»Das war hervorragende Arbeit!«, lobte Malik sie alle, als die Stadtmauern Markarths schon lange hinter ihnen verschwunden waren. »Glatter hätte es nicht laufen können. Beinahe schon regelrecht langweilig, so einfach, wie das war! Unser Kunde wird sehr zufrieden sein.«

»Was wohl der Bonus sein wird?«, malte sich Babette bereits aus. »Den bekommen wir auf jeden Fall. He, Lucien, das ist klasse, oder? Dein erstes selbst verdientes Geld!«

Der Junge strahlte so breit bei diesem Gedanken, dass er nur nicken konnte.

Malik klopfte ihm auf die Schulter. »Das hast du wirklich gut gemacht«, lobte er. »Es war eine sehr gute Entscheidung, so viel Vertrauen in dich zu stecken. Du hast dich dessen als würdig erwiesen. Ich freue mich!«

Lucien fühlte sich, als sei er soeben vor lauter Stolz und Lob gerade um mehrere Fingerbreit gewachsen.

Auf dem Rückweg gingen sie beschwingten Schrittes. Ihre Stimmung war gut und sie waren bereits in Feierlaune. Lucien hatte es selten erlebt, dass Mitglieder der Bruderschaft nach erfolgreicher Erfüllung eines Auftrages so ausgelassen waren, sodass er annahm, dass der Auftrag sogar ein recht bedeutender gewesen war, welcher die Kassen der Bruderschaft reichlich gefüllt hatte und ihrem Ansehen zu einem ordentlichen Aufschwung verholfen hatte. Das machte ihn nur umso stolzer darauf, dass er ein Teil dessen hatte sein dürfen.

Die Zeit, bis sie wieder in der Zuflucht gewesen waren, verging wie im Fluge. Lucien konnte es kaum noch erwarten, endlich wieder zurück zu sein und die strahlenden Gesichter der anderen zu sehen. Er malte sich bereits aus, wie sie ihm auf die Schulter klopfen würden, und er einen prall gefüllten Sack voller Septime sein eignen nennen durfte. Was er sich davon alles kaufen konnte? Er konnte sich kaum entscheiden! Es gab so vieles, das man mit Geld erreichen konnte, und alles wollte er am liebsten zugleich ausprobieren. Eine neue Waffe vielleicht? Sein Dolch war nun wahrlich nicht mehr als ein Spielzeug, eines Mörders wie ihn kaum würdig. Vielleicht aber auch eigenes Alchemiezubehör? Dann musste er sich nicht ständig des Allgemeingutes bedienen, welches ohnehin nicht von bester Qualität war.

Doch nichts dergleichen war, als sie zurückkamen. Ganz im Gegenteil war die Stimmung sogar recht bedrückt, sodass Lucien gleich spürte, dass etwas vorgefallen sein musste. Aber was? Hilda konnte es ihm bestimmt sagen.

Sie war es auch, die sie sogleich nach ihrer Rückkehr aufsuchten.

»Genau zum rechten Augenblick – oder auch nicht, wie man es nimmt«, begrüßte sie die Rückkehrer. »Wie ist es gelaufen?«

»Reibungslos«, berichtete Malik. »Wir konnten uns unbemerkt in Festung Unterschein einschleichen und bekamen unsere Anstellung in der Küche, wie geplant. Am Tag des Festes gelang es uns ohne Probleme, unser Ziel zu töten, indem wir sein Essen vergifteten. Zum Zeitpunkt unserer Flucht schöpfte niemand Verdacht, aber wie es mit Gerüchten so sind, gibt es in Falkenring vielleicht schon die ersten Gespräche dazu. Wir sollten uns in den nächsten Tagen vielleicht im Fürstentum umhören und sehen, was die Leute dazu meinen, dass ein Mitglied von Jarl Sterngeir Bärenfausts Hof in Markarth ermordet wurde.«

»Sicher wird es aber zu politischen Spannungen kommen«, sagte Babette. »Was aber entweder unserem Auftraggeber egal oder gar in seinem Anliegen ist. Wie dem auch sei, Maven Sternenseher ist tot und kniet nun in der Leere vor Sithis! Heil Sithis!«

»Heil Sithis!«, antworteten die anderen im Chor.

»Erzählt mir von Lucien«, wollte nun Hilda wissen. »Wie schlug er sich?«

»Ich hielt es für angebracht, ihm eine kleine Rolle in der Maskerade zukommen zu lassen«, sagte Malik. »Ich weiß, das war gegen meine Anweisungen, aber es war berechtigt. Der Junge zeigt Engagement und Zielstrebigkeit. Er besitzt einen starken Willen sowie Durchhaltevermögen, dazu einen raschen Verstand und Anpassungsfähigkeit. Seine Aufgabe war es, einen weiteren Küchengehilfen zu spielen sowie einen der Servierjungen am Abend des Festes. Er machte seine Arbeit hervorragend und mir kamen keine Beschweren über ihn zu Ohren.«

»Aha, dann weiß ich, was du jetzt bei uns machen kannst!«, lachte Hilda. »Malik wird sich über einen Gehilfen am Herd freuen, da bin ich mir sicher.«

Sie fand das offensichtlich höchst amüsant, doch Lucien war gekränkt. Er rang sich zu einem halbherzigen Lächeln durch und knirschte mit den Zähnen.

Babette, die seine Verstimmung bemerkte, intervenierte. »Er hat wirklich gute Arbeit geleistet«, sagte sie. »Vor allem für einen blutigen Anfänger, der er nun einmal ist. Ich war zwar nicht davon ausgegangen, dass er noch einmal einen solchen Fehler machte wie bei seinem ersten Auftrag, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass es dieses Mal so reibungslos mit ihm klappt. Er hat zudem aufmerksam die Gäste beim Festmahl belauscht und konnte diverse nicht unbedingt uninteressante Dinge herausfinden über die politischen Verhältnisse in Skyrim. Eine, wie ich finde, durchaus bemerkenswerte Sache.«

Hilda fand zurück zum Ernst der Sache. »Nun, der Auftrag wurde zur vollen Zufriedenheit unseres Kunden erfüllt, was heißt, dass es für euch beide zur üblichen Belohnung noch einen ordentlichen Bonus gibt. Für Lucien habe ich fünfzig Septime angedacht. Das ist in Anbetracht seiner Aufgabe und Leistung als erstes eine mehr als angemessene Leistung.«

Fünfzig Septime! Lucien wusste, dass höherrangige Assassinen weitaus mehr bekamen, hunderte, wenn nicht gar tausende Septime für einen erfolgreich ausgeführten Auftrag, den Bonus nicht mitgerechnet. Aber für ihn waren bereits fünfzig Septime ein wahres Vermögen.

»Aber sprecht, Hilda, was ist in unserer Abwesenheit passiert?«, wechselte Babette das Thema, während Lucien sich schon über das Geld freute, welches Hilda soeben für sie bereitlegte und die Boni für die beiden Assassinen dazu packte.

