Kapitel 9 – Willensstärke?
Mit einer vollkommenen Leere im Herzen drehte sie das heiße Wasser bis zum Anschlag und setzte sich unter die prasselnden Tropfen des Duschkopfes. Erst jetzt, da die warmen Fluten ihren Körper hinab rannen und ihr ein wenig Linderung verschafften, spürte sie, dass sich auch wirklich restlos jede einzelne Faser ihres Körpers verkrampft hatte.
Erschöpft hatte sich Hermine die Knie bis tief unter ihr Kinn gezogen und schützend wie ein wärmender Mantel ihre Arme darum gelegt. So kauerte sie unter dem weichen Strahl und gab sich Mühe das beruhigende Gefühl zu genießen, welches der Duschkopf versuchte ihr zu schenken.
Bedrückt schloss sie ihre Augen und versuchte das Geschehene zu vergessen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, das schreckliche Szenario hatte sich so stark in ihr Gehirn und ihre Seele eingeprägt, wie tiefe Narben in zartes Fleisch.
Abrupt schossen ihr wieder die grausamen Bilder in den Kopf und sie erinnerte sich zurück an die Bilder als Snape über ihr lag, sie festhielt, sie berührte und versucht hatte sie zu nehmen – gewaltsam.
Das alles schien ihr wie ein grässlicher, unwirklicher Albtraum – doch es war keiner. Denn noch immer konnte sie die Präsenz seines Gewicht über ihr spüren. Seine körperliche Wärme, sowie seinen eisernen Griff fühlen, seine schwere Atmung hören und den beissenden Geruch des Whiskys riechen.
Sie fühlte sich schmutzig, ausgenutzt und war vollkommen durcheinander.
Sie konnte es einfach nicht wahrhaben – sie wollte es nicht. Wie konnte ihr nur so etwas zustoßen – warum ausgerechnet ihr?!
Ebenso entsetzt war sie von Snapes Verhalten und seiner Skrupellosigkeit. Wie konnte ein Mensch nur zu so etwas abscheulichem fähig sein?
Doch noch schwerwiegender war die Frage, wie sie wohl die Zeit ertragen könne, die sie mit ihm in diesem Haus eingesperrt wäre?
Verzweifelte suchte sie eine Antwort auf jene Frage.
Wo war bloß die starke Löwin in ihrem Inneren geblieben? Momentan fühlte sie sich eher so schwach und unsicher wie ein taumelndes Blatt, mit dem die vereinzelten Windböen nach belieben spielten.
Gepeinigt vom Leid ihrer Gefühle, quälten Hermine nun auch noch die Selbstzweifel.
Wieso hatte sie anfänglich seinen Berührungen stattgegeben? Ja, sie sogar als angenehm empfunden? Hätte sie das Ganze gar verhindern können?
NEIN! Hätte sie nicht! DEFINITIV NICHT! Sie traf KEINERLEI Schuld!
Einzig Ihn! Denn er war es gewesen, der ihre missliche Lage versucht hatte schändlich auszunutzen! Unbarmherzig und gewissenlos!
Er hatte ihr das Gefühl übermittelt schwach zu sein. Ihm hilflos ausgeliefert – wehrlos. Wie hätte sie nur gegen ihn kämpfen sollen? Im Grunde genommen empfand sie jene Machtlosigkeit sogar fast noch wesentlich schlimmer, als die Tatsache das er sie berührt hatte.
Doch letztendlich hatte er es getan. Er hatte ihren Körper mit seinen Händen besudelt!
Während sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten, griff sie energisch zur Seife und versuchte verzweifelt seinen Geruch, seine Berührungen und jeden noch so kleinen, möglichen Überrest von ihm, von sich fort zu waschen.
