Kapitel 8: Schmerzen

Schmerzen.
Sie durchzogen seinen Körper und er hätte nicht sagen können, wo sie anfingen und wo sie aufhörten.
Sie zogen ihn unbarmherzig aus dem tiefen Loch, in das sich sein Bewusstsein versteckt hatte, zogen, zerrten, rissen…
Ein Ziehen, ein Brennen und der Schrei formte sich in seiner Kehle, doch er hörte nichts.
Er konnte nichts anderes wahrnehmen.
Er kniff die Augen zusammen, ein Stöhnen entwich ihm. Doch er nahm nichts anderes wahr als Schmerzen.
Er hätte nicht sagen können, ob es Sekunden, Minuten oder Stunden dauerte.
Doch als die Dunkelheit durchdringender wurde und ihn wieder zu sich herabzog, da gab er ihr nach und ließ sich hineinfallen…

Es war bereits Nacht und Sam rieb sich müde die Augen, bevor er sich in dem unbequemen und viel zu kleinem Sessel in Jensens Krankenzimmer drehte und versuchte eine halbwegs erträgliche Position zu finden. Doch schließlich gab er es auf, denn es war einfach unmöglich.
Stattdessen fiel sein Blick auf Jared, der in einem eben solchen Sessel sah und leise vor sich in schnarchte.
Mit einem Kopfschütteln fragte er sich, wie sein Zwilling das machte und ob dieser wohl immer und überall schlafen konnte. Aber vielleicht hatten die Ereignisse des Tages auch einfach ihren Tribut gefordert und die Erschöpfung hatte Jared überkommen.
Ein Wunder wäre es sicher nicht.
Auch Sam war erschöpft. Aber der Schlaf hatte kein Mitleid mit ihm.
Stattdessen saß er seit Stunden herum, versuchte die Zeit totzuschlagen und beobachtete seine Brüder.
Sie hatten Salz verteilt und Dean hatte sogar unter dem dünnen Teppich in der Mitte des kleinen Raumes eine Teufelsfalle gemalt.
Erst dann hatten sie sich auf die verschiedenen Sessel verteilt und gewartet.
Sie hatten kaum gesprochen.
Jared war schließlich eingeschlafen. Und Dean, der sich einen der Sessel neben das Bett seines Bruders geschoben und ihn lange Zeit einfach beobachtet hatte, war schließlich auch eingenickt.
Sam beobachtete, wie sich die Brust des Älteren langsam und gleichmäßig hob und senkte und fragte sich, was in ihm vorging.
Sie hatten sich immer nahe gestanden, jedenfalls hatte er das geglaubt.
Dean war immer da gewesen, hatte auf ihn aufgepasst, ihm beigebracht, was es zu wissen gab und ihn getröstet, wenn ihr Vater zu beschäftigt gewesen war, um sie überhaupt wahrzunehmen. Sie hatten so viel Zeit miteinander verbracht. Erst als Sam aufs Collegge gegangen war, hatte sich etwas geändert. Trotzdem hatten sie miteinander geredet und Sam hatte geglaubt, dass alles in Ordnung war. Aber vielleicht war das auch nur Wunschdenken gewesen, vielleicht hatte er sich das nur eingeredet.
Die Wahrheit war wohl, dass er aufs Collegge gehen und unabhängig hatte sein wollen. Und auch wenn es ihm wehgetan hatte, so viel von Dean getrennt zu sein, wo sie doch ihr ganzes Leben lang immer so eng zusammengelebt hatten, hatte er einfach weg gewollt.
Er hatte weg gewollt vom Jagen, von Dad und sogar von Dean.
Er wollte sich als eigenständige Person fühlen, wollte seine eigenen Entscheidungen treffen und ein eigenes Leben führen.
Sam wusste, dass Dean solche Wünsche nicht hatte oder zumindest ließ er nicht zu, dass er sie hatte.
Dean hatte das Leben als Jäger einfach von Dad übernommen und er schien nichts anderes zu wollen.
Aber vielleicht hatte Sam sich da auch geirrt.
Es war schließlich nicht so, dass sie über solche Dinge redeten.
Sicher, sie redeten, redeten schon auch über wichtige Dinge, aber keiner von ihnen sprach aus, was wirklich in ihrem Inneren vor sich ging.
Und inzwischen glaubte Sam, dass in seinem Bruder eine Menge mehr vor sich ging, als er jemals für möglich gehalten hatte.
Und in diesem ganzen Durcheinander, das seine Gedanken zurzeit war, kam immer öfter der eine zum Vorschein: er war ein selbstsüchtiger Bastard.
