5. Kapitel
Mit einem lauten klappern fiel Severus Gabel auf seinen halbvollen Teller. Erschrocken zuckte er zusammen und blickte auf seinen Schoß hinunter, von dem aus ihn zwei smaragdgrüne Augen unschuldig anblinzelten.
„Merlin, Kitten!" Tiefe Atemzüge nehmend versuchte er seinen Herzschlag zu beruhigen, welcher bei dem unerwarteten Auftauchen des Katers zu rasen begonnen hatte. „Potter, was ist jetzt schon wieder geschehen? Können Sie nicht mal einen Tag überstehen, ohne sich in diese Form zu flüchten?"
Er schenkte Harry einen bösen Blick. Dieser jedoch maunzte nur leise und rollte sich zufrieden auf seinem Schoß zusammen. Neben sich konnte er den Schulleiter amüsiert glucksen hören und war sich sicher, dass seine Augen mal wieder dieses Funkeln besaßen, bei dem er am liebsten schleunigst die Flucht ergriffen hätte.
Jaja, der alte Ziegenbock hat gut lachen, er ist es ja auch nicht, der andauernd gerade dann, wenn er es am wenigsten erwartet von Potter in seiner Katzenform angesprungen wird. Irgendwann verpasst der Bengel mir noch einen Herzinfarkt. Ganz zu schweigen, dass es meinem Ruf schadet, wenn ich ständig mit einem zufrieden vor sich hin schnurrenden Kater auf dem Arm herum renne, von dem jeder weiß, dass es Potter, der Junge-der-lebt-um-Mäuse-zu-jagen ist.
Tatsächlich war es in den letzten Tagen immer wieder geschehen, dass Severus sich plötzlich in der Gesellschaft des schwarzen Katers wiedergefunden hatte. Sobald irgendetwas dem Katzenjungen genug Angst einjagte, um die Verwandlung zu veranlassen, eilte er in seiner Tierform mit unheimlicher Zielsicherheit genau dorthin, wo er sich befand. Woher er jedes Mal wusste, wo er ihn zu suchen hatte, war Severus ein Rätsel. Es war ja auch nicht so, als ob der Junge ihn einfach irgendwo suchen würde. Vielmehr steuerte er geradewegs auf ihn zu.
Wenn er ihn dann gefunden hatte, strich er ihm entweder so lange um die Beine, bis er davon so genervt war, dass er ihn hoch nahm, um Stolperunfälle zu vermeiden oder aber er sprang ihm direkt auf den Schoß, wenn er in diesem Moment gerade saß.
Die Schüler und seine Kollegen amüsierten sich königlich darüber und er hatte jetzt schon Angst, was Minerva ihm in diesem Jahr zu Weihnachten schenken würde. Vielleicht ein Katzenstofftier, passend zu dem rosa Osterhasen?
Es wäre ihr zuzutrauen … diese Frau war gnadenlos.
Eigentlich hätte Severus verärgert sein müssen, über die Anhänglichkeit, die sein Schüler da an den Tag legte und er hatte es auch wirklich versucht, aber ein Blick in das spitze Katzengesicht mit den großen grünen Augen und all sein Ärger war vergessen. Verdammt, weshalb musste Potter auch unbedingt zu einem Katzenhybriden werden?
Wieso kein Hund? Auf einen Hund konnte er ohne Schwierigkeiten ärgerlich sein. Bester Beweis dafür war Black. Dämlicher Flohbeutel!
Nein … Dackelblick war bei ihm absolut wirkungslos.
Katzen hingegen … auch jetzt reichte ein weiterer Blick auf den flauschigen Fellball auf seinem Schoß aus, um seinen Ärger in Nichts aufzulösen.
Bei Salazar … Severus, du wirst weich., schallt er sich selbst.
Mit einem mürrischem Gesichtsausdruck, der gänzlich im Gegensatz zu seiner wirklichen Gemütslage stand, nahm er seine Mahlzeit wieder auf, ab und an finstere Blicke in den Schülerraum oder zu seinen Kollegen werfend und insgesamt den Eindruck eines Mannes machend, der mit der Gesamtsituation alles andere als glücklich war.
