Kapitel 9
An-Otter Future – Eine neue, otter-ige Zukunft
Er erholte sich tatsächlich, auch wenn ihn der Ausflug in Hermiones Geist deutlich zurückgeworfen hatte, was ihn die Heiler schnell wissen ließen. Die Tage waren lang und ermüdend und oft schmerzvoll, aber er konnte einige Fortschritte sehen. Zu Anfang schnauzte er die Krankenhausmitarbeiter an, aber als der Heiler mit ihm seinen Behandlungsplan zu diskutieren begann und ihm klarmachte, dass er schneller entlassen würde, wenn er sich etwas Mühe gäbe, war er wirklich bei der Sache und schaffte es sogar, zur Tränkebehandlung einige Verbesserungen vorzuschlagen. Poppy und Minerva kamen regelmäßig vorbei, und sogar Kingsley Shacklebolt und Bill Weasley hatten sich die Mühe gemacht, ihn zu besuchen.
Inzwischen hatte Hermione den größten Teil des Sommers in Hogwarts verbracht, wo sie beim Wiederaufbau half. Sie plante, im Herbst zurückzukehren, um ihr letztes Schuljahr abzuschließen und ihre NEWTs abzulegen. Er konnte diesen Drang verstehen, er hätte dieselbe Wahl getroffen, besonders, da alles andere in ihrem Leben auf den Kopf gestellt war. Anscheinend waren Potter, Weasley und ein paar anderen Abschlusszeugnisse gegeben worden, ohne dass sie tatsächlich die Prüfungen abgelegt hatten.
Dennoch besuchte sie ihn ein paarmal, aber irgendwie war die Atmosphäre zwischen ihnen schwer und angespannt. Es war, als wüsste keiner von ihnen, wie er sich im Beisein des anderen außerhalb seiner vertrauten Wohnung benehmen sollte. Potter kam einige Male mit und versuchte, ihn nach Lily zu fragen, und sogar Weasley Junior kam einmal mit den anderen beiden und jammerte die ganze Zeit.
Der Wizengamot war ein Trümmerhaufen. Irgendwie hatte irgendjemand, wahrscheinlich Kingsley, es bewerkstelligt, ihn von allen Anklagepunkten – der Tötung von Albus und ein Todesser gewesen zu sein – freizusprechen. Er hatte den Verdacht, dass Potter und Hermione involviert gewesen waren und wahrscheinlich auch Minerva und Poppy. Er machte sich nicht viele Gedanken darüber, sondern war froh, aus dem Rampenlicht zu sein. Sie verliehen ihm sogar einen Orden des Merlin Erster Klasse, aber er weigerte sich, an jedweden Zeremonien teilzunehmen, weil ihn die vermeintliche Ehre ganz und gar nicht interessierte. Die finanzielle Prämie half ihm jedoch.
Erst in der zweiten Septemberhälfte wurde er entlassen, als das Schuljahr bereits begonnen hatte, und die Zahl der Besuche beachtlich gesunken war.
„Kann ich dir schreiben?" hatte sie das letzte Mal, als sie ihn besuchte, gefragt, ehe sie nach Hogwarts zurückkehrte.
„Ja", sagte er. Das war einfach.
„Wirst du antworten?"
Ein wenig musste er nachdenken, aber tief in seinem Inneren wusste er natürlich, was die Antwort war. „Ja."
Noch ehe die erste Woche des Schuljahrs vorüber war, bekam er den ersten Brief. Sie schrieb über die Renovierungsarbeiten am Schloss, über neue Lehrer, ihren Unterricht und erwähnte kurz ihren Sommer, den sie allein im Muggelhaus ihrer Eltern verbracht hatte. Er hatte nicht gewusst, dass sie ihre Eltern obliviert hatte, um sie zu schützen, aber er hatte gehört, dass der Dunkle Lord an einem Abend sehr aufgebracht gewesen war, weil sie verschwunden waren.
Sie hatte sich ausgerechnet mit Weasley liiert. Er unterdrückte das schmerzhafte Ziehen von Sehnsucht, das er kaum verstand außer aus dem Grund, dass Weasley natürlich nicht gut genug für sie war.
