9: Kämpfe
"No longer the same
The order as changed
This time is chaos
A better world?
No more references
No absolute
Individual values
A better world?
An obliged passage
To coonsciousness
To freedom of thoughts
To better individuals
Struggling minds
For a time
Lost in darkness
Fighting to find the light
Healing wounds
Yet so painful
No more certaintie
Fear and doubts
Deprogrammed
Filters off line
To know not believe
Will chaos bring a new world?
Accurate readings
Uncomfortable
Reality perceived
Without lie or illusions"
Spencer Reid war schon immer ein Kämpfer gewesen, sein ganzes Leben lang und was immer sich ihn in den Weg gestellt hatte, er hatte nie aufgegeben. Aber sein Leben war niemals einfach verlaufen. Als sein Vater sich dazu entschlossen hatte, ihn und seine Mutter zu verlassen, musste er für seine Mutter da sein, dabei war er selbst noch ein Kind gewesen. Er hatte ständig mit ansehen müssen, wie sich ihr Zustand jeden Tag verschlechterte und die Schizophrenie die Überhand gewann und ihm nichts mehr blieb, als die schemenhafte Erinnerung an seine Mutter so wie sie einst gewesen war, eine Mutter, die ihn gehalten, vorgelesen hatte und ihn vor allem beschützen wollte. Doch die Krankheit hatte die Rollen vertauscht. Sie machte aus ihr den Menschen, der beschützt und gehalten werden wollte, ohne manchmal überhaupt zu verstehen, dass es ihr eigener Sohn war, der sich um sie kümmerte, an schlechten Tagen hatte sie ihn manchmal nicht erkannt und das war am schmerzhaftesten gewesen. Spencer hatte jeden Tag aufs Neue gekämpft damit zurechtzukommen, und niemals aufzugeben, damit es seiner Mom irgendwann besser gehen würde… Ein Wunsch, der niemals in Erfüllung gehen sollte.
Spencer war dankbar gewesen, tagsüber aus dem Haus zu kommen und zur Schule zu gehen. Seine ganze Schulzeit war nicht einfach gewesen, als hochbegabtes, überdurchschnittlich intelligentes Kind übersprang er die meisten Klassen und war um vieles jünger als die Schüler um ihn herum. Viele beneideten ihn, viele nahmen ihn nicht ernst und andere ließen ihren Frust oder ihre Wut gewaltsam an ihm aus. Doch er hatte gekämpft, er hatte sich nie unterkriegen lassen, immer einen Schritt besser als alle anderen, hatte er gelernt und jede Hürde genommen, die sich ihn in den Weg gestellt hatte, und er war belohnt worden, er hatte drei Mal promoviert noch bevor er zwanzig wurde. Er hatte hart gearbeitet, alles getan um den Verstand beschäftigt zu halten, nur um mit der schwersten Entscheidung seines Lebens umgehen zu können.
Er war gerade volljährig geworden, als er den ersten Kampf aufgeben hatte und er fühlte sich nicht länger der Krankheit seiner Mutter gewachsen. Er musste sie schließlich in ein Sanatorium einweisen lassen. Wenn er sich vorher oft allein gefühlt hatte, so war er es nun wirklich und er musste sich um das Haus seiner Eltern kümmern, und sich eine Perspektive suchen.
Auch da hatte er wieder kämpfen müssen, er war jung und alles stand ihm offen, er musste Entscheidungen treffen, bei denen ihm niemand helfen konnte, niemand konnte ihn unterstützen. Er hatte niemanden gehabt, der stolz auf ihn sein konnte, oder der sich um ihn kümmerte. Der einzige Mensch, den er noch hatte war eingesperrt hinter Mauern und er hatte nicht den Mut seine Mutter zu besuchen, weil er wusste, dass sie enttäuscht von ihm war. Das Leben verlief sehr einsam für ihn und die Vergangenheit war schwer zu ertragen. Er kämpfte, kämpfte um einen Platz im Leben, das ihn schon zu oft enttäuscht hatte.
Und endlich bot sich ihm eine Chance, dass sich alles doch noch zum Guten wenden konnte. Alles hatte sich plötzlich verändert, ihm wurde die ersehnte Perspektive aufgezeigt, als er eine Vorlesung von Special Agent Jason Gideon besucht hatte und er wusste, dass er versagt hatte seiner Mutter zu helfen, aber dass er den Menschen helfen konnte in dem er Verbrechen verhinderte und eine Laufbahn beim FBI anstrebte. Gideon hatte ihn auf Anhieb gemocht und seine Fähigkeiten geschätzt. Er ebnete ihm den Weg in ein neues Leben und Spencer hatte nicht gezögert das Haus zu verkaufen. Es war das Haus gewesen in dem er aufgewachsen war und trotzdem war es ihm nicht schwer gefallen alles in Las Vegas aufzugeben und am anderen Ende der Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. In Vegas gab es nur noch schmerzliche Erinnerungen, an Eltern, denen er nicht genug bedeutete und einem Haus, das nichts als schmerzhafte Erinnerungen barg.
