Geteiltes Leid
An diesem Morgen war Leah in einer denkbar schlechten Stimmung. Aber alle hielten sich mit Fragen zum Ursprung ihrer sauertöpfischen Miene zurück. Selbst Seth hielt einen gewissen Mindestabstand zu seiner Schwester ein. Mir war ihre Laune überraschend egal.
Quil, Seth und ich quetschten uns auf Billys kleines Sofa, während Leah sich auf einen der venylbespannten Küchenstühle fallen ließ, dessen Beine unter der plötzlichen Krafteinwirkung gefährlich knarrten.
„Lass mir den Stuhl heil, Leah.", meinet Billy halb im Scherz von der Küchentür aus.
„'Tschuldige.", murmelte sie und setzte sich etwas gerader auf den Stuhl.
Jake stand in der gegenüber liegenden Ecke des winzigen Wohnzimmers an die Wand gelehnt und wartete bis sich jeder einen Platz gesucht hatte, bevor er anfing zu sprechen: „Ich nehme an, alle kennen den Grund für dieses treffen?"
Wir Drei auf dem Sofa nickten knapp; Leah gab ein verächtliches Schnauben von sich, sagte aber nichts. Jake schien entschlossen ihre Laune zu ignorieren und fuhr fort: „"Wunderbar, dann kann ich mir die Einführung sparen und gleich auf den Punkt kommen. Sind ersteinmal alle der Meinung, dass wir zum Hintergrund von Ben Elliots Nichte Nachforschungen anstellen sollten?"
„Ist sie überhaupt seine Nichte?", fragte Seth, bevor irgendjemand antworten konnte. Mit einem Blick gab Jake die Frage an mich weiter.
„Ich kann nicht mit Sicherheit sagen auf welche Weise sie mit einander verwandt sind. Zu dem Thema sind wir bisher noch nicht gekommen. Aber meine Mom war mit Ruth Elliot befreundet und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mal erwähnt hat, dass Elliot noch einen Bruder in England hat. Aber ich glaube fast, dass es ‚hatte' heißen müsste; denn warum sollte sie hier sein, wenn sie noch andere Verwandte hätte."
Einen kurzen Moment herrschte Stille, bis Leah das Schweigen brach: „Ist es allgemeine Pflicht sich an diesem Detektivspiel zu beteiligen? Sie ist Embrys Prägung und solange niemand sie für eine Gefahr hält, ist sie mir herzlich egal."
„Also ich würde sehr gern Detektiv spielen. Das könnte interessant werden.", warf Seth ein, bevor Jake überhaupt den Mund zu einer Antwort geöffnet hatte. Von seiner Schwester erntete er dafür einen abschätzigen Blick und ein kurzes Schauben.
Jake überging Seth Einwurf als er sich an Leah wandte: „Im Moment ist es keine allgemeine Pflicht. Trotzdem wollte ich vorher alle nach ihrer Meinung dazu fragen. Ich werde die ganze Sache später auch noch mit Sam besprechen."
„Wenn das so ist, kann ich dann gehen? Ich muss noch Wäsche waschen bevor ich zur Arbeit fahre."
„Sicher. Niemand hält dich auf."
Ihr Abschied bestand aus einem leichten Kopfnicken in unsere Richtung und einem leisen ‚Tschüss' in Richtung Billy bevor sie ging. Kaum hatte sie die Tür geschlossen, schien eine unterschwellige Anspannung von allen abzufallen – selbst Billy wirkte etwas entspannter. Es war seltsam wie man diese Anspannung immer erst dann zu bemerken schien, wenn Leah gegangen war.
Seth begann sofort wieder zu reden. „Hat sich denn schon jemand überlegt, wie und wo wir anfangen wollen?", fragte er und schaute eifrig in die Runde.
Niemand sagte etwas – offenbar hatten sich auch die Anderen noch keine konkrete Strategie zurechtgelegt -, bis Billy sich unerwartet zu Wort meldete. „Wie wäre es, wenn ihr für den Anfang einfach mal mit der Kleinen redet, hm? Danach könnt ihr immer noch überlegen, wie ihr weiter machen wollt. Und überhaupt, solltet ihr sie erst mal nach ihrer Meinung dazu fragen. Findet ihr nicht."
