Disclaimer: Wie immer. Ich verdiene kein Geld damit, geschweige dass die Charaktere mir gehören. Das Lied ist das Wanderlied der Hobbits. Stammt aus dem Herr der Ringe... Wen wundert es, dass auch das nicht mir gehört. Viel Spaß.
Kapitel 8
Abreise
Sanft wurde der mit köstlichem, aus Gondor eingeführten Wein gefüllte Kelch zurück auf die Tischplatte gestellt. Viel mehr rührte sich in diesem Moment nicht, als Aragorn und Thranduil bei Tisch saßen. Beide Könige hingen ihren intimsten Gedanken nach.
Es war kein unangenehmes Schweigen, dass in der Luft hing. Viel mehr schien es eine Übereinkunft zwischen den beiden Regenten zu sein, erst die Entwicklungen der letzten Stunden zu realisieren. Mit geübten Handgriffen holte Aragorn seine Pfeife hervor und stopfte sie mit bestem Kraut aus dem Auenland, in dessen Genuss er Dank Merry und Pippin nach zu langer Zeit endlich wieder kam. Leise paffend saß er Thranduil gegenüber, der aller Etikette zum Trotz, den Ellbogen auf die Tischkante stütze und sein Kinn darauf gelegt hatte, als würden seine Gedanken zu schwer sein, um sein Haupt aufrecht zu halten.
„Er ist Vater", es war keine Frage, kein Zweifel, den Thranduil aussprach, sondern lediglich eine resignierende Feststellung. Aragorn nahm noch einen tiefen Zug von seiner Pfeife, ohne zu antworten. Doch dazu kam er auch nicht, denn Thranduil sprach weiter: „Mit keinem Wort hatte er jemals eine Beziehung zu einer Menschenfrau erwähnt. Wie immer, war seine Familie kein großer Teil seines Lebens." Verbittert schüttelte der Elb seinen Kopf.
„Ich denke nicht, dass Legolas Euch damit vor den Kopf stoßen wollte. Ihr solltet Euch wegen seinem Verhalten nicht grämen. Auch seine Freunde, zu denen ich auch mich zähle, wussten nichts von dieser Frau. Geschweige denn von einem gemeinsamen Kind." Aragorn versuchte den König des Düsterwalds zu beschwichtigen. Immerhin wusste er um die Beziehung zwischen Vater und Sohn, und wollte nicht, dass Thranduil Legolas Vorwürfe machte.
Thranduil seufzte. Oft schien es ihm, als würden Legolas' Taten nur danach trachten, ihn zu triezen. Schon als er von der Freundschaft seines Sohnes zu einem Zwerg erfuhr, konnte er nicht glauben, dass dies Legolas' Ernst war.
Aragorn beobachtete den Elben aufmerksam. Von Legolas hatte er bereits des öfteren erfahren, wie sein Vater fälschlicher Weise über ihn dachte. Wie er dachte, dass es ihm Spaß machte, seinen Vater zur Weißglut zu treiben. Doch so wusste Gondors König auch, dass Legolas nichts anders wollte, als von seinem Vater so akzeptiert zu werden, wie er war, und sich nicht seinen Vorwürfen aussetzten zu müssen. Schweigend nahm er einen letzten Zug von seiner Pfeife.
„Wie geht es Eurer Frau, Aragorn?" Es war offensichtlich für den Angesprochenen, dass Thranduil nicht weiter über seinen Sohn reden wollte. Schlagartig fand sich in Aragorns Augen ein Strahlen wieder. Selbst ein Blinder hätte sehen können, wie sehr er Arwen liebte.
„Gut. Es geht ihr gut." Ein seliges Lächeln erleuchtete Aragorns Gesicht. „Ich freue mich darauf, sie wiederzusehen." Der Elbenkönig nickte verständnisvoll. In Momenten wie diesen, war er froh, bei seiner Familie bleiben zu können, und war stolz auf seine beiden Söhne, die das Risiko an seiner statt auf sich nahmen. Doch in ebenjenen Augenblicken wurde ihm auch oftmals gewahr, wie unfair er sich seinen Sprösslingen, allem voran jedoch Legolas, oft benahm. Seufzend erhob er sich von seinem Stuhl. „Ihr entschuldigt bitte, Aragorn. Auf meinem Schreibtisch häuft sich die Arbeit."
Aragorn nickte und Thranduil schritt zur Tür hinaus, sich auf den Weg in sein Arbeitszimmer begebend. Wahrlich zu viel Papierkram war in den vergangenen Tagen liegen geblieben.
