1300 Z-Zeit (08:00 Uhr EST)
Montag, 19. Januar 2004
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harmon Rabb sah nervös auf seine Armbanduhr. Der Prozess gegen Amanda Harris würde in einer halben Stunde beginnen, und noch immer war seine Partnerin nicht erschienen. Er hatte vergeblich morgens an ihre Wohnungstüre geklopft, und auch ans Handy war sie nicht gegangen. Schließlich hatte der Anwalt dieses Mal wirklich die U-Bahn zu seinem Arbeitsplatz genommen und seinen CO über das Verschwinden von Cara informiert. Chegwidden reagiert jedoch völlig anders, als er es erwartet hatte, vor allem, nachdem ihm Harm erzählt hatte, dass die junge Frau am Vorabend ihre Wohnung nach einem Telefonanruf ziemlich überstürzt verlassen hatte.
„Keine Panik, Commander. Vielleicht hat sie auch nur verschlafen... da, wo sie jetzt ist", grollte er vernehmlich und zog sich dann wieder in sein Büro zurück. Harm sah ihm erstaunt hinterher. Der Admiral hatte nicht besorgt, sondern wütend gewirkt. Wusste er etwas, das ihm entgangen war? In der Zeit, die er mit seiner Partnerin verbracht hatte, hatte sie kein einziges Mal einen Freund erwähnt. Die nächtlichen Anrufe kamen ihm schon etwas seltsam vor, aber wer war er, sie darauf anzusprechen?
Erneut sah der Ex-Pilot auf seine Armbanduhr und verzog sich schließlich wieder in sein Büro. Es brachte schließlich auch nichts, wenn er nervös Furchen in den Bullpen lief.
Als er sich schließlich dabei ertappte, dass er vor seinem Schreibtisch weiter auf und ab lief, und ihm seine Kollegen schon seltsame Blicke zuwarfen, setzte er sich hinter den Tisch und sah erneut auf die Uhr. Noch fünfundzwanzig Minuten...
1300 Z-Zeit (09:00 Uhr AST)
Montevideo, Uruguay
Cara hampelte mittlerweile so nervös auf dem Bett herum, dass die Ärztin ihre liebe Mühe hatte, den Verband um den rechten Arm der Frau fertig zu stellen.
„Halt endlich still, verdammt noch mal, sonst hast du bald mehr Probleme als den simplen Schnitt von einer Machete!" fauchte die junge Frau ihre Patientin schließlich an und zog an dem Verbandsmaterial, bis ihr Gegenüber zusammenzuckte.
„Ich sollte in diesem Moment ein paar tausend Meilen weiter nördlich vor meinem Partner stehen und mir eine Erklärung ausdenken, warum ich ihn fahrdienstmäßig versetzt habe! Ganz zu schweigen, dass heute einer meiner Prozesse beginnt. Ich werde Stunden zu spät kommen! Statt dessen hocke ich hier irgendwo in der Pampa von Argentinien..."
„Uruguay!" wurde sie von der Ärztin unterbrochen.
„Und wenn es Kirgisien wäre, wär's mir egal! Statt dessen hocke ich hier in diesem Kaff, weil mal wieder irgend ein Spinner meinte, es wäre lustig, mich auf diese Waffenschmuggler anzusetzen!" wütete die Saiyajin weiter, hielt aber nun wirklich still.
„Niemand hat von dir verlangt, dass du den Kevlaranzug zerreißen sollst..." Die Ärztin begann, den Verband festzukleben und zog Cara's Ärmel darüber in Form.
„Tja, sie wollten ihre Köderwaffen in einem Stück wieder, also musste ich den Lastwagen rammen, anstatt ihn einfach zu sprengen. Kann ich wissen, dass die ganze Bevölkerung von diesem dämlichen Kuhkaff mit ihren Steinzeitwaffen über mich herfällt?" grollte die Anwältin zurück, und zog sich ihre Uniformjacke an. Zumindest hatte sich ihre Schwarzseherei vor dem Auftrag ausgezahlt. Irgendwie hatte sie gewusst, dass etwas schief gehen würde, und deshalb ihre Arbeitskleidung gleich mitgebracht. Sie erhob sich ruckartig von dem Bett und war schon fast aus der Tür, als sich die Prellungen, die von dem Zusammenstoß mit dem LKW herrührten schmerzhaft wieder meldeten. Augenblicklich bewegte sie sich langsamer und unterdrückte ein Stöhnen.
„Sag diesen Vollidioten, dass ich das nächste Mal einen von ihnen als Rammbock benutzen werde, wenn sie sich jemals wieder so einen bescheuerten Plan ausdenken!" knurrte sie zurück in den Raum, bevor sie sich auf den Weg hinauf auf das Dach machte.
Hannah McLachlan sah ihrer älteren Schwester amüsiert hinterher. Wenn sie wollte, konnte sie in ein paar Minuten in D.C. sein. Aber Saiyajins hatten nun mal einen Hang zur Übertreibung...
1328 Z-Zeit (08:28 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Noch zwei Minuten.
Erneut sah Harm auf seinen Aktenkoffer, in dem sich einige der Beweise, die sie mittlerweile gegen Amanda Harris zusammengetragen hatten befanden. Er begann, mit dem kleinen Finger seiner linken Hand am hinteren Ende seines Gipses zu kratzen, nur um sich gleich darauf selbst zu ermahnen, das nicht zu tun. Genervt schob er den dunkelblauen Ärmel seiner Uniformjacke über das Ding, das ihm von Tag zu Tag mehr auf den Senkel ging und sah wieder auf die Uhr.
Eine Minute und dreißig Sekunden...
Die Aufzugtür öffnete sich.
Harm hörte sich selbst lauter denn je aufatmen, als wirklich seine Partnerin aus der Kabine trat und schnellen Schrittes auf ihr Büro zuhielt. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen war irgendetwas schief gelaufen. Zumindest sah sie so aus, als würde sie am liebsten in ein paar Hintern treten, nachdem sie ihren Mantel einfach rücksichtslos durch die Bürotür in Richtung ihres Schreibtisches geworfen hatte, nur um dann abrupt wieder umzukehren und in Richtung Verhandlungssaal zu gehen.
Er für seinen Teil sprang erleichtert hinter seinem Schreibtisch auf und hatte sie nach wenigen Schritten eingeholt.
„Tut mir leid, dass ich zu spät bin", grummelte sie vernehmlich, den Blick starr nach vorne gerichtet. Ihr Ton veranlasste Rabb, sich an etwas zu erinnern, das sie nach einer ihrer Streitereien zu ihm gesagt hatte.