Billy hatte recht. Was war, wenn sie überhaupt nichts über ihre Art wissen wollte? Wie hatten wir alle das wichtigste übersehen können? Wie hatte vor allem ich das wichtigste übersehen können? Sie.
Seth war der erste, der nach einiger Zeit wieder sprach. „Zieht nicht alle solche Gesichter. Wir haben einen kleinen Denkfehler gemacht. Was soll's? Es ist ja nicht so, als würde sich das nicht ausbügeln lassen." Mit einem typischen breiten Grinsen sprang er vom Sofa auf und schnappte seine Tasche. „Da wir jetzt einen Punkt zum Anfangen haben, sollten wir auch anfangen, oder nicht? Also los hoch mit euch." Der letzte Satz richtete sich vorranging an Quil und mich auf dem Sofa.
Jake nickte und stieß sich von der Wand ab. „Also dann. Ihr geht zur Schule und ich habe auch noch was vor."
Damit war das Treffen beendet. Wir verabschiedeten uns von Billy und machten uns auf die Socken. Obwohl wir betont langsam gingen, kamen wir merklich zu früh vor der Schule an. Das war mir seit knapp zwei Jahren nicht mehr passiert, stellte ich überrascht fest und lachte unwillkürlich kurz auf.
Quil schaute mich fragend an."Was ist?"
„Nichts.", meinte ich kopfschüttelnd. „Mir ist gerade klar geworden, dass ich zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit nicht auf den letzten Drücker hier ankomme."
„Stimmt, jetzt wo du er sagst. Aber ich glaube du musst dir deshalb keine Sorgen machen. So wie ich dich kenne, wird das bestimmt nicht zur Gewohnheit werden."
Lachend stellten wir uns an unsere übliche Ecke und warteten auf die Ankunft der Anderen, die nach und nach eintrudelten. Ich selbst stellte mich so hin, dass ich die Straße gut im Auge behalten konnte. So war ich natürlich der Erste, der Thea entdeckte, als sie um die Kurve bog.
Sie war nicht allein. Sie wurde eingerahmt von David Maneely und Adam Cook, Letztere war dabei in meinen Augen das geringere Übel; zugegebenermaßen hätte ich gern mit ihm getauscht und war vielleicht auch etwas Eifersüchtig auf ihn – es war unsinnig das zu leugnen, besonders vor mir selbst -, aber er hielt wenigstens einen normalen Abstand zu ihr ein. David hingegen wollte ihr offenbar so nah wie möglich kommen und schien entweder nicht zu bemerken, wie sie immer wieder versuchter mehr Abstand zwischen sie zu bringen, oder ignorierte es absichtlich. Um seinetwillen hoffte ich, dass er es einfach nicht bemerkte, denn das würde ich ihm möglicherweise noch verzeihen können.
Mit den Augen folgte ich den Dreien bis zum Eingang. Auf dem Weg dorthin huschte Theas Blick nur ein einziges Mal in meine Richtung, als hätte sie meinen Blick gespürt, aber sobald sie mich bemerkte richtete sie ihre Augen hastig wieder nach vorn und hielt sie konzentriert auf die Eingangstür gerichtet.
Was hatte das zu bedeuten? Ich hatte fast den Eindruck, als wäre sie erschrocken mich zu sehen. Dieser Gedanke versetze mir einen heftigen Stich. Wie sehr musste ich ihr gestern Angst eingejagt haben, wenn sie es nicht einmal ertrug mich anzusehen?
„Lasst uns rein gehen.", meinte ich leise, ohne einen der Anderen anzusehen.
„Okay …", war Quils langgezogene Antwort. Die ganze Gruppe schaute mich ob meines plötzlichen Gefühlsumschwungs fragend an. Keiner von ihnen hatte Thea und ihre Reaktion auf meinen bloßen Anblick bemerkt, was ihre Verwirrung rechtfertigte. Aber ich nicht vor einem von ihnen den Grund zu erläutern; stattdessen schlurfte ich in Richtung Klassenraum.