Beruhigend versuchte Hermines Verstand ihr ins Ohr zu flüstern: das sie Glück gehabt hatte und die Situation noch wesentlich schlimmer für sie hätte enden können. Doch die Sinne der jungen Hexe waren Taub. Verschlossen für jegliche Art der Linderung. Zu gegenwärtig waren noch immer die schrecklichen Erinnerungen des Ausgeliefertsein.
Bis das Schmerzen ihrer Haut beinahe unerträglich wurde, schrubbte Hermine ihren Körper. Dennoch wollte das Gefühl seiner Händen noch immer nicht verschwinden.
Würde es das jemals wieder tun?
Plötzlich brachen all die Emotionen über ihr zusammen wie ein instabiles Kartenhaus. Wütend warf sie die letzten Seifenreste von sich und vergrub hemmungslos schluchzend ihr Gesicht zwischen ihren Knien. Erschöpft vermischten sich ihre Tränen mit dem heißen Wasser, welches tröstend über ihren Körper streichelte – allerdings erfolglos. Sie war am Ende ihrer Kräfte.
So verharrte sie – Stunde um Stunde. Sie wollte nicht zurück in ihr Zimmer – nicht jetzt. Jetzt wollte sie einfach nur hier sitzen und weinen.
******
Hermine wußte nicht wie viel Zeit mittlerweile vergangen war, als sie sich ermattet in ihr Zimmer zurück schleppte.
Draußen dämmerte es bereits und die Strahlen der erwachenden Sonne tauchten den kleinen Raum in ein helles bläuliches Licht.
Ihr erster Blick fiel auf das Bett. Zornig schweiften ihre Augen über das weiße Laken und qualvoll wurde ihr wieder bewusst, welches Szenario sich nur Stunden zuvor darin abgespielt hatte.
Wütend ballte sie ihre Fäuste, so fest dass ihr Knöchel anfingen zu knacken und sich die Haut darüber weiß verfärbte. Ohne zu zögern, zog sie, mit einem kraftvollen Ruck, das weiße Laken von der Matratze und ließ es geschmeidig in die Ecke ihres Zimmers segeln.
Lieber würde sie zukünftig ihre Nachtruhe auf dem Boden suchen, als noch ein einziges Mal dieses widerwärtige Laken zu verwenden.
Hatte sie nicht irgendwo beim herumstöbern in ihrem Kleiderschrank Bettwäsche gesehen?
Schnell wurde sie fündig und machte sich ans Werk, ihr Bett wieder von all den Spuren des Geschehenen zu befreien. Nach getaner Arbeit begutachtete sie zufrieden das einwandfrei faltenlose Laken.
Doch was war das?
Draußen vom Gang drangen plötzlich leise, schlurfende Schritte in ihr Zimmer. Er konnte unmöglich schon wieder wach sein. Oder hatte er ebenfalls die gesamte Nacht keine Ruhe gefunden?
Anhand seiner verstummten Schritte konnte sie nun genau hören, dass er unmittelbar vor ihrer Tür inne hielt.
Abrupt erstarrte sie. Unfähig sich zu rühren bestritt ihr Herzschlag einen Wettkampf mit ihrem Atem und keiner der beiden Streiter hatte vor, seinem Widersacher während ihres Spurts den Vortritt zu lassen.
Mit unbeirrter Beharrlichkeit kroch Panik ihren Nacken hinauf und sorgte dafür, dass jeder Gedanke der jungen Hexe von Angst heimgesucht wurde.
Was wenn er gekommen war, um sein vorzeitig abgebrochenes Werk zu vollenden? Nicht auszudenken! Was könnte sie tun?
Obwohl es so schien als wären ihre Glieder versteinert, hatten sich ihre Beine verselbstständigt und wichen automatisch zurück. Unsanft stieß Hermine mit dem Rücken an das Fenstersims und wie von selbst krallten sich ihre Finger in dessen unnachgiebigen Stein.
Nur wenigen Sekunden später hörte sie die erlösenden Laute von sich davon schleppenden Füßen.
