Vielen Dank für die Reviews an Nyarna und Eilantha # fühlt euch geknuddelt #

Nyarna: Wegen Lily und James: Da kommt später noch eine Erklärung zu, ich kann aber so viel sagen: Es hatte eher was mit James' Familie zu tun. Was Bella und Sirius tanzenderweise angeht: Da kommen noch ein paar Gelegenheiten, wo sie das, was am Abschlussball nicht geklappt hat, nachholen können ;) Außerdem fand ich die Vorstellung ganz lustig, da Adrienne für mich eine recht kleine Person ist, also beide Blacks mit kleineren Tanzpartnern :) Wegen Halloween: Mir ging es ja hauptsächlich um die Maskenabnahme und die Paare, die dabei entstanden sind. In einem Gewusel aus maskierten Leuten im schummrigen Licht fällt es ja schwerer, jemanden zu erkennen. Was Sirius, Regulus und ihre Mörderinnen angeht: Das ist im Falle von Regulus gar nicht mal unwichtig, es ist zwar noch laaange hin, aber ich hab vor, eine FF über ihn zu schreiben, in der Elisabeth als seine Mörderin natürlich auch vorkommen wird. Zur Anzahl der Kapitel: Joa, die Schule ist ja jetzt vorbei (also freie Bahn für zwei Pairings, die ich noch eingehender beleuchten will #Hände reib#), also, ich denk mal zwei bis drei Kapitel plus Epilog werden schon noch kommen. Wenn Siri, Bella und Sev mitspielen ;)

Eilantha: Mir ging es mehr um die Maskenabnahme und eben Sirius und Bellatrix als Paar bei der Maskenabnahme. Sagen wir einfach, sie waren blind vor Liebe #g# Zu deinem P.S: Ja, ich spiele auch Theater. Dir Bühne ist der wunderbarste Ort der Welt :) #schwärm#
Und vielen Dank wieder für Tee u. Kekse :D

Kapitel 8: Tempus fugit

Mirror, mirror where's the crystal palace
But I only can see myself
Skating around the truth who I am
But I know that the ice is getting thin.

Tori Amos – Winter

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„Also gut, wenn du die Zeit brauchst, dann bekommst du sie."

Ich nehme eine bequemere Lage auf Bellatrix' Bett ein, sorge mit einem Schlenker meines Zauberstabs dafür, dass sich die Weinflasche wieder auffüllt und schenke uns beiden nach. „Was schlägst du als Lückenfüller für diese Zeit vor?"

Bellatrix entspannt sich ein wenig. „Nun… Viele Erinnerungen sind ja nicht mehr übrig." Sie tippt auf das Memoiren-Album. „Siebtes Jahr beendet, und das war's…" Auf ihrem Gesicht erscheint ein mildes Lächeln. „Wie wär's, wenn du mal beleuchtest, warum du vorhin so schweigsam warst?"

Worauf will sie denn jetzt hinaus? Hat ihr die Werwolfsache nicht gereicht?

„Was meinst du?"

Sie greift nach dem Bild, das ich vorhin beiseite gelegt hatte, um die Erinnerungen loszuwerden, die mich zu überrollen drohten, das Gruppenfoto mit besonderem Blick auf Alice, Frank und Gwen.

„Da du ja so interessiert an Abschnitten aus meinem Liebesleben bist, wirst du mein Interesse hieran nachvollziehen können - was ist denn zwischen dir und… Sweet, sweet Gwendoline?"

So schnell kann's gehen, das ist wieder typisch Bellatrix: Leicht zynisch und fleißig Salz in die Wunden anderer Leute streuend – ich könnte sie erwürgen. Dabei hätte mir klar sein müssen, dass sie jeden Strohhalm ergreifen würde, der sie vom Thema Sirius wegziehen könnte. Es ist bemerkenswert, wie schnell sie die Stimmung anderer zusammen mit ihrer eigenen verändern kann… aber meinetwegen hätte sie so ruhig wie vorhin bleiben können, so verletzte sie wenigstens niemanden.

Vermutlich scheitere ich bei dem Versuch, mir nichts von meiner plötzlichen Wut anmerken zu lassen, denn ihr Grinsen wird noch breiter. „Zwischen mir und Gwen ist gar nichts. Nicht mehr", füge ich leise hinzu und kann nicht verhindern, dass meine Stimme etwas bitter klingt.

„Aber da war etwas, oder?", hakt Bellatrix nach. „Du warst so viel geschockter als die anderen, als sie damals im Krankenhaus landete…"

„Natürlich war ich geschockt." Danke, Salazar, dass meine Stimme ruhig bleibt! „Sie wäre beinahe ums Leben gekommen, bei einem Feuer, das eine meiner besten Freunde gelegt hatte. Glaub mir, ich hätte Adrienne auf der Stelle einen Cruciatus auf den Hals gehetzt, wenn Evan mich nicht davon abgehalten hätte."

Sie schnaubt. „Und wir wissen ja alle, warum Evan dich davon abgehalten hat…"

Oh ja… Recht hat sie, und es fällt mir immer noch schwer zu glauben, wozu eine verzweifelte Frau fähig ist, wenn sie jemanden mit allen Mitteln an sich binden will. Ich wollte damals, als es passierte, einfach nicht glauben, dass Adrienne eher Evans Herz opfern würde, als es einer anderen zu überlassen… Aber sie hat es nicht geschafft, sein Herz ganz zum Erkalten zu bringen, sonst hätte er nicht genug Hass in sich gehabt, um sie noch vor Alastor Moody zu töten, bevor er selbst seinen Geist aushauchte…

„… aber wie auch immer – ich liege doch richtig, dass da etwas zwischen euch war, oder?"