Nicht einmal während der vielen Kämpfe, die er mit seinem Vater ausgetragen hatte, hatte er auch nur darüber nachgedacht, was es Dean antat. Er hatte nicht überlegt, wie es für ihn war, in der Mitte zu stehen. Oft genug hatte er von seinem Bruder sogar gefordert, dass er sich auf seine Seite stellte und gegen ihren Vater wendete. Und da sowohl ihr Vater als auch Sam das wichtigste für ihn waren, hatte es ihn wahrscheinlich innerlich zerrissen. Nur, dass Sam sich darum einfach keine Gedanken gemacht hatte.
Er war sich ziemlich sicher, dass Dean ihm sagen würde, es wäre okay. So war sein Bruder. Er stellte seine eigenen Wünsche und Bedürfnis immer hinten an. Hatte es immer getan.
Doch auch das war Sam nicht bewusst gewesen.
Er mochte nicht an die vielen, kleinen Dinge denken, die bewiesen, dass er nur an sich gedacht hatte. Es fing bei den simplen Cornflakes an, die sein Bruder ihm zum Essen überlassen hatte, weil Sam sie so gerne hatte haben wollen und hörte nicht bei den endlosen Malen auf, in denen Dean seine Waffen gereinigt hatte, damit Sam Zeit hatte zum lernen.
„Hey, ich kann dein Grübeln förmlich hören!" riss ihn die Stimme seines älteren Bruders plötzlich aus seinen Gedanken und er zuckte zusammen.
„Alles in Ordnung, Sammy?" kam die besorgte Frage gleich hinterher.
„Ja, sicher," kam die automatische Antwort und Dean hob darauf nur eine Augenbraue. Aber Sam hatte jetzt keine Lust zu reden, er wollte lieber mit Dean allein sein, wenn er sich bei ihm entschuldigte. Denn das würde er tun, das nahm er sich vor, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass Dean einfach abwinken würde.
„Hast du überhaupt geschlafen?" wollte dieser nun wissen.
Sam zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich," antwortete er. „Aber es ist vielleicht auch besser, wenn einer von uns wach ist."
Dean wollte darauf etwas sagen, doch kein Ton kam über seine Lippen, als er plötzlich die Stirn runzelte, zu Jensen sah und sich im nächsten Moment zusammenkrümmte.
Ehe Sam bewusst war, was vor sich ging, lag sein Bruder auf dem Boden und ein schmerzerfülltes Keuchen kam über seine Lippen.
„Dean?" Sam sprang auf und lief zu seinem älteren Bruder. Er packte ihn an den Schultern und sah ihm ins Gesicht.
Was ihn sah, erschreckte ihn, denn Dean, der kaum jemals eine Schwäche zeigte, war blass, hatte das Gesicht vor Schmerzen verzogen und Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
Zur gleichen Zeit begannen die Monitore, die Jensens Kondition überwachten lautstark zu piepen.
„Was ist denn los?" fragte eine Stimme hinter ihnen und nach einem kurzen Blick sah Sam, dass sein Zwilling ebenfalls aufgewacht war und zu ihnen kam.
„Ich habe keine Ahnung," antwortete er. Noch immer krümmte sich Dean vor Schmerzen und ihm lief sogar eine Träne über die Wange. Sam überlegte verzweifelt, was vor sich ging. Er hatte sich selten in seinem Leben dermaßen hilflos gefühlt.
Dann ging die Tür auf und zwei Schwestern kamen hereingeeilt. Sie beugten sich über Jensen, sahen sich seine Vitalwerte an und erst nach einem Augenblick sahen sie, die drei jungen Männer, die neben dem Bett hockten.
„Sind Sie in Ordnung, was ist denn hier los?" fragte die ältere der beiden und eilte zu ihnen.
Jared wich zurück, um ihr Platz zu mache, während seine Worte von vorher wiederholte.
Die Schwester fühlte Deans Puls und fragte ihn, wo er Schmerzen hatte, doch er konnte nicht antworten.
„Ich würde sagen, Mr. Ackles hier beginnt aus der Bewusstlosigkeit aufzuwachen," sagte derweil die andere Schwester und notierte einige Daten auf dem Krankenblatt, während ihre Augen zwischen ihrem Patienten, den Monitoren und Dean hin und her wanderten. „Er hat sicher starke Schmerzen, wir geben ihm Morphium," erklärte sie und drückte auf einen der Knöpfe, der mit den verschiedenen Geräten verbunden war. „Es sollte schnell wirken," fügte sie dann hinzu und es dauerte tatsächlich nur eine halbe Minute, bis sich Jensens angespannter Körper langsam entspannte.
Sams Aufmerksamkeit galt nun wieder Dean und er konnte grade noch rechtzeitig reagieren und seinen Bruder auffangen, als dieser schlaff wurde und das Bewusstsein verlor.
Kurz darauf ging die Tür wieder auf und ein Arzt kam herein.
Ihm folgten John und Bobby.