Kapitel 09 – Neuseeland
In den nächsten zwei Wochen bekam Hermine die beiden Männer kaum zu Gesicht. Sie wachte auf, nachdem sie das Haus bereits für ihr Training verlassen hatten, aß allein Frühstück und ging dann zur Arbeit. Sie arbeitete ihre normalen Stunden ab und verbrachte anschließend vier oder fünf zusätzliche Stunden in der Ministeriumsbücherei, um an ihrer Aufgabe zu arbeiten. Dann kehrte sie zum Edge zurück, wo Essen für sie übrig gelassen worden war. Harry und Draco schliefen entweder schon oder waren draußen, wo, wusste sie nicht. Sie sah Draco nur ein Mal in den zwei Wochen.
Am zweiten Freitag hatte Hermine einen unerwarteten Besucher an ihrem Schreibtisch im Aurorenbüro.
„Guten Tag, Miss Granger", sagte eine freundliche Stimme mit irischem Akzent. Hermine sah von ihrer Arbeit auf, die Stirn noch gerunzelt von dem, was sie gerade gelesen hatte.
„Seamus! Hallo, wie geht's dir?", erkundigte sie sich, immer noch etwas abgelenkt.
„Mit geht's ganz gut, danke. Also, was hältst du von der Sache mit Harry? Es ist zwei Wochen her und niemand hat auch nur ein Wort gehört."
Hermine zwang sich zu einem besorgten Gesichtsausdruck. „Ich mache mir wirklich Sorgen. Ich hoffe nur, er ist okay, wo auch immer er ist."
„Es geht das Gerücht um, dass die Todesser ihn haben."
„Nein! Das ist nicht möglich! Sie würden prahlen und der ganzen Zaubererwelt verkünden, dass sie ihn haben. Oder noch schlimmer."
„Tja, das ist auf jeden Fall die beliebteste Theorie. Wie gehst du damit um?"
Wieder zwang sie sich dazu, aufgewühlt und erschüttert zu wirken. „Keine Ahnung, wir wissen einfach nicht, was wir tun sollen. Er hat mir oder Ron nicht geschrieben, nicht einmal dem Orden. Alles, was wir tun können, ist uns vorzuarbeiten. Wir haben keinen Grund, jetzt in Panik auszubrechen, und es würde niemandem helfen."
Er schüttelte den Kopf. „Mann, warum Potter? Es ist nicht fair."
„Nein, das ist es nicht." Hermine begann, ihre Sachen zusammenzupacken.
„Sag mal, Hermine, ich habe mich gefragt... falls du keine Pläne morgen Abend hast, würdest du, äh, mit mir zu Abend essen?"
Sie war erstaunt von seiner Frage und starrte ihn für einen Augenblick nur an, bevor sie sich sammelte. Bat er sie gerade um ein Date? Was sollte sie tun? Es konnte wirklich nicht schaden, oder? Schließlich war er ein Freund. Sicherlich war es nur ein platonisches Abendessen. Es konnte nicht schaden.
„Das klingt gut, Seamus. Kommt Dean mit?", fragte sie in der Hoffnung, herausfinden zu können, ob das Abendessen als Date gemeint war. Sie begann, zum Aufzug zu gehen.
Er blickte verlegen drein und grinste schief. „Nun, äh, nein. Ich habe ihn nicht gefragt, aber wenn du willst, kann ich es nachholen."
„Nein, nein, Abendessen mit dir klingt super. Um welche Zeit?"
„Äh, sechs Uhr?"
„Perfekt."
„Soll ich dich bei dir zu Hause abholen?"
Nun, es klingt nach einem Date, dachte sie. „Nein, ich habe morgen vor, zur Arbeit zu kommen. Jetzt wo Harry fort ist, gibt es eine Menge zusätzliche Arbeit und ich hinke hinterher. Wie wär's, wenn wir uns irgendwo treffen?"
„Okay. Es gibt einen Muggle- Ort ein paar Blocks weiter, den ich schon immer mal ausprobieren wollte. Wie klingt das?"
„Großartig. Ich wusste nicht, dass du auch bei Muggle isst."
„Hey, wenn das Essen gut ist, ist mir egal, wie es zubereitet worden ist." Er lächelte sie warm an.
Sie lachte. „Ganz meine Rede!"
„Wie wäre es, wenn wir uns hier treffen und dann zu Fuß zu dem Café gehen. Ich bin nämlich nicht sicher, wie ich dir den Weg beschreiben soll."
„Das klingt gut. Wir treffen uns hier, in der Lobby um sechs?"
Seamus nickte. „Ja. Ähm, Hermine?" Sie hielten an. „Willst du, dass es ein Date wird?" Er beobachtete sie, als sie keine Reaktion zeigte, und fuhr dann fort, ziemlich hastig: „So habe ich es nämlich gemeint. Aber wenn du es nicht willst, können wir als Freunde gehen. Aber falls du doch, du weißt schon, es drauf ankommen lassen willst, dann kannst du auf mich zählen."