Bellatrix wird nicht locker lassen. Dafür glimmen ihre Augen zu gefährlich. Und ich kann mich kaum dagegen wehren, denn mit ihren Worten hat sie es nun endgültig geschafft – meine so sorgfältig verdrängten Erinnerungen an Gwendoline schlagen über mir zusammen wie Wellen im Sturm. Es tut bloß so weh, über diese Zeiten nachzugrübeln und gleichzeitig diese Ungewissheit zu haben, ob sie überhaupt noch am Leben ist… ob meine Gefühle noch Erwiderung finden würden, wenn ich ihr wieder gegenüber stände…

Mir ist nichts von Gwendoline geblieben außer Erinnerungen. An unsere Schulzeit, an die Gespräche, die wir so oft geführt haben, ohne dass sie meinen Blick je länger als zwei Sekunden standhielt…an jenen Heiligabend 1977…

Was tust du hier?", fragte ich, als ich mich endlich vor dem Mistelschmuck im Tropfenden Kessel gerettet und mich zu ihrem Tisch hindurchgeschlängelt hatte. „Es ist Heiligabend, solltest du nicht bei deiner Familie sein?"

Ein leicht spöttisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Du kannst Fragen stellen…"

An ihre Sirenenstimme… „Say you don't want it, again and again, but you don't, don't really mean it…"

An ihren Schmerz und ihre Enttäuschung, als wir uns im Sommer 1979 wieder sahen. An ihren Hass auf Todesser im Allgemeinen und an ihre Freundschaft und Liebe ausgerechnet Evan und mir gegenüber im Besonderen. Und an den Moment, in dem sie zum ersten Mal meinem Blick standhielt… „Ganz egal, was du jetzt sagst, es wird nichts mehr ändern!"

Du hast es also geschafft, Bella, denke ich und weiß nicht, ob das nun gut oder schlecht ist. Ich entscheide mich für Letzteres. Gedanken an die Liebe haben mich schon mehr als einmal von den wichtigen Dingen abgehalten und das kann ich mir im Moment einfach nicht leisten… Mal abgesehen davon, dass Bellatrix das Falsche hinter unserer Geschichte vermutet. Es war nicht die kleine Romanze, für die sie sie hält – es war das endgültige Ende meiner Treue zum Dunklen Lord, die schon lange zuvor große Risse bekommen hatte. Und wenn sie das erfährt, dann werde ich diese Nacht nicht überleben, so viel ist sicher.

Bellatrix schaut mich mit schief gelegtem Kopf an. „Darf ich dich zitieren? ‚Manchmal tut es gut, darüber zu reden…'" Ihr spöttisches Lächeln ist verschwunden, ihre Miene ernst.

„Zitier mich nicht", erwidere ich zähneknirschend. „Und sei dir sicher, du willst es wirklich nicht wissen."

„Wer gibt dir das Recht, das zu entscheiden?" Sie hebt träge die Augenbrauen.

„Ich kenne dich seit über dreißig Jahren, Bella."

Darauf antwortet sie nicht. Nippt nur wieder an ihrem Wein und schaut durch das Fenster in die mondlose, sternenklare Nacht, die Lestrange Mansion einhüllt.

Seltsam, dass es mir ausgerechnet jetzt auffällt, nach so langer Zeit. Ich kann ich mir keine passenderen Männer für Bellatrix vorstellen als Rodolphus und Sirius – den Dunklen Lord mal außen vor gelassen. Alle drei zeichnen sich durch einen hohen Anteil von Arroganz aus, alle drei haben Schwierigkeiten damit, zu ihren Fehlern zu stehen. Alle drei suchen sich gegenseitig, wie in einer Kettenreaktion, ohne sich wirklich zu finden. Und wenn sie kurz davor sind, sich endlich zu erreichen, dann stellt sich der eigene Stolz oder die Angst in den Weg.

Ziemlich traurig eigentlich. Nicht, dass sie es nicht verdient hätten für das, was sie getan haben. Und trotzdem fallen mir keine drei Menschen ein, denen ich mehr gewünscht hätte, dass ihre Herzen endlich an das Ende ihrer Odyssee gelangt wären. So vieles hätte anders verlaufen können…

Doch Herzen hören für gewöhnlich nicht auf das, was der Verstand sagt, diese Erfahrung musste ich selbst machen. Wieder so eine Sache, von der ich lange Zeit nicht wusste, ob sie gut oder schlecht war. Ich habe mich für Ersteres entschieden.

°°°°°

Flashback

°°°°°

Die Zeit ohne die Schule kam mir anfangs vor wie ein großes schwarzes Loch. Mein letztes Jahr in Hogwarts war so von Stress bestimmt gewesen, dass es mir unwirklich vorkam, nicht jeden Tag für Prüfungen lernen zu müssen. Nein, das Lernen würde erst im September wieder anfangen…

Meine Mutter war inzwischen in die Nokturngasse gezogen – sie teilte sich zu meinem Entsetzen die Wohnung mit zwei Auroren, Gideon und Fabian Prewett. Die drei ergänzten sich perfekt: In meinen Augen allesamt tierische Nervensägen auf ihre alten Tage. Da nicht nur ich mich nicht von meiner Mutter in den Wahnsinn treiben lassen wollte, zog ich schließlich mit Evan in eine kleine Wohnung in Muggellondon.

Evan lag mit seinen Eltern wegen seines Berufswunsches im Clinch; Mr. Und Mrs. Rosier waren der Meinung, dass Musiker ganz und gar kein angemessener Beruf für ihren einzigen Erben war – wir konnten uns indes keinen anderen Beruf für unseren Freund vorstellen, und er hüpfte ein paar Tage nach dem Einzug freudestrahlend durch die Wohnung, als er eine Zusage von einem Orchester bekam.

