Tut mir wahnsinnig leid. Grosse Worte und nichts dahinter. Aber (und jetzt kommt die unkreativste Ausrede überhaupt:) mein Leben war ziemlich stressig in den vergangenen Wochen. Und wenn es ein Trost ist, ich schreibe momentan einäugig. Ein bedauernswerter Unfall mit einer Fonduegabel. Ich nenn mich ab jetzt Mary Hagerty. Captain Hagerty für euch Landraten.

Und keine Sorge, das mit dem Auge ist nicht bleibend - zum Glück.

Emily: Danke für deine Treue! Es bedeutet mir echt wahnsinnig viel, dass du noch immer zu der Geschichte hältst.

Diesmal gibt es einen kleinen supernatürlichen Teil, aber es ist nicht so schlimm wie in Indiana Jones IV am Ende...

Kapitel Neun: How to save a life

Nathalie biss sich auf die Lippen. Josh starrte sie weiterhin auffordernd an. Er stütze sich mit der rechten Hand auf den freien Stuhl an ihrem Tisch, seine Finger schlossen sich grob um die Lehne, seine Knöchel traten weiss hervor.

„Lizzy ist eine Freundin von mir."

Die beiden Kontrahenten hatten beinahe Emily/Lizzy vergessen, die in sich zusammengesunken in ihrem Stuhl sass. Joshs Hand liess von dem Stuhl und hing schlaff an seiner Seite herunter. Sein Oberkörper war vorgebeugt und erwartungsvoll sah er auf Emily herab. Auch Nathalie starrte die Freundin an – sie hatte keine Ahnung, was Lizzy sich ausgedacht hatte.

„So?"

Josh schien versucht uninteressiert zu klingen, aber ein leuchten in seinen braunen Augen verriet seine Spannung.

„Sie mag dich. Wirklich."

Lizzys Stimme war leiser, etwas heiser, aber dennoch verstanden die beiden sie klar und deutlich. Zumindest akustisch.

„Hä?"

„Wie bitte?" Nathalie war Josh einen abfälligen Blick zu, aber er schnaubte bloss kurz und wandte sich wieder Lizzy zu.

„Das ist alles, was ich sagen kann."

„Was hat das mit uns zu tun?" hackte Josh nach.

Lizzy starrte ihn an und ihre blauen Augen funkelten gefährlich.

„Es gibt kein uns. Und es gab nie ein uns."

Es war unglaublich mit welcher Präzision und Gemeinheit sie diese Worte aussprach. Josh wich wie getroffen zurück, bevor er ihr einen mörderischen Blick zuwarf und einige sehr unanständige Worte äußerte.

„Das wirst du noch bereuen, fiese Schlampe," waren seine letzten Worte.

„Lizzy –," begann Nathalie, aber Lizzy winkte ab.

„Ich bin müde. Gehen wir nach Hau- zurück."

*

London war eine Stadt der Möglichkeiten. Bauwerke wie der Big Ben und die Saint Paul's Cathedral waren Zeugnisse, was hier bereits erreicht worden war. Bauwerke, die die Jahrhunderte überdauern, wenn die Spuren ihrer Erbauer längst verschwunden waren.

Darcy wusste, dass London keine Stadt der Möglichkeiten war. London machte keine Menschen, sie zerstörte Menschen. Wie eine Frau einen Mann in den Wahnsinn treiben kann, so auch die Stadt.

Leere Versprechen, leere Worte.

London war ein Sündenpfuhl. Niemand stieg hier auf. Aber der Weg hinunter war lang. Wie viele hatten schon versucht, hier ihr Glück zu machen? Und immer war der Weg derselbe. Entweder endeten sie in der Themse und wurden in den Ozean gespült, oder in einem anonymen Massengrab ausserhalb der Stadt verscharrt.

Entweder man wurde reich geboren oder man stirbt arm. Es gab nur diese zwei Möglichkeiten in London.