Das Geräusch einer entfernten, sich schließenden Tür reichte ihr fürs Erste als Entwarnung. Schnell erlangte sie wieder die Kontrolle über ihre Glieder und bemerkte, dass sie sich lediglich von den Schreckgespenstern ihrer Gefühle in die Ecke hatte drängen lassen.
Erleichtert legte sie den Kopf in den Nacken und atmete tief durch; doch nur wenige Atemzüge später folgten erneute Tränen.
Mit zittrigen Händen und tränengetrübten Blick drehte sie sich um und schob die schweren Vorhänge auseinander. Nicht weit, nur gerade so viel das sie hinaus sehen konnte.
Draußen waren bereits die ersten Ausläufer der Sonnenstrahlen tatkräftig damit beschäftigt, die kläglichen Reste der Nacht, sowie all deren vergangenen Ereignisse zu verdrängen und sie gegen die behütende Helligkeit des neuen Tages einzutauschen.
Allerdings fühlte sich Hermine momentan alles andere als "behütet", sie fühlte sich eher wie Freiwild. Schutzlos in den Händen ihres Peinigers.
Nachdem sie ihre Zimmertür mit einem alten Stuhl verschlossen hatte, schleppte sie sich völlig entkräftet und mit gesenktem Kopf in ihr Bett. Dort verkroch sie sich tief unter ihrer Zudecke, welche ihrer Meinung nach, zu diesem Zeitpunkt das Einzige war, was ihr wenigstens einen Hauch von Schutz bot.
So lag sie zusammengekauert und weinte hemmungslos in ihr Kissen hinein. Es war fast als versuchten die Tränen das Geschehene aus ihrem Körper zu spülen und sie auf diese Weise von innen heraus zu reinigen. Ein erleichternder Gedanke der sie begleitete, bis zu guter Letzt die Erschöpfung ihren Tribut forderte.
******
Einige Stunden mussten vergangen sein seitdem der Schlaf sie übermannt hatte, denn als sie wieder ihre Augen aufschlug stand die Sonne bereits tief am Himmel.
Träge blinzelte Hermine der untergehenden Abendsonne entgegen und auch wenn ihre Augen brannten wie Feuer, spürte sie förmlich wie gut der Schlaf ihrem Körper und ihrer Seele getan hatte.
Sie setzte sich auf und löste ihren Blick von dem kleinen Fenster. Als würde sie ihr Zimmer mit neuen Augen sehen, prägte sie sich jede umliegende Kleinigkeit genauestens ein. Doch ihre Observation stoppte als ihr Augenmerk auf ein kleines Döschen fiel, welches unscheinbar, neben einem Stapel frischer Bandagen, auf ihrer Kommode lag. Sie erstarrte.
War er etwa in ihr Zimmer gekommen während sie geschlafen hatte?
Ihr Blick wanderte weiter zu dem Stuhl, welcher noch immer unverändert mit seiner Rückenstütze an der Tür lehnte.
Oder hatte er ihr Zimmer betreten, während sie unter der Dusche saß? Doch ihr Zimmer lag unmittelbar gegenüber des Badezimmers – sie hätte sicherlich ein Geräusch vernommen, wenn es so gewesen wäre.
Nein, er hatte es sicherlich vergessen die Salbe mitzunehmen als er das Zimmer verlassen hatte.
Aber warum hatte er sich dann die Salbe nicht wiedergeholt? War die Mischung doch nicht so kostbar, wie er es betont hatte?
Wie dem auch sei, jedenfalls würde sie ihm nicht mehr erlauben, dass er sie je wieder an einer solch intimen Stelle berühren würde – NIE MEHR!
Hermine kämpfte sich aus dem Bett und sah durch die Fensterscheibe nach draußen. Standhaft blickte sie der leicht flirrenden Sonne entgegen, die bereits rot-glühend, wie ein Ball aus Feuer, über den hohen Baumwipfel am Horizont zu sehen war und den Anschein erweckte, alles unter ihren lodernden Flammen zu begraben.
