Temperance saß auf dem Boden des Zeltes, indem außer ihr noch Dr. Solis und Dr. Phelani schliefen. Sie hatten seit 3 Tagen auf die Rückkehr eines Jeeps oder Helikopters gewartet, der ihnen neue Rationen bringen würde. Dr. Solis hatte mehrere Male mit seinen Vorgesetzten über Funk gesprochen, die versprachen sobald wie möglich für eine Lösung des Problems, wie sie es nannten, zu sorgen. Allerdings hatte sich seitdem nichts geändert, außer dass ihre Lebensmittel immer mehr zu Neige gingen.
Die Überreste, die das Bergungsteam gefunden hatte, waren soweit identifiziert worden, wie es unter diesen Umständen möglich war, aber ein Großteil der Knochen musste in ein Labor geschickt werden, um sie genauer untersuchen zu können. Man hatte sie bereits verpackt und abholfertig in einem provisorischen Lager gesammelt.
Temperance wollte nur noch weg. Sobald wieder jemand in ihr Lager kommen würde, würde sie mitfahren. Zurück nach Bangkok. Es wurde vor 2 Tagen noch ein weiteres Massengrab in der Nähe gefunden, doch ihr reichte der Aufenthalt in einem Camp vorerst. Sie hatten zwar genügend Trinkwasser, aber der Lebensmittelmangel machte sich immer mehr bemerkbar. Wenn Temperance zu schnell aufstand, wurde ihr schwarz vor Augen, weil ihr Kreislauf allmählich schlapp machte. Dr. Phelani hatte die Hitze zuvor bereits erheblich zugesetzt. Nun lag sie die meiste Zeit auf ihrem Schlafsack auf dem Boden und schlief...oder versuchte es zumindest. Dr. Solis schien mit diesen Bedingungen besser auszukommen. Er hielt sich hauptsächlich im Zelt neben ihnen auf, in dem alle Computer und andere technische Geräte aufgebaut waren, die über einen Generator mit Strom versorgt wurden.
Temperance sah auf, als Dr. Solis ins Zelt eintrat. Er sah kurz zu Dr. Phelani hinüber und nickte dann Temperance zu. „Ich habe wieder versucht jemanden zu erreichen, aber das Signal war zu schwach." Sagte er mit schwacher Stimme.
Dr. Phelani stöhnte auf. „Die Lebensmittel reichen höchstens noch für morgen." Flüsterte Temperance nachdenklich. Dr. Solis setze sich ebenfalls. Temperance war sich nicht sicher, ob sein Gesicht eher Nachdenken oder Verzweiflung ausdrückte. Lange Zeit sagte niemand mehr etwas, bis einer der Arbeiter die Plane des Zeltes hochhob, die den Eingang des Zeltes schloss. Grelles Sonnenlicht blendete Temperance, so dass sie zuerst nur anhand seiner Stimme erkannte, wie aufgebracht der Mann war. „Dr. Solis ! Sie sind gegangen ! Sie sind alle gegangen!" stotterte er. Dr. Solis sprang auf und ging zu dem Mann. Temperance folgte ihm aus dem Zelt „ Oh nein, bitte nicht." Dachte sie und hoffte, dass sie die Worte des Arbeiters falsch verstanden hatte. Doch tatsächlich. Die Zelte der Arbeiter waren teilweise abgebaut, die restlichen leer. Sie lief so schnell sie konnte zum Zelt mit den Vorräten. Als sie sah, dass alle bis auf ein Karton weg waren, strich sie sich verzweifelt mit einer Hand über den Kopf. Die Arbeiter hatten es tatsächlich getan. Dr. Solis stieß nun zu ihr. Der Arbeiter, der sie verständigt hatte war der Vermittler zwischen den Wissenschaftlern und den Einheimischen gewesen. Dr. Solis ließ sich auf einen Stein nieder und sah fassungslos in die Ferne. Jetzt war außer ihnen niemand mehr im Camp. Und sie hatten nur noch eine halbvolle Kiste mit Lebensmitteln.
Temperance setzte sich neben Dr. Solis. „Wir sollten darüber nachdenken auch zu..."
„Was ?!" unterbrach Dr. Solis sie. „Sind Sie jetzt auch noch völlig übergeschnappt ? Diese Leute werden es nie im Leben schaffen. Bis zur nächsten Stadt sind es mindestens 2 Tagesmärsche. Ohne Wasser, bei dieser Hitze! Nein, das schafft keiner." Entmutigt sah er auf den Boden und stütze die Stirn auf seine Hände.
Temperance versuchte ihn nicht so anzustarren. Sie glaubte nicht, dass hier noch jemand kommen würde. So langsam glaubte sie an gar nichts mehr.
