Kapitel 9 Lupin
Wie in Trance beobachtete ich, wie dicke, weiße Schneeflocken gegen die Fensterscheibe schlugen, als bäten sie um Einlass. Hätte Schnee ein Bewusstsein, würde er wahrscheinlich als unvorsichtig, wenn nicht sogar dumm eingestuft werden: Hier drinnen, im warmen Chefzimmer des Epidarus-Pflegeheims für körperlich und geistig behinderte Hexen und Zauberer, würde er sofort schmelzen.
„Mr. Lupin?"
Von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch aus blickte mich meine Chefin fragend an. Über drei Monate arbeitete ich nun in diesem Heim und es gefiel mir. Doch immer häufiger spürte ich, wie kräftezehrend der Job war. Zudem hatte ich in letzter Zeit viele Aufträge für den Orden erledigen müssen, lästigerweise auch bei den Werwölfen.
„Ähm...könnten Sie mir ein Zeichen geben, dass Sie zuhören?"
Vielleicht deshalb schweiften meine Gedanken in letzter Zeit häufiger in die Ferne. Doch das sollte besser aufhören. Ich blickte Dr. Earhart in die Augen und nickte. Schneeflocken konnten nicht denken. Punkt.
„Entschuldigen Sie bitte. Ich war kurz abgelenkt von dem Schnee...Zum ersten Mal seit Monaten ist London nicht nass und grau."
„Es schneit?", sagte Dr. Earhart verwirrt und warf einen Blick über ihre Schulter. „Tatsächlich. Bei Merlins Barte, vor lauter Arbeit bekomme ich nicht mal mehr das Wetter mit. Und dabei ist bald Weihnachten..."
Mit einem leicht panischen Blick wandte sie sich wieder ihrem Schreibtisch zu, auf dem sich Patientenakten, Rechnungen und Briefe stapelten. Unter einem schweren Aktenordner zog sie einen mit Einträgen übersähten Terminkalender hervor.
„Was ich eigentlich fragen wollte...", murmelte sie beim Umblättern, „...ist, ob Sie mich am 27. auf einen Ärztekongress begleiten könnten. Kurz vor Jahresende treffen sich die Leiter der magischen Pflegehäuser, um Bilanz zu ziehen: Was lief gut, was kann verbessert werden? Die Pfleger sollen auch zu Wort kommen, denn sie kennen die Patienten meist besser als ihre Vorgesetzten."
„Nun ja..", begann ich.
„Ich habe bereits gesehen, dass Sie an diesem Tag kein Treffen Ihrer Geheimorganisation haben. Es wäre wirklich eine große Hilfe, wenn Sie einen Abend entbehren könnten. Zumal der magische Gesundheitsminister eine Rede halten wird. Alle meine Kollegen werden da sein und wie immer ganz genau darauf achten, wer seinen Job gut macht und wem das Ganze über den Kopf wächst."
Ich schwieg. Die Bitte meiner Chefin überraschte mich und ich war mir auch nicht sicher, ob gerae ich ein repräsentatives Bild des Epidaurus-Pflegeheims abgeben konnte – doch sie abzuschlagen kam nicht in Frage.
„Selbstverständlich begleite ich Sie gern. Ich weiß nur nicht, ob nicht ein erfahrener Pfleger wie Marcus besser dazu geeignet wäre..."
„Oh, es hat schon einen Grund, weswegen ich Sie ausgesucht habe", winkte Dr. Earhart ab. „Sie machen Ihre Arbeit wirklich, wirklich gut. Von den Patienten höre ich fast nur Positives über Sie, und mit den Kollegen scheinen Sie auch zurecht zu kommen. Sehen Sie es einfach als Anerkennung Ihrer Leistung."
Es war das erste richtige Kompliment, das sie mir machte. Ich wusste, welche Bedeutung diese Worte hatten: Ihre anfänglichen Vorbehalte gegenüber Werwölfen hatte ich nicht vergessen.
Möglicherweise lag es an der vorweihnachtlichen Stimmung, aber ich hatte das Gefühl, dass meine Chefin in den letzten Wochen begonnen hatte, ihre Vorstellungen von Gut und Böse zu überdenken.
„Wenn ich Ihnen dennoch einen Rat geben darf", sagte sie jetzt. Beim Sprechen drehte sie einen Kugelschreiber in den Händen. Ich wunderte mich über diesen so gar nicht magischen Gegenstand und...schweifte schon wieder mit den Gedanken ab. Was war nur mit mir los?
„Sie sind, glaube ich, ein sehr empathischer Mensch", fuhr Dr. Earhart fort. „Das ist natürlich eine nützliche Eigenschaft in Pflegeberufen. Aber sehen Sie zu, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse darüber nicht vergessen. In letzter Zeit sehen Sie ziemlich erschöpft aus."
Mit weicher werdender Stimme setzte sie hinzu: „Vielleicht tut uns allen ein bisschen Erholung in den Weihnachtsferien gut ..."
Draußen lag mittlerweile eine dichte Schneeschicht. Der Anblick lud zum Ordnen von Gedanken ein, sodass ich beschloss, nach Feierabend einen kleinen Spaziergang im Kurpark neben dem Pflegeheim zu machen.
