Disclaimer: Siehe Kapitel 1
Nach dem letzten zugegebener Maßen kurzen Kapitel hoffe ich, diesmal eher ein langes Kapitel geschrieben zu haben ;).
Kapitel 9: Halteverbot!
Mireille saß auf dem Beifahrersitz und sah Kirika zu, wie sie den großen Wagen aus dem Wald heraus lenkte und auf die Landstraße fuhr. In der kurzen Zeit hatte Kirika schnell gelernt und war nun nicht mehr ganz so unsicher, wie sie zu Beginn der Fahrt gewesen war. Beruhigt, dass ihre Partnerin die Situation unter Kontrolle hatte, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Mehr zu sich als tatsächlich zu Kirika flüsterte sie „Danke, Kirika...". Das liebevolle Lächeln auf Kirikas Gesicht sah sie schon nicht mehr.
Der Mann bedrängte sie und als sie sich wehren wollte, schlug er ihr ein paar Mal ins Gesicht. Sie spürte das warme Blut in ihrem Mund und wie es aus ihrem Mundwinkel herauslief, den harten Griff, der sie auf die Pritsche zwang und die warmen und feuchten Lippen, wie sie sich auf ihren Mund pressten. Sie sah, wie der blonde Mann ihre Bluse zerriss und ihr erneut ins Gesicht schlug. Und sie spürte, wie er ihre Beine auseinander drückte und den stechenden Schmerz, als er gewaltsam in sie eindrang...
Mit einem Schrei war Mireille hoch geschreckt. Panisch sah sie sich um und erst, als sie die Hand von Kirika auf der ihren spürte, die vom Steuer aus ihr immer wieder kurz besorgte Blick zuwarf, beruhigte sich ihr Pulsschlag. Beschämt blickte sie zu Boden. Wie konnte sie nur zulassen, dass dieser Mistkerl immer noch solche Macht über sie hatte! Und wie konnte sie Kirika den seelischen Schmerz zumuten, den sie auszustehen hatte? Erneut spürte sie kurz Kirikas Hand, die sich ihr um ihre Finger schlossen und sie kurz drückten. Dann nahm Kirika wieder beide Hände ans Steuer. Doch Mireille hatte verstanden, was ihre Retterin hatte sagen wollen: ‚Ich bin für dich da.' Dankbar sah sie Kirika an. Diese bemerkte den Blick und errötete leicht...
Die Nacht war herein gebrochen, als Kirika in einem kleinen Dorf vor einem Landhof hielt und den Wagen abstellte. Seit Kirika Mireille gerettet hatte, war kein Wort über die Lippen der Korsin gekommen und Kirika spürte, wie sehr Mireille mitgenommen war von den Strapazen der letzten Tage. Es war höchste Zeit, dass die Korsin ein warmes Bett bekam und sich einmal so richtig ausschlafen konnte. „Warte hier, Mireille. Ich werde fragen, ob ein Zimmer frei ist, einverstanden?" Die Reaktion der blonden Frau ließ etwas auf sich warten, doch schließlich nickte Mireille nur kurz. Kirika nickte freundlich zurück, verließ den Wagen und begab sich vom Parkplatz zum Eingang des Gasthofs.
Nur kurze Zeit später waren Kirika und Mireille auf dem Weg auf ihr Zimmer im ersten Stock des Landgasthofs...