Wer jedoch ganzgenau hinsah, konnte erkennen, wie sein Blick immer mal wieder an Schärfe verlor und beinahe einen warmen Ausdruck annahm, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Zudem hätte man, wenn man nahe genug an ihn heran gekommen wäre, sehen können, wie seine Hand unter dem Tisch kosend durch das dichte Fell des Katers strich und diesen zum Schnurren brachte.
Dumbledore und McGonagall, die beide direkt neben dem Tränkemeister saßen, konnten das leise Geräusch hören, doch sprachen sie den jüngeren Mann nicht darauf an. Sie wussten, dass dies eine eher schlechte Idee wäre. Allerdings tauschten sie immer wieder belustigte Blicke aus. Es war aber auch einfach zu lustig zu sehen, wie dieser verschlossene, oftmals abweisende und einschüchternde Mann zu Wachs in den Händen … oder auch Pfoten seines ehemaligen Hassschülers wurde.
Ihnen war längst klar geworden, dass sich Severus Einstellung dem Sohn seines ehemaligen Erzfeindes gegenüber gewandelt hatte. Er schien sie nicht länger in einen Topf zu werfen, sondern endlich in der Lage zu sein Harry ganz unabhängig von seinem Vater zu betrachten. Lange schon hatten sie sich keine Tiraden mehr darüber anhören müssen, wie arrogant und selbstgefällig Harry doch sei und wie sehr er doch nach seinem Vater und dem flohstichigen Köter käme.
Zudem hatten sie bei ihren häufigen Gesprächen mit ihm öfters mitbekommen, wie er ihn wohl ohne es zu bemerken als Kitten bezeichnet hatte, ein Kosename, der für sie Bände sprach. Sie hatten sogar schon mit dem Gedanken gespielt, Neville für seinen missglückten Zauber Hauspunkte gut zu sprechen. Oder sogar einen Preis zu verleihen. Alles was Severus in dieser Weise zu beeinflussen vermochte, war ein Verdienst der ganzen Schule gegenüber.
Auch Harry schien sowohl als Kater, wie auch als Mensch die Nähe seines Lehrers zu suchen.
Allerdings schien dieser den Jungen, war dieser nicht in Katzenform, geradezu krampfhaft zu meiden, obwohl sie ihn oft dabei erwischen konnten, wie er ihm mit den Augen folgte, sobald er sich in seiner Sichtweite befand.
Sie hofften für beide, dass sich die Situation bald einpendeln würde, denn Harry und Severus waren ihnen beiden sehr wichtig und sie wünschten sich nichts mehr, als diese beiden glücklich zu sehen.
Wenn Severus nur nicht so stur wäre. Aber das wäre wohl wie sich darüber zu beschweren, dass der Regen nass und Voldemort böse war … vollkommen sinnlos, weil eben ein feststehender Fakt.
Der Tag, an dem Severus Snape aufhören würde sturer als eine ganze Herde Esel zusammen zu sein, wäre der Tag, an dem Draco Malfoy sich eine Glatze scheren lassen und die Maulende Myrte ihre Depressionen die Toilette herunter spülen würde.
Oder anders ausgedrückt … dafür wäre schon ein Wunder von Nöten.
Nachdenklich ruhten die bodenlosen schwarzen Augen, die so manchen Schüler schon bis in seine Albträume begleitet hatten, auf der zierlichen Gestalt des Katzenjungen, welcher gerade in diesem Moment über irgendetwas lachte, was Neville zu ihm gesagt hatte.
Fangzähne blitzten im Licht auf und funkelten mit den strahlendgrünen Augen um die Wette.
Man konnte erkennen, dass Harry sich in seiner Haut wohl fühlte.
Seit dem katastrophalen Morgen in der Großen Halle waren einige Wochen vergangen und das letzte Mal, dass Harry sich in einem Panikanfall in eine Katze verwandelt hatte, lag nun auch schon einige Tage zurück.
Zu Beginn war es für ihn nicht so leicht gewesen.
Immer mal wieder hatten die anderen Schüler vergessen, wie empfindlich seine Sinne durch die Verwandlung geworden waren oder das er es nicht mochte einfach so berührt zu werden.
Immer wieder fand sich jemand bei Madame Pomfrey mit Kratzern ein, welche er sich eingefangen hatte, weil er Harry erschreckt oder in seine Privatsphäre eingedrungen war.