Wenn ich wirklich mal stinksauer sein sollte, dann wollen sie nicht in meiner Nähe sein...
Okay...
„Kein Problem!" meinte er lediglich und versuchte ein kleines, aufmunterndes Lächeln. Sie spazierte jedoch ohne ihn eines Blickes zu würdigen durch die Tür, die er ihr aufhielt und ließ sich auf einen der Stühle auf der Anklageseite fallen. Ihre Aktentasche knallte neben ihr auf den Boden, kaum dass sie sie losgelassen hatte. Als sie schließlich auch noch ihre Ellbogen auf dem Tisch aufstütze und ihren Kopf in ihre Hände legte, hatte sich Harm's Erleichterung mittlerweile vollständig in Sorge umgewandelt.
„Ist alles in Ordnung?" fragte er leise, während er sich auf seinem Stuhl niederließ. Cara warf ihm einen seltsamen Blick zu.
„Ja. Ich hatte nur eine nervige Nacht. Wenn zu ihnen mal jemand sagt, ein Plan sei idiotensicher, dann tun sie alles, bloss glauben sie ihm ja nicht!"
Harm sah seine Partnerin verwirrt an. Auf der Seite der Verteidigung wurde mittlerweile Amanda Harris hereingeführt, den Arm, den ihr Cara gebrochen hatte immer noch in der Schlinge. Ihre Anwältin folgte einen Schritt hinter ihr. Aus dem Richterzimmer trat im selben Moment Captain Grey, ihre Richterin heraus. Die Untersuchung nach Artikel 32 war sehr schnell verlaufen, ein Kriegsgericht unumgänglich gewesen, so uneinsichtig wie die Angeklagte war.
Harm klappte den Aktendeckel vor sich auf und machte sich bereit, die Anklage zu verlesen und ihren ersten Zeugen aufzurufen. Vorher beugte er sich jedoch noch einmal zu seiner Partnerin hinüber, die immer noch stumpfsinnig vor sich hinstarrte und leise mit den Zähnen knirschte.
„Ist wirklich alles in Ordnung?"
Sie warf ihm einen feurigen Blick zu.
„Ich kann es kaum erwarten, in ein paar Ärsche zu treten..."
1400 Z-Zeit (09:00 Uhr EST)
Dienstag, 20. Januar 2004
Zweiter Verhandlungstag
Zeugenaussage von Private Laura Foxe
„Und können sie uns sagen, wo sich Lance Corporal Harris an dem Abend aufgehalten hat, an dem Gunnery Sergeant Wilkes seinen Unfall hatte?"
Die Anwältin vom Amanda Harris spazierte unaufhörlich vor Laura Foxe, die im Zeugenstand saß auf und ab. Sämtliche Anwesenden waren mittlerweile dazu übergegangen, den Bewegungen des jungen JAG-Lieutenants zu folgen wie bei einem Tennisspiel. Irgendwie schienen ihre Bewegungen beruhigend zu wirken, und deshalb erschrak Harm auch, als die Person neben ihm aufsprang und rief: „Einspruch! Einen Unfall kann man das ja wohl kaum nennen!"
Als wäre sie selbst beinahe durch das beständige gleichmäßige Hin und Her der Anwältin eingelullt worden schrak nun auch die Richterin hoch. Eine unangenehme Pause entstand, während der die gegnerische Anwältin Cara einen wütenden Blick zuwarf und Harm sich zu fragen begann, ob das ganze wohl Absicht gewesen war. Er hatte beinahe vergessen, dass sie Laura Foxe als Zeugin der Verteidigung überlassen hatten, weil diese damit zwangsläufig einen Fehler machen würde.
Captain Grey schien sich inzwischen daran zu erinnern, dass sie auf Cara's Einspruch etwas erwidern musste und antwortete mit einiger Verzögerung: „Stattgegeben."
„Ich formuliere neu", verkündete daraufhin die Verteidigerin, setzte sich nun jedoch auf ihren Stuhl.
„Wo war der Corporal in jener Nacht, als der Gunnery Sergeant diese schreckliche Erfahrung machen musste?"
Cara musste zugeben, dass die Zeugin dieses Mal eine bessere Schauspielerin abgab als bei ihrer ersten Befragung. Ohne mit der Wimper zu zucken antwortete sie: „ Wir hatten einige Tage frei, deshalb wollten wir noch ein wenig feiern, bevor wir in den Irak verlegt wurden. Also sind wir bis spät in die Nacht durch irgendwelche Pubs rund um Quantico gezogen."
Hätte sie nicht ihren Herzschlag ausmachen können, der sich bei dieser Lüge unwillkürlich beschleunigte, hätte sogar Cara ihr wahrscheinlich geglaubt.
„Bis wann waren sie ungefähr unterwegs in dieser Nacht?" hakte die Anwältin inzwischen nach.
„Bis ungefähr drei oder halb vier Uhr morgens", lautete die Antwort, von der sowohl Harm als auch seine Partnerin hundertprozentig wussten, dass sie nicht stimmte.
„Und sie waren die ganze Zeit zusammen?"
„Ja." Bei dieser Antwort verkrampften sich die Finger des jungen Private ineinander. Die Verteidigerin erhob sich langsam wieder von ihrem Stuhl und wandte sich an die Jury.
„Als man den Gunnery Sergeant um fünf Uhr morgens gefunden hat, waren die Lagerfeuer komplett heruntergebrannt, es war jedoch noch Glut vorhanden", meinte sie erklärend.
„Und es war eine Menge Holz, die da verbrannt wurde. Nach Beurteilung der Überreste brannten die Feuer über einige Stunden hinweg. Zu einer Zeit, zu der sich Amanda Harris in einer ganz anderen Stadt aufhielt, um mit ihren Freunden ein letztes Mal zu feiern, bevor sie in den Irak geschickt wurden..."
„Einspruch!" kam es daraufhin zweistimmig von Seiten der Ankläger. Harm warf seiner Partnerin einen amüsierten Blick zu, bevor er hinzufügte: „Die Frau Anwältin formuliert bereits das Schlussplädoyer." Er hatte sich wirklich darüber gewundert, dass die Gegenseite darauf bestanden hatte, Laura Foxe aufzurufen. Es wäre einfacher gewesen, seine Argumentation zu zerpflücken, wäre sie als Zeugin der Anklage aufgetreten. Andrew Wilkes hatte sich immer noch nicht daran erinnern können, wer die Frauen waren, die ihn in dem Waldstück zurückgelassen hatten. Die anderen Zeugen hatten zwar bestätigt, dass sich Wilkes und Harris nicht leiden konnten, konnten jedoch auch nicht bestätigen, dass sie und ihre Freundinnen versucht hatten, ihn umzubringen.
