Über die Einstellungen

Kein Sonnenstrahl fiel durchs Fenster und doch blinzelte ich. Es war einer der wenigen Tage, wo ich mich dafür verfluchte, Frühaufsteher zu sein.

Gab es etwas angenehmeres, als die Wärme seiner Freundin im Rücken zu spüren?

Während ich Philosophas gleichmäßiges Atmen lauschte, fuhr ich mit meinen Fingern über das raue Leder des altmodisch klobigen Sofas.

Ich spielte mit dem Gedanken, nie wieder aufzustehen, schöner konnte es nicht werden. Aber es war Montag und die Arbeit rief.

Die Zeit steht niemals still. Aber irgendeine Stimme in meinem Kopf sagte mir, dass jemand, ganz nah an mich gedrängt, das nicht so sieht.

Langsam, Zentimeter für Zentimeter, löste ich mich aus ihrer Umklammerung.

Ich tapste über den weichen Teppich, verhalten gähnend, zum Schlafzimmer, um ihr eine Bettdecke zu holen.

Mit dieser umhüllte ich sie sorgfältig.

Schweren Herzens machte ich mich erst ins Bad auf und machte mich dort fertig, um danach aus den Sachen, die Mum mir zugesteckt hatte, ein brauchbares Frühstück zu zaubern. Die Plakette ließ ich erst mal wohlweislich noch weit weg an Ort und Stelle.

Gerade als ich den Früchtetee in die Tassen goss, schlossen sich Arme um meinen Bauch.

„Merlin, du bist unglaublich!"

Mit einem metallischen Klappern stellte ich den Teekessel ab und drehte mich zu ihr um. „Merlin muss nicht sein, Percy reicht völlig aus!"

Philosopha grinste. „Jetzt werden wir langsam frech?"

Unsere Lippen trafen sich kurz. „Irgendwann muss man ja mal auftauen...

Mir ist gar nicht aufgefallen, dass du weg warst." Sie hatte sich umgezogen, ihr apricotfarbener Umhang passte sehr gut zu ihrem Teint.

„Ja, wirklich ungewöhnlich, denn mein Appariergeräusch ist relativ laut, aber du sahst aus, als wärest du in deiner eigenen kleinen Welt."

„Frühstück vorbereiten, es gibt nicht Entspannenderes", scherzte ich.

„Außer vielleicht frühstücken an sich?"

Im sanftem Bogen schwebten die dampfenden Tassen nach meinem Zauberstabwink zum Esstisch.

„Wollen wir nicht lieber am Couchtisch essen?", fragte sie irritiert, während ihre Augen den Tassen folgten.

„Oh, darauf wäre ich jetzt gar nicht gekommen, aber du hast recht, dort ist es bestimmt gemütlicher. Sonst speise ich immer am Esstisch."

Sie prustete leise, als sie gemächlich zur Couch ging.

Ihr rasch folgend, fragte ich neugierig: „Was ist denn?".

„Ich stelle mir nur gerade vor, wie du einsam am Esstisch sitzt, deinen Haferschleim mampfst und die weißen Wände anstarrst"

„Und wer wird hier wirklich frech? Es gibt übrigens knusprig warme Croissants mit einzigartig köstlicher Himbeermarmelade."

Wir setzten uns auf das kühle Leder und nachdem Philosopha erst begeistert zulangte, sah sie mich forschend an.

In einen beunruhigend verletzlichem Tonfall fragte sie: „Hast du geplant... Ich meine, war dir klar, dass ich mit dir frühstücken werde?"

Ich starrte sie entgeistert an. War verwirrt, denn ihre verunsicherten Augen sagten mir, dass sie die Frage wirklich ernst meinte. Wie kommt man auf solche abwegige Ideen? Als ob ich auch nur eine Sekunde den Gedanken, ja überhaupt Hoffnungen gehabt hätte... Da tut man nur was Gutes und man bekommt eingeredet, dass man es nicht ehrlich meint. Frauen!

„Nein, nicht in meinen kühnsten Träumen! Meine Mutter hatte mir nur ein paar Sachen mitgegeben, falls ich beim Kochen versagen sollte und ich denke, dass sie, zumindest die Croissants, sie wiederum von meiner Schwägerin, gebürtige Französin musst du wissen, bekommen hat..."

Sie nahm meine wild gestikulierende Hand in die ihre. „Schon gut, schon gut... Ich will nur... Habe den Wunsch, dass das mit uns gut geht. Ich wollte mich nur versichern, es war nicht meine Absicht, dir etwas zu unterstellen."

Weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, nickte ich nur. Wenn ich auch nur wenig, fast nichts von dieser Frau wusste, eins war klar: Sie ist unglaublich ehrlich.

Mit einem Lächeln ließ Philosopha langsam meine Hand los und griff nach dem Marmeladenglas.

Mir kam das Alles zu schön vor, es war wie ein Traum. Saß da tatsächlich sie, die philosophierende junge Hexe vom Café, neben mir? Auf meinem Sofa? Vergoldeten die Sonnenstrahlen der aufgehenden Sonne aus meinem Fenster ihre Locken? War da wirklich jemand, der da war, nur meinetwegen? Ausschließlich, weil sie sich gut mit mir verstand? Mit mir?

Ich seufzte tief.

„Was ist?", fragte sie nervös.

„Bin nur glücklich!" Ich strahlte sie an.

Sie lächelte mich schief an. „Das ist... großartig. Ich bin auch glücklich... mit dir, aber..."

„Aber was?", fragte ich sie, hellhörig geworden.

Betrübt rührte sie mit ihrem Löffel den Tee um. „Ich mache mir so Gedanken..."

Die Sorgenfalte auf ihrer Stirn, die ich jetzt bemerkte, gefiel mir gar nicht.

Nach ein paar Bissen quälte sie sich heraus: „Meinst du, dass... dass ich wirklich eine reelle Chance habe?"

Da ich nicht ahnte, was sie meinte, erkundigte ich mich zögerlich: „Ich weiß jetzt nicht, wovon du sprichst..."

Philosophas grün-brauner Blick ruhte auf meinem Gesicht, als ob sie darin eine lebenswichtige Information entdecken konnte. „Habe ich eine reelle Chance im Ministerium angenommen zu werden?"

Erleichtert, dass es nur so etwas Lächerliches war, antwortete ich überschwänglich: „Natürlich, wenn du es wirklich willst, bekommst du auf jeden Fall einen Job. Weißt du wie viele spannende Abteilungen es gibt? Es werden immer gute Leute gebraucht! Wenn du dich geschickt anstellst, verschaffst du dir sogar eine gut bezahlte und interessante Stelle!"

Leider wischte mein Ausbruch an Begeisterung ihren sorgenvollen Gesichtsausdruck nicht weg. „Percy, du hast nicht mit eingerechnet, dass meine Zeugnisse... grottig sind."

Ich wedelte den Einwand ab. „Ach, so schlimm werden sie schon nicht sein und wenn doch, gibst du in den Anhang ein paar deiner philosophischen Texte und du wirst Sekretärin, oder so. Und wenn es ganz schlimm kommt, wirst du meine persönliche Super-Assistentin!" Ich grinste bei der Vorstellung, wie sie mir meine Akten reichte.

Sie lächelte belustigt. „Das würde dir so gefallen, aber glaub mir, eher würde ich für alle Zeiten im Kesselwechsel ohne Magie arbeiten." Sie seufzte schon wieder. „Percy, hilfst du mir bei der Bewerbung?"

„Das ist doch selbstverständlich!", erwiderte ich zerstreut, da ich feststellte, dass es langsam Zeit wurde, zu apparieren.

„Wir... also ich muss mich zur Arbeit aufmachen!"

Sie schlang ihren letzten Rest vom Croissant herunter. „Treffen wir uns nach der Arbeit im Café?"

„Ja, gerne. Ich kann mich immer erst als letzter aus dem Büro zurückziehen, wahrscheinlich musst du dann ein wenig auf mich warten. Ich werde erst gegen sieben ankommen. Aber du kannst dann ja schon mal anfangen zu schreiben und ich schau dann mal drüber. Ich freue mich schon darauf."

Wir standen nacheinander auf, ich lächelnd, sie noch etwas verwirrt, wahrscheinlich wegen dem plötzlichen Aufbruchs. Ich nahm meine dunkle Ledertasche und suchte meine Plakette. Als ich sie mit einem Schnappen des Verschlusses befestigt hatte und ich mich wieder zu Philosopha umdrehte, riss sie mich fast um. Während ich mit dem Gleichgewicht zu kämpfen hatte, umarmte sie mich so fest, dass es den Anschein hatte, als wäre ich ihr Halt und ein Sturm würde über sie hinwegwehen.

„Du passt auf dich auf, versprichst du mir das, Percy?"