Und da war sie wieder, in der hintersten Reihe, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und das Gesicht in den Händen verborgen und von einem Vorhang dunkler Haare umgeben. So wie sie dort saß, sah sie so müde aus wie jemand der seit langer Zeit nicht mehr richtig geschlafen hatte.
Möglichst leise ließ ich mich auf den Platz neben ihr sinken, um sie nicht zu stören. Eigentlich war das Quils Platz, aber unter den gegebenen Umständen war ich mir sicher, dass er es mir nicht übelnehmen würde, wenn ich hier saß. Mrs Flores war es sowieso egal wer wo saß, solange man sie nicht während ihres Unterrichts störte.
Mehrere Minuten saß sie so da, ohne sich auch nur einen Millimeter zu rühren, sodass ich mich schon fragte ob sie nicht tatsächlich schlief. Irgendwann hob sie doch den Kopf um irgendeine Statistik von der Tafel abzuschreiben. Und obwohl ich mir fast sicher war, dass ihr Blick mich gestreift hatte, schien sie mich nicht zu bemerken. Oder ignorierte sie mich?
Ich musste sie gestern wirklich sehr erschreckt haben. Dabei hatte sie gar nicht so ängstlich gewirkt; selbst kurz bevor sie die Flucht ergriffen hatte, hatte sie eher traurig gewirkt als alles andere. Hatte ich sie so falsch eingeschätzt? Oder war sie nicht ängstlich sondern wütend? Aber das konnte ich mir noch weniger erklären. Ich war vollkommen verwirrt. Vielleicht sollte ich sie einfach fragen. Schlimmer als es gerade war, würde es sowieso nicht mehr werden.
„Ist alles in Ordnung mit dir?"
Ihr Kopf fuhr so schnell herum, dass mich ihre Haare beinahe im Gesicht trafen. Was für ein Duft.
„Was? Oh. Ja. Selbstverständlich. Es könnte nicht besser sein.", ratterte sie herunter. Diese Antwort hätte wohl kaum jemanden überzeugt. Sie machte sehr den Eindruck als hätte ich sie bei etwas ertappt.
„Das gestern tut mir leid …", setzte ich an, aber sie schüttelte nur den Kopf. Das hielt mich allerdings nicht auf. Ich wollte wissen, warum sie mich ignorierte und was ich dagegen tun konnte. „Ich bin mir nicht ganz sicher was ich sagen soll, aber …"
„Nein.", unterbrach sie mich dieses Mal und hob einhaltgebietend die Hand und ein unangenehmes Gefühl breitete sich in meiner Magengrube aus. Über ihre Handfläche zog sich eine breit dunkelrosa Linie, wie eine frische Narbe. Hatte sie die gestern schon gehabt? Ich konnte mich nicht erinnern. Ohne auch nur im Ansatz drüber nachzudenken griff ich nach ihrer Hand, zog sie zu mir herüber und schaute mir die Linie genau an. Sie versuchte ihre Hand wegzuziehen, aber ich hielt sie trotzdem fest. Diese Narbe stammte von einem Schnitt; einem tiefen Schnitt.
„Wo hast du dich so heftig geschnitten?"
Ihre Stimme klang leise und unsicher. „Das ist nicht der Rede wert. Ich bin nun einmal ungeschickt."
„Mr Call! Sie wissen sehr wohl, dass ich mir jegliche Störungen meines Unterrichts verbitte. Lassen sie Ms Elliots Hand los und tauschen sie ihren Platz mit Ms Stephens. Sofort! Sonst sehen wir uns beim Nachsitzen!"
Ich war drauf und dran mich zu weigern, aber es wäre niemandem geholfen wenn ich nachsitzen müsste; außerdem hatte Thea mir bereits ihre Hand entzogen, sobald sich ihr die Möglichkeit geboten hatte. Daher fügte ich mich zähneknirschend, und ließ mich auf Hannahs Platz in der ersten Reihe fallen.
Am Ende der Stunde war Thea eine der Ersten die den Raum verließen und als ich auf den Flur trat, war sie längst verschwunden.
Thea
Warum hatte ich nur die ganze Zeit den absurden Impuls wegzulaufen und mich zu verstecken bis alles vorbei war? Ich wusste ja nicht mal, was vorbei sein sollte. Mein Leben vielleicht; oder auch nur die Schulzeit. Was es auch war, ich würde mich nicht verstecken können und ich sollte es auch nicht. Das Problem war nur, das meine Beine in diesem Punkt andere Pläne zu haben schienen.