Beim Laufen waren mir schon immer die besten Ideen gekommen. So hatte ich auch dieses Mal die Eingebung, dass mich in den vergangenen Wochen nicht nur die zum Teil trübsinnige Arbeit, sondern auch die veränderten Verhältnisse zu einigen Ordensmitgliedern aufgewühlt hatten.
Tonks hatte ich gleich nach der letzten Vollmondnacht besucht. Zu meiner Freude waren ihre sichtbaren Verletzungen weitgehend verheilt gewesen. Auch sonst hatte sie sich in einer recht munteren Verfassung befunden, jedoch über die Langeweile in ihrem Einzelzimmer geschimpft. Also hatte ich sie – unerlaubterweise – in den Ruheraum des Epidaurus-Pflegeheims gelotst, wo wir es uns vor einem Kamin in zwei gemütlichen Sesseln bequem gemacht hatten. Während Tonks sich schützend in eine Decke gewickelt hatte, war ich Tee aufbrühen gegangen. Ausgestattet mit den zwei dampfenden Tassen waren wir endlich in der Lage gewesen, über die letzten Tage, den Orden und natürlich Sirius zu reden.
Es sollte mit Abstand das längste Gespräch werden, das wir je miteinander geführt hatten.
Wie sich herausstellte, hatte Tonks noch an der harschen Abfuhr durch Sirius zu knabbern. Sie hatte ziemlich unschmeichelhafte Spitznamen für ihn verwendet, was mich jedoch in Anbetracht von Sirius' kopflosen Verhalten nicht wirklich gestört hatte. Aus Neugier und um sie trösten, hatte ich mich dafür interessiert, wie es Tonks nach dem Gespräch mit ihm ergangen war. Offenbar hatte sie sich in ihrer Aufgewühltheit zu Hause den Kopf gestoßen und war bewusstlos geworden.
„Dann kann ich dir natürlich haarscharf verzeihen, dass du mir die Tür nicht geöffnet hast", hatte ich gescherzt.
Irgendwann waren wir auf den Sinn und Zweck des Phönixordens zu sprechen gekommen. Aus ihren Worten hatte ich schließen können, dass Tonks an der Effektivität des Ordens, aber wohl vor allem an sich selbst zweifelte. So gut es ging, hatte ich versucht, ihr Vertrauen in ihre Fähigkeiten und den Orden einzuflößen. Das war mir trotz meiner eigenen Bedenken leichtgefallen. Zum einen meinte ich es wirklich so. Darüber hinaus war ich davon überzeugt, dass jeder Beitrag gegen Voldemort – mochte er noch so klein sein – besser als Resignation und Schweigen war.
Schließlich hatte sie mich vorgewarnt, weil Mad-Eye und Kingsley wohl bald ein Gespräch mit mir suchen würden und ihr schon einige Fragen über Snape und mich gestellt hatten.
Die Erinnerung an die letzte Begegnung mit Snape hatte unangenehme Fragen an die Oberfläche zurückgeholt. Tonks hatte ich erzählt, dass sich sicher alles bereinigen ließe. Was ich ihr nicht erzählte, war, dass mich nach wie vor Zweifel plagten, ob ich dem Orden tatsächlich mehr nützte als schadete. Möglicherweise war ein Werwolf am Rande der Gesellschaft besser aufgehoben.
Tonks hatte mich auch mit Fragen über Snape und unsere gegenseitige Feindschaft gelöchert. Leider hatte ich arge Schwierigkeiten gehabt, mich ihr zu öffnen. Es war bei ein paar vagen Andeutungen über die Rumtreiberzeit geblieben. Dabei war mir endgültig klar geworden, wie wenig stolz James, Sirius, Peter und ich auf unsere Taten sein konnten.
Tonks war meine Zurückhaltung natürlich nicht verborgen geblieben. Aber sie hatte die Fragerei danach aufgegeben, wofür ich ihr sehr dankbar war.
Und so waren wir schließlich wieder bei Sirius gelandet.
„Danke, dass du ihn dazu überredet hast, sich bei mir zu entschuldigen", hatte Tonks gesagt. Beim Sprechen hatte sie offenbar unbewusst an der fransigen Armlehne des Sessels herumgezupft. „ Auch wenn er es wohl nicht wirklich ernst gemeint hat. Er ist so ein ichbezogener Schönling! Genau wie Venustus..."
Ich hatte mir die Frage nach der Identität dieses Venustus' gespart und stattdessen gemeint: „Sirius war seine Freiheit immer schon wichtiger als alles Andere – mit Ausnahme vielleicht von James. Für ihn ist es einfach normal, von Frauen bewundert zu werden. Ich glaube, er merkt gar nicht, wie verletzend er sich manchmal verhält. Aber er meint es nicht böse. Da bin ich mir sicher."
„Tja..." Tonks Blick war in die Ferne gerichtet, als sie an ihrem mittlerweile lauwarmen Tee nippte. Ich erinnerte mich daran, dass sie traurig ausgesehen hatte, fast zerbrechlich. Ob sie schon oft auf diese Weise verletzt worden war?