»Ah, eine etwas unschönere Angelegenheit, das ganze«, sagte die Werwölfin. »Unsere Feinde in der Legion rücken uns wieder einmal auf den Pelz. Kurz nach eurem Aufbruch kam General Consantius Tituleius höchstselbst mit einem Trupp Soldaten vorbei, nistete sich in Falkenring ein und begannt, mit der Hilfe des Jarls herumzuschnüffeln. Wir haben uns bedeckt gehalten und getarnt, was zu tarnen war, aber ich glaube dennoch, dass er etwas herausgefunden hat, was er nicht wissen soll. Wir müssen nun endlich Schritte gegen ihn unternehmen und verhindern, dass er zu einer wirklichen Gefahr wird. Wir sind nur eine Handvoll Assassinen, doch er hat die Legion von Himmelsrand an der Hand.«

Das erklärte selbst für Lucien die bedrückte Stimmung, obgleich er nicht wusste, wer dieser General war. Doch er gehörte der Legion an, bekleidete einen verdammt hohen Rang und schien die Dunkle Bruderschaft zu verfolgen. Das reichte, um sich den Rest zusammenzureimen.

»Wisst Ihr bereits, was Ihr unternehmen werdet?«, fragte Malik, sichtlich besorgt.

»Wir müssen ihn ausschalten, so viel steht fest, aber auf subtilere Weise, als wir es üblicherweise tun«, sagte Hilda. »Ich werde mich dafür unserer Kontakte zur Diebesgilde bedienen. Vernon Roche wird uns sicher weiterhelfen können.«

»Es wurde Zeit, dass wir etwas gegen diesen eitlen Vogel unternehmen«, sagte Babette. »Er ist schon viel zu lange hinter uns her und bedrängt uns. Er ist so hoch aufgestiegen und sucht immer noch mehr Ruhm, indem er die Bruderschaft auszulöschen versucht.«

»Und genau das wird nun ein für alle Male sein Fall.« Hilda lachte boshaft und war damit Babette auf einmal erschreckend ähnlich. »Lucien«, wandte sie sich an den Jungen. »Du hattest zwar gerade erst einen Auftrag ausgeführt, und eigentlich wollte ich, dass du nun eine Weile in der Zuflucht verweilst, dich hier einlebst und deine Ausbildung fortsetzt, aber die Gelegenheit ist zu günstig. Du wirst mit mir kommen und die Diebesgilde in Riften kennenlernen. Vernon Roche ist ihr momentaner Anführer, und du sollst zu ihm und den anderen Dieben dort Kontakte knüpfen. Es ist immer nützlich, ein gutes Wort bei den Dieben zu haben.«

Lucien nickte. »Wie Ihr befehlt«, sagte er.

Hilda schnaubte und lachte auf. »Wir sind nicht bei der Armee!«, kommentierte sie. »Aber gut, wie du willst: wegtreten und ausruhen!«

Lucien beherzigte diesen Rat und sah zu, dass er ein wenig Rast und Ruhe bekam, um sich von dem Auftrag zu erholen.

Im Laufe der nächsten Tage bemerkte er verstärkt die Unruhe unter den Mitgliedern der Zuflucht. Niemand sprach es direkt an, doch sie alle waren rastlos und bedrückt. Sie machten sich Sorgen wegen General Consantius Tituleius und dem, was er vielleicht anstellen könnte. Hilda zog sich oft mit Malik und Babette zurück und besprach sich offenbar über ihr weiteres Vorgehen.

Auch Lucien überlegte, was die momentane Situation für ihn bedeutete, kam jedoch zu dem Schluss, dass sich für ihn wahrscheinlich kaum etwas ändern würde. Er konnte ohnehin nichts tun und war daher in der Beseitigung dieses Problems herzlich nutzlos.

Es stellte sich heraus, dass Consantius Tituleius die Bruderschaft schon seit einiger Zeit verfolgte. Anscheinend hatte er sie zu seiner persönlichen Hydra erklärt, und es war ihm bereits gelungen, einige unbedeutendere Köpfe der Hydra abzuschlagen. Es schmerzte der Bruderschaft zwar, hatte ihr aber bis jetzt noch keinen ernsthaften Schaden zugefügt. Doch die Gefahr wuchs stets, dass er eines Tages vielleicht doch den Körper traf und ihnen wirklich ernstlichen Schaden zufügte. Die Zeit drängte, dass endlich etwas gegen ihn unternommen und er außer Gefecht gesetzt wurde.

Wenige Tage später saß Hilda die Zeit für günstig genug, dass sie mit Lucien nach Riften aufbrach. Es widerstrebte ihr offenbar, die Zuflucht zu verlassen und damit nicht mehr unter ihrem Schutz zu lassen, doch anscheinend war es von Bedeutung, dass sie persönlich bei dem Anführer der Diebesgilde von Skyrim, Vernon Roche, erschien und mit ihm besprach, was es zu besprechen gab, um Consantius Tituleius zu beseitigen. Für Lucien hieß das, dass er erneut seine Sachen packte.

Er packte ebenso seinen Lohn ein, den auszugeben er noch nicht die Gelegenheit gefunden hatte. In den letzten Tagen hatte bis auf Malik niemand die Zuflucht verlassen; der Rothwardone hatte den Auftrag gehabt, die Umgebung im Auge zu behalten und nach Anzeichen von Gefahren Ausschau zu halten. Lucien hoffte, dass er in Riften die Gelegenheit dazu haben würde, sein Geld auszugeben, auch wenn er sich immer noch nicht entschieden hatte, was er mit dem Lohn anfangen wollte. Vielleicht war es besser, wenn er das einfach spontan entschied.

Babette sollte Hilda in ihrer Abwesenheit vertreten. Das Vampirmädchen versicherte ihr tausendmal, dass sie sich nach bestem Wissen und Gewissen um die Familie kümmern würde, erst dann konnte Hilda sie verlassen, um ihre Mission anzutreten. Bis jetzt hatte Lucien keine allzu hohe Meinung von Hilda als Zufluchtsleiterin gehabt, egal, was er ihr gesagt hatte, aber er erkannte nun, dass sie sich sehr wohl um ihre Familie sorgte und stets um ihr Wohl bemüht war. Sie war Cassius Proximo also doch nicht so unähnlich, wie zunächst gedacht.

Sie wandten sich zunächst nach Norden, wandten sich dann jedoch an den südlichen Ufern des Illinalta Sees nach Osten in Richtung Flusswald und Weißlauf. Ihr weiterer Weg sollte sie dem Lauf des Weißflusses folgen lassen, bis dieser sich mit dem Dunkelwasserfluss verteilte. Dann würden sie diesem ein Stück stromaufwärts folgen, ihn aber in weiterhin östlicher Richtung überqueren und schließlich vor den Velothi Bergen nach Süden in Richtung Shors Stein und Riften abbiegen. Wie immer freute sich Lucien, einen weiteren Teil dieses sonderbaren Landes kennen zu lernen, und da sie nun gleich vier Fürstentümer zu durchqueren hatten, versprach es durchaus eine abwechslungsreiche Reise zu werden.

Die Fürstentümer in Himmelsrand waren unabhängiger voneinander, als es in Cyrodiil der Fall war. Beging man in einem Fürstentum ein Verbrechen, so wurde man in Himmelsrand in jedem anderen dafür nicht behelligt. Jedes der Fürstentümer des rauen Landes hatte seine eigene Gesetzgebung und Regierung. Es gab zwar in Einsamkeit, der Hauptstadt des Fürstentum Haafingar, einen Hochkönig, doch dieser besaß vor allem repräsentative Funktion. Doch über allem stand noch immer das Gesetz des Kaisers in Cyrodiil, und so gab es in jeder Hauptstadt der neun Fürstentümer Repräsentanten des Kaiserreiches sowie Vertretungen der Legion.