Kurzerhand schloss die junge Hexe ihre Augen und spürte wie ihr Gesicht in ein warmes Licht getaucht wurde. Beinahe hätte sie es nicht für Möglich gehalten, doch das angenehme Leuchten hatte eine lindernde und tröstende Wirkung auf sie. Es gab ihr Kraft und Hoffnung. Hoffnung vielleicht doch irgendwann wieder ein normales Leben führen zu können, frei von Sklaverei und Demütigung.
Schnell hatte sie nach der Salbe gegriffen und setzte sich zurück aufs Bett um ihre Wunde neu zu verbinden.
Doch sobald sie damit begonnen hatte die geröteten Stellen auf ihrem Bein vorsichtig mit der zähflüssigen Paste zu bestreichen, fanden unweigerlich die Erinnerungen an Snapes Berührungen den Weg zurück in ihren Kopf.
Würde sie das Geschehene je wieder aus ihrem Kopf bekommen? Wie solle sie es schaffen ihm je wieder in die Augen zu sehen? Aus dem Weg gehen war vollkommen absurd. Wie solle sie das bloß anstellen – eingesperrt auf engsten Raum mit diesem Mann?
Es gab kein entrinnen für sie…
Schmerzlich erinnerte sie sich an Angelina Johnson und das Schicksal, welches ihr wohl mittlerweile zuteil geworden war. Voller Schrecken ertappte sich selbst bei dem Gedanken, ob es wohl nicht besser für sich gewesen wäre, wenn sie ihr Schicksal geteilt hätte.
DOCH NEIN! Wem würde es nützen wenn sie hier sitzen würde und in Selbstmitleid und Schmerz ertränke? Ihr am allerwenigsten! So konnte und wollte sie es nicht enden lassen! Sicherlich waren noch Menschen da draußen die auf sie warteten, die sie brauchten und sie liebten? Es lag nun an ihr herauszufinden wer sie war und woher sie stammte. Auch wenn das hieß ihn zu ertragen – doch dazu musste sie stark sein!
In gewisser Weise, auch wenn es makaber war, konnte sie von Glück sprechen das er nicht bis zum Äußersten gegangen war. Sie hatte ihre Unschuld behalten und hatte somit sozusagen Glück im Unglück.
Er hatte es nicht geschafft sie zu brechen – sie war stark! Stark wie eine Löwin! Eine Löwin die um ihr Wohl und ihr überleben kämpfen würde und wenn es sein musste bis aufs Blut!
Was er ihr angetan hatte war zwar schrecklich aber kein Todesurteil. Sie würde es schaffen die Pein zu ertragen, die er ihr zugefügt hatte und ihm damit zeigen wie zäh sie wirklich war.
Sie hatte sich fest vorgenommen, dass, wenn er ihr wieder von Angesicht zu Angesicht stand, sie ihm mit hoch erhobenem Haupt entgegen treten würde. Stolz und stark wie eine Königin und ihm dabei unerschütterlich in die Augen sehen.
Instinktiv hob sie den Kopf und ihr Blick fiel zwischen den Vorhängen hindurch auf das Fenster.
Die Strahlen der Sonne hatten den Garten bereits erreicht und versahen diesen mit einem anmutigen Rotton.
Wie hypnotisiert erhob sie sich und ging zum Fenster. Mit einem kraftvollen Ruck stieß sie entschieden die Store beiseite und erlaubte es der glühend roten Sonne ihr kleines Zimmer mit Wärme zu durchfluten. Von jetzt an sollten diese Vorhänge stets geöffnet bleiben. Niemand dürfe sie je wieder schließen und somit das heilende Licht aus ihrem Zimmer bannen, das ihr Kraft gab. Denn solange sich jeden Morgen die Sonne aufs neue erhob und die Welt bereicherte, gab es einen neuen Anfang und eine neue Aussicht auf eine bessere Zukunft.