Auch wir anderen fieberten unseren Wegen in den Beruf entgegen. Bellatrix hatte sich bereits im Februar im St. Mungo Hospital beworben und begann nun dort ihre Ausbildung – als Hebamme. Der Beruf reizte sie jedoch offensichtlich nicht nur wegen dem Kontakt zu Neugeborenen, sondern, weil ausgerechnet dieser Zweig des Heilens auch die Ausbildung zur Heilerin und Sanitätshexe beinhaltete.

Rodolphus nahm eine Stelle als Journalist beim Tagespropheten an. Ein kleiner Job mit dem großen Ziel, in ein, zwei Jahren zum Redakteur aufzusteigen.

Adrienne, die zweisprachig aufgewachsen war, bewarb sich in der Ministeriumsabteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit, um sich den Kontakten mit dem französischen Ministerium zu widmen.

Avery landete ebenfalls beim Tagespropheten, und ihm genügte zunächst seine Stelle als Fotograph.

Was mich anging, so wurde es immer offensichtlicher, dass die Zukunft Lilys und meinen Weg nicht trennen würde. Wir beide wollten unser Talent und unsere Leidenschaft für Zaubertränke nutzen und studierten dieses Fach plus Verteidigung gegen die Dunklen Künste an der Universität für Magie – beide mit dem Ziel, ins St. Mungo Labor zu kommen, das neue Heiltränke entwickelte. Nirgendwo gab es mehr Möglichkeiten, um sich intensiver mit der Materie der verschiedenen Tränke zu beschäftigen, die uns beide so faszinierten. Vor unserer Aufnahme ins Laborteam hatten wir jedoch noch einen langen Weg vor uns, der damit begann, dass wir uns selbst ein kleines Labor einrichten mussten – ausgerechnet in der Nokturngasse. Ein Grund mehr, die Jugendlichen, die dort wohnten, zu hassen: Schon am zweiten Tag bekamen wir die Zerstörungswut der Teenager zu spüren. „Reizend, das sind ja echte Seelchen", stellte Lily fest, während sie die kläglichen Überreste eines Phiolensets entsorgte.

Indes waren Alice, Frank, Potter und Black an der Aurorenschule angenommen worden, Elisabeth hatte (wie auch immer) sofort ihren Weg in die Abteilung für Magische Strafverfolgung und in das Herz von Barty Crouch sr. gefunden.

Evan erwähnte irgendwann, dass auch Gwendoline in London bleiben würde, sie hatte es geschafft, an einer Schauspielschule angenommen zu werden. Die beiden besuchten sich oft gegenseitig in ihren Wohnungen, weshalb Gwen nicht selten bei uns auftauchte.

Dem Ministerium fiel es immer schwerer, bestimmte Vorfälle geheim zu halten – die magische Gemeinschaft war nicht mehr beunruhigt, sie war alarmiert; man konnte die Augen nicht mehr verschließen vor den Entführungen, den immer häufiger auftauchenden Leichen und den Drohungen an Blutsverräter und Muggelgeborene. Voldemort übernahm langsam aber sicher die Macht und das Ministerium konnte kaum etwas dagegen unternehmen.

Und genau das brachte die Gemüter zum Kochen – die Todesser wollten ihre Ansichten durchsetzen und wurden dabei von vielen der alten Reinblüterfamilien unterstützt, die anderen wollten nicht akzeptieren, dass ihr Leben auf diese Weise einfach umgekrempelt wurde und bestimmte Gruppen – Muggelgeborene, Halbblüter, Blutsverräter - einfach ausgelöscht werden sollten.

Doch die Gewaltbereitschaft der Bevölkerung war noch nicht so hoch, wie sie ein Jahr später sein sollte, noch ging nicht jeder jedem an die Gurgel.

Wir unterstützten Voldemort so gut wir konnten, standen mehr oder weniger hinter seinen Idealen, bis es schließlich soweit war: Avery, Adrienne, Bellatrix, Evan, Rodolphus und ich erhielten im Oktober das Dunkle Mal und gehörten damit fest zu den Todessern. Jetzt standen wir wirklich im Dienst des Dunklen Lords. Mir kam es vor, als wäre es vorprogrammiert gewesen. Wir hatten weiterhin unsere Lektionen in den Dunklen Künsten bekommen und nach und nach auch einige andere Anhänger des Dunklen Lords kennengelernt, die uns geradezu vorschwärmten, was für eine Ehre es sei, Voldemort zu dienen.

Besonders Evan und mir war es jedoch nie wie eine große Ehre vorgekommen. Beide schienen wir nur mit halben Herzen dabei zu sein. Evan war in dieser Hinsicht ein Mensch mit zwei Gesichtern: Auf der einen Seite kam er wunderbar mit Halbblütern wie Gwen oder Lupin klar – ja, selbst mit Lupin funktionierte ein menschliches Miteinander, wenn jeder seine Wörter auf die Goldwaage legte – oder sogar mit einigen Muggelgeborenen. Auf der anderen Seite konnte es schnell zu einem Cruciatus von aus seinem Mund kommen, wenn ihn jemand zu sehr reizte.

Was mich anging, so hatte ich mich dem Dunklen Lord größtenteils wegen meinen Rachegelüsten gegen James Potter und Konsorten angeschlossen. Ich hatte nicht viel an den so genannten ‚minderwertigen Gruppen' auszusetzen, aber unter Voldemort standen die Chancen gut, dass Potter den aufkeimenden Krieg nicht überleben würde… Mir sollte es recht sein. Natürlich war auch meine weitergehende Studie der Dunklen Künste nicht außer Acht zu lassen.

Also begannen wir alle, die Aufträge unseres Herrn auszuführen, wohnten den Todessertreffen bei und führten ein regelrechtes Doppelleben. Wir zeigten jenen am Tage ein freundliches Gesicht, denen wir in der Nacht kleine Besuche abstatteten, die sie oft nicht, oder zumindest nicht ohne Höllenqualen, überlebten.

