Wenn Harry am achten Morgen deprimiert gewesen war, so war er am Abend des achten Tags regelrecht verstört. So viele Gedanken gingen ihm auf einmal durch den Kopf, dass er sich schließlich vollkommen zurückgezogen hatte und stumm im Garten sitzen geblieben war nach dem Abendessen. Sowohl Hermine, als auch Ron hatten ihn mehrfach angesprochen, doch nachdem er nur patzige einsilbige Antworten gegeben hatte, waren beide ins Haus zurückgegangen. Nun saß er also im Garten hinter dem Fuchsbau und sah den Sternen zu, wie sie langsam, blinkend am Himmel erschienen. Er hatte sich ziemlich zum Narren gemacht, das war ihm an diesem Abend mehr als klar. Nicht nur zum Narren, einfach zum Volltrottel. Irgendwie hatte er geglaubt, dass er eine viel ältere Aurorin wohl für sich gewinnen könnte, dabei hatte er nie den Hauch einer Chance gehabt. Sie hatte nett mit ihm geplaudert, weil es ihr Job war, doch mehr auch nicht und während Harrys Herz immer höher geschlagen hatte, war ihr Herz nur näher zu Lupins gerutscht. Wer konnte es ihr auch verdenken? Harry mochte Remus Lupin und er konnte verstehen, wenn eine Frau wie Tonks sich zu ihm hingezogen fühlte.
Es waren kurz vor Mitternacht mittlerweile und Harry lehnte an dem kleinen Gartenhäuschen und hoffte, dass ihn nicht noch einmal jemand belästigen würde, er hatte Angst, dass einfach alles aus ihm heraus sprudeln würde, wenn nur noch einmal jemand danach fragte und er schämte sich viel zu sehr, um sich jemandem zu offenbaren. Eine Kanne voll Tee und eine Tasse stand zu seiner Rechten im Gras, schmerzlich bemerkte er, dass es dieselbe Teesorte war, die er auch Tonks angeboten hatte.
Verärgert zog er seinen Umhang enger und legte den Kopf in den Nacken, um den Himmel zu beobachten. Immer noch suchte er nach einem Strohhalm, auch wenn es hoffnungslos war. Oder sinnlos, je nachdem wie man es nahm. Er hörte, wie die Turmuhr im Dorf, gegenüber auf den Hügeln, zwölf schlug. Dingdong machten die Glocken. Der neunte Morgen brach an. Der neunte Morgen, seitdem Tonks ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte und sein Innerstes nach außen gestülpt hatte, nur um es danach zu zerquetschen und mit Füßen zu treten. Und das Schlimmste daran war, dass sie davon gar nichts wusste und es vermutlich nicht einmal mit Absicht tat.
Harry hörte Schritte auf dem Weg vor der Hecke, die den Garten umgab und presste sich eng an das Gartenhäuschen. Er wollte nicht gesehen werden, doch die Schritte brachen abrupt ab, jemand war stehen geblieben. Er hörte einen Umhang rascheln. Wer auch immer dort war, es war kein Muggel, da war sich Harry sicher und er war bereits im Begriff, seinen Zauberstab zu ziehen, als er die Stimme hörte, die er sich in diesem Moment am meisten ersehnt hatte: „Harry, bist du das?"
„Ich bin hier", rief er und stand nun doch auf.
Jedes Mal, wenn er sie sah, setzten seine Gedanken aus. War er eben nicht noch wütend auf sie gewesen? Das war jetzt verblasst zu einem nichtigen Gedanken und das Einzige, was jetzt zählte, war dass sie bei ihm war.
Ungelenk stieg Tonks durch die Hecke und erwürgte sich beinahe ein einigen querstehenden Ästen, die sie erst mit ihrem Zauberstab zur Räson bringen musste.
„Hättest du dich nicht wieder auf die Veranda setzen können? Da ist es viel schöner", maulte sie zur Begrüßung.
„Hallo, Tonks."
„Oh,... ja, hallo." Sie sah nun eindeutig verlegen aus. „Wo warst du denn heute Morgen?"