Solle Snape doch kommen um sie holen, solle er es doch wagen sie zu bestrafen, ob mit Schmerz oder erneut mit einer solchen Demütigung wie er es heute Nacht getan hatte. Sie würde darüber stehen und ihm zeigen, dass er ihr nichts anhaben konnte. Denn obwohl sie nicht wusste wer sie war, sagte ihr Herz, dass sie die Willensstärke einer Löwin besaß, die genau auf dem richtigen Weg war, wieder zu sich selbst zu finden.
Während sie so am Fenster stand, drang plötzlich ein köstlicher Duft in ihre Nase. Ein Geruch von gebratenem Fleisch und ihr Magen quittierte jene Verlockung mit einem düsteren Knurren und dem Wunsch nach Zuwendung. Schmerzlich musste sie sich eingestehen das sie Hunger hatte und der einzige Ort, wo jenes Grundbedürfnis seine Befriedigung fand, war die Küche.
Langsam löste sie sich von dem Anblick des atemberaubenden Himmels und ging hinüber zu dem kleinen Kleiderschrank, welcher still schweigend in der Ecke stand.
Zwischen unzähligen alten Klamotten, ergatterte Hermine schließlich eine legere Hose und einen schlichten roten Pullover, der wirkte als stamme er aus der Umstandskleidung einer Frau. Sie hatte sich vorgenommen so wenig körperlichen Reiz für ihn auszustrahlen wie nur irgend möglich.
Nachdem sie sich endlich umgezogen hatte, übernahm das Knurren ihres Magens die Führung und leitete sie zielsicher aus ihrem Zimmer, die Treppe hinab und weiter in Richtung Küche. Mit jedem Schritt, den sie sich der Küchentür näherte, schien es so als würde ihr Herz mehr und mehr eine Revolte gegen sie zu planen. Doch nicht nur ihr Herz, auch ihr eiserner Wille schien sich gegen sie gewandt zu haben und mit jedem Zentimeter dahin zu schmelzen.
Hermine stand mittlerweile in dem kleinen Flur und hielt inne. Mit aufeinander gepressten Lippen blickte sie zu dem Türblatt, welches dunkel und bedrohlich am Ende des Ganges auf sie wartete. Jetzt, wo sie sich ausmalen konnte, dass er sich hinter der verschlossenen Küchentür aufhielt, wurde ihr bang ums Herz. Ihre Hände waren feucht geworden und ihr Körper zitterte, als hätte sie gerade ein Bad in eisigem Wasser hinter sich.
Sollte sie vielleicht nicht doch lieber umdrehen und versuchen ihm aus dem Weg zu gehen?
Doch eine leise Stimme in ihrem Inneren fragte sie: Wie sinnvoll es wohl wäre sich vor jemandem zu verstecken, der in eben demselben Haus lebte wie sie?
Angespannt schloss sie ihre Augen, atmete tief durch und ermahnte sich zur Selbstbeherrschung.
"Du schaffst es, ihm gegenüber zu treten! Du bist stark, stärker als er denkt. Das ist deine Chance, er unterschätzt dich!" Immer und immer wieder wiederholte sie diese Worte in ihrem Geist, bis sie es endlich geschafft hatte, die dunklen Schatten des Zweifels zurückzudrängen.
Mit entschlossenem Griff und einem Gefühl im Magen, als müsse sie sich jeden Augenblick übergeben, betätigte sie die Klinke – nun gab es kein zurück mehr!
Kurzerhand betrat sie den Raum und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass die Küche erfüllt war von regem Treiben.
Töpfe brodelten vor sich hin, in einer Pfanne brutzelte es und wie von Geisterhand geführt, schwebte ein Messer über der Pfanne und zerschnitt eine frische Zwiebel in akkurat-gleichdicke Scheiben.