Man muss sich an die Unverzeihlichen Flüche gewöhnen, sowohl wenn man ihnen zum Opfer fällt, als auch, wenn man sie ausführt. Je länger wir in den Diensten des Dunklen Lords standen, desto häufiger kam es vor, dass wir von ihm bestraft wurden. Den Hass, den man irgendwann empfindet, wenn man nur lange genug unter dem Cruciatus zittert, braucht man, um ihn selbst einsetzen zu können. Man weiß, was das nächste Opfer empfinden wird: Unerträgliche Schmerzen, es soll aufhören, irgendetwas soll den Schmerz stoppen, das Feuer, das die Nerven in Brand setzt, löschen, die Messer aus dem Körper ziehen, sei es nun der Folternde selbst, die langsam nahende Ohnmacht oder der Tod… Irgendwann ist es leicht, den Hass aufzubringen. Und wenn er stark genug ist, dann ist man bereit für den Avada Kedavra.

Man gewöhnte sich eben daran, zu foltern und zu töten. Bis dahin waren es schließlich nur zahlenlose Opfer ohne Namen und Gesichter…

Doch ich war nie imstande, diese Befriedigung dabei zu empfinden, wie Rodolphus es beschrieb, oder die Qualen meiner Opfer gar zu genießen, wie Bellatrix es tat. Ich führte die Befehle meines Herrn aus, um meine Treue aufrecht zu erhalten, um sein Lob zu empfangen, um meinen Platz in den Reihen der Todesser zu festigen. Es ist seltsam, zu fühlen, dass das, was man tut, nicht unbedingt das Richtige ist, doch ich habe schon immer mehr auf meinen Kopf als auf meinen Bauch gehört – und mein Kopf war zumindest halbwegs überzeugt, dass ich auf dem richtigen Weg war.

Man mag es vielleicht seltsam finden, dass ich keine Probleme hatte, auf Befehl meines Herrn die so genannten ‚minderwertigen Gruppen' um einige Mitglieder zu erleichtern, wo ich doch teilweise sogar freundschaftliche Kontakte zu einigen von ihnen pflegte – man denke an Lily. Ich fand es ja selbst seltsam. Und jedes mal, wenn ich darüber nachdachte, fielen mir jene Worte ein, die mir durch den Kopf geisterten, bevor ich zum ersten Mal dem Dunklen Lord begegnete: ‚Seltsam, wie bösartig man werden kann, wenn man sich nur lange genug einredet, dass man fähig und willens dazu ist.'

War ich fähig zu meinen Taten? Offensichtlich ja.

Aber war ich auch willens dazu? Ich konnte diese Frage nicht mit einem klaren ‚Ja' beantworten – wäre es so, würde ich mir diese Frage dann überhaupt stellen?

Vielleicht sah ich genau wegen diesen Gedanken zum ersten Mal seit Jahren den Weihnachtstagen etwas freundlicher entgegen. Meine Mutter hatte mich für Heiligabend in ihre Wohnung eingeladen, vielleicht würde ich dort zumindest zeitweise meine Grübeleien vergessen können.

Es war ein seltsamer Abend. Die Prewetts hatten einen Freund und Kollegen von ihnen eingeladen, Alastor Moody – für uns eigentlich die Verkörperung dessen, was wir eigentlich bekämpfen sollten, schlechthin. Ich wich ihm den ganzen Abend über aus, hatte das Gefühl, er könnte ohne Schwierigkeiten durchschauen, wen er da vor sich hatte. Etwas Gutes hatte der Abend: Ich kam wirklich nicht dazu, über meine Probleme nachzugrübeln. In Gedanken hielt ich mich jedoch für lebensmüde – warum, bei Agrippa, saß ich hier mit drei Auroren herum? Und wie war meine Mum dazu gekommen, mit ihnen zusammen zu ziehen? Mein Vater hatte ihr wohl wirklich nicht gut getan, das hier mussten die Nachwirkungen sein…

Meine Mutter schien zu ahnen, dass ich mich nicht besonders wohl fühlte zwischen ihren Mitbewohnern, und ich war ihr dankbar, dass sie mich nicht aufhielt, als ich mich gegen zehn Uhr verabschiedete.

Mein Rückweg führte mich durch die Winkelgasse.

In London lag normalerweise nicht halb so viel Schnee wie es in Hogwarts um diese Zeit der Fall war. Trotzdem war ich ziemlich froh, als ich mit meinem Eintreten in den Tropfenden Kessel das Schneegestöber hinter mir ließ. Tom hatte es sich nicht nehmen lassen, über jedem Tisch einen Mistelzweig aufzuhängen. Es war nicht besonders voll, vielleicht fiel mir deshalb sofort die junge Frau ins Auge, die in einer Ecke des Pubs saß. Dichtes, zu einem Knoten gebundenes dunkles Haar, blaue Augen, die im Schein der Kerze aufblitzten, während sie über einem Stapel Zettel brütete, eine Gitarrentasche stand neben ihrem Stuhl. Kein Zweifel – das war Gwendoline.

Ich wich einer recht angetrunkenen älteren Hexe aus, die einen Mistelkuss einfordern wollte und schlängelte mich zu ihrem Tisch durch.

Guten Abend."

Gwen blickte überrascht von ihren Zetteln auf, dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Severus! Wie geht's dir?" Sie schaute nur für einen kurzen Moment in meine Augen, bevor sie meinem Blick auswich.

Ich ließ mich uneingeladen auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder.

Abgesehen davon, dass es verdammt kalt ist, ganz gut. Und du? Was tust du hier? Es ist Heiligabend, solltest du nicht bei deiner Familie sein?"

Ihr Lächeln wurde leicht spöttisch. „Du kannst Fragen stellen… meine Eltern sind froh, wenn ich nicht mehr mache, als sie mal anzurufen."

Als was?" Anrufen? War das wieder so eine Muggelsache?