An diesem Morgen war ich noch fest entschlossen gewesen, zumindest nicht die Flucht zu ergreifen. In einem gewissen Sinn hatte ich mich sogar gefreut Embry zu sehen und hatte sogar den Schulweg in einem überaus anhänglichen David überstanden. Aber kaum hatte ich ihn tatsächlich dort stehen sehen, hatte sich jede Spur von Entschlossenheit in Luft aufgelöst; ich hatte ihn nicht einmal ansehen können. Das Schlimme war, dass ich wusste wie irrational ich mich verhielt und trotzdem nichts dagegen tun konnte.
Sobald ich mich im Klassenraum auf einen Stuhl hatte fallen lassen, fühlte ich mich endgültig wie ein Ballon aus dem man die Luft hatte entweichen lassen. Zum Glück hatte ich meine Haare nicht zusammengebunden, sodass sie mir als Vorhang dienen konnten.
Ich hatte bemerkt dass sich jemand auf den Platz neben mir gesetzt hatte, war aber nicht besonders daran interessiert gewesen Wer. Am Ende ist es nur David der mir freudestrahlend erzählt, dass er doch im selben Politikkurs ist wie ich. Bei der Vorstellung stellten sich mir die Nackenhaare auf, nur damit ich mich im nächsten Moment wie ein schlechter Mensch fühlte; er mochte mich nun mal. Was war daran so schlimm? Richtig. Nichts. Na gut, fast nichts. Im Grunde genommen war es nicht schlimm. Nicht sehr.
Mit halben Ohr hörte ich die Worte ‚später', ‚wichtig' und ‚mitschreiben' und hob den Kopf um genau das zu tun. Embry erkannte ich sofort aus dem Augenwinkel heraus, und schaffte es wieder nicht ihn richtig anzusehen. Erst als er mich fragte, ob alles in Ordnung sei und ich meinen Kopf am liebsten in die entgegengesetzte Richtung gedreht hätte, schaffte ich es, ihn anzusehen.
Ich bemerkte selbst wie wenig überzeugend meine Antwort klang und fühlte mich noch viel mehr ertappt als es ohnehin schon der Fall war. Wann war ich zu einer so schlechten Lügnerin geworden? Normalerweise war Brian der einzige der es bemerkte wenn ich ihn anschwindelte und das auch nur weil ich ihm gegenüber höchst selten unehrlich war. Aber diese Lüge hätte wohl jeder durchschaut. Und jetzt entschuldigte Embry sich sogar für gestern. Schon wieder entschuldigte er sich für etwas, dass eigentlich meine Schuld war. Ich sollte aufpassen, dass das nicht zur Gewohnheit wurde.
Mein Kopfschütteln schien ihn nicht im Geringsten auszubremsen als er weitersprach. Offenbar wollte er über Gestern reden. Ich wollte nicht über Gestern reden. Ich war mir viel zu unsicher was da passiert war – selbst nach mehreren Stunden auf dem Fußboden -, als dass ich darüber hätte reden wollen oder können.
Aus reiner Gewohnheit und ohne darüber nachzudenken hob ich die Hand um ihn effektiver abzuwürgen. Das war allerdings schon wieder ein Fehler.
Ich hatte den Rest der Schnittwunde von gestern Abend vergessen. Aber bevor ich meine Hand wieder verstecken konnte, hatte er schon danach gegriffen und sie zu sich herübergezogen. Dabei hatte sein Gesicht einen finsteren beinahe beängstigenden Ausdruck angenommen, der mir das Gefühl gab, als hätte ich ein wertvolles Familienerbstück mit voller Absicht zerschlagen.
Wirklich Problematisch wurde es erst, als er mich fragte wo ich mich verletzt hatte. Zum einen, weil er die Frage mit einem solchen Nachdruck stellte, dass ich mich richtig erschreckte; zum Anderen, weil ich nicht auf Anhieb wusste was ich darauf antworten sollte.