Dabei waren es nicht nur seine neuen Katzeninstinkte gewesen, die Harrys Verhalten in dieser Weise beeinflussten, sondern auch die Erinnerung an jenen Morgen und die Angst, die er ausgestanden hatte. Diese Erinnerung war es, die ihn noch empfindlicher regieren ließ, als er es gewöhnlich getan hätte.
Wärme trat in den Blick des Tränkemeisters, als Harry Neville den letzten Muffin von seinem Teller mopste und mit seiner Beute in der Hand zu Luna Lovegood an den Ravenclawtisch flüchtete, um bei dem Mädchen Schutz vor der Rache seines Freundes zu suchen. Luna schenkte Harry ein verträumtes Lächeln, gab ihm einen Kuss auf die Wange und nahm sich den Muffin aus seiner Hand. Die einzige Reaktion des Katzenjungen bestand darin sich als Ersatz ein Stück Apfel von ihrem Teller zu nehmen.
Es störte ihn nicht, wenn Luna ihn aus einem Impuls heraus umarmte oder ihm einfach so einen Kuss auf die Wange gab, dass war Severus schon häufiger aufgefallen. Die Beiden hatten in den letzten Wochen eine enge Freundschaft entwickelt. Enger noch, als die, welche Harry vor seiner Verwandlung mit Hermine und Ron gehabt hatte. Neville war der dritte in ihrem Bunde. Die Drei schienen sich manchmal ohne Worte zu verstehen.
Die Slytherins machten sich gerne hinter ihrem Rücken über sie lustig … über den Kater, die Verrückte und den Trottel, wie sie sie nannten, aber offen wagte es sich seit einem lehrreichen kleinen Vorfall dieses Thema betreffend niemand mehr sie zu beleidigen.
Selbst Draco und seine beiden Bodyguards hielten sich zurück, was natürlich auch daran liegen konnte, dass sie von jenem Vorfall direkt betroffen gewesen waren.
Severus hatte viel Zeit damit verbracht den Jungen zu beobachten. Es freute ihn, dass Harry seine Probleme überwunden zu haben schien, auch wenn er sich eher die Zunge abbeißen würde, als dies öffentlich zuzugeben, doch befürchtete er, dass die Probleme für alle anderen jetzt erst beginnen würden. Immerhin hatte Potter schon oft genug bewiesen, dass er Schwierigkeiten aller Art geradezu magisch anzog und Hogwarts Ruf als sichersten Ort, den man finden konnte, gewaltig geschwächt.
Kampf um den Stein der Weisen im ersten Schuljahr, die Kammer des Schreckens und der darin lebende Basilisk im zweiten, dann Sirius Black und die Dementoren im dritten, das Trimagische Turnier und Voldemorts Auferstehung im vierten, Einbruch ins Ministerium im fünften und ein Kampf mit von einem Schüler eingeschleusten Todessern im sechsten Jahr.
Und das waren nur die Vorfälle, die ihm beinahe das Leben gekostet hätten.
Dazu kamen noch Quidditsch- und Unterrichtsunfälle, Kämpfe mit anderen Schülern –vorzugsweise Draco und seinen Gorillas- und und und …
Harry Potter wusste wirklich, wie man seine Lehrer in den Wahnsinn trieb.
Doch das war, wenn Severus ehrlich mit sich war, nur einer der Gründe, weshalb er ihn beobachtete. Seit jenem Morgen, als er neben dem Jungen in seinem Bett aufgewacht war, wanderte sein Blick ganz automatisch immer wieder zu ihm hin. Es war wie ein Reflex, der eintrat, wenn sie sich in einem Raum befanden.
Das beunruhigte ihn ein wenig und sorgte dafür, dass er immer möglichst viel Abstand zwischen ihnen beiden hielt. Zumindest dann, wenn der Junge in seiner normalen Erscheinungsform durch das Schloss lief. Dem Kater schien er ja einfach nicht entkommen zu können.
Es ist besser für uns beide, wenn ich mich von ihm fern halte, dachte Severus und wandte seinen Blick von dem Katzenjungen ab.
Am Ravenclawtisch blickte Harry zu seinem Tränkeprofessor auf, der grimmig in seinem Frühstück herumstocherte, und für einen Moment wich das Lächeln von seinem Gesicht, als er ein unangenehmes Stechen in der Brust spürte. Es fühlte sich an, als würde er mit vielen dünnen, kleinen Nadeln punktiert werden.