Vergiss es." Sie strich etwas auf ihrem Zettel durch. „Ich bin jedenfalls froh, dass mir das erspart bleibt, da schreib ich mir lieber noch ein paar Akkorde auf." Passenderweise notierte sie etwas auf dem Blatt vor ihr. „Was machst du an Weihnachten? Besuchst du deine Familie?"

Da komm ich gerade her. Ersatz für die restlichen Feiertage."

Sie nickte kurz, dann schwiegen wir beide. Was sollten wir auch sagen? Wir hatten uns in den letzten Monaten schließlich nur gelegentlich kurz gesehen… Andererseits gehörte sie zu den wenigen Menschen, mit denen ich relativ schnell gut zurechtkam. So kam es, dass das Schweigen auch jetzt nicht allzu lange anhielt und wir das Gespräch wieder aufnahmen. Als wir uns nach einer Menge Belanglosigkeiten schließlich tiefschürfenderen Themen zuwendeten, hatten wir plötzlich beide das Gefühl, dafür am falschen Ort zu sein. Sie packte ihre Zettel und ihre Gitarre zusammen und wir verließen den Pub.

Das Schneetreiben war noch dichter geworden. Im nur von Kerzen erleuchteten Tropfenden Kessel war es nicht besonders hell gewesen. Die verschneite Düsternis jedoch, die uns draußen empfing, war eine andere. Der Schnee reflektierte das spärliche Licht der teilweise kaputten Straßenlaternen und ließ unsere Gesichter gespenstisch blass in der Dunkelheit dieser Nacht leuchten.

Wir beschlossen, in Evans und meine Wohnung zu gehen, die näher gelegen war als die von Gwendoline. Auf dem Weg warf ich ihr des Öfteren einen verstohlenen Seitenblick zu. Sie blickte gedankenverloren auf die Straße vor sich. Eiskristalle verfingen sich in den Strähnen ihres dunklen Haares, das sich langsam aus ihrem Knoten löste.

Die Eiskristalle wurden recht schnell zu Wassertropfen, als ich die Wohnungstür aufschloss. Gwen schaute sich neugierig um, als wäre es eine völlig neue Umgebung für sie,

Ich war noch nie ohne Evan hier… Wo ist der eigentlich?"

Bei seiner Familie", antwortete ich und machte die Tür zu. „Das Übliche in den alten Reinblüterfamilien – man benutzt das Fest der Liebe, um Streitigkeiten zu lösen und macht damit alles nur noch schlimmer. Hoffen wir, dass er das Ganze unbeschadet überlebt", fügte ich hinzu, mit einem schiefen Grinsen anhand von Gwendolines gerunzelter Stirn.

Wenn ich auf den Abend zurückblickte und ihn in zwei Hälften teilte – die Hälfte mit meiner Mutter und ihren Aurorenfreunden und die Hälfte mit Gwendoline -, dann war es im Nachhinein ein leichtes, festzustellen, dass die zweite Hälfte die Bessere war.

Gwen brauchte eine ganze Weile, um aufzutauen. Ich auch. Sowohl was die Temperaturen als auch die Gespräche anging. Wir schienen auf verschiedene Weisen verschlossene Menschen zu sein, vielleicht war das der Grund, warum wir, als wir dann schließlich beide unsere Scheu über Bord warfen, so gut miteinander klar kamen.

Sie war zweifellos fröhlicher als bei unserem letzten längerem Gespräch, das beinahe ein Jahr zurücklag, und ohne die Probleme mit ihrer Familie war sie tatsächlich eine sehr angenehme und humorvolle Gesprächspartnerin; sie schaffte es mit ihrer trockenen Art und ihrer unterschwelligen Herzlichkeit, mich von meinen eigenen Problemen abzulenken – und genau das erstaunte mich. Ich hatte in Hogwarts nicht besonders viel mit ihr zu tun gehabt, man hatte im Prinzip nicht mehr Phrasen ausgetauscht, als wir es vorhin im Tropfenden Kessel getan hatten. Sie war mir auch nie wie eine viel redende Person vorgekommen, zumindest nicht, wenn sie ohne Evan, Alice oder Frank unterwegs war.

Und nun brachten wir es fertig, nach so langer Zeit die Nacht fortzureden, mit allen möglichen Themen rund um Gott und die Welt – übrigens ohne dass sie meinen Blick auch nur einmal für länger als zwei Sekunden erwiderte - und schafften es beide immer wieder, uns gegenseitig zu überraschen. Irgendwo in meinem Hinterkopf wurde mir die seltsame Ironie der Situation klar: Schon wieder ein Dezemberabend, an dem ich feststellen musste, wie wenig wir überhaupt voneinander wussten…

Oh nein, sag mir bitte, dass ich eine Sehstörung habe", stöhnte Gwendoline irgendwann und stellte ihr Wasserglas ab. „Es ist doch nicht wirklich schon vier Uhr!"

Ich drehte mich zu dem besonders laut tickenden Exemplar um, das an unserer Wohnzimmerwand hing. „Du hast keine Sehrstörung, aber es ist schon halb fünf", erwiderte ich trocken. „Die Uhr geht ein bisschen nach… Warum? Hast du morgen… ach quatsch, heute noch etwas Wichtiges vor?"

Sie grinste. „Ich muss eigentlich heute Nachmittag in einem Muggel-Altenheim spielen. Guck nicht so komisch, irgendwie muss ich doch die Ausbildung finanzieren! Aber was soll's, auf ein paar Augenringe mehr oder weniger kommt es nun auch nicht an." Sie lachte.

Diese ‚Nacht' zog sich bis in die späten Morgenstunden. Als sie sich gegen halb elf verabschiedete, wusste ich sicher, dass ich noch nie einen so seltsamen Heiligabend verbracht hatte.

