9. Kapitel

An ihrem letzten Abend wurde Harry von Toby mit einem Candlelight-Dinner überrascht. Sie saßen lange auf dem Balkon, genossen den lauen Abend und redeten. Beide konnten sich nicht vorstellen schon am nächsten Tag allein zu Bett zu gehen, doch sie ließen sich den Abend nicht dadurch verderben. Was die Zukunft brachte würden sie noch früh genug erfahren. Irgendwann waren sie dann zu Bett gegangen und hatten sich zärtlich geliebt.

Als Harry am nächsten Morgen aufwachte, fand er anstelle von Toby nur eine einzelne rote Rose und einen Brief. Er hatte schon fast erwartet, dass Toby dem endgültigen Abschied entrinnen würde und so war seine Enttäuschung nicht allzu groß. Immerhin war er es gewesen, der noch am Vorabend vorgeschlagen hatte allein zum Bahnhof zu gehen um die Trennung nicht zu schmerzvoll zu machen. Natürlich mit dem Hintergedanken, dass er Toby nicht davon würde abbringen können, ihn bis zum Zug zu begleiten, wenn er schonmal beim Bahnhof war. Außerdem hatte Toby schließlich einen Job, den er nicht vernachlässigen durfte.

Seufzend nahm Harry die Rose und den Brief an sich und begab sich in die Küche um noch schnell eine Tasse Kaffee zu trinken, bevor er sich auf den Weg machen musste.

Guten Morgen, Honey! las Harry in Toby's feiner Handschrift, als er den Brief entfaltete.
Ich hoffe du verzeihst mir, dass ich dich nicht geweckt habe. Ich denke der Abschied fällt uns beiden so leichter. Die letzten Wochen mit dir waren wie ein Geschenk, mit dem ich in keinster Weise gerechnet hatte. Ich begreife selbst kaum, wie schnell sich alles zwischen uns entwickelt hat. Normalerweise brauche ich sehr lange, um jemanden zu vertrauen, doch du hast dich mit deiner unschuldigen und liebevollen Art sofort in mein Herz geschlichen. Ich möchte, dass du weißt, dass ich dich liebe und dass ich auf dich warten werde, egal was in den nächsten Monaten auch passiert. Ich freu mich sehr darauf mit dir Briefe zu schreiben und dachte ich fang hiermit gleich mal an. Es hat sowas unglaublich unschuldiges und romantisches. Wie in diesen alten schwarz-weiß Filmen in denen sich die Protagonisten am Ende auf jeden Fall bekommen. Ich hoffe bei uns wird das auch so sein.
Ich wünsche dir eine gute Zeit in der Schule. Lern brav und tanz den Lehrern nicht zu sehr auf der Nase herum. Und vor allem, komm zurück zu mir, wenn du alles erledigt hast. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass da etwas ist, das dich mir wegnehmen könnte. Ich weiß auch nicht woher das kommt. So nah ich mich dir fühle, so sehr bist du mir auch ein Rätsel. Vielleicht erzählst du mit ja irgendwann das Geheimnis des Harry Potter. Bis dahin werd ich dir einfach vertrauen, auch wenn es schwer ist. Ich weiß so wenig von dir.
Aber genug geredet, ich hatte mir fest vorgenommen nicht sentimental zu werden. Also mach's gut Harry. Denk an mich. Wir sehen uns zu Weihnachten, wenn du möchtest.
In Liebe, Toby

Harry seufzte. Er fühlte sich schlecht. Wenn Toby wüsste, wie recht er damit hatte, dass es etwas gab, dass sie für immer trennen könnte. Auch wenn es nicht das war, woran Toby vermutlich gedacht hatte. Harry schluckte. Das Thema Malfoy machte ihm Angst. Mehr noch als der bevorstehende Kampf mit Voldemort. Zum ersten Mal seit ihm seine Bürde auferlegt worden war, wollte Harry es aus ganz egoistischen Gründen endlich schaffen Voldemort zu besiegen. Er musste mit Dumbledore reden. Es war an der Zeit den letzten Kampf herauszufordern.