„Ich, ähm... ich hab verschlafen", entgegnete er, nun ebenso verlegen.
Damit hatte er am allerwenigsten gerechnet. Außerdem war er sich sicher, dass Tonks ihm das nicht abkaufte. Ein unangenehmes Schweigen entstand. Ein Glück, dass Tonks sich nun einfach schweigend neben ihn setzte und ihn ansah.
„Ist alles in Ordnung?", fragte sie schließlich.
Harry wurde in den letzten neun Tagen verdächtig oft danach gefragt, ob alles in Ordnung war und nur bei ihr verspürte er nicht den Impuls einfach los zu schreien.
„Ja... jetzt schon." Am liebsten hätte er sich die Zunge abgebissen. Warum hatte er das gesagt? Gott, er musste verrückt geworden sein.
Sie lachte jedoch und sah auf die Teekanne. „Darf ich einen Schluck haben? Ich bin schon seit heute Morgen auf den Beinen", erklärte sie und machte sich nicht die Mühe, die Tasse zu benutzen, sie trank einfach aus der Kanne, nicht ohne natürlich eine beträchtliche Menge auf ihren Umhang zu verschütten.
Harry musste laut loslachen. So war das immer. Sie war da und sie brachte alles in Ordnung, in dem sie selbst Unordnung machte. Er wusste nicht, wie das geschah, aber es war einfach ein wunderschönes Gefühl.
„Was machst du denn den ganzen Tag?", wollte er nun noch einmal wissen. Er hatte das Gefühl, dass sie es ihm vielleicht heute Abend einmal sagen würde.
„Um die Wahrheit zu sagen, ich tue gar nichts. Ich bin beurlaubt."
„Du bist was?" Nun verstand Harry gar nichts mehr, Tonks war beurlaubt? Sie hatte ihm doch gesagt, dass sie für den Orden arbeitete und das war ja nicht ihr einziger Job, sie war immer noch eine Aurorin im Dienste des Ministeriums.
Sie lächelte traurig.
„Man fand, dass ich eine Weile Urlaub bräuchte. Durch meine Gestaltwandlerei gefährde ich jeden Auror und jede Aktion. Ich... ich hab das wohl immer noch nicht richtig unter Kontrolle. Alles in den letzten Wochen... das war irgendwie zu viel."
Harry war immer noch viel zu verwirrt, um zu realisieren, dass sie ihn angelogen hatte, das störte ihn nicht einmal. Doch er suchte krampfhaft nach einer Erklärung, warum sie dann jeden Morgen zum Fuchsbau gekommen war. „Das tut mir Leid für dich." sagte er mechanisch, zermarterte sich jedoch weiterhin den Kopf. „Aber du bist doch sicher noch für den Orden tätig, oder?"
„Nein. Professor Dumbledore hielt es für besser, wenn ich bis auf weiteres erst einmal gar nichts tue und mich erhole. Er war sehr nett, weißt du?"
„Als wir in den Drei Besen frühstücken waren, da hattest du keine Erlaubnis von Dumbledore, oder?"
Sie schüttelte den Kopf. Heute Nacht hatte sie sonnengelbes Haar und einen Schmollmund.
„Ja und?", sagte er plötzlich erleichtert. Das war das erste Gute, was an diesem Tag geschah. Sie hatte ihn von sich aus in die Drei Besen eingeladen und nicht, weil Dumbledore wollte, dass sie ihn bewachte. Sie hatte es aus eigenem Antrieb getan, das war alles was zählte.
„Nichts und", murmelte sie. „Ich wollte dir das nur sagen. Ich fand es nicht richtig, dass du denkst, ich käme nur, weil Dumbledore das so will, ich kam, weil ich mir wirklich Sorgen um dich gemacht habe. Ich habe dich manchmal verpasst, aber ich habe immer versucht, da zu sein."
„Danke", stammelte Harry, immer noch völlig perplex.
