Carvahall
Wie inzwischen nahezu jeden Abend saß Brom in der kleinen Wirtsstube Carvahalls und trank seinen abendlichen Humpen Bier. Es war nun fünfzehn Jahre her, dass er die Varden verlassen und sich in dieses kleine Bergdorf zurückgezogen hatte. Mehr als hundert Jahre waren seit Morzans Verrat vergangen, mehr als ein Jahrzehnt seit seinem Tod, dem Tod des Letzten der Abtrünnigen. Auch Enisas Tod war nun mehr als neun Jahre her und doch vermisste er die junge Frau noch immer. Genau wie er Saphira vermisste.
Brom seufzte. Offenbar würde heute wieder so ein Abend werden, an dem die Erinnerungen nicht ruhen und ihn mit Bildern aus besseren Zeiten quälen würden. Müde rieb er sich die Augen, allmählich fühlte er die Last der Jahre auf seinen Schultern immer deutlicher. Alagaesia hatte sich verändert und er hatte das Gefühl, als würde er in diese neue Welt der Intrigen, des Krieges und der Zwistigkeiten nicht mehr hineinpassen...
Zu den Varden hatte er nur noch sporadisch Kontakt über Boten, doch die wenigen Neuigkeiten, die ihn erreichten, bestätigten ihn immer wieder in seinem Entschluss, den ganzen Intrigen und Machtspielchen der Menschen und Zwerge in Tronjheim zu entfliehen. Noch immer tauschten die Varden und die Elfen das Drachenei Jahr für Jahr aus, in der Hoffnung, der nächste Drachenreiter möge aus dem eigenen Volk kommen.
Inzwischen hatte er es aufgegeben, darauf hinzuweisen, wie töricht es war, das Drachenei Jahr für Jahr auf zwar geheimen, aber nicht unbedingt sicheren Wegen durch ganz Alagaesia zu transportieren.
Gestern hatte ihm ein Bote der Varden die Nachricht überbracht, die er schon so lange befürchtet, doch nie zu hören gehofft hatte. Die Elfe Arya, die das Ei für ein weiteres Jahr zu den Varden hatte bringen sollen, war überfallen worden. Die Eskorte der Elfe war tot aufgefunden worden, Arya selbst und das Ei blieben verschwunden. Hektisch eingeleitete Suchen der Varden blieben erfolglos, selbst die königlichen Fährtensucher der Elfen konnten keine Spur der Vermissten ausmachen. Galbatorix hatte sich das Ei zurückerobert und die Varden würden es nun noch schwerer als so schon haben. Und dann waren da noch diese merkwürdigen Spuren am Rande des Buckels, die er heute entdeckt hatte...
Resigniert trank Brom den schweren Steinhumpen aus und schüttelte den Kopf, als Morn, der Wirt, ihm erneut einschenken wollte. Er hatte genug für heute.
„Hast du schon die Geschichte mit Eragon und Sloan gehört?", fragte Morn ihn da plötzlich.
„Weshalb haben die beiden sich denn nun schon wieder gestritten?", antwortete Brom mit einer desinteressierten Gegenfrage. Der Streit zwischen Eragon und Sloan ging nun schon so lange, wie Eragon alt genug war, um bei Sloan, dem Metzger des Dorfes, einzukaufen und Eragons Cousin Roran ein Auge auf Sloans Tochter Katrina geworfen hatte.
„Der Junge hat im Buckel einen seltsamen Stein gefunden und hat versucht, ihn Sloan für ein wenig Fleisch anzudrehen. Nun, du kennst ja Sloans Meinung zum Buckel, seit seine Frau an diesem Wasserfall dort ertrank, fürchtet er ihn, als wäre der Buckel die Heimat von Galbatorix persönlich. Jedenfalls ist Eragon wohl herausgerutscht, wo er den Stein gefunden hatte und da hat Sloan ihn kurzerhand aus seinem Laden geworfen. Du hättest ihn sehen sollen, wären Horst und Katrina nicht dazugekommen, hätte Sloan dem Jungen was angetan. Jedenfalls hat Horst dann erst mal Eragons Fleisch bezahlt, Eragon soll es dann im Sommer in der Schmiede abarbeiten", berichtete der Wirt zufrieden, dass er endlich etwas erzählen konnte, wovon der Geschichtenerzähler Brom noch nichts gehört hatte.