Er trank seinen Kaffee aus und stand auf. Ein letztes Mal sah er sich in Toby's Wohnung um, die in den vergangenen Wochen sein zu Hause geworden war. Dann ging er ins Schlafzimmer um sich anzuziehen und trat schließlich auf den Flur hinaus. Einer Eingebung folgend zog er seinen Zauberstab aus der hinteren Hosentasche und sprach einen Schutzzauber auf Toby's Wohnung. Es war nun niemandem außer Harry mehr möglich direkt in die Wohnung zu apparieren und das Türschloss ließ sich magisch nur noch in Kombination mit einem Passwort öffnen. Mechanisch funktionierte es natürlich wie zuvor.

Einen letzten Blick auf den Ort werfend, an dem er so viele glückliche Stunden verbracht hatte, zog er die Tür hinter sich ins Schloss und wandte sich wieder seinem magischen Leben zu.

Draußen goss es in Strömen, was Harry ziemlich bezeichnend für seine innere Stimmung fand. Es wirkte fast, als wolle jemand die letzten Wochen von ihm abwaschen und ihn wieder zu demjenigen machen, der er vorher gewesen war.

Ohne Schirm und ohne Jacke lief er durch den Regen zum tropfenden Kessel. Er hätte auch einen Trockenzauber auf seine Kleidung legen können, doch die Nässe hatte sich gut angefühlt, irgendwie lebendig. Ganz anders als Harry selbst sich im Moment fühlte.

Im tropfenden Kessel traf er auf Ron und Hermine, die bereits mit ihren Koffern und Taschen beladen im Schankraum warteten. Hermine nahm Harry mitleidig in den Arm und drückte ihn kurz, während Ron etwas verlegen daneben stand. Er hatte sich scheinbar noch nicht ganz damit abgefunden, dass sein bester Freund schwul war, aber wenigstens hatte er Harry nicht die Freundschaft gekündigt.

„Können wir los?" fragte Hermine als sie sich von Harry löste.

„Ich hol noch eben meine Sachen von oben, dann bin ich soweit", antwortete Harry und ging auf sein Zimmer. Er hatte nur recht wenig Zeit hier verbracht und eigentlich hätte er sich das Geld auch sparen können, aber es war irgendwie schön gewesen, mal so sein eigenes Reich gehabt zu haben. Trotzdem hoffte er nie mehr ein Zimmer im tropfenden Kessel zu brauchen, sondern zu Toby zurückkehren zu können, wann immer er das nächste Mal nach London kam.

Per Flohpulver reisten Harry, Ron und Hermine nach King's Cross. Zum ersten Mal fragte sich Harry, warum sie nicht gleich nach Hogsmead flohen - oder in Ron und Hermione's Fall apparieren - konnten. Harry selbst würde seine Apparier-Prüfung in der ersten Schulwoche ablegen. Er war vor den Ferien noch nicht 17 gewesen und in den letzten Wochen hatte er andere Gedanken gehabt als ins Zaubereiministerium zur Prüfung zu gehen.

Er seufzte, als er am Bahnhof aus dem Kamin an den Bahnsteig 9 ¾ stieg. Ob Dumbledore ihm erlauben würde am Wochenende nach London zu apparieren um Toby sehen zu können? Vermutlich nicht.

Am Bahnsteig herrschte reges Treiben. Die Kamine waren im Dauereinsatz und Unmengen an Menschen liefen kreuz und quer. Sie riefen einander Abschiedsworte zu, reichten vergessene Gepäckstücke durch die Wagenfenster und schienen alle fröhlicher Stimmung zu sein.

Bisher war Harry eigentlich immer gern mit dem Hogwarts-Express gefahren, doch in diesem Jahr wollte er einfach nur seine Ruhe haben. Er würde sich ein leeres Abteil am Ende des Zuges suchen und niemanden hereinlassen. Hermine und Ron mussten wie immer zuerst in den Vertrauensschüler-Wagon und sich dann um die Erstklässler kümmern.

„Wir müssen los, Harry" unterbrach Hermine seinen Gedankengang. „Vielleicht schaffen wir es zwischendurch mal zu dir, aber wie ich Malfoy kenne, wird er die ganze Arbeit uns überlassen, also warte nicht auf uns." Sie küsste Harry kurz auf die Wange und sah ihn besorgt an, dann ließ sie sich von Ron mitziehen, der Harry noch über die Schulter zurief: „Halt uns beim Essen einen Platz frei!"