Plötzlich loderte ein vertrautes Gefühl in Hermines Inneren auf. Und abrupt schossen Bilder, einer voll gedrängten, alten Wohnküche, voll von vielen rothaarigen Personen, durch ihren Kopf.
"Haben wir es nun doch endlich für angemessen gehalten, das Zimmer zu verlassen?" Severus' dunkle Stimme riss sie aus den Bruchstücken ihrer spärlichen Erinnerung.
Reflexartig wendete sie sich von der Kochstelle ab und automatisch traf ihr Blick auf die Rückseite seines schwarzen Hauptes.
Er hatte sich dem Fenster zugewandt und blickte nun mitten in glühende Röte der Abendsonne, die gerade dabei war hinter den verworrenen Gestrüppen des Gartens, zu versinken.
"Ich habe nachgedacht." Er legte eine kurze, demonstrative Denkpause ein. "Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn du dich noch zusätzlich um den Garten kümmern würdest, er ist ziemlich verwahrlost und wahrlich kein erfreulicher Anblick. Allerdings heißt das nicht, dass du künftig deine Pflichten im Haushalt vernachlässigen darfst, heute will ich mal noch eine Ausnahme machen, aber wehe dir, wenn du das zu Gewohnheit werden lässt."
"Ich kann nicht in den Garten, falls sie das schon vergessen haben, SIR!", entgegnete Hermine schnippisch und voller Abscheu in der Stimme.
"Oh doch, ich kann deinen Bewegungsradius beliebig verändern, meine Liebe. Das schwarzmagische Mal auf deinem Bein bindet dich lediglich an jene Orte, die ich dafür vorsehe, oder aber an die ich dich begleite. Somit gewähre ich dir in Zukunft, noch zusätzlich den Garten zu betreten." Er hatte es tunlichst vermieden sie anzusehen. Plagte ihn etwa sein schlechtes Gewissen?
Sie antwortete nicht, aber allem Anschein nach hatte er auch nicht auf eine Antwort ihrerseits spekuliert.
"Setz' dich!", befahl er schroff. Snape schnippte mit den Fingern und aus einem kleinen Flügelschrank in der Ecke, schwebten zwei Teller, welche auf magische Weise mit Essen ausstaffiert wurden. "Du hast sicherlich Hunger."
Noch immer stand Hermine unverändert vor dem gedeckten Tisch und weigerte sich seinen Worten zu gehorchen. Sie wollte protestieren, sich widersetzen und ihm mit allen nur denkbaren Mitteln zeigen wie sehr sie ihn verabscheute.
"Nein, ich habe keinen Hunger, Sir!", erwiderte sie scharfzüngig, doch das laute Knurren ihres Magens strafte sie lügen.
"Mach schon! Ich möchte mich nicht noch einmal wiederholen müssen!"
Hermine wollte standhaft bleiben, doch ihr Hunger brachte selbst die letzte Barriere ihres Widerstandes zu Fall.
Nachdem die Sonne nun vollends hinter den hohen Büschen versunken und nichts weiter als ein flirrendes Licht am Horizont hinterlassen hatte, schien er sich auch endlich dazu entschieden zu haben etwas zu Essen.
Hermine aß bereits, als Snape, ohne sie auch nur angesehen zu haben, das Wort erhob: "Nun denn, ich hoffe meine bescheidenen Kochkünste entsprechen deinem exquisitem Geschmack."
Missbilligend sah die junge Hexe zu ihrem Tischnachbarn, um ihn mit ihrem strafenden Blick zu ahnden. Doch Snape saß, weit über seinen Teller gebeugt. So weit, dass sein langes, strähniges Haar ihm tief ins Gesicht fiel und ihn somit vor ihrer Bitterkeit schützte.
Von dem Ziel ihrer Wut missachtet, streiften Hermines Augen, auf der Suche nach einem neuen, möglichen Opfer ihres Zorns, durch die kleine Küche und traf auf einen frischen Strauß von weißen Lilien. Jene Blumen, die sie bereits im Garten entdeckt hatte.