Doch dann hatte sie plötzlich gelächelt (was mir bedeutend besser gefiel) und gefragt: „Wie bei Merlins Unterhose bist du eigentlich auf diese Kochkursgeschichte gekommen?"
„Oh, die Idee hatte, glaube ich...mein Magen", hatte ich stockend erwidert. Tonks' Grinsen hatte sich in ein Lacheln verwandelt, in das ich, erst zögerlich, dann lauthals, eingefallen war, und das hatte extrem gut getan.
Mittlerweile war es dunkel und kalt geworden. Ich apparierte nach Hause.
***
Kurz vor den Feiertagen stand ein Ordenstreffen an. Mundungus hatte uns berichtet, dass Harry eine illegale Gruppe gegründet hatte, um sich zusammen mit anderen Schülern auf den Kampf gegen Voldemort vorzubereiten, was ihnen Umbridge verbat. Sirius war unglaublich stolz auf seinen Patensohn. Ich für meinen Teil machte mir etwas Sorgen, kam aber auch nicht umhin, meine ehemaligen Schüler zu bewundern.
Darüber hinaus ging es um Voldemort, dem es noch immer nicht gelungen war, in die Mysteriumsabteilung einzudringen. Laut Dumbledore würde er äußerst vorsichtig vorgehen. Wir sollten damit rechnen, dass er irgendwen – oder irgendwas – zum Spähen vorausschicken würde.
Das waren beunruhigende Nachrichten. Noch ein weiteres Problem beschäftigte mich: Ich hatte es bisher nicht übers Herz gebracht, meinem Rücktrittsgedanken Taten folgen zu lassen. Auf der einen Seite wollte ich Dumbledore nicht im Stich lassen, auf der anderen gingen mir Snapes Worte einfach nicht aus dem Kopf. Die Anderen schienen jedenfalls nichts von meiner inneren Zerrissenheit zu ahnen. Breitwillig berichtete mir ein etwas gepflegt wirkender Sirius über seine scheinbar geglückte Entschuldigung bei Tonks. Seltsamerweise hatte er aber erst auf meine Nachfrage den Mund aufgemacht.
„Sie hat mir aus der Hand gefressen", grinste er. Just in diesem Moment betrat Tonks das Wohnzimmer, in dem wir uns aufhielten. Mit dem Blick, dem sie Sirius zuwarf, hätte sie eine Horde Zentauren verjagen können.
Tatzes Lächeln erlosch. Etwas nervös gab er zu: „Oh, na ja. Vielleicht ist sie doch noch nicht ganz drüber weg. Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben und bin im Krankenhaus extra im Hawaiihemd aufgetaucht-"
„Moment mal, Sirius", unterbrach ich ihn leicht schockiert. „Du hast Dumbledores Anweisung missachtet und bist im Epidaurus-Pflegeheim gewesen? Im Hawaiihemd?! Offen gestanden weiß ich nicht, was schlimmer ist."
Verunsichert blickte Sirius mich an. „War das etwa keine lustige Idee?"
Ich schüttelte den Kopf. Dieser Mann löste in mir manchmal den Drang aus, meinen Kopf gegen etwas Hartes zu schlagen.
Vertraute Stimmen im Flur verrieten uns, das Kingsley und Mad-Eye ebenfalls eingetroffen waren.
„Lupin! Wie schön, dass du dich vor lauter Arbeit auch mal wieder blicken lässt", begrüßte letzterer mich, als er durch die Tür humpelte. Wie ein Schatten tauchte die große Gestalt Kingsleys hinter ihm auf.
„Wir müssen nach dem Treffen mit dir sprechen", sagte er. „Snape ist auch da."
„In Ordnung", entgegnete ich. Im Hintergrund sah ich Tonks mit ein paar Teetassen hantieren – und dabei etwas von deren Inhalt verschütten. Als sie Kingsleys Worte vernahm, warf sie mir einen raschen Blick zu. Ich bildete mir ein, Wachsamkeit und vielleicht etwas Besorgnis darin aufblitzen zu sehen.
Nach dem Treffen wartete ich im Wohnzimmer auf Kingsley und Mad-Eye.
Der Konflikt mit Snape lag nun schon einige Wochen zurück. Wir hatten in der Zwischenzeit kaum Kontakt gehabt. Als er schließlich grießgrämig wie eh und je das Zimmer betrat, kam es mir aber vor, als wären seit unserem letzten Aufeinandertreffen lediglich Augenblicke vergangen.
Snape und ich...Es wäre besser gewesen, ich hätte mich nie von ihm provozieren lassen. Noch mehr wünschte ich mir, dass zwischen uns nicht diese unerfreuliche Vergangenheit beständen hätte. Vielleicht hätten wir dann heute an einem Tisch sitzen können, ohne uns in einer Tour misstrauisch zu beäugen.
Doch die Realität sah leider ganz anders aus, was ein entspannteres Verhältnis zu Snape schwer möglich machte. Während bei mir die Narben äußerlich für jedermann sichtbar waren, lagen sie bei ihm sehr viel tiefer unter der Oberfläche. Und da er nie verziehen hatte, legte er mir gegenüber wie gewöhnlich den Charme eines Knallrümpfigen Kröters an den Tag.