Dann hob der ältere Mann seinen Kopf und ihre Blicke trafen sich. Kurz konnte er in den schwarzen Tiefen Wärme und Verständnis lesen und er spürte, wie das Stechen nachließ, doch dann verschloss sich der Blick des anderen und eine undurchdringliche Maske legte sich auf sein Gesicht.
Warum schließt er mich aus? Was ist los? Habe ich etwas Falsches gemacht?
Da Stechen kehrte zurück, doch merkte Harry es kaum, als sich sein Herz schmerzhaft zusammenzog. Früher hätte es ihm nichts ausgemacht, wenn Severus Snape ihn auf diese Weise ausgeschlossen hatte, da war er schon froh gewesen, wenn er ihm einmal nicht mit offener Feindseeligkeit begegnet war und hatte nicht einmal gewusst, dass der ältere Zauberer noch eine andere Seite besaß, als jene, welche er der Welt gegenüber zeigte. Doch das war jetzt anders. Er hatte einen anderen Severus Snape kennen lernen dürfen. Einen Severus Snape, dessen Augen Verständnis ausstrahlten und dessen Arme Sicherheit boten, der stundenlang einfach nur mit einem Buch vor dem Kamin sitzen und einer Katze durchs Fell streichen konnte … und der ihm das Gefühl gab, zuhause zu sein. Das war ein Gefühl, dass er in seinem Leben vorher nicht gekannt hatte.
Nun zog es ihn in seine Nähe. Wenn er traurig war, Angst hatte oder sich einsam fühlte, dann reichte es aus bei ihm zu sein, damit alles wieder gut wurde. Sich an ihn zu schmiegen fühlte sich einfach richtig an und er wollte es nicht mehr missen.
Allerdings schien es so gut wie unmöglich zu sein, in seine Nähe zu gelangen, wenn er sich einmal nicht in seiner Tierform befand. Als Kater konnte er einfach zu ihm hin gehen, wurde auf den Arm gehoben, durfte sich auf seinem Schoß zusammen rollen und wurde gestreichelt. War er jedoch als Mensch unterwegs, dann konnte er ihn höchstens einmal von fern betrachten. Am nächsten kam er ihm dann noch im Tränkeunterricht und selbst dort sprach der Tränkemeister ihn nur noch selten an.
Mittlerweile wäre es ihm sogar lieber gewesen, wenn Snape ihn wie früher behandeln würde, ihm für alles und nichts Punkte abziehen würde. Alles … ALLES … war besser, als von ihm ignoriert zu werden, als würde er überhaupt nicht existieren.
Mann könnte meinen, dass er vor mir davon läuft … vielleicht mag er mich ja nicht, wenn ich keine Katze bin. Immerhin konnte er mich ja nie leiden, weil ich ihn an meinen Vater erinnere.
Kurz ließ er traurig die Ohren hängen, riss sich dann jedoch wieder zusammen. Er wollte seinen Freunden keine Sorgen bereiten, wenn sie ihm sowieso nicht helfen konnten.
Noch einmal blickte er sehnsüchtig zum Lehrertisch empor, dann setzte er sein bestes Lächeln auf und wandte sich wieder zu Luna um, lachte und scherzte mit ihr, doch das Funkeln in seinen Augen war verschwunden.
Mit gesenktem Blick schlüpfte Harry durch das Portrait in den Gemeinschaftsraum, in dem rege Betriebsamkeit herrschte. Es war kurz vor Sperrstunde und so gut wie alle hatten sich im Turm eingefunden. Auf Harrys Eintritt hin, grüßten ihn sofort einige freudige Stimmen, die ihn dazu aufforderten sich doch zu ihnen zu setzen, doch Harry blickte kaum auf.
Hastig durchschritt er den Gemeinschaftsraum, penibel darauf bedacht mit niemandem zusammenzustoßen, und eilte die Wendeltreppe hinauf in den Schlafsaal der Siebtklässler.
Der Schlafsaal lag vollkommen verlassen da und ein erleichtertes Seufzen entwisch seinen Lippen. Schnell schloss er Türe hinter sich und lehnte sich gegen das kühle Holz.
