Kapitel 10 : Kurdas wahres Gesicht

Sie beugte sich über die steinerne Balustrade.

Ihr war schlecht.

Sie sah in die Tiefe und auf die Autos, weit weit unter ihr, und die blinkenden Lichter, und die Menschen, die so klein wie Ameisen wirkten.

Sie spürte den Wind im Gesicht, und aus irgendeinem Grund fühlte sie sich besser, als sie in die Tiefe blickte.

Kurda Smahlt trat neben sie an die Brüstung, und legte die Unterarme auf den kalten Stein.

In die eintretende Stille sprach Kurda: "Du musst dich entscheiden. Wir haben nicht viel Zeit. Morgen schon muß ich aufbrechen, und ich brauche eine Antwort von dir. Bevor sie merken, dass ich nicht in meinem Quartier bin."

„Nein Kurda. Ich werde nicht mit dir gehen. Es geht nicht, ich kann hier nicht weg."

„Warum nicht?"

„Das kann ich dir nicht sagen."

Sie konnte ihm nicht sagen, dass sie einen Deal mit Steve Leopard geschlossen hatte. Das sie geschworen hatte, bei ihm zu bleiben.

Selbst wenn die Vampire das Todesurteil gegen sie aufhoben. Würden sie sie wieder unter sich dulden? Würde Larten Crepsley sie wieder haben wollen, nachdem sie Arra Sails getötet hatte?

Und würde sie ihm jemals wieder in die Augen sehen können, wenn sie Mika Ver Leth tötete?

„Kurda, was du verlangst ist zu viel. Such dir jemand anderes, der dir hilft, Fürst zu werden. Ich mische mich in diesen Krieg nicht ein."

„Wie kannst du dich nicht einmischen?!"

„Das ist es zumindest, was ich versuche!"

Mich nicht für eine Seite zu entscheiden.

„Damit ist Larten aber nicht geholfen. Oder Darren. Sein Tod war sinnlos. Hilf mir, dass so etwas in Zukunft nicht wieder vorkommen muß."

„Lass mich in Ruhe, ich habe damit nichts zu tun."

„Was ist mit den Vampaneze? Willst du, dass sie von einem blutdürstigen Lord in den Krieg gehetzt werden?"

„Nein, das will ich nicht. Aber ich kann es ihnen wohl auch nur schwer ausreden. Es ist ihre Sache. Jeder muß für sich selbst entscheiden, ob er in diesen Krieg ziehen will oder nicht."

Sie dachte an Mithras.

Und an Steve.

„Das ist feige von dir!"

„Von mir aus, nenn mich feige. Du hast es selbst gesagt, ich habe keine Ehre."

Gillian drehte den Kopf weg, stieß sich vom Geländer ab, und ging ins Dunkel des Penthouses.

Kurda lief ihr hinterher.

Bevor sie bei ihrem Zimmer war, holte er sie ein, und packte sie am Arm: "Du kannst nicht davon laufen", rief er.

Gillian wollte sich ihm entwinden, doch sein Griff um ihren Oberarm war fest und schmerzhaft: "Lass mich los!", fauchte sie.

In dem Moment gingen die Türen des Fahrstuhls auf.

Gillian wirbelte herum, und Kurda ließ ihren Arm fahren.

Doch es war zu spät.

Sie standen mitten in dem großen leeren Penthouse, und es gab nichts, wo er sich hätte verstecken können.

Steve trat aus dem Aufzug und erfasste die Situation mit einem Blick.

„Du hast hier nichts zu suchen, Kurda!", knurrte er.

Der blonde Vampir hob das Kinn. „Ich wollte mich nur von Gillian verabschieden. Das ist doch nicht verboten, oder?". Er nahm die Hand von Gillian und hauchte einen Kuss darauf.

„Lebe wohl, Gillian", sagte er, und seine stahlblauen Augen saugten sich an ihren fest.

Gillian starrte ihn an, unfähig zu irgendeiner Regung.

Steves Augen funkelten zornig.

„Schon gut, Steve. Kurda hat nichts Schlimmes getan."

„Hat er nicht?", fragte Steve und seine Stimme troff vor Sarkasmus.

Kurda kniff die Augen zu Schlitzen.

„War er also offen und ehrlich zu dir? Hat er dir alles erzählt?"

„Ich sollte jetzt besser…", hob Kurda an, und wollte zum Fahrstuhl.

„Warum erzählst du es ihr nicht?", rief Steve ihm hinterher. „Das mit Darren und dem Wasserfall. Erzähl ihr, was wirklich passiert ist!"

Verwirrt sah Gillian zwischen Kurda und Steve hin und her.

Wovon sprach er?

Kurda sah zu Boden. „Ich denke nicht, dass…"

„Was?", fragte Gillian. „Was ist mit Darren und dem Wasserfall?"

Steve kreuzte die Arme vor der Brust in seiner typischen Geste und lehnte sich lässig gegen die Wand beim Fahrstuhl.