Und als er in Virginia aus dem Flugzeug gestiegen war und die vier dicken Panzerglastüren des FBI Hauptgebäude in Quantico sich zum ersten Mal hinter ihn geschlossen hatten, gab es plötzlich eine Zeit in der alles besser war. Für ihn war es endlich einmal bergauf gegangen. Die dunklen Wolken der Vergangenheit hatten sich endlich für ihn aufgeklart. Sein Leben hatte sich zum ersten Mal zum Positiven gewendet als er mit neunzehn Jahren beim FBI angefangen hatte und dort ziemlich schnell mit Gideons Hilfe in die Verhaltensanalyse gekommen war. In Quantico hatte er plötzlich Freunde gefunden, Menschen, die sich um ihn sorgten, die ihn gut behandelten und ihn mochten, die gerne mit ihm zusammen waren. Und wenn er morgens zur Arbeit gegangen war, so war es für ihn eine Flucht aus der Einsamkeit gewesen, dort war seine neue Familie, eine Familie, wie er sie vermisst hatte.
Egal wie hart und grausam die Fälle gewesen waren, an denen er gearbeitet hatte, sie waren ein eingespieltes Team gewesen. Sie hatten stets effektiv mit einander gearbeitet, jeder perfekt auf den anderen abgestimmt. Stunden hatten sie im Flugzeug, im Büro oder im Hotel verbracht. Die Fälle waren immer anders, aber Spencer hatte eine gewisse Routine, er hatte Menschen um sich, die ihm vertrauten und ihn schätzten und nicht auf ihn herabsahen, weil er noch so jung war. Das war mehr Zuneigung als er in seinem ganzen Leben vorher erfahren hatte. Doch an einem ganz normalen Tag hatten sich die Türen hinter ihn geschlossen und er war unbekümmert ins Büro gegangen ohne zu wissen, dass dieser Tag alles andere als gewöhnlich werden würde. Der Fall an dem das Team gearbeitet hatte, hatte alles von ihnen abverlangt und Hotch hatte am Tag zuvor alle nach Hause geschickt, damit sie sich ausruhen konnten, sie sollten neue Kraft tanken um endlich aus dieser Sackgasse herauszukommen zu der diese Ermittlung nach fast einer Woche geworden war.
Spencer erinnerte sich an diesen Tag als wäre es gestern gewesen, er erinnerte sich wie er mit Kaffee ins Büro gekommen war, alle waren ausgeschlafen und endlich wieder besser gelaunt. Sie waren voller neuer Energie ohne dass sie auch nur ahnen konnten, dass dieser Tag alles verändern würde. Akten wurden durchgeforstet, die Photos der Opfer neu gesichtet, Kaffee wurde in Mengen konsumiert, schließlich ging der Tag in den späten Abend über und die Aufgaben wurden neu verteilt. Wer vorher Akten gewälzt hatte sollte jetzt Zeugen befragen und wer die Tatorte gesichtet hatte, sollte die Akten nach den Details durchsuchen, die die anderen möglicherweise übersehen hatten. Spencer hatte schon den ganzen Tag ein komisches Gefühl, so als hätte er geahnt, dass der Tag nichts gutes bringen würde, ohne es wirklich gewusst zu haben, es war nur so ein flaues Gefühl in der Magengegend, was er darauf zurückgeführte, dass er nichts gegessen und einfach zu viel Koffein getrunken hatte. Doch er war schon den ganzen Tag in diesem Raum ohne Fenster eingesperrt gewesen und so ließ er es sich nicht zwei Mal sagen Hotch zu begleiten um mögliche Zeugen zu befragen. So waren er und Hotch zu Zeugenbefragung gefahren ohne auch nur zu ahnen, dass einer von ihnen nicht wieder zurückkommen würde. Im Auto hatten sie kaum irgendwelche Worte gewechselt. Das war auch nicht nötig gewesen, sie verstanden sich ohne viele Worte jeder wusste genau wie er vorzugehen hatte. Durch einen dummen Zufall hatten sie sich getrennt und zwei verschiedene Häuser und Bewohner befragt Hotch war ins Haus eingeladen worden. Und Reids Zeuge war erst gar nicht zu Hause gewesen, weswegen er im fahlen Licht der Laternen die Straße entlang wanderte und wartete. Ihm war kalt gewesen und er konnte seinen Atem in kleinen Rauchschwaden vor sich sehen. Er beneidete Hotch im warmen Haus zu sein.