Bislang hatte er sich zusammengerissen, um niemanden zu beunruhigen, doch nun in der Stille und Abgeschiedenheit des Raumes, konnte er seine Kontrolle nicht länger aufrecht erhalten. Mit einem leisen Wimmern rutschte er an der Tür entlang nach unten auf den kalten Steinfußboden. Zittern rollte er sich auf den Steinen zusammen und machte sich so klein, wie nur möglich, während eine Welle starken Scherzes durch seinen Körper raste.
Er biss die Zähne zusammen, ballte die Fauste und versuchte gegen die Schmerzen anzuatmen. Vor Anstrengung trat Schweiß auf seine Stirn und er konnte spüren, wie sich seine Krallen in die empfindliche Haut seiner Handflächen gruben, bis das Blut zu fließen begann. Doch es half. Zwar dauerte es eine Zeit lang, doch dann ließ der Schmerz nach, sank auf ein erträgliches Maß hinab, dass es ihm erlaubte sich vom Boden aufzurichten und zum Badezimmer zu torkeln. Schnell wechselte er in seine Schlafkleidung und machte sich dann nach einer kurzen Katzenwäsche auf dem Weg zu seinem Bett.
Schwindel ergriff von ihm Besitz und er konnte spüren, wie seine Beine drohten unter ihm nachzugeben. Nur mit Mühe brachte er es fertig vom Badezimmer aus zu seinem Bett zu gelangen.
Mit einem Stöhnen ließ er sich auf die bequeme Matratze sinken, zog die Vorhänge um sein Bett herum zu und schlüpfte unter das wärmende Federbett. Noch immer tat ihm alles weh, doch er ignorierte die Schmerzen. Sie waren auf einem Level, von dem er wusste, dass er mit ihnen klarkommen, sogar schlafen konnte.
Zwar nicht besonders gut, aber genug, um am nächsten Tag über die Runden zu kommen und nicht wie der wandelnde Tod auszusehen. Er schloss die Augen, konzentrierte sich darauf tief und gleichmäßig zu atmen und seinen Geist zu leeren. Kurz darauf war er in einen unruhigen Schlaf gesunken.
Irritiert blinzelnd kämpfte Neville sich aus seiner Decke und seinem Kissen heraus, welche eine Anhänglichkeit aufwiesen, bei der er eine entfernte Verwandtschaft mit einer Teufelsschlinge in Erwägung zu ziehen begann. Bei Merlin, nicht einmal die Parkinson klebte so hartnäckig an Malfoy, wie dieses verdammte Stück Stoff an ihm!
Grummelnd zog den Vorhang seines Bettes zur Seite und ließ seinen Blick durch den, vom Ofen in ein sanftes Zwielicht getauchten Schlafsaal schweifen.
Irgendetwas hatte ihn im seinem Schlaf gestört und nach mehr als sechs Jahren mit den anderen Jungs in einem Schlafsaal, hatte das schon einiges zu bedeuten.
Seltsamerweise konnte er nun nichts Ungewöhnliches mehr hören. Obwohl …
Er runzelte die Stirn und hörte ein wenig genauer hin.
Da war es wieder … ein Geräusch. Es war ziemlich leise und es war im Grunde erstaunlich, dass er davon überhaupt wach geworden war, da es von der normalen nächtlichen Geräuschkulisse im Schlafsaal beinahe übertönt wurde, doch es war definitiv da. Angestrengt lauschte der junge Gryffindor, die Augen schließend und sich ganz auf den unauffälligen Laut konzentrierend.
Was ist das? Das klingt wie … wie ein leises Stöhnen? Nein … eher eine Mischung aus Stöhnen und Wimmern. Ob einer der anderen krank ist?
Schnell sprach nahm er seinen Zauberstab zur Hand und sprach einen Lumos, um ein wenig besser sehen zu können, dann ging er nacheinander seine verschiedenen Zimmergenossen durch.
Ron, dessen Bett direkt neben dem seinen lag, war am Schnarchen, als wolle er den gesamten verbotenen Wald innerhalb einer Nacht abforsten. Hier gab es also nichts Ungewöhnliches.
Dean hatte mal wieder vergessen seinen Vorhang zu schließen und Neville konnte trotz des diffusen Lichtes ohne Schwierigkeiten erkennen, dass er friedlich und - wenn er von seiner Erfahrung mit dem Fußballfan ausgehen konnte - still vor sich hin sabbernd schlief.