„Äh, ja... Aber was soll mir schon großartig zustoßen? Ich arbeite im Ministerium und nicht im Drachengehege ohne Zauberstab. Eher muss ich angst um dich haben, wer weiß, was für komische Käuze in deinem Laden aufkreuzen."

„Pass einfach auf dich auf und... danke, Percy." Mit diesen Worten, winkte sie mir zu und verschwand.

Ein wenig enttäuscht darüber, dass ich keinen Abschiedskuss bekommen bzw. ihr keinen gegeben hatte, apparierte ich ins Atrium des Ministeriums.

Nach der Arbeitszeit und einem Gespräch mit Bernie Pillsworth war ich auf dem Weg zum Café und zweifelte. Sollte ich Philosopha, meine richtige feste Freundin, jetzt Blumen oder so schenken? Was erwartete sie jetzt von mir? Konnte ich jetzt noch alles in Sand setzen?

Mit gemischten Gefühlen drückte ich die Tür des Cafés auf und holte meinen Kaffee, meine Zeitung, wie immer.

Doch als ich sie sah, spürte ich nur unbeschreibliche Freude in mir hochsteigen. Da war die liebreizendeste Hexe, die in Gedanken versunken auf ihrer Feder kaute und auf mich wartete.

Auf halben Weg zu ihr beschlich mich das Gefühl, alles schon einmal erlebt zu haben. Das gedämpfte Murmeln, die beigen Wände, der Mann mit der Knollennase, der am Tisch neben unserem seinen Kartenstapel fallen ließ und Philosopha selbst, die zusammenzuckte als ich sie an die Schulter berührte.

Immer noch durch den Gedanken, alles schon mal gesehen zu haben, küsste ich sie abgelenkt zur Begrüßung.

Dann hörte es urplötzlich, wie es angefangen hatte, wieder auf.

Wie auch immer mein Gesichtsausdruck aussah, ich vermutete, ein wenig verwirrter als es die Regel war, Philosopha bemerkte es, als ob sie ein Gespür dafür hätte.

„Geht es dir gut? Gab es Schwierigkeiten bei deiner Arbeit?"

Mit ihren Fragen brachte sie mich wieder in die Realität zurück. Dort, wo ich Philosopha gegenübersaß und der aromatische Duft meines frisch gebrühten Milchkaffees in der Luft hing.

Ich schob meine Brille zurecht, obwohl sie schon perfekt auf meiner Nase saß und antwortete: „Nein, ich hatte nur gerade ein Déja-vu."

Sie legte ihre Feder weg und sagte interessiert: „So etwas hatte ich schon ewig nicht mehr. Was glaubst du, sagt dir es?"

„Äh... nichts?"

„Meinst du nicht, dass es etwas bedeutet?"

Ich zuckte mit den Schultern, als Antwort auf ihren aufmerksamen Blick. „Was sollte ich da schon groß hineininterpretieren? Vielleicht nur, dass alles so passiert, wie es sein sollte?"

„Hm, ich denke dann immer, dass ich alles schon mal so erlebt habe und nun etwas ändern sollte, aber deine Art damit umzugehen ist natürlich leichter. Ob solche Dinge ein Beweis für ein Schicksal oder gar Parallelwelten sind?" Nachdenklich tippte sie mit ihrem Zeigefinger auf ihren Mund.

Ich versuchte erst gar nicht nachzuvollziehen, wie sie jetzt darauf kam. Vorsichtig trank ich ein bisschen aus meiner Tasse.

Da sie nicht aufhörte, grüblerisch zu schauen, unterbrach ich sie darin: „Philosopha? Wie war dein Tag?"

Sie zuckte wieder zusammen, sah mich dann aber wieder normal an. „Na ja, er hätte schlimmer sein können. Ich habe schon angefangen die Bewerbung zu schreiben, aber die ist echt nicht der Rede wert." Philosopha hob gelangweilt eine Pergamentrolle kurz hoch, um sie dann wieder schlaff fallen zu lassen.

„Na, zeige sie mir doch mal" Ich streckte meinen Hände zu dem gelblichen Pergament, das deutlich auf der dunklen Oberfläche des Tisches herausstach.

„Lieber nicht!" Ihre Wangen erröteten zart und ihre Unterarme bedeckten auf einmal den Text.

„Mit so wenig Selbstbewusstsein wirst du es morgen schwer haben", neckte ich sie.

Philosophas Mund klappte auf. Abgehakte Worte kamen stockend aus ihm heraus: „Wie. Schon. Morgen?"