Als er sich verloren in seinen Gedanken umdrehte war er direkt mit einem Mann zusammengestoßen. Und in ihm hatten alle Alarmglocken aufgeschrillt, als er das Verhalten des Mannes betrachtet hatte. Es war nur ein großer Zufall gewesen, aber es war der Täter gewesen, der Mann wohnte noch nicht einmal in dieser Straße, er war ein Fremder gewesen, den noch niemand zuvor dort gesehen hatte und an den sich später niemand mehr erinnern würde. Er war lediglich an den Ort seines jüngsten Verbrechens zurückgekehrt, um die Trauernden zu beobachten. Es war purer Zufall gewesen, dass Reid ihn auf der Strasse getroffen hatte und ihm seine Marke gezeigt hatte. Im Schutze der Dunkelheit hatte der Mann Reid niedergeschlagen in seinen Wagen gezerrt und war in die Nacht verschwunden. In der Dunkelheit war es gewesen, als er aus ihrer Mitte gerissen wurde und schließlich entführt und gefoltert wurde... und darüber hinaus noch weit aus schlimmeres. Auch da hatte er kämpfen müssen, er wusste was der Täter getan hatte und er musste darum kämpfen zu überleben. Ihn nicht gewinnen zu lassen.
Sie kommen, das Team wird alles tun, um mich zu finden…
Das waren die Gedanken, die ihn in den ersten zwei Tagen ständig im Kopf umhergeschwirrt waren, er war so arrogant gewesen, es wirklich zu glauben. Er hatte sich darauf verlassen, dass sie ihn beschützen würden. Niemand hatte es ihm gegenüber je erwähnt, aber es war ein unausgesprochenes Gesetz für das Team auf Spencer - auf den Jüngsten - aufzupassen. Doch dieses eine Mal hatten sie es nicht gekonnt. Es hatte fast eine halbe Stunde gedauert, bis Hotch zum ersten Mal versucht hatte ihn auf dem Handy zu erreichen. Sein neu gewonnenes Leben in der schönen Stadt Quantico, Virginia war ihm fast für vier Jahre geblieben, eine Zeit, die ihn trotz des harten, nervenaufreibenden Jobs glücklich gemacht hatte, dann hatte es abrupt aufgehört, es war ihm genommen worden und er war vertrieben worden. Von diesem Tag an musste er auch kämpfen, aber diesmal war es ein einsamer Kampf, den er mit sich selbst führen musste. Und er hatte sich verloren gefühlt, eine Emotion, die ihn ständig begleitete und er hatte den Kampf beinahe verloren. Für immer…
Spencer Reid saß in seinem Büro und blickte Gedanken versunken geradeaus. Es war später Nachmittag und das Sonnenlicht warf glutrote Strahlen durch die Jalousien hinter seinem Schreibtisch.
Er fixierte die Strahlen, die durch das Fenster auf den grauen Teppichboden geworfen wurden, er beobachtete wie sie beinahe in Zeitlupe wanderten und versuchte die unangenehmen Erinnerungen, die dieses Bild in seinem Kopf entstehen ließ, zu ignorieren. An den meisten Tagen schaffte er es ohne Probleme. Heute war es anders, er sah Bilder vor sich, die ihn zwar ständig in seinen Träumen einholten, die aber niemals zuvor so klar gewesen waren. Sein Verstand war beschäftigt mit verschiedenen Details, seines Martyriums, die er längst vergessen oder eher verdrängt hatte. Die Zeit verstrich und er hatte kaum bemerkt, wie schnell die Stunden vorangeschritten waren, seit er in sein Büro zurückgekehrt war. Schwer atmend mit geballten Fäusten war er in diesen Raum geflüchtet und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Er hatte den Telefonhörer daneben gelegt und einfach nur auf den Boden vor sich gestarrt, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Auf seinem Schreibtisch lag ein dicker Stapel Akten, den er seit Stunden skeptisch beäugte. Hin und wieder hatte er den einen oder anderen Versuch gestartet und eine der braunen Papierhefter aufgeschlagen.