Als ich später Adrienne und Bellatrix traf, wurde mir jedoch klar, was ich eigentlich getan hatte. Gwendoline hatte im Laufe der Nacht tatsächlich ihre politische Meinung vertreten – und diese stimmte kaum mit meiner überein. Vielleicht lag es am Schlafentzug, dass ich nicht länger darüber nachgedacht hatte, aber als Bella und Adrienne – wie so oft - auf ihren Idealismus zu sprechen kamen, wurde mir bewusst, dass Gwen und ich auf verschiedenen Seiten standen.

Ich hoffte bloß, dass Gwendoline ihre Liberalität nicht zu offen zeigte – wenn doch, dann würde sie sehr bald auf der Schwarze Liste des Dunklen Lords landen. Ich war mir vielleicht über Vieles im Unklaren, aber eins wusste ich doch ziemlich sicher: Ich wollte diese Frau nicht töten!

Konnte in diesem Leben nicht einmal etwas normal ablaufen?

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Flashback ende

°°°°°

So hatte es angefangen. Und ich erinnere mich noch unangenehm gut daran, wie ich mit mir gerungen hatte: Wie sollte ich mich ihr gegenüber verhalten, wenn ich sie wieder sah? Hätte ich sie töten können, wenn Voldemort mir den Befehl gegeben hätte?

Zumindest darüber bin ich mir, damals wie heute, im Klaren: Ich hätte es nicht gekonnt. Ja, ich hatte zu dem Zeitpunkt unseres Treffens schon gefoltert und getötet, letzteres glücklicherweise nicht oft. Aber meine Opfer waren immer Unbekannte gewesen, Namen und Gesichter, die mir nichts sagten – soweit man es als ‚nichts' bezeichnen kann, wenn diese Gesichter immer wieder in Träumen auftauchen. Mit Gwendoline jedoch wäre es etwas anderes gewesen, auch wenn es mir vom Standpunkt Weihnachten 1977 aus nicht anders vorgekommen wäre wie bei jedem anderem Jahrgangskollegen. Aber allein die Tatsache, jemanden töten zu müssen, mit dem ich etwas zu tun hatte, ja für den ich vielleicht sogar Sympathien empfand - das hätte selbst ich damals nicht über mich gebracht.

Jetzt sieht die Sache anders aus, denke ich resigniert. Ich werde verfolgt für den Mord an einem der wenigen Menschen, die sich nach Voldemorts erstem Sturz die Mühe gemacht haben, sich für mich einzusetzen, an einem Mann, der für mich eine Art Vaterfigur geworden ist – ein besserer Vater als mein Leiblicher es je hätte sein können. Salazar sei mein Zeuge, dieser Gedanke ist einer von jenen, der die Macht hätte, mich umzubringen. Für diesen Mord verdiene ich die schlimmste Strafe, die das magische Gesetz zu bieten hat.

Und doch ist es nicht nur mein Versprechen an Albus, das mich davon abhält, mich den Auroren zu stellen. Strafe und Schande ja, aber nicht von Alastor Mad-Eye Moody und Konsorten, jenen Männern, die sich jetzt noch damit brüsten, Evan Rosier zur Strecke gebracht zu haben, für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat und für eine Tat, die längst überfällig gewesen wäre. ‚Todesser Rosier Junior, getötet nach dem feigen Mord an Todesserin Adrienne F. Wilkes und Verletzung von Auror Alastor Moody während der Verhaftung', stand in seiner Akte, die mir Fabian Prewett anklagend unter die Nase hielt, als er mich vom Tod meiner Freunde unterrichtete. Feiger Mord… diese Narren haben keine Ahnung von Feigheit, genau wie Harry Potter. Leute, die nicht wissen, wovon sie reden, sollten am besten ihre großen Klappen halten.

Ich jedenfalls werde mich nicht von solchen Stümpern für eine Tat verurteilen lassen, die zwar zweifellos ein Verbrechen schlimmster Art war, von deren Hintergrund sie jedoch ungefähr so viel wissen wie von den Zukunftsvisionen der Muggel.

Sie hatten schon immer eine Stärke dafür, alle Zeichen zu ignorieren, die lieben Gesetzeshüter… Man erinnere sich da an Augustus Rookwood. Arbeitete bis 1982 in der Mysteriumsabteilung, ohne dass jemand bemerkte, dass er alle möglichen Informationen an den Dunklen Orden weitergab…

Seine Frau, Elisabeth Habsbourg, ist wohl ebenfalls ein sehr gutes Beispiel. Sie, die rechte Hand von Barty Crouch sr, zwar von vielen bewundert und verehrt wurde für ihr Eingreifen im Bürgerkrieg im Oktober 1978, die aber eben dadurch auch genauso viel Misstrauen erntete, da der ganze Sachverhalt einer Menge Leute zu spanisch vorkam: Eine junge Frau, die erst vor einem Jahr ihren Abschluss in Hogwarts machte, sollte so erfolgreich zwischen Todessern, Auroren und aufgebrachten Hexen und Zauberern vermitteln?

Natürlich war sie suspekt. Todestänzerin. Verräterin. Mörderin.

Das größte Misstrauen erntete sie jedoch aus den eigenen Reihen – von uns, den Anhängern des Dunklen Lords. Klingt das nicht paradox? Bartemius Crouch der ältere, berüchtigt für seine Paranoia gegen alles, was mit schwarzer Magie zu tun haben könnte, suchte sich ausgerechnet eine der treuesten Dienerinnen Voldemorts als persönliche Assistentin aus. Man durfte sich nicht mal fragen, warum ein so junges, unerfahrenes und noch dazu lebensmüdes Ding den Weg in die Leitung der Abteilung für magische Strafverfolgung geschafft hat – ich persönlich tippe auf ein wenig Nachhilfe durch den Imperius-Zauber.

Es war wirklich keine schöne Zeit. Es war die Ouvertüre für den wahren Krieg, der wenig später ausbrechen sollte.