Russ folgte Michael durch die Böschung. Sie befanden sich mitten im Wald. Das Auto mussten sie schon vor einigen Kilometern zurücklassen, weil die Straße aufgehört hatte und sie nun nur noch auf einem kleinen Trampelpfad folgten. Russ schleppte seine Tasche auf dem Rücken und eine weitere, die Michael ihm gegeben hatte. Michael selbst trug ebenfalls eine große Reisetasche und schlug ihnen mit einem Buschmesser den Weg frei. Russ war so in Gedanken, dass er fast auf Michael gelaufen wäre, als dieser plötzlich anhielt. Vor ihm schlich ein Schlange langsam quer über den Pfad. Russ war schon als Kind von Schlangen fasziniert gewesen, doch diese hier jagte ihm dennoch ein bisschen Angst ein. Die Katzenaugennatter war aufgrund ihrer grünen Haut auf den ersten Blick fast nicht zu erkennen. Michael wandte den Blick nicht von dem Tier ab, als er Russ erklärte, dass ihn so eine Schlange schon einmal gebissen hatte und er danach mehrere Tage mit hohem Fieber zu kämpfen hatte. Russ schluckte. Genau das wollte er jetzt eigentlich nicht hören.
Also die Schlange im Gebüsch verschwunden war, lief Michael weiter, als wäre nichts gewesen, während Russ den Weg vor ihm kritisch beäugte.
Nach einer halben Stunde schienen sie ihr Ziel erreicht zu haben. Russ erblickte eine Lichtung mitten im Wald. Mehrere Holzhütten waren hier errichtet worden und um einen Lagerfeuerplatz angeordnet. 2 Männer saßen am Eingang einer Hütte. Der eine schien einen Speer zu bearbeiten, während der andere Fische ausnahm. Michael führte Russ zu einer Hütte und trat ein.
„Du kannst das Bett da hinten haben. Momentan sind hier nicht viele, weil wir noch andere Farmen haben, die beaufsichtigt werden müssen. Außerdem hat unsere „Touristensaison" noch nicht begonnen." Sagte Michael mit einem Grinsen. Sie beide wussten, dass diese „Touristen", die hierher kamen, mehr suchten als einfach nur ein bisschen Natur und Entspannung. Russ stellte seine Tasche auf dem Bett ab und reichte Michael die andere Tasche. Dieser verließ darauf die Hütte und lief zu den beiden anderen Männern hinüber. Sie begrüßten ihn überschwänglich und nahmen sogleich die Tasche an sich. Russ trat aus der Hütte und lief auf die kleine Versammlung zu. Beide Männer sahen aus wie Einheimische, der eine war circa 25 Jahre alt, der andere schätzungsweise Anfang 30. Der ältere der beiden stand auf, als Russ zu ihnen trat. „Na dann zeigen wir dir mal, was es hier alles schönes gibt!" sagte er mit einem Augenzwinkern...
Booth bewegte sich so vorsichtig vorwärts, wie möglich. Zusammen mit 5 anderen Männern, war er beauftragt worden, die Gegend abzusichern. Die anderen der Einheit errichteten zur selben Zeit ein Lager am Fluss 3 km entfernt. Das ganze erinnerte ihn an seine Zeit als Ranger. Schon damals war er immer in dem Trupp gewesen, dass voraus ging. Die Gefahr einzuschätzen und gegebenenfalls gleich zu beseitigen versuchte. Er trug wieder eine schusssichere Weste und hatte ein Maschinengewehr in der Hand. Sie alle rechneten damit, dass es kein Spaß werden würde, wenn sie tatsächlich auf Mitglieder von Sahir stoßen würden. Dennoch musste Booth sich zwischen wachsam zu bleiben. Allein schon beim Gedanken, dass Temperance in der Nähe sein könnte, wurde ihm schon schlecht. Er hatte vor seiner Abreise noch einmal mit Goodman gesprochen und ihn gefragt, wo genau Temperance arbeitete. Die Antwort hatte ihm ganz und gar nicht gefallen. Wenn die Angaben stimmten, war das Massengrab, dass der Grund für ihren Auslandsaufenthalt war, gerade mal 10 km entfernt.
Die Agenten hörten ein immer lauter werdendes Rauschen. Nach ein paar Minuten standen sie vor einem Wasserfall. „Ok, das war's. Ich würde sagen das reicht für heute. Es wird bereits dunkel. Wir sollten besser umkehren." Sagte Special Agent Decker, dem die Leitung des Einsatzes übertragen worden war. Booth begrüßte diese Entscheidung. Er wollte zwar nichts riskieren, aber er war von den Strapazen der Anreise total fertig und wollte einfach nur noch schlafen.
Als sie das Lager erreichten, waren die Zelte bereits aufgebaut und ein Agent hatte sogar schon angefangen etwas zu kochen. Booth setzte sich auf einen Baumstamm bei der Feuerstelle. „Wie in alten Zeiten." Dachte er.
Temperance schrak hoch. Es war noch dunkel. Sie war total nass geschwitzt, obwohl sie das Zelt extra offen gelassen hatten, um besser zu lüften. Sie hatte irgendwas gehört, war sich aber nicht sicher, was es gewesen war. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit, doch nach etwa einer Minute erkannte sie, dass auch Dr. Solis sich auf seinem Schlafplatz aufgerichtet hatte. Mit dem Finger vor dem Mund forderte er sie auf leise zu sein. Temperance lauschte ihn die Dunkelheit und bewegte sich nicht. Dann hörte sie wieder etwas. Schritte. Stimmen...und das zuschlagen einer Autotür.