Die Richterin unterbrach seine Gedanken mit einem „Stattgegeben."
Die Anwältin warf inzwischen wieder einen wütenden Blick auf die Anklage, meinte dann jedoch gönnerhaft: „Keine weiteren Fragen."
Harm erhob sich, ohne den Blick ernst zu nehmen von seinem Stuhl und sah einer nun doch sichtlich nervösen Laura Foxe direkt in die Augen.
„Wie lange fährt man von Quantico nach Front Royal?" fragte er schließlich und kratzte erneut unbewusst an seinem Gips.
„Ich... ich weiß nicht genau. Das ist abhängig vom Wetter... und vom Verkehr...", stotterte die Zeugin, der schon bei Harm's Blick klar wurde, dass er sie nun im Zeugenstand auseinander nehmen würde. Die Anwältin hatte nicht auf sie hören wollen, als sie ihr sagte, dass sie sich für solche Sachen nicht eignete.
Auch Cara lehnte sich entspannt in ihrem Sessel zurück. Die Aussage, sie wären in Quantico gewesen, hatte ihnen das Rückgrad gebrochen. Laura Foxe diese Lüge als Alibi präsentieren zu lassen, war der schlimmste Fehler, den die Verteidigung überhaupt machen konnte.
„Gehen wir einmal davon aus, es wären 150 Meilen. Grob geschätzt, natürlich. Und da es Nacht ist, kommt man einigermaßen zügig voran. Das Wetter behinderte allerdings an diesem Abend, also sagen wir, man braucht ungefähr drei Stunden", rechnete Harm vor.
„Ungefähr mag das stimmen", musste der Private zustimmen, nachdem Harm sie auffordernd angesehen hatte.
„Gut. Der Gunnery Sergeant wurde gegen fünf Uhr morgens von ihnen gesehen, als sie beim joggen waren. Sie waren schon ungefähr zwanzig Minuten unterwegs, plus der Zeit, die man braucht, um anzukommen und sich umzuziehen. Gehen wir also grob von vier Stunden aus", schloss er mit einem Seitenblick auf die Jury, bevor er sich wieder an die Zeugin wandte.
„Um den Gunnery Sergeant um diese Zeit zu finden mussten sie also von ihrem Stützpunkt aus um ein Uhr morgens losfahren. Woher wollen sie wissen, dass Corporal Harris wirklich bis halb vier Uhr gefeiert hat?"
Laura Foxe sah den hochgewachsenen Anwalt stumm an und schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Ist es nicht eher so, dass diese sogenannte Abschiedsfeier in einem Wäldchen bei Front Royal stattfand und zum Ziel hatte, Gunnery Sergeant Wilkes loszuwerden?" fuhr er fort, ohne auf eine Antwort zu warten. Mittlerweile fragte er sich wirklich, wieso die Verteidigerin es darauf hatte ankommen lassen. Laura Foxe hatte den Mann gefunden!
„Einspruch!" kam es inzwischen endlich von der gegnerischen Anwältin.
„Der Anwalt versucht, der Zeugin die Aussage vorweg zu nehmen!"
Natürlich erhielt sie dieses Mal ein „Stattgegeben!"
Rabb bedachte seine Gegnerin mit einem langen, abschätzenden Blick, bevor er schließlich meinte: „Ich ziehe die Frage zurück."
Er selbst hätte schon bei seiner Rechnerei ein bis zwei Einsprüche eingeworfen. Ein selbstzufriedenes Grinsen unterdrückend setzte er sich wieder, der Gips landete mit einem trockenen Geräusch auf der Tischplatte.
„Wo waren sie wirklich?"
Laura Foxe senkte den Blick und antwortete leise: „Wir waren in Front Royal."
Zwei Sekunden später wurde ihr klar, was sie gerade gesagt hatte.
„Aber wir haben wirklich nur gefeiert! Wir hatten nichts zu tun mit dem Gunny!" versuchte sie ihre Aussage zu retten.
Der hochgewachsene Anwalt sah ihr erneut in die Augen.
„Wie weit ist diese Brücke von der Lichtung im Wald entfernt?"
Nun blickte ihn die Zeugin wirklich eingeschüchtert an. Harm begann sich zu fragen, ob sie überhaupt auf diesen Prozess vorbereitet worden war. Und selbst wenn nicht, konnte sie sich doch denken, dass er sie das fragen würde. Er wandte sich an die Richterin.
„Aus dem Bericht geht hervor, dass Private Foxe den Corporal von der Brücke aus nicht gehört haben kann.
Woher wussten sie, dass sich Andrew Wilkes auf dieser Lichtung befunden hat, Private? Sie waren dabei, als man ihn dort zurück ließ, nicht wahr?"
Private Foxe ließ den Kopf hängen und flüsterte: „Ja..."
„Damit haben sie ihm das Leben gerettet, Private", meinte Harm sanft, bevor er wieder zur Befragung zurückkehrte.
„Wer war noch alles dabei, Private? Corporal Harris? Einige andere Freundinnen?"
„Einspruch! Woher wollen sie wissen, dass sie das nicht alles alleine gemacht hat?" fauchte es von Seiten der Verteidigung. Rabb warf seiner Kollegin einen strengen Blick zu.
„Lieutenant, glauben sie wirklich, diese Frau hätte alleine einen Gunnery Sergeant des USMC in den Wald geschleift, fünf riesige Lagerfeuer aufgeschichtet und zu siebt um ihn herumgetanzt?"
„Abgewiesen", rief die Richterin in ihr Mikrophon. „Antworten sie auf die Frage, Private!"
Private Foxe antwortete jedoch nicht. Sie ließ weiter ihren Kopf hängen und sagte auch nach mehrmaliger Aufforderung nichts mehr.
Harm meinte schließlich: „Euer Ehren, ich schlage vor, wir machen mit einem anderen Zeugen weiter, da dies hier wohl zu nichts mehr führt." Die Richterin nickte, wies Laura Foxe jedoch darauf hin, dass sie noch einmal befragt werden würde.
Cara neben ihm beobachtete die Reaktion von Amanda Harris, die wütend zwischen ihrer Anwältin und ihrer Freundin hin und her sah.