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Irgendwo hatte er vor langer Zeit von einer Zauberergemeinde auf Kreta gehört, an der Südküste, weit weg von den großen Muggelstädten. Augenscheinlich wären Sonne und Meer gut für seine immer noch im Heilungsprozess befindliche Kehle, und etliche interessante Trankzutaten konnte man dort auch finden. Er mietete ein kleines Cottage auf einem Hügel mit Blick auf das Meer von einer alten Hexe namens Melia, die, wie er bald herausfand, sich nicht damit zufriedengab, lediglich als Vermieterin zu fungieren, sondern die außerdem regelmäßig bei ihm nach dem Rechten sah und sich davon überzeugte, dass er satt zu essen bekam, da er schließlich keine Frau und daher ganz klar nicht fähig war, etwas so Fortgeschrittenes wie Kochen hinbekommen. Sie sprach nur Griechisch, und er brauchte eine kleine Weile, um die Sprache zu lernen, aber bald wusste er mehr, als er jemals gewollt hatte, über ihre drei Söhne, die nach Athen, Kefalonia und Berlin weggezogen waren und nur über Ostern zu Besuch kamen. Das Cottage war einfach, aber mit einem Schlafzimmer, einem Wohnzimmer und einer kleinen Kochgelegenheit ausreichend für ihn – und mit einem Schuppen, den er in ein Tränkelabor umbaute. Es war weit genug vom Rest des Zaubererdorfs entfernt, dass niemand kam, um ihn zu belästigen, sofern es nicht absolut notwendig war, aber dennoch nahe genug, dass er hinlaufen und die Sachen, die er brauchte, bekommen konnte, ohne apparieren zu müssen.
Er kaufte eine kleine, griechische Eule der von der Göttin Athena gezüchteten Rasse. Der Vogel nannte sich selbst Paean nach dem Arzt der Götter und war angenehme Gesellschaft. Die einheimische, magische Gemeinde hatte keine annehmbaren Brauer, daher konnte er leicht seinen Lebensunterhalt verdienen, indem er einfache Tränke für sie braute und entweder in der örtlichen Währung, die 'Eulen' genannt wurde, oder mit getauschter Ware bezahlt wurde.
In einem nahegelegenen Muggeldorf gab es in der örtlichen Schule ein Klavier. Er durfte abends und am Wochenende nach Belieben spielen, und als Gegenleistung brachte er den Kindern Englisch bei. Einige Zaubererfamilien schickten ebenfalls ihre Kinder zu ihm, als sie von seinem improvisierten Unterricht hörten. Auch wenn er es ablehnte, dass irgendjemand im Raum war, während er spielte, bemerkte er bald, dass sich die Einheimischen draußen vor dem Fenster versammelten, das er oft offen ließ, um frische Luft hereinzulassen.
Er entdeckte, dass er gerne schwamm. Die Sonne und das Salz ließen seine garstigen Narben heilen, und er verlor die fahle Blässe aus den Kerkern und baute einige [ .1] schlanke Muskulatur auf seiner schlaksigen Gestalt auf. Im Winter wurde das Wasser kalt, aber einige strategische Zauber lösten das Problem, so dass er weiter schwimmen konnte, wenn die Wellen nicht zu stürmisch waren.
Die Briefe kamen stetig. Zu seiner schamlosen Erleichterung trennte sie sich irgendwann nach Weihnachten von der Weasley-Landplage, als der Junge anscheinend versucht hatte, ihr vor dem versammelten Clan von Rotschöpfen einen Heiratsantrag zu machen, während sie nur wenige Stunden zuvor von George Weasley von Rons Quidditsch-Groupies erfahren hatte. Sie begann Animaguslektionen bei Minerva, aber er hörte nichts darüber, dass sie mit einer bewussten Verwandlung Erfolg hatte.
Akademisch hielt sie Severus auch auf Trab, indem sie Kommentare zu den neuesten Zeitschriften schrieb oder ihm komplizierte Fragen über dunkle Magie oder Zaubertränke oder alles Mögliche stellte, was ihr einfiel. Im Gegenzug schrieb er über sein Leben in dem kleinen Dorf, die neuen Pflanzen und andere Zutaten, die er erforschte, seinen Umgang mit den Einheimischen und die Ironie der Tatsache, dass er wieder zum Schullehrer geworden war.