Auch Seamus schien in tiefem Schlaf zu liegen, im Traum leise vor sich hin murmelnd. Die alte Plappertasche konnte nicht einmal im Schlaf den Mund halten. Auch das war nichts Neues.
Also blieb nur noch einer übrig … Harry.
Leise, um keinen der anderen zu wecken, stieg Neville aus dem Bett und ging zu seinem besten Freund herüber.
Wenn er das Geräusch richtig interpretiert hatte, dann konnte er davon ausgehen, dass es Harry nicht besonders gut ging, er krank war oder unter einem Albtraum litt.
Neville hätte sein Taschengeld für ein halbes Jahr verwettet, dass ersteres der Fall war.
Harry hatte sich schon seit einigen Tagen seltsam verhalten, war stiller gewesen, als gewöhnlich und hatte ab und an einen seltsamen Ausdruck im Gesicht gehabt, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hatte. Selbst Luna war sein merkwürdiges Verhalten aufgefallen und sie hatte die Vermutung geäußert, dass er vielleicht von einem Hubelgnauber als Wirt benutzt würde. Neville hatte lieber nicht nachgefragt, was genau das für ein Wesen sein sollte.
Aber das da irgendetwas nicht in Ordnung ist, dass stimmt schon … vorhin im Gemeinschaftsraum hat er mich nicht einmal angesehen, als ich ihn begrüßt habe. Ich glaube er hat es nicht einmal wirklich mitbekommen und dann ist er ganz früh zu Bett gegangen, obwohl er dank seiner Katzennatur jetzt beinahe schon nachtaktiv genannt werden könnte.
Hoffentlich ist es nichts Ernstes!
Direkt neben Harrys Bett blieb Neville stehen, das leise Geräusch, das ihn geweckt hatte, war nun ein wenig lauter und er konnte fühlen, wie sich ein harter Kloß in seinem Magen bildete.
Bitte, gütiger Merlin, lass es nur ein Albtraum sein. Bitte, bitte, bitte!
Mit einem Ruck riss er den Vorhang zur Seite und leuchtete mit seinem Zauberstab direkt in das dahinter liegende Dunkel hinein. Das erste, was er dort sah, war ein Hügel unter der Bettdecke, wo Harry sich zusammengerollt haben musste, und ein wenig wirres, schwarzes Haar, welches unter ihr hervorschaute. Es hätte das ganz normale Bild eines schlafenden Jungen sein können, wären da nicht zwei Dinge gewesen. Erstens das nun ohne den als Schalldämpfer wirkenden Vorhang deutlich hörbare, gewimmerte Stöhnen und zweitens die Tatsache, dass der Hügel unter der Bettdecke stark zitterte.
Neville runzelte die Stirn. Bitte, lass es nur ein Albtraum sein!, flehte er in Gedanken erneut und streckte seine Hand nach der Bettdecke seines Freundes aus. Er hatte Angst, vor dem, was er sehen würde, wenn er sie wegzog, aber er musste nachsehen, wie es Harry ging. Er wusste, dass er seine Angst überwinden konnte, wen es darauf ankam, das war es, was einen Gryffindor ausmachte. Mut war nicht das Fehlen von Angst, sondern sich dieser zu stellen.
Also holte er einmal tief Luft und zog dann die Decke mit einer einzigen Bewegung zur Seite.
Das erste, dass ihm in den Sinn kam, als die Decke verschwunden und der Blick auf Harry frei war, war wie klein und verletzlich sein Freund wirkte.
Er hatte sich in Fötushaltung zusammengerollt, die Beine so nahe, wie nur möglich an den Oberkörper gezogen, die Arme darum geschlungen und den Kopf so gebeugt, dass sein Gesicht nicht zu sehen war. Dunkelrote Flecken zierten den hellen Stoff seiner Schlafhose, wo sich seine Krallen in den Stoff und das darunter liegende Fleisch bohrten. Den Katzenschwanz hatte er schützend um seinen zitternden Körper geschlungen und seine Ohren lagen eng am Kopf an.
Er sieht so hilflos aus …
„Harry? Bist du wach?"
Besorgt ruhte sein Blick auf seinem Freund, während er auf eine Reaktion wartete. Lange geschah nichts und er dachte schon, dass Harry vielleicht wirklich noch schlief. Dann jedoch konnte er sehen, wie sich sein Kopf langsam hob und sich drehte, um ihn anzublicken.