„Es wundert mich ja, dass du immer noch im Orden bist, Lupin. Ich dachte, du besäßest etwas mehr Rückgrat als deine Freunde. Aber anscheinend ist dem nicht so...Warum hat dich der Sprechende Hut eigentlich nach Gryffindor gesteckt? Ach, ich vergaß..." Theatralisch schlug sich Snape mit der Handfläche gegen die Stirn. „Nur Dummköpfe kommen in dieses Haus. Stimmt ja!"
„Vielleicht sollten wir uns etwas mehr Mühe geben, ein zivilisiertes Gespräch miteinander zu führen, Severus", sagte ich beklommen.
Snapes Augen wurden schmal. „So zivilisiert wie beim letzten Mal, meinst du? Du kannst von Glück reden, dass Dumbledore noch immer das Gute in dir sieht. Obwohl ich ihm versichert habe, dass du ein gefährlicher und unberechenbarer Werwolf bist, bestand er darauf, dass wir miteinander reden."
„Vermutlich hast du bei deiner Version des Geschehens ausgelassen, dass du dich vorher an meinem Denkarium vergriffen und den Wolfsbanntrank trotz Dumbledores ausdrücklicher Mahnung manipuliert hast? Severus, sei lieber froh, dass ich nicht den Mund aufgemacht habe", erwiderte ich. Wütend setzte Snape zu einer Antwort an, doch in diesem Moment betraten Kingsley, Mad-Eye, Tonks, Sirius und Mundungus den Raum.
„Gibt's jetzt noch 'nen Showdown?", fragte letzterer mit unverhohlener Neugier in der Stimme. Mad-Eye warf ihm einen bösen Blick zu. „So weit kommt's noch. Die beiden haben schon genug Ärger gemacht. Ihr zwei – setzt euch", forderte er uns mit einem Wink auf die ausladenen Sessel auf. Ich tat wie geheißen, Snape allerdings rührte sich kein Stück.
„Ich wüsste nicht, was ich falsch gemacht habe", sagte er leise und bedrohlich.
„Dann wäre es vielleicht an der Zeit, dass ihr erzählt, was sich an diesem Abend zugetragen hat", meinte Kingsley. „Wir wissen von Tonks und Sirius, dass ihr euch duellieren wolltet. Dumbledores Anweisung lautet jedoch, dass es zwischen den Ordensmitgliedern nicht zu Kämpfen-"
„Ich kenne die Regeln des Ordens!", fauchte Snape. „Wie ich schon mehrmals wiederholt habe, wollte Lupin mich angreifen! Wahrscheinlich ging einfach das Monster mit ihm durch."
Ich schloss einen Moment lang die Augen, atmete tief durch und dachte an den Anblick des glitzernden Schnees im Park.
„Das hast du in der Tat schon öfter behauptet. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Remus jemanden ohne triftigen Grund angreift", sagte Kingsley ruhig. Tonks bewegte sich, als wollte sie etwas einwerfen. Kingsley sah sie an und fuhr dann fort: „Remus, es ist wichtig, dass wir diese Sache endlich aus der Welt schaffen. Was ist wirklich vorgefallen?"
Viel zu viel, dachte ich und sagte: „Nun..."
Sollte ich Snape verraten? Besaß ich dazu überhaupt das Recht? Lag in seinen Vorwürfen nicht mehr als ein Funken Wahrheit?
„...ich...habe mir überlegt..."
Nach all der Plackerei der letzten Monate war ich entsetzlich müde. Meine Gedanken schweiften ab, hin zu den Werwölfen, denen ich begegnet war und die wie ein dunkleres Abbild meiner selbst gewirkt hatten. Vielleicht befand sich mein wahrer Platz ja bei ihnen. Oder im Epidaurus-Pflegeheim. Ich wollte gegen Voldemort kämpfen, aber war ich für meine Verbündeten mehr als eine Bedrohung? Ich wollte Dumbledore unterstützen, aber war ich fähig dazu?
Der Phönixorden bestand aus den mutigsten Hexen und Zauberern, die ich kannte. Aber ich konnte mich nicht in eine Reihe mit ihnen stellen. Ich war, wie Snape erkannt hatte, ein Feigling.
„...dass es vielleicht besser wäre, wenn ich aus dem Orden austrete."
Wie nicht anders zu vermuten war, zeigten diese Worte Wirkung. Sirius zog scharf die Luft ein, Kingsley sah mich betroffen an, Mad-Eye stützte sein Kinn auf dem Gehstock ab und schien angestrengt zu überlegen. Ich musste nicht erst den Kopf zur Seite drehen, um zu wissen, dass Snape lächelte.
Selbstzweifel überfielen mich, so starke wie nie zuvor. Ich blickte zu Boden und sagte: „Lasst mich bitte erklären..."
„Nein!", fiel mir da eine aufgebrachte Stimme ins Wort. Mein Blick wanderte nach oben und begegnete Tonks' zornig funkelndem Augenpaar.