Ich konnte ja wohl schlecht sagen, dass sich eigentlich mein Onkel in die Hand geschnitten hatte das die Verletzung irgendwie – und ich war mir nicht sicher wie – von seiner Hand auf meine übergegangen war. Und dass Verletzungen bei mir schneller heilten als bei anderen, klang auch nicht weniger verrückt.
Das konnte ich beim besten Willen nicht sagen; schon gar nicht in einem vollbesetzten Klassenraum, in dem wir mittlerweile ohnehin schon das Zentrum der Aufmerksamkeit bildeten.
Das Schlimme war, das ich ihm genau das sagen wollte. Ich musste mich regelrecht dazu durchringen ihm die richtige Antwort zu geben. Und die Tatsache, dass er dabei die ganze Zeit meine Hand festhielt, machte es auch nicht gerade leichter. Am Ende brachte ich nur etwas Halbgeflüstertes und selbst in meinen Ohren nicht besonders Überzeugendes zustande, dass ich nun mal ungeschickt sei.
Als die Lehrerin uns unterbrach und Embry den Platz mit Hannah tauschen ließ, war ich beinahe erleichtert, aber nur beinahe.
Und jetzt hockte ich in der hintersten Kabine der Mädchentoiletten und versteckte mich. Es ließ sich wohl wirklich nicht anders bezeichnen. Dabei hatte ich mich nie für feige gehalten, ganz im Gegenteil war ich eher stolz darauf, eben nicht vor meinen Problemen davon zulaufen. Und doch zog ich gerade ernsthaft in Erwägung, die Kunststunde zu schwänzen und einfach nach Hause zu gehen.
Nein, Ich war nicht feige, oder zumindest nicht so feige; abgesehen davon würde ich irgendwann ohnehin wieder zum Unterricht müssen.
Den Raum erreichte ich gerade noch rechtzeitig – zum Glück war die Schule klein. Alle Anderen saßen bereits auf ihren Plätzen – auch Embry auf einem Platz nahe der Tür. Adam hatte mir netterweise einen Stuhl freigehalten und zwar am Tisch direkt neben Embrys. Ich unterdrückte ein Stöhnen; das Schicksal musste mich hassen, oder lieben.
Aus welchem verrückten Teil meines Hirns die letzten beiden Worte stammten, wusste ich nicht so recht und hielt das auch für besser so. Es war ja schon schlimm genug, dass Brian mir in den Rücken fiel; was sollte ich nur tun, wenn nicht einmal meine eigene Vernunft auf meiner Seite war?
Diese Stunde verbrachte ich hauptsächlich damit, meine Hand unauffällig zu verstecken und trotzdem Notizen anzufertigen und Embrys ständigen Blick und meine Reaktion darauf zu ignorieren. Letzteres stellte dabei die größte Herausforderung dar. Die ganze Zeit sah ich ihn im Augenwinkel und jedes Mal wenn er mich ansah breitete sich ein Kribbeln in meiner Magengegend aus.
Ich wusste sehr wohl, dass dies nicht das Resultat einer Magenverstimmung war, was aber nicht bedeutete, dass mir diese Erklärung nicht lieber gewesen wäre. Die Intensität mit der ich auf ihn reagierte, beunruhigte mich immer mehr. Wer sich von Gefühlen beherrschen lässt, handelt unüberlegt und in seiner Gegenwart neigte ich jetzt schon viel zu sehr zu ebensolchen Handlungen. Abgesehen davon, war er viel zu aufmerksam. Ihm fielen Dinge auf, die alle anderen schlicht übersahen und er tat ungewöhnliche Dinge nicht einfach als Irrtum oder Einbildung ab, sonder hinterfragte deren Ursprung, was mich wiederum in Erklärungsnot brachte. Und da ich offenbar auch noch Schwierigkeiten hatte ihm nicht die Wahrheit zu sagen, konnte das zu sehr ernsthaften Problemen führen.
Auf der anderen Seite wäre er vielleicht genau der Richtige um sich anzuvertrauen; denn immerhin schienen auch bei ihm ein oder zwei Dinge von der Norm abzuweichen. Was mich davon abhielt, diesem Impuls nachzugeben war, dass das Verbergen meiner eigenen Abweichungen mir völlig in Fleisch und Blut übergegangen war. Aber seit ich hier war, wurde es immer anstrengender diese, Fassade lückenlos aufrecht zu erhalten.