Zischen sog Neville Luft zwischen seinen Zähnen ein.
Fuck!
Normalerweise war er nicht der Typ, der fluchte, doch in diesem Moment war das vergessen. Vergessen über den Blick in dem Augen seines besten Freundes.
Harrys Augen, die sonst vor Leben strahlten und funkelten, waren glasig und schienen direkt durch in hindurch zu blicken, als währe er überhaupt nicht da. Schmerz stand in ihnen geschrieben, so deutlich, dass selbst ein Analphabet in der Lage gewesen wäre es zu lesen.
Noch nie hatte Neville so viel Schmerz in den Augen eines anderen Lebewesens sehen können.
Je länger er in die schmerzerfüllten Seelenspiegel, des anderen sah, desto mehr konnte er spüren, wie er sich in ihren vernebelten Tiefen verlor.
Sein Gesicht war so bleich, dass sie wie zwei bodenlose Seen waren, die einen in die Tiefe ziehen und dort festhalten konnten, bis man den Schmerz beinahe selber spüren konnte.
Mit einem Schaudern riss er sich von dem dunklen Grün los und ließ seinen Blick stattdessen über das restliche Gesicht seines Freundes schweifen.
Mit Sorge erkannt er die schweißnasse Haut, die geröteten, tränenfeuchten Wangen und das im Licht seines Zauberstabes dunkel schimmernde Blut, welches von einem Biss in seiner Lippe aus, über sein Gesicht lief und von dort aus auf das Lacken tropfte.
Ein leises Wimmern erklang und Neville konnte sehen, wie sich Harrys Fangzähne erneut in seine Lippe bohrten, als er anscheinend versuchte einen Schmerzenslaut zu unterdrücken.
„Oh, Harry!"
Ohne groß darüber nachzudenken, streckte Neville die Hand aus, um eine schweißverklebte Haarsträhne aus dem Gesicht des Katzenjungen zu streichen. Augenblicklich wünschte er sich, es nicht gemacht zu haben.
Kaum berührte seine Hand die Haut Harrys, zuckte dieser wie unter Strom zusammen und ein unmenschlicher Schrei drang über seine blutigen Lippen. Sein Gesicht war eine einzige Maske des Schmerzes, seine Augen nicht mehr ausdruckslos und glasig, sondern von solch einer abgrundtiefen Qual erfüllt, dass Neville ein eiskalter Schauer über den Rücken lief, bei dem er sonst den Raum augenblicklich nach Dementoren abgesucht hätte.
Ruckartig zog er seine Hand zurück, hoffend so vielleicht das Leiden seines Freundes, wenn nicht zu beenden, doch wenigstens wieder auf das Level zurückzusetzen, welches es vor seiner Berührung besessen hatte.
Vergebens.
Einmal geöffnet hatte die Büchse der Pandora ihr Unheil entlassen und nichts konnte es wieder ungeschehen machen.
Hilflos musste Neville dabei zusehen, wie sein Freund sich in Schmerzen wand, wie seine Krallen sich in blindem Wahn in sein Fleisch bohrten und lange, blutige Striemen zogen, während unablässig diese unmenschlichen Schreie reinster Qual und Pein aus seiner Kehler drangen, den Raum bis in den letzten Winkel erfüllten.
Nur nebenbei bekam der Gryffindor mit, wie seine anderen Zimmergenossen, durch die Schreie geweckt, mit vor Horror geweiteten Augen auf Harrys Bett zugeeilt kamen. Ihre Gesichter vor Schock bleich genug um den Hogwartsgeistern Konkurrenz zu machen.
„Neville … was ist los?"
„Was hat Harry? …"
„Merlin, ich glaube mir wird schlecht!"
Wild redeten die anderen Jungen durcheinander, doch für Neville hätten sie ebenso gut Suaheli sprechen können. Seine ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf Harry, nichts konnte er hören, als seine Schreie, die in seinem Kopf widerhallten und Bilder vor seinem inneren Auge entstehen ließen, die jeden Horrorfilm wie ein Kindermärchen erschienen ließen.
Erst als er sah, wie Ron noch näher ans Bett heran trat und Anstalten machte Harry zu berühren, schaffte er es sich von seinem Schock zu befreien.