Sie lächelte. „Seamus, ein Date klingt wunderbar. Obwohl ich nichts versprechen kann. Ich bin im Augenblick sehr abgelenkt, wo Harry verschwunden und nichts von ihm zu hören ist... ich fürchte, ich werde dir eine ziemlich langweilige Gesellschaft sein."
„Unsinn, unmöglich", erwiderte Seamus, dessen Atemzüge wieder normal gingen. Sie war am Apparierpunkt angekommen und hielt an. Er blieb auch stehen und lächelte sie an, bevor er sich verabschiedete und disapparierte. Hermine seufzte und disapparierte ebenfalls.
*
Hermine sah weder Harry noch Draco an diesem Abend und ging mit einem einsamen Gefühl zu Bett. Dass Seamus sie um ein Date bitten würde, war vollkommen unerwartet gewesen. Sie sprachen selten miteinander, wenn sie sich bei der Arbeit begegneten, nur ein freundliches Winken und Lächeln im Vorbeigehen. Er war einer von Harrys Zimmergenossen in Hogwarts gewesen, ein akzeptabler Schüler und guter Gryffindor. Aus irgendeinem Grund rief Seamus' Bitte nach einem Date in ihr ein einsames Gefühl hervor. Das, was einer Beziehung am nächsten kam und sie sich leisten konnte, war eine Bekanntschaft bei der Arbeit.
Doch wenn sie wirklich darüber nachdachte, musste sie sich eingestehen, dass sie im letzten Jahr viele Gelegenheiten von sich gewiesen hatte, weil sie entschlossen gewesen war, Harry bei seinem Kampf zu helfen. Dann konnte sie all die Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit hinter sich lassen, die von dem Krieg verursacht worden waren, um wirklich leben zu können. Für sich selbst. Dann dachte sie daran, dass selbst Harry sich geweigert hatte zu warten. Er hatte Ginny geheiratet, ohne einer Menschenseele bescheid zu sagen (und doch war es Malfoy irgendwie bekannt), im Wissen, dass er vor dem Ende sterben konnte.
Oder höchstwahrscheinlich am Ende. Denn wenn Harry und Voldemort einander bekämpften, würde der Ausgang die Welt verändern. Die einzige Frage war: Würde es gut oder böse enden? Wie konnte sie auch nur an Romantik oder sogar Liebe denken, wenn es so viel Schmerz und Leid auf der Welt gab? Todesser attackierten und töteten nach Belieben, Muggle und Zauberer gleichermaßen. Gab es überhaupt Liebe auf der Welt? Oder war es nur ein Schatten von Liebe, ein Kampf, der Dunkelheit zu entfliehen, selbst wenn nur für einen Moment? Sie war sich nicht sicher, doch sie spürte, dass andere Dinge zuerst kommen mussten. Es war Teil ihrer Freundschaft mit Harry Potter. Andere konnten mit dem Anschein von Normalität weitermachen, lieben und lachen, doch sie musste stark und beständig bleiben, für ihn. Er konnte es sich nicht leisten, dass sie die Emotionen so wechselte wie Lavender Brown Lippenstifte.
Hermine hatte es akzeptiert und ihren Frieden damit gefunden. Frieden, der von dem Wissen kam, dass ihr Platz in der Welt an Harrys Seite war. Sie würde für ihn und mit ihm kämpfen bis zum bitteren Ende. Dann, wenn sie beide überlebten, würde sie frisch anfangen, die Bruchstücke aufsammeln und sich mit der Vision ihres Lebens vorwärtsbewegen.
Trotz der Erinnerung an ihren Freund und an alles, das sie durchgestanden hatten, seit er und Ron sie vor einem Riesentroll gerettet hatten, fühlte sie sich immer noch einsam. Es gab einen Teil ihres Herzens, der fehlte, der nie gefüllt worden war und niemals gefüllt werden konnte mit allen Freunden auf der Welt oder allen Bücher oder allem Wissen, das sie jemals erlangen konnte. Sie schlief ein, mit den Gedanken bei dem Loch, das nur zu wachsen schien, während die Zeit verging.
*
Am nächsten Morgen gestattete Hermine sich selbst, länger als üblich im Bett zu bleiben. Ihre Gedanken von der vorigen Nacht lagen ihr immer noch schwer auf dem Herzen. Sie zog sich an und blickte aus dem Fenster. Was sie sah, machte ihr das Herz wieder leichter, und Tränen sprangen in ihre Augen, als sie auf die Szenerie vor ihr schaute.
Die Sonne schien strahlend auf das Wasser und auf der Wasseroberfläche befanden sich Dutzende von bunten Segelbooten. Es war ein kleiner Blick auf eine Welt, in der es keinen Voldemort gab, keinen Krieg, keine Todesser, keine Tötungsflüche. Eine kleine Erinnerung daran, dass die Welt wunderbar sein konnte, selbst in all der Dunkelheit. Licht folgt stets der Nacht. Die Welt würde diesen Krieg durchstehen und wieder atmen. Sie lächelte und ging zu dem Schrank, der ihre Roben von Malfoy enthielt. Mit einem winzigen Hüpfer entschied sie, eins der Kleider zu ihrem Date mit Seamus anzuziehen. Schließlich schien die Sonne und die Welt war schön.