°°°°°

Flashback

°°°°°

Meine gedanklichen Bemühungen über das Umgehen mit Gwendoline stellten sich als überflüssig heraus – noch vor Silvester teilte sie Evan und mir mit, dass sie plante, spätestens im April das Land zu verlassen.

Hamburg? Was bei Merlins Bart willst du denn da?"

Sicher sein vor all dem, was hier aufbrodelt", war ihre um Verständnis werbende Antwort. „Als liberal denkende Halbblüterin bin ich ein gefundenes Fressen für diese kranken Mistkerle."

Evan und ich tauschten einen unmutigen Blick – wenn sie wüsste, dass sie gerade zwei von diesen ‚kranken Mistkerlen' gegenüberstand…

Das letzte Mal sah ich sie im April, kurz vor Ostern. Danach wurden alle meine Gedanken an sie von dem, was auf uns alle lauerte, verdrängt.

Unter den Auroren und dem Teil der magischen Gemeinde, der die inzwischen sicherer erscheinende Machtübernahme des Dunklen Lords nicht akzeptieren wollte, breitete sich langsam aber unausweichlich eine größer werdende Gewaltbereitschaft aus – jeder, der den Eindruck machte, als könne er Verbindungen mit dem Dunklen Orden haben, wurde mit Misstrauen und Skepsis behandelt, wenn jemand offiziell als Todesser ‚enttarnt' wurde, musste er entweder Schutz bei den alten reinblütigen Familien wie den Malfoys suchen – oder sich der wütenden Schar der Gesetzeshüter stellen. Insgesamt war beides kein Zuckerschlecken, aber neutral blieben trotzdem nur sehr wenige Gemüter.

Umso besser für uns, dass wir weiterhin unauffällig blieben, während wir unsere Aufträge ausführten. Niemand hätte die angehende Hebamme, den erfolgreichen Journalisten, den Fotographen, die Vermittlungsbeauftragte, den Orchesterspieler und den angehenden Laboranten verdächtigt, im Dienst des Dunklen Lords zu spielen. Das Gegenteil war der Fall: Die Leiter diverser Stationen im St. Mungo brachten Bellatrix großes Vertrauen entgegen und Rodolphus genoss hohes Ansehen beim Tagespropheten.

Im heraufziehenden Sommer wurden Lily und ich in das Team des St Mungo Labors aufgenommen und wurden Zeugen der Hektik in der Notaufnahme.

Beinahe alle Auroren des Ministeriums schienen dort zeitweise zur Einrichtung zu gehören. Sowohl die auszubildenden Exemplare als auch die alten Hasen wurden sie zusammen mit jenen eingeliefert, denen sie zuvor an die Gurgel gegangen waren – oft genug Bekannte von mir. Heilerschülerinnen wie Bellatrix, die eigentlich nur für eine Abteilung vorgesehen waren, mussten wohl oder übel ans Werk. Mich wunderte es nicht, dass Sirius Black so oft unter den Verletzten war. Da war es mir wohl nicht zu verübeln, dass ich mich fragte, ob er sich nur mit Todessern anlegte, um anschließend von seiner Cousine behandelt zu werden…

Wenn er wüsste, wie oft er daran war, mit ihr zusammen eingeliefert zu werden… Aber Bella war Hexe und Heilerin genug, um sich weder von Auroren enttarnen, noch ihre Kolleginnen ihre Verletzungen entdecken zu lassen, bevor sie sie selbst heilen konnte.

Gegen Herbst spitzte sich die Lage zu, es war kaum noch möglich, sicheren Schrittes eine Straße zu überqueren; selbst die Muggel schöpften langsam Verdacht und auch wir gerieten immer öfter ins Kreuzfeuer.

Spätestens im September war Bartemius Crouch mehr als froh, Elisabeth Habsbourg in seiner Abteilung zu haben. Wir waren wohl alle erstaunt, dass ausgerechnet sie es schaffte, zwischen Auroren und Todessern zu vermitteln, sei es bei aufkeimenden Straßenduellen oder bei verbalen Messerstichen auf öffentlichen Veranstaltungen.

Vermittlungen hin und her – nicht einmal Elisabeth konnte verhindern, dass Adrienne am Ende dieses Bürgerkrieges, im Oktober 1978, im Rollstuhl landete.

Es war einer der letzten Kämpfe, an dem sie mit voller Absicht teilnahm und in den Evan und ich eher zufällig hineingerieten, mit der Absicht, zu schlichten. Wir konnten sie nicht mehr aufhalten, als sie sich mit Alastor Moody anlegte. Ausgerechnet er, einer der besten Auroren des Ministeriums! Die beiden lieferten sich ein erbittertes Duell, wobei jeder einiges einzustecken hatte. Womit Adrienne nicht rechnete, war die Unterstützung von Moodys Kollegen. Ein greller Lichtblitz von der Aurorin links neben ihm, ein verzweifelter Schrei von Adrienne – und der Anblick ihrer merkwürdig verdrehten Beine.

Die Heiler kamen zu spät, der Fluch hatte sich bereits vollständig ausgebreitet und als sie ankamen, hatte Adrienne bereits das Bewusstsein verloren. Sie wurde ins St. Mungo's gebracht, während Crouch mit verbaler Hilfe von Elisabeth und praktischer Unterstützung von Seiten der rational denkenden Auroren den Kampf beendete.

Die Diagnose war niederschmetternd; Moodys Kollege hatte präzise mit einem wenig bekannten Fluch gearbeitet: Adrienne konnte ihre Beine nicht mehr bewegen und weder die Heiler noch wir im Labor fanden ein Gegenmittel, zumindest keins, was ihr Leben nicht gefährdet hätte.

Adrienne war am Boden zerstört, starrte stundenlang an die Decke ihres Krankenzimmers und schien ständig den Tränen nahe.