Während sie noch dem sich durch eine kleinere Bergkette schlängelnden Weg folgten, der von Flusswald aus nach Weißlauf führte, lichtete sich auf einmal der Wald, und während zu ihrer Rechten der Weißfluss einen Abhang hinabdonnerte, wichen die Berge zu beiden Seiten zurück und vor ihnen tat sich plötzlich eine weite Gradebene auf. Und vor ihnen ragte auf einem kleinen Hügel Weißlauf auf.

Die Stadt war wohl das, was sich Lucien unter dem Inbegriff einer Nordstadt vorstellte. Die Stadt war ringsum von einer alten, bröckelnden Steinmauer umgeben. Die Häuser im Inneren der Mauer waren überwiegend aus Holz und Lehm gebaut, und die Dächer strohgedeckt. Über allem thronte die Feste des Jarls: die Drachenfeste, ein großer Komplex aus Holz, Stein und Strohdächern, der mit zahlreichen Giebeln in Form von Drachenköpfen verziert war.

»Ich würde sehr gerne eines Tages den Schädel von Numinex sehen«, murmelte Lucien vor sich hin und wandte sich dann direkt an Hilda. »Stimmt es, dass er Drachenkopf über dem Thron des Jarls hängt?«

»Ja«, sagte sie kurz angebunden. »Aber dafür haben wir keine Zeit. Komm, wir sollten nicht trödeln.«

Lucien war enttäuscht, moserte allerdings nicht. Hilda hatte Recht, ihre Mission war wichtiger als ein Abstecher aus Vergnügen nach Weißlauf.

Sie querten den Fluss Weißlauf und wandten sich allmählich nach Osten. Der Weg macht hier einen weiten Bogen erst nach Norden und dann nach Osten um den Hals der Welt genannten Berg herum, der höchste Berg in Skyrim und ein wahrlich beeindruckender Anblick. Immer mehr wurde der Verdacht in dem Jungen groß, dass dieses Land allgemein zu etwas größeren Dimensionen neigte, jedenfalls in mancherlei Hinsicht; die Kaiserstadt war mit ihrem Weißgoldturm noch immer die größte Stadt, die er bisher gesehen hatte.

»Was ist das dort oben kurz unter der Spitze des Berges?«, fragte er und deutete auf etwas, das aus der Ferne aussah wie ein Gebäude, das sich an die Bergflanke krallte.

»Hoch Hrothgar, der Sitz der Graubärte«, erklärte Hilda. »Manche Nord pilgern alle paar Jahre die Siebentausend Stufen zu ihnen hinauf, um die Weisheit ihrer falschen Götter zu erlangen. Außerdem sind sie Meister des Thu'um, der alten Magie der Drachen.«

»Drachen!« Lucien war baff. »Also gibt es sie doch noch!«

»Es hat sie gegeben, Junge«, erinnerte sie ihn. »Jetzt sind sie alle tot und nur noch ein Haufen Knochen. Manches ist jedoch geblieben. In manchen alten Nord Ruinen sollen noch heute die untoten Drachenpriester hausen, daher sei dir angeraten, ihre Gräber besser zu meiden; sie sind Gegner, denen keiner von uns begegnen wollen würde.«

Bei den Valtheimer Türmen gerieten sie das erste Mal in Bedrängnis. Schon von weitem konnten sie ausmachen, dass die alte Ruine von Banditen besetzt war, die sich die zwei Türme und die Brücke, die sich zwischen ihnen über den Weißlauf spannte, zum Wohnsitz auserkoren hatten und von dort aus arglosen Reisenden auflauerten.

Hilda fluchte. »Es führt kein Weg daran vorbei, die Berge sind abseits der Wege hier nicht gangbar.« Sie knurrte. »Wir werden bis zum Einbruch der Nacht warten und uns dann vorbei schleichen müssen.« Sie schien definitiv nicht über diese Verzögerung erfreut.

Sie suchten sich einen geeigneten Lagerplatz etwas abseits der Straße, wo sie nicht allzu schnell gesehen werden konnten. Dann warteten sie. Erst als auch der letzte Sonnenstrahl verschwunden war, beschloss Hilda, dass es Zeit war.

Der Weg war hier zu ihrer rechten Seite von hohen Felswänden begrenzt, nach Norden hin fiel die Böschung jedoch zum Ufer des Weißflusses ab. Wenn sie sich vorsichtig und nicht allzu schnell bewegten, dann konnten sie vielleicht unbemerkt unter den Augen der Banditen davon schlüpfen. Lucien hatte Hilda gefragt, wie stark ihre Werwolfform war, doch sie hatte deutlich gemacht, dass sie notfalls auch im Alleingang die Banditen töten konnte, da Luciens Kampfkraft noch nicht sonderlich nennenswert war, darauf anlegen wollte sie es jedoch nicht unbedingt. Dennoch war er im Stillen neugierig, einen Werwolf im Kampf zu sehen.

Doch dann verbannte er diese Gedanken. Jetzt war Vorsicht angebracht! Sie beide waren sehr geschickt in der Heimlichkeit, selbst Hilda, die mit ihrer riesigen Axt eigentlich nicht diesen Eindruck erweckte. Sie war hingegen sogar so talentiert, dass Lucien aufpassen musste, dass er sie nicht aus den Augen verlor, obwohl er sich nahe bei ihr hielt. Ob er jemals so gut werden würde wie sie?

Schritt um Schritt setzten sie in geduckter Haltung, Fuß vor Fuß, darauf bedacht, keine hastigen und schnellen Bewegungen zu machen, die sie im Dunklen verraten könnten. Sie hatten ihre Kaputen übergezogen und ihr Masken vor die Gesichter gelegt, damit ihre Haut sie im Schein der Monde nicht verriet. Tatsächlich waren sie sogar so leise, dass sie einen nahen Schneehasen erst dann aufschreckten, als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt waren und er zufällig zum Schnuppern seine Nase in ihre Richtung hielt.

Luciens Herz raste vor Aufregung, denn auch er war nicht wirklich erpicht auf einen Kampf. Er wusste, dass dies nur schlecht für ihn ausgehen konnte, wegrennen würde er allerdings dennoch so lange nicht, wie Hilda es ihm nicht befahl.

Die Zufluchtsleiterin hielt immer wieder inne und beobachtete die Türme und die Banditen, die auf ihnen Wache hielten. Doch niemand schien etwas bemerkt zu haben, so verblüffend es auch schien. Lucien war über sich selbst erstaunt, denn er hätte nicht erwartet, dass sie in der Tat völlig unbehelligt davon kamen. Nachdem sie die Türme hinter sich gelassen hatten, schlugen sie sich in die Büsche und betraten erst wieder die Straße, als die Banditen sie von ihrem Lager aus nicht mehr sehen konnten.

»Sehr gut, halbe Portion«, lobte Hilda. »Ich hätte nicht erwartet, dass du dich so gut schlägst. In dir steckt mehr, als man meinen mag.«

Der Junge lächelte stolz.

»Aber bilde dir nicht zu viel darauf ein!«, schwächte sie sogleich ab. »Außerdem müssen wir die verlorene Zeit aufholen. Komm, nicht trödeln. Wir haben noch ein, zwei Meilen zu gehen.«

Dies versprach wieder einmal eine lange Nacht zu werden, doch er nahm es klaglos hin und folgte Hilda. Diese legte einen strammen Schritt vor und machte den Eindruck, mehr als nur ein oder zwei Meilen in dieser Nacht zu schaffen.

Erst als Mitternacht schon seit geraumer Zeit vorüber war und Luciens Beine bereits brannten und schmerzten von dem straffen Wandern, hielten sie und machten für den Rest der Nacht Rest. Fast augenblicklich schlief der Junge ein.