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Ihre Briefe wurden länger und detaillierter, während sich ihre letzten Monate in Hogwarts dem Ende zuneigten. Sie erzählte über ihre Kindheit, ihre Jahre in der Muggelschule … und davon, wie sie ihre Eltern obliviert hatte, um sie zu ihrer eigenen Sicherheit wegzuschicken. Dies zu lesen, ließ ihn zusammenzucken. Auch wenn er definitiv dachte, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, waren Gedächtniszauber immer noch schrecklich schwierig rückgängig zu machen, und in diesem Fall hatte sie Erinnerungen aus fast zwanzig Jahren entfernt. Dennoch antwortete er, was er darüber wusste, nannte Bücher und Artikel, nach denen sie suchen und andere Ideen und Techniken, die sie ausprobieren sollte.
Zu seinem Erstaunen bat sie ihn, sie im Sommer nach ihren NEWTs nach Australien zu begleiten, wobei er einen brennend heißen, mediterranen Sommer gegen das, was als Winter in einem Vorort von Sydney galt, austauschte. Sie trafen sich im Portschlüsselbüro im Athener Ministerium für Zauberei und legten den Rest der Reise gemeinsam via Iran, Indien und Indonesien zurück. Er sah sie sofort, als sie von London eintraf, ihr widerspenstiges Haar mit einem lässigen Band zusammengebunden, in Muggeljeans und ein enges Top unter ihrer Denimjacke gekleidet, eine Tasche, die unzweifelhaft mehr beinhaltete, als es den Anschein hatte, über die Schulter geschlungen. Ihre Augen jedoch … Sie hatte immer noch den gehetzten, abwesenden Blick, den sie seit dem letzten Kriegsjahr hatte. Sie ließ den Blick über die Ankunftshalle schweifen, aber anscheinend sah sie ihn nicht, bis er direkt vor ihr stand.
„Ich hatte dich nicht in dieser Kleidung erwartet", gab sie errötend zu.
„Ich habe bemerkt, dass Lehrerroben in Anbetracht des Klimas höchst unpraktisch sind", antwortete er mit einer erhobenen Augenbraue. Er trug schwarze Jeans, ein frisches, weißes Hemd und eine schwarze Lederjacke, da er auf Muggeljagd in Australien kaum Roben oder einen Gehrock im viktorianischen Stil tragen konnte.
Sie betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, was ihn sich deutlich unbehaglich fühlen ließ. „Ich mag das", murmelte sie. „Es steht dir. Eine Sonnenbrille und noch dein Haar zurückgebunden …" Als sie realisierte, dass er ihren Kommentar gehört hatte, errötete sie noch mehr, senkte die Augen und beschäftigte sich mit den Tickets für den nächsten Teil ihrer Reise. Auch wenn Fortbewegung mit dem Portschlüssel seine Vorteile gegenüber Muggeltransportmethoden hatte, war es dennoch eine lange und ermüdende Reise, bis sie in Sydneys magischem Hotel in zwei Einzelzimmern schlafen gehen konnten. Er wurde kaum wach, als Mi sich mitten in der Nacht an ihn kuschelte, aber ihre Anwesenheit half ihm, sich zu entspannen.
Obwohl sie mit wenigen schnellen Zaubern und einigen Schockzaubern leicht Zugang zum neuen Haus der Grangers erlangten, war der Prozess der Wiederherstellung der Erinnerungen komplex und dauerte lange. Er hatte angeboten, einen Trank zu brauen, der den Verstand ihrer Eltern empfänglicher für die Veränderung machte, aber selbst mit dem Trank benötigte Hermione mindestens drei Stunden bei jedem von ihnen, um die Erinnerungen wiederherzustellen. Es war am besten, wenn der Zauberer, der die Vergessenszauber gesprochen hatte, diese auch widerrief, da sie andernfalls höchstwahrscheinlich nicht komplett waren. Und da sie ihnen so viel weggenommen hatte, gab es keine andere Wahl. Er hielt ihr den Rücken frei, indem er sicherstellte, dass das andere Elternteil, mit dem sie gerade nicht arbeitete, sediert blieb, und er versorgte sie mit Sandwiches, Tee, Pepper-Up und Kopfschmerzmitteln und sorgte dafür, dass sie die Hoffnung nicht verlor.