Besorgt über ihre Reaktion erklärte ich hastig: „Ich habe mit Bernie Pillsworth, Leiter der Zauberei-Zentralverwaltung, Zuständiger für Bewerbungen, über dich gesprochen und du hast nun ein Termin für ein Vorstellungsgespräch morgen bei ihm. Das ist doch eine wunderbare Chance für dich, oder?"

Wenn sie vorher leicht rosa Wangen hatte, konnte man diese nun mit kreidebleich beschreiben. „So... bald?", keuchte sie.

Langsam dämmerte es mir, dass ich möglicherweise zu vorschnell gehandelt hatte. „Ich dachte mir dabei, je schneller du von diesem Kesselwechsel-Laden wegkommst, desto besser, meinst du nicht?"

Mit zittriger Stimme stammelte sie: „Aber... aber ich bin doch gar nicht vorbereitet, wie soll ich das schaffen?"

Kleinlaut erwiderte ich: „Ich helfe dir und dann bewerkstelligst du das... nicht wahr?"

Mit einem deprimierten Gesichtsausdruck rollte Philosopha die Pergamentrolle zu mir und legte ihre Hände danach auf ihre Augenpartie, sodass ihre Hoffnungslosigkeit noch stärker dargelegt war.

Ich wagte nicht, sie anzusprechen, noch wollte ich gar nichts tun.

Als ich nach einer geraumen Zeitspanne beschlossen hatte, dass ich lieber irgendwelche lahmen Entschuldigungsversuche anbringen sollte, als sie nur dümmlich anzustarren, hörte Philosopha auf, sich hinter ihren Händen zu verstecken und sagte gefasster: „Ich... ich nehme die Herausforderung an. Vielleicht ist es an der Zeit aus meiner Passivität herauszukommen, vielleicht sollte ich wirklich offener und bewusster mit meinen Fehlern umgehen. Es reicht nicht, sie nur zu akzeptieren, man sollte sie schwächen. Aktiv schwächen. Von nun an ist mein Motto: Stärken stärken, Schwächen schwächen!"

Mir fiel ein gigantischer Stein vom Herzen, als ich ihr kämpferisches Lächeln, ihre funkelnden Augen sah. „Das ist eine großartige Einstellung! Mit meiner Hilfe kannst du gar nicht scheitern."

Ich entrollte begeistert das Pergament und las. Zuerst fiel mir ihre leicht geschwungene, aber gut lesbare Handschrift auf. Ihr Text war gut, aber meinen hohen Ansprüchen konnte er nicht ganz genügen. „Kann ich deine Feder kurz benutzen? Es sind nur ein paar Kleinigkeiten zu korrigieren."

Sie reichte mir jene und sagte dabei: „Warte aber kurz, ich mache noch schnell den Zauber weg."

Überrascht beobachtete ich, wie sie ihren Zauberstab über das Pergamentblatt schwenkte.

„Wofür ist der?"

„Ach, nur damit man es nicht beklecksen und verknittern kann!", sagte Philosopha leichthin.

„Das solltest du tunlichst vermeiden. Auf Bewerbungen werden oft Notizen gemacht und wenn Mr Pillsworth bemerkt, dass du sie mit einem Zauber schützt, bekommt er fälschlicherweise den Eindruck, dass du sie ohne Magie nicht sauber halten kannst."

„Wäre mir nie in den Sinn gekommen, aber du musst es ja wissen. Was soll ich noch inhaltlich verändern?"

Ich bekritzelte emsig das Pergament und antwortete dabei: „Ich füge hier noch eine Betreffszeile ein und du kannst natürlich in der Anrede Mr Pillsworth direkt ansprechen."

Als ich fertig war, reichte ich ihr die Pergamentrolle.

„Ich danke dir, Percy. Aber würdest du bitte beim nächsten Mal so etwas wichtiges wie einen Bewerbungstermin nicht über meinen Kopf hinweg entscheiden?"

Ich fühlte mich unwohl und nicht nur, weil ich die Hitze in meinem Gesicht spürte. „Ich wollte... dir nur helfen..."

„Ich mache dir keine Vorwürfe, aber die Situation ist jetzt wirklich ungünstig für mich. Wenn ich mir nur vorstelle, wie der Mann sich über meine Zeugnisse beugt, mich beobachtet und dann in kürzester Zeit ein Urteil über mich fällt." Philosopha erschauerte.

„Ah, genau deine Zeugnisse, die habe ich noch nicht gesehen..."

„Muss das sein?" Sie massierte sich ihre Schläfe.