In seinem Schlaf träumte er sonderbare Dinge. Er stand in einem lichten Birkenwald, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Ringsum waren in der Ferne Berge zu sehen, und von ihnen hallte ein seltsames Geräusch wieder, eine Art Rauschen wie von einem Wasserfall, nur … wilder. Er konnte es kaum beschreiben und einordnen, worum es sich dabei handelte, erst recht nicht.

Doch dann machte er am Himmel einen sonderbaren Schemen aus. Erst dachte er, es handelte sich dabei um einen großen Vogel, doch als das Wesen von den Bergen herabflog und immer näher kam, erkannte er, dass es kein Vogel war. Außerdem schien es die Quelle der sonderbaren Geräusche zu sein.

Und dann war es heran, ein riesiges Ungetüm aus Schuppen, Klauen und Hörnern. Ein Drache! Er sah genauso aus wie die Statue im Talos-Platz-Bezirk, nur wilder und vor allem viel lebendiger. Immer wieder brüllte der Drache, kreiste in weiten Bahnen über den Birkenwald und schien etwas zu suchen. Beute? Etwas anderes? Als er donnernd über Lucien hinweg zog, ignorierte er den Jungen jedoch, obwohl er sicher war, dass der Drache ihn bemerkt hatte.

Nach einiger Zeit, in der er nichts anderes gemacht hatte als zu kreisen und gelegentlich zu brüllen, zog der Drache ab. Er flog in Richtung des Halses der Welt und schien dessen Gipfel anzustreben. Ob er dort sein Nest hatte?

Fast bedauerte es Lucien, dass er wieder aufwachte. Er hatte einen richtigen, echten Drachen gesehen, und es war ihm egal, dass es nur im Traum geschehen war. Ein Drache, wie aufregend! Der Traum war irgendwie sonderbar gewesen, aber dennoch freute er sich über ihn sogar so sehr, dass er seine Müdigkeit und den mangelnden Schlaf ignorieren konnte.

Sie aßen rasch etwas, packten ihre Sachen und zogen dann weiter. Hilda machte klar, dass sie noch am Abend Riften erreichen wollte, auch wenn der Weg noch weit war. Dies bedeutete also ein weiterer langer Tag mit einem straffen Marsch. Lucien klammerte sich an die Erinnerung an seinen Traum, um sich bei Laune zu halten. Hilda sagte er nichts davon, da er spürte, dass sie ihn nur auslachen würde und das als die Träumerei eines Jungen abtun. Und wahrscheinlich war es auch nicht mehr als das. Lucien beschloss, bei Gelegenheit mehr über die Drachen herauszufinden, die so eng mit der Geschichte dieses Landes verbunden zu sein schienen.

Nach wenigen Meilen lichteten sich die Bäume zu ihrer linken und gaben den Blick frei über ein weites ebenes Gebiet, das jedoch anderes als die Tundren von Weißlauf von allem von nackter Erde und blankem Fels geprägt war. Nur vereinzelt standen die Bäume hier, doch die Landschaft war geprägt von vielen kleineren Gewässern, von denen Dampf aufstieg. Die Hitze flimmerte über dem brackigen, warmen Wasser der Sees.

»Die Thermalseen von Ostmarsch sind bei vielen beliebt, die Gelenkschmerzen haben«, warf Hilda ein. »Das warme Wasser, das hier zusammen mit den Dämpfen an die Oberfläche steigt, soll dabei sehr behilflich sein.«

In diesem Moment stieg von einem der Tümpel in der Ferne eine hohe Wassersäule explosionsartig in die Höhe. Lucien stieß einen Laut der Überraschung aus.

»Was war denn das?«, rief er begeistert.

»Beruhig dich, halbe Portion«, lächelte Hilda. »Das war ein Geysir, die findest du hier öfters.«

Damit befand sie die Rundschau über das Gelände für beendet und ging weiter. Lucien, obgleich er gern die sonderbare Landschaft genauer untersucht hätte, statt nur an ihrem südlichen Rand vorbei zu laufen, folgte ihr dennoch. Immer wieder wanderte sein Blick jedoch nach Norden, in der Hoffnung, noch einen Geysir zu beobachten. Doch seine Hoffnung wurde enttäuscht, anscheinend war dieses Naturphänomen sehr launisch und zeigte sich nur selten.

Eine ganze Weile marschierten sie nördlich einer großen Felsformation entlang und arbeiteten sich langsam immer höher an ihr empor. Riften lag auf einer Hochebene zwischen mehreren Gebirgen, diese hohe Felsmauer markierte das nördliche Ende der Ebene. Schließlich bogen sie nach Süden ab, woraufhin der Weg begann, sich das letzte Stück in Serpentinen die Felswand emporzuarbeiten. Er schnitt teils tief in den Fels ein und es wurde deutlich, dass an manchen Stellen mit Pickäxten hatte nachgeholfen werden müssen, um Platz zu schaffen.

Doch schließlich war auch das geschafft und sie befanden sich nun im Herzstück des Rift, des Fürstentums um Riften herum. Ein lichter Birkenwald erstreckte sich durch fast das gesamte Fürstentum, und mit Erstaunen stellte Lucien fest, dass es jener Wald aus seinem Traum gewesen war. Quasi schon automatisch wanderte Luciens Blick zum Hals der Welt, der auch hier noch freilich sehr gut zu sehen war.

»Lebt dort oben ein Drache?«, fragte er und deutete auf den Berg, ehe er merkte, was er da gefragt hatte. Doch da war es schon zu spät und die Worte waren gesprochen. Wie peinlich!

»Blödsinn«, schnaube Hilda. »Ich sagte doch, dass es keine Drachen mehr gibt. Schlag dir solche Flausen aus dem Kopf, du hast Wichtigeres, um das du dir Gedanken machen solltest.«

»Natürlich, Herrin«, sagte er eilig. »Das war dumm von mir.«

Und das war es in der Tat. Er nahm sich fest vor, seine Nachforschungen zu den Drachen von Skyrim auf einen unbestimmten späteren Zeitpunkt zu legen, wenn nicht so wichtige Dinge wie seine Ausbildung anstanden. Selbst, wenn dies bedeutete, dass er damit noch lange warten musste. Doch es eilte ja nichts und Bücher rannten nicht weg.

Die Wanderung durch Rift war sehr angenehm. Gelegentlich sprangen Hirsche oder auch der eine oder andere Elch vor ihnen davon, Hasen und Vögel bevölkerten zahlreich die Wälder des Fürstentums. Es war sehr schön hier, befand Lucien, denn der Wald stand nicht so dicht wie in Falkenring und ermöglichte damit einen deutlich weiteren Blick.

Lucien hatte leider nicht so viel Zeit und Ruhe, um die Landschaft genießen zu können, wie er gerne hätte, denn ungeachtet der Natur um sie herum legte Hilda noch immer ein straffes Tempo vor. Sie war anscheinend wirklich felsenfest davon überzeugt, heute noch Riften zu erreichen, egal, wie müde sie dann waren. Es dämmerte schon, aber sie schien sich davon nicht beirren zu lassen.

