8.
Ich saß in der Bibliothek über meinen Verwandlungshausaufgaben. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Es war der Nachmittag des zweite Weihnachtstages. Ich wusste nicht, was mich mehr aufregte, die Tatsache, dass ich meine Hausaufgaben noch nicht fertig hatte, oder das George den ganzen Tag noch nicht mit mir gesprochen hatte. Ich saß seit dem Frühstück hier und hatte erst eine Pergamentrolle geschrieben. Eine hatte ich noch vor mir. Normal schaffte ich so etwas in zwei Stunden. Ich ermahnte mich zum zwanzigsten Mal selbst. Ich stand auf und ging in einen der Gänge mit Verwandlungsbüchern. Ich stellte das, über dem ich gerade gebrütet hatte an seinen Platz zurück. Ich ging langsam durch den Gang, in der Hoffnung ein Buch zu finden, das mir weiter half. Gedankenverloren streifte ich durch die verschiedenen Gänge. In der Abteilung über Lord Voldemort blieb ich an einem Buchtitel hängen. Ich zog das Buch heraus. Zwei rote, schlangenähnliche Augen waren auf dem Buchdeckel abgebildet. ‚Lord Voldemort – Doch ein netter Mensch?' war der Titel. Ich lachte kurz auf. Wer konnte so etwas nur behaupten?!
„Na, auf Familienstudie?"
Ich drehte mich erschrocken um. Professor Moody fixierte mich mit beiden Augen.
„Ich – Nein, ich wollte nur schauen, wer so einen Mist schreibt."
Ich stellte das Buch schnell an seinen Platz zurück. Professor Moody kam auf mich zu. Ich wich einen Schritt zurück. Moody griff an mir vorbei ins Regal und zog das Buch wieder heraus. Er warf einen Blick auf den Titel und sagte dann:
„Dieses Buch war mal ein Bestseller."
Ich lächelte zögerlich. Moody stellte das Buch wieder zurück, dann sagte er:
„Vielleicht sollten Sie sich wieder Ihrer Hausarbeit widmen, oder ist dieser Verwandlungsaufsatz dort drüben nicht Ihrer?"
„Doch, ist er. Wiedersehn', Professor!", antwortete ich schnell und ging wieder in den Gang der Verwandlungsbücher.
Was sollte ich von dieser Begegnung halten?
Diesmal gelang es mir, mich auf meinen Aufsatz zu konzentrieren und ich hatte ihn nach einer Stunde endlich fertig.
Es war kurz vor dem Abendessen. Ich packte schnell meine Sachen zusammen und brachte sie in meinen Schlafsaal. Dann ging ich hinunter zum Abendessen. Ich war eine der Ersten, die zum Essen kamen. Ich setzte mich zu Hermine, die ebenfalls alleine war.
„Hey Mary!", begrüßte sie mich.
Ich lächelte sie an und nahm neben ihr Platz.
„Mary, was ich dich noch fragen wollte..." fing Hermine an.
„Was denn?", antwortete ich, als ich mir gerade etwas von dem Tomatensalat auf den Teller schöpfte.
„Bei dem Streit zwischen dir und George gestern, um was ging es da?"
„Warum fragst du?", fragte ich.
„Weil George schon den ganzen Tag mies drauf ist und du die ganze Zeit in der Bibliothek warst."
„Ich versteh selbst nicht ganz, um was es geht." gestand ich Hermine.
„Hm, ist schon komisch. Weißt du, Fred und Lee haben den ganzen Morgen versucht George irgendwie aufzubauen. Und dann hat er ihnen wahrscheinlich gesagt, um was es geht, weil sie dann den ganzen Mittag nur noch ernst geredet haben." erzählte mir Hermine.
„Ach, wirklich?!", entgegnete ich scheinbar uninteressiert und hob die Augenbrauen.
Danach redeten wir nicht mehr.
Am letzten Ferientag stand ein hässlicher Artikel über Hagrid im Tagespropheten. Alle die ihn lasen, waren in heller Aufregung. Harry, Ron und Hermine schienen davon nichts mitzubekommen.
Einen Tag später erfuhren wir dann, dass wir eine neue Lehrerin in Pflege magischer Geschöpfe hatten. Ihre Lehrmethode war deutlich besser, als die Hagrids, aber sie war mir unsympathisch. Abgesehen davon interessierten mich Einhörner nicht wirklich.
George hatte seit dem Ball immer noch nicht mit mir gesprochen. Ich hatte mehrere Male versucht normal mit ihm zu reden und den Abend nicht zu erwähnen, aber er blockte immer ab. Ich war mit meinem Latein am Ende.
