Gefühl, als ginge sein Herz entzwei.

Dann schlich auch er sich hinaus.

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Sie fanden Juro am Neujahrsmorgen im Stall. Er lag auf dem Gang hingestreckt, als wäre etwas über ihn hinweggerast, war aber ohne äußerlich sichtbare Verletzungen.

Hanzo und Petar trugen ihn in die Küche und legten ihn auf ein Brett. Kubo steckte ihm ein Bündel Stroh in den Nacken. Kubo war es auch, der Juro versorgte, ihn wusch und ihm das Totenhemd anzog.

Am Nachmittag brachten sie Juro auf den Wüsten Plan hinaus. Sie ließen den Sarg in das offene Grab hinab und schaufelten es mit grimmiger Eile wieder zu.

Diesmal waren es Krabat und Lyschko, die zurückblieben, mit ihren Gedanken bei den Toten der vergangenen und denen der zukünftigen Jahre.

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Ende.

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