Schließlich war der Prozess abgeschlossen, und sie weckten beide Grangers vorsichtig auf, nachdem sie zwei Tassen Tee, die er mit einem Beruhigungstrank versetzt hatte, für sie vorbereitet hatten.
„Hermione?" flüsterte ihre Mutter, und die junge Hexe warf sich in ihre Arme.
Zu erklären, was passiert war, brauchte viel Zeit und viel Tee. Die Grangers waren misstrauisch, aber nach und nach entspannten sie sich und akzeptierten auch seine Anwesenheit als Hermiones ehemaliger Professor, der sich bereiterklärt hatte zu helfen.
„Verwandelst du dich nachts immer noch in einen Otter?" fragte ihr Vater, während ihre Mutter sich mit dem Abendessen beschäftigte.
Hermione starrte ihren Vater mit großen Augen und vor Erstaunen offenem Mund an, ehe sie sich zusammennahm. „Äh, ja, tatsächlich, aber wieso?"
„Oh, wir bekamen den Schock unseres Lebens, als wir einen Otterwelpen in unserem Bett fanden, und du warst nicht da", sagte er mit einem Lachen. „Ich glaube, wir bemerkten es zum ersten Mal, als du ungefähr sechs warst, und du warst das pelzigste kleine Ding, das wir je gesehen hatten. Ich weiß nicht genau, was es ausgelöst hat, und es ist nicht so oft passiert, vielleicht einmal im Monat oder so?"
„Warum habt ihr mir das nicht gesagt?!"
Ihre Mutter kam aus der Küche. „Oh, es erschien einfach so völlig seltsam, daher wussten wir nie, wie wir es zur Sprache bringen sollten, da du dich hinterher nie daran zu erinnern schienst. Es war eine rechte Erleichterung, als du deinen Hogwartsbrief bekamst, und wir einfach dachten, es sei wahrscheinlich normal für magische Kinder."
Ihr Vater nickte. „Ja, und nachdem du in Hogwarts angefangen hattest, sahen wir dich nur einige Male in den Ferien als Otter, insofern vergaßen wir es praktisch."
Hermione begleitete ihn zurück zum Hotel, und er bekam eine weitere Nacht, die er mit Mi der Otter verbrachte. Sie beschloss, über den Sommer eine Weile bei ihren Eltern zu bleiben, und so verabschiedeten sie sich am nächsten Morgen nach einem gemeinsamen Frühstück voneinander.
„Vielen, vielen Dank, Severus", sagte sie und warf sich an ihn, während sie ihn fest umarmte.
Vorsichtig hob er seine Arme und umfasste sie. Er war an Umarmungen nicht gewöhnt. „Du hast alle Arbeit gemacht. Ich bin beeindruckt von dir, das war kein einfacher Zauber."
Sie schüttelte ihren Kopf an seiner Brust. „Nein, ohne dich hätte ich es nicht gekonnt."
Als sie sich ein wenig zurückzog, um zu ihm hochzusehen, sah er, dass ihre Augen ausdruckslos waren, und eine Träne ihre Wange hinunterlief. Er wischte sie mit seinem Daumen weg und wollte sie trösten, war sich aber unsicher, wie er das bewerkstelligen sollte. Ihm war unbehaglich zumute.
„Pass auf dich auf, Hermione. Schreibst du mir?"
She nickte. „Wirst du antworten?"
Sein Mundwinkel zog sich in einem kurzen Lächeln nach oben. „Ich bin sicher, Paean könnte seinen Weg inzwischen blind zu dir finden."
Ohne nachzudenken drückte er einen Kuss auf ihre Stirn. Als Erwiderung strich sie sanft seinen Kiefer entlang; der kurze Kontakt brachte sein Blut in Wallung, ehe er sich losmachte und ohne sich noch einmal umzusehen zur Portschlüsselstation zurückapparierte.