Die Polizeistreife fuhr langsam die Hauptstraße entlang. Es war schon spät in der Nacht und der Tag war für die beiden Gendarme alles andere als unterhaltsam gewesen. Der Fahrer des Wagens, ein junger Mann um die 25, mit aschblondem Haar, das ihm in Strähnchen ins Gesicht fiel, achtete nur auf die Straße und sein einziger Gedanke drehte sich nur noch um sein warmes Bett daheim. Daher bemerkte er auch nicht gleich den schwarzen Jeep, der für die Gegend auffällig war und zudem im Halteverbot stand. Doch sein Kollege, ein älterer und diensterfahrenerer Mann als er, schon mit grauem Haar, hieß ihn anhalten. „Junge, wo hast du denn deine Augen? Dieser Wagen hier... Mal abgesehen davon, dass er im Halteverbot steht... Der scheint gestohlen zu sein, meinst du nicht auch?" Der Fahrer des Wagens lenkte das Auto an den Straßenrand, hinter den großen schwarzen Jeep, der in der Tat gestohlen war. Der ältere Mann griff nach dem Funkgerät: „Hier Streifenwagen Null Eins Sieben. Haben hier ein verdächtiges Fahrzeug. Erbitten Überprüfung der Autonummer." Nachdem der Polizist das Kennzeichen durchgegeben hatte, musste er einen Moment warten. Dann ertönte auf der Gegenseite die Stimme des Sachbearbeiters. „Glückwunsch, Kollege. Da ist ihnen einer ins Netz gegangen. Der Wagen ist seit gestern als gestohlen gemeldet. Dem Besitzer habe ich schon Bescheid gegeben. Verstärkung ist auf dem Weg. Bitte halten sie ihre Position. Over and out." Mit einem Knistern wurde die Leitung still. Der ältere der beiden Männer legte das Funkgerät zurück. „Verdammt! Dabei wollte ich dringend ins Bett. Warum müssen wir die Position halten? Die wissen doch, wo sie den Wagen finden..." Der Blonde antwortete gelassen: „Nun ja... Wie es aussieht, brauchen die auch keinen Aufpasser, dass der Fahrer plötzlich abfährt und wir ihn verlieren." Er wies auf das Gasthaus. „Der schläft schon." Sein Kollege grinste. „Junge, du gefällst mir! Komm, lass' uns fahren. Ich will ins Bett!"
Jean Marceaus Gesicht bot ein wahrhaft teuflisches Bild, als er Kiku die Position der Flüchtigen durchgab. Gerade eben hatte ein Mann der französischen Verkehrswacht ihn angerufen und den Verbleib seines Fahrzeugs bekannt gegeben. Ja, es hatte sich als lohnend erwießen, den Wagen als gestohlen zu melden. Früher oder später hatte er ja auffallen müssen. Nachdem er das Handy zugeklappt hatte, schlug er die Hände zusammen. Es war an der Zeit, die letzten lästigen Insekten zu zerquetschen!
Kikus Puls schlug schneller, als sie das Gaspedal ihres Wagens durchtrat und das Auto beschleunigte. Der Tachometer zeigte bereits 140, doch die beinahe zerbrechlich wirkende Killerin liebte den Temporausch. Und die Jagd! Denn nun hatten sie endlich eine heiße Spur. Und so wie es aussah, verharrte das Opfer nichtsahnend an der Stelle. Die Autobahn schoss unter ihr dahin...
Kirika sah Mireille beim Schlafen zu. Die Korsin hatte sich nach ihrer Ankunft auf dem Zimmer einfach aufs Bett fallen lassen und war sofort eingeschlafen. Kirika hatte sie danach noch entkleidet und zugedeckt. Nun besah sie sich das friedlich wirkende Gesicht der Schlafenden. Doch die Jüngere der beiden war sich wohl bewusst, dass hinter der Fassade ein innerer Kampf tobte. Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl und ging zum Fenster. Die Vorhänge hatte sie gleich nach dem Betreten des Raumes vorsorglich geschlossen, ein Reflex, der tief in ihr verwurzelt war. Nun schob sie leicht mit der Hand den Vorhang beiseite und sah nach draußen. Alles schien ruhig und der Mond stand hoch am Himmel. ‚Bald gibt es Vollmond', dachte Kirika bei sich. Dann drehte sie sich um und kroch zu ihrer Freundin ins Bett. Der Schlaf übermannte sie schnell.
Mit Hilfe der Autobahn hatte Kiku den großen Abstand, der zwischen ihr und den beiden nichtsahnenden Opfern lag, stark schrumpfen lassen. Als sie an der Autobahnabfahrt auf Landstraße wechselte, dämmerte es bereits und der Osthimmel färbte sich rötlich. Es würde einen heißen, schwülen Tag geben. Wahrscheinlich würde es gewittern. Kiku hatte ein Gespür für Wetterumschwünge. Die Strecke zog sich durch hügeliges Land, an Feldern und Weinbergen vorbei. Kleine Ortschaften mit weißen Häusern und roten Dächern lagen an der Straße, doch Kiku achtete nicht darauf. Je näher sie dem Ziel kam, desto stärker pochte das Adrenalin in ihren Adern...
