Blutige Nächte

Fanfiction von Slytherene

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Buon giorno, meine Lieben! Zwischen auspacken und einpacken bleibt noch Zeit, ein Update zu machen. Wegen des schlechten Wetters heute Nacht (vorausgesagt), wird es nichts mit dem Campen, und nach einer Tour über vier Wehre mit entsprechenden Durchfahrten hilft nur heiß duschen und hoffen, dass es morgen besser wird. Hexe müßte man sein - Wetterhexe.

Danke für die Reviews! Ich habe mich, glaube ich, bei allen persönlich bedankt – die Anzahl war ja überschaubar ;-) Eigentlich hatte ich beschlossen, erst ab vier Reviews wieder etwas Neues hochzuladen, aber da ich weiß, wie sehr Reditus Mortis auf auf das Update wartet, und da es ohnehin fertig war - bitte schön.

Danke an TheVirginian fürs Betalesen!

Und jetzt für alle ein großes Glas von dem virtuellen Gin, den ich bei Rune gewonnen habe (die Flasche stellte sich als selbstnachfüllend heraus, sehr praktisch, vielen Dank!), dann seid Ihr bereit für diesen Höllenritt.
Düsteres Vergnügen…


Musicus:

"A WINDOW TO THE PAST" und "Finale" aus dem Soundtrack zu "Prisoner Of Azkaban"


9. Die graue Festung

„Oh Merlin, wie grässlich! Mistress wird Haschée machen aus dem armen Kreacher, und sie wird seine Ohren in der Ofenklappe klemmen, oh, Kreacher wird glücklich sein, aber solche Schmerzen! Fieser Halbmensch, böses, garstiges Monster, wach auf! Verpestet die ganze Küche!"

Kreacher zerrte an Remus' Ärmel.

Mit einer schnellen Bewegung packte dieser den Hauselfen und schleuderte ihn gegen die Wand.

„Leg dich nicht mit mir an!" schrie er.

Kreacher riss die Augen auf, in einer Mischung aus Entsetzen und Bewunderung.

„Kreacher wird Master Lupins Zimmer richten", knirschte der Hauself und disapparierte.

Remus starrte missmutig durch das kleine Fenster. Draußen wurde es bereits hell, er musste in der Küche eingeschlafen sein. Sein Rücken schmerzte, aber das war kein Vergleich zu seinem Handgelenk und seinen Fingern. Sein Kopf dröhnte, die Augen brannten – Vollmond.
Vierundzwanzig Stunden Wahnsinn und Schmerzen, und das auf einen Tag voller Demütigungen und Elend - er hasste sein Leben.

Im Flur draußen knisterte das Feuer, es prasselte, dann kamen schwere Schritte auf die Tür zu.

„Morgen, Remus."
Kingsley stand in der Tür.

Remus rang sich ein Geräusch ab, das man bei wohlwollender Betrachtung als Begrüßung verstehen konnte.

„Mond, was?" sagte Kingsley mit mitleidigem Blick.

Oh, wie Remus diesen Blick hasst! Dennoch nickte er.

„Ab morgen geht es bergauf", versuchte Kingsley ihn aufzumuntern.

„Hm", machte Remus nur.

Der Kamin in der Halle fauchte wieder. Was war das hier? Ein verdammter Verschiebebahnhof?
Wieder Schritte, dann das entsetzliche Quietschen der Küchentür.
Konnte Sirius die nicht einmal ölen?

„Was wollt ihr denn nur alle?" knurrte Remus laut und kratzte sich hemmungslos unter der Robe. Juckreiz, auch so ein Fluch der Lykantrophie. Die Haut bereitete sich darauf vor, hunderttausende von Grannen und feinen Unterwollehärchen hervor sprießen zu lassen.

„Hallo, Mr. Shacklebolt. Guten Morgen, Remus", sagte eine Stimme; rauchig klang sie, weich und freundlich.

Er hob den Kopf.

Inger stand in der Tür, die blauen Augen auf ihn gerichtet, voller…Neugier? Sorge? Oder gar Mitleid? Er hasste diese Blicke so sehr.

‚Ganz schlechtes Timing', dachte er.

„Scheiße!" sagte er laut.

Inger lachte leise, dann betrat sie die Küche. Sie brachte einen Duft mit sich…vertraut, dennoch anregend. Ohne Remus' abgerissene Gestalt zu bemängeln, setzte sie sich neben ihn und begann mit Kingsley zu plaudern.

Remus hob den Kopf, blähte die Nasenflügel und sog ihren Geruch ein. Weihrauch, Kerzen,… - sie muss gearbeitet haben, dachte er, obwohl er nur diffuse Vorstellungen von der Arbeit einer Wächterin hatte, in der Bannkreise aus Kerzen und Pentagramme eine tragende Rolle spielten. Er vergrub das Gesicht in ihrer Halsbeuge.

„Inger", murmelte er. „Du riechst gut, lass uns nach oben gehen." Besitzergreifend legte er eine Hand auf ihren Oberschenkel und begann, sie von der Bank zu drücken. Ihm war schwindlig, aber oben in seinem Zimmer könnte er mit ihr...

„Remus, hör um Merlins Willen auf, die Frau anzumachen!" rief Kingsley schockiert.
„Entschuldigung, Miss Pettersson, Remus Lupin tut solche Dingen sonst nicht, nur heute..."

Mit einem Satz hatte sich Remus über den Tisch geworfen und Kingsley am Kragen gepackt.Doch das machte man nicht mit einem der besten Auroren Englands: Der Schocker, mit dem Kingsley Remus dort gegen die Wand prallen ließ, wo Minuten zuvor noch der unglückliche Hauself aufgekommen war, betäubte ihn zwar nicht, aber der Aufprall war dennoch sehr schmerzhaft.
Remus' Hand glitt zu seinem Stab, doch Kingsley hatte den seinen bereits wieder erhoben.

„Es reicht, Remus!" donnerte er.
Er riss die Tür auf.
„Sirius!!!" Die Stimme des Aurors schallte laut durch das Treppenhaus.

Nur Sekunden später apparierte der Gesuchte, seine Jeans noch zuknöpfend.

„Was?"

„Dein Freund. Lunarer Irrsinn gekoppelt mit canider Aggressivität. Er hat die arme Miss Pettersson belästigt und mich angegriffen. Snape soll ihm was zum Betäuben geben."

Sirius tauschte einen Blick mit Inger.

„Ich kümmere mich um alles hier, Kings", sagte er freundlich und erstaunlich ruhig für einen Mann seines Temperaments. „Willst du noch einen Kaffee?"

„Nein, ich muss wieder los. Und wollte nur mal reinschauen, nach dem rechten sehen. Hatten Sie hier etwas für den Wächterkreis zu tun, Miss Pettersson?" fragte er interessiert.

„Nein. Ich bin mit Miss Bertucci verabredet, sie war meine Studentin in Padua, und wir wollten ein gemütliches Frauen-Frühstück abhalten. Das war allerdings, bevor ich wusste, dass hier ein Lykantropher die Küche unsicher macht. Ich habe den Mondkalender ganz vergessen."

„Am besten gehen Sie mit Miss Bertucci aus und lassen Sirius mit dem Werwolf allein. Er kennt sich da aus. Jammerschade um Lupin, er ist so ein gescheiter Kopf; der hätte es weit bringen können."

Inger begleitete Kingsley zum Kamin. „Haben Sie einen Tipp fürs Frühstück?"

„Oh, ja", erwiderte der Auror. „Bei „Latimer's" in der Winkelgasse bekommen Sie das beste Frühstück Londons, mit Sekt und frischer Nierenpastete. Meine Frau schwört drauf!"

„Vielen Dank, Mr. Shacklebolt, das klingt fantastisch", sagte Inger höflich.

„Kingsley", bot er ihr generös an.