„Wer sagt hier, man solle mit seinen Fehlern bewusster umgehen?", animierte ich sie.

„Du hast ja recht... Dann können wir aber gleich zu mir apparieren, ich habe sie in meinem Zimmer liegen gelassen."

Das könnte interessant werden. Philosophas Wohnung war bestimmt über und über mit Pergamentrollen vollgestopft.

„Klingt doch nach einem Plan und ich verspreche dir auch, beim Anblick deiner Noten nicht in Ohnmacht zu fallen und auch anderweitige bizarre Zwischenfälle zu vermeiden!"

„Du machst dich über mich lustig!", bemängelte sie lachend, als sie das Schreibzeug in ihre Tasche einpackte.

Ich schluckte meinen Rest Kaffee. „Ach was, ich doch nicht!"

Nachdem ich diesmal im wachen Zustand von ihr beim Apparieren geführt wurde, landeten wir auf einem grünen Teppich. Die anspruchslosen weißen Wände betrachtend, kam bei mir ein Heimatgefühl auf. Sehr viel anders als in meiner spartanisch eingerichteten Wohnung sah es hier auch nicht aus.

„Das ist nur der Flur, meine Mutter wollte ihn so schlicht wie möglich halten, nicht das wir Besucher verschrecken!" Philosopha rollte mit den Augen und zog sich die Schuhe aus.

Ich tat es ihr gleich und fragte sie verblüfft: „Du lebst noch bei deiner Mutter?"

Ob sie meine Ringelsocken bemerkt hatte?

„Man sollte sie lieber nicht allein leben lassen, das kreative Chaos! Aber wenn sie in ein paar Wochen heiratet, wird sich eh alles ändern."

„Kommt sie heute noch?"

„Keine Sorge, sie ist die ganze Woche über bei meinem Vater und jetzt komm, keine Zeit zu verlieren!" Philosopha zog mich an meinem Ärmel zu einer Tür ganz links. Dann blieb sie stehen. „Bevor wir reingehen, warne ich dich lieber: Es wird bunt."

„Und bevor wir gleich wirklich und wahrhaftig dein Reich betreten..."

Legte ich meine Hände auf ihre Locken und zog sie an mich. Näher an mich, ließ mich nicht von ihrem leisen Laut der Überrumpelung vom Ziel abbringen. Schloss erst nach ihr meine Augen. Ihr Streicheln durch mein Haar, als ich jede einzelne meiner Haarsträhnen spürte, wie sie durch ihre Finger glitten, bewegten mich früher meinen Intellekt aufzugeben und den hochschwappenden Gefühlen meines Körpers nicht im Wege zu stehen.

Der Moment des innigen Glücks endete plötzlich, als Philosopha auf einmal schrumpfte und ich nur noch ihren Haaransatz küsste. Sie kuschelte sich an mich. „Konnte nicht länger auf Zehenspitzen stehen..."

„Da ist meine süße, kleine Philosopha wohl auf dem Boden der Tatsachen gelandet." Ich umarmte sie fest und versteckte mein Lächeln in ihren Locken.

Dumpf hörte ich sie murmeln: „Es ist schon ziemlich spät. Wir sollten uns ranhalten und mit Vorstellungsgesprächsübungen anfangen."

Ich entließ sie mit einem traurigen Seufzer aus meinen Armen. „Leider hast du recht..."

Sie schmunzelte. „Wir sind so schrecklich vernünftig..."

„Ja, das fortgeschrittene Alter zerrt an uns. Nächsten Sonntag sind es schon 23 Jahre, die ich auf dieser Welt verweile." Ich machte eine gespielt geknickte Miene.

„Sehe ich da eine kahle Stelle auf deinem Haupt?", witzelte sie darauf.

„Und was entdecke ich da? Eine weiße Strähne in deiner Lockenpracht?"

Wir lachten, aber natürlich brannte mir eine naheliegende Frage auf der Zunge. „Wie alt bist du, Philosopha?

„Schon unglaubliche 21 Jahre alt, Geburtstag am 19.9. merke es dir gut."

Ich nickte folgsam. „Jetzt müssen wir aber unbedingt beweisen, dass unser altehrwürdiges Erscheinungsbild nur von wahrer Weisheit bedingt ist..."

Sie lächelte leicht und drückte die Klinke aus hellem Holz mit einem Knarren herunter.. „Ran an die mickrigen Zeugnisse!"