Ich halte ja generell nichts von unseren lieben Gesetzeshütern", meinte Avery zwei Tage nach dem Vorfall entrüstet. Wir waren unserer Freunden nur selten von der Seite gewichen. „Aber auf solche Leute vertrauen die Menschen? Leute, die Andere lähmen und auch noch ungestraft davonkommen?"

Wer waren wir, ihm da zu widersprechen? Adrienne nickte düster, sagte aber kein Wort.

Wenn ich diese Frau finde, die dir das angetan hat, dann wird sie dafür bezahlen, das schwör ich dir", versprach Bellatrix ihr leise bei einer abendlichen Visite. Das gefährliche Funkeln in ihren blaugrauen Augen zauberte ein kleines Lächeln auf Adriennes Gesicht.

Viel mehr als auf uns anderen setzte sie ihr Vertrauen nun jedoch in Evan, der sich rührend um sie kümmerte. Ich fragte mich bloß, wieso? Hatte er Schuldgefühle, weil er ihr nicht helfen konnte, als es passierte?

Er unterstützte sie, wo er konnte, redete ihr gut zu, damit sie sich mit ihrem Rollstuhl anfreundete. Sie versuchte uns weiszumachen, dass Letzteres funktionieren würde, aber wir kannten sie gut genug um zu wissen, dass es sie innerlich auffraß, nicht mehr laufen zu können. Es drängte sie in einen Selbsthass, den keiner von uns für möglich gehalten hätte, und fraß sie auf.

Für meine Freunde war es ein Grund mehr, sich in unserem Hass auf das Ministerium und seine Auroren bestätigt zu sehen. Wäre diese Kollegin von Moody nicht gewesen…

Ich versuchte alles, um dasselbe denken zu können, aber mein Verstand konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass wir selbst die Schuld für unsere Verletzungen trugen. Auch Adrienne.

War es richtig, all das auf uns zu nehmen? Es war ja nicht einmal im Sinne unseres Herrn gewesen, es waren immerhin keine kleinen Verluste an Todessern gewesen, die er erlitten hatte.

Und wie hatte Elisabeth es geschafft, aufgebrachte Gemüter wie die von Lucius Malfoy zu beruhigen, ausgerechnet sie als Vertreterin des Ministeriums?

Würde ich irgendwann James in einem Duell gegenüberstehen müssen? Wie sollte ich mich dann verhalten? Ich stand in seiner Schuld – mehr noch, es war eine Lebensschuld, ein festes Band zwischen uns, so unfreiwillig es auch sein mochte.

Konnte der Dunkle Lord weit genug in meine Gedanken eindringen um meine Zweifel zu bemerken? Wohin würde all das führen, jetzt, da Millicent Bagnold kurz davor war, den Notstand auszurufen? Und wie mochte es Gwendoline ergangen sein, die ja tatsächlich früh genug die Flucht ergriffen hatte, um nicht in den Bürgerkrieg hineingezogen zu werden?

Solche Fragen waren es, die mir gegen Winter schließlich die Nachtruhe versagten. Eine Angst im Nacken, die ich nur unterschwellig zu spüren schien, und diese Fragen im Kopf.

Der Jahreswechsel rückte immer näher und nicht nur ich wunderte mich, wie rasch die letzten Monate vorbeigezogen waren.

Und als ich den Heiligabend mit Adrienne und Evan auf dem Familienanwesen der Wilkes verbrachte und mit dem Kopf eigentlich bei den Vorbereitungen für den Angriff auf die Dearborns sein sollte, waren meine Gedanken beim Weihnachtsabend ein Jahr zuvor, bei meinen Zweifeln und bei der bohrenden Frage:

Wofür tat ich das alles eigentlich?

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Flashback Ende

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Bellatrix seufzt schließlich leise, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden.

„Was ist?"

Sie strecht sich das dunkle Haar aus dem Gesicht. „Ich werde jetzt nicht sagen, dass ich Veränderungen schon immer seltsam fand. Aber wie sich alles verändert hat… wie wir uns verändert haben." Ein Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht. „Wenn mir das jemand vor fünfzehn Jahren gesagt hätte-"

„- Hättest du ihm einen Cruciatus aufgehalst. Nicht dass sich da großartig etwas geändert hätte." Ich kann mich nicht zu einem Lächeln überwinden. Der Gedanke an Frank und Alice verhindert es.

Sie schüttelt kaum merklich den Kopf.

„Wie kommst du jetzt eigentlich darauf?", hake ich nach.

„Ich glaube, ich werde sentimental…"

„Auf deine alten Tage?" Doch ein kleines spöttisches Grinsen meinerseits.

„Nein, um die Uhrzeit", erwidert sie. „Ist zu spät für Rationalität."

Natürlich… es ist inzwischen drei Uhr und sie hat, während ich in meinen Gedanken versunken war, die aufgefüllte Weinflasche schon wieder zu einem beträchtlichen Anteil entleert. Sollte doch etwas Wahres an Lilys Theorie sein, das angetrunkene Slytherins oft einen Verlust ihrer Logik erleiden?

Das scheint zumindest bei Bellatrix nicht der Fall zu sein. Sie schüttelt nur wieder leicht den Kopf und legt ihn auf ihre angezogenen Knie. „Erzähl mir nicht, dass du noch wirklich wach bist."

„Doch, bin ich." Sie verdreht die Augen, gähnt und murmelt verhalten: „Typisch du…"

Mein Grinsen wird breiter.

„Und Bella? Typischerweise erinnere ich mich auch noch an ihn…"

Ich greife zum aufgeschlagen vor uns liegendem Memoiren-Album und reiche ihr ein Foto.

Prompt verdreht sie die Augen. „Du gibst nie auf, oder?"

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A/N: Tja, das war's schon wieder… ist viiel länger geworden als geplant… Aber sagt mir bitte trotzdem, wie ihr es findet :)