9. Eins
Das ist es also, dachte Aeren. Jetzt heißt es er oder ich. Dann verließen ihn alle bewussten Gedanken, und für eine Weile wurde er zu einem anderen Wesen; reduziert auf Instinkt und Reflexe, die dutzende Stunden Training in seinen Muskeln verankert hatten. Die Jungen waren einander näher gekommen, und begannen sich zu umrunden, während sie ihre Messer in langsamen Wellenbewegungen kreisen ließen. Man hätte denken können, sie vollführten einen Tanz, und ihre Klingen wären nur die Hilfsmittel zu einem kuriosen Ritus gewesen. Ihre Sinne durch die Gefahr aufs äußerste geschärft, belauerten sie sich, auf eine Blöße oder einen Moment der Unachtsamkeit wartend. Und dann kam dieser Moment, und wie der erste Blitz eines Gewitters setzte er die Dinge in Bewegung: Orthan stach aus einem tiefen Stand nach Aeren Bauch; aber sein Gegner war schnell, mindestens so schnell wie er selbst. Mit seiner linken Hand wehrte er den Angriff nach rechts ab. Im selben Augenblick stieß er selbst zu und traf Orthan an der Brust. Aber während er sich noch von dem Angriff zurückzog, verpasste ihm Orthan einen oberflächlichen Schnitt quer über den Rumpf. Aeren fühlte ihn nicht einmal, so viel Adrenalin war in ihm. Der Damm war nun gebrochen, und die zahlreichen Stunden des Messertrainings kehrten zu ihm zurück, und dass sie scharfe Klingen anstelle farbiger Marker benutzten, spielte keine Rolle. Die Wunde, die er Orthan zugefügt hatte, brachte ihn nicht zu Fall, noch nicht; sie war nicht tief genug um tödlich zu sein, aber sie blutete stark.
Mit einem Schrei griff Orthan erneut an; diesmal zielte er in einem weiten Bogen auf Aerens Hals. Doch erneut kam Aeren sein Training zuhilfe. Erneut wehrte er mit der Rechten ab, und der Angriff ging weit daneben; Aeren zog sein Messer über Orthans Kehle. Sofort schoss ihm ein dünner Blutstrahl entgegen. Während er zurücksprang, schubste er den Jungen, der mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck zu Boden fiel. Sein Blut tränkte den Sand, auf dem er lag. Orthan versuchte, sich aufzusetzen, fiel aber sofort wieder hin. Er konnte nicht atmen; ein feuchtes, gurgelndes Geräusch kam aus seiner Kehle. Sein Körper bäumte sich auf, ein, zwei Mal; dann lag er still, Mund und Augen weit geöffnet, und noch immer das gurgelnde Geräusch ausstoßend.
Aeren wusste nicht, wie lange er dort gestanden hatte, als seine Sinne zu ihm zurückkehrten. Das erste, was er bemerkte, war Orthans Körper, der vor ihm lag; sein überraschter Ausdruck hatte sich im Tod etwas entspannt. Das nächste, was er wahrnahm, war der Jubel der Menge. Er sah auf, und sah die Leute, wie sie ihn ansahen und auf ihn zeigten, die Gesichter voll freudiger Erregung. Sein Blick wanderte weiter, und er sah Ocho, der weinte, und die Leute in seiner Nähe umarmten ihn, klopften ihm auf den Rücken und sprachen Worte des Trostes.
Aeren wandte sich wieder dem leblosen Körper zu. Geschafft, dachte er. Geschafft. Mechanisch ging er zum Rand der Grube und griff nach den Händen, die sich ihm entgegen reckten. Sie zogen ihn heraus, und auch ihm klopften sie auf den Rücken und machten ihm Komplimente; er würde sich später an keines von ihnen erinnern. Dann trat Endymion in sein Blickfeld, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Er legte Aeren eine schwere Hand auf die Schulter und führte ihn zum Ausgang. Ehrfurchtsvoll teilte sich die Menge vor ihnen, um sie durchzulassen. Bevor sie in den Schatten der Tribünen eintauchten, blickte Aeren zurück und hielt Ausschau nach Errake. Seine Augen fanden die des alten Mannes, und er glaubte ein kurzes Nicken zu sehen, doch in all dem Chaos konnte er nicht sicher sein.
Als sie fast wieder am Schott angekommen waren, blickte Aeren auf. „Sie rufen meinen Namen." Endymion lächelte, und seine goldenen Augen tanzten im Licht der Fackeln. „Ja. Und du hast es dir verdient."
Sie betraten das Apothekarium, und Sabato begrüßte sie. „Zurückgekehrt vom Feld der Ehre, wie ich sehe. Und lebendig dazu." Aeren nickte bloß. Der Heiler sah sich den Schnitt auf seinem Bauch an. „Hast aber trotzdem was abgekriegt." Sabato hieß ihn auf einem Metalltisch Platz nehmen und begann, die Wunde zu versorgen. Endymion betrachtete ihn aufmerksam.
„Wie fühlst du dich?" Aeren schüttelte den Kopf. „Ehrlich gesagt, im Moment fühle ich gar nichts. Überhaupt nichts." Er starrte in die Luft, und ließ das Geschehene vor seinem inneren Auge Revue passieren. „Es war alles so schnell vorbei. Wir standen kaum in der Grube, da lag er schon da mit seinem dummen Gesicht und spritzte Blut in die Gegend. Und dann…" Aeren schüttelte den Kopf. „Dann hörte er einfach auf, sich zu bewegen. Einfach so war es vorbei. Eben noch lebendig, und dann nicht mehr. Nur ein Haufen totes Fleisch."
Endymion nickte nachdenklich. „Es war schnell vorbei. Du hast ihm einen sauberen Tod gegeben; gut für ihn. Und für dich auch, schätze ich." In diesem Moment schaltete Sabato sich ein. „Also wie hast du ihn getötet?" Aeren zog einen Finger über seinen Adamsapfel. „Kehle durchgeschnitten."
„Sah so aus, als hätte er Blut in die Lunge gekriegt", steuerte Endymion bei.
„Hm. Dann ist er erstickt?"
„Jup."
Sabato blickte Aeren in die Augen. „Ich bin fertig mit dem Schnitt. Ich häng' dich über Nacht an einen Tropf, und morgen bist du wieder fit für die nächste Runde." Als er Aerens perplexes Gesicht sah, fügte er hinzu: „Soweit ich weiß, sollst du nochmal kämpfen."
Aeren sah zu Endymion, der nickte. „Jo. Der alte Mann denkt, dass du noch mehr Übung brauchst, und ehrlich gesagt denke ich, dass er recht hat."
Aeren seufzte. „Ich schätze, ich hätte damit rechnen müssen."
Endymion lächelte. „Ja, hättest du."
Danke fürs Lesen : )
