IX
„St. Barts, heute 23:00. Testresultate. MH"
„Welche Testresultate? Bin noch mit einem Fall beschäftigt. SH"
„Unser 'Heimprojekt', Idiot! Frühtest, zwecks weiterer Planung. Komm, wenn möglich. MH"
Molly seufzte nur. So wie es aussah, würde sie heute abend allein im Labor herausfinden dürfen, ob sie vor knapp zwei Wochen erfolgreich gewesen waren oder nicht. Sie fühle sich nicht besonders anders als sonst vor ihrer Menstruation. Ihr Busen spannte, sie fühlte sich aufgeschwemmt und hatte das Verlangen nach Süßigkeiten. Neu allerdings war das Ziehen im Unterleib. Sie kannte nur die Unterleibskrämpfe an den ersten beiden Tagen ihres Zykluses zur Genüge.
Ihr 'Heimprojekt' war zu allererst auf seinem Mist gewachsen, sie war nur darauf eingegangen, weil sich damit ihr Wunsch nach einem Kind erfüllen würde. Und sogar von dem Mann, der auf der Liste potentieller Väter trotz all seiner Splens, den ersten Platz eingenommen hatte in dem Moment, als er vor einigen Jahren zum ersten Mal in ihre Leichenhalle geplatzt war und im Auftrag von Scotland Yard eine bestimmte Leiche hatte sehen wollen.
Sherlock hatte seit ihrer ersten Begegnung viel über soziale Kompetenz gelernt, mehrheitlich Dank Dr. John Watson, aber er war fernab dem, was gemeinhin als „normal" galt. Aber „normal" war nichts für Molly. Und „normal" war laut Sherlock, und Molly konnte ihm nur beipflichten, langweilig.
Sie würde sich heute abend, wenn die Friedhofsschicht begann, Blut abnehmen, um ihre Beta-HCG-Menge zu messen. Das war zu diesem frühen Zeitpunkt sicherer als ein Urintest. Zuverlässiger.
23:00
Kein Sherlock Holmes.
23:12
Immer noch kein Consultant Detective. Molly sparte sich die obligatorische SMS an Mr. Holmes. Wenn er immer noch an seinem Fall war, brachte diese Ablenkung eh nichts. Er würde nicht mal antworten.
23:47
„Habe den Test gemacht. Bin bis 6:15 im St. Barts, falls du das Interesse aufbringen kannst."
Als Molly um halb sieben Uhr morgends das Krankenhaus verließ, war es noch stockdunkel und eisig kalt draußen. Sherlock Holmes wartete auf sie. Frierend, im Mantel mit Schal und Handschuhen. In der einen Hand ein Pappträgertablett mit zwei dampfenden Bechern.
„Du bist spät. 6:15 stand in deiner SMS." Das klang nahezu vorwurfsvoll.
„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Sherlock", antwortete Molly und lächelte ihn an. Mit einem gefakten Lächeln. Sie war müde und wollte umgehend ins Bett. Das Auftauchen Sherlock Holmes bedeutete im Minimum einen Aufschub ihrer Nachtruhe von zwei Stunden. Zum Glück hatte sie nun zwei freie Tage vor sich.
„Weißt du, du hättest auch reingehen können, dann hättest du nicht frieren müssen."
Sherlock ging nicht darauf ein, sondern hielt ihr einen Becher hin.
„Grüner Tee. Da ich nicht wusste, wie das Testresultat ausgefallen ist."
Sein Blick war fragend. Molly gönnte sich erst mal einen Schluck. Sie hasste grünen Tee. Aber die Brühe war zumindest warm.
„Danke, bring mir in Zukunft aber besser Kakao mit, ja? Ich mag grünen Tee nicht."
„Oh, ok,...uhm, heißt das...?"
„Mein HCG-Wert ist erhöht...ja."