Schweigend verweilte Aragorn weiter auf seinem Stuhl und sah durch das Fenster die Sonne hinter den Baumwipfeln untergehen. Langsam aber sich neigte sich der Tag dem Ende. Aragorn unterdrückte mühsam ein Gähnen. Auch wenn es der Waldläufer nicht laut aussprechen wollte, so spürte er doch langsam, dass auch er nicht mehr der Jüngste war. Zudem zog sich der heutige Tag bereits zu lange hin. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als sich in sein Bett einmurmeln zu können.
Doch vorher wollte er der Sonne noch beim Verschwinden zusehen. Auch in Gondor liebte er es, den Sonnenuntergang zu beobachten. Aragorn war von diesem Naturschauspiel völlig gefesselt, schreckte jedoch hoch, als die Tür knarrend geöffnet wurde.
Es war offensichtlich, dass er nicht mit Besuch gerechnet hatte, denn erschrocken war der ehemalige Waldläufer aufgesprungen und hatte dabei seinen Weinkelch umgeworfen, dessen kostbarer Inhalt nun die Tischdecke tränkte und von der Tischkante zu Boden tropfte, um dort eine kleine Pfütze zu bilden.
Aragorns Blick wanderte zur Tür, in dessen Angel Fulayor stand, und offensichtlich keinen Ton herausbrachte.
„Guten Abend, Fulayor. Du kannst mir gerne Gesellschaft leisten, nachdem mich dein Großvater so schändlich desertiert hat." Er zwinkerte dem Sohn seines Freundes aufmunternd zu, woraufhin dieser langsam den Raum betrat, und sich auf dem Sessel seines Großvaters niederließ.
Eine Weile saßen sie sich schweigend gegenüber, bis Fulayor unvermittelt „Danke!" sagte. Der Mensch blickte dem Elben in die blauen Augen. „Wofür?", wollte er wissen. Fulayor wandte seinen Blick ab. „Dafür, dass ihr Le-, meinen Vater überzeugt habt, mich mitzunehmen!"
Ein freundliches Lächeln zierte die Züge des Menschen. Keine Frage, Fulayor hatte Anstand. „Keine Ursache. Ich gebe zu, ich hatte den Hintergedanken, den Sohn eines guten Freundes kennen zu lernen." Wieder zwinkerte er dem Elben zu.
„Auch wenn dein Vater im Moment noch nicht in der Lage ist, seinen Aufgaben als Vater voll nachzukommen, so wird' sich dies sicher mit der Zeit geben. Ich kenne ihn nunmehr mein Leben lang, und habe auch in der Schlacht mit ihm gemeinsam Seite an Seite gekämpft, und kann dir versichern, er gibt selbst im Angesicht der größten Herausforderung nicht klein bei. Du wirst sehen, nicht lange und es ist, als würdet ihr euch ewig kennen."
Fulayor brachte angesichts dessen nur ein schwaches Lächeln zu Stande. Scheinbar desinteressiert pulte er an seinen Fingernägeln herum, während er von Aragorn aus wachsamen Augen beobachtet wurde.
„Wenn du mir eine Frage erlaubst, Fulayor, wo bist du aufgewachsen?" Aragorn blickte ihn mir ehrlichem Interesse an. Einen Moment schien der blonde Elb zu überlegen, bis er sich augenscheinlich zu einer Antwort durchgerungen hatte. „Ich weiß nicht, ob Ihr wisst, dass meine Mutter am Tage meiner Geburt starb, jedoch zog mich danach Thaddäus, der Onkel meiner Mutter, auf. Doch war dieser schon in einem hohen Alter, und starb als ich noch jung war. Danach nahm sich mein Onkel meiner an, bis ich erwachsen wurde. Ab diesem Zeitpunkt stand ich mehr oder weniger auf eigenen Beinen, blieb jedoch bei der Familie meiner Mutter."
Fulayor vermied bewusst die Bezeichnung ‚meine Familie'. Zwar war er bei seinen sterblichen Verwandten immer willkommen geheißen worden, doch sah er sie nie wirklich als seine Familie an und ebenso erging es ihm oftmals mit einem großen Teil seiner Verwandtschaft. Der König Gondors ging nicht weiter auf diese beiden Worte ein. Stattdessen wollte er ihr Gespräch auf ein unverfänglicheres Thema bringen.