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Er kehrte in das verschlafene Dorf zurück und lebte sich wieder in seinen neugefundenen Gewohnheiten ein: Schwimmen, Brauen, lange Spaziergänge in den Schluchten und an den Stränden entlang, wo interessante Zutaten zu finden waren. Als der Herbst kam, begannen nach ihrem ausgedehnten Aufenthalt in Australien ihre Briefe wieder. Sie arbeitete im Ministerium, in einer Sackgassenstelle unterhalb ihrer Fähigkeiten in der Abteilung für Magische Transporte. Es wurde Severus, wenn auch nicht Hermione, bald klar, dass das Vorurteil gegen Muggelgeborene im Inneren des Ministeriums noch immer nicht ausgerottet war, und dass ihre Vorgesetzten ihr niemals erlauben würden, in dem Tempo voranzukommen, wie sie sollte.
Minerva und Poppy schrieben ihm und berichteten über den Wiederaufbau des Schlosses. Er begann sogar, die örtliche Taverne zu besuchen, zunächst zufrieden damit, dem Klatsch zuzuhören, aber bald forderte ihn einer der älteren Zauberer zu einem Schachspiel heraus, und nachdem er fünf Spiele hintereinander gewonnen hatte, schienen die anderen ihn als einen der Ihren zu akzeptieren und bezogen ihn in ihre Diskussionen ein. Sie nannten ihn Der Große, aber er passte gut zur örtlichen Bevölkerung, da die meisten Zauberer schwarze Stiefel, schwarze Hosen und ein schwarzes Leinenhemd trugen, das gegen ein weißes ausgetauscht wurde, wenn sie sich schick fühlen wollten. Lockere Roben über alldem komplettierten den Stil und waren der einzige sichtbare Unterschied zwischen der magischen und der Muggelgesellschaft.
Mit Melia, den Schulkindern und den Leuten in der Taverne hatte er alle Gesellschaft, die er jemals benötigen konnte, und keiner von ihnen forderte irgendetwas von ihm. Es war erfrischend und heilsam. Während das erste Jahr im Dorf seinen physischen Zustand geheilt hatte, schien sein Geist länger zu brauchen, um sich zu erholen, vielleicht, weil er es nie wirklich gekannt hatte, wie es war, nicht missbraucht und zornig zu sein, beladen mit Schuld und Elend, sowohl selbst verursacht wie auch aus äußeren Quellen. Es war eine Erleichterung, seine Tage für sich selbst zu haben. Er verbrachte sogar ein paar Tage damit, kaum etwas anderes zu tun als schlafen und lesen, während er Retsina mit Honig auf der Dachterrasse trank, und niemand machte ihm deswegen Vorhaltungen.
Seine Gedanken schweiften öfter und öfter zu einer gewissen Hexe oder einem gewissen Otter. Sie war während der Kriegsjahre schnell erwachsen geworden, und in Australien hatte er definitiv bemerkt, dass sie eine ausgewachsene, erwachsene Hexe war und kein Kind mehr. Er ertappte sich dabei, ihr erzählen zu wollen, welche lustige Angelegenheit Stavros in der Taverne Konstantinos erzählt hatte, oder ihr den Brief zu zeigen, den die achtjährige Eleni ihm auf Englisch geschrieben hatte. Oder er fragte sich, ob es ihr gefallen würde, ihn auf seinen Ausflügen in die Berge zu begleiten. Er sorgte sich wegen ihrer Stelle im Ministerium und fürchtete, sie könne sich mit dem falschen Zauberer einlassen, mit jemandem, der sie benutzen und ihr Streben zu lernen nicht verstehen würde, jemand, der nicht er selbst war.
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Nach seiner Australientour hatte Melia es natürlich geschafft, viel zu viel Information über Hermione und seine Vergangenheit in Britannien aus ihm herauszukriegen.
„So, warum hast du deine Hexe nicht hierher eingeladen, Sevros? Du solltest dich hier mit ihr niederlassen, du könntest das Cottage jederzeit erweitern, wenn du mehr Platz brauchst, weißt du."