Sherlock schien noch blaser zu werden, ein vorsichtiges Lächeln schummelte sich in sein Gesicht. Und da es bis zu den Augen reichte, wusste Molly, dass es ein ehrliches Lächeln war.
Das sollte es auch besser sein...
„Aber bevor du jetzt anfängst,...", sie trank einen weiteren Schluck Tee, „wir sollten abwarten, bis ich wirklich Schwangerschaftsanzeichen zeige und ich mit meinem Gynäkologen gesprochen habe und er die Schwangerschaft bestätigt hat. Wenn du willst, darfst du mich begleiten. Und danach,... nun, ich muss eigentlich bald meinen Mietvertrag erneuern, aber das kann ich mir ja wohl nun sparen, nicht wahr? Nun, du kannst danach Mrs. Hudson vorschlagen, dass sie mich als Mieterin annimmt, und schließlich..."
„...die Schwangerschaft bekannt geben."
Trotz seiner offensichtlichen Freude, die er erst gar nicht zu verbergen versuchte und es auch gar nicht erst wollte, wusste Sherlock Holmes, dass mit der freudigen Nachricht einige Komplikationen ins Haus standen.
John
Johns 'Freude' wird gewiss durch einen sehr überschwenglichen Gefühlausbruch begleitet. Wahrscheinlich durch einen Faustschlag ins Gesicht oder in die unteren delikaten Regionen.
Mary
Beoachte sie genau, insbesondere ihre Hände. Sie sollten keine Waffen aka Pistole, Schwert, Kuchengabel, Buch oder überhaupt etwas halten, wenn sie davon erfährt. Als ehemalige Attentäterin, Agentin, oder was auch immer sie war, ist ALLES eine potentielle Waffe. Wenn sie mich getötet und verscharrt hat, wahrscheinlich mit Johns Hilfe, wird sie Molly bemuttern und betüddeln und Mutterschaftstipps geben.
Mrs Hudson
Keine potentielle Gefahr, außer dass sie Molly eine Diabetis verpasst und auch sonst 24/7 mit Essen terrorisiert.
Mycroft
Nun,...schneidende Kommentare bis an mein Lebensende, oder das Seine. Immerhin wird mich Mummy nun nicht mehr mit dem Enkelthema behelligen, definitiv sind das Mycrofts Kommentare wert! Außerdem ist er bereits mißtrauisch..., er sagte, ETWASsei anders. Der Eismann und die Jungfrau...tja...jetzt nur noch der Eismann.
Mummy und Dad
Ich bin so gut wie tot, wenn sie von Mollys und meiner Vereinbarung hören. Dann werden sie sich freuen, ihr Enkelkind total verwöhnen, mich komplett enterben und Molly an Kindes statt annehmen.
Lestrade
Ein Bier im Pub, also ein Zeitaufwand von maximal 10 Minuten, sollte alles klären.
Anderson
Ich kann sein „Ich wusste es!" schon jetzt hören. Dringend von Molly, Mummy und besonders dem Baby fernhalten.
Sally Donovan
Frauen, ALLE Frauen, haben Mutterinstinkte, oder? Irgendwo? Ganz tief drinnen...?
„Ich bringe dich nachhause, Molly, du brauchst Schlaf", meinte er schließlich und hielt nach einem Taxi Ausschau.
„Sherlock, die Tube ist schneller, kommst du?", sie lief an ihm vorbei in Richtung Untergrundstation und er folgte ihr sogleich. Er würde Molly im übermüdeten Zustand erst recht nicht allein mit der Tube fahren lassen.
Während Molly duschte, um die Gerüche des Todes los zu werden, durchsuchte Sherlock ihre Küche nach einem adäquaten Ersatz für Kaffee, fand allerdings keinen und gab es dann auf. Nicht aber ohne zuvor ihre sämtlichen Kaffeevorräte im Müll zu entsorgen. Außerdem filzte er ihren Kühlschrank.