Der Kontrast zum schlichten Flur war überwältigend. Die Farben und fremdartigen Eindrücke erschlugen mich fast. Es war wie eine Mischung aus der Gemütlichkeit des Gryffindor-Gemeinschaftsraumes mit der Kolorierung von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze. Unter meinen Füßen spürte ich den weichen weinroten orientalischen Teppich, dessen Muster von unzähligen Bücherstapeln unterbrochen wurde. Die Wände waren halbhoch tiefrot gestrichen mit einer mittigen goldenen Borte. Über dieser war mit ebenso goldener Schrift ein Spruch der links neben der Tür begann und rechts neben der Tür endete, eingraviert. Ich versuchte ihn zu lesen, bemerkte dabei die ganzen roten, türkisen und gelben Tücher, die, wie auch die zahlreichen goldenen Ketten und Perlen, von der Decke hingen.

Während ich vorsichtig, um keinen Bücherstapel zu übersehen, immer weiter im Raum herumging, da ich unbedingt den Spruch entziffern wollte, wusste ich nicht, was mich alles zuerst ablenkte. War es der kleine Elefant aus orange-gemustertem Drachenleder, das Himmelbett samt rot-goldenen Baldachin und Troddeln, die dunklen Möbel, die mit Flechtmuster-Intarsien geschmückt waren oder doch einfach der Duft von Räucherstäbchen?

„Und? Wie gefällt es dir?" Sie grinste.

„Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Hätte nie gedacht, dass dein Zimmer derart temperamentvoll aussehen könnte, da verblasst meine Wohnung im Gegensatz dazu ja vollständig. Was steht da eigentlich an den Wänden?" Ich zeigte auf das Wort Gewohnheiten.

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deinen Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.", trug Philosopha mit energischer Betonung vor.

Warum auch immer machte mich das ein wenig traurig, als ob der Spruch eine innere Wunde wieder aufreißen würde.

„Setz dich doch, ich habe sie gefunden."

Auf Kissen, die auf dem Teppich lagen, kauerten wir uns. Philosopha legte ihre Dokumente auf den flachen Tisch, der mit türkisen Mosaiksteinen verziert war.

Ja, ich muss zugeben, dass ihre Noten ziemlich schlecht sind, aber das so direkt zu sagen, kam mir selbstverständlich nicht über die Lippen.

„So schlimm, sind sie nun wieder auch nicht, du hast sogar ein Ohnegleichen."

„In Muggelkunde. Ich meine, ich bin so gut wie von meinen Muggel-Großeltern erzogen worden, war in einer Muggelschule, wenn ich in dem Fach auch versagt hätte..." Philosopha ließ ihren Kopf hängen.

„Und ein E in Astronomie und Geschichte der Zauberei. Dazu ein Annehmbar in Zauberkunst..."

„Und in allen anderen Fächern durchgefallen. Wie viele Ohnegleichen hatte mein lieber Abteilungsleiter?"

Ich fühlte mich unwohl. „Zwölf... Aber du wärest ohne deine Prüfungsangst erfolgreicher gewesen."

„Das sicher. Vielleicht wenn ich, wie in der Apparierprüfung, mehrere Anläufe gehabt hätte? Wie auch immer. Hast du Lust Bernie Pillsworth zu spielen?"

„Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, ich habe dich ja in die verzwickte Lage manövriert."

Sie stand auf. „Das gemeinsame Wohnzimmer von meiner Mutter und mir hat Büro-Charme. Verlassen wir kurz den Orient und begeben wir uns dorthin."

Das Wohnzimmer war tatsächlich wesentlich strukturierter und mit meinen Ordnern versuchte ich aus dem einfachen Tisch einen Arbeitstisch zu verwandeln.

Wir übten mehrmals die Situation eines Vorstellungsgesprächs und auch wenn Philosopha häufig ihre Rolle durch Lachanfälle verfremdete, war ich mir sicher, dass ich ihr ein wenig von ihrer unberechtigten Angst genommen hatte.

„Jetzt geht es mir besser. Ich bin... kaputt. Wollen wir von dem Ernst des Lebens fliehen und dagegen in meinem Bett Kekse essen?" Sie zwinkerte mich an.

„Solange es irgendetwas mit dir ist, mache ich alles.", antwortete ich ihr, während ich meine Ordner wieder in meine Tasche einsortierte und dabei schön nach unten schaute, damit sie nicht sah, wie rot ich wurde.

Beide mit einem Schokokeks bewaffnet, lagen wir im nächsten Augenblick auch schon nebeneinander gekuschelt auf dem weichsten Bett auf dem ich je lag. Zuerst machte ich mir einen Spaß daraus meinem schnellen Herzpochen zu lauschen.