„Du hast also lange in der Obhut der Menschen gelebt? Wie gefällt es die hier mitten zwischen deinesgleichen?" Fulayor druckste kurze Zeit herum. Noch hatte er nicht viele Eindrücke gewonnen, war er doch erst am Tage zuvor im Düsterwald angekommen, was er seinem Gesprächspartner auch sagte. „Es ist definitiv luxuriöser, als mein Leben zuvor, aber ich denke, ich könnte mich daran gewöhnen", meinte der Elb schließlich lächelnd.
Auch Aragorn schmunzelte. „Das will man doch meinen. Zumal der Düsterwald ein wunderbarer Ort ist. Bist du früh genug auf den Beinen, kannst du sehen, wie die Sonne im Morgenrot hinter den Baumwipfeln auftaucht und langsam ihren stetigen Weg geht."
„Welch poetische Worte aus dem Munde eines Menschen", zwinkerte Legolas seinem Freund zu, „wüsste ich nicht, dass sie von dir stammen, Aragorn, hätte manch einer sicher daran gezweifelt." Leise schloss der Elb die Tür, ebenso leise, wie er sie geöffnet hatte, hinter sich und ließ sich auf den letzten freien Sessel im Zimmer nieder.
Aragorn lachte leise. „Darf ich das als Kompliment auffassen?" Der ältere Elb nickte: „Darfst du, Aragorn, Arathornssohn." Jähe Erkenntnis blitzte in Fulayors Augen auf, von Legolas nicht unbemerkt.
„Hast du also Bekanntschaft mit deinem großen Vorbild gemacht?" Aragorn schmunzelte. Nicht wenige sahen in ihm einen Helden und ein Vorbild, doch dass es auch dem Sohn seines Freundes so ging, erheiterte den ehemaligen Waldläufer ungemein. Fulayor warf seinem Vater einen entrüsteten Blick zu. Musste er Gondors König brühwarm alles erzählen? Offensichtlich.
Der Blick des Elben wandte sich wieder dem Fenster zu. Von weitem her sah er Elladan und Elrohir miteinander sprechen. Wo die beiden sich finden ließen, konnten auch, dass hatte die Erfahrung gezeigt, Merry und Pippin nicht weit sein. Wiedereinmal bestätigte sich diese Theorie.
So schnell ihre kurzen Hobbitfüße sie trugen, rannten Merry und Pippin wie von Uruk-Hais verfolgt, hastige Blicke über die Schulter werfend auf ihre beiden Lieblingselben zu,
Elladan und Elrohir schwante nichts Gutes, wie die beiden so auf sie zustürmten. Ihr Schuldbewusstsein stand ihnen förmlich mit Tinte auf die Stirn geschrieben, als sie schwer atmend zu stehen kamen.
„Was habt ihr ausgefr-" Noch bevor Elladan seine Frage stellen konnte, gestand Pippin schnaufend: „Wollten-Ponys-füttern-aber-sind-aus-Box-ausgebüchst. Lassen-sich-nicht-fangen. Brauchen-Hilfe." Mehr mussten Elronds Söhne nicht hören. Anlass zur sorge hatten sie erst, würden sie Halblinge nichts anstellen.
Resignierend warf Elrohir seinem Bruder einen Blick zu. Es war klar, dass die Auenländer Hilfe benötigten. Alleine würden sie ihre Ponys Donner und Blitz nie wiedersehen. Die Tiere würden bis ans Ende ihres Lebens im Düsterwald verschollen bleiben.
„Na gut, wo sind sie euch entwischt?", wollten die Elben an Merry und Pippin gewandt wissen. „Danke. Kommt, wir zeigen euch wo. Die störrischen Viecher wollten nicht auf uns hören, als wir ihnen sagten, sie sollen hier blieben. Wir haben sie auch mit den besten Karotten gefüttert. Donner hätte beinahe ein Stück meines Fingers mitgefressen", ehrfürchtig hielt Pippin besagten Finger den Elben unter die Nase. So und in ähnlicher Form redeten die Halblinge auf ihre Vorbilder ein, schleppten sie hinter sich auf einem kleinen Waldweg her, bis sie auf einer saftigen Wiese stehen blieben.
Die Gräser waren hier hoch gewachsen und reichten den Hobbits bis zur Brust. Folglich verschwanden auch die Ponys beinahe darin. „Ich schnappe mir Blitz", sagte Elrohir und ging auf das, was von dem braungescheckten Vierbeiner noch zu sehen war, zu. Kaum hatte der Elb sich dem Pony auf zwei Meter genähert, hob es den Kopf und trabte außer Reichweite.