„Scheint so, als würde ihr klar, dass sie sich ne Stümperin ins Boot geholt hat!" flüsterte sie ihrem Partner ins Ohr.
Der sah sie ernst an, bevor er zurückwisperte : „Noch haben wir nicht gewonnen, Commander."
Während die Richterin die Zeugin entließ beobachtete er seine Partnerin. Heute waren sie wieder zusammen ins Hauptquartier gekommen, während kein weiteres Wort über ihre Verspätung am gestrigen Tag gefallen war. Um ehrlich zu sein, hatte er auch nicht gewagt, sie darauf anzusprechen, nachdem er Zeuge ihrer schlechten Laune vom Vortag geworden war. Nicht, dass sie sie an irgend jemandem ausgelassen hatte, aber ihre Miene sprach wirklich Bände.
Davon war heute nichts mehr zu merken.
Etwas ungeduldig begann er, auf seinem Stuhl herumzurutschen. Irgendwie war das Ding heute noch unbequemer als sonst. Da es vorerst scheinbar jedoch keine Pause geben würde, musste er sich wohl oder übel mit der Tatsache anfreunden, dass ihm langsam sein Heck einschlief. Wieder kratzte unbewusst er am hinteren Rand des Gipses herum.
1815 Z-Zeit (13:15 Uhr EST)
Kantine des JAG-HQ
Falls Church, Virginia
„Anschließend werde ich sie erwürgen", knurrte Cara, während Harm ihr fasziniert beim Essen zusah und dabei seinen eigenen Teller komplett vergessen hatte. Die gegnerische Anwältin hatte mit ihrer letzten Zeugenbefragung ziemlich überzogen, und die Richterin die Mittagspause nur kurz bemessen. Was zur Folge hatte, dass seine Partnerin nun versuchte, einen Teller, der mit Essen für fünf Personen gefüllt war in weniger als zehn Minuten hinunterzuschlingen.
„Das ist nun schon die sechste Todesart, die sie sich ausdenken", grinste er und schob seinen mittlerweile kalten Fisch von sich. Cara stopfte sich eine halbe Kartoffel in den Mund und spießte gleich darauf die andere Hälfte auf.
„Ich sollte mich wohl nur auf eine Art konzentrieren, was meinen sie?" lächelte sie zurück, nachdem sie einigermaßen hinuntergeschluckt hatte.
„Ich besitze ein Waffe, und weiß, wie man sie benutzt. Frag sich nur noch, ob ‚ich stehe kurz vorm Verhungern' als Ausrede für einen Mord gilt", sinnierte die Saiyajin und schob sich die andere Hälfte der Kartoffel in den Mund.
„Ich glaube nicht. Schließlich haben sie ja vor, den Mord zu begehen, nachdem sie etwas gegessen haben."
„Dann kille ich die Richterin einfach auch noch mit, damit es sich auch wirklich lohnt. Nicht zu fassen, dass sie nur eine halbe Stunde gewährt hat! Aber wenn man sein Essen schön ins warme Richterzimmer gebracht kriegt, ohne dass man sich durch Tonnen von übergewichtigen Handwerkern zum Kühlschrank vorarbeiten muss, kann man natürlich so großzügig sein!" beschwerte sich die Anwältin sarkastisch. Harm sah mittlerweile eher fassungslos dabei zu, wie sie zwischen ihren Sätzen den halben Teller leerräumte.
Das mit den Handwerkern, die den Aufzug wieder auf Vordermann bringen sollten war in der Tat ein Problem. Nicht nur, dass sie den Staub im ganzen Haus herumtrugen, sie schienen es auch noch sehr amüsant zu finden, sich für ihre Mittagspausen in seinem Büro niederzulassen. Den Wutausbruch, nachdem einer von ihnen es gewagt hatte, eines seiner Flugzeugmodelle anzufassen würden sie allerdings nicht so schnell vergessen. Seitdem mieden sie ihn genauso, wie sie es vermieden, auch nur in der Nähe des Admirals aufzukreuzen. Nachdem dieser mit seiner im ganzen Gebäude hörbaren Ansprache fertig gewesen war, salutierte sogar der schmierigste Bauarbeiter vor ihm als wäre er ein Kadett im ersten Jahr.
Als er wieder zu seiner Partnerin sah, musste er erstaunt feststellen, dass ihr Teller inzwischen leer war. Cara lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.
„Ich glaube, ich werde einfach in ihrer Nähe platzen, und hoffen, dass die Explosion sie mit in den Tod reißt", stöhnte sie und erntete erneut ein Lachen von Harm.
„Schade, ich hätte ihre Mordanklage gerne vertreten. ‚Euer Ehren, nachdem der Blutzuckerspiegel meiner Mandantin nach dem viel zu raschen Mittagessen in astronomische Höhen gestiegen ist, kann man sie für ihre Taten wohl kaum verantwortlich machen. Ganz zu schweigen davon, dass die leider von uns gegangene Anwältin sowieso komplett unfähig war und sicherlich keinen Verlust für die Anwaltskammer darstellen dürfte'", plädierte er so leise, dass ihn keiner der anderen in der Kantine hören konnte, Cara dafür aber in fröhliches Lachen ausbrach.
„Tolles Argument. Sind sie wirklich Anwalt?"
„Das steht zumindest auf der Urkunde an meiner Bürowand. Können sie die paar Stockwerke hoch laufen, oder haben sie vor, gleich hier zu platzen?" frotzelte Harm zurück. Das war unter anderem eine der Sachen, die er nicht vermissen würde, wenn der Fahrstuhl wieder da war. Mehrmals am Tag fünf Stockwerke rauf- und runter zu klettern passte nicht ganz in seinen Fitnessplan.
„Haha, Mr. Spaßvogel. Sie jammern doch immer über die Treppen. Ich habe mich noch nicht einmal beschwert. Seien sie froh, dass ich sie nicht dazu zwinge, mich hochzutragen." Cara sammelte ihr Besteck ein und verstaute es auf ihrem Tablett. Harm tat das selbe und balancierte alles schließlich mit einer Hand zur Geschirrrückgabe.
„Wahrscheinlich würden sie dann des Mordes an mir angeklagt. Sie können doch nicht einen Halbinvaliden als Lastesel missbrauchen!" schimpfte er scherzhaft während sie sich auf den Weg zurück in den Gerichtssaal machten.