Doch da hielt sie mit einem Male an. Sie hatten bereits die kleine Bergbausiedlung Shors Stein umgangen und hinter sich gelassen. »Still!«, zischte sie. »Hörst du das?«

»Stimmen!«, wisperte Lucien. »Vor uns.«

In der Ferne war ein Wachtturm zu sehen, der das Banner des Fürstentums trug. Zu dessen Füßen erschienen hinter einer großen Felsformation mehrere Wachtsoldaten des Rift. Hastig sah sich Hilda um, doch es gab keine Versteckmöglichkeit. Zudem schien es, dass die Soldaten sie bereits gesehen, wenn auch noch nicht erkannt hatten. Doch das war nur eine Frage der Zeit, denn zu ihrem eigenen Schutz trugen sie ihre Eingehüllten Rüstungen, um gegen Angriffe von wilden Tieren gewappnet zu sein. Die Soldaten brauchten also nur nahe genug zu kommen, um sie als Mitglieder der Dunklen Bruderschaft auszumachen. Wenn sie sich nun hastig zu verstecken oder zu tarnen suchten, wäre dies ebenfalls sehr verdächtig.

»Ach, scheiß drauf«, knurrte Hilda.

Und dann begann sie sich zu verwandeln. Ihre Glieder wurden länger und kräftiger, Fell wuchs ihr mit einem Male am ganzen Körper und auch ihr Kopf verformte sich. Er wurde größer und größer und ein Maul wuchs ihr mitten aus dem Gesicht.

Lucien wusste, was hier passierte, und dennoch war er erschrocken, als er den Werwolf das erste Mal in seiner natürlichen Form sah. Hilda brüllte animalisch auf, dass es ihm eiskalt den Rücken hinab lief, und dann stürmte sie auf die ebenso erschrockenen Soldaten zu.

Es war nur eine Sache von Augenblicken. Die Handvoll Soldaten, die die Straße patrouillierten, waren völlig überrumpelt, einige konnten noch nicht einmal ihre Waffen ziehen, ehe Hilda über sie her fiel. Der Werwolf hieb mit seinen langen Klauen wild um sich und schnappte nach den Männern. Deren Fleisch riss wie Papier, und sie wurden von den Hieben teils mehrere Schritte weit durch die Luft geschleudert. Ihre Schreie waren kurz und schmerzvoll und zeugten von ihrer Pein und Angst.

Lucien sah dem Schauspiel stocksteif zu. Der Anblick des Todes war ihm mittlerweile sehr vertraut und unter normalen Umständen hätte er darauf gebrannt, sich am Kampf zu beteiligen. Doch dort vor ihm zerriss ein Werwolf die Soldaten in der Luft wie Spielzeug! Das war ein Anblick, an dem er sich definitiv nicht so schnell gewöhnen würde.

Nachdem alles vorbei war, tappte Hilda wieder zu ihm, als sei nichts gewesen.

»Angst?«, fragte sie. Ihre Stimme hatte sich ebenso verändert, klang wilder und ein gutturales Knurren schwang in mir mit.

Kleinlaut nickte Lucien und hoffte, dass sie ihre wilde Natur ihm gegenüber beherrschen konnte.

»Gut so.« Sie schien amüsiert darüber. »Das solltest du auch. Aber komm jetzt und hilf mir, die Leichen zu verstecken.«

Noch während sie sich umdrehte, um zum Schauplatz des Kampfes zurückzukehren, endete die Verwandlung, und es war wieder Hilda, die in aller Seelenruhe die Straße entlang ging. Lucien brauchte einige Momente, bis er sein rasendes Herz beruhigt hatte und seine steifen Glieder ihm wieder gehorchten. Werwolf hin oder her, es war noch immer Hilda, seine Zufluchtsleiterin, und als solche würde sie, gebunden an die Gebote, ihn nicht töten, selbst wenn sie ihre Biestform trug. Hatte er sich wirklich noch einen Tag zuvor gewünscht, sie einmal in Aktion zu sehen? Nach dem soeben Gesehenen erschien ihm das recht sonderbar.

Sie schleiften die Leichen von der Straße weg und versteckten sie in einem Gebüsch, wie sie die Körper zusätzlich mit Laub bedeckten. Dann versuchten sie bestmöglich das Blut auf dem Boden mit Staub zu bedecken und die Spuren des Kampfes zu verwischen. Wirklich optimal war es nicht, aber es sollte reichen, um nicht sofort aufzufallen.

»Wie kommen wir dann eigentlich nach Riften hinein?«, fragte Lucien.

»Riften ist seit jeher die Stadt der Diebe«, sagte Hilda. »Und die Diebe sind ein gewitztes Volk. Sie haben diverse Geheimwege angelegt, um unbemerkt die Stadt betreten und verlassen zu können. Unter den Straßen Riftens zieht sich ein weit verzweigtes Kanalisationssystem entlang, Rattenweg genannt. Die Unterwelt der Stadt hatte den Rattenweg schon vor Zeiten erweitert und an ihre eigenen Bedürfnisse angepasst. Es ist dennoch Vorsicht geboten. Manche Ecken sind schon lange nicht mehr benutzt worden und wer weiß, was dort heute alles haust.«

Noch ehe sie in Sichtweite des Stadttores kamen, schlugen sie sich nach Westen in die Wälder. Nach einem weiten Bogen, um sicher zu gehen, dass keine Torwache sie trotz der mittlerweile hereingebrochenen Nacht gesehen hatte, näherten sie sich der Stadtmauer. Hilda schien nach etwas Bestimmten Ausschau zu halten, und Lucien vermutete, dass es einer der Eingänge war, von dem sie gesprochen hatte.

Sie wurde recht bald bei einer kleinen Felsgruppe fündig. Gut verborgen unter einem Busch fanden sie hier eine Falltür. Sie war verschlossen, doch ein kräftiger Hieb mit der Axt löste das Problem rasch. Hilda schob die Holztrümmer beiseite und offenbarte damit eine Leiter, die in die dunkle Tiefe hinab führt.

»Roche wird nicht erfreut sein«, murmelte sie vor sich hin. »Er hätte mir eben den Schlüssel geben sollen, seine Schuld.«

Damit machte sie den Anfang und stieg die Leiter hinab. Mit einem kleinen Illusionszauber sorgte sie für Licht. Lucien folgte ihr. Ein kalter Wind wehte ihnen entgegen und die Luft roch muffig. Gelegentlich löste sich ein Tropfen von der Wand und fiel weiter unten platschend auf den Boden.

Sie kletterten nur wenige Schritt in die Tiefe hinab, dann erreichten sie den schlammigen Boden, der mit allerlei Unrat bedeckt war. Lucien verzog angewidert das Gesicht, ehe ihm auffiel, dass es einst eine Zeit gegeben hatte, wo ihm all der Dreck nichts ausgemacht hatte, da er in ihm gelebt hatte. Es schien ihm wie ein anderes Leben, jetzt, wo er sich an die Annehmlichkeiten der Zufluchten gewöhnt hatte. Ein wenig erstaunte es ihn, wie verwöhnt er geworden war.

Hilda hatte indes eine Fackel an der Wand ausgemacht und löste sie aus ihrer Halterung. Mit einem einfachen Feuerzauber entzündete sie die Fackel und erhellte so auf konventionelle Weise den Gang.

»Blöde Magie«, murrte sie. »Kein Nord nutzt sie.«

»Sie hat ihren Nutzen«, warf Lucien ein. »Oder?«

»Aber ein Nord zaubert nicht«, hielt sie dagegen. »Das machen nur verweichlichte Kaiserliche. Nun, du hast dennoch Recht. Lass uns gehen.«

Damit war für sie das Thema beendet und sie ging zielstrebig den Gang entlang. Sie wusste anscheinend, wo es lang ging, denn wenn sie andere Gänge kreuzten, zögerte sie meist nicht mit ihrer Wahl des Weges. Lage Zeit wanderten sie abgesehen vom Fackelschein im Dunkeln, doch nach einer Weile wurden die Anzeichen menschlicher Anwesenheit deutlicher, und wenn es nur ein Haufen feuchten, schimmeligen Strohs in irgendeiner Ecke sowie ein paar Lumpen waren. Es schien den Abschaum der Gesellschaft nach hier unten verschlagen haben, aber auch die kriminelle Unterwelt.