Auch Elladans Erfolg war eher bescheiden, denn auch Donner war geflüchtet. Merry und Pippin standen unterdies am Rande der Wiese und verfolgten mit bangen Gesichtern die Bemühungen der Elben. „Meinst du, sie werden sie erwischen, Merry?", wollte der Tuk'sche Hobbit wissen. Der Angesprochene versuchte möglichst zuversichtlich zu sein. „Sicher, Pip. Die beiden sind Elben!"
„Und Donner und Blitz sturer als irgendein anderes Wesen", schien Pippin trotz allem nicht überzeugt. Weiter verfolgten sie das Geschehen. „Lass uns besser alle Finger kreuzen." Der Hobbit tat, wie ihm geheißen. „Meinst du, es hilft, wenn ich auch die Zehen kreuze?" Merry starrte seinen Freund einige Momente sprachlos an, und schüttelte den Kopf über dessen Dummheit.
„Worauf haben wir uns hier nur eingelassen?", fragte Elladan seinen einzigen Bruder, schwer atmend. Egal wie sie das Problem angingen, es zeigte keine Früchte, sprich die beiden Ponys tricksten sie immer wieder aus. Kaum hatten die Elben sich ihnen genähert, trabten sie seelenruhig einige Meter weiter. Und wehe Elronds Söhne versuchten ihnen zu folgen. Man traute es den leicht rundlichen Ponys kaum zu, doch ihre Schnelligkeit war nicht zu unterschätzen. Kamen Elladan und Elrohir ihnen zu nahe, galoppierten sie, so schnell ihre kurzen Beine sie tragen mochten, davon.
Elladan blieb schnaufend stehen und stütze die Hand in die Hüfte. Wieder einmal verfluchte er es, dass beide Hobbits einen Narren an ihnen gefressen hatten. Es konnte doch nicht gerecht sein, dass Eomer und Aragorn es sich im Palast gemütlich machten. Seufzend startete er einen weiteren Versuch, Donner zu fangen.
Langsam näherte er sich dem schwarzen Pony. Leise redete er auf das vierbeinige Tier ein. „Ja, schön weiterfressen. Bleib stehen, bis ich dich habe. So bist du ein braves Pony. Ja." Tatsächlich blieb das Rapppony stehen. Vorsichtig streckte der Elb seinen rechten Arm aus, um Donner zu streicheln. Friedfertig, als könnte er kein Wässerchen trüben, fraß er weiter. Vollkommen überrascht streichelte der Elb weiter über den Hals des Tieres und blitzschnell bekam er den Schopf des überrumpelten Tieres zu fassen. Erleichtert atmete Elladan aus. Wenigstens einen der sturen Ausreißer hatten sie.
Auch Pippin schien erleichtert, und er klatschte Beifall. Ein Fehler, wie sich herausstellte.
Donner, vom plötzlichen Lärm erschrocken, stieg, riss den Elben der ihn geschnappt hatte mit sich und entwischte ihm wieder. Würden Elben die Fähigkeit besitzen, mit Blicken zu töten, hätte Merry seinem Freund schon ein Grab schaufeln müssen. Elladan blieb resigniert stehen und legte die linke Hand über die Augen. An Elrohir gewandt raunte er: „Denkst du, es würde auffallen, würde ich ihn einen Kopf kürzer machen?" Zur Beruhigung wurde ihm eine Hand auf den Rücken gelegt. „Ruhig. Tief ein- und wieder ausatmen. Er würde Entwasser trinken, und wieder wachsen", meinte Elrohir trocken, „Aber ich denke ich habe eine Idee, wie wir die beiden Ausreißer schneller schnappen können."
Die beiden Hobbits sahen das Geschwisterpaar tuscheln und bekamen, vor allem Pippin immer wieder Blicke zugeworfen. „Was denkst du, hecken sie aus?", flüsterte Pip mit angsterfüllter Miene. Merry wandre sich nur kurz um und zuckte ratlos mit den Schultern. „Noch bin ich nicht dazu im Stande, Gedanken zu lesen."