Der Buckel... „Wo genau hat er den Stein gefunden?"
„Ich weiß es nicht, es muss aber ziemlich tief im Buckel gewesen sein, Eragon hat mehrere Tage für den Rückweg benötigt", antwortete der Wirt ratlos. „Aber es muss ein sehr seltsamer Stein gewesen sein, ganz glatt und blau und mit so seltsamen weißen Linien."
Das Drachenei! Brom war sich ganz sicher, diese Beschreibung konnte nur auf das verschwundene Ei passen. Aufgeregt setzte er sich wieder an den Tresen und beugte sich zu Morn hinüber. „Hat Eragon gesagt, was er mit dem Stein vorhat? Wo ist er jetzt?"
Morn sah ihn verwundert an. „Eragon wollte den Stein an die Händler verkaufen, sobald sie hier eintreffen. Warum fragst du? Ist der Stein viel wert?"
Broms Gedanken rasten. Das Ei hier in Carvalhall bedeutete nichts Gutes, besonders, wenn er an die gefundenen Spuren dachte. Er hatte Abdrücke wie diese schon mal vor sehr langer Zeit gesehen, doch bis eben hatte er die Ähnlichkeit für Zufall gehalten und sich eingeredet, dass seine Fähigkeiten im Spurenlesen mit der Zeit nachgelassen hatten. Doch nun war kein Irrtum mehr möglich: Die Ra'zac mussten von dem Ei wissen und sie waren hier. Hier in Carvahall!
„Hör zu, Morn", beschwörend legte er dem Wirt eine Hand auf den Arm und senkte die Stimme, „es werden bald Fremde in schwarzer Kleidung auftauchen, die nach dem Stein fragen werden. Niemand darf mit diesen Fremden über Eragon oder den Stein reden oder Carvahall ist verloren, hast du mich verstanden? Du musst es allen sagen."
Morn sah verwirrt aus und Brom konnte es ihm nicht verübeln. Fremde waren in Carvahall immer willkommen, brachten sie doch Neuigkeiten aus Alagaesia, doch die Ra'zac durften nichts von dem Ei erfahren. Noch bestand Hoffnung für das Ei und die Varden und er würde alles tun, um zu verhindern, dass Galbatorix doch noch in den Besitz des dritten Eies gelangte.
„Diese Fremden sind im Auftrag von Galbatorix unterwegs und sie werden sich nicht mit dem Stein zufrieden geben. Deshalb dürfen sie nichts davon erfahren, verstehst du?", verschleierte Brom seine wahren Gedanken. Er wusste, dass die Dorfbewohner Galbatorix hassten und dass sie ihn nicht unterstützen würden. Morn nickte und versprach, diese Neuigkeit allen Dorfbewohnern mitzuteilen. Beruhigt verließ Brom die Schenke und ging zu seinem Haus. Er musste morgen in den Buckel zurückkehren und diese Spuren verfolgen...
Die Tage vergingen und die Händlerkarawanen erreichten endlich das abgelegene Dorf. Nichts deutete mehr darauf hin, dass etwas Ungewöhnliches vorgefallen war, selbst die Spuren im Buckel waren verschwunden. Dennoch würde er die Umgebung in den nächsten Wochen im Auge behalten, Ra'zac waren bekannt für ihre blitzartigen Überfälle. Die Geschichtenerzähler und Troubadoure trugen ihre Geschichten vor und Brom nutzte am Abend die Gelegenheit, an jene Ereignisse zu erinnern, die die Tage des Friedens zu Zeiten der Drachenreiter beendet hatten – und Eragon einen Denkanstoß zu geben, falls der Junge wirklich das Ei gefunden haben sollte. Brom hatte bisher noch keine Gelegenheit gefunden, den neugierigen Burschen allein zu sprechen und so konnte er sich noch immer nicht sicher sein, ob es sich bei dem Stein wirklich um das verschwundene Ei handelte.