Er verbrachte so wenig Zeit wie möglich in dieser Stadt, weil hier die Armut viel präsenter und aufdringlicher war als auf dem Land. Er war niemand, der sich wegen seines Reichtums schämte – wohl fühlte er sich aber trotzdem nicht. Er und Charles ritten schweigend durch die Stadt – es hatte geregnet und die Strassen schlammig. Neben ihnen floss der Regents Canal, dessen Wasser in einem unappetitlichen braun erstrahlte. Zwei Frauen knieten am Ufer und wuschen Kleider.

Sie passierten Kings Cross, und strebten Holborn an. Langsam wechselten sich die schäbigen, kleinen Hütten, die den Stadtrand Londons säumten mit stattlichen Herrenhäusern ab und als sie schliesslich die Oxford Street erreichten, hatten sie alle Armut hinter sich gelassen.

Man nahm ihnen die Pferde ab und sie betraten erleichtert ihr Hotel. Charles bestand darauf, zuerst eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen und saubere Kleidung anzuziehen, bevor sie sich auf die endgültige Suche nach Anne machen würden. Darcy stimmte widerwillig ein.

„Wie wollen wir Anne in dieser Stadt finden?" fragte Charlies zwischen dem ersten und zweiten Gang.

„Gar nicht," erklärte Darcy simpel.

„Uh, wenn du das nächste mal ein paar Tage Urlaub machen willst, reisen wir mit der Kutsche," erklärte Charles und nahm einen tiefen Schluck von seinem Rotwein.

„Wir haben keine Chance, Anne zu finden. Wir lassen andere nach ihr suchen."

Darcy wusste, wie diese Stadt funktionierte. Hoffte er, zumindest.

Er leerte sein Glas Rotwein. Auch er brauchte ein bisschen Ermutigung.

*

Nathalie betrachtete die schlafende Lizzy sorgenvoll. Sie benahm sich nicht so, wie sie sollte. Nicht so, wie Jane Austen sie beschrieben hatte.

Sie seufzte. Sie wusste selbst wie lächerlich das klang. Aber wie sollte sie es sonst beschreiben? Lizzy war wie eine Pflanze – ausserhalb ihres gewohnten Umfeldes schien sie einzugehen.

So sehr Nathalie wollte, dass Lizzy hier blieb, bei ihr blieb – was würde geschehen, wenn Lizzy nicht zurückkehren konnte? Leise, um Lizzy nicht zu wecken, verliess sie das Zimmer und schloss die Tür zu. Sie lehnte sich dagegen, von einer Hoffnungslosigkeit befallen, die sie noch nie gespürt hatte.

*

Ich öffnete meine Augen langsam, schloss sie aber sogleich wieder. Gleißendes Licht zwang mich dazu. Ich stöhnte, mein Kopf schmerzte wie damals, als ich bei dem Fall of Troy Konzert neben den Boxen stand, um nicht von Head-bangenden (ihr wisst schon, langhaarige Death-rocker mit Brei im Gehirn) zwei Zentner schweren Idioten Läuse zu bekommen oder erdrückt zu werden. Einer von denen war übrigens mein Date. Es war unser erstes, und letztes.

Auf jeden Fall versuchte ich erneut, die Augen zu öffnen und ich stellte erleichtert fest, dass sich das Weiss in ein schimmliges grau verwandelt hatte. Ich setzte mich auf, fühlte mich jedoch ziemlich seltsam. Ich starrte an mir herunter und mein Herz begann wie wild zu klopfen als ich erkannte, dass ich wieder ich selbst war. Ich zupfte suggestiv an meinen blonden Haaren und spürte den Schmerz. Ich war wieder in meinem alten Körper. Warum fühlte er sich dann so ungewohnt an?

„Du bist also Emily."

Ich starrte die Person vor mir an. Sie sah aus, wie ich die letzten Wochen ausgesehen hatte.

„Lizzy," stellte ich nüchtern fest. Warum war ich so feindselig?

„Sind wir tot?" fragte ich weiter, da ich mir sonst nicht vorstellen konnte, was wir hier zu suchen hatten.

„Ich weiss es nicht."

„Beruhigend," murmelte ich sarkastisch und wandte mich um. Wir waren in einem Raum mit grauen Wänden. Es gab weder Fenster noch Türen.

„Vielleicht sind wir in der Hölle."