1927 Z-Zeit (14:27 Uhr EST)
Zeugenaussage von Rebecca Descoine
„Keine weiteren Fragen!" Die gegnerische Anwältin ließ sich zufrieden auf ihrem Stuhl nieder. Anfangs war sie nicht sicher gewesen, ob sie Private Descoine aufrufen sollte, schließlich hatte sie Lance Corporal Harris und die anderen verraten. Allerdings hatte sie ihre Aussage später wiederrufen und sagte nun zugunsten ihrer Vorgesetzten aus.
Harm auf der anderen Seite begann sich langsam Sorgen zu machen. Komischerweise war es ihm nicht mehr gelungen, die anderen Frauen ebenso zu verunsichern wie Laura Foxe. Sie blieben alle bei ihrer Story, sie wären durch Front Royal gezogen, hätten dort gefeiert und mehr nicht. Etwas Intelligenz konnte er seiner Gegnerin nicht absprechen, immerhin hatte sie die Aussagen ihrer Zeugen geschickt dorthin manipuliert, wohin sie sie haben wollte. Und dabei blieben sie auch, egal, was er sie fragte. Es machte zwar nicht denn besten Eindruck, wenn eine der Frauen gar nicht auf seine Fragen antwortete, aber keine von ihnen sagte etwas, das die Schuld von Lance Corporal Harris bezeugte. Wie ihre eigenen Prozesse in dieser Sache ausgehen mochten wollte er sich gar nicht vorstellen. Diese Gerichtsverhandlung war das beste Training, das sie überhaupt kriegen konnten. Langsam erhob er sich von seinem Stuhl, der auch nach dem Mittagessen nicht bequemer geworden war.
Das mit den Bars, durch die die Frauen gezogen sein wollten ließ sich leicht nachprüfen. Was ihm mittlerweile Kopfschmerzen bereitete war, dass es auf der Lichtung nur wenige Spuren gegeben hatte, die die Spurensicherung hatte verwerten können. Sie hatten einige rote Fasern gefunden, von Umhängen, von denen jede der Marines bestritt, jemals einen besessen zu haben.
„Könnte man sagen, Corporal Harris ist eine gute Freundin von ihnen?" fragte er schließlich und dachte erst nicht daran, welchen Verlauf ihr letztes Gespräch mit dieser Zeugin genommen hatte. Mittlerweile schien sie sich nicht mehr von ihm einschüchtern zu lassen und hielt ihre Lippen fest verschlossen. Harm seufzte. Diese Frau zerrte an seinen Nerven und trug nicht gerade dazu bei, dass er im netter Anwalt-Modus blieb. Wenn sie wollte, konnte er auch den knallharten Anwalt herauskehren. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und sah seine Partnerin entnervt an, bevor er seinen Blick wieder auf den Zeugenstand richtete.
„Private, wir hatten das ganze schon einmal. Hören sie auf, sich so kindisch zu benehmen und reden sie mit mir", meinte er und versuchte, den scharfen Ton aus seiner Stimme herauszuhalten.
„Euer Ehren, der Anwalt bedroht die Zeugin!" rief es von der Anklagebank.
„Ich bedrohe hier niemanden!" verteidigte sich Harm, ehe die Richterin überhaupt dazu kam, etwas zu sagen. Cara seufzte nun ihrerseits und erhob sich etwas schwerfällig von ihrem Sessel. Die Prellungen hatten mittlerweile beschlossen, ihre Gelenke steif werden zu lassen, wenn sie zu lange saß.
„Sind sie mit Lance Corporal Harris befreundet, Private?" fragte sie in einer Tonlage, die Harm beim besten Willen nur als unfreundlich beschreiben konnte. Die Richterin hatte immer noch nichts gesagt, sondern beobachtete nun die Saiyajin ihrerseits aufmerksam.
Private Descoine hingegen zog wirklich wieder das gleiche Spielchen ab.
„Ja, Ma'am", antwortete sie gelangweilt und bedachte Cara mit einem abschätzigen Blick.
„Sie haben bei ihrer ersten Befragung ausgesagt, sie, Corporal Harris und die fünf anderen Frauen hätten Gunnery Sergeant Wilkes auf der Lichtung zurückgelassen..."
„Einspruch! Die Zeugin hat ihre Aussage zurückgezogen!" warf der gegnerische Lieutenant ein und handelte sich einen bösen Blick der Anklägerin ein.
„Ich war auch noch nicht fertig mit meiner Frage." Cara wandte sich wieder an den Private und starrte sie erneut in Grund und Boden.
„Was hat sie bewogen, ihre Aussage zurückzuziehen?"
Rebecca Descoine hörte sich bei weitem nicht mehr so selbstsicher an wie zuvor, als sie die Fragen der Verteidigung beantwortet hatte, als sie nun den Mund aufmachte.
„Weil es sich nicht so zugetragen hat, Ma'am. Ich habe mich von ihrem Partner einschüchtern lassen, und schließlich nur noch bestätigt, was mir erzählt wurde."
Bevor die junge Anwältin irgendetwas davon richtig stellen konnte, war Harm aufgesprungen.
„Einspruch! Ich habe nichts dergleichen getan!"
„Herr Anwalt, die Anklage befragt gerade die Zeugin. Sie können keinen Einspruch erheben", meinte die Richterin sichtlich amüsiert. Cara hingegen stützte sich mit einem Arm auf dem Tisch des Zeugenstandes ab.
„Private, sie stehen unter Eid! Es gibt ein Protokoll dieser Befragung und ich war auch dabei. Ausgehend davon, dass sie sich geweigert haben, mit einem Vorgesetzten zu sprechen hat Commander Rabb sie lediglich zurechtgewiesen, wie es ihm zustand."
Ehe sie sich versah, hatte Private Descoine sich an ihren Arm geklammert. Cara unterdrückte einen Schrei, als die Naht, die den Machetenschnitt zusammenhielt aufplatzte und die Wundränder sich ziemlich schmerzhaft wieder voneinander trennten.
„Warum spielen sie den Handlanger, Ma'am? Sie sind genauso stark wie wir! Ich meine, wie sie da in diesem Flur in Quantico reagiert haben! Sie waren besser als jeder der Männer dort!" kreischte Descoine und umklammerte den Arm der Anwältin immer stärker. Cara presste die Lippen zusammen und unterdrückte ein Stöhnen.
Harm sprang ebenso auf wie die beiden Gerichtsdiener, die versuchten, die Soldatin von der Anwältin zu trennen.