Jetzt gerade war ihm das zu viel. Er hatte sich eine Menge erhofft, er hatte sich verflucht, er hatte sie verflucht, er hätte in seinem Zorn am liebsten irgendetwas zerschlagen, doch wirklich erträumt hatte er sich genau das, jedoch nie damit gerechnet, dass es eintreffen könnte.
Tonks rutschte ein wenig unruhig an der Wand des Gartenhäuschens hin und her, als wüsste sie nicht so recht, was sie jetzt noch tun sollte.
Aber Harry wusste es. Wo sie ehrlich gewesen war, war es wohl für ihn an der Zeit, dasselbe zu tun. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich ihr Gesicht erneut veränderte, sie zeigte das Gesicht, mit dem er sie kennengelernt hatte, das herzförmige Gesicht mit den mausgrauen Haaren. Für ihn war sie in diesem Moment wunderschön.
„Ich... ich habe dich gestern mit Lupin gesehen."
Die Reaktion hätte nicht heftiger ausfallen können, Tonks ließ vor Schreck beinahe die Teekanne fallen und wurde rot bis in die Haarspitzen, in ihrem Fall war das durchaus wörtlich zu nehmen.
„Wie das denn?"
„Ähm... das war keine Absicht." Was war er nur für ein Feigling, noch eine Minute zuvor hatte er sich vorgenommen, ehrlich zu sein. Lächerlich. „Wieso war er hier draußen?"
„Er wollte nachsehen, ob es mir gut geht. Ich habe mich schon ein paar Tage bei niemandem aus dem Orden gemeldet."
Harry musste daran denken, wie die beiden sich gestritten hatten, somit war das, was Tonks da erzählte, nur die halbe Wahrheit, doch gemessen daran, dass er ebenfalls nur die halbe Wahrheit gesagt hatte, beließ er es dabei. Er hatte nicht das Recht, sie dafür zu rügen. Dafür nahm er sich nun vor, die komplette Wahrheit zu sagen. Mochte sie damit tun, was sie wollte.
„Tonks, ich... ich habe euch gesehen, wie ihr gestritten habt. Ich möchte nicht wissen, warum, ich wollte nur, dass du es weißt."
Sie sah ihn ziemlich verblüfft aus ihren wunderbar braunen Augen an, sie sagte jedoch kein Wort, was Harry nicht unbedingt als gutes Zeichen deutete.
„Da ist noch etwas", druckste er schließlich herum. „Irgendwo zwischen all diesen Morgen habe ich mich irgendwie in dich verliebt." Er sah zu Boden. Er wollte ihren Blick nicht sehen. Vermutlich war er spöttisch. Oder noch schlimmer: voller Mitleid.
Stattdessen tat sie etwas Eigenartiges: Er fühlte, wie ihre Hand unter sein Kinn kroch und ihn dazu zwang, sie anzusehen. Ihr Blick war warm und ihre Augen schienen förmlich zu leuchten. Ein wunderbarer Anblick.
Als sie ihn endlich küsste, schien die Welt für einen Augenblick still zu stehen. So oft hatte er daran gedacht, aber niemals hatte er sich gewagt, diesen Gedanken tatsächlich zu Ende zu denken, geschweige denn in die Tat umzusetzen.
Als sie sich schließlich von ihm löste sah sie ihn lange an, ungläubig, als wäre sie sich selbst nicht sicher, dass das gerade geschehen war.
„Ich...", flüsterte sie erschrocken. „Ich... ich weiß nicht, wie das passieren konnte", begann sie dann zögerlich. „Harry, warte auf mich. Ich komme dich in einem Tag holen." Plötzlich war ihre Stimme aufgeregt. „Ich muss nachdenken... bitte..." Jetzt wurde ihre Stimme flehentlich.
Harry berührte ihre weiche Haut abermals und stand schließlich auf. „Du hast alle Zeit der Welt. Nimm sie dir. Ich warte hier auf dich."
Ihre Augen strahlten jetzt wieder, so wie in dem Moment, in dem er ihr gestanden hatte, was er für sie empfand. „Danke, Harry."
Dieses Mal war der Kuss noch viel sanfter.