„Ist auch besser so", neckt Elrohir seinen Bruder, „sonst wüsste bald ganz Mittelerde, dass Elladan und Mirilya eine Schwäche füreinander haben, nicht wahr?" Man konnte es als Einbildung abtun, oder auch nicht, aber es schien, als zeigten Elladans Ohrspitzen eine leichte Rosafärbung. „Was wir jedoch eigentlich wollten: Ihr sollt uns einen großen Kübel Hafer und zwei Halfter beschaffen."
Mit ausdruckslosen Gesichtern blickten die beiden Auenländer zu Elronds Söhnen auf. „Äh... wie groß ist groß?", hinterfragte Merry ihren Auftrag. Beide Elben schmunzelten. Die Hobbits sahen zu ihnen auf, als wären sie Sauron, der Sklaventreiber höchstpersönlich. „Den größten Eimer, den ihr in Eryn Lasgalens Ställen findet. Randvoll gefüllt." Fast schien es, als wollten Merry und Pippin salutieren, als sie sich auf den Weg machten. Bald schon waren sie hinter den Bäumen verschwunden und die Elben ließen sich ins Gras sinken.
Sie hatten einige Minuten, bis die Hobbits zurückkehren würden. Warum dann nicht entspannen?
Einige Hundert Meter entfernt und zehn Minuten später sah Aragorn aus einem Schlossfenster. Legolas und Fulayor sahen ihn verwirrt an, als der Waldläufer scheinbar grundlos zu kichern begann. Ein Blich auf den Hof jedoch, ließ sie nicht an der Glaubwürdigkeit Aragorns zweifeln.
Es war auch ein komischer Anblick, wie zwei kleine Hobbits mit einem randvoll gefüllten Eimer, der den beiden weit bis über die Knie reichte mit sich schleppten. Wobei die Bezeichnung ziehen ebenfalls zutreffend wäre. So wurden die Auenländer von drei Personen dabei beobachtet, wie sie sich abmühten.
Einige Meter ging es immer gut, doch immer wieder verloren sie Hafer durch ihre holprige Transportierung. Sie hatten die Befehle ihrer Lieblingselben genauestens ausgeführt. Den größten Eimer hatten sie sich geschnappt. Nicht einen mittelgroßen, sondern den größten. Anschließend hatten sie ihn mit Hafer gefüllt. Laut scheppernd hatten sie den Kübel quer durch die Stallgasse hinter sich her gezogen, bis sie vor der Haferkiste gestanden hatten. Mehr als ein paar Schweißtropfen hatte es sie gekostet, den Eimer zu füllen.
Für jede Schaufel musste Pippin sich erneut über die Holzwand der Kiste lehnen, und mehr als einmal war er nahe daran gewesen, in die unendlichen weiten der Haferkiste zu fallen und auf nimmer wiedersehen zu verschwinden. Mittlerweile jedoch hatten sie den vollbeladenen Eimer unter belustigten Blicken bereits bis zum Waldrand gekarrt.
Es konnte also nur mehr besser werden. Es war nicht der erste Fluch, den Merry ausstieß, als Pippin ihm zum wiederholten Male den Eimer auf den Fuß stellte. Sein Freund konnte von Glück sagen, kam er wieder heil nach Hause.
Nach schier endloser Quälerei waren sie wieder an dem Ort, an dem ihr Martyrium mit den entlaufenen Ponys begonnen hatte. Donner und Blitz standen noch immer friedlich grasend mitten in der Wiese. Elladan und Elrohir blickten den beiden Hobbits schuldbewusst grinsend entgegen, als sie die bösen Mienen der sich abmühenden sahen.
Bereitwillig ließen sich die Kleinwüchsigen den Eimer von Elrohir abnehmen. „Wenn ihr uns jetzt sagt, dass ihr das Alles nicht braucht, und euch nur an Pip rächen wolltet, dann Gnade euch Gott!" Die Elben konnten wahrlich behaupten, sie hätten Merry noch nie so wütend gesehen. „Elladan, darf ich bitten?", meinte sein Bruder galant. Jener ließ sich nicht lange auffordern, sondern schnappte sich eine Hand voll Hafer und ging damit auf das schwarze Pony zu. Sobald dieses entdeckt hatte, was es zu fressen gab, kam es sofort freudig angelaufen.
„Ich nehme an, die Halfter habt ihr vergessen?", sagte der Ponyfänger. „Eigentlich hättet ihr daran denken können, sie mit Futter herzulocken. Immerhin denken sie sicher genauso oft daran, sich den Bauch voll zu schlagen, wie ihr beide." Froh ihre Tiere wiederzuhaben, entgegneten Merry und Pippin nichts.