Die erste Woche nach den Ferien war vorbei und ein Hogsmeade-Besuch stand an. Ich verließ am Sonntagmorgen allein das Schloss. Die Zwillinge hatten mir unmissverständlich klar gemacht, dass sie ohne mich gehen wollte. Ich war sehr betrübt. Es war klar, das Fred zu George halten würde, aber ich verstand nicht, warum sie mich nicht dabei haben wollten.
Ich saß alleine im Drei Besen und nuckelte an meinem Butterbier. Ich warf immer wieder einen Blick zu den Zwillingen, die ebenfalls alleine an einem Tisch saßen. Sie diskutierten angestrengt. Ich wusste, dass sie, zum Glück, nicht über mich sprachen, denn sie sahen oft zu Mr. Bagman, der mit ein paar Kobolden einige Tische weiter saß. Als Mr. Bagman Harry erblickte erhob er sich und ging auf Harry zu. Auch Fred und George standen auf. Sie sprachen Bagman an, der sie aber schnell wieder abwimmelte. Nachdem er weg war, kramten auch die Zwillinge ihre Sachen zusammen und verließen den Pub. Ich warf mir schnell meinen Umhang über, griff nach meiner Tasche und eilte ihnen hinterher. Ich sah, wie sie gerade um die Ecke bogen. Ich begann zu rennen. Als ich um die Ecke war, waren sie nur noch ein paar Schritten entfernt.
„Fred, George!", sagte ich.
Sie drehten sich um. Ich atmete schwer. Aus meinem Mund kamen kleine Dampfwölkchen.
„Bitte redet endlich mit mir!"
Ich atmete noch einmal schwer aus.
„Was hab ich getan?"
Fred und George sahen sich an. Dann sagte Fred:
„Wir reden heute Abend im Gemeinschaftsraum. Wir müssen jetzt weiter. Einkaufen!"
Sie drehten mir den Rücken zu und gingen weiter. Ich hatte mehr erwartet. Aber es war ein Anfang. Ich hatte schon all meine Besorgungen erledigt, also ging ich ins Schloss zurück.
Als ich in die Eingangshalle trat, kam mir Professor Dumbledore entgegen. Mir fiel mein Vorsatz vom Ball wieder ein, also fragte ich ihn:
„Professor Dumbledore, haben Sie kurz Zeit für mich?"
„Sicher, Ms Riddle! Wie kann ich Ihnen helfen?", antwortete Dumbledore in seiner üblichen, freundlichen Art.
„Ich habe mich gefragt, ob Sie Professor Moody gegenüber etwas über meine Herkunft erzählt haben?!", sagte ich.
„Professor Moody? Nein. Ich habe es nur Ihrer Hauslehrerin gegenüber erwähnt. Das ist üblich. Wie kommen Sie darauf?"
„Nur so, es hätte ja sein können. Vielen Dank, Professor. Einen schönen Tag noch!", verabschiedete ich mich und ging hastig weiter.
Er hatte nichts gesagt? Wie konnte Moody es dann wissen? Hatte er nur so getan, um es aus mir rauszukitzeln? Irgendetwas stimmte definitiv nicht mit ihm.
Es war schon spät, als die Zwillinge an diesem Abend in den Gemeinschaftsraum kamen. Das Abendessen war längst vorbei. Die meisten Schüler waren schon ins Bett gegangen. Ich saß allein auf einem gemütlichen Sessel vor dem Feuer und ließ mich von ihm hypnotisieren.
Die Zwillinge stellten sich vor mich und sahen mich fragen an. Ich schlug ihnen vor, dass wir uns aufs Sofa setzten. Als wir saßen fragte ich ohne Umschweife:
„Warum schneidet ihr mich?"
Sie sahen sich an, als hätten sie die Antwort längst vorbereitet und mussten nur noch entscheiden, wer von ihnen sie aussprach. Schließlich tat es Fred:
„George und ich waren uns einig, dich für einige Zeit zu meiden, bis George sich über seine Gefühle klar ist."
„Dann geht es nur um George. Wenn George mich schneidet, verstehe ich das, aber warum du?", fragte ich Fred.
„Verstehst du das nicht? Wir sind immer zusammen, George und ich. Da geht es einfach nicht, wenn ich mit dir unterhalten, wie wenn nichts ist und George nicht."
Ich senkte den Kopf, das hätte ich mir denken können.
„Kann ich in dem Fall mit dir allein reden?", fragte ich George.
Die Zwillinge sahen sich an und George nickte. Fred stand auf, wünschte mir eine gute Nacht und ging die Treppe hinauf.
Wir sahen ihm nach, bis er verschwunden war. Dann sah ich George an. Er sah mir nicht ins Gesicht. Er starrte auf seine Hände. Wir schwiegen uns an, bis ich es nicht mehr aushielt und fragte:
„Über welche Gefühle musst du dir klar werden und warum willst du mich deshalb nicht um dich haben?"