»Hat die Bruderschaft gute Beziehungen zur Diebesgilde?«, fragte Lucien irgendwann.

»Ich weiß ja nicht, wie es in anderen Provinzen des Kaiserreichs aussieht, aber Roche und ich verstehen uns wirklich gut«, sagte Hilda. »Nun, wie man sich eben gut mit einem Dieb verstehen kann, aber er weiß, dass ich ihm die Hand abhake, wenn er mir mein Geld stehlen will. Du bist übrigens gut beraten, gut auf deine Wertsachen aufzupassen, während du in der Stadt bist. Diebe stehlen nicht voneinander, aber wir sind ja keine Diebe. Du darfst allerdings auch ruhig einen Dieb abstechen, wenn er dir etwas zu stehlen versucht. Roche mag das zwar nicht, aber wenn seine Diebe dumm genug sind, von uns zu stehlen, ist das sein Problem und nicht unseres.«

»Ist der Anführer der Diebesgilde nicht der Graufuchs?«, fragte Lucien.

»Das ist er«, bestätigte sie. »Allerdings kann er nicht in allen Stützpunkten seiner Gilde zugleich sein, also braucht er an anderen Orten Repräsentanten. Hier ist es Vernon Roche.«

Mittlerweile häuften sich die Zeichen menschlicher Anwesenheit. Anscheinend waren sie zu so etwas wie Wohnquartieren für die Armen gekommen. Gelegentlich gingen Türen von den Gängen ab und auch sonst fanden sie immer wieder den einen oder anderen Tisch und Stuhl, gelegentlich auch dekoriert mit etwas Essen.

Plötzlich bemerkte Lucien einen huschenden Schatten und nur kurz darauf ein leichtes Ziehen an seinem Gürtel, wo seine Geldbörse hing. Hastig griff er danach, doch da war es schon zu spät.

»Dieb!«, schrie er erbost.

Hilda reagierte geistesgegenwärtiger. Sie sprang vor und schnappte den Dieb, kaum dass er drei Schritte hatte tun können. »Ha! Hab ich dich!«, rief sie aus. »Na, was habe ich dir gesagt, Lucien? Diebe sind dreist und im Regelfall auch dumm.« Sie wandte sich an den Dieb, ein schmächtiger Junge, der sich verzweifelt in ihrem Griff wandte. »Weißt du, wen du gerade bestohlen hast?«, fragte sie ihn und hielt ihn spielend hoch.

Er versuchte nach ihr zu boxen und zu treten, doch mit wenig Erfolg. »Irgendwelche Idioten, die nicht wissen, wo sie hingehören!«, fauchte er. »Lass mich los, du Schnepfe!«

»Gerne, aber vorher überlasse ich dich Lucien«, sagte sie seelenruhig. »Er scheint sehr böse darüber zu sein, dass du ihn bestehlen wolltest.«

Das war Lucien in der Tat. Er kochte vor Wut. Das war sein Geld, das er sich selbst erarbeitet hatte! Sein erstes eigenes Geld, das er sich nicht einfach so von einer dahergelaufenen Kanalratte stehlen ließ! Ein klein wenig ärgerte er sich auch über sich selbst, dass der Dieb ihn so einfach hatte bestehlen können.

»Hier, Lucien«, sagte Hilda und schob ihm den Dieb entgegen. »Wie ich es sagte, du darfst mit ihm machen, was du willst.«

Ein boshaftes Grinsen legte sich auf Luciens Züge. Rache war süß! Es tat gut, seinen Ärger über den Dieb an diesem selbst auszulassen. Also zog er seinen Dolch und näherte sich dem Jungen langsam.

»Man bestiehlt nicht einfach so ein Mitglied der Dunklen Bruderschaft«, sagte er und ergötzte sich daran, wie das Gesicht des jungen Diebs bleich und bleicher wurde.

»Ich denke, ich stech' dir die Augen aus, das ist eine angemessene Entschädigung«, sagte er.

»Nein, bitte nicht!«, begann der Dieb nun zu betteln. »Ich … ich wusste doch nicht … Ich wollte doch nicht …! Bitte, nimm dein Geld und lass mich gehen!«

Doch Lucien dachte gar nicht daran. Der Dieb hatte ihn bestohlen, also sollte er dafür nun zahlen. Der Idiot würde niemanden mehr bestehlen. Es brauchte nur zwei präziser Stiche dafür. Der Dieb schrie schrill auf, während ihm Blut und seine zerstörten Augen über das Gesicht liefen. Es war ein herrlicher Anblick und die Rache sehr befriedigend.

»Das hast du davon«, verhöhnte Lucien ihn.

Hilda ließ den Jungen los, welcher zu Boden stürzte und sich schluchzend die Hände vor sein zerstörtes Gesicht hielt.

»Meine Augen! Meine Augen!«, wimmerte er immer wieder.

»Nette Sache«, kommentierte sie. »Ich hätte darauf getippt, dass du ihm eher ein paar Finger abschneidest. Aber das ist definitiv … nachhaltiger. Du gefällst mir immer mehr, halbe Portion, wirklich. Aber komm, lass uns gehen.«

Nun wieder mit deutlich besserer Laune ließ Lucien sein Opfer hinter sich zurück, nachdem er sein Geld wieder an sich genommen hatte, und folgte Hilda weiterhin durch das Tunnellabyrinth des Rattenwegs. Nach einer Weile hielt sie vor einer bestimmten Tür an und öffnete sie. Als sie hindurchtraten, fanden sie sich im Inneren einer Zisterne wieder, anscheinend das Wasserreservoir für einen der Brunnen der Stadt über ihnen, denn ein Wasserbecken befand sich in der Mitte des Raumes. Auf der anderen Seite der Zisterne befand sich etwas, das Lucien bei genauerem Hinsehen als Schenke ausmachte. Entlang der Wände des großen Raumes waren zudem mehrere Nischen eingelassen, die sich Händler zu ihrem Sitz auserkoren hatten. Lucien war erstaunt. Damit entpuppte sich der Rattenwegs endgültig als Stadt unter der Stadt, wie faszinierend!

Hilda hielt sich nicht lange mit irgendwelchem Staunen auf, da sie all das offenbar bereits kannte. Sie hielt geradewegs auf die Schenke zu.

»Willkommen in der Zerbrochenen Flasche«, sagte sie zu Lucien, »dem Operationszentrum der Diebesgilde in Himmelsrand. Fühl dich wie zu Hause, wie Roche dir sicherlich auch gleich sagen wird.«

Die Schenke war gut besucht. Der Schankwirt stand hinter seinem Tresen und verschmierte mit einem ranzigen Lappen die Flecken auf der Theke, während mehrere Leute, Menschen wie Mer, an den Tischen der Bar saßen und verschiedene Speisen und Getränke genossen. Entgegen dem ersten Eindruck, den all das machte, wirte das, was hier ausgeteilt wurde, durchaus hochwertig.