Dann waren sie weg. Harry versuchte möglichst unscheinbar zwischen den Massen ans Ende des Zuges durchzudringen. Er fand ein Abteil, das noch vollkommen leer war und zwängte sein Gepäck hinein. Dann schloss er die Tür, sprach einen einfachen Schließzauber darauf und zog die Vorhänge zu. Das sollte genügen um die meisten davon abzuhalten, zu ihm hereinzukommen.

Es dauerte noch eine ganze Weile, ehe der Zug sich in Bewegung setzte. Harry starrte einfach aus dem Fenster und dachte an Toby. Er hasste den Gedanken Toby ganze vier Monate nicht zu sehen. Vier Monate waren eine verdammt lange Zeit, in der sehr viel passieren konnte.

Was wenn Toby des Briefe Schreibens überdrüssig würde? Wenn er nicht länger warten wollte? Wenn er Erklärungen von Harry verlangte?

Zum ersten Mal seit Harry erfahren hatte, dass er ein Zauberer war, freute er sich nicht auf Hogwarts.

In Gedanken versunken hörte Harry nicht das Klicken des Türschlosses das von außen durch einen Zauber geöffnet wurde. Auch dass die Tür aufgeschoben wurde und sich eine Gestalt in den Rahmen lehnte merkte er nicht. Erst als die bekannte, kalte Stimme Draco Malfoy's erklang, schrak er aus seinen Gedanken hoch.

„Na, Potter, vermisst du deinen Muggelfreund jetzt schon?" höhnte Malfoy und grinste auf Harry herab. Seine beiden Gorillas hatte er ausnahmsweise nicht dabei, was Harry sehr erstaunte.

„Verpiss dich, Malfoy," kam es von Harry knapp und mehr zu sich selbst ergänzte er: „Was weißt denn du schon davon…"

Malfoy jedoch schien Harry gehört zu haben, zumindest den Teil der nicht für ihn bestimmt war, denn er trat einen Schritt näher, zog Tür und Vorhang hinter sich zu und antwortete: „Ich weiß, dass der süße Toby ein ganz besonders heißer Typ ist und ich mir an deiner Stelle große Sorgen wegen all der Haifische um großen, weiten Homobecken machen würde, die vermutlich schon in diesem Moment nach deinem Kerl angeln."

Harry schnaubte. „Ob du es glaubst oder nicht, Malfoy," fuhr Harry ihn an. „Ich vertraue Toby. Er würde mich niemals betrügen. So ist das nämlich, wenn Gefühle im Spiel sind. Aber davon hast du ja keine Ahnung."

Wie immer war Harry sofort auf 180, wenn Malfoy ihn ansprach. Hinzu kam, dass er ohnehin nicht besonders gut gelaunt war. Er wollte einfach nur, dass Malfoy verschwand und ihn in Frieden ließ, ganz abgesehen davon, dass ihn der Gedanke mit Malfoy hier ganz allein in einem Abteil zu sein, schon wie Verrat an Toby vorkam.

Fast hätte er Malfoy's Erwiderungen verpasst und er wünschte sich direkt er hätte es, denn die Art, wie Malfoy die nächsten Worte sagte, verblüffte ihn. Es war eine Mischung aus verletzt sein und… Traurigkeit?

„Wie du meinst, Potter…"

Mit diesen Worten setzte sich Malfoy auf Harry's gegenübergelegene Bank und zog ein Buch aus seinem Umhang. Verblüfft beobachtete Harry ihn.

Was machte Malfoy hier? Er war doch gewiss nicht gekommen, um gerade in Harry's Abteil in Ruhe sein Buch zu lesen. Normalerweise kam er um Harry zu schikanieren. Aber Malfoy schien kein Interesse an einem weiteren Gespräch oder besser gesagt an einem weiteren Streit zu haben.

Verwundert und skeptisch ließ Harry seine Augen auf dem blonden Slytherin ruhen, bereit sich zu wehren – verbal, physisch oder magisch – sollte es von Nöten sein.