Lizzy sah mich mit geweiteten Augen an. „Ich dachte immer, die Hölle wäre... feurig," schloss sie ihren Gedanken.

„Und ich dachte immer, die Hölle ist eine einzige Rockparty. Aber ich sehe hier keinen Bon Scott. Oder Hendrix. Nur du und ich."

„Wie geht es Darcy?"

Die Frage überraschte mich und ich dachte an unser letztes Treffen.

„Gut," sagte ich knapp.

„Es ist mein Leben. Ich will es wieder zurück." Lizzy war anscheinend niemand, der um den heissen Brei redete. Offenbar vermisste sie ihr altes Leben. Andererseits hatte mein Leben ja auch nicht wirklich viel zu bieten.

„Ich dachte, wir sind tot." Ich wich ihr bewusst aus, weil ich keine Lust auf ein Schlammcatchen hatte, wer nun zu welchem Leben gehört.

„Ich könnte jetzt echt eine rauchen," murmelte ich. Ich lehnte mich an die Wand und starrte auf meine schwarzen Chucks.

Ich steckte in meinen Lieblingsjeans. Sie waren zu oft gewaschen worden und durchlöchert. Ich liebte diese Jeans, aber im Moment juckte der Stoff auf meiner Haut. Ich kratze mich geistesabwesend.

Was hatte das hier zu bedeuten? Waren wir jetzt auf ewig hier gefangen?

Mussten wir wieder unsere Leben tauschen? Denn darauf hatte ich keinen Bock.

„Deine Eltern machen sich Sorgen."

Versuchte Lizzy echt, an mein schlechtes Gewissen zu appellieren?

Ich schnaubte ungläubig.

Nach all den Jahren der Vernachlässigung durften sie sich ruhig länger Sorgen machen, falls Lizzy die Wahrheit sagte. Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass meine Eltern es merken würden, wenn ich eines Tages nicht mehr da war, davon war ich überzeugt.

„Es sind meine Eltern, meine Geschwister, mit denen du lebst. Du hast nicht erlebt, was ich erlebt habe. Du hast keine Erinnerungen." Lizzy redete weiter auf mich ein, als ob sie an meine Vernunft appellieren konnte.

Ich fühlte mich in die Ecke gedrängt, und tat, was jeder tut, der sich bedrängt fühlt: Ich griff an.

„Deine Familie hat nicht mal gemerkt, dass du nicht mehr da bist. Du kannst deine Erinnerungen sonst wo hin stecken."

Im Boxen nennt man so einen Treffer einen Schlag unter die Gürtellinie. Und er sass auch. Lizzy verstummte und erbleichte. Ihre braunen Rehaugen füllten sich mit Tränen.

Das schlechte Gewissen nagte an mir, doch ich schluckte es hinunter. Ich durfte jetzt nicht weich werden.

„Ich will dein Leben nicht." Lizzys Stimme war leise, und sie unterdrückte die aufkommenden Schluchzer gekonnt. Sie zitterte am ganzen Körper und wirkte verletzlich und doch zugleich ungeheim stark. Sie durchbohrte mich mit ihrem Blick und wischte sich hin und wieder ärgerlich eine Träne aus den Augen.

Ich betrachtete sie ruhig, bevor ich mich von der Wand stiess und ihrem bösen Blick begegnete.

Meine Stimme war fest, als ich das folgende äußerte: „Ich will mein Leben auch nicht."

Erneut blendete mich gleißendes Licht. Ich hob meinen rechten Arm über die Augen um mich zu schützen und kniff die Augen fest zusammen. Es klang als sei ein gewaltiger Sturm losgebrochen und dann –

war alles still.

Ich blinzelte heftig, aber nichts als Dunkelheit umgab mich.

Ich hatte keine Ahnung wo ich war, bloss das ich in einem Bett lag, war mir bewusst.

„Oh Gott sei gedankt, du bist wach, Lizzy." Mrs. Bennet ergriff schluchzend meine Hand und drückte mich an sich – oder besser sie drückte sich an mich.

Und ich grinste wie ein die Katze aus Alice im Wunderland.

*

Ich weiss, war kurz und überhaupt nicht atemberaubend, aber es war leider nötig.