Er antwortete nicht. Er starrte nur weiter auf seine Hände.
„Willst du es mir nicht sagen?", fragte ich.
Er sprach immer noch nicht. Mir wurde es zu blöd, also sagte ich:
„Ok, rede mit mir, wenn du es für richtig hältst, aber es wäre schön, wenn du es noch in diesem Leben schaffst."
Ich stand auf und ging in meinen Schlafsaal. Auf dem Weg dorthin hoffte ich, er würde mich zurückhalten, doch er tat es nicht.
Montag, erste Stunde, Zaubertränke. Ich saß wie immer neben George. Snape hatte es verboten innerhalb des Schuljahres die Sitzordnung zu ändern. Wir schwiegen uns an. Jeder von uns rührte wortlos seinen Zaubertrank an. Als die Stunden endlich um waren, sprangen wir beide auf, gaben unsere Zaubertrankproben ab und verließen den Kerker in unterschiedliche Richtungen. Ich hatte jetzt Arithmantik, die Zwillinge hatten Wahrsagen. Nach dem Mittagessen hatten wir Pflege magischer Geschöpfe. Hagrid arbeitete wieder. Allerdings war es langweiliger denn je. Keine Ungeheuer, die wir großziehen sollten. Nach dieser Stunde hatten die Zwillinge frei. Ich hatte noch zwei Stunden Runen.
Ungeduldig kritzelte ich das Diktat, dass wir schrieben aufs Pergament. Als es läutete sprang ich als Erste auf und eilte in den Gemeinschaftsraum. Ich hatte keine Ahnung, warum ich mich so beeilte. Immerhin wusste ich nicht, ob George jetzt mit mir reden würde. Ich sah mich im Gemeinschaftsraum um. Er war nicht da. Enttäuscht ließ ich mich an einem Tisch nieder und packte meine Zaubertrankbücher aus. Wir hatten viele Hausaufgaben. Ich fing gleich an.
„Mary?"
Ich schreckte auf. Ich las gerade das Buch, dass wir in Runen als Hausaufgabe aufbekommen hatten. Die restlichen Hausaufgaben des Tages hatte ich schon fertig. Ich sah auf die Uhr. Es war noch nicht mal spät. Viele Schüler saßen noch im Gemeinschaftsraum und machten Hausaufgaben.
„Kann ich mit dir reden?"
Es war George.
Ich legte schnell ein Lesezeichen in das Buch und schlug es zu.
„Klar!"
Ich machte ihm Platz. Der ganze Tisch und die Stühle drum herum waren von meinen Pergamenten und Büchern beladen. George setzte sich auf den Stuhl neben mich.
„Ich schulde dir eine Erklärung." fing er an.
Ich erwiderte nicht. Ich wollte ihn aussprechen lassen. Er sah mich unsicher an, dann sprach er weiter:
„Ich war so abweisend zu dir, weil du mehr als eine Freundin, oder ein Schwester für mich bist. Und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich hab nicht mal Fred was gesagt. Ich dachte, ich schaffe das alleine. Aber an Weihnachten, am Ball, wurde es plötzlich so heftig. Und ich wusste nicht weiter. Ich dachte wenn ich Abstand halte, vergeht es wieder. Das haben mir auch Fred und Lee geraten, aber es ging einfach nicht. Je weniger ich dich gesehen habe, oder mit dir gesprochen habe, desto stärker wurde es."
Die Worte brachen wie ein Wasserfall aus George heraus. Ich hörte ihm zu, doch eines war mir noch nicht klar...
„Was meinst du mit ‚es', George?"
George sah mich verwirrt an.
„Ist das nicht klar?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Sag es mir. Ich weiß es nicht."
George senkte den Kopf und wisperte:
„Ich kann es nicht."
Ich kramte meine Sachen zusammen und stand auf.
„George, es freut mich, dass du endlich wieder mit mir redest, aber ich habe immer noch nicht verstanden, warum du mich gemieden hast. Und wenn du es mir nicht sagen kannst, kann ich dir leider auch nicht helfen, geschweige denn, dich verstehen." sagte ich kühl.
Ich nahm meine Tasche und ging ohne zurückzusehen in Richtung Mädchenschlafsäle.
„Mary!", rief George mir nach.
Ich ging weiter. Ich hatte keine Lust mehr, mir seine Ausflüchte anzuhören.
„Mary, jetzt warte doch mal!"
Ich drehte mich um. Ich sah ihn kühl und fragend an.
Mittlerweile sahen auch alle Anderen im Gemeinschaftsraum uns an. Was fast der gesamte Gryffindorturm war.
„Was?", fragte ich laut.
George biss sich auf die Unterlippe und sah mich unsicher an.
„Entweder du sagst es jetzt, oder nie!", forderte ich auf.