"Stören sie dich?", fragte Snape kauend, nachdem er sich das letzte Stück seines Steaks in den Mund geschoben hatte.
"Nein! Mir ist es gleich ob sie Blumen zerstören oder nicht," erwiderte sie kaltschnäuzig und gab sich dabei Mühe möglichst gleichgültig zu klingen.
"Ich dachte mir, dass ihr Frauen an solchen Dingen euren Gefallen findet."
Noch immer hatte Snape es nicht gewagt sie anzusehen und er erweckte schon fast den Anschein als würde er es tunlichst vermeiden wollen. Stattdessen beschäftigte er sich übermäßig konzentriert damit, die letzten Kartoffelstücke auf seine Gabel zu schieben.
"Das soll doch wohl ein schlechter Scherz sein?!", erwiderte Hermine mit einer Mischung aus Verwunderung und Abscheu in der Stimme. "Seid wann interessiert es sie, was mir gefällt? Obendrein kann ich mir nicht vorstellen, dass sie wert auf die Meinung von Frauen legen."
Snape schickte einen stechenden Blick durch die dichten Strähnen seines schwarzen Haars und Hermine konnte anhand seiner zuckenden Mundwinkel erkennen, wie sehr er mit sich und seiner Selbstbeherrschung kämpfte.
Langsam, doch noch immer mit gebeugter Haltung, legte er sein Besteck am Rand seines Tellers ab und nach einem knappen Wink seines Zauberstabs begannen sich das Geschirr von selbst abzuräumen.
Hermine beäugte ihn voller Misstrauen. Sie hatte eine Reaktion von seiner Seite her erwartet – vielleicht einen zynischen Seitenhieb – doch es folgte nichts dergleichen. Mit Bedacht ließ sie die Gegebenheiten Revue passieren: Die Blumen, das gekochte Essen, seine Selbstbeherrschung und nun erließ er ihr auch noch den Abwasch.
Waren das etwa seine unbeholfenen Zeichen von Reue?
Sichtlich unsicher, doch mit einer perfekt gespielter Gelassenheit, lehnte Snape sich auf seinem Stuhl zurück, faltete seelenruhig seine langen Finger ineinander und beobachtete anscheinend die Küche dabei, wie sich diese säuberte.
Doch Hermines ließ sich von seinem zwielichtigen Unterfangen nicht beeindrucken. Ihr Herz hämmerte wie wild gegen ihren Brustkorb und sie fühlte wie das Adrenalin, das gerade durch ihre Adern pumpte, sie nur noch zusätzlich anspornte ihm auf dem verbalen Schlachtfeld entgegenzutreten.
Triumphierend reckte sie ihr Kinn in die Höhe. "Wenn ich ihnen einen guten Tipp geben darf, was Frauen anbelangt, Sir. Vielleicht ist es ihnen noch nicht aufgefallen, aber nicht jede Frau ist käuflich!" Herausfordernd funkelte Hermine ihren schwarzhaarigen Tischnachbarn an und wartete auf eine mögliche Reaktion, ehe sie erneut das Wort an ihn richten wollte.
Fassungslos wich Snape zurück, woraufhin sich seine ohnehin schon nachtschwarzen Augen noch zusätzlich verfinsterten, während seine Kieferknochen zu arbeiten begannen. Entschlossen öffnete er seine Lippen um zum erwarteten Gegenschlag anzusetzen, doch ohne auch nur einen Mucks von sich gegeben zu haben schloss er sie wieder und gab stattdessen nur ein tiefes Schnauben von sich.
Innerlich überwältigt von ihrem einzigartigen Triumph über ihn, entschied sich Hermine ihrem kommunikativen Vergeltungsschlag noch den letzten Schliff zu geben.