Ihre Ankunft schien niemanden weiter sonderlich zu stören; anscheinend war man es gewohnt, dass gelegentlich ein Mitglied der Bruderschaft vorbei sah. Lediglich Lucien erhielt einige längere Blicke, als wolle man herausfinden, wer dieses neue Gesicht an Hildas Seite war. Ebenjene hielt zielstrebig auf einen der Tische zu, an welchem ein Bretone mittleren Alters, dunklem Haar und auffallend unauffälligen Gesicht saß, klopfte auf den Tisch und setzte sich dann ungefragt dazu. Der Mann gehörte zu jener Sorte Mensch, die man eigentlich sogleich wieder vergaß, sobald man ihn sah. Und doch war etwas an ihm, das Lucien nicht benennen konnte und das ihn sehr wohl sehr besonders machte.

»Ah, Hilda, direkt wie eh und je!«, begrüßte sie der Mann offenbar keineswegs erbost über ihr Verhalten. »Was verschlägt Euch zu uns und wer ist der junge Mann an Eurer Seite? Ein neues Familienmitglied?«

»Exakt«, bestätigte sie. »Lucien, komm setz dich zu uns. Das ist Vernon Roche. Sei höflich, ihm kannst du nicht so leicht die Augen ausstehen, wenn er dir etwas stiehlst, weil du ihn verärgert hast.«

Lucien beherzigte diesen Rat und bemühte sich, möglichst unauffällig zu sein. Er murmelte eine Begrüßung und setzte sich zu den beiden Erwachsenen. So wirklich wohl fühlte er sich hier nicht. Er war unter Garantie von Dieben umgeben, was ihm das Gefühl gab, dass jeder von ihnen ein Auge auf sein Geld geworfen und sicher auch schon einen Finger, wenn nicht gar die ganze Hand daran gelegt hatte.

»Augen ausgestochen?«, wiederholte Roche mit hochgezogener Braue. »Habt Ihr schon wieder einen meiner Diebe malträtiert? Ihr wisst, dass ich das nicht mag.«

»Ihr werdet es auch nicht mögen, wenn ich Euch sage, dass ich den Westeingang mal wieder offengelegt habe«, konterte Hilda. »Ich habe Euch aber auch oft genug gesagt, dass Ihr mir einfach den Schlüssel geben sollt, ebenso, dass Ihr endlich Euren Leuten einbläuen sollt, keinen Dunklen Bruder oder keine Dunkle Schwester zu beklauen. Lucien hat nur gleiches mit gleichem vergolten.«

Roche musterte den Jungen. »Du hast einem meiner Diebe die Augen ausgestochen?«, fragte er durchaus mit Verwunderung in der Stimme. »Sieh einer an. Traut man dir gar nicht zu. Andererseits bist du Teil von Hildas Familie. Aber ich vergesse meine Manieren. Wirt, etwas zu essen und zu trinken für die beiden auf meine Rechnung!«

Der Mann kam dem rasch nach. Als er serviert hatte, wandte sich Roche wieder an die Neuankömmlinge.

»So, nun noch einmal«, sagte er. »„Was lässt Euch uns beehren? Sicher nicht nur ein netter Plausch.«

»Wir haben ein Problem, das sich da General Consantius Tituleius nennt«, eröffnete Hilda.

»Dann stecht ihn ab«, sagte der Dieb geradeheraus. »Ist es nicht das, was Ihr für gewöhnlich tut?«

»Durchaus«, bestätigte Hilda. »Doch dieses Mal bedarf es etwas anderer Methoden – subtilere, um genau zu sein. Ihn einfach zu ermorden, wäre zu offensichtlich und würde nur den Zorn seiner Männer gegen uns erwecken, was uns damit kein Stück weiter bringt. Nein, Tituleius muss auf andere Weise verschwinden. Und da kommt Ihr ins Spiel.«

»Wie viel zahlt Ihr?«, fragte Roche sogleich.

»Tausend Septime«, nannte sie ihr Startgebot.

Der Dieb schnaubte. »Pah! Das würdet Ihr nicht einmal Euren eigenen Assassinen zahlen, wenn Ihr ihn doch ermorden lassen würdet. Nein, da muss etwas drauf gelegt werden, ein ziemlicher Batzen, ehrlich gesagt. Ein so hohes Tier wie Tituleius aus dem Rennen zu werfen, ist sehr kostspielig. Ich brauche Diebe, Kontaktmänner und Material. Es müssen zig Fälschungen angefertigt, Bestechungen vorgenommen werden. So einfach ist das nicht, was Ihr da von uns verlangt.«

»Und wenn ich die Zusammenarbeit mit der Bruderschaft anbiete, würde das euren Preis senken?«, fragte sie. »Immerhin könntet Ihr so Material sparen, um es einmal so auszudrücken. Eure Gilde hat Fähigkeiten und Möglichkeiten, über die wir nicht verfügen, doch umgekehrt gilt dasselbe.«

»Das hängt von den Details ab, die wir noch besprechen müssen«, sagte Roche. »Aber einen gewissen Preisnachlass könnte ich mir durchaus vorstellen, nur die Höhe bleibt abzuwarten. Ich gehe ohne das jedoch von dreitausend Septimen aus.«

»Da kann man sicherlich noch etwas machen«, hielt Hilda weiterhin dagegen. »Zweitausendfünfhundert.«

»Zweitausendneunhundert.«

»Zweitausendsiebenhundert.«

»Zweitausendsiebenhundertfünfzig. Unter Vorbehalt, sollten die Bedingungen mehr verlangen.«

»Abgemacht.«

»Abgemacht.«

»Und über den Preisnachlas sprechen wir, wenn wir die Details haben und wir wissen, wie wir uns am besten gegenseitig unterstützen«, fügte Hilda noch an.

Roche seufzte, schmunzelte aber. »Hart wie eh und je«, kommentierte er. »Aber ja, das tun wir. Ihr sollt jedoch erst einmal ruhen, der Weg war sicherlich weit und dieser Tage nicht ohne Gefahren. Nicht, dass Euch das arg in Bedrängnis bringen würde. Fühlt Euch dennoch wie zu Hause. Das gilt natürlich auch für Euren jungen Begleiter.«

Als Hilda sich bedankt hatte für die Gastfreundlichkeit, und sie beide schon im Gehen begriffen waren, fügte Roche noch an: »Ah, Hilda, und irgendwann stelle ich Euch die Kosten für die Falltür in Rechnung.«

»Gebt mir einfach den Schlüssel«, flötete sie und entschwand in den Nachbarraum.

Lucien folgte ihr. Es handelte sich hierbei um eine weitere Zisterne. Die anscheinend den Kern des Diebesversteckes ausmachte. Zahlreiche Diebe verweilten hier, schwatzten miteinander oder pflegten ihre Ausrüstung. An den Wänden waren verschiedene Wohnparteien aufgestellt, Betten, Regale, Truhen, Tische. Alles, was es brauchte, um dieses feuchte Loch in der Erde erstaunlich wohnlich zu machen.

Anscheinend kannte man Hilda unter den Dieben sogar sehr gut. Sie wurde freundlich aufgenommen und man gab ihr und Lucien bereitwillig einen Platz zum Schlafen. Selbst die Betten waren durchaus als komfortabel zu bezeichnen.