Kurda sah zerknirscht aus. „Ich…glaube nicht, dass Gillian das hören will."

Die Vampirin fühlte Wut in sich aufsteigen. „Was hören?", knurrte sie.

„Was er dir verschweigt", sagte Steve kalt.

„Was verschweigst du mir, Kurda?", fragte Gillian.

Kurda seufzte. „Ich habe dir nicht ganz die Wahrheit gesagt." Dann sah er um Verständnis heischend in ihre Augen. „Ich wollte es dir ersparen."

Gillian fletschte die Zähne. "Heraus damit. Ich entscheide, was ich hören will, und was nicht."

Kurda warf hilfesuchend einen Blick zu Steve, doch der Vampaneze lehnte an der Wand, und schwieg.

„Also gut. Ich habe dir erzählt, dass ich Darren zur Flucht verholfen habe. Er wollte nicht. Er wollte sich dem Urteil der Fürsten beugen. Er wollte nicht, dass Larten Crepsley sein Gesicht verlor."

Eine kalte Hand legte sich um Gillians Herz und drückte zu. Der tapfere Darren…

„Doch ich habe ihn überredet. Er ist mir aus dem Palast heraus in den Berg gefolgt."

Kurda seufzte schwer. „Doch Gavner Purl ist uns gefolgt. Am Wasserfall hat er uns eingeholt.

Er sagte Darren, wie schwer enttäuscht er von ihm sei. Dass Darren umkehren und sich stellen und einen ehrenvollen Tod sterben solle. Dass er seinem Meister Larten Crepsley keine Schande machen solle, so wie seine Schülerin es getan hatte…"

Gillian schnürte sich die Kehle zu.

Kurdas Augen wurden feucht.

„Darren wollte umkehren. Gavner Purl hatte ihn überzeugt. Er wollte umkehren, und sich von den Vampiren hinrichten lassen. Mir blieb keine Wahl. Ich musste es tun…"

Er verstummte.

Gillian fröstelte. „Was tun? Gavner ist in den Wasserfall gestürzt, das hast du schon gesagt. Du hast gesagt, es war ein Unfall… was meinst du, keine Wahl?...was hast du…?"

Sie verstummte ebenfalls. „Du hast ihn den Wasserfall hinunter gestoßen!?", keuchte sie.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schock.

Kurda schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, schlimmer…"

Gillian sah zu Steve.

„Rede weiter!", knurrte dieser.

Kurda straffte sich:" Ich habe nachgegeben. Ich stimmte zu, dass Purl Darren zurück zu den Fürsten bringen würde, damit er sich stellt. Im Gegenzug gestand Purl mir zu, dass er den Fürsten nichts von meinem Verrat, dass ich dem Halbvampir zur Flucht verholfen hatte, verraten würde. Ich schickte Darren voraus. Er sollte alleine zurück gehen, damit niemand uns zusammen sah. Als er um die Ecke bog, und Purl mir den Rücken zudrehte, zog ich meinen Dolch."

Gillian wich alles Blut aus dem Gesicht.

„Ich trat von hinten an ihn heran, und zog den Dolch über seine Kehle. Gavner Purl hat nichts kommen sehen, er hatte keine Chance. Er blutete stark, und ich gab ihm einen Stoß, so dass er den Wasserfall hinunterfiel. Leider war Darren noch nicht weggegangen. Darren hatte alles gesehen."

Gillian schlug die Hände vor den Mund.

Sie starrte Kurda an, als sähe sie ihn zum allerersten Mal.

Der blonde Vampir bemerkte ihre Reaktion und ein gequälter Ausdruck verzog seine schönen Züge. „Ich habe es nicht gerne getan. Das musst du mir glauben! Darren ist sofort herangeflittet, er hat versucht, Purl festzuhalten, aber es war zu spät, er fiel schon. Darren ist ausgerutscht und Purl hinterher gefallen. Ich konnte nichts machen…"

„Du…", keuchte Gillian.

Hastig sagte Kurda:" Darren konnte sich noch an einem Felsvorsprung festhalten. Ich bin hinterher geklettert, und wollte ihn hochziehen. Ich habe meine Hand zu ihm ausgestreckt, es fehlten nur wenige Zentimeter! Doch Darren wollte meine Hand nicht nehmen. Er hat sich einfach fallengelassen… ich werde nie vergessen, wie er mich angesehen hat…"

Er warf einen Blick zu ihr, und Gillian sah ihn mit demselben Ausdruck an.

Verraten und verletzt.

„Er hat dir vertraut! Er war dein Freund!", schrie sie.

„Seine Überzeugungen standen gegen meine. Was tust du, wenn ein Freund sich dir in den Weg stellt?"

„Jedenfalls ziehe ich ihm nicht einen Dolch durch die Kehle!", fauchte sie.

Ein schwarzer Schleier begann sich vor ihre Augen zu schieben, und geballter Hass quoll ihre Kehle empor.