Der Staat gegen, Henry Lee Wilson, 45 Jahre alt, wohnhaft in Carson City, Nevada, verheiratet, drei Kinder. Anklage plädiert auf „nicht schuldig". Vergehen laut Anklageschrift nach Paragraph 13…
Begann er zu lesen und ließ seinen Blick schnell über die Worte gleiten. Die schwarzen Buchstaben tanzten vor seinen Augen und verloren schließlich ihren Sinn, er las die Worte, ohne sie wahrzunehmen. Er sah einfach durch sie hindurch und dann tauchte das Bild von Hotch vor seinem geistigen Auge auf. Seit Stunden hatte er da gesessen und versucht die Erinnerungen und die Wut zu blocken. Er hatte einfach nur über sein Leben nachgedacht und darüber, dass es niemals einfach gewesen war.
Aber es könnte einfacher werden... einen Schlussstrich ziehen…
Doch egal was er anfing und versuchte, seine Gedanken wanderten automatisch zu der Begegnung am Mittag und verharrten bei Hotch und dem was er gesagt hatte. Und bei den Gefühlsregungen, die diese Begegnung in ihm ausgelöst hatte.
Wir haben ihn...
Spencer war wütend gewesen, aber war er es wirklich weil Hotch hier gewesen war? Oder war er es aus einem anderen Grund gewesen. Wenn er jetzt zuließ über das Treffen nachzudenken, so musste er zugeben, dass es nur an ihm gelegen hatte. Er war wütend auf sich selbst. Weil er sich jetzt wieder der Vergangenheit stellen musste, die er jeden Tag aufs Neue abwehrte. Er kämpfte jeden Tag, jede Minute seines Lebens kämpfte er, dass es ihm besser gehen würde, dass die Alpträume verschwanden, dass er keine Panikattacken mehr hatte, dass er sich endlich wieder sicher fühlen konnte. Dass er vergessen konnte. Doch er musste in ständiger Angst leben. Wie oft hatte er sich ausgemalt wie es wäre, wenn der Mann, der ihm das angetan hatte endlich gefasst würde. Wie es sein müsste, ihm in die Augen zu sehen und ihm zu zeigen, dass er ihn nicht brechen konnte, dass er lebte und ein normales Leben führte.
Tue ich das denn? Oder laufe ich nur immer wieder weg… früher bin ich nicht weggelaufen. Da habe ich mich allem gestellt. Ich habe gekämpft, immer.
Spencer lebte mit der Gewissheit, dass der Täter ein Leben in Freiheit führte, er konnte ihn jederzeit aufspüren und es zu Ende bringen. Das war für Spencer lange Zeit das Schwerste gewesen. Wie lebt man normal, wenn man weiß, dass der Mensch, der einem alles genommen hat - außer das Leben selbst - völlig anonym da draußen lebt?
Er könnte in der Nähe sein oder weit weg. Er wusste es nicht. Er lebte mit einer permanenten Anspannung. Eigentlich war Spencer ständig auf der Flucht, sah sich unbehaglich um, bevor er irgendwo hin ging, versuchte sogar in der Menschenmenge der Kasinos ein bekanntes Gesicht auszumachen.
Ohne, dass er Hotch Recht geben wollte, drängte sich ein Gedanke immer wieder in den Vordergrund. Und auch wenn er es nicht wahrhaben wollte, er musste sich irgendwann mit allem auseinandersetzten. Doch er hatte sich an dieses Leben in Angst gewöhnt. Und dass Hotch hier gewesen war, war ihm doch viel zu früh gewesen. Es war niemals einfach für ihn gewesen, warum sollte er nicht endlich den einfacheren Weg wählen, so wie er es vor zwei Jahren getan hatte. Alles verdrängen und weiter weglaufen. Er konnte einen Schlussstrich ziehen, jedenfalls bestand nun die Möglichkeit dazu. Er konnte seinen Kampf vielleicht zu Ende führen und dann entscheiden ob es ihn wirklich gebrochen hatte, oder ob es irgendwann einen Weg für ihn aus diesem Gefühlschaos geben würde.
Spencer gab es auf, er klappte die Mappe zu und legte sie zurück auf den Stapel. Es brachte nichts, er schaffte es nicht seine Gedanken auf etwas anderes als auf das zu fokussieren, was er heute erfahren hatte.
Das du dein Leben wiederbekommst…
Spencer lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und beobachtete wieder die Sonnenstrahlen, kleine rot orangefarbene Streifen, die durch die halbgeöffneten Jalousien in den Raum fielen und winzige Staubflocken, die darin flimmerten und tanzten. Sein Blick ging beinahe hindurch und seine Gedanken verharrten kurz bei Hotch, der ihn aus dem Keller herausgebracht hatte.
Ein Teil von mir ist dort unten geblieben
Stellte er wehmütig fest und doch hatte er dass Gefühl, heute einen winzigen Teil davon zurückbekommen zu haben.