„Es wäre überhaupt nicht besser",erregte sie sich. „Ganz im Gegenteil würde es dem Orden schaden! Und ich verstehe ganz und gar nicht", richtete sie nun mit anschwellender Stimme das Wort an Kingsley und Mad-Eye, „dass ihr ihn so in die Mangel nimmt. Soll Remus büßen, nur weil er einmal fast die Beherrschung verloren hat? Er ist doch auch bloß ein Mensch! Und ein wertvolles Ordensmitglied. Also wenn das 'ne Frage war, ob du austreten sollst", sagte sie nun wieder an mich gewandt, „dann heißt die Antwort: Ich bin dagegen."
„Ich bin auch dagegen", warf Sirius ein. Tonks ignorierte ihn. Ihre dunkelblauen Augen waren ausschließlich auf mich gerichtet.
„Aber...ich bin als Werwolf viel zu gefährlich", sagte ich leise. „Und dass ich fast ein Mitglied angegriffen habe, ist der beste Beweis dafür."
„Glaubst du, ich hätte mir nicht auch Gedanken darüber gemacht, ob ich hier richtig bin?", gab sie zurück. „Aber du hast mich wieder aufgebaut und ich verstehe nicht, warum du nicht selbst an deine Worte glaubst."
Kingsley räusperte sich. „Tonks hat Recht. Jeder hier im Raum, mit Ausnahme von Snape, hält zu dir, Remus."
Sirius stimmte ihm zu und Mundungus nickte eifrig. Selbst Mad-Eye knurrte: „Lächerlicher Gedanke. Was ist nur mit euch allen los? Wir brauchen dich, Lupin, so sehr wie jeden hier. Werwolf hin oder her."
„Wenn keiner von euch darüber reden will, was passiert ist, werden wir das akzeptieren", fuhr Kingsley fort. Offensichtlich taten sie jetzt alles, um mich von meinem Entschluss abzubringen. „Aber wir müssen um des Ordens willen sicher stellen, dass so etwas nicht nochmal vorkommt. Deshalb solltet ihr euch beieinander entschuldigen."
Das Vertrauen meiner Freunde berührte mich. Auch wenn ich ganz und gar kein Verlangen danach hatte, mich bei Snape zu entschuldigen, blieb mir wohl keine Wahl. Ich stand auf, ging zu Snape und streckte ihm die Hand entgegegen.
„Also Severus, ich bitte hiermit auch im Namen der übrigen Rumtreiber um Verzeihung für alles, was wir dir damals angetan haben. Außerdem hoffe ich, dass du mir vergibst, dass ich dich mit einem sehr schmerzhaften Fluch belegen wollte."
Snape schaute zunächst auf meine Hand und dann in meine Augen. Widerwillen zeichnete sich in seinem Gesicht ab.
„Es wäre klüger, wenn du jetzt auch was sagst, du falscher Hund", knurrte Mad-Eye. „Schätze, es war dein Wunsch, Lupin aus dem Orden zu kicken, was?"
Snape presste die Lippen zusammen. „Tut mir leid", stieß er nach einigen Sekunden hervor. Dann rauschte er Richtung Tür, drehte sich vor dem Hinausgehen jedoch noch einmal um und blaffte: „Wenn ihr es wirklich wissen wollt: Es war meine Schuld, nicht seine. Ich habe ihn provoziert und gedemütigt. Er wollte lediglich Black verteidigen und..." Er nickte abfällig ins Tonks' Richtung, „...das neueste Mitglied seines Fanclubs."
***
Einige Zeit später, als ich zu Hause in meinem warmen Bett lag, konnte ich vor lauter Grübeln über diesen bemerkenswerten Abend nicht einschlafen.
Es war kaum zu glauben, dass Snape sich nicht nur entschuldigt, sondern auch noch seine Schuld an dem ganzen Debakel zwischen uns zugegeben hatte.
Ich wusste nach wie vor nicht, ob ich im Orden bleiben sollte. Doch die Unterstützung durch meine Freunde hatte mir neuen Mut verpasst. Egal, was passierte, sie würden auf meiner Seite stehen.
Wenn ich ganz ehrlich war, hätte ich es auch kaum verkraften können, dem Phönixorden den Rücken zu kehren. Vielleicht hatte Dr. Earhart ja Recht und ich sollte in Zukunft mehr auf meine Bedürfnisse achten.
Da war zum Beispiel Tonks. Ich hatte sie ermutigt, und sie hatte mich verteidigt. Wir hatten uns gegenseitig geholfen. Wie sich unser Verhältnis auch immer entwickeln würde; die Zeit der bloßen Verbündeten schien vorbei zu sein.
Und ich sah darin etwas Positives.
Doch schon kurz darauf erreichte uns eine schreckliche Nachricht, die mich alles Andere vorerst vergessen ließ.