Ich öffnete meine Hand und betrachtete die rosa Linie, die langsam immer heller wurde. In spätestens zwei Tagen würde davon nicht mehr das Geringste zu sehen sein. Ob ihm dann auch das Fehlen der Narbe auffallen würde?
Ich war so in meine eigenen Gedanken vertieft, dass mir das Ende der Stunde erst auffiel, als Adam mich leicht an der Schulter berührte.
„Wo musst du als nächstes hin?"
„Ich habe die nächste Stunde frei. Ich habe mir noch keine außerschulische Aktivität ausgesucht." – und um ehrlich zu sein hatte ich auch nicht vor mich besonders schnell für eine zu entscheiden – „Ich gehe gleich nach Hause; ich habe Ben versprochen heute zu kochen. Aber ich komme nach der Mittagspause wieder zu Wirtschaft."
„Dann sehen wir uns dann wieder. David hat dann allerdings Chemie.", meinte Adam grinsend.
„Das ist aber Schade.", antwortete ich trocken. Mit Adam verstand ich mich echt gut. Seine Art erinnerte mich immer wieder an Brian, ohne in mir eine Welle des Heimwehs auszulösen. In diesen Momenten konnte ich sogar Embry ein wenig an den Rand meiner Gedankenwelt schieben.
Bens Wagen stand in der Auffahrt, als ich von der Straße einbog, demnach war er schon zu Hause. Mir wäre es lieber gewesen, wenn er etwas später gekommen wäre; seitdem Vorfall gestern Abend sah er mich ständig so besorgt an und heute Morgen hatte er darüber reden wollen. Auf beides konnte ich gut und gerne verzichten. Es gab für ihn keinen Grund, sich um mich zu sorgen und es gehörte für mich nicht zur Gewohnheit ungewöhnliche Vorfälle im Zusammenhang mit meiner Andersartigkeit zu diskutieren.
Nachdem ich eine halbe Minute lang den Türknauf angestarrt hatte, als wäre es seine Schuld, dass mein Leben in letzter Zeit ein einziges Chaos war, ging ich dann doch ins Haus. Die Hunde lagen beide auf ihren üblichen Plätzen links beziehungsweise rechts von Bens Fernsehsessel und Ben selbst kramte offenbar in der Küche.
„Ich bin da!", rief ich, als bis auf Angus niemand auf mein Eintreten reagierte. Das metallische Klappern aus der Küche verstummte beinahe sofort und Ben erschien im Türrahmen. Ein beinahe zwei Meter großer Mann mit wilden schwarzen Locken und Bart, der besagten Türrahmen nahezu vollständig ausfüllte, stand mehlüberzogen und mit einer pink-weiß-karierten Schürze vor mir und lächelte leicht.
Sofort bekam ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich war mir nicht ganz sicher was mir das Gefühl gab, aber ich war mir sicher, dass Ben etwas vor hatte und es würde mir wahrscheinlich weniger gut gefallen. Ich verengte die Augen ein wenig, während ich die Möglichkeiten durch ging.
„Was ist los?", fragte ich langsam und fixierte Bens Gesicht.
Dieser begann leicht mit den Füßen zu scharren und schaute mich nicht direkt an. „Ich dachte mir, ich mache Pastete zum Mittagessen, aber ich habe das Rezept für den Teig nicht mehr richtig im Kopf und jetzt glaube ich, ich habe irgendetwas falsch gemacht. Schaust du es dir mal an?"
Er trat beiseite und ich wagte mich in die Küche, die gerade mehr wie ein Schlachtfeld aussah.
„Kann es sein, dass du die Eier vergessen hast?", fragte ich, nachdem ich die krümelige Masse in einer der Schüsseln in Augenschein genommen hatte.
„Hm. Kann sein. Aber eigentlich wollte ich etwas anderes. Du warst heute so schnell weg, aber jetzt hätten wir ja einen Moment Zeit. Und ich bin der Meinung, dass wir die Sache von gestern Abend nicht so einfach übergehen sollten."