„Inger", erwiderte sie, und Remus konnte ihr Lächeln hören. Er knurrte leise.
Das Geräusch der prasselnden Flammen erwachte und ebbte wieder ab.
Ingers Schritte kehrten zurück.

„Marina hat gar nichts von ihrer Verabredung mit Ihnen gesagt", stellte Sirius fest und sah sie fragend an.

„Die existiert auch nicht", erwiderte Inger. „Ich bin wegen Remus hier, aber das muss ich dem Auroren ja nicht unter die Nase reiben."

„Kings ist im Orden", entgegnete Sirius. „Aber das wissen Sie ja. Ihre Kollegin hat ihn ja ordentlich rangenommen. Ein Unverzeihlicher!"

„Ich mag die Methoden von Adriana auch nicht, aber es gibt nicht mal eine offizielle Untersuchung. Wir Wächter sind der Justiz nicht unterstellt."

„Ihr dürft alles?" fragte Sirius verblüfft.

„Alles, außer AK, und den Imperius nur in Notsituationen. Die Auslegung dieses unbestimmten Begriffs ist allerdings in unser Ermessen gestellt."

„Also doch fast alles", stellte Sirius fest. „Wer kontrolliert euch?"

„Der Wächterrat, ein multinationales Gremium mit Sitz in Brüssel. Jede der beteiligten Nationen entsendet einen Botschafter in diesen Rat. Großbritannien hat nur beobachtenden Status, da keine eigenen Wächter; das Ministerium muss jedoch durch einen vor fünfhundert Jahren unterzeichneten Vertrag unsere Arbeit dulden und unterstützen. Sie haben recht, Sirius, wird dürfen fast alles."

Zufrieden nickte der Gryffindor. „Hat Moony...Remus Kings wirklich angegriffen?"

Inger blickte zu Remus, der jeden ihrer Schritte aufmerksam beobachtete.

„Hab' ich nicht", protestierte Remus heiser und kam nun langsam vom Boden hoch. Jede Faser in seinem Körper tat ihm weh von den Nachwirkungen des Schockers. Kingsley hatte mit voller Kraft zugeschlagen. „Er hat sich nur eingemischt in Rudel... in Angelegenheiten, die ihn nichts angehen."
Mühsam hielt er sich am Tisch fest.
„Was willst du hier?" wandte er sich plötzlich mit unverhohlener Feindseligkeit an Inger.
„Musst du deine Neugier befriedigen, oder brauchst du was Härteres?"

„Scheiße, Moony, halt die Klappe", sagte Sirius.
„Er meint das nicht so", wandte er sich eilig an Inger.

„Ich meine das genau so!" beharrte Remus. „Was willst du, akademische Studien betreiben? Machst du auch Fotos, die du dann in deinem Seminar zeigen kannst? Oder erzählst du Snape von deinen lykanen Erfahrungen? Hoffentlich habt ihr was zu lachen!"

„Um Merlins Willen, hör auf, Moony", flehte Sirius, der nicht zusehen wollte, wie Remus die erste wirklich nette Frau seit Äonen vergraulte, die ein wie auch immer geartetes Interesse an ihm zu haben schien. „Du wirst morgen jedes einzelne Wort bereuen."

„Werde ich nicht!" rief Remus. „Sie schläft mit Snape!"

Mit ungeahnter Geschwindigkeit stand er auf einmal vor Inger, drückte sie an die Wand und presste sein Gesicht an ihren Hals.
„Wetten, ich kann es riechen?" knurrte er.

Sirius hob seinen Stab, um eine weitere Eskalation zu verhindern, aber bevor er etwas tun konnte, hatte Inger den ihren gezogen.
Remus brach ansatzlos zusammen, und sie fing ihn auf, bevor er mit dem Kopf auf den Boden schlagen konnte. Ohne ein Wort levitierte sie ihn auf die lange Eckbank und schob ihm ein Kissen unter den Kopf, das sie mit einer Stabbewegung beschwor.

„Tut mir Leid, Remus, aber ich lasse mich nicht gegen eine Wand drücken, von keinem Mann, nicht einmal von einem so klassisch aggressiven Werwolf wie dir."

„Was war das denn?" fragte Sirius erstaunt.

„Bloß ein Wackelpudding-Fluch, der Remus die Beine weggezogen hat. Wird bei ihm nicht lange halten."

„Sie hätten ihn auch mit einem Schocker an die Wand hauen können, wie Kingsley", sagte Sirius und lächelte jetzt zum ersten Mal an diesem späten Vormittag.

„Warum sollte ich? Ich mag ihn." Sie erwiderte Sirius' Lächeln.

„Er war echt widerlich eben. Entschuldigung."

„Sie brauchen sich wirklich nicht für Ihren Freund zu entschuldigen, Sirius. Lykantrophie macht das nun mal mit Menschen. Wer würde ein masernkrankes Kind tadeln, weil es sich kratzt?"

Sie hob die Hand, auf ihrem Handrücken erschien eine Rune, und sie presste die Hand gegen Remus' bloßen Unterarm. Er spürte, wie ein warmes Gefühl von seinem Arm aus durch seinen Körper lief, und die Schmerzen, die der harte Aufprall auf die Wand erzeugt hatte, verebbten. Unwillkürlich griff Remus nach ihrer Hand.

„Ich kann dir leider nur die Schmerzen nehmen, die nicht von der bevorstehenden Wandlung herrühren", sagte sie bedauernd. „Und ich kann nicht bleiben, um ‚akademische Beobachtungen' anzustellen und diese dann mit Severus zu teilen, weil ich jetzt arbeiten muss." Ein ironisches Lächeln spielte um ihre Lippen, doch ihre Augen waren ernst.
Sie wandte sich an Sirius.
„Ihr habt ja den ‚Propheten' von gestern dort liegen..."

„Sie wissen ja, dass Remus es nicht war", sagte Sirius.

Sie nickte. „Außerdem gab es einen neuen Mord heute Nacht. Diesmal ist es wieder der eigentlich Killer, von dem Toten sind nur Hautfetzen übrig und ein paar Kleider.

„Kein Werwolf", sagte Remus rau und kam jetzt stöhnend wieder zum Sitzen. Die Wirkung von Ingers Fluch war schnell verflogen.

„Nein", bestätigte Inger. „Zumindest kein gewandelter. Und auch kein Dämon. Es gab keinerlei Aktivitäten letzte Nacht. Nicht mal das kleinste Pixie ist beschworen worden. Der Mörder ist ein Zauberer – oder ein Hauself."

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„Kreacher!" entfuhr es Remus.

Mit einem Plopp erschien der Hauself in der Küche.
„Master Lupin?" fragte er, und seine Augen lauerten listig auf Sirius' Reaktion.

Doch Sirius lachte nur. „Master Lupin? Was hast du gemacht, Moony, ihn getreten? Das ist doch lächerlich, ich bin Kreachers Herr, und ich würde ihm nie sinnlose Morde befehlen."

„Du bist nicht der einzige, auf den Kreacher hört", sagte Remus und fixierte den Hauselfen wie ein Stück Beute.

„Hey, hey, mach mir keinen Werelfen aus ihm", flachste Sirius. „Jetzt komm, Moony, Kreacher gehorcht nur mir und Marina."

„Eben."

Sirius' Lachen erstarb schlagartig.

„Danke den Göttern, dass heute Vollmond ist und du nicht Herr deiner Sinne oder Worte bist", knurrte er, lief mit langen Schritten zur Tür hinaus und knallte selbige mit zorniger Wucht hinter sich zu.

Remus zuckte zusammen, der laute Knall schmerzte in seinen empfindlichen Ohren.

„Pads!" rief er dem Freund hinterher und versuchte, auf die Füße zu kommen. „Paddy!"

„Wie es scheint, hat Master Lupin ein Problem", schnarrte Kreacher und rieb sich feixend die dünnen, grauen Hände.