„NEIN!", stieß er aus und griff reflexartig nach dem Handgelenk des Rothaarigen. Dieser blickte ihn verwirrt und leicht verärgert an.
„Was soll der Mist, lass mich los!"
„Du darfst ihn nicht berühren … keiner von euch!"
„Lass mich los!", funkelte Ron Neville an. Zu seinem Erstaunen zuckte dieser jedoch nicht zurück, wie er es sonst tat, wenn er böse angesehen wurde, sondern blickte ihm gerade in die Augen.
Als er sprach war seine Stimme leise aber entschlossen.
„Nicht anfassen!"
„Jaja, ist ja gut, ich hab es ja verstanden … niemand fasst Harry an!" Genervt verdrehte Ron die Augen und rieb sich dann mit einem erleichterten Seufzer das Handgelenkt, als Neville dieses endlich frei gab.
Wer hätte gedacht, dass der so einen festen Griff hatte?
Während der jüngste Weasleyspross noch leise vor sich hin schimpfte, fand sich Neville mit einem Mal im Zentrum der Aufmerksamkeit der anderen Jungen wieder.
„Neville, was ist mit Harry los?" Nervös flatterte der Blick von Seamus von Neville zu Harry und wieder zurück.
„Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass es nur schlimmer wird, wenn man ihn anfasst. Er … er hat gewimmert, als ich ihn gefunden habe und dann … ich hab ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen wollen und dabei seine Haut berührt …" Die Stimme des Jungen brach und Tränen standen in seinen Augen. „Wegen mir ist sein Schmerz so schlimm geworden! Ich bin Schuld!"
Neville konnte spüren, wie seine Knie unter ihm nachgaben.
Ich bin Schuld … nur wegen mir ist es so schlimm!
Im nächsten Moment war Dean neben ihm, einen Arm um seine Taille geschlungen, und hielt ihn aufrecht. Er war ebenso bleich wie alle anderen im Raum und seine Augen waren dunkel vor Sorge, doch seine Stimme war fest und voller Überzeugung, als er Neville direkt in die Augen blickte und sagte: „Du bist ein Idiot!"
Verwirrt blinzelte Neville.
„Du bist ein Idiot, wenn du glaubst, dass du daran schuld bist, dass es Harry so schlecht geht. Du konntest nicht wissen, was passieren würde, wenn du ihn berührst, also reiß dich gefälligst zusammen. Harry braucht jetzt unsere Hilfe."
Immer noch dafür sorgend, dass Neville keine nähere Bekanntschaft mit dem Fußboden machte, wandte er sich zu Seamus und Ron um.
„Seam … lauf los und hol Madame Pomfrey. Am Besten gehst du zu Professor McGonagall, sie kann sie über das Flohnetzwerk rufen. Ron … Ron? … Verdammt, RON!" Ruckartig schnappte der Kopf des Rotschopfs hoch, als Seamus ihm auf seinem Weg nach draußen einen Schlag in den Nacken versetzte.
„Ja?"
„Nett, dass du dich mal kurzzeitig aus deiner Tirade losreißen konntest, um uns mit deiner wertvollen Aufmerksamkeit zu beehren!
Könntest du vielleicht draußen vor der Türe weiter darüber schimpfen, dass Nev dir einen blauen Fleck verpasst hat und für uns verhindern, dass sich das ganze Haus hier drinnen zusammen findet? Bei dem Lärm hier, wird es nicht lange dauern, bis alle anderen auch wach sind und wie eine Horde Trolle in den Schlafsaal getrampelt kommen."
Mit hochrotem Kopf hastete Ron zu Tür. Er wusste, dass er sich mal wieder wie ein unsensibles Arschloch verhalten hatte, doch es war leichter sich über irgendeine Kleinigkeit aufzuregen, als auf die Schrie Harrys zu hören. Sie waren vielleicht nicht mehr so eng befreundet, wie vor seiner Verwandlung, doch Harry war immer noch sein Freund und ihn so leiden zu sehen … das konnte er einfach nicht ertragen!
Mit dem Zauberstab in der Hand positionierte er sich vor der Tür und versuchte die Schreie hinter sich zu ignorieren.
Am Fuß der Wendeltreppe konnte er die ersten Gestalten erkennen.
Auf in den Kampf!
~tbc~