Während er Malfoy so musterte fiel ihm auf, dass er ihn noch nie so genau betrachtet hatte. Meistens wenn sie aufeinandertrafen lagen sie sich in den Haaren und es war keine Zeit, sich zu mustern. Dass Malfoy nun so seelenruhig neben ihm saß, kam ihm äußerst merkwürdig vor. Etwas beunruhigte ihn daran, dass Malfoy so gar keine Anstalten machte, sich mit Harry zu streiten. Das entsprach so gar nicht seiner sonstigen Art und brachte Harry unweigerlich dazu, Malfoy aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, obwohl seine Vernunft sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte.

Was Harry in erster Line zum Stutzen gebracht hatte, war Malfoy's Reaktion auf die Anspielung auf seine Gefühllosigkeit. Wie war seine Antwort gewesen? „Wie du meinst, Potter." Implizierte das nicht, dass Malfoy doch Erfahrung mit Gefühlen in einer Beziehung hatte? Allein der Gedanke erschien Harry völlig absurd.

Aber wenn es doch so was? Nicht, dass das irgendetwas ändern würde…

Harry versuchte sich daran zu erinnern, ob er je irgendeine positive Begegnung mit Malfoy gehabt hatte, doch er konnte sich beim besten Willen keiner solchen Erfahrung besinnen. Aber irgendwo musste Malfoy ja auch ein Herz haben. Er war schließlich – sofern Harry wusste – ein Mensch. Er hatte Freunde. Familie. Zumindest für eine Handvoll Menschen musste er sowas wie Liebe empfinden. Harry konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es einem Menschen möglich war, überhaupt nicht zu lieben.

Er selbst hatte seine Freunde, die er liebte, die für ihn seine Familie waren und nun hatte er Toby, für den er soviel empfand, dass er es kaum in Worte fassen konnte. Und selbst als er noch bei den Dursleys im Schrank eingesperrt war, noch bevor er erfahren hatte, dass er ein Zauberer war, hatte er ganz heimlich und im Stillen seine verstorbenen Eltern geliebt.

Gewiss liebte Malfoy seine Eltern, auch wenn diese in Harrys Augen Bastarde waren. Und wenn Malfoy dazu fähig war, warum sollte er dann nicht auch imstande sein, sich zu verlieben?

Nachdenklich betrachtete Harry den blonden Jungen ihm gegenüber, der ihm plötzlich seltsam fremd erschien. Was wusste er schon von Malfoy? Wenn er ehrlich zu sich war, so gut wie gar nichts. Trotzdem hatte er Malfoy von Anfang an verurteilt, was natürlich an dessen Verhalten gelegen hatte. Er hatte sich aber auch nie die Mühe gemacht, Malfoy's Beweggründe zu hinterfragen.

Das Bild eines 11-jährigen Malfoy's der Harry seine Hand entgegen streckte und ihm seine Freundschaft anbot, durchzuckte ihn. Konnte es sein, dass Malfoy sich einfach zurückgewiesen und in seinem Stolz verletzten gefühlt hatte? Hatte Harry mit seiner Ablehnung Malfoy's Verhalten heraufbeschworen?

Seltsam, dass ihm dieser Gedanke noch nie gekommen war. Allerdings hatte er allgemein wenig Gedanken an Malfoy als Person verschwendet. Und in den letzten beiden Wochen hatte er jeden aufblitzenden Gedanken sofort verdrängt, weil ihm Angst machte, was diese in ihm bewirkten. Seit Malfoy im Schuhladen mit ihm geflirtet hatte – und erst jetzt wurde ihm schlagartig klar, dass es ein Flirt gewesen war, ein etwas ungewöhnlicher, aber ein Flirt – ertappte er sich immer wieder dabei Bilder von Malfoy in seinen Gedanken zu malen, die da eindeutig nicht rein sollten.

Schuldbewusst nagte Harry an seiner Unterlippe. Vielleicht hatte Toby recht, wenn er sich Sorgen machte. Er hatte auf den ersten Blick gesehen, was Harry nun wie Schuppen von den Augen fiel: er fühlte sich auf seltsame Weise von Malfoy angezogen. Harry schluckte. Sich dies einzugestehen trat eine Reihe an Emotionslawinen in ihm los. Da war die Angst Toby zu verletzten und letztendlich zu verlieren. Außerdem war da eine ganze Menge an Wut. Wut auf sich selbst, dass er so dumm war Malfoy anziehend zu finden; Wut auf Malfoy, der ihn erst in dieses Dilemma gebracht hatte; Wut auf seine Freunde, die ihn nicht darauf aufmerksam gemacht hatten, dass seine Streits mit Malfoy weit über normale Differenzen zweier Jugendlicher unterschiedlicher Ansichten gingen; Wut auf die gesamte Zaubererwelt und den Konflikt zwischen Reinblütern und Muggelgeborenen, der die Kluft zwischen ihm und Malfoy überhaupt erst erschaffen hatte.