„Was zum Teufel...!", Mollys fluchen ließ Sherlock hinter der Kühlschranktür hervorlugen. Er hatte diverse Lebensmittel auf die Anrichte gestellt, die er zuvor dem Kühlschrank entnommen hatte.
„Du solltest rohe Wurst- und Fleischwaren nicht mehr essen, außerdem...", verteidigte er sich sofort kleinlaut.
Molly seufzte: „Wie viele Bücher über Schwangerschaft und das ganze Drumherum hast du schon gelesen?"
„Keines. Internetrecherche. Ich bin auf 7 Foren angemeldet. Meinst du, dass sind zu wenige?"
Eines muss ich ihm lassen. Er macht keine halben Sachen. Und er scheint sich in der Tat mit der Thematik auseinander gesetzt zu haben.
„Ich denke, ein Forum reicht. Du musst es nicht gleich wieder übertreiben."
Ich rede sowieso gegen eine Wand.
Kurz darauf zog sich Molly in ihr Schlafzimmer zurück. Sie war zu müde, um noch großartig mit Sherlock zu diskutieren, was nun weiter zu tun sei, und glücklicherweise schien dieser dies auch zu verstehen. Er hielt sie nicht auf und machte auch keine Anstalten, sie weiterhin wachhalten zu wollen.
Gähnend sank sie in die Kissen und war in wenigen Sekunden eingeschlafen.
Sherlock Holmes überlegte währendessen, ob es so eine gute Idee wäre, sie allein zu lassen. Gut, sie schlief, aber wenn sie wieder wach würde, wollte sie vielleicht mit ihm über die weitere Zukunft reden. Außerdem,...
TESCO und Sherlock Holmes.
Sainsbury und Sherlock Holmes.
Sherlock Holmes betrat beide Lebensmittelläden nur in äußersten Notfällen. Früher hatte John die Einkäufe erledigt oder Mrs. Hudson. Nun bestellte er in der Regel bei Amazon oder Mrs. Hudson erbot sich, seinen Kühlschrank mit dem Nötigsten auf zu füllen.
Allerdings war Mrs. Hudson im Moment zu Besuch bei ihrer Schwester und Amazon war nicht schnell genug, auch nicht mit dem Prime-Versand, so dass er sich überwand und in den nächsten TESCO ging, der zum Glück nur wenige Häuser weiter lag und mehr bot als die kleineren Expressläden. Da es noch sehr früh am morgen war, war der Laden relativ leer, so dass er in Ruhe die Gänge hinauf- und herunter tigern konnte, ohne Gefahr zu laufen, andere Kunden ernsthaft zu verschrecken.
Hm...Schwangere brauchen Vitamine..., Obst!
Er suchte ein paar Äpfel, Bananen und Mandarinen zusammen und griff noch nach einer Mango. In der Kühltheke wanderten Joghurt und Milch in den Korb, später noch Vollkorntoast, Früchtetee und Saft. Da er nicht wusste, wann Schwangere begannen, Gelüste nach Süßigkeiten zu verspüren und er nun mal sicher gehen wollte, wanderten auch noch mehrere Tafeln Schokolade zu seinen Einkäufen.
Vollbepackt erreichte er dann kurz darauf Mollys Wohnung. Da er einen Schlüssel besaß, den sie ihm irgendwann einmal gegeben hatte im Laufe seines zweijährigen Hiatus, und sie somit nicht herausklingeln musste, um Einlass gewährt zu bekommen, unterblieb auch das Knacken ihres Türschlosses. Nach dem Auspacken und Wegräumen versackte er dann auf ihrem unbequemen Sofa. Eigentlich wollte er nur einen Moment platz nehmen und in seinen Gedankenpalast abtauchen, um das Neue zu verarbeiten, aber bevor er dazu kam, war er bereits eingeschlafen.
Auch Sherlock Holmes brauchte Schlaf, insbesondere nach einem Fall, der eine sieben auf seiner Skala gewesen war und ihn 3 Tage ohne Schlaf hatte wach bleiben lassen.