Von hier aus hatte man aber auch einen guten Blick zur Tür und das rief mir wieder etwas in Erinnerung.

„Was steht noch mal auf deinen Wänden?", fragte ich sie leise.

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deinen Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.", sagte sie gebetsmühlenartig auf.

Ich seufzte tief.

„Warum fragst du noch mal nach?"

„Ist nicht so wichtig, mir werden damit nur meine Fehler vor Augen geführt.", murmelte ich noch leiser.

„Erzähl!"

„Das willst du nicht wissen, wer will schon die alten Probleme von mir durchkauen.", hauchte ich schließlich nur noch.

„Ich möchte das sehr gerne, mach schon!", ermunterte sie mich weiter.

Eine Weile hörte man nur das Knuspern und Kauen von Schokokeksen, denn ich zweifelte daran, ob es wirklich schlau war, mich so zu offenbaren.

„Percy, was würdest du jetzt tun, wenn du dich wirklich lieben würdest?", flüsterte sie in mein Ohr.

„Wenn ich mich lieben würde?", fragte ich irritiert.

„Ja, dich selbst." Sie bot mir einen neuen Schokokeks an.

„Vermutlich mit dir darüber sprechen?" Ich nahm ihn ihr ab.

„Hört sich nach einer weisen Entscheidung an."

Ich überlegte kurz, kam aber zu dem Schluss, dass es sinnlos war, sich so zu zieren. „Nun gut, betreiben wir Konversation. Wie du sicher mitbekommen hast, nimmt meine Arbeit einen hohen Stellenwert für mich ein..."

„Ja, warum eigentlich?", fragte Philosopha, während sie in der Keksdose wühlte.

„War schon immer so.", entgegnete ich prompt.

Sie war mit meiner Antwort nicht zufrieden gestellt. „Wie? Warum?"

Ich holte tief Luft und sagte dann: „Das fing schon ganz früh an. Meistens war ich das Kind, was am leichtesten übersehen wurde. Meine Mutter hatte mit den Zwillingen schon genug zu tun und meine älteren Geschwister, Bill und Charlie, konnten mit mir nicht viel anfangen.

Irgendwann bemerkte ich, dass ich von meiner Mutter Aufmerksamkeit bekam, wenn ich das tat was sie sagte, mich so gab, wie sie es erwartete.

Dazu war ich jemand, dem der ganze Trubel schon immer viel zu viel war, dementsprechend klammerte ich immer an Regeln, denn diese versprachen Sicherheit, Struktur und Ordnung. Und dieses an Regeln und Autoritäten festhalten zog sich dann durch mein ganzes Leben. Ob das nun in meinem Elternhaus meine Mutter war, in Hogwarts Albus Dumbledore oder im Zaubereiministerium meine Vorgesetzten.

Ich kam damit eigentlich immer auch ganz gut dabei weg, wenn mal davon absieht, dass ich mir mit meinen Verhalten bei meinen Geschwistern keine Freunde machte, das hatte ich aber eh schon sehr schnell aufgegeben."

Ich schaute lieber zu dem Wirrwarr aus Tüchern und Ketten, als auch nur kurz in ihre Richtung zu blicken. Ob sie mich versteht?

Philosopha beantwortete meine gedankliche Frage: „Wenn ich dich richtig verstehe, hast du bestimmte Einstellungen vertreten, um dich beliebter bei einer Person zu machen. Dadurch hast du dann einen angenehmen Zustand, wie Anerkennung und Liebe von deiner Mutter oder Erfolg in Hogwarts oder im Ministerium erreicht und natürlich auch unangenehme Erlebnisse, wie Ausschluss aus einer Gruppe, Entzug von Anerkennung, Liebesverlust vermieden. Aber wie kam es dann zum Problem?"

„Es fing damit an, dass das Ministerium die Rückkehr von Voldemort leugnete und meine Familie auf der Seite von Dumbledore und Harry Potter stand. Beide Meinungen waren natürlich unvereinbar, ich konnte kein Kompromiss versuchen, musste mich entscheiden zwischen Familie und Ministerium..."

Das Gefühl der Ausweglosigkeit war, wie durch einen Zauber, wieder da.

„Und da das Zaubereiministerium mehr Gewinn versprach, hast du dich von deiner Familie abgewandt?", fragte Philosopha entsetzt.