Remus nahm etwas wie mentalen Anlauf und sprang. Er würde dieses kleine Monster mit seinen Händen erwürgen, oder noch besser mit den Zähnen sein Genick packen und ihn schütteln, bis er das Brechen spüren, hören könnte...

Der Schmerz in seinem Knie, als er auf den Boden prallte, war grell und überdeckte die kochende Wut, als seine Hände ins Leere griffen.
Er knurrte und stöhnte, und dann waren dort Hände, die ihn hielten, sachte, aber fest, und Inger war neben ihm, warm und mit diesem Geruch nach etwas Sakralem, und die Wut verrann ihm zwischen den Fingern, obschon er sie festhalten wollte, und Remus fühlte, wie der Wolf sich noch einmal zurückzog und sammelte vor dem Mond, und ihn allein mit der Niederlage und der Lächerlichkeit preis gegeben hier auf dem Küchenboden zurück ließ.

„Bitte lach mich nicht aus", bat er. „Ich weiß, dass ich einen Hauselfen nicht mit den Händen fangen kann."

„Er hat dich ausgetrickst. Das war gemein und ziemlich clever", tröstete Inger.

„Ich hasse das, was dieser verdammte Fluch aus mir macht", brach es aus Remus hervor und er schlang stöhnend die Arme um seine Schultern, wie um sich selbst zu schützen.

Inger hockte sich neben ihm auf den Fußboden, und rückte, was gar nicht so einfach war, noch ein Stück näher an ihn heran. Sie zog ihn an sich, in Remus' Hals bildete sich ein veritabler Kloß. Warum lachte sie nicht? Warum ließ sie ihn nicht einfach hier sitzen, wie jede andere es getan hätte?

„Hast du einen krankhaften Hang zu Freaks?" fragte er, und es klang harscher, als er es wollte, aber er musste an den Raben auf ihrer Haut denken.

Sie lachte leise und rau, und dann klopfte sie ihm auf die Schulter.
„Nein, Remus, ganz sicher nicht", antwortete sie und stand auf. „Ich sehe mir nur gerne die Menschen hinter den Masken an."

Sie reichte ihm eine Hand, und er ließ sich hochziehen. Sein Knie brannte wie Feuer.

„Musst du gehen?" fragte er und bemühte sich, nicht kläglich zu klingen. Tatsächlich kämpfte er mit ein paar verdammten Tränen, weil ihn irgendetwas an ihrem Wesen tief drinnen berührte, er jedoch gelernt hatte, nicht zu begehren, was er ohnehin nicht haben konnte.

Und es prägte sich ein, wenn man wie Remus Lupin auf die harte Tour gelernt hatte.

„Das muss ich. Ein Wächterkreis besteht nun einmal aus vier Elementen. Dein Freund Sirius wird zurückkommen?"

Remus nickte. Sirius würde wie immer an seiner Seite sein, wenn es darauf ankam.

Inger stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Ihre Berührung ihrer Lippen war zart wie ein Schmetterlingsflügel, und dann blieb sie vor ihm stehen und sah ihn an, mit beinahe versonnenem Gesichtsausdruck.
Vielleicht war der schlafende Wolf nah genug unter der Oberfläche, vielleicht entschied Remus aber auch allein, seine idiotische Angst zu überwinden, als er sie in seine Arme zog und küsste, bis ihnen beiden die Luft ausging.

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„Snivellus ist spät dran", sagte Sirius und schaute besorgt nach der Uhr.

„Er wird kommen", murmelte Remus, den Kopf auf den Unterarmen liegend. Er hatte sich bereits in seinen uralten braunen Umgang gehüllt, der mehr von Magie als von Fäden zusammen gehalten wurde. Auf dem Küchenboden lag die zerschlissene Decke, die Sirius noch einmal mit einem Muggelflohpulver eingestäubt hatte.

„Ich glaube, ich habe letztens ein paar Flöhe mit nachhause gebracht", sagte er entschuldigend.

„Es tut mir Leid wegen heute morgen", sagte Remus dumpf.

„Vergiss es, Moony. Du warst so scheiße, aber vergiss es." Sirius klang immer noch sauer.

„Severus kommt. Ich hör den Kamin."

Tatsächlich hatte der Kamin begonnen, aufzuflackern, doch es war nicht die schmale Gestalt des Tränkemeister, sondern Kingsley Shacklebolt, der mit großen Schritten eilig aus dem Feuer trat.

„Kings, was ist los?" fragte Sirius alarmiert.

„Snape ist weg, aus dem Haus der Wächter gekidnappt", antwortete Kingsley.

„Nein!" Erschrecken in Sirius' Gesicht, maßloses Entsetzen bei Remus.

„Was machte er dort?" fragte Marina, die eben die Treppe hinunter eilte.

„Wohnen, nachdem Dumbledore ihn aus Hogwarts verwiesen hat, vermute ich", sagte Kingsley. „Wir haben Blut gefunden, aber nicht viel, und Spuren eines Einbruchs mittels dunkler Magie. Ich habe es selbst gesehen."

„Hat er dort den Wolfsbann gebraut?" fragte Sirius.

„Was?" sagte Kingsley verwirrt.

„Hast du aus dem Kessel, der dort stand, den Banntrank abgefüllt und mitgebracht?" Sirius' Stimme war eindringlicher, aber auch hektischer geworden.

„Nein, ich dachte nicht... aber da stand ein Kessel. Roch ekelhaft, sauer und faulig."

„Kannst du in zehn Minuten mit dem Zeug wieder hier sein?" Sirius schüttelte den großen Auror an der Schulter.

„Oh Mann", sagte dieser und sein dunkles Gesicht wurde sichtbar bleicher. „Es gibt eine Apparitionssperre, man floot, appariert und muss ein Stück laufen. One-way ist kein Problem, aber hin und zurück...zwanzig Minuten."

„Zu knapp", sagte Remus und war mit wenigen Schritten bei ihnen. „Ich gehe mit dir, Kings. Flooen, und du bei-apparierst mich, ich kann nicht mehr zaubern so kurz vor Mondaufgang. Nach der Wandlung bring mich einfach hierher zurück. Das sollte kein Problem sein, Severus mischt etwas Betäubendes in den Wolfsbann für die Vollmondnacht, das hilft mir, ruhig zu bleiben."

„Okay, Remus, das kriegen wir hin", bestätigte Kingsley entschlossen. „Wir flooen zu mir und apparieren von dort."

Er warf Floopulver aus seiner Tasche in das Feuer, sprach den Namen seines Hauses aus und verschwand.

Remus folgte ihm. „Safari Lounge", sagte er deutlich, und dann begann er sich im Feuer zu drehen.

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Als er anhielt und der Kamin bei Shacklebolts ihn ausspuckte, spürte er den Zug des Mondes zum ersten Mal richtig an diesem Abend. Ihm blieben noch etwa fünfzehn Minuten.

„Identifiziere dich", forderte Kingsley ihn auf.

„Ich bin Remus John Lupin, Werwolf, und ich habe deinen Kinder Mary, Laurin und Joanne die ersten Schokoladenhasen ihres Lebens geschenkt. Kingsley, was soll das?"

Plötzlich war der Raum in gleißendes Licht getaucht, und Remus starrte in die grimmigen Gesichter von mindestens zehn Auroren. Kingsley stand mit abwesendem Blick an der Seite und lächelte vor sich hin.

„Zauberstab fallen lassen, Lupin", rief Dawlish barsch.

Remus blickte sich um, eine große, dunkelhaarige Aurorin hatte einen Revolver auf ihn gerichtet. Er wusste, welche Sorte Munition in dem Lauf steckte. Er warf seinen Stab zu Boden und sah Kingsley an.

„Warum verrätst du mich?" fragte er, maßlos enttäuscht. „Wir waren immer Freunde."