Spencer öffnete seine Schreibtischschublade und suchte weit hinten nach einem Photo, das er dort aufbewahrte. Er fand es und legte es vor sich auf den Tisch. Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen als er es betrachtete. Es zeigte ihn und seinen ehemaligen Kollegen Derek Morgan, JJ hatte es vor einer - wie ihm schien - ewig langen Zeit in einem Hotel aufgenommen. Er dachte an die Fälle und an die vielen Flüge in die verschiedensten Städte der Vereinigten Staaten. Er und Morgan hatten sich oft ein Zimmer teilen müssen. Hotch war der Familienmensch, der spät abends seine Frau anrief und stundenlang mit ihr und seinem Sohn telefonierte. Gideon schlief entweder im gleichen Raum mit ihm, oder hatte ein eigenes Hotelzimmer. Die Frauen teilten sich natürlich ein Zimmer und es war so eingespielt, dass Spencer und Morgan sich ein Zimmer teilten. Keinem von beiden hatte es je gestört, im Gegenteil, so unerfreulich ihr Aufenthalt in diesen Städten im Rahmen einer Ermittlung in verschiedenen Mordfällen auch war, im Hotel hatten sie stets gescherzt und meistens die ganze Nacht geredet oder Karten gespielt. Es war eine schöne Zeit gewesen, wie nervenaufreibend der Fall auch gewesen war, beide schafften es immer wieder ein paar unbeschwerte Momente zu erleben, in denen sie viel lachten und das alles jedenfalls für ein paar Stunden hinter sich ließen. Und für einen kurzen Moment bedauerte er in Vegas sesshaft zu sein und nicht wie früher von Airport zu Airport zu jagen. Er mochte dieses neue Leben, bzw. er hatte sich daran gewöhnt, aber etwas fehlte. Und er empfand wieder Wut, dass es ihm jemand einfach genommen hatte. Er hatte Zweifel über den nächsten Schritt und doch blieb er dabei.
Hotch hat es mir gesagt, die Jagd ist vorbei, aber es hat nichts für mich zu bedeuten, ich wähle den einfachen Weg…
Die Tür ging auf und Charlene kam herein. Sie lächelte ihn an und er lächelte wehmütig zurück.
„Hey, ich hab dich den ganzen Nachmittag nicht gesehen."
Sagte sie direkt und stellte ihm einen Becher Kaffee hin.
„Äh, ich musste die Akten fertigmachen… danke."
Er wich ihrem Blick aus, und griff nach dem Becher, dankbar einen Punkt zu haben, an den er sich halten konnte. Sie beäugte den Stapel unbearbeiteter Akten misstrauisch, er hatte ihn weg geschoben, an den Rand des Tisches. Sie wusste, dass er seit Stunden in seinem Büro gesessen hatte und an nichts gearbeitet hatte.
„Dein Freund war sehr nett..."
Stellte sie beiläufig fest und als Spencer fragend die Augenbrauen hob, fuhr sie schnell fort.
„Ich habe ihm vor dem Gericht getroffen... er war total nervös... aber sehr sympathisch."
„Was hat er dir erzählt?"
Wollte er wissen und hoffte, dass Hotch nicht direkt erzählt hat wo er arbeitet und warum er hier war.
„Ach, er hat dich gesucht, und er hat nur gesagt, dass ihr euch von früher kennt und dass ihr zusammen gearbeitet habt... Spencer, ich weiß du erzählst nie von dir. Aber er sagte, dass er Polizist sei."
Sie wurde leiser bei den letzten Worten und ließ es durch die Betonung wie eine Frage erscheinen.
„Ich dachte schon, er wollte dich verhaften."
Meinte sie scherzend, ihre Locken wippten als sie den Kopf lachend schüttelte. Dann wurde sie wieder ernst, als sie merkte wie ihr Freund die Bemerkung mit einer Handbewegung abtat und sie wehmütig ansah. Charlene ging um den Tisch herum und kam näher. Sie merkte wie sich seine Schultern anspannten. Sie setzte sich auf die Fensterbank hinter ihm und beugte sich vor, als er sich umdrehte und sie ansah, seine Augen glänzten feucht.
„Spencer, rede mit mir... ich sehe doch schon den ganzen Tag, wie dich das Treffen beschäftigt. Da stimmt doch was nicht. Was ist los? Warum hat er dich Doktor genannt?"