»Alles in allem ein guter Tag«, sagte Hilda. »Roche hat es nicht gesagt, aber er hat mir einen Freundschaftspreis angeboten. Eigentlich hätte ich nicht feilschen sollen, aber das hätte er mir wahrscheinlich sogar noch verübelt. Nun, du jedenfalls hast ebenso ganz schön Eindruck geschunden.«

»Wirklich?«, Lucien war erstaunt. »Ich habe doch nichts weiter getan als dazusitzen und schweigend zuzuhören.«

»Aber du hast dem Dieb, der dich bestehlen wollte, die Augen ausgestochen«, erinnerte Hilda ihn. »Zwar mag es Roche nicht, wenn wir seine Diebe auf diese Weise zurichten, wie gesagt, aber jetzt weiß er, aus welchem Holz du geschnitzt bist und dass mit dir zu rechnen ist. Genau das solltest du hier zeigen, halbe Portion. Du siehst ja, unsere Kontakte zur Diebesgilde sind durchaus zum beiderseitigen Nutzen, daher ist es auch für dich von Vorteil, wenn du hier bekannt bist. Und das bist du nach dieser Nummer auf jeden Fall.«

Die Logik gefiel Lucien durchaus sehr. Wenn er sich auf diese Weise den Respekt der Leute erarbeiten konnte, dann war das eine sehr angenehme Weise. Er fühlte sich stark und überlegen und malte sich bereits aus, was erst sein würde, wenn er im Rang aufgestiegen war und er sich einen Namen in der Unterwelt des Kaiserreiches gemacht hatte. Die Bruderschaft war sehr mächtig, wie er mittlerweile wusste. Kam er in ihren Reihen zu einem Namen, würde das auch über ihre Grenzen hinaus gehört werden.

»Ich danke Euch für diese Gelegenheit, die Ihr mir gegeben habt«, sagte er daher.

Hilda winkte ab. »Ich mag dieses katzbuckelige Gesülze nicht, das weißt du. Aber ja, gern geschehen. Du bist Teil der Familie, und um die Familie kümmert man sich eben. Und jetzt schlaf, der Tag war lang und ich habe morgen noch vieles mit Roche zu besprechen.«

Mit diesen Worten zog sie ihre Stiefel aus, legte sich auf ihr Bett, zog die Decke bis zu den Ohren und schnarchte schon wenige Augenblicke später. Lucien schmunzelte, tat es ihr dann aber nach. Der Tag war in der Tat lang gewesen, und er war froh, endlich Ruhe zu finden. Und so war auch er rasch eingeschlafen.

Hilda war so freundlich und ließ ihn ausschlafen. Als er erwachte, sah er, dass sie bereits aufgestanden und verschwunden war. Nachdem er sich gestreckt und sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, sah er sich um. Es herrschte bereits reger Betrieb im Heim der Gilde, jeder schien etwas zu tun zu haben, und kaum jemand achtete auf den Jungen. Dieser nutzte die Gelegenheit, um sich etwas umzuhören und unauffällig einige Gespräche zu belauschen. Er fand mittlerweile einigen Gefallen daran, andere Leute auf diese Weise auszuhorchen. Wie es sich herausstellte, fiel ihm das recht einfach, da niemand so recht auf ihn zu achten schien. Er brauchte einfach so tun, als würde er etwas genauer begutachten, und sperrte die Ohren auf.

Die Diebe sprachen vor allem über ihre Diebstähle. Anders als die Bruderschaft schienen Diebe oftmals auf eigene Faust zu arbeiten. Sie suchten sich ein Haus aus, stiegen ein und nahmen mit, was ihnen die Mühe wert schien. Die Gilde hatte zahlreiche Hehler, an welche sie ihr Diebesgut verkaufen konnten und so zu ordentlich Geld machten. Auf diese Weise schien die Gilde einen beträchtlichen Gewinn machen zu können, nicht nur durch Aufträge wie jenen, den Hilda an Vernon Roche herangetragen hatte.

Doch dann beschloss Lucien, dass er seine Zufluchtsleiterin nicht allzu lange warten lassen sollte. Wer wusste schon, wie lange sie schon auf den Beinen war. Er betrat also die Zerbrochene Flasche und fand hier in der Tat Hilda und Roche in ein Gespräch vertieft vor.

»Setz dich zu uns, Lucien«, sagte Hilda zu ihm, als sie ihn bemerkte. »Der Wirt soll dir ein Frühstück bringen.«

Die kleine Unterbrechung schien die beiden nicht weiter gestört zu haben. Nachdem Lucien sein Essen bekommen hatte, hörte er zu, was sie zu besprechen hatten. Es ging anscheinend nun um die Details des Auftrages, General Consantius Tituleius zu beseitigen.

Lucien war erstaunt, wie viel für so etwas besprochen werden konnte, denn es brauchte tatsächlich den ganzen Tag dafür. Hilda nannte, was sie sich in etwa vorgestellt hatte, und Roche bestätigte, ob dies im Rahmen der Diebesgilde möglich war oder nicht. Sie legten sich mögliche Vorgehensweisen und erste grobe Pläne zurecht und überlegten, was alles benötigt werden könnte und wie ihre Zusammenarbeit aussehen konnte.

Der Junge hörte aufmerksam zu und überlegte, was er daraus lernen konnte, denn dafür war er schließlich mitgekommen. Es galt, Kontakte zur Diebesgilde zu knüpfen und, wie eigentlich immer, seine Fähigkeiten als Mörder der Bruderschaft zu schulen. Hilda und Roche gingen sehr überlegt vor und spielten duzende Szenarien durch, die sich potenziell ereignen könnten, während sie gegen den General vorgingen.

Stets waren aber gefälschte Dokumente und Bestechungen Kern ihrer Planungen. Den General einfach zu ermorden, würde viel zu leicht zur Dunklen Bruderschaft zurückzuführen sein, also musste er irgendwie aus dem Weg geschafft und ersetzt werden durch einen Nachfolger, der die Ambitionen Consantius Tituleius' nicht teilte und somit die Bruderschaft in Ruhe ließ. Ein geeigneter Nachfolger musste daher gefunden und mithilfe der Diebe an die richtige Position gesetzt werden, nachdem Tituleius aus dem Weg geräumt worden war, am besten versetzt in eine weit entfernte Provinz des Kaiserreiches, wo er die Bruderschaft nur noch schwer behelligen konnte.

Ihre Planungen gingen sogar so weit, dass sie den Zuhörer in Bravil in Cyrodiil kontaktieren wollten, um ihn zu bitten, die Mutter der Nacht zu befragen, ob sie hilfreiche Informationen für sie besaß. Des Weiteren wollte Roche sein Netz von Spionen und Mittelsmännern mobilisieren. So mächtig die Bruderschaft auch war, sie besaßen solche Mittel nicht, denn sie erhielten ihre Aufträge über die Mutter der Nacht. Wenn das Schwarze Sakrament vollzogen wurde, wurde damit zu ihr gebetet und sie gab die Informationen an ihren Zuhörer weiter. Das machte ein weit ausgefächertes und gut ausgebautes Netz von Informanten unnötig, denn die Mutter der Nacht hörte alles, was für die Bruderschaft von Belang war.

Lucien erfuhr so viele interessante Dinge, wie vor allem die Diebesgilde aber auch die Bruderschaft arbeiteten. Es war sehr viel auf einmal, doch mittlerweile war er recht gut geübt drin, sich viele Informationen auf einmal zu merken. Dies war Wissen, das ihm sicherlich irgendwann noch einmal von Nutzen sein würde.

In den Abendstunden waren Hilda und Vernon Roche fertig mit ihren Planungen und alle weiteren Schritte zur Beseitigung General Consantius Tituleius' konnten in die Wege geleitet werden. Es würde höchstens noch einige Wochen dauern, bis die Bruderschaft endlich Ruhe vor ihm hatte.