++
Tonks
Eigentlich war es überaus faszinierend, dass es dieses Jahr gerade in London schon so viel Schnee gegeben hatte. Im Ordensquartier, genauer gesagt auf einem gemütlichen schwarzen Sofa in einem der gemütlichen, in schwarz gehaltenen Wohnzimmer im düsteren und überaus gemütlichen Hause der Blacks, spielte das allerdings keine Rolle. Aber warum fand ich alles so gemütlich? Ach ja, richtig: Es war später Freitagabend, mein letzter Arbeitstag vor Weihnachten war vorbei. Das letzte große Ordenstreffen hatten wir auch erst einmal hinter uns gebracht, Remus blieb im Orden und die allgemeine Stimmung hatte sich deutlich gebessert. Und Weihnachtsgeschenke… hatte ich eigentlich auch schon alle. Na ja, zumindest ein paar. Wenige. Ich saß mit einer Tasse Schokocappuccino und einem entspannten Werwolf, der seinerseits eine dampfende Tasse in der Hand hielt, vor einem flackernden Kaminfeuer und hatte mit diesem lieben Menschen eine ausgesprochen sinnvolle Diskussion darüber, welche Art von Kaffee die einzig vernünftige zu trinken sei.
„Ich sage dir, liebe Tonks", alberte Remus, „wenn du mir nicht meinen ersten und ziemlich heißen Schokocappuccino auf meine Hose geschüttet hättest, die ich zu meinem Bewerbungsgespräch anziehen wollte" – er machte eine eindrucksvolle Pause, hob bedeutungsvoll den Löffel und blickte mich tadelnd an – „dann" – eine weitere eindrucksvolle Pause, die ich dazu nutzte, die Augen zu verdrehen – „wäre über Schokocappuccino noch nachzudenken gewesen. Im Falle eines solchen Schicksalsschlages aber kann ich mich mit diesem Getränk nicht anfreunden."
„Pah", erwiderte ich, „du intoleranter Kaffeefaschist! Nur, weil du ein arroganter und von deiner Überlegenheit überzeugter Zauberer bist, siehst du es als unter deiner Würde an, löslichen Schokocappuccino zu trinken, der durch Fabrikarbeit und nicht von Zauberern hergestellt wurde!"
„Kaffeefaschist?!" Remus kippte schwungvoll den letzten Schluck des Heißgetränks in seinen weit geöffneten Werfwolfsrachen und stellte die Tasse ab. „Na und? Ich stehe dazu. So wenig Toleranz, wie die Zaubererwelt für mich und meinesgleichen übrig hat, scheint es mir nur gerechtfertigt, in wenigstens einem Punkt kompromisslos zu sein und Kaffee einzig und allein mit Milch zu trinken. Nur bezüglich der Gründe dieser Kompromisslosigkeit muss ich dir widersprechen – ginge es nur um die Verbundenheit mit Muggeln, so würde ich schon aus Prinzip nur löslichen Kaffee trinken. Doch manchmal ist Geschmack doch wichtiger als Ideologie…" Er zuckte schicksalsergeben mit den Schultern. Ich kicherte. Offensichtlich war er ausgesprochen gut gelaunt und zu Scherzen aufgelegt. Seine Arbeit schien ihm gut zu tun. Plötzlich fiel mir ein, dass Snape mich als neuestes Mitglied seines Fanclubs bezeichnet hatte. Bei dem Gedanken musste ich schon wieder kichern. Andererseits hatte Snape damit auch auf seine etwas unangenehme Art Menschenkenntnis bewiesen: Wie so viele Ordensmitglieder hatte ich in den vergangenen Wochen Remus' zuverlässige, liebe und hilfsbereite Art sehr zu schätzen gelernt – vielleicht sogar noch mehr als andere, denn durch die Geschichte mit Sirius war sie noch viel deutlicher zu Tage getreten.
„A propos Bewerbungsgespräch – läuft es weiterhin gut auf der Arbeit?", wollte ich wissen und nahm ebenfalls meinen letzten Schluck. Remus' Gesicht strahlte noch mehr, wenn das überhaupt noch möglich war.
„Oh ja! Und – das habe ich noch gar keinem erzählt – am 27. kann ich die Earhart auf einen Ärztekongress begleiten. Das hat mich wirklich überrascht, denn ich habe ja noch nicht viel Erfahrung, und außerdem war sie Werwölfen gegenüber schon eher skeptisch… und abends gibt es auch noch einen Empfang."
Die wunderbare Nähe, die eigentlich zwischen Remus und mir bestanden hatte, war plötzlich verschwunden. An ihre Stelle trat eine merkwürdige Distanz. Die Heiterkeit war wie weggewischt. Ich lehnte mich zurück und fühlte mich meilenweit entfernt von ihm und der ganzen Situation.
„Tonks?"
Was war denn los mit mir?
„Ist dir nicht gut?"
Es war doch toll für Remus, dass er auf der Arbeit gut ankam und sich so prima mit seiner Chefin verstand.
„Nein, keine Sorge", sagte ich mit hohler Stimme. „Da geht wohl der Pfleger mit dir durch." Ich versuchte ein herzliches Lächeln. Etwas zu spät, um authentisch zu wirken, fügte ich ein leises „Herzlichen Glückwunsch" hinzu.
Remus schaute mich vollkommen verwirrt an. Er verstand gar nichts. Und ich verstand es, ehrlich gesagt, selbst nicht. Das konnte ja wohl nicht sein.