Für einen kurzen Moment hatte sie den Eindruck, dass Spencer einfach aufstehen und sie allein zurücklassen würde. Seine Miene war wie versteinert und er blickte an ihr vorbei aus dem Fenster, verlor seinen Blick in der roten untergehenden Sonne. Schließlich sah er auf und sie bemerkte, dass seine Augen müde wirkten. Sie streckte ihre Hand aus und griff nach seiner und er hielt sie. Suchte Trost in ihrer Berührung. Charlene wusste, dass er etwas Schlimmes durchgemacht haben musste, aber sie wusste nicht was es war. Sie sprach sanft zu ihm, ihre Stimme klang leise und beruhigend. Sie war ernst und versuchte ihm ein bisschen Sicherheit entgegen zu bringen.
„Spencer, du und ich... haben uns im Krankenhaus kennen gelernt, nachdem du dir das Leben nehmen wolltest. Ich hab mir ständig Sorgen um dich gemacht und wollte, dass du irgendwann einmal mit mir darüber redest. Ich wollte verstehen, warum du diesen Ausweg gesucht hast. Aber du redest nicht mit mir... Verdammt, da taucht dieser Mann auf mit seinem schicken Anzug und ich sehe dich das erste Mal seit wir uns kennen als wärst du eine völlig andere Person. Was ist es Spencer, was? Ich habe euch beobachtet, du hast gelächelt, du warst... fröhlich. Ich hab dich noch nie unbeschwert erlebt, nie. Wer ist das, was ist passiert?"
Er überlegte weiter, er atmete einmal tief ein und legte sich die passenden Worte zurecht, sie wollte ihn schon loslassen und aufstehen, als er endlich zu reden begann, die Stimme ein belegtes Flüstern.
„Das war Special Agent Hotchner... er ist beim FBI. Er ist Profiler in der Verhaltensanalyse… bevor ich nach Vegas kam, habe ich in seiner Abteilung gearbeitet."
Sie sah ihn mit großen Augen an und versuchte diese neue Information zu fassen, Spencer fuhr fort.
„Ja, ich habe früher für die Regierung gearbeitet."
Sie sah ihn misstrauisch an, schließlich war er noch recht jung, doch bevor sie etwas einwenden konnte erklärte er es ihr.
„Ich war 21, als ich zum FBI kam. Ich habe die Highschool mit 12 Jahren beendet, und in drei Fachbereichen promoviert. Ich bin das was man hochbegabt nennt und ich habe schließlich einen Platz in der Einheit für Verhaltensanalyse bekommen Ich war vier Jahre dort… bis…"
Er rutschte unruhig auf dem Stuhl herum, als die Erinnerung wieder kam. Er schüttelte den Kopf und suchte nach anderen Worten.
„bis ich den Job nicht mehr machen konnte, Agent Hotchner war mein Vorgesetzter... Ich bin gegangen, einfach gegangen ohne ein Wort. Ich bin nicht stolz darauf, aber es war notwendig."
„Das hab ich gesehen, ich habe dich das erste Mal seit langem Lächeln sehen. Du hast dich gefreut, das hab ich noch nie bei dir gesehen."
Reid lächelte jetzt wieder, es war ein schönes Gefühl sich so sicher wie früher zu fühlen, auch wenn das nur eine Illusion war. Wie sicher sie in Wahrheit gewesen waren, hatte das Team auf grausamste Weise erfahren müssen, als er entführt wurde.
„Wir sind nicht in Freundschaft auseinander gegangen."
Sagte er schnell und versuchte sich in Erinnerungen zu rufen, wie Hotch im Krankenhaus bei ihm gewesen war. Seit sie in der Notaufnahme in Des Plaine gemeinsam überlebt hatten, hatten sie eine unausgesprochene emotionale Verbindung, aber so nah und transparent wie damals in dem alten Kellerraum war sie nie zuvor gewesen. Und Reid wusste, dass Hotch mehr als enttäuscht sein musste, dass er fort gegangen war.
Seine Augen wanderten wieder zu den Sonnenstrahlen, die langsam dunkler wurden und ihn an die vielen Stunden Schmerz und Erniedrigung erinnerten.
„Ich kämpfe, Charlene."
„Ja, das sehe ich."
Sie sprach jetzt ganz leise und hielt seine Hand. Spencer sah auf und blickte ihr in die Augen und alles was sie darin ablesen konnte war Kummer und sie wusste, dass er niemals Liebe für sie empfinden würde. Sie fühlte, wie er dieses Leben gegen seinen Willen führte. Aber darum ging es in diesem Augenblick nicht. Der Tag hatte ihn verändert, er wurde ein kleines Bisschen zugänglich und sie war einfach da, um ihm Trost zu spenden und zu zuhören. Sie wartete ab und sah zu Boden, versuchte zu sehen, was er dort sah.