Magische Fesseln schlangen sich um Remus' Körper.

„Kann ich den Imperius bei Shacklebolt jetzt aufheben, Dawlish?" fragte ein junger Auror.

„Nein, warte, bis wir dieses Monster nach Askaban verfrachtet haben", entgegnete der Befragte und wies dabei auf Remus.

„Steht die Direktankopplung vom Kamin zum Feuerplatz von Askaban?"

„Zwei Minuten noch", sagte der Transportmagier.

„Gut, dann machen wir den Formalkram. Weasley?"

„Ja, Sir." Arthurs dritter Sohn trat vor, und Remus erkannte ihn jetzt erst.

„Percy", sagte er flehend. „Es ist Vollmond. Ich brauche den Wolfsbann."

„Schnauze halten, Vieh!" böllerte Dawlish.

„Remus John Lupin, Werwolf", begann Percy mit dünner Stimme, „Sie sind verhaftet wegen Verstoßes gegen den Lykantrophen-Erlass vom 27. Juli, verkündet im ‚Tagespropheten', unterzeichnet von seiner Exzellenz, dem Minister für Zauberei höchstpersönlich. Sie haben sich nicht erlasskonform beim Büro zur Aufsicht und Führung magischer Geschöpfte gemeldet, um sich in ein sicheres und für Ihre Spezies angemessenes Lager überführen zu lassen. Außerdem stehen Sie unter dem Verdacht, mehrere Muggel brutal ermordet zu haben, unter Umständen zusammen mit anderen Werwölfen, aber das wird eine Untersuchung ergeben. Sie werden jetzt nach Askaban gebracht, wo wir Sie ausbruchssicher unterbringen, so dass Sie der Zaubererschaft und auch anderen kein Leid mehr zufügen können und keine Bedrohung oder Gefahr mehr darstellen. Sollten Sie sich wehren oder versuchen zu fliehen, sind Sie zum Abschuss freigegeben, und wir werden von dieser Möglichkeit Gebrauch machen."

„Ich will einen Advocatus", verlangte Remus.

„Mach dich nicht lächerlich, Werwolf", sagte Dawlish.

„Der Floo ist angeschlossen", unterbrach sie der Transportmagier.

„Dann geht's los".

Dawlish warf ein schwarzes Pulver in den Kamin, rief „Askaban" und stieß Remus hinein.

Er fiel nach vorne, weil der Schwung des Strudels so stark war, und da er sich nicht abfangen konnte, prallte er hart auf die gefrorene Erde. In Askaban herrschte ewiger Winter, und die Kälte drang Remus sofort unter die fadenscheinige Robe, und ihr folgte eine zweite Art von Kälte, grimmiger und fremdartig, und Remus blickte auf und sah die Dementoren.
Grobe Hände packten ihn und zogen ihn hoch.
Ein grobschlächtiger Wachzauberer riss ihm den Kopf herum und leuchtete ihm mit dem Stab ins Gesicht.

„Ist das der Werwolf?" fragte er Dawlish, der gerade aus dem Feuer stieg, einen dicken Mantel über seiner Uniform.

„Ja, und er transformiert gleich, noch zehn Minuten."

„Nay, so viele dicke Wolken hier, der Mond kommt kaum durch. Die verwandeln sich hier alle etwas später, aber wir bringen ihn trotzdem schon mal in die Zelle."

Er zerrte an Remus' Arm.

„Nein, nein", sagte Dawlish, und seine Stimme hatte etwas Tückisches an sich. „Für den hier gibt es einen Code 7 Punkt 743."

„Oh", staunte der Wachmann und sah erst lauernd zu Remus und dann zu seinem Kollegen. „Das klingt nach Spaß. Welcher andere Gefangene ist dafür bestimmt?"

„Völlig egal", erwiderte Dawlish. „Kein Todesser, irgendein kleiner Fisch, der demnächst hier heraus käme. Aber nehmt einen mit Familie."

„Familie?" fragte der zweite Wachmann erstaunt. „Das könnte aber Ärger bedeuten."

„Anweisung von oben", sagte Dawlish Schulter zuckend. „Ich geh' dann mal den Papierkram machen. Gute Nacht, Werwolf."

Er lachte schallend, zog seinen Stab und verscheuchte einen Dementor, der ihm im Weg herum lungerte, mit einem gestaltlosen Patronus.

„Na, dann komm mal mit, Bürschchen", ließ sich der erste der beiden Wachzauberer vernehmen und zerrte Remus neben sich her.

Remus sah sich um: Er spürte den Mond, aber der Sog wirkte seltsam fern. Sie waren in einer Bühne in einer riesigen Flammensäule erschienen, die jetzt in kaltem Weiß flackerte. Der Innenhof, in dem sie sich befanden, war seltsam felsig – als wäre er nicht von Menschenhand erschaffen, sondern aus dem Meer gewachsen, dessen Brandung er gegen die Klippen in einer Tiefe von mindestens dreihundert Fuß dröhnen hörte. Felsen ragten wie riesige Burgzinnen um sie herum auf, sie hatten bizarre Formen, die an Trolle oder Drachenköpfe erinnerten. Ein Nebel, bestehend aus den Ausdünstungen der Dementoren und salziger, kalter Gischt waberte über das Plateau, das feucht im Licht der wenigen Fackeln und der Feuersäule schimmerte.
Remus konnte die Anwesenheit der Dementoren spüren, aber er sah nur etwa ein Duzend der riesigen, vermummten Gestalten an strategischen Stelle positioniert: An dem düsteren Eingängen zu den tieferen Stockwerken, die wie die Augenhöhlen eines Totenschädels rechts und links unterhalb einer besondern bizarren Zinne, welche die Form eines schreienden Gesichts hatte, hinabführten.
Dort unten irgendwo hatten sie Sirius gefangen gehalten, zwölf lange, hoffnungslose, entsetzliche Jahre. Remus wusste sofort, dass er nicht einmal zwölf Monate überleben würde in diesen Mauern.
Seine nackten Füße stießen an den schroffen, eisigen Fels, auf dem schlecht zu gehen war, und die Haut platzte auf, er spürte sein Blut warm über den Fußrücken laufen.

Sollte er sich wehren? Wenn er dem Wolf Raum gab, könnte er vielleicht den Mann neben sich entwaffnen, und mit einem Zauberstab... aber zwölf Dementoren waren für sich schon verdammt viele, und sie würden sehr schnell Verstärkung bekommen. Sein Wolfspatronus war kein besonders mächtiger Schutz. Man konnte weder von der Insel apparieren, noch würde er die Feuersäule nutzen können, und wie Sirius zu schwimmen...er würde ertrinken oder im kalten Wasser erfrieren.
Doch machte ein Versuch überhaupt einen Sinn? Er war zwar des Mordes verdächtig, und natürlich konnte man ihm vorwerfen, dass er entgegen des Werwolfserlasses gehandelt hatte, aber ohne Gerichtsverhandlung würde man ihn nicht ewig hier festhalten können, nicht mit Dumbledore auf seiner Seite, der wusste, dass er unschuldig war. Aber falls er versuchte zu fliehen, war sein Leben verwirkt, das hatte Percy eindeutig klar gemacht.
Percy – er war sein Lehrer gewesen, und der Junge hatte so gute Anlagen gehabt, fleißig und eifrig – vielleicht etwas zu ehrgeizig, aber zielstrebig. Remus, der Streber, hatte Percy, den Streber, immer irgendwie gemocht.

„Nicht da rein", kommandierte der Wachzauberer und zog Remus von den dunklen Augenhöhlen der Treppenabgänge fort.

Hoffnung keimte in Remus auf. Bedeutete der ‚Code 7 Punkt 743' und die Zusammenlegung mit einem Gefangenen, der bald entlassen wurde, dass er als Untersuchungshäftling anders untergebracht würde?