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Ein stechender Schmerz durchzuckte ihren Körper, als sie mit den Fingern über ihre aufgerissenen Lippen fuhr. Ihr rechtes Auge wies eine nicht zu übersehende Schwellung auf. Hier hatte der Ork sie getroffen, als er Informationen aus ihr herausprügeln wollte. Doch nicht nur ihr Gesicht war übersäht mit Schnittwunden, Kratzern und blauen Flecken, auch ihre Arme und Beine sahen so aus.
Welche Farbe ihre Kleidung einst hatte, konnte man auch nicht mehr ansatzweise erkennen, so in Mitleidenschaft war sie gezogen worden. Nirvanya atmete durch ihren geöffneten Mund. Es dürstete sie nach etwas Trinkbarem. Es war zu lange her, seit sie ausreichend getrunken hatte. In diesen Kerkern konnte sie froh sein, wenn man ihr überhaupt zu essen brachte, was bis dato erst zwei Mal der Fall war.
Doch schien sie wichtig genug, um am Leben gehallten zu werden, auch wenn die Elbe weder sagen konnte, warum, noch konnte sie ihren Kerkermeistern mit Informationen dienen. Meist wusste sie nicht, worüber die Orks und anderen Kreaturen redeten.
Noch immer war ihre linke Hand angekettet. Als hätte sie aus eigener Kraft flüchten können. Konnte sie doch von Glück reden, stand sie aufrecht auf beiden Beinen ohne einzuknicken. Auch ihr rechter Knöchel schmerzte mit jeder geringsten Belastung. Selbst im schwummrigen Licht des Kerkers sah sie die leicht violette Verfärbung und Schwellung ihres Fußes. Stöhnen ließ Nirvanya den Kopf gegen die Wand sinken. Sie hatte sich damit abgefunden in diesem Drecksloch festzusitzen. Was hätte sie auch anderes tun sollen. Sie konnte es ohnehin nicht verhindern, geschweige denn, etwas an ihrem Zustand ändern.
Flüchten war, so schien es ihr, unmöglich. Ihre kleine modrige Zelle wurde, davon ging die Elbe aus, von einem Ork bewacht. Wenn sie überhaupt die Tür aufgebracht hätte. Diese war aus Metall und sah äußerst schwer aus, wie also hätte sie flüchten sollen, fragte sie sich zum scheinbar tausendsten Mal.
Sie konnte also nur die Zeit totschlagen, und darauf hoffen, dass es ihren Liebsten gut ging. Am meisten sorgte sie sich um Eridan, ihren treuen Gefährten. War er den Orks zum Opfer gefallen?
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Die morgendliche Geschäftigkeit war nichts gegen die Hektik, die am Morgen des Tages des Aufbruchs in und um den Palast herrschte. Die Gefährten waren von all dem noch am unbeteiligtsten. Stillschweigend machten sie sich für den Aufbruch bereit. Die Pferde mussten gesattelt, Gepäck verstaut, Freunde und Familie verabschiedet werden, vor der offiziellen Verabschiedung durch Thranduil.
"Versprecht mir, dass ihr wohlbehalten und in einem Stück wieder kommt, ja?" Maryolwen schloss ihre beiden Söhne in die Arme. Beiden nahm sie dieses Versprechen ab. Fulayor stand etwas unsicher im Hintergrund, während Thranduil, seine Frau, Mirilya und Aslyn auf ihre beiden Männer einredeten.
Maryolwen streckte den Arm aus, und bedeutete ihrem Enkelsohn näher zu kommen. „Und dass ihr mir schön auf Fulayor aufpasst. Immerhin haben euer Vater und ich ihn noch gar nicht richtig kennen lernen können. Ich werde immer nahezu verrückt vor Angst, wenn einer von ihnen in den Krieg zieht", fügte sie an Legolas' Sohn gewandt hinzu.
Maryolwen entsprach seinem typischen Bild einer elbischen Großmutter. Herzlich, freundlich und besorgt um die ganze Familie. Vielleicht würde er sich hier wirklich wohlfühlen und integrieren, einen Neubeginn starten können.
Gimli indies stand etwas abseits und verabschiedete sich von seiner Frau. Zwerge waren nicht geboren, um große Gefühle zu zeigen, aber es war auch einem Außenstehenden klar, dass der Zwerg seine Frau vermissen würde, und umgekehrt.