Steve stürzte vor, und legte Gillian eine Hand auf die Schulter. „Gillian nicht."

Die Vampirin knurrte wie ein Raubtier.

Kurda sah den schwarzen Schleier in ihren Augen und taumelte erschrocken zurück.

Steve schlang von hinten einen Arm um Gillian, die die Zähne fletschte und die Hände zu Klauen formte. Sie machte Anstalten sich auf Kurda zu stürzen, doch Steve hielt sie fest.

„Gillian", raunte er eindringlich in ihr Ohr. „Beruhige dich."

Gillian entwand sich ihm, schoß vor, holte aus und fuhr mit der rechten Klaue zischend durch die Luft.

Kurda Smahlt wich hastig vor ihr zurück, und so verpasste Gillian ihm nur ein paar Ratscher an seiner Brust.

Kurda stolperte und fiel rückwärts hin. Gillian ragte über ihm auf.

Ihr Gesicht lag verborgen unter der Kapuze aus der ihr langes schwarzes Haar heraus hing und mit Entsetzen sah Kurda zu ihr hoch.

Schwarzer Rauch kräuselte unter der Kapuze hervor.

DU ELENDES SCHWEIN! Gillian wollte die Worte herausschreien, aber plötzlich war ihr speiübel.

Sie hatte das Gefühl etwas großes, schwarzes wollte aus ihrem Mund herausbrechen.

Etwas das HASSTE.

Erschrocken schlug sie die Hände vor den Mund, und sah wie dünne Rauchfahnen durch ihre Finger quollen.

Mit einer gewaltigen Willensanstrengung schluckte sie den Schatten wieder hinunter.

Der schwarze Schleier vor ihren Augen wich langsam.

Kurda lag noch immer zu ihren Füßen, das blonde Haar in Unordnung, das hellblaue Gewand blutbespritzt, wo sie ihn gekratzt hatte.

Aus brennenden Augen sah sie zu ihm hinunter.

Steve trat neben sie und sah ebenfalls auf Kurda hinab.

„Das reicht, Gillian. Er ist unser Gast."

Gillian hockte sich hin, so dass ihr Gesicht dicht an Kurdas war, und zog den Dolch aus dem Stiefel.

Sie legte die Spitze an Kurda Smahlts Kehle.

„Ich sollte mit dir machen, was du mit Gavner Purl getan hast", zischte sie. „Aber das werde ich nicht. Ich will, dass du mit deiner Schuld lebst. Und in Angst vor mir. Sollten die Vampire je herausfinden, was du getan hast, werden sie keine Gnade haben. Du sollst mit dem Wissen weiterleben, dass das, was du getan hast, umsonst war. Du wolltest Darren retten? Schön, Darren ist tot. Er hat sich lieber umgebracht, als mit einem Verräter wie dir zu ziehen."

Kurda schluckte.

Gillian nahm den Dolch von seiner Kehle und erhob sich.

Sie vermied es Steve anzusehen.

Kurda rappelte sich auf.

„Du gehst jetzt besser, Kurda Smahlt", sagte Steve herrisch.

Kurda nickte und trat in den Lift.

„Es tut mir so leid…", murmelte Kurda, doch Gillian weigerte sich, ihn anzusehen.

Die Fahrstuhltüren glitten zu und die Kabine trug die Gestalt Kurda Smahlts fort.

In dem Penthouse wurde es gespenstisch still.

Gillian zitterte.

Kalter Schweiß brach ihr aus.

Sie hatte das Gefühl, das Fieber, das sie im Dschungel befallen hatte, kehrte wieder zurück.

Als hätte sie sich eine tropische Krankheit eingefangen.

Doch Gillian wusste, es war keine tropische Krankheit.

Steve trat an sie heran und griff nach ihrem Handgelenk.

Sanft löste er ihre Finger vom Dolch.

Sie ließ es zu.

Steve besah sich die Klinge.

„Alles in Ordnung?"

Gillian sorgte dafür, dass er ihr Gesicht nicht sah.

Sie nickte unter der Kapuze.

„Ich habe dir gesagt, du kannst ihm nicht trauen", sagte er. Untypischerweise lag kein Triumph in seiner Stimme. Nur Traurigkeit.

„Du hattest recht", gab sie zu.

Steve ging zum Fahrstuhl, und rief die Kabine wieder nach oben.

„Steve?"

Er drehte sich zu ihr um.

„Vielleicht kannst du mich doch ab und zu vor einem Fehler bewahren."

Sie spielte darauf an, was er zu ihr gesagt hatte, als er ihr den Whiskey weggenommen hatte.

Das war schon eine halbe Ewigkeit her.

Damals hatte sie geantwortet, er könne sie vor gar nichts bewahren.

Steve Leopard lächelte schief. „Nur, wenn du ab und zu auf mich hörst."

Gillian sah zu Boden.

Sie musste ein ganz kleines bisschen lächeln.

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