„Du kriegst was mit Freiluft", lachte der Wachzauberer, und er führte Remus zu einer Art Käfig. Dieser befand sich etwas erhöht auf einer Art Sockel, bestand aus vier gemauerten Säulen, in die schwere Eisengitterstäbe eingelassen waren. Von oben war die quadratische Kammer ebenfalls mit einem Gitter verschlossen. Der Wächter öffnete die Tür und schob Remus hinein.

„Da hinten hin!" wies er ihn an, und Remus sah ein paar silbern schimmernde Ketten, die begannen aufgeregt zu rasseln, als er näher kam.

„Das ist Silber", sagte er zu dem Wachmann. „Wenn Sie mich da dran hängen, bin ich in einer Stunde tot."

„Nay, Silber is' nur außen, innen ist Eisen." Er trat einen Schritt von Remus zurück. „Steck die Handgelenke rein."

„Nein", verweigerte Remus die Kooperation. Diese Dinger trieben ihm den Angstschweiß auf die Stirn, obwohl ihm die Zähne schon vor Kälte klapperten.

„Wie du willst", sagte der Zauberer und verließ mit breitem Grinsen den Käfig.

Er verschloss die Tür, streckte seinen Stab aus und rief: „Prolongus! Securate!"

Die Ketten schossen zu Remus hin, die Handfesseln weit geöffnet wie Schlangenmäuler, bissen sich förmlich in seine Handgelenke und rissen ihn zu Boden und mit sich zurück, als sie in ihre ursprüngliche Stellung zurück glitten.

„Hätt'ste auch ohne Schürfwunden haben können, Werwolf", kicherte der Mann böse, dann langte er in seine Tasche und zog einen großen Schokoladenriegel hervor.

In diesem Moment waren Schritte schwerer Stiefel zu vernehmen, und der zweite Wachzauberer kehrte mit einem weiteren Kollegen und einem alten, zittrigen Mann in Sträflingskleidung zurück.

„Ist meine Zeit hier vorbei?" fragte der Alte mit dünner Fistelstimme. Dabei sah er sich ängstlich nach den Dementoren um.

„Keine Sorge, Alterchen, nicht mal mehr eine Stunde", sagte der erste Wachmann betont freundlich. „Willste Schokolade? Hier." Er drückte dem Alten einen zerknitterten Riegel in die Hand.

Der Mann bedanke sich überschwänglich, als sie ihn zu dem Käfig führten, in dem Remus angekettet war.

Sie öffneten die Tür.

„Nein", rief Remus, als er sich endlich nicht mehr weigern konnte, das Ungeheuerliche zu begreifen, von dem er längst ahnte, wie es enden würde. „Oh, nein, nicht hier rein. Das könnt ihr nicht machen, das kann nicht euer Ernst sein!"

Remus wollte den Gefangenen warnen, aber ein Silencio verschloss ihm den Mund.

Der Alte biss wohlig in den Riegel und ließ sich dankbar auf einen Schemel aus Metall sinken, den einer der Wärter heran brachte. Dann verschlossen sie die Tür und verschwanden.

Er schob das Papierchen zur Seite, betrachtete erfreut das letzte Stück, doch dann sah er Remus, und Mitleid regte sich in seinen wässrigen Augen.

„Möchten Sie auch ein Stück?" fragte er. „Ich habe eigentlich schon genug, und wir kommen ja auch gleich fort von hier."

Remus schüttelte den Kopf, sein Gehirn war blank vor Verzweiflung.

„Sind Sie hier auch in Entlassungshaft?" fragte der alte Mann freundlich. „Heute ist mein letzter Tag hier, wie es scheint. Ich hatte vier Monate, magischer Taschendiebstahl. Wollte eine Kleinigkeit für meine Enkeltochter zum Geburtstag. Sie ist siebzehn, wissen Sie? Ein tolles Mädchen. Geht nach Hogwarts. Aber ich war so knapp bei Kasse. Kann es einfach nicht lassen, dann mal zuzulangen. Hihi. Mein Name ist übrigens Thievius Spinnet."

Remus blickte auf. Er wollte nicht fragen, aber der Silencio schien abgeklungen und die Frage stolperte ihm aus dem Mund. „Alicia Spinnet, aus dem Quidditchteam von Gryffindor?"

„Ach, Sie kennen sie sogar?" rief der Alte erfreut aus. „Das ist aber schön. Wie war noch mal Ihr Name?"

„Sag's ihm, sonst tu ich es!" hörte Remus die Stimme von Dawlish, dem Auroren.

Er sah sich um. Dawlish stand auf einer Art Plattform, von der aus man aus sicherer Entfernung auf ihr Gefängnis hinunter sehen konnte, in der Hand etwas, das wie eine Tasse aussah.

‚Vermutlich mit heißer Schokolade', dachte Remus angewidert.

„Ich bin Remus Lupin, und ich wünschte mir sehr, wir hätten uns unter anderen Umständen getroffen", sagte Remus.

„Lupin, Lupin,...Moment mal, ja, meine Enkeltochter hat von Ihnen erzählt! Sie sind Lehrer in Hogwarts, oh Merlin, was bringt Sie denn hierher? Alicia war ganz begeistert von Ihrem Unterricht, Verteidigung, nicht war? Ach, ich bin ja so froh, Sie mal persönlich zu treffen."

Remus hätte den Alten am liebsten angeschrieen, er möge aufhören. Mit jedem freundlichen Satz, jedem Wort, wurde es unerträglicher, das Bewusstsein, dass er Spinnet, den Großvater einer seiner ehemaligen Schülerinnen, binnen kurzem umbringen, ihn zerfetzen würde. Sobald der Mond kam…

„Aber Sie sind nicht mehr an der Schule, nicht wahr? Hatten Sie Probleme wegen eines Hippogreifs, ach nein, dass war ja Mr. Hagrid. Lupin, Lupin, jetzt weiß ich's wieder, Sie sind ein Lykantroph. Na, da kann man nichts machen, ich versteh' ja die Aufregung der Leute nicht, in Zeiten von Wolfsbanntrank und Schutzzaubern."

Remus vergrub das Gesicht in den Händen. Sein Kopf würde gleich explodieren, und er wusste, woher diese Schmerzen stammten.

Er hörte die Wächter und Dawlish lachen.

„Wo kommen denn die ganzen Dementoren auf einmal her?" fragte Spinnet.

Remus hob den Kopf. Tatsächlich kreisten jetzt an die hundert der schwarzen Seelensauger über ihnen, in einem sich formierenden Wirbel.

„Sie weinen ja, Mr. Lupin. Sie hätten die Schokolade nicht ablehnen sollen, wissen Sie?"

„Die sollen den Kreis nicht so eng ziehen, damit wir gute Blicke drauf haben. Umbrigde will die entscheidenden Szenen mit einem Denkarium vorführen", rief Dawlish. „Da dürfen keine Dementoren zu sehen sein."

Die Wächter schossen ein paar fahle, gestaltlose Patroni nach oben, und die Dementoren wichen zurück und gaben den Blick auf den Vollmond frei.

Relashio! Jemand löste Remus' Ketten.

„Schauen Sie mal, der Mond!" sagte Spinnet vergnügt. „Jetzt sieht man alles viel besser."

Remus sträubte sich nicht gegen die Verwandlung. Er stürzte vorwärts, niemals zuvor hatte er dem Wolf so bereitwillig die Freiheit gegeben. Es würde wenigstens schnell gehen, und Spinnet, dieser freundliche, kleine und etwas beschränkte Mann, würde es hoffentlich als letzter begreifen oder gar nicht.

Remus hörte einen verzweifelten Schrei, dann das Heulen der Bestie, als sie ihn übernahm. Es wurde dunkel in seinem Geist.