Die anderen Gefährten warteten unterdessen mehr oder weniger geduldig und die Pferde, zehn waren es an der Zahl, wurden gesattelt. Unbeeindruckt ließen sie die Stallburschen an den Schnallen ihrer Zaumzeuge und Sättel, Decken und Gepäcktaschen mäkeln, bis alles an seinem angedachten Platz saß.
Einzig und alleine Merry und Pippin hatten Mühe, auf den Rücken ihrer Ponys zu kommen. Immer wieder wichen Donner und Blitz zur Seite aus. Offensichtlich hatten sie am Tage zuvor zu viel Hafer bekommen, was die beiden dafür verantwortlichen Elben mit einem entschuldigenden Grinsen zur Kenntnis nahmen. Beide saßen bereits auf ihren lammfrommen Vierbeinern, und alles wartete nur mehr auf die Auenländer.
Die Halblinge wischten sich den Schweiß von der Stirn, als sie mehr oder weniger wohlbehalten auf den Ponys saßen. Beruhigend streichelte Pippin über den Hals des kleinen, etwas dickbäuchigen Rappen.
Einzig Eomer blieb noch einige Tage im Düsterwald um gemeinsam mit Eryn Lasgalens Heer zum Sammelpunkt zu reiten. Dort würde er für die Strukturierung der Heere verantwortlich sein, bis seine Freunde wieder zu ihm stoßen, und der weitere Plan besprochen werden würde.
„Pippin!", rief Elladan leise, „Pip!" Verdutzt sah der Hobbit von seinem Zügelwirrwarr hoch und sah den Elb mit der Hand über den Mund wischen. Unverständnis war auf dem Gesicht des Hobbits zu lesen. „Du hast dort noch Marmelade kleben", lachte der Elb, als König Thranduil mit einem Räuspern zur Ruhe rief.
Der Elbenkönig breitete die Hände vor den vor ihm versammelten Gefährten und seiner Gefolgschaft aus und erhob seine Stimme. „Es freut mich heute hier vor euch zu sprechen, auch wenn der Anlass nicht der freudigste ist. Stellvertretend für alle Völker und Reiche Mittelerdes wünsche ich euch viel Glück auf eurer Reise, auf dass ihr, und dass Heer, dass in einigen Tagen zum Sammelpunkt aufbricht, wohlbehalten wiederkommt."
Die Reisenden neigten demütig ihre Häupter und wendeten ihre Pferde um vom Platz zu reiten in ein weiteres Abenteuer. Die Hufe der Pferde klapperten über den Pflastersteinweg, der in den Wald führte und in einen schmalen Trampelpfad überging. Schon nach kurzer Zeit konnten sie nur noch hintereinander reiten.
„Legolas, könntest du bitte deine Pfeile nicht in anders positionieren und nicht in mein Gesicht halten? Auch wenn wir Zwerge sehr robust sind, ist es auch für uns nicht angenehm etwaige spitze Gegenstände im Gesicht zu haben!" Schmunzelnd leistete Legolas der Bitte des hinter ihm am Pferd sitzenden Zwergs Folge.
Und wieder verlief der weitere Weg mit Ausnahme des gelegentlichen Schnaubens der Pferde schweigend.
Merry und Pippin dachten an ihre Abreise aus dem Auenland zurück. Wie lange sie ihrem geliebten Heimatland wohl fernbleiben würden? Wann würden sie den Brandyweinfluss wiedersehen? Wieder über Bauer Magots Felder laufen und Gemüse klauen? Sam und seine Familie wiedersehen?
„Pip! Pippin! Wo bist du Narr von einem Tuk?" Schwer atmend lief Peregrin durch die Haustür hinaus in den Garten. Sam wartete schon ungeduldig auf seinen Freund. „Warum-hetzt-du-mich-so-Sam?" Der Angesprochene grinste breit. Das war sein Pippin, wie er leibte und lebte. Das Hemd hing ihm aus der Hose und die Haare fielen ihm verstrubbelt ins Gesicht.
Sam grinste, als Merry auf seinem kleinen Pony, Pippins am Zügel, herangeritten kam und fragte: „Ist er fertig?" Die kleine Elanor, Sams Tochter, sprang auf ihren ‚Onkel' Merry zu. Sam und seine Familie war gekommen um sich von den beiden Weltenbummlern zu verabschieden. Wusste Eru, wann sie wieder miteinander Unsinn treiben konnten.