Ich stöhnte auf. Na, hervorragend. Jetzt stand ich in der winzig kleinen Küche und Ben versperrte die Tür. Ich überlegte kurz ob ich aus dem Fenster klettern sollte, aber das würde das Unheil einfach nur herauszögern und mich als die völlig Verrückte outen, die ich war. Wahrscheinlich sollte ich es einfach hinter mich bringen; wie ein Pflaster mit Schwung abreißen.
„Also schön.", gab ich nach und begann Ordnung in diese Chaos von einer Küche zu bringen. Mit derartigen Konfrontationen konnte ich besser umgehen, wenn meine Hände etwas zu tun hatten. „Aber du darfst mich nicht unterbrechen. Und wenn wir das hier abgehakt haben, darfst du das Thema nie wieder anbringen. Okay?"
Ben nickte nur zur Antwort und ich schwieg kurz um meine Gedanken ein wenig zu ordnen und begann meinen verhassten Monolog:
„Dieses Übernehmen von Verletzungen kann ich nicht bewusst steuern – wenn ich es könnte, würde ich es sofort sein lassen; ich bin keine Märtyrerin und ich will auch keine sein. Deshalb rede ich auch nicht gern darüber denn die Resultate lassen sich nicht so einfach verstecken wie der ganze Erinnerungskram. Du bist bisher auch erst der Dritte, der in den Genuss einer Hochgeschwindigkeitsheilung gekommen ist.
Beim ersten Mal habe ich Großvaters gebrochenen Arm geheilt, als er die Treppe herunter gefallen war. Und beim zweiten Mal Brians Schürfwunden, als er mit meinem Fahrrad gestürzt und in Mrs Hamiltons Ligusterhecke gefallen ist. Ich weiß nicht genau was der Auslöser ist, denn andere Verletzungen, die sich Großvater und Brian und jeder Andere den ich je berührt habe zugezogen hatten, habe ich nicht übernommen.
Brian meinte Mal es würde immer dann passieren, wenn ich der Meinung bin ich wäre Schuld an der Verletzung. Das ist auch die einzige echte Theorie, die nicht den Eindruck macht, sie wäre vollkommen an den Haaren herbeigezogen. Großvater ist nur deshalb die Treppe herunter gefallen, weil ich meine Spielsachen nicht weggeräumt hatte, obwohl er mich darum gebeten hatte. Brian ist mit dem Fahrrad gestürzt, weil die Rückbremse nicht funktionierte und die Vorderbremse etwas zu gut funktionierte, ich wusste das, aber habe ihm nichts gesagt, weil wir uns an dem Tag gestritten hatten und ich immer noch sauer auf ihn war. Anderenfalls wäre er nie über den Lenker geflogen.
Dich habe ich erschreckt, obwohl ich wusste, dass du mit einem Messer hantierst. Das du versuchst das Messer aufzufangen war ein normaler Reflex und Pech auf deiner Seite, dass du das falsche Ende erwischt hast.
Und du brauchst dir deswegen wirklich keine Sorgen zu machen. Hier." Ich hielt ihm meine Handfläche entgegen und zeigte ihm die Überreste des Schnitts. „Als ich heute Morgen aufgestanden bin, hatte sich die Wunde schon vollständig geschlossen und spätestens Übermorgen wird davon keine Spur mehr zu sehen sein. Und jetzt wäre ich dir sehr dankbar, wenn wir nicht mehr darüber reden würden. Ich koche wie versprochen das Mittagessen fertig und du wolltest doch ohnehin Eishockey oder so im Fernsehen schauen."
Damit scheuchte ich ihn aus der Küche und war tatsächlich meine gesamte restliche Mittagspause vor unangenehmen Fragen und Kommentaren sicher. Ich konnte Ben zwar ansehen, dass ihm so einiges unter den Nägeln brannte, aber das änderte nichts an meinem Entschluss, das Thema nicht weiter zu behandeln.
Die unausgesprochenen Worte von Ben und mir schienen sich in der Luft zwischen uns zu sammeln und zu verdichten, bis die Atmosphäre so dick war, das man sie buchstäblich mit dem Messer hätte zerteilen können. So war ich beinahe erleichtert, als ich mich auf den Weg zurück zur Schule machen konnte.