Es fühlte sich mittlerweile an, als hätten sich Eisenfinger um ihren Arm gelegt, mit der Absicht, ihn zu zerquetschen. Am liebsten hätte sie Rebecca Descoine ihre Faust ins Gesicht gerammt, doch stattdessen bemühte sich Cara lieber darum, nicht vor Schmerzen in Ohnmacht zu fallen.
Als sich der Gesichtsausdruck des Privates plötzlich änderte, wurde ihr klar, dass sie damit nicht sonderlich viel Erfolg gehabt hatte. Die junge Soldatin ließ den Arm der Anwältin so abrupt los, dass diese nach hinten taumelte. Harm bewahrte seine Partnerin vor einem Sturz und sah fassungslos dabei zu, wie die junge Frau im Zeugenstand mittlerweile vollkommen austickte.
„Wie haben sie das gemacht!"
Cara warf Harm einen hilflosen Blick zu, während sie ihren rechten Arm gegen ihren Körper hielt. Sie wusste, dass der Private auf ihre flackernde Iris angesprochen hatte. Nur konnte sie doch keinem sagen : „Hallo, wenn's mir mies geht und mein Status sinkt krieg ich schwarze Augen!"
„Ich habe gar nichts gemacht!"
„Sie ist eine Hexe! Ich hab's genau gesehen!" Descoine's Stimme wurde immer schriller. Sie versuchte, sich von den Gerichtsdienern zu lösen und auf Cara loszugehen, entkam aber nicht dem eisernen Griff der beiden Männer. Ehe sich Cara versah, hatte sich auch ihr Partner beschützend vor ihr aufgebaut.
Die Richterin hieb mit ihrem Hämmerchen immer wieder auf den Tisch und forderte die Marine auf, sich zu beruhigen. Was nur dazu führte, dass sie von der jungen Soldatin beschimpft wurde.
Der Captain wies schließlich die Gerichtsdiener an, die hysterische Frau abzuführen, unterbrach die Verhandlung und verließ den Gerichtssaal. Nachdem Amanda Harris, ihre Anwältin und alle Zuschauer sowie die Jury den Saal verlassen hatte, wandte sich Harm an seine Partnerin, die mittlerweile wieder auf ihrem Stuhl saß. Sie ballte gerade ihre rechte Hand zu einer Faust, verzog kurz das Gesicht und öffnete sie dann wieder.
„Alles in Ordnung?" fragte der hochgewachsene Anwalt, während er seine Unterlagen zusammensuchte und in seinen Aktenkoffer stopfte.
Cara sah ihn lediglich mit ihren grünen Augen an und packte ihre Akten ebenfalls in ihre Tasche.
„Diese Leute haben den größten Knall, der mir jemals begegnet ist!" knurrte sie und marschierte durch die Tür, die ihr Harm aufhielt.
„Warum ist sie denn so ausgerastet?" Er schloss die Tür leise hinter sich und folgte der Anwältin zurück zu ihren Büros. Sie blieb, kurz bevor sie abbiegen mussten stehen und sah ihn mit schiefgelegtem Kopf an.
„Vielleicht liegt es wirklich am Essen in Quantico."
Harm konnte nicht anders, als zu lachen.
„Ich werde eine Anklageschrift gegen den ‚kulinarischen Folterknecht' vorbereiten!" grinste er und machte sich bereit, weiterzugehen.
In diesem Moment brach im Gerichtssaal die Hölle los.
Der Mann, der sich einige Stunden später die Statik des Gebäudes ansah konnte nur noch empfehlen, es abzustützen, so gut es ging, alles Wichtige rauszuholen, und dann alles abzureißen.
Cara war dies völlig egal, als ein ohrenbetäubender Knall ihre Unterhaltung mit Harm unterbrochen hatte. Eine Zehntelsekunde nach dem Knall barst die schwere Tür des Gerichtssaals in tausend Stücke, aus der Wand schossen Ziegelsteine über den Gang. Die Druckwelle schleuderte Harm gegen sie und sie beide letztendlich gegen die Ecke der Wand, die sie gerade umrunden hatten wollte. Es drückte ihr die Luft aus den Lungen, als sie ihren Körper erneut auf die bereits bestehenden Prellungen krachen fühlte. Für Harm andererseits war es das pure Glück, dass er nicht als erster gegen die Mauer krachte und sich dabei sämtliche Knochen brach. Die Wand gab unter dem weitaus stabileren Körper der Saiyajin nach und die beiden segelten durch einen Vorhang von Glasscherben der berstenden Fenster der Büros mitten in den Bullpen.
Als Cara wieder zu sich kam, war das erste, was sie bemerkte, dass ihr alles wehtat. Das zweite war, dass sie sich nicht bewegen konnte. Nachdem der ersten Anflug von Panik verschwunden war, erkannte sie, dass Harm auf ihr lag und sich ebenfalls nicht bewegte. Mit einem Keuchen rollte sie den Ex-Piloten von ihrem Oberkörper, setzte sich so gut es ging auf, und hinterließ einen blutigen Handabdruck auf seiner Wange, als sie nachprüfte, ob es ihm gut ging.
„Harm! Wachen sie auf!" Seine Aura sagte ihr, dass er nicht lebensbedrohlich verletzt war. Einige Splitter hatten ihm die Haut im Gesicht und an den Händen aufgerissen, aber sie sah wahrscheinlich auch nicht besser aus. Ihr Uniformärmel war an der Wand hängen geblieben, zusammen mit dem Arm der Bluse und dem Verband. Blut lief den wieder offenen Riss an ihrem Unterarm hinunter und vermischte sich auf dem Boden mit Staub und Glasscherben.
Mit ihm war alles in Ordnung. Dennoch bekam sie keine Antwort von dem leblos auf ihrem Schoß liegenden Mann.
„Harm!"
Sie spürte förmlich, wie der Boden unter ihnen begann, nachzugeben. Ein großer Riss verlief quer durch den Bullpen und verlängerte sich alle paar Sekunden um einige Zentimeter. Schließlich gab der Boden im Flur ganz nach und unter großem Getöse entstand ein einige Quadratmeter umfassendes Loch.
Cara rollte ihren Partner von ihren Beinen, musste dann jedoch feststellen, dass sie kaum in der Lage war, aufzustehen. Stöhnend zwang sie ihren Körper, gegen die aufkommende Steifheit anzukämpfen. Ein leiser Schrei entschlüpfte ihr, als sie versuchte, ihn von dem sich vergrößernden Abgrund wegzuziehen. Ihr rechter Arm war mittlerweile kaum mehr zu gebrauchen.