„Wir hatten vor zwei Jahren diesen Fall… ein Serienmörder, der in wenigen Monaten mehrere junge Frauen entführte, folterte und ermordete. Jeder Fall ist einzigartig, aber dieser, war speziell, von Anfang an ist alles schief gelaufen, unser Profil passte nicht, die Verdächtigen konnten nicht eingegrenzt werden, immer wenn wir dachten, wir sind einen Schritt näher waren wir in Wahrheit zwei Schritte zurückgegangen. Wir haben Stunden, Tage im Büro verbracht, haben alle Details immer wieder durchleuchtet und kamen nicht weiter. Wir waren erschöpft, hatten kaum gegessen und geschlafen und fingen bereits an, unseren Frust aneinander auszulassen. Schließlich sind wir Zeugenaussagen nachgegangen, sind getrennt raus gegangen und haben Befragungen durchgeführt… vergebens."
Reid seufzte laut, als er sich die Ermittlung in Erinnerung rief, und plötzlich wurde ihm bewusst, dass diese Tage im Chaos, die letzten wirklich unbeschwerten Tage für ihn gewesen waren.
„Der Fall hat uns alle verändert. Er hat alles von uns abverlangt und ich… wir wurden mit Dingen konfrontiert, mit denen wir es noch niemals zuvor zu tun hatten. Der Unbekannte… ähm, der Mörder kam damals davon und der Fall wurde zu den Akten gelegt… Ich habe mich dazu entschieden aufzuhören. Der Fall war zu persönlich."
„Wieso das?"
Er hörte Hotchs Stimme laut in seinen Ohren, so als würde er neben ihn stehen und er hörte die Worte, die er im Krankenhaus zu ihm gesagt hatte, bevor er in den heilenden Schlaf gesunken war.
Wir kriegen ihn, Junge… wir stehen das gemeinsam durch.
„Das ist nicht wichtig."
Wich er schnell aus und blinzelte mehrmals angestrengt, als er die Schatten der Entführung fortjagen wollte. Charlene nickte nur enttäuscht. Sie kannte seine Alpträume und sie wusste, warum er Narben am Handgelenk trug. Wenn er auch immer verschlossen war, es war offensichtlich, dass er wichtige Details ausließ, die er ihr nicht anvertrauen wollte.
„Hotch… Agent Hotchner war hier, um mir mitzuteilen, dass sie den Täter verhaftet haben."
„Aber das ist doch großartig."
Spencer antwortete nicht.
„Oder nicht?"
Fragte Charlene skeptisch. Sie wollte so viele Fragen stellen, mehr erfahren doch Spencer hatte ihr ein wenig Vertrauen geschenkt, sie wollte ihn nicht drängen, denn dann würde er sich wieder ganz zurückziehen. Auch wenn er nicht die ganze Wahrheit sagte, dass war mehr als sie in einem Jahr über ihn erfahren hat.
„Ja, das ist es."
Stellte er schließlich fest. Ein Lächeln huschte wieder über seine Lippen und er löste den Blick von dem Schatten und den roten Strahlen auf dem Boden.
„Alles in Ordnung?"
Fragte sie, er wirkte immer noch Gedanken versunken und es war offensichtlich, dass zwei Seiten in ihm miteinander kämpften, und sich noch nicht entschieden hatte, welche davon als Sieger hervorgehen würde.
„Ich weiß nicht… ich denke oft an zu Hause, an Quantico, und manchmal vermisse ich es auch…Ich hab mich einfach gefreut, Hotch hier zu sehen. Ich kann es dir nicht erklären. Ich verdanke ihm sehr viel."
Er legte die Akten zusammen, sortierte den Stapel um, so als würde er an ihnen arbeiten und für Charlene war es offensichtlich, dass er das Thema jetzt nicht weiter behandeln wollte. Ihre Blicke trafen sich, als er das Photo zurück in seine Schublade legte. Sie nickte stumm, betrachtete ihn mit neuen Augen und dachte nach, was der Fall mit ihm und seinem alten Leben angestellt hatte. Was ihn dazu veranlasst hatte eine Karriere beim FBI aufzugeben und in dieser Stadt zu wohnen und langweilige Akten zu bearbeiten.
„Hat es was zu bedeuten, dass er hier war? Ich meine er ist den ganzen Weg hier her gekommen nur um dir zu sagen, dass ein alter Fall aufgeklärt wurde. Nur um dich zu sehen. Er muss ein sehr guter Freund sein."