Brom erzählte die Geschichte von Galbatorix', vom Tod seines Drachens Skoltan und von Galbatorix' darauffolgendem Wahnsinn. Er erzählte von der widerrechtlichen Aneignung Shruikans und von der Ermordung eines Altvorderen. Er berichtete von den dreizehn Abtrünnigen, von dem Schrecken, der seitdem Alagaesia heimsuchte und versuchte, sich seine Trauer um Saphira nicht anmerken zu lassen. Es gelang ihm nicht ganz, zum Ende der ‚Geschichte' spürte er eine Träne über seine Wangen rinnen, doch er war sich sicher, dass niemand sie gesehen hatte im flackernden Licht des Lagerfeuers.
Kurze Zeit später reisten die Händler wieder ab und Brom nahm seine täglichen Patrouillen im Buckel wieder auf. Er fand keine Spuren der Ra'zac, aber dafür zahllose andere. Etwas hatte mehrere Bäume ihrer Rinde beraubt, tiefe Gruben wurden im Wald zu Stolperfallen und immer wieder stieß der ehemalige Drachenreiter auf Dunghaufen, die von Tag zu Tag größer wurden. Als er den ersten fand, spürte er ein lang vermisste Freude in sich aufsteigen und breit grinsend untersuchte er die weiteren Spuren. Selbst wenn er niemals mit einem Drachen verbunden gewesen wäre, diese Spuren KONNTE man gar nicht falsch verstehen. Es war offensichtlich – ein Jungdrache tobte sich im Wald des Buckels aus und gedieh dabei prächtig. Und dies ließ nur eine Schlussfolgerung zu – die Zeit der Drachenreiter war endlich zurückgekehrt.
Knapp drei Monate, nachdem Eragon das Ei im Buckel gefunden hatte, klopfte der Neffe von Garrow aufgeregt an Broms Tür. Brom erwartete ihn bereits, er hatte schon viel eher mit dem überaus neugierigen Jungen gerechnet. Und wie erwartet bestürmte Eragon ihn mit Fragen zu den Drachen, was sie konnten, wie ihre Reiter waren, woher die Drachen stammten und so weiter und so fort. Brom fühlte sich so lebendig wie schon lange nicht mehr, nur schwer konnte er verhindern, dass Eragon ihm seine Freude ansah. Schon bald würde er mit seiner geliebten Saphira wieder vereinigt sein, schon bald würde die Prophezeiung der Drachenknochen erfüllt sein...
Als letztes fragte Eragon nach berühmten Drachennamen, die ihm ein fiktiver Händler genannt haben sollte und jetzt war sich Brom absolut sicher, dass Eragon der neue Drachenreiter sein würde, ungeachtet seiner Behauptung, lediglich die Angaben eines Händlers überprüfen zu wollen. Brom atmete tief durch. Das würde jetzt nicht einfach werden...
Er zuckte mit den Schultern. „Es gab Jura, Hírador und Fundor – der gegen die riesige Seeschlange kämpfte", und starb, dachte Brom. „Außerdem Galzra, Briam, Ohen der Starke, Gretiem, Beroan, Roslarb, Skoltan, Tiran, Tisla, Valinor...", Brom zählte nacheinander all die Namen seiner Freunde bei den Drachenreitern auf und fühlte einmal mehr die Trauer nach seinem Herzen greifen. Er konnte noch immer die Todesschreie der Drachen hören, die in der Schlacht um Dorú Areaba gestorben waren. Es waren so viele... Nun blieb nur noch ein Name: „und Saphira." Er atmete tief durch. Auch sie hatte es mehr als verdient, in dieser Reihe großartiger Drachen zu erscheinen.
Damit schien Eragons Neugierde fürs Erste gestillt zu sein und er verabschiedete sich. Brom jedoch blieb an diesem Abend noch lange am allmählich erlöschendem Feuer sitzen und dachte nach.