„Verdammt noch mal, Sailor!" Sie musste sich beherrschen, ihn nicht zu treten, als ihre Finger zum wiederholten Mal abrutschten und sie nach hinten fiel. Um sie herum erhoben sich einige Mitarbeiter und verließen fluchtartig den Raum in Richtung Treppenhaus, ohne den beiden Anwälten Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Riss stoppte an der Wand, die an Harm's Büro grenzte. Vielleicht hatten sie dort ja mehr Glück, nicht unter den Trümmern des Hauptquartiers begraben zu werden, wenn es sich dazu entschloss, zusammen zu krachen.
Erneut rappelte sie sich von Boden hoch und schaffte es, ihn ein paar Meter zu ziehen. Gerade, als ihr der erschlaffte Körper des Ex-Piloten wieder zu entgleiten drohte, tauchte neben ihr ein Arm auf und nahm ihr die Last ab. Als sie hochsah, erkannte sie Sam, den Putzmann, der Harm nun unter den Achseln gepackt hatte und schnaufend in Richtung Büro des Admirals schleppte.
„Das Büro ist extra stabil, außerdem ist das ne tragende Wand. Vielleicht haben wir Glück!" grunzte die Reinigungskraft und bedeutete der jungen Anwältin, ihm zu folgen.
A.J. hatte sich hinter sein Telefon geklemmt, nachdem er sich wieder unter seinem Schreibtisch hervorgetraut hatte. Zumindest hatte er das versucht. Das Telefon war tot, also blieb ihm nichts anderes übrig, als sein Handy zu benutzen.
Die Glühbirne seiner Schreibtischlampe hatte einen langen Kratzer auf seiner Wange hinterlassen, als sie unter der Druckwelle explodiert war, die Fenster seines Büros waren nicht mehr vorhanden.
Der Admiral schaute nicht wenig verdutzt, als ein Putzmann Rabb in sein Büro schleifte und hinter den beiden eine ziemlich angeschlagene Cara durch die Tür humpelte.
Sam ließ Harm einfach vor dem Schreibtisch des Admirals liegen. Cara ging neben ihrem Partner in die Knie, nur um erneut zu fühlen, wie ihr ganzer Körper protestierte. Zumindest aber schien es endlich so, als würde Harm zu sich kommen. Wenigstens drückte er ihre Hand, als sie nach seiner griff.
„Eine Bombe, sie Vollidiot!" brüllte Chegwidden inzwischen in sein Mobiltelefon. „Hätte ich sonst gesagt, das halbe Hauptquartier wäre grade in die Luft geflogen? Schicken sie endlich die Feuerwehr... und was man sonst noch so braucht, wenn einem das Haus um die Ohren fliegt!" Genervt unterbrach er das Gespräch und warf das Telefon auf den Tisch.
„Ist er in Ordnung?" Dem JAG wurde erst jetzt so richtig klar, was gerade passiert war. Irgend ein Irrer hatte sein Hauptquartier in die Luft gesprengt, und sein Senioranwalt lag sicher nicht zum Spaß auf dem Fußboden herum und begann langsam, sich wieder zu bewegen.
Cara nickte lediglich auf die Frage ihres Patenonkels.
„Sie haben ein bisschen zugelegt seit dem letzten Mal, Rabb", meinte Sam und lehnte sich lässig gegen die Bürotür, nur um von drei Paar fragenden Augen angesehen zu werden.
Die 9mm Beretta in seiner Hand deutete nicht darauf hin, dass er weiter gewillt war, ihnen zu helfen.
„Warum können sie mir nicht einfach mal den Gefallen tun, endlich zu sterben? Ich denke mir all diese Sachen doch nicht umsonst aus", führte der ältere Mann weiter aus, und begann, unter seinem Hemd etwas hervorzunesteln. Ungläubig mussten die drei Anwälte dabei zusehen, wie Sam langsam seine Haut abzog und ein Mann etwa in Harm's Alter zum Vorschein kam. Cara hatte dem Ex-Piloten geholfen, sich aufzusetzen, doch als er erkannte, wer da vor ihm stand, hätte er sich am liebsten wieder hingelegt und tot gespielt.
„Palmer! Wie zur Hölle sind sie aus Leavenworth rausgekommen?" Harm versuchte, sich auf dem Boden abzustützen und stellte wieder einmal fest, wie unpraktisch sein Gips doch war. Clark Palmer pulte die letzten Reste der Latexhaut von seinem Gesicht und zielte weiter unentwegt auf den Navy-Anwalt.
„Das ist leichter, als sie denken. Was allerdings ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint ist, sie endlich aus dem Weg zu räumen. Bei der Sache mit dem Fahrstuhl war ich selber schuld. Ich konnte die Sprengladungen nicht so anbringen, wie ich wollte, und musste hetzen. Aber wie sie es geschafft haben, mir heute wieder zu entkommen, ist mir wirklich schleierhaft." Palmer schüttelte den Kopf und entsicherte schließlich seine Waffe.
„Sie waren das mit dem Aufzug!" Hätte ihr Körper nicht beschlossen, dass die Stellung, in der sie neben Harm kniete einigermaßen bequem war hätte sich Cara liebend gerne auf den armen Irren an der Tür gestürzt. Sie hatte zwar keine Ahnung, welche Probleme dieser Kerl mit ihrem Partner hatte, aber scheinbar war er wirklich wild darauf, ihr einen Grund zu liefern, Sam, dem Putzmann ein paar auf seine unentwegt offene Klappe zu geben.
Palmer richtete mittlerweile den Lauf der Beretta direkt auf Harms Brust und fragte erneut: „Wie sind sie dieses Mal davon gekommen? Warum können sie nicht endlich den eleganten Abgang machen, den ich für sie plane?"
„Eine Zeugin ist ausgerastet. Die Richterin musste die Verhandlung unterbrechen... warum erzähle ich ihnen das eigentlich?" Harm war sich sehr wohl bewusst, dass es dieses Mal wohl nicht gut für ihn ausgehen würde. Verdammt, er sah noch nicht einmal richtig scharf und in seinem Kopf brummte es, als hätte sich ein ganzer Bienenschwarm darin niedergelassen.
„Eigentlich interessiert es mich auch gar nicht." Palmers Finger krümmte sich um den Abzug und ein lauter Knall peitschte durch den Raum.