„Ähm, na ja…", fuhr Remus zögerlich fort, „was ich eigentlich fragen wollte -"
Mit einem lauten Knall flog die Tür auf und krachte mit der Innenseite an die Wand. Ausgerechnet Sirius stürzte in den Raum. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als im Erdboden zu versinken – bis ich hörte, was er sagte: „Leute, Nachricht von Dumbledore. Arthur wurde angegriffen, gerade eben, in der Mysteriumsabteilung!"
Wie auf Kommando sprangen wir auf.
„Was ist passiert?", fragte Remus. Ich bewunderte, wie ruhig seine Stimme klang.
Sirius lehnte sich atemlos zurück, offensichtlich war er mehrere Treppen hinuntergerannt. „Die Schlange hat ihn angegriffen. Er ist wohl ziemlich übel zugerichtet. Dumbledore hat die Porträts über der Mysteriumsabteilung gebeten, Radau zu machen, damit ihn jemand findet, sonst verblutet er…"
„Mein Gott…" Ich blickte Sirius hilflos an. „Können wir nichts tun? Natürlich! Wir müssen los, ihn ins Krankenhaus bringen, Remus muss dahin, du kannst doch sowas jetzt!" Ich packte Remus an der Hand und wollte ihn zum Kamin ziehen.
„Tonks, hör auf!" Sirius hielt mich am Oberarm zurück. „Bleib vernünftig! Wenn wir jetzt alle da aufkreuzen, dann können wir das mit dem geheimen Orden gleich lassen! Und die Todesser wissen auch, wer zu uns gehört. Wir können jetzt nicht den Plan zunichte machen!"
Ich wand mich aus seinem Griff und stolperte zurück, trat versehentlich Remus heftig auf den Fuß, der vor Schmerz aufjaulte, stolperte und zurück aufs Sofa fiel und ich – da ich ihn immer noch an der Hand hielt – mit. Ich spürte schmerzhaft seinen Ellenbogen in meiner Seite, während er ruckartig seine Hand, die ich ihm beim Sturz verdreht hatte, aus meinem Griff zog. Unbeeindruckt stand ich wieder auf und keifte los: „Und wer soll das gesagt haben? Dumbledore? Seit wann bist du so ein Kameradenschwein, Sirius? Sollen wir Arthur verbluten lassen, nur damit der Plan, der eh zu nichts führt, nicht gefährdet wird? Was sollen wir denn für ein toller Orden sein, die Guten, wenn wir Arthur jetzt im Stich lassen?! Komm, Remus!"
Ich blickte ihn auffordernd an, ich hatte fast das Gefühl, meine Augen würden gleich aus meinem Kopf direkt in seine hüpfen und mit mir zerren. Steh auf, verdammt, dachte ich, steh auf…
Remus legte mir vorsichtig seine Hand auf den Arm. „Beruhige dich, Tonks, wir dürfen nichts überstürzen. Du hast keine Erfahrung mit solchen Situationen. Denk doch an deine Aurorenausbildung zurück, das dürfte nicht so lange her sein." Erschöpft vom vorherigen Ausbruch fiel ich zurück aufs Sofa. Eine Grundregel, die man in der Ausbildung ständig eingetrichtert bekam. Irgendwie hatte ich mir das in einer realen Situation nicht so schwierig vorgestellt. Aber jetzt kannte ich Remus' Frage schon, bevor er sie ausgesprochen hatte: „Sirius, was weißt du noch? Wie lange kann es dauern, bis jemand den Alarm bemerkt? Und wie hat Dumbledore davon erfahren?"
Sirius setzte sich auf den Sessel gegenüber. „Das Ministerium ist auch nachts sehr gut gesichert, sodass Arthur vielleicht schon jetzt in dieser Sekunde entdeckt wird", sagte Sirius mit mühsam beherrschter Stimme. „Es kann in keinem Fall lange dauern, sagte Dumbledore, sodass es wirklich nutzlos wäre, jetzt ins Ministerium zu stürzen, vor allem, da wir wirklich nicht wissen, wer von Voldemorts Leuten sich da noch so rumtreibt. Da haben die offiziellen Ministeriumsangestellten gerade bessere Chancen, denn vor denen hält Voldemort sich ja noch geheim."
Das stimmte natürlich, aber was, wenn Voldemort gerade diesen Zeitpunkt gewählt hatte, um seine Rückkehr zu offenbaren? Dann wären alle dort im Ministerium in noch viel größerer Gefahr und Arthur fast sicher verloren. Und außerdem… wussten die Todesser ja nicht, dass ich zum Orden gehörte, das war doch einer meiner großen Vorteile. Vielleicht wollte es ja der Zufall, dass ich gerade heute Bereitschaft hatte? Das Feuer im Kamin flackerte hoch und daneben stand ein einladend eine Dose mit Flohpulver. Auf meinem Arm spürte ich Remus' Hand. Ich blieb sitzen und sah ins Feuer. Meine Überlegungen waren nur vernünftig. Und Remus ging mit seiner Chefin auf einen schicken Empfang. Mein Entschluss stand fast.
„Und erfahren hat Dumbledore es von Harry", fuhr Sirius mit brechender Stimme fort. „Harry hat es geträumt."
