Kapitel 9
Es regnete. Das war so selten in Los Angeles. Man hätte glauben können, er starre deshalb seit Stunden reglos aus dem Fenster. Aber Sharon vermutete, dass er den Regen gar nicht wahrnahm.
Vorsichtig legte sie ihm eine Hand auf die Schulter.
„Du solltest etwas essen, Andy. Du hast den ganzen Tag noch nichts gehabt."
Er reagierte gar nicht wirklich, nur ein leichtes Kopfschütteln. Sie seufzte und drehte sich zur Küche um. Das Tablett mit den Sandwiches in der Hand ging sie hinüber zum Tisch und platzierte es darauf. Dann stellte sie sich direkt vor Andy und stemmte die Hände in die Hüften. Es dauerte einige Sekunden, aber schließlich sah er verwirrt zu ihr auf. Sie hob eine Augenbraue und schaute ihn erwartungsvoll an. Andy seufzte und senkte den Blick wieder.
„Sharon, bitte. Lass mich einfach einen Moment. Ich möchte nichts essen."
„Oh nein, nein, nein. So nicht. Ich kann verstehen, dass du dir Sorgen machst und ich habe dir deshalb auch schon etwas Zeit für dich gelassen. Aber jetzt ist Schluss. Ich werde dir bestimmt nicht dabei zusehen, wie du dich selbst kaputt machst damit. Damit hilfst du niemandem, erst recht nicht Nick."
Mit großen Augen sah Andy seine Freundin an. Ungewöhnlich für sie war sie am Ende regelrecht laut geworden. Ihr Ton war streng und bestimmt. Sie ließ ihm keine Optionen.
Mit einem genervten Seufzer packte Sharon Andy an den Oberarmen und zog ihn hoch von seinem Stuhl. Sie führte ihn hinüber zum Tisch und setzte ihn dort auf einen anderen. Dann stellte sie einen Teller mit einem Sandwich vor ihn hin und setzte sich gegenüber.
„So, bitteschön. Guten Appetit."
Überrascht sah Andy Sharon dabei zu, wie sie begann, ihr eigenes Sandwich zu essen. Da wurde ihm bewusst, dass sie recht hatte. Er war schließlich nicht allein. Er hatte sie, seine wunderbare, wunderschöne Sharon. Sie würde ihn nicht fallen lassen.
Er lächelte leicht, als er in sein Sandwich biss.
Auch Sharon hatte ein leichtes, aber zufriedenes Lächeln auf den Lippen.
…
„Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Er geht nicht an sein Telefon, egal wer ihn anruft."
Frustriert schlug Andy mit der Faust gegen die Wand.
„Hey, hey. Andy."
Sharon lief zu ihm und nahm behutsam sein Gesicht in ihre Hände.
„Wir kriegen das hin. Nick kommt noch zur Vernunft. Und dieses Monster finden wir auch. Ganz sicher."
Sie sah ihm tief in die Augen und war froh zu erkennen, wie er ruhiger wurde. Vorsichtig griff sie nach seiner Hand. Sie war etwas geschwollen und gerötet. Liebevoll presste sie ihre Lippen auf die wunden Knöchel.
„Komm, du musst ein bisschen schlafen. Du warst schon die ganze letzte Nacht wach. Wenn dein Team oder Dr Morales irgendetwas haben, kriegst du auf der Stelle bescheid."
Langsam zog sie ihn hinüber zum Bett und Andy folgte ihr stumm. Er legte sich neben sie, schloss die Arme um sie und schaltete das Licht aus. Er starrte noch einige Minuten in die Dunkelheit, während Sharons Atmung flacher und gleichmäßiger wurde.
Er hatte damit gerechnet, nicht einschlafen zu können, jetzt, wo seine Tochter im Krankenhaus lag und sein Sohn womöglich in Gefahr war. Aber Sharon strahlte eine Wärme und Ruhe aus, das gab ihm Geborgenheit.
Als seine Augenlider sich langsam schlossen, wusste er genau, warum er diese Frau so liebte.
…
„Hallo Sharon!"
Seine Stimme war kalt, schneidend, wie das Messer, das er ihr entgegen streckte. Sharons Hände zitterten, ihr Mund war trocken.
„Hallo Sharon."
Er wiederholte es immer und immer wieder. Dabei verzogen sich die harten, hässlichen Narben in seinem Gesicht zu einem bizarren Muster. Sharon wollte ihn nicht weiter anstarren, aber irgendetwas zog sie zu ihm.
Er kam immer näher. Sie konnte immer mehr Narben erkennen. Seine Zähne hoben sich leuchtend weiß von seinem Gesicht ab, als er zu lächeln begann.
Sharon wehrte sich, sie wehrte sich mit Händen und Füßen, aber das Messer kam immer näher und näher.
„Das ist dein Ende, Sharon."
„NEEEIIN!"
Sharon saß kerzengerade im Bett, sie schwitzte und ihr liefen Tränen über die Wangen. Sie atmete schwer und blickte angsterfüllt umher.
Andy war völlig perplex. Sie hatte im Schlaf angefangen, sich zu bewegen. Hände und Füße hatte sie ihm in die Rippen gerammt. Er hatte versucht, sie zu wecken, aber sie war wie in Trance.
Dann war da dieser herzzerreißende Schrei. Es war grauenvoll.
Andy erwachte aus seiner eigenen Schockstarre und schloss die Arme fest um Sharon.
„Schsch… Ganz ruhig, Sharon. Es war nur ein Traum. Alles wird gut. Du bist hier. Ich bin bei dir."
Sie zitterte unkontrolliert und vergrub ihr Gesicht schluchzend in seinem Hals.
„Es war nur ein Traum."
Während er dies sagte, wusste er ganz genau, dass es eine Lüge war.