„Oooh Gott..." Cara stöhnte laut auf. Dieses Mal hatte sich wirklich alles gegen sie verschworen, inklusive der Tatsache, dass ein Irrer gerade versuchte, ihren Partner umzubringen, während sie sich kaum bewegen konnte. Harm starrte verdutzt auf das Loch im Fußboden, dort, wo er gerade noch gesessen hatte. Plötzlich stand er nun neben seiner Partnerin, die sich wie eine Ertrinkende an ihn klammerte und fast noch mehr schwankte als er. Dieses Mal riss er sie jedoch mit zu Boden, als ihn sein Gleichgewicht wieder verließ.
Ob der erneute Knall aus Palmer's Pistole kam oder nur in seinem Kopf stattfand, der gegen die Schreibtischkante krachte, als er stürzte konnte er anfangs nicht sagen. Seine Kiefer klackten schmerzhaft aufeinander, und als er wieder einigermaßen klar denken konnte, dankte er erst einmal Gott dafür, dass sich seine Zunge nicht zwischen seinen Zähnen befunden hatte.
Was ihn wunderte war, dass ihm außer seinem Kopf nichts weh tat. Und dass es auf einmal so still im Raum war.
Warum rührte sich Cara auf seinem Schoß nicht? Weshalb schoss Palmer nicht noch einmal und machte dem Ganzen endlich ein Ende?
Ihm wurde übel und er ließ seinen Kopf nach hinten gegen den kühlen Schreibtisch sinken. Der Boden unter ihm begann zu schwanken, aber das schob er auf die Gehirnerschütterung, die er sich mit Sicherheit gerade zugezogen hatte. Erschöpft schloss der Anwalt die Augen und driftete schließlich in die Bewusstlosigkeit ab, die ihn zuvor schon umgeben hatte.
Palmer war nicht minder überrascht, dass er die Frau getroffen hatte. Allerdings hatte er nicht richtig gezielt gehabt, sondern lediglich ein weiteres Mal auf Rabb geballert, der wie durch ein Wunder seiner ersten Kugel entkommen war. Nun war Rabb eine leichte Beute und die Frau war tot. Für einen Zufallstreffer hatte er sie wirklich punktgenau ins Herz getroffen.
Der Admiral stand währenddessen immer noch bewegungslos hinter seinem Schreibtisch und sah fassungslos auf seine beiden Anwälte auf dem Fußboden. Es schien nicht so, als würde ihm der alte Mann Schwierigkeiten machen.
Schließlich zuckte der ehemalige NSA-Agent mit den Schultern und legte erneut auf Rabb an. Als er seinen Zeigefinger um den Abzug krümmte, war die Waffe aus seiner Hand verschwunden. Dafür stand die Frau vor ihm, die Augen rein weiß, nicht einmal die Pupille war zu sehen. Dafür hatte sie die Beretta in der Hand. Nach einem lauten Knirschen landete die vollkommen verbogene Waffe auf dem Fußboden. Sie machte einen weiteren Schritt auf ihn zu, und Palmer wollte zurückweichen, wurde jedoch vom Türrahmen aufgehalten. Erneut erbebte das Gebäude und Putz rieselte von den Wänden.
„Was zur Hölle...?"
Sie hatte ein Loch in ihrer Uniformjacke, dunkel und feucht glänzend vom Blut. Die Frau, die eigentlich tot sein sollte machte einen letzten kleinen Schritt auf ihn zu, und wieder schien das Haus unter ihrem Schritt zu erzittern.
Palmer machte eine halbherzige Bewegung, um sich zu verteidigen. Er hatte noch nicht einmal seinen Arm ganz gehoben, da hatte ihn die Saiyajin schon gepackt und ans andere Ende des Raumes geworfen, wo er mit einem Schmerzensschrei an der Wand landete.
Wieder kam sie auf ihn zu, musste sich zwischendurch sogar auf dem Schreibtisch, vor dem immer noch Rabb lag abstützen. Sie schien keinerlei Eile zu haben, sich Palmer wieder zu widmen. Einige erfolglose Versuche, aufzustehen später hatte sie ihre Hand um seinen Hals geschlossen und schob ihn langsam die Wand hoch, bis seine Beine in der Luft baumelten. Solange er noch Luft bekam, wunderte er sich darüber, schließlich war er größer als die Anwältin. Er schob es auf den einsetzenden Sauerstoffmangel, dass es so aussah, als würde sie vor ihm schweben. Lange darüber nachdenken konnte er sowieso nicht. Kurz, bevor er bewusstlos wurde, schleuderte sie ihn erneut quer durch das Büro und er krachte gegen den ohnehin schon zerstörten Fernseher auf dem Bücherregal.
Ein weiteres Mal bebte es unter ihren Füßen, von der Decke löste sich ein größeres Stück Putz und krachte auf den Fußboden. A.J. schaffte es gerade noch, auszuweichen. Der Admiral lief um seinen Schreibtisch herum, packte seinen besinnungslosen Senioranwalt unter den Armen und zog ihn aus der Gefahrenzone. Den Kopf Harms vorsichtig gegen seine Brust gebettet wartete Chegwidden auf das Ende des ungleichen Kampfes.
Ein Riss bildete sich in der Wand neben der Eingangstür, als Cara Palmer ein drittes Mal durch das Zimmer schleuderte und der Ex-NSA-Agent bewegungslos unterhalb eines anderen Regals liegen blieb.
Palmer sah nur noch verschwommen, dass die Anwältin erneut auf ihn zukam. Erst, als sie ihn am Kragen packte und wieder von Boden hochzog, konnte er ihr Gesicht wieder klar sehen. Mittlerweile starrten ihn ein paar kalte grüne Augen an. Ihn wunderte nicht einmal mehr, dass kleine Blitze um sie herum zuckten und es in der Luft nach Elektrizität roch. Ebenso wenig konnte ihn jetzt noch die Tatsache überraschen, dass sich die Haarfarbe der Frau von tiefschwarz in ein gleißendes Blond verwandelte, bevor sie ihm den rechten Haken versetzte, der ihn endgültig ins Reich der (Alb)Träume schickte.
Wieder kehrte eine gespenstische Ruhe ein. Nach einiger Zeit traute sich Chegwidden schließlich, Harm behutsam auf den Fußboden zu legen und sich hinter der Sicherheit seines massiven Schreibtisches hervorzuwagen. Er konnte gerade noch sehen, wie die strahlende Aura, die Cara umgeben hatte verschwand, sich die Haare der Saiyajin wieder schwarz färbten und sie schließlich über Palmer zusammenbrach.
Erneut griff der Admiral nach seinem Mobiltelefon und benutzte eine der Kurzwahltasten.
„Hannah?"