Er starrte sie an, aber leider war die alte Hexe dagegen genauso immun, wie Minerva es immer gewesen war. „Sie war meine Schülerin, Melia. Sie ist fast zwanzig Jahre jünger als ich, und sie wird jemand Besseren finden."
Melia lachte gackernd darüber. „Oh, Sevros, Männer sind immer blind für die Dinge genau vor ihrer Nase. Du liebst sie. Geh und sag ihr das, und dann bring sie hierher und schenke mir Enkelkinder."
In dieser Nacht konnte er nicht schlafen, zu viele Gedanken tosten durch seinen Kopf. Er gab auf und nahm sich eine Flasche des einheimischen, magischen Frost-Raki-Gebräus und ging auf die Dachterrasse hinauf, wo er eine rustikale Gartenbank aus Olivenholz und einen kleinen Tisch aufgestellt hatte. Der Blick auf die Berge in der Ferne, die an der Küste entlang auf das Meer trafen, war vom Vollmond erhellt, und die Nacht war noch immer warm mit einer leichten Brise, die den Duft verschiedener Kräuter und des Meeres mit sich trug, umrahmt vom rhythmischen Gesang der Zikaden in den Bergen. Seine Eule Paean ließ sich eben auf seiner Bank nieder und schuhute kurz zur Begrüßung, ehe sie wieder zum Jagen davonflog, und die Fledermäuse waren unterwegs, um Insekten zu fangen, schwarze Streifen, die über den Himmel flitzten.
Er konnte Melias Worte nicht aus seinem Sinn verbannen. Er hatte gedacht, nach dem ganzen Fiasko mit Lily habe er mit der Liebe abgeschlossen. Er hatte seine Schuld zurückgezahlt und war von seinen beiden Meistern frei, aber grundsätzlich war er immer noch derselbe Mann, der er immer gewesen war. Missmutig, schwierig, reizbar, sarkastisch und die Einsamkeit wertschätzend, aber auch voller Sehnsucht nach intelligenten Gesprächen und einer bedeutungsvollen Verbindung zu jemandem. Jedoch verdiente es jemand, der so aufgeweckt und ausgesprochen loyal wie Hermione war, Glück mit jemandem auf ihrer eigenen Ebene zu finden, mit jemandem, der jünger, unbeschwert und beliebt war. Erst, als er sich vorzustellen begann, dass sie jemand anderen heiratete, ließ sein Herz sich schmerzhaft zusammenziehen, und er realisierte endlich, dass Melia recht hatte. Er liebte Hermione Granger. Der Gedanke ließ ihn den Becher Raki auf einen Zug austrinken, während er zischte, als der kalte Dampf ihn einhüllte.
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Irgendwie ertappte er sich dabei, sie einzuladen, ihn für den Sommer zu besuchen. Es musste der Frost-Raki gewesen sein, der sein Gehirn tiefgekühlt hatte, oder Paean musste den Brief stibitzt haben, ehe er ihn wegwerfen konnte. Zu seiner gänzlichen Überraschung nahm sie fast sofort an, und er verbrachte die nächsten paar Wochen in gespannter Erwartung.
Er traf sich mit ihr in der Abteilung für internationale Portschlüssel im griechischen Zaubereiministerium, wo sie sich im Jahr zuvor für ihre Reise nach Australien getroffen hatten. Er mochte – oder auch nicht – eine volle Stunde zu früh per Flohnetzwerk aus der örtlichen Taverne eingetroffen sein, was ihn dazu brachte, in der Eingangshalle unruhig auf und ab zu gehen, bis ein Sicherheitsbeamter ihn anschnauzte, sich hinzusetzen.
Schließlich aktivierte sich die Magie, und ein halbes Dutzend Reisender erschien, die einen großen Messingring festhielten. Hermione war leicht zu erkennen, bei weitem die Jüngste, und in Severus' Augen erschien sie strahlend, fast leuchtend in ihrem blassgrünen Sommerkleid. Schnell erblickte sie ihn und zeigte sofort ein breites Lächeln, ehe sie praktisch zu ihm hinüberflog und ihre Arme um seinen Hals warf. Er drückte sie genauso fest, während er seine Nase in ihrem unmöglichen Haar barg, das gerade mit einem lockeren Band gebändigt war. Sie roch nach Büchern, Tinte und Pergament, Jasmin und Bergamotte und einfach perfekt.