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Es war eiskalt und feucht um ihn, als er erwachte. Er befand sich nicht mehr in dem offenen Käfig oben auf der Plattform, sondern in einer kleinen, düsteren Zelle, in deren Tür ein winziges Gitterfenster mattes Licht von einem mit wenigen Fackeln beleuchteten Gang hinein ließ.

Unter Schmerzen humpelte er zu dem hellen Quadrat, doch er wich zurück, als er den Dementor sah, der vor seiner Zelle Posten bezogen hatte. Besser zurück in die Dunkelheit. Es war schrecklich kalt, die Nässe kroch vom schlammigen Fußboden in seine Glieder und er versuchte, den dünnen Umhang enger um seine Schultern zu ziehen. Der Stoff riss, und Remus starrte angewidert und entsetzt auf den blutgetränkten Fetzen in seinen Händen. Die Erinnerung brach über ihn herein, und mit ihr die Erkenntnis, woher dieses Blut stammte. Er schrie, und der rasselnde Atem des Dementors näherte sich, das Ding schien nachsehen zu wollen, warum die dunkle Kreatur sich so aufregte, aber Remus bemerkte ihn nicht. Er hörte nicht auf zu schreien, bis er schließlich verstummte, weil er keine Stimme mehr besaß.

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Tag und Nacht wechselten einander ab in dumpfer Agonie. Remus sah den Mond abnehmen, vom Himmel verschwinden und die Sichel sich drehen. Sie führten ihn jede Nacht an den Käfig, stießen ihn hinein und forderten ihn auf, zu fressen. In einer Ecke lagen ein paar menschliche Knochen, und das Fleisch vermoderte täglich mehr, das noch daran hing.

Er erhielt nichts anderes zu essen, aber es kümmerte ihn nicht. Mit etwas Glück wäre er verhungert, bevor der nächste Vollmond kam. Hoffentlich.

„Sparst du dir den Appetit für den nächsten Mond auf, Werwolf?" rief der Wächter, der am ersten Abend Dienst gehabt hatte, wann immer er ihn sah. „Dann gibt es neues Fressifressi für den Wolf!" Sein Gelächter hallte kalt von den Zinnen wieder.

Die Dementoren mieden Remus. Er vermutete, dass ihnen das abgrundtiefe Entsetzen, das er vor sich selbst empfand, nicht behagte. Er gestattete sich kaum einmal an Sirius zu denken, an Harry oder Minerva. Wenn er es dennoch tat und sich fragte, was seine Freunde wohl gerade taten, kam der rasselnde Atem näher, aber es genügte ein flüchtiger Gedanken an den letzten Vollmond, und der Seelensauger verschwand.

Etwa eine Woche vor dem nächsten Vollmond – es war eine bitterkalte Nacht, so wie jede andere in Askaban – unterhielten sich die Wachzauberer bereits darüber, wen man das nächste Mal zu ihm in den Käfig sperren würde.

„Vielleicht möchtest du eine Frau?" fragte ihn einer der Männer. „Sag' mal, können Werwölfe ihre Triebe steuern? Kannst du sie erst ficken, bevor du sie killst, oder steckst du deinen Schwanz dann erst in das noch warme Fleisch, nachdem du ihr die Halsschlagader aufgerissen hast?"

Er antwortete nicht. Er hatte schon lange keine Worte mehr.

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Destructo!" Einer der Wärter hatte mit dem Stab in den Himmel gezielt. Eine kleine, weißbepelzte Fledermaus mit kahlem, rattenartigem Schwanz fiel herunter.

„Ich hasse diese fiesen Flieger. Eisflederer, die übertragen alle möglichen Krankheiten. Hey, Wolf, Hunger?"

Er warf Remus das tote Tier zu. Remus schüttelte sich angewidert, aber es fiel ihm schwer, die Stimme in seinem Kopf zu ignorieren, die nach etwas Nahrhaftem schrie, und dieses widerliche, warme Ding war nahrhaft. Er bückte sich und steckte den warmen, kleinen Körper in die Tasche seiner mittlerweile völlig zerrissenen Robe, die man inzwischen um eine gestreifte Sträflingshose ergänzt hatte.

Sie sperrten ihn in den Käfig, in dem es so fürchterlich nach Aas stank, dass selbst die Wärter nicht mehr an ihn heran treten wollten, sondern es den Dementoren überließen, Remus hinein zu schleifen.

Er hockte still in der äußersten Ecke und starrte auf die Leichenteile, für deren Vorhandensein er allein die Schuld trug.
Er hätte seinem verfluchten Leben schon vor langer Zeit ein Ende setzen sollen, als es noch in seiner Macht gestanden hatte. Doch nicht einmal diese Option war ihm geblieben. Und jetzt war sein heimtückischer Körper mit dem lebenshungrigen Monster darin nicht einmal bereit, ihn verhungern zu lassen, sondern er trug eine tote Fledermaus mit sich herum. Er spürte die Wärme des kleinen Körpers an seinem Bein, den eiligen Herzschlag. Herzschlag?
Er zog das frettchengroße, parasitäre Geschöpf aus der Tasche. Falls es ihn biss, was spielte es für eine Rolle? Im Gegenteil, der Wärter hatte Recht, Eisflederer übertrugen gefürchtete Krankheiten, und vielleicht war das ein Ausweg.
Doch das Tierchen mit den roten Augen lag still in seiner Hand und machte keine Anstalten, zu beißen. Es atmete, und es starrte Remus feindselig an.

„Ich würde mich auch so anstarren, wenn ich du wäre", flüsterte er. „Du hast den Schocker überlebt, hm? Sie sind nicht mal gute Zauberer hier, die Wärter hier, nur Abschaum. Kein Vergleich zu mir, aber immerhin Abschaum. Wäre das mein Schockzauber gewesen, du wärest gar und durch, kleines Tier." Er öffnete die Hand. „Verschwinde, wenn du mir schon den Tod nicht bringen willst."

Der Eisflederer indes schloss die Augen und starb. Remus steckte ihn wieder ein. Wenn er das doch nur auch tun könnte! Nachdem das Tier ohnehin tot war, würde er es essen. Jetzt, wo sich klar abzeichnete, dass er den nächsten Mond erleben würde, dass er es nicht einmal schaffte, rechtzeitig vorher zu verhungern, wollte er wenigstens genug Kraft für eine schnelle Verwandlung haben.

Eine Stunde später befand er sich wieder in seiner Zelle. Hierher zurück gebracht zu werden, den Geruch nach Verwesung mit dem nach Exkrementen zu tauschen, machte ihn zusätzlich mürbe. Seine Nase reagierte auf den jeweils neuen Gestank stets empfindlich, und seine Sinne hatten sich in Askaban geschärft. Heute allerdings waren sie etwas gnädiger, trotz des zunehmenden Mondes.
Er lehnte sich gegen die Wand, verzweifelt, immer noch, ohne jede Hoffnung.

„Sirius", murmelte er. Erst jetzt konnte er ansatzweise ermessen, was sein Freund durchgemacht hatte in dieser Hölle. Er langte in seine Tasche, und das vermeintlich tote Fledertier begann wild zu zappeln.

‚Oh Merlin, tot oder lebendig, entscheide dich endlich', dachte Remus.

Das Tierchen flatterte auf, und verpuffte zu einem großen schwarzen Nebel.

„Hu!" stieß Remus aus und wich zurück.

Die tintenschwarzen Nebelschwaden hoben sich und vor ihm erhob sich aus geduckter Stellung…

„Marina!" Remus Stimme, so lange nur flüsternd gebraucht, überschlug sich.

Silencio!" Sie ließ ihn verstummen, dann legte sie einen Finger über die blassen Lippen.

Er nickte.

Finite incatatem", flüsterte sie.

Sie war völlig in schwarz gekleidet, in ein samtenes Abendkleid, das aus dem neunzehnten Jahrhundert stammen mochte, mit Spitzen- und gerafften Röcken, und sie wirkte in diesem festlichen Aufzug derartig deplaziert, dass Remus leise sagte: „Eine einfache Robe hätte es auch getan."