„Ich kann nicht herunterspielen, dass das vielleicht auch eine Rolle gespielt hat, aber hauptsächlich habe ich mich, ich verbohrter Idiot, wegen meinem Vater auf die Seite des Ministeriums geschlagen. Das hört sich alles schrecklich dumm an und die ganze Aktion war auch nur eine einzige Dummheit, aber ich hatte zu der Zeit so eine gewaltige angestaute Wut auf ihn. Ich spürte, oder glaubte das jedenfalls, dass er mich von all seinen Söhnen am wenigsten mochte, da ich mich weder übermäßig für Muggel oder Quidditch interessierte, noch einen Witz nach dem anderen riss oder aus Spaß jede Regel brach.

Und als es schließlich zum Streit kam und er sich nicht mal meinen Standpunkt, meine Meinung über das Ministerium ansatzweise nachvollziehen wollte, war ich mir ziemlich sicher, dass ich das Richtige tue, wenn ich ausziehe und den Kontakt zu meinen Eltern vollständig abbreche", rechtfertigte ich mich.

„Jahrelang nichts gesagt und dann kam es zu dieser explosiven Reaktion..."

„Es gab zu der Zeit einfach viel zu viele Missverständnisse und Differenzen zwischen meinen Vater und mir. Früher oder später wäre das Alles auch zum Vorschein gekommen. Das mit dem Ministerium war nur der Anlass, nicht die Ursache. Schon seit Jahren war ich wütend auf meinem Vater. Ich konnte zu der Zeit nicht verstehen, warum er nicht befördert werden wollte, weshalb er in diesem winzigen Büro für Muggelartefakte blieb und wir gezwungen waren jeden Knut zwanzigmal umzudrehen, warum wir immer abgenutzte Sachen tragen mussten. Kaum zwei Jahre war ich im Ministerium angestellt, da hatte ich schon eine besser bezahlte Stelle als er und ich hatte keine Familie mit Kindern zu ernähren. Dazu war es einfach heller Wahnsinn wie er seine Familie mit in den Krieg involvierte, es war doch schlicht und ergreifend gefährlich. Cedric Diggory auf einmal tot in Harrys Armen...

Das war jedenfalls meine damalige Meinung."

„Aber schlussendlich bist du doch zu deiner Familie zurückgekehrt?" Philosopha räumte die Keksdose weg.

„Ja, der Moment als ich wusste, dass ich nicht brutal abgewiesen, sondern meine Entschuldigung ohne Zurückhaltung angenommen wurde und zwar von allen, sogar von meinem Vater, dessen Blicke, wenn wir uns im Ministerium zufällig trafen, mir am Ende sehr zusetzten, war unbeschreiblich..." Gebannt von den Erinnerungen vernahm ich Philosophas Stimme.

„Ah, ein gutes Ende, ist das nicht fantastisch? Jeder Mensch macht Fehler, aber die werden doch unwichtig in dem Augenblick, egal wann er eintritt, wenn man sie einsieht und korrigiert. Ich verstehe nicht, warum du dich immer noch dafür schämst." Ich beobachtete sie dabei, wie sie die Kekskrümel verschwinden ließ.

„Es ist einfach die Angst, dass das alles noch einmal passiert, ich noch mal das Gleiche erlebe."

„Ach, Percy...

Solange du dich nicht vollständig irgendwelchen Autoritäten, scheinen sie auch noch so glaubwürdig, blind opferst und immer nachdenkst was dein eigener Standpunkt, deine eigenen Vorstellungen sind, wird sich so etwas nicht wiederholen. Sei ehrlich zu dir selbst und stehe zu deinen Überzeugungen, auch wenn du dich dadurch von der Masse abheben solltest." Philosopha kuschelte sich an mich.

„Das ist einfacher gesagt, als getan."

Philosopha lachte. „Aber das gilt doch für alle Dinge! Das sollte keinen abhalten."

„Weißt du eigentlich, wie sehr ich dir dankbar bin?" Ich drückte sie an mich.

„Ich kann es mir ungefähr vorstellen und das sollte uns beiden genügen. Ich bin dir übrigens ziemlich dankbar für die spannende Gute-Nacht-Geschichte, du bist besser als jeder Schmöker..."

„War das ein Kompliment?"

„Nur ein ganz kleines. Und jetzt bin ich wirklich müde, morgen wird es anstrengend." Mit diesen Worten wurde es um uns dunkel und ich merkte, wie sie eine Decke über uns warf.

„Gute Nacht, Philosopha."

„Schlaf gut, Percy und bevor ich es vergesse..."

„Ja?"

„Ich mag deine Ringelsocken."