Was, wenn dieser Konflikt nicht wäre? Wären Harry und Malfoy dann Freunde? Wären sie vielleicht sogar mehr als das? Harry verbot sich selbst, weiter darüber nachzudenken.

Aber neben all der Wut, war da noch etwas sehr Wirres. Ein zartes Band, das ihn und Malfoy immer schon verbunden hatte, dessen war Harry sich schmerzlich bewusst. Wenn auch in Zwist, Hass und ständigem Konkurrenzkampf. Erst jetzt da er darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass es ihm immer schwergefallen war, nicht auf Malfoy's Sticheleien zu reagieren. Binnen Sekunden hatte Malfoy es stets geschafft ihn völlig in Rage zu bringen und niemals war Harry Herr seiner Gefühle geblieben. Er war jedesmal ausgerastet. Niemand sonst hatte je solche heftigen Gefühlsausbrüche in ihm bewirkt. Niemand außer Toby.

Frustriert raufte sich Harry die Haare und wandte seinen Blick von Malfoy ab, der immer noch stillschweigend las, als wäre es das Natürlichste der Welt, dass er und Harry in Einklang beisammen saßen. Vor den Fenstern zog die Landschaft an ihm vorbei. Regentropfen rannen an der Scheibe entlang schräg nach unten. Er fragte sich, wie er dieses Schuljahr nur rumbringen sollte. Er wollte Toby nicht betrügen. Niemals! Und dennoch verstand er zum ersten Mal Toby's Worte nach Harry's verhängnisvollem Saufabend mit Malfoy.

Nein. Nein, er musste nichts mit Malfoy anfangen, um zu wissen, dass er Toby liebte. Er brauchte keine Bestätigung, dass Toby der Richtige für ihn war. Er würde nicht ewig bereuen, es nicht versucht zu haben. Er würde nicht in zehn Jahren das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben. Nein!

Aber er belog sich selbst.

Sein Blick folgte einem dicken Tropfen an der Fensterscheibe und blieb an der Spiegelung von Malfoy's Gesicht hängen. Die grauen Augen waren nicht länger auf das Buch gerichtet, sondern sahen interessiert zu Harry herüber. Und obwohl Harry wusste, dass Malfoy Harry's Blick auf sich wahrnahm, konnte er nicht wegsehen.

Eine tiefe Trauer überkam ihn. Wieso konnte er nicht so willensstark sein, wie Toby? Warum war ihm, so sehr er sich auch dagegen wehrte, vollkommen klar, dass er Malfoy begehrte und dass dieses Gefühl nicht enden würde, ehe er es befriedigt hatte?

Verzweifelt seufzte er auf. Er glaubte den Anflug eines Lächelns in Malfoy's Gesicht zu erkennen, ehe dieser seine Aufmerksamkeit wieder seinem Buch widmete. Nein, kein Lächeln. Es musste ein Grinsen gewesen sein und je mehr Lidschläge vergingen, desto boshafter wurde der Nachhall des Grinsens, das er erhascht hatte.

Warum sollte Malfoy auch lächeln? Harry hatte ihn noch niemals lächeln sehen. Zynisch grinsen, schadenfroh lachen, spöttisch Grölen, ja – aber lächeln?

Die Stimme Malfoy's ließ ihn erschrocken hochfahren.

„Na, findest du's nicht, Potter?"

„Was?" fragte Harry, mehr weil er nicht richtig zugehört hatte, als um eine Gegenfrage zu stellen.

„Was immer du in meinem Gesicht suchst."

Harry blinzelte verwirrt. Irgendetwas war anders an Malfoy. Er sprach so seltsam. So ruhig. So… ohne Spott in der Stimme. Oder bildete er sich das nur ein? Bestimmt.