"Und in meinem Fall können sie ihre lächerlichen Bestechungsversuche behalten, mit denen sie sich wohl erhofft haben mich bei Laune zu halten!" Mit einem abwertenden Nicken deutete sie zu den Blumen auf der Kommode.
Das war wohl doch ein wenig zu viel des Guten. Denn nun konnte die junge Hexe förmlich dabei zusehen, wie Snapes ohnehin schon poröser Geduldsfaden riss.
"Bestechungsversuche?!", rief er empört. "BESTECHUNGSVERSUCHE?!" Seine Stimme bebte nur so voller Zorn und sein Gesicht hatte sich zu einer Wutverzerrten Maske verändert, während er die Gelenke seiner Finger mit einem bedrohlichen Knacken strapazierte.
Doch von einer Sekunde auf andere veränderte sich seine Mimik wieder und ein überhebliches, oberschullehrerhaftes hochziehen seiner Augenbrauen ließ darauf schließen, dass er wieder zu seiner Fassung gefunden hatte.
"Nun ja, wie mir scheint hast du wohl den tiefgründigeren Sinn dieser Geste nicht ganz verstanden." Ein perfides Grinsen schlich sich nun auf seine Lippen. "Aber wen wundert es auch, wenn man sonst nichts mehr in seinem Hirn zu verzeichnen hat, als Geistlosigkeit und heiße Luft."
Verärgert kniff Hermine ihre Augen zusammen bis sie nicht mehr als zwei braune Schlitze waren, doch ehe sie zum Antworten kam, fuhr er auch schon vor.
"Oh, hab ich mich etwa geirrt? Bitte berichtige mich, wenn ich falsch liebe, meine Teuerste, aber meiner zweifellos laienhaften Einschätzung nach, war ich der Annahme du würdest nicht einmal über das Wissen deines eigenen, vollständigen Namens verfügen." Mit einer schwungvollen Bewegung erhob er sich von seinem Stuhl, nachdem er gespielt unschuldig mit den Schultern gezuckt hatte.
"Aber da du wissen sollst das ich von Natur aus ein großzügiger Mensch bin, kann ich deinen Mangel an Wissen natürlich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren und werde dir wenigstens deinen Namen verraten – Miss Granger. Dein Vorname lautet tatsächlich Hermine"
Kurz darauf schwang er seinen Zauberstab und all das magische Treiben, welches sich bereits in den letzten Zügen der Küchenreinigung befand, kam schlagartig zum erliegen. "Und jetzt tu gefälligst wofür du da bist. Erledige deine Aufgaben in der Küche und mach sie sauber. Noch einmal werde ich nicht so nachsichtig mit dir sein!" Mit diesen Worten drehte er sich schwungvoll herum und setzte an zum Gehen.
Innerlich kochend vor Wut, doch Äußerlich unbeeindruckt von seinen zynischen Hetztiraden, reagierte Hermine blitzschnell.
"Woher kennen sie meinen Namen, und wie soll ich wissen das sie mir die Wahrheit sagen – Sir?", entgegnete sie möglichst uneingeschüchtert und trotzig.
Ruckartig blieb der schwarzhaarige Zauberer im Türrahmen stehen. "Ich lege dir nahe, meine Mildtätigkeit nicht noch weiter überzustrapazieren. Dir wird diese eine Information genügen müssen – ob es dir nun gefällt oder nicht. Und was dein Mistrauen angeht, so musst du Wohl oder Übel auf mein Wort vertrauen, oder du lässt es bleiben, mir ist es gleich." Er zuckte knapp mit seinen Schultern und im nächsten Moment verschmolz er mit den Schatten des dunklen Flurs.
Erneut hatte er es geschafft sie verbal in die Knie zu zwingen und ihr nur mithilfe seiner Worte, ein ungutes Gefühl zu übermitteln. Gedankenversunken blickte sie auf die elegant geschwungenen Formen der weißen Blüten und fühlte sich schlecht dabei.