Er apparierte sie beide auf die Klippe hinter seinem Cottage, da er sie noch nicht durch die Taverne vorführen wollte, wo sich der Flohanschluss befand. Das kastenförmige, weiße Cottage mit seiner blauen Tür und den blauen Fensterumrandungen kontrastierte mit den schroffen Bergen und dem Meer. Mit Melias Erlaubnis hatte er das Dach nach der Meeresseite magisch vergrößert, so dass die Vorderseite des Cottages ein wenig Schatten und einen guten Platz für einen kleinen Frühstückstisch bekam, und es gab jetzt neben dem alten Olivenbaum hinter dem Gebäude einen ziemlich großen Garten mit Trankzutaten.
„Severus, das ist herrlich!" rief sie aus und verwandelte sich prompt in einen Otter. Mit einer Reihe von Quietschern und Piepsern war sie unterwegs, um die Umgebung zu erkunden.
Er lächelte über ihre Eskapaden und ging in die Küche, um ein leichtes Mittagessen vorzubereiten. Als er mit einem schwebenden Tablett mit Käse, Brot, Oliven und verschiedenen anderen, einfachen Gerichten wieder nach draußen ging, sprang sie zu ihm hinauf und verwandelte sich reibungslos in ihre menschliche Gestalt zurück.
„Wie ich sehe, hast du die Verwandlung gemeistert", kommentierte er, während er ihnen beiden Gurkenwasser einschenkte.
Hermione nickte. „Ja, Minerva hat mir geholfen. Es war knifflig und ein wenig anders als der normale Vorgang, da mir meine Gestalt schon bekannt war. Tatsächlich hatte ich eher vom Otter zurück zum Menschen zu gehen als andersherum."
„Also bist du ein Otter, der ein menschlicher Animagus wird?" sagte er mit hochgezogener Augenbraue und einem Lächeln, während er Weichkäse auf eine Scheibe Brot strich.
„So scheint es", sagte sie und erwiderte das Lächeln.
In den folgenden Tagen wurden sie langsam wieder vertraut miteinander, während er sie auf der Insel herumführte. Sie gingen in den nahegelegenen Schluchten wandern, wo sie sich sofort verwandelte, um in den Bächen zu spielen, auch wenn sie der Sommersonne wegen nur noch wenig Wasser führten. Natürlich kam Melia herauf, um Hermione in Augenschein zu nehmen, und sie teilte Severus eindringlich mit, dass er dies nicht vermasseln durfte. Die beiden Hexen kamen trotz der Sprachbarriere dank Körpersprache, Übersetzungszaubern und – dessen war er sicher – dem gemeinsamen Interesse, ihn in Verlegenheit zu bringen, erschreckend gut miteinander zurecht.
„Warum, glaubst du, bist du in dieser ersten Nacht in Hogwarts zu mir gekommen?" fragte er sie eines Tages, als sie draußen an einem abgelegenen Strand waren.
Nachdenklich knabberte sie an ihrer Lippe. „Ich weiß es nicht genau. Ich erinnere mich an das Sortieren und das Willkommensfest in meinem ersten Jahr dort, alles war so wunderschön und alle waren glücklich … außer dir, schien es. Es sah nicht aus, als ob du dort am Lehrertisch sein wolltest, und ich erinnere mich daran, dass ich dachte, du schienst jemand zu sein, der in einem Raum voller Menschen einsam sein konnte, genau wie ich. Anscheinend war mein innerer Otter derselben Meinung, dass du einen Freund brauchtest, aber ich habe keine Ahnung, wie ich all die Male in deine Räume gekommen bin."