Sie sah ihn an, ihr schwarzer Blick glitt über seinen ausgezehrten Körper, und ihr stand das Mitleid ins Gesicht geschrieben.

„Remus, oh bei allen dunklen Mächten…" Ihr lief eine Träne über die wachsbleiche Wange, und diese war dunkelrot, wie Remus feststellte.Es passte zusammen. Endlich verstand er.

„Sie sind noch viel widerwärtiger, als ich es je für möglich gehalten hätte, Mr. Lupin. Eine wahrhaft verachtungswürdige Kreatur", sagte sie kühl, doch ihre Augen straften ihre Worte Lügen.

„Sie sind ein Vampir, Miss Bertucci", entgegnete er flüsternd. „Ich begreife nicht, wie ich so blind sein konnte. Weiß Sirius davon?"

„Sie sind zu weich für das Leben, Mr. Lupin. Sie lassen das einzig akzeptable Fressen, das man Ihnen in drei Wochen bietet, frei, und selbst jetzt gilt Ihre erste Sorge nicht Ihrer Flucht, sondern Ihrem Freund. Das ist jämmerlich!"

„Es ist menschlich", erwiderte er.

„Menschliche Schwächen", spuckte sie angewidert. So eisig ihre Stimme, ihre Miene schien nicht dazu zu passen. „Jetzt schwören Sie mir, dass Sie alles tun werden, was ich anweise, um mich wieder hier heraus zu bringen. Alles!"

Ich soll Sie hier heraus bringen? Sie sind der Gestaltwandler mit den praktischen Attributen, Flügeln zum Beispiel", sagte er sarkastisch.

Doch ihr Blick war unbewegt und hart, sie meinte es ernst. „Wollen Sie etwas von Sirius wissen?" fragte sie. „Oder von Tonks, von Minerva?

„Merlin, ja", antwortete er.

„Dann schwören Sie."

Remus hob drei Finger: „Ich, Remus John Lupin, Werwolf, schwöre, dass ich alles tun werde, das in meiner Macht steht, um Sie hier heraus zu bringen, obwohl ich keine Ahnung habe, was das sein könnte."

Sie lächelte maliziös. „Das waren die Formalien. Gut, wo fange ich an? Divestio!"

Seine Kleidung verschwand.

„Sie wollen jetzt aber keinen Sex von mir?" fragte er lakonisch.

Sie rümpfte die Nase, lachte aber leise.

Properus! Dissozio pestis! Sonst kann ich neben Ihnen nicht atmen."

Remus fühlte die Kälte des Reinigungszaubers auf seiner Haut, und der ekelhafte Gestank in der Zelle löste sich auf. Die Luft war jetzt kühl und klar.

Sie holte warme Unterbekleidung, Stiefel und eine Robe aus ihrer Tasche. Es war die jadegrüne Robe, die Sirius für ihn gekauft hatte.

„Ziehen Sie das an. Und bevor Sie dumme Fragen stellen, es ist so verhext, dass es für fremde Augen erst innerhalb der Stadtgrenzen Londons nicht nach den Lumpen aussieht, die Sie bis eben getragen haben."

„Das glaube ich nicht. Wer will diese Transfiguration beherrschen?" gab Remus zurück.

„Grüße von Minerva McGonagall", erwiderte Bertucci trocken.

Dann reichte sie ihm einen Korb, prall gefüllt mit Essen. Remus sah Äpfel, Kürbispasteten, Trockenfleisch, Bananen und - Schokolade.

„Jeder wird das hier für Rattenkadaver halten", erklärte Marina.

„Minerva?" fragte Remus.

Bertucci schüttelte den Kopf. „Der Tarnzauber ist von Tonks, gekocht und gepackt hat Kreacher."

Remus schluckte.

„Jetzt hören Sie mir zu, Remus Lupin. Wir haben erreicht, dass Ihnen offiziell der Prozess gemacht wird. Man klagt Sie wegen des Mordes an den drei Muggeln an, über den im Propheten so viel berichtet wurde. Der einzige angeblich nachgewiesene Werwolfmord."

„Ich war es nicht", sagte Remus.

„Wir wissen das, und wir werden versuchen, es zu beweisen. Aber das wird vielleicht nicht gelingen."

„Ich habe ein Alibi", seufzte Remus.

„Ja, aber diesen Trumpf werden wir nur im alleräußersten Notfall ziehen. Wenn Sie Inger Pettersson brauchen, um aus dieser Sache heraus zu kommen, ist ihr Ruf verbrannt. Eure Beziehung schadet der Stellung des Wächterrats in England, und wir brauchen dessen Hilfe. Für den Prozeß und auch später. Sie sind nur wichtig, Mr. Lupin, weil Sie für Sirius wichtig sind, aber am Ende zählt nur Harry Potter."

Er nickte. Das war nichts neues für ihn.

„Man wird Sie für den Mord an Thievius Spinnet anklagen, Remus."

Er schluckte hart. „Ich bin schuldig."

„Man hat Sie eine Viertelstunde vor der Transformation in einen Käfig mit ihm gesperrt! Sie hatten keinen Wolfsbann. Was hätten Sie tun können? Sein Tod geht nicht auf Ihr Konto."

„Ich habe ihn getötet. Woher wissen Sie überhaupt davon?"

„Leo hat die Anklageakten aus Umbridges Büro ‚geliehen'. Remus, Sie dürfen nichts zugeben, nichts! Beharren Sie auf Ihrem Zeugnisverweigerungsrecht. Wenn Sie einbrechen, ist es gelaufen. Jedes magische Gericht verurteilt aufgrund eines Geständnisses, egal, wie die Beweislage aussieht. Sie dürfen unter keinen Umständen etwas zugeben, sagen Sie ‚nein', und schweigen Sie ansonsten."

Sie zeigte ihm ein Muggelhandy. „Das ist Ihr Zauberstab, Mr. Lupin. Sirius hat ihn transfiguriert. Er wird ihn mit zur Verhandlung bringen und Ihnen zuwerfen. Am Ende werden Sie beide sich vermutlich den Weg hinaus erkämpfen müssen, denn was bleiben wird, ist Ihr Verstoß gegen diesen grässlichen Werwolferlass. Dies ist das einzige Vergehen, das Sie zugeben werden. Das einzige, verstanden?"

„Man wird mir Veritaserum geben."

„Sicherlich. Und deswegen schickt Ihnen jemand dies hier." Sie zog aus ihrem Kleid eine Phiole, die sie an einem Band um den Hals getragen hatte. Sie enthielt eine klare Substanz.

„Verlieren Sie es nicht, und verschütten Sie nichts davon. Es ist sehr, sehr kostbar. Ich habe Severus Snape noch nie so sehr fluchen hören wie beim Brauen dieses Trankes. Das Antidot des Veritaserums kann nur mit der Hilfe eines extrem gefährlichen Dämons gebraut werden, der beim geringsten Fehler den Tränkebrauer tötet sowie denjenigen, der ihn beschworen hat. Dieser Dämon hat die Gestalt des Irrwichts des Tränkemeisters. Mr. Lupin, dieser Trank ist unersetzlich. Für alles Gold der Welt bekommen wir ihn nicht wieder, und man kann ihn nicht transfigurieren. Sie müssen ihn selbst beschützen und mit nach London bringen. Sie dürfen ihn erst eine Stunde vor dem Prozessbeginn trinken."

„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe."

„Wenn nicht, war alles umsonst."

Remus spürte, wie sich etwas in ihm zusammen zog. Ausgerechnet Severus hatte sein Leben für ihn riskiert und er ahnte auch, wer den Dämon beschworen haben musste.

„Ich habe Angst", sagte er leise, obwohl er geschworen hätte, über dieses Gefühl längst hinweg zu sein.