Ich blickte auf. Noch nie hatte ich einen Menschen so besorgt gesehen. Remus neben mir zog scharf die Luft ein und hielt plötzlich fest meine Hand. Ich drückte sie beruhigend. Ich spürte, dass angesichts dieser Sache eigentlich keine der persönlichen Verwicklungen eine Rolle spielte. Sirius tat mir unheimlich leid. Ich wusste genau, welche Gedanken uns allen gerade panisch durch den Kopf gingen. War Harry vielleicht besessen? Was gab es zwischen ihm und Voldemort für eine Verbindung? War er also eine Gefahr für den Orden und Dumbledores Misstrauen tatsächlich gerechtfertigt? Was hatte das alles zu bedeuten?
„Ähm…", räusperte sich Sirius nach einer Weile. „Harry und Weasley-Kinder kommen gleich hierher. Was mit Molly ist, weiß ich nicht. Moony…"
„Ja, Tatze?" Remus lächelte seinem besten Freund aufmunternd zu. Ich fragte mich, wie er dafür gerade noch die Kraft aufbrachte.
„Willst du Tonks nach Hause bringen?" Er sah mich an. „Sorry, Tonks, aber ich glaube, zu viele Leute sind hier gerade echt nicht so angesagt. Über Weihnachten bist du natürlich herzlich eingeladen, aber lass die alle erstmal ankommen. Ich meine, ihr Vater…"
Ich schluckte. Natürlich. Die anderen waren irgendwie näher betroffen und ich zu sehr Außenstehende, um gerade irgendwie hilfreich sein zu können.
„Klar", sagte ich mit belegter Stimme, „aber gebt mir bescheid, wenn ihr wisst, ob Arthur… also wenn es Neuigkeiten gibt."
Ich stand auf und drückte Sirius freundschaftlich die Hand. „Mach dir nicht zu viele Sorgen um Harry, es ist im Moment eh nicht zu ändern", sagte ich leise. Remus erhob sich ebenfalls. „Du brauchst auch nicht mitzukommen, danke", sagte ich. Die Frage, was denn sonst Dr. Earhart dazu sagen würde, verkniff ich mir lieber.
Remus klopfte Sirius einmal freundschaftlich auf die Schulter. „Bis gleich", flüsterte er, und zu mir: „Natürlich komme ich mit. Ich… wollte dich vorhin eigentlich eh noch etwas fragen."
Sirius hatte unsere Grüße vollkommen emotionslos entgegengenommen und schaute weiterhin krank vor Sorge ins Leere, aber ich blickte Remus überrascht an. „Kannst du das nicht auch hier tun?", wollte ich etwas ungeduldig wissen.
„Nein", erwiderte Remus kurz angebunden und marschierte zur Tür hinaus, sodass mir nichts anderes übrigblieb, als ihm zu folgen. Es schneite immer noch sanft und in großen Flocken, als wir zur Tür hinaustraten, und fast gleichzeitig apparierten wir vor das Wohnhaus, in dem ich mein kleines Zuhause hatte. Das Ploppen war das einzige zu vernehmende Geräusch, alle anderen wurden vom Schneetreiben gedämpft. Die furchtbaren Neuigkeiten und unsere Anspannung standen im Gegensatz zu dieser vorweihnachtlichen Atmosphäre, die jetzt, mitten in der Nacht, nicht mehr durch kitschige Weihnachtsbeleuchtungen gestört wurde, sondern nur aus Ruhe, Schnee und im Licht der Straßenlaternen glitzernden Zweigen bestand. So ganz ging diese wundervolle Atmosphäre nicht an uns vorbei…
„Tonks?"
Ich wendete meinen Blick von den Schönheiten der winterlichen Straße ab und schaute ihn an. Das Licht der Laterne spiegelte sich in Remus' Wolfsaugen wider, der Rest seines Gesichts verschwand im Schatten.
„Ja?"
„Ähm… also wegen dem Kongress und diesem Empfang…"
Ich schloss entnervt die Augen.
„… zum Empfang dürfen eben auch Leute, die nicht in Medizin oder Pflege arbeiten, wenn sie Gäste der Kongressteilnehmer sind…"
Ich machte die Augen blitzschnell wieder auf. Das Wolfsgrau blinkte mir schüchtern entgegen.
„… und ich wollte dich fragen, ob du vielleicht mit mir dorthin kommen möchtest – also nur, wenn das dann vom Orden und deinen eigenen Plänen her geht und mal sehen, wie das mit Arthur wird und überhaupt…" Remus wurde mit jedem Wort schneller, bis seine Rede versiegte. Ich lächelte. Ich grinste. Ich strahlte.
„Ich komme gern mit, Remus", jubilierte ich fast. „Lieb, dass du fragst."
Leider konnte ich sein Gesicht immer noch nicht wirklich erkennen und er meines vermutlich auch nicht. Einen Moment standen wir schweigend da, beide ein bisschen überrascht von unserer eigenen Courage. Bedeutete das jetzt etwas? Oder nicht? Wenn ich nur sein Gesicht sehen könnte…
„Ich appariere mal wieder zurück an den Grimmauldplatz", sagte Remus schließlich. „Ich halte dich auf dem Laufenden."
„Danke", nickte ich. „Bis bald."