„Weißt du Merry, wir haben unser Bestes gegeben, aber du kennst Pip. Ihm ist oft nicht mehr zu helfen." Rosie duckte sich vorsichtshalber hinter ihrem Mann, aber Pippin schien nichts zu tun. „Komm, Merry, lass uns hier wegreiten. Das brauchen wir uns nicht bieten zu lassen! Wir haben im Ringkrieg gekämpft! Sie werden schon noch sehen, wo sie bleiben, wenn uns etwas passiert!"
Trotzig rümpfte er die Nase, und nahm Merry die Zügel seines Rappponys aus der Hand. Erhaben schwang er sich auf den –für Hobbitverhältnisse- breiten Rücken des Tieres. Alle Anwesenden schüttelten den Kopf über ihren Lieblingstuk. „Das Auenland wird still sein, ohne euch beide", meinte Sam betreten. Ihm war offensichtlich nicht wohl dabei, seine beiden Freunde zu verabschieden, nachdem ihn auch schon Frodo verlassen hatte. Am liebsten wäre der Hobbit wohl selbst mitgeritten, doch hatte er Familie, auf die er Rücksicht zu nehmen hatte.
„Passt auf euch auf, und wehe ihr kommt nicht in einem Stück wieder." Rosie legte einen Arm um ihren Mann. Sie wusste, dass sie und ihre gemeinsames Kind der Grund dafür war, warum er blieb. „Wer sonst kann Sam so in den Wahnsinn treiben wie ihr beide."
Merry und Pippin salutierten. „Stets zu Diensten." Sie hatten sich am Abend zuvor mehr als genug, und auch feucht-fröhlich von ihren Freunden verabschiedet. Nur die Familie Gamdschie wusste, wohin sie reisten. Alle anderen auenländischen Hobbits hielten sie für verrückt. ‚Das muss der schlechte Einfluss von Bilbo und Frodo Beutlin sein', munkelten einige.
Ein fröhliches Lied auf den Lippen, ritten sie durch das Tor, auf die Straße. Mit jedem Schritt entfernten sie sich weiter von ihrer Heimat. Dieses Mal wussten sie, was auf sie zukam. Als sie in den Ringkrieg zogen, hatten sie nicht einen blassen Schimmer davon. Aber sie waren zurückkehrt.
„Äh, Merry?", sagte Pippin. "Ja?" „Meinst du, wir können noch mal zurückreiten? Ich habe mein Schwert vergessen. Außerdem brauchen wir sicherlich mehr Proviant!" Merry drehte die Augen gen Himmel und gab sich geschlagen.
Etliche Zeit später waren sie wieder an ihrem Wendepunkt angekommen. „Hast du auch wirklich alles, Pip? Deinen Verstand?", fragte Merry seinen Freund zynisch. „Ich denke ja, aber ich weiß nicht, ob ich jemals Verstand hatte", sprachs und begann zu singen.
Im Herd das Feuer leuchtet rot,
Im Hause warten Bett und Brot;
Die Füße sind noch nicht so wund,
Dass nicht ums Eck ein seltner Fund
Noch lockt, ein Baum, ein schroffer Stein,
Den niemand sah als wir allein.
Baum und Blüte, Laub und Gras,
War es das? War es das?
Unterm Himmel Berg und See,
Geh nur, geh! Geh nur, geh!
Hinter der nächsten Biegung gleich
Ein Tor führt ins geheime Reich,
Und gehn wir heute dran vorbei,
Steht morgen dieser Weg uns frei:
Der fremde, der verborgne Pfad,
Der bald der Sonn', dem Mond bald naht.
Apfel, Dorn und Nuss und Schlehn,
Wiedersehn! Wiedersehn!
Tal und Teich und Sumpf und Wüst',
Seid gegrüßt! Seid gegrüßt!
Die Heimat schrumpft, die Welt wird groß,
Mit tausend Pfaden schrankenlos,
Durch Dämmerung zum Rand der Nacht,
Bis alle Sterne sind entfacht.
Dann umgekehrt, und geradeaus
Geht's heim ins warme Bett und Haus.
Nebel, Schatten, Wolkenwand,
Sei verbannt! Sei verbannt!
Herd und Lampe, Brot und Fett,
Und dann zu Bett! Und dann zu Bett!
Auch Merry und Aragorn hatten nun in seinen Gesang eingestimmt. Pippin konnte sich nicht helfen, aber für ihn war es kein Aufbruch, ohne dieses Lied. Und die Welt wurde groß.
Kapitel 8 Ende