„Du spinnst doch Malfoy. Ich suche gar nichts!" fuhr Harry ihn an. Schon war er wieder auf 180. Was wollte Malfoy von ihm? Warum konnte er ihn nicht einfach in Frieden lassen?

„Klar, Potter!" Lachte Malfoy? Ironisch, aber auch amüsiert. „Und Gringotts feiert Tag der offenen Verliese."

„Hä?" entfuhr es Harry. Das war das erste Mal, dass er von Malfoy sowas ähnliches wie einen Witz hörte.

„Vergiss es Potter." Jetzt war sie wieder zurückgekehrt. Zumindest Teilweise. Die bissige Ignoranz. Wieder nahm Malfoy sein Buch auf und schien weiterlesen zu wollen. Wie beiläufig fügte er noch hinzu. „Aber du könntest auch einfach fragen."

Harry kam aus der Verwirrung gar nicht mehr heraus. „Was soll ich fragen?" Er kam sich schon richtig dämlich vor. Es konnte nicht fassen, dass er mit Malfoy gerade ein relativ normales Gespräch führte.

„Nun, so genau weiß ich das nicht," meinte Malfoy und legte erneut sein Buch in den Schoß. Dann seufzte er. Genervt, wie Harry hoffte. „Das kommt ganz darauf an, warum du mich die letzte halbe Stunde wie ein manisch-depressiver angestarrt hast."

„Ich hab dich nicht angestarrt," begehrte Harry auf, wohl wissend, dass Malfoy recht hatte und nicht imstande eine gewisse Röte zu unterdrücken, die ihm ins Gesicht stieg.

„Sah aber so aus, auch wenn ich mir dein Minenspiel von dümmlich grinsend über angestrengt nachdenkend bis mordlustig verbittert nicht erklären kann."

Eigentlich sollte Harry sich beleidigt fühlen, doch Malfoy hatte wieder so untypisch sachlich gesprochen, sodass seine Worte gar keiner Beleidigung, sondern einer echten Tatsachenschilderung gleichkamen.

Wie immer wusste Harry sich nicht anders zu wehren, als Malfoy anzufahren. „Du hast sie doch nicht mehr alle, Malfoy," begann er. Doch noch ehe er richtig loslegen konnte mit seiner Schimpftirade hatte Malfoy sich erhoben.

„Das sagt genau der Richtige." Malfoy strich seinen Umhang glatt und wandte sich zur Tür. „Aber wenn du genug gesehen und keine Fragen hast, dann geh ich jetzt. Granger wird ja inzwischen ihren Vortrag über die Pflichten und Verantwortungen von Vertrauensschülern beendet haben."

Damit öffnete Malfoy die Abteiltür, trat auf den Gang hinaus und ließ einen äußerst verwirrten und extrem wütenden Harry zurück.

Es dauerte bis Hogsmead bis Harry sich wieder einigermaßen in Griff hatte. Von draußen hörte er schon Hagrid's tiefe Stimme nach den Erstklässlern rufen und auf den Gängen des Zuges herrschte reges Treiben. Doch Harry stellte sich an das Abteilfenster, das zum Glück an der dem Bahnsteig abgewandten Seite war und öffnete es. Die Luft war angenehm kühl und feucht. Es dämmerte bereits und der Mond schob sich über die Baumwipfel des verbotenen Waldes.

Harry kramte in seiner Tasche nach einem Päckchen Zigaretten. Er musste sich ganz dringend ein wenig beruhigen, ehe er zur Schule fuhr und sich erneut von aufgeregten Erstklässlern begaffen und seinen vielen Fans bequatschen lassen musste. Was gäbe er dafür jetzt mit Toby auf dessen Balkon zu sitzen, gemeinsam zu Essen, Kaffee zu trinken und dann später am Abend Arm in Arm einzuschlafen.

Frustriert schnippte er den Zigarettenstummel aus dem Fenster und beobachtete die Glut bis sie erloschen war. Dann stieg er aus dem Zug und fuhr mit einer der letzten Kutschen zum Schloss.

‚Auf ein Neues,' dachte er verdrießlich und schloss die Augen, um die aufgeregten Hufflepuff-Mädchen ihm gegenüber nicht ansehen zu müssen.