Ein Sonnenuntergang am Meer, der Vollmond spiegelte sich im ruhigen Wasser. Eine gemeinsam getrunkene Flasche Weißwein auf der Terrasse. Sie saß neben ihm auf dem hölzernen Sofa, und er atmete verstohlen den Duft ihres Haars ein, sein Arm um ihre Schulter geschlungen, zeichnete sein Daumen Muster auf ihrem Oberarm. Langsam drehte sich ihren Kopf, um ihn anzusehen, ihre Hand strich über den Kragen seines Hemdes und legte sich um seine Wange.
„Würdest du mich küssen, Severus?" murmelte sie. Ihre Augen waren groß, fast schwarz im Mondlicht.
Sein Atem stockte, hatte er das richtig gehört? „Hermione, bist du sicher?"
Sie nickte, ihre Hand wanderte hinauf zu seinem Hinterkopf in sein Haar, und irgendwie trafen sich ihre Lippen, zunächst keusch, sich nur eben berührend und zögernd, ehe der Kuss sich vertiefte. Sie schmeckte nach Wein und Meer, und ihr leises Stöhnen brachte sein Blut in Wallung. Glückseligkeit. Nie zuvor war er so geküsst worden, niemals. Er wollte, dass die Zeit anhielt, genau jetzt, bitte.
„Bett, Severus", flüsterte sie atemlos, und er hob sie hoch und apparierte sie beide in sein Schlafzimmer.
„Bist du sicher, Hermione?" fragte er wieder, als sie beide mit ineinander verschlungenen Glieder auf seinem Bett lagen, besorgt, dass sie sich anders besonnen hatte, oder genauso besorgt, dass sie dies nicht hatte, sondern dass weiterzugehen alles zerstören würde, was sie bisher miteinander geteilt hatten. Dennoch konnte er nicht anders, als über die Kurve ihrer Hüften, über ihren Bauch, ihre Arme, ihren Hals zu streichen.
„Ich will dich schon seit langer Zeit", antwortete sie, und er war sicher, sein Herz wollte von der Intensität all dessen zerspringen. Sie griff nach ihm, um ihren Mund wieder auf seinen zu heften, und sein Verstand wurde leer, die Welt trat in den Hintergrund, bis nur noch sie beide übrigblieben, Berührung, Geschmack, Geruch, Duft, Rhythmus, endlich miteinander.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, brauchte er einen Moment, bis er realisierte, dass sie real war, diese Hexe in seinen Armen, dies buschige Haar, das seine Nase kitzelte. Sie regte sich und wandte ihm ihren Kopf zu, als sie die Augen mit einem Lächeln auf dem Gesicht öffnete.
„Morgen", sagte sie, während sie die Hand zu seinem Gesicht hob und seine Augenbraue und seinen Kiefer mit einer sanften Berührung entlangstrich.
„Reut es dich?" musste er fragen.
Sie schüttelte den Kopf und lächelte. „Nein, überhaupt nicht. Ich bin genau da, wo ich sein möchte. Und du?"
Plötzlich sah sie besorgt aus und biss auf ihre Unterlippe. Es brachte ihn zum Lächeln, warum um Himmels Willen sollte er nach dieser Nacht nicht glücklich sein?
„Hexe, ich lasse dich nie wieder gehen", murmelte er und senkte seinen Kopf zu ihrem, küsste sie auf die Stirn und ihren Mund, um dann an ihrem Körper hinabzugleiten, alles, um sie vor Behagen stöhnen zu hören.
Sie verlängerte ihren Urlaub um zwei Wochen, ehe sie wirklich zur Arbeit zurückkehren musste, wenn sie ihren Job behalten wollte. Es fühlte sich an, als verließe ihn sein Herz mit ihr, und wieder bekam Paean lange Flüge von und nach London.
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Anmerkung des Autors:
Frost-Raki ist meine eigene Erfindung. Ich vermute, wenn es in Schottland Feuerwhisky gibt, den die Menschen dort brauchen, um in diesem kühlen, feuchten Klima warm zu bleiben, dann brauchen die Kreter etwas, das ihnen Kühlung verschafft, richtig? Stellt Euch ein Getränk mit Anisgeschmack vor, das in etwa wie flüssiger Stickstoff zischt. Aber magisch.
[ .1]eine