„Nein, es hat nichts zu bedeuten. Ich habe keinen Kontakt zu den Leuten aus Quantico. Er war einmal ein guter Freund. "
Er sah nicht glücklich aus, sie konnte es in seinen Augen ablesen. Seine braunen Augen blickten stets traurig und müde, aber da war noch etwas anderes in ihnen, und sie glaubte, dass es Wut war und auch Sehnsucht. Und sie fühlte, dass er um etwas kämpfte, dass er verloren hatte, aber nicht bereit war aufzugeben.
Sie stellte sich hinter ihn und legte ihre Hände sanft auf seine Schultern, er schloss die Augen und atmete aus als sie begann ihn zu massieren. Sie beugte sich zu ihm herunter und flüsterte in sein Ohr.
„Es ist in Ordnung, Spencer, ich mach dir keine Vorwürfe und ich werde dir keine Fragen stellen, auch wenn ich vieles nicht verstehe. Aber ich kann sehen, dass dich etwas beschäftigt. Was du tust ist deine Sache. Nur, mach bitte keinen Fehler… ich will dich nie wieder so verzweifelt sehen."
Sie griff nach seiner Hand und fuhr mit dem Daumen über die quer verlaufende Narbe an seinem Handgelenk. Sie sah ihn an und bedeutete ihm in dieser Geste, dass sie es ernst meinte.
„Es ist gut… der letzte Fall ist abgeschlossen… der Täter ist verhaftet. Mir geht es gut. Wirklich, es ist alles in Ordnung."
„Sicher?"
„Ja, absolut. Es hat nichts zu bedeuten."
„O.K. und du warst echt in der Verhaltensanalyse Einheit beim FBI, Wahnsinn, da arbeiten die hellsten Köpfe des Landes… und du warst im Club?"
Jetzt lächelte er breiter als sie die Stimmung positiv änderte und nickte zustimmend.
„Ich bin hier fertig… wie wäre es, wenn wir was nettes Essen gehen und ich mit zu dir komme… vielleicht kannst du mir doch ein bisschen über die Zeit beim FBI erzählen, was meinst du?"
Seine Gedanken waren immer noch bei Hotch und dem Gespräch am Nachmittag. Er versuchte abzulenken, versuchte sie auf Distanz zu halten, damit sie nicht merkte wie hart er wirklich um eine Entscheidung kämpfte, auch wenn er - wie er sich eingestehen musste – die Entscheidung eigentlich schon längst getroffen hatte.
Er lächelte, doch seine Gedanken waren ganz woanders.
„In Ordnung, aber ich hab noch ein paar Akten, die ich bis morgen durchgehen muss."
Sie nickte und wünschte, dass sie ihn erreichen konnte. Dass er einmal laut aussprechen würde, was in ihm vorging.
„O.K. treffen wir uns um sieben bei Marlowe's? Du magst es doch da."
Er nickte und klappte wieder eine Akte auf, eifrig schrieb er etwas auf einen Block. Und Charlene verließ sein Büro.
Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte blickte er wieder auf die Sonnenstrahlen. Das rot war im Verlauf der Nachmittagssonne immer dunkler geworden. Und er ließ den Stift sinken und die Gedanken kreisen. Und schließlich hörte er ihre Stimme wie ein Echo in seinen Gedanken. Immer wieder.
Ich will dich niemals wieder so verzweifelt sehen… er ist den ganzen Weg hier her gekommen. Er muss ein sehr guter Freund sein…
Spencer begann Gedanken versunken mit dem Daumen über die Narbe am Handgelenk zu streichen. Er hatte versucht seinem Leben ein Ende zu setzten, doch es gab Dinge, die er nicht abgeschlossen hatte, es gab Menschen, von denen er wusste, dass er ihnen wichtig war und diese Menschen hatte er enttäuscht. Die Schnitte waren tief gewesen und das Blut hatte warm aus der Haut gequollen und es war in schweren Tropfen auf die weißen Fliesen in seinem Badezimmer gelandet. Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt und bevor die Bewusstlosigkeit ihn davontragen konnte an einen Ort ohne Reue hatte er zum Telefonhörer gegriffen und den Notruf gewählt. Damals hatte er eine Entscheidung für das Leben getroffen, er hatte gekämpft, als der Notarzt gekommen war und die Blutungen gestillt hatte, und er hatte danach gekämpft einen Weg zurück ins Leben zu finden… und heute hatte er eine weitere Entscheidung getroffen. Damals vor zwei Jahren hatte er nicht gekämpft, er hatte den einfachen Weg gewählt. Er würde mit seinem Leben fortfahren. Einen Schlussstrich ziehen.
Es hat nichts zu bedeuten… Oder?
TBC