„Heulen können Sie später", herrschte ihn Bertucci an. Doch als sie sah, wie niedergeschlagen er war, legte sie ihren Stab unter sein Kinn und zwang ihn, in ihre schwarzen Augen zu sehen. Er spürte zum ersten Mal bewusst die dunkle Präsenz der Vampirin, die er in der Vergangenheit nur erahnt hatte.

„Was Sie brauchen, Mr. Lupin, ist etwas von Sirius' Unverfrorenheit. Sie waren doch auch ein Maurauder. Sie waren nicht umsonst in Gryffindor – das Haus der Mutigen und Starken. Jetzt beweisen Sie uns, dass Sie's drauf haben."

Remus holte tief Luft. „Ich tu, was ich kann."

Im nächsten Moment griff er nach vorne und musste Marina Bertucci auffangen, die fast kollabiert war.

„Merlin, Marina, was soll das?" fragte er, und Adrenalin überflutete ihn. Wenn man sie hier bei ihm in dieser Zelle fand, gab es eine Katastrophe.

„Zuviel Gutes zu tun, zerstört mich. Dein Schwur", hauchte sie. „Bring mich hier heraus."

„Aber wie denn nur?" fragte er.

„Dein Blut. Du bist ein Werwolf. Ich kann es nicht nehmen. Du musst…geben."

Panisch sah Remus sich um. Im nächsten Augenblick dämmerte ihm die Erkenntnis. Er biss die Zähne zusammen und nahm das Messer aus Kreachers Picknickkorb. Er stach die Spitze in seinen Arm und eröffnete die Vene auf der linken Seite. Dann zog er Marinas eiskalten Körper ian sich. Er spürte ihre Lippen an seiner Haut, als sie zu trinken begann. Es tat nicht einmal weh.
Er wusste, dass es ein Sakrileg war. Sie waren die beiden dunklen Geschöpfe, die nicht vereinigt werden durften, sie brachen ein uraltes arkanes Gesetz. Es gab einen Grund, warum ein Werwolf keinen Vampir infizieren, und ein Vampir keinem Werwolf das Blut abziehen konnte. Doch er hatte einen magischen Eid geschworen, ihr zu helfen, und ohne sein Blut würde man sie finden und vermutlich schneller pfählen, als sie ihm eine Silberkugel ins Herz schießen konnten.
Ihr ‚Tod' würde Sirius das Herz brechen, er liebte diese dunkle Kreatur.
Merlin, warum musste Sirius sich nur immer die falschen Freunde aussuchen? Peter, der ihn verriet, Remus, der ein Werwolf war, und jetzt auch noch Marina, eine Vampirin, die zudem eine Hexe war und multiple Todesflüche beherrschte.
Und doch war ihre Macht so leicht zu brechen. Ein paar Tage ohne Blut, und sie verlor ihre lebhafte Schönheit. Und so stark ihre Kräfte auch waren, sie schien immer irgendwie auf eine Batterie angewiesen zu sein, eine fremde Kraftquelle. Manchmal verflogen ihre Zauber wie der Wind, zum Beispiel die Handmagie, mit der sie Sirius' Gesicht veränderte…
Und wehe, sie achtete nicht auf ein „Übergewicht" böser Zauber. Dabei schien es egal, ob sie Todesser tötete und dabei letztlich etwas ‚für die Seite des Lichts' tat, nur auf den Akt des Tötens kam es an. Deshalb hatte sie ihn mit Verachtung gestraft, fortdauernd gedemütigt – um ihre Zärtlichkeiten für Sirius aufzufangen. Für jeden Albtraum, den sie ihm nahm, hatte sie Remus bezahlen lassen. Es war so einfach zu verstehen, wenn man den Mechanismus durchschaute.
Sie entschied kognitiv für das Gute, warum auch immer, und zollte damit jedoch ihrer dunklen Natur einen bitteren Tribut.

Sie hasste, um lieben zu können.

Remus spürt, wie ihr Körper warm wurde, ihr Herzschlag an seiner Brust wurde ruhiger und stetiger, ihr Saugen gieriger, und sie begann ihn fest zu halten. Er fühlte sich ausgeliefert, und doch hatte diese tödliche Umarmung etwas von einem Liebesakt, und er fühlte seinen Widerstand schwinden. Wenn er es geschehen ließ, würde es vorbei sein, all dies Leid, und sie konnte zu Sirius zurückkehren…

Beinahe zu spät begriff er, dass nur er, niemals sie, den Prozess stoppen konnte. Er versuchte, sie von sich zu stoßen. Er schaffte es nicht. Sie war bereits stärker als er.

„Marina, bei allem, was dir heilig ist, hör auf. Denk an Sirius, bitte", flehte er sie an.

Wieder stieß er sie, mit aller Kraft, und endlich ließ sie los. Sobald der Kontakt unterbrochen war, brach auch der Bann.

Remus starrte sie an.

Ihr Haar hatte sich gelöst und fiel ihr lang über den Rücken, weiße, dolchartige Fangzähne hatten sich über ihre jetzt blutroten Lippen geschoben, und die Iris ihrer sonst schwarzen Augen glomm blutrot. Wusste Sirius, was sie war? Sie hatte Remus' Frage dazu nicht beantwortet.

„Fast hätte ich das letzte Geschenk vergessen", sagte sie, während sich ihre Zähne unter die Lippen zurück schoben. Sie holte eine weitere Phiole aus den Falten ihres Gewandes. Mit einem spitzen Fingernagel stach sie sich selbst in die Pulsvene und ein Tropfen schwarzen Blutes quoll hervor. Sie fing ihn in der Phiole, wo er sich mit den wenigen Millilitern blauer Flüssigkeit vermischte. Sie reichte Remus das Flakon. „Von mir und Inger. Farbe für Runen. Es gibt eine Rune, die die Haut öffnet und schließt. Wie ein Reißverschluss. Nutze sie klug."

„Danke", sagte er und steckte die Phiole ein.

„Wir sehen uns in ein paar Tagen, Werwolf."

Sie lächelte, und er sah, dass die Fangzähne bis auf leichte Spitzen verschwunden waren. Sie vollführte eine Bewegung wie einen Hofknicks, schwarzer Nebel umfloss ihre zierliche Gestalt, und nur einen Augenblick später sah er eine kleine fledermausartige Kreatur durch das Gitter seiner Zellentür hinaus flattern.

Remus wandte sich dem verlockenden Korb zu und nahm einen Apfel. Er war erschöpft und ausgehungert, aber er war klug genug, nicht alles sofort in sich hinein zu stopfen. In dieser Nacht hatte er die grausamsten Albträume seines Lebens. Er hatte Hoffnung geschöpft, und die Dementoren waren schnell dahinter gekommen, dass es bei dem Werwolf in der Zelle, die eins der geflüchtete Sirius Black bewohnt hatte, Zuversicht abzusaugen gab.

oooOOOooo

Zwei Tage später holte man ihn morgens noch vor Sonnenaufgang aus der Zelle.

„Exekution", sagten die Wächter, aber Remus wusste es besser.

Sie stiegen über dreihundert Fuß tief klamme, rutschige und später auch algenbewachsene Treppen hinunter, und einmal wäre Remus beinahe gestürzt und hätte die Phiole mit dem Antidot verloren. Sie mit einem Faden der Robe in selbiger anzubinden war keine seiner schlechten Ideen gewesen.
Mit unbewegter Miene stieg er zu den Auroren in das Boot, das ihn über das Meer bringen sollte.

„Du wirst zurück kommen, Werwolf, und dann gibt es keinen Weg mehr von hier fort", rief ihm der Wachzauberer nach, der den alten Thievius Spinnet als Todeskandidaten auserkoren hatte.

Remus antwortete nicht. Falls er jemals hierher zurückkehren würde, bliebe ihm weniger als der Tod.

TBC