Hermine sammelte ihre Sachen zusammen, die sie in ihrer Tasche zur Arbeit trug, und ging nach unten, um zu frühstücken, leise vor sich hin summend. Harry saß am Küchentisch und sah von seiner Zeitung auf, als sie eintrat.
„Hermine, wow, du siehst gut aus", sagte er lächelnd.
Sie erwiderte das Lächeln und erwiderte: „Ich habe heute Abend ein Date."
Harrys Augen weiteten sich vor Überraschung und Belustigung. „Wirklich? Ein Date? Mit wem?"
„Mit einem Angestellten in der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten." Harry wartete erwartungsvoll auf den Namen. „Seamus", verriet sie schließlich, leicht lächelnd.
„Wow, ich hatte keine Ahnung, dass er auf dich steht."
„Tja, es ist Teil meiner Arbeit, meine Mitarbeiter besser kennen zu lernen", sagte sie augenzwinkernd, „ich erledige nur meinen Job."
„Wann triffst du dich mit ihm?"
„Heute nach der Arbeit", antwortete sie. Sie setzte sich und tat sich Essen auf, das Harry zubereitet hatte.
„Du gehst heute zur Arbeit?", fragte er.
„Ja."
„Naja, du musst nicht."
Sie runzelte die Stirn. „Warum nicht?"
„Malfoy hat sich gedacht, wir sollten uns einen Tag freinehmen."
„Oh", sagte sie abwesend. „Wo ist er überhaupt?"
Harry zuckte die Achseln. „Ist noch nicht heruntergekommen. Also, Hermine, was willst du heute unternehmen?"
„Ich habe keine Ahnung. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken."
„Möchtest du verreisen? Irgendwohin Exotisches vielleicht?"
„Also, das klingt wirklich toll, aber – "
„Wunderbar!", rief er, „dann also nach Neuseeland!"
Hermine runzelte die Stirn. „Aber Harry, ich dachte, du könntest nicht von hier weg!"
„Oh, nein, kann ich auch nicht. Ich werde hier bleiben", sagte er und nahm hastig einen Bissen.
„Aber – dann – was?"
„Oh, du wirst mit Malfoy gehen." Er duckte sich instinktiv, da er sicher war, dass sie irgendetwas nach ihm werfen würde – Gabel, Schüssel, Fluch.
Als er sie wieder ansah, starrte sie ihn einfach nur an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen.
„Hermine?"
„Nie im Leben werde ich irgendwohin mit ihm gehen!"
„Morgen, ihr beiden", erklang seine Stimme.
„Malfoy", sagte Harry und nahm wieder einen Bissen.
„Aargh!", kreischte Hermine.
Malfoy hob eine Augenbraue, während er sich am Essen gütlich tat. „Wutbewältigungsprobleme, Granger? Du solltest dir damit wirklich helfen lassen." Er bemerkte jedoch, dass sie eines der Kleider von ihm trug. Es erfreute ihn.
„Sagt Harry die Wahrheit? Du erwartest, dass ich heute mir dir über die Erdkugel galoppiere?"
Er setzte sich und sagte, als kommentierte er das Wetter: „Ja. Ich habe eine Verabredung und du musst mitkommen."
„Habe ich eine Wahl?", fragte sie.
Er zuckte die Schultern. „Ja, natürlich. Aber es ist äußerst wichtig, dass du mich begleitest. Und ich versichere dir, dass es sehr viel interessanter werden wird, als den ganzen Tag hier herumzusitzen."
„Ich könnte zur Arbeit gehen."
„Oder mit mir nach Neuseeland kommen."
„Lieber sterbe ich", erwiderte sie und ließ ihr Besteck geräuschvoll auf ihren Teller fallen.
„Wie du willst", sagte er achselzuckend. Er beendete seinen Haferbrei ohne ein weiteres Wort. Hermine stürmte in ihr Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
Nach ein paar Minuten in Schweigen sagte Harry: „Das ist ja gut gelaufen." Dann stand er auf und füllte Wasser in seine Schale.
„Denkst du, sie wird mitkommen?", fragte Draco.
„Ja. Gib ihr etwas Zeit, zu dem Entschluss zu kommen, dass es etwas ist, das sie tun will, anstatt etwas, was du von ihr verlangst. Etwa 10 Minuten sollten reichen."
„Die sind schon fast vergangen."
„Dann solltest du dich besser fertig machen zum Gehen."
Sie hörten eine Tür im oberen Stock zuknallen und schwere Schritte auf der Treppe.
„Na schön", sagte sie. „Aber wir brechen jetzt auf." Sie ging nach draußen und wartete auf der Vordertreppe.
Draco lächelte Harry zu. „Du bist gut." Dann gesellte er sich zu Hermine.
„Unglücklicherweise, Granger, werde ich deinen Arm nehmen müssen, da du nicht weißt, wohin wir gehen."
Sie verdrehte die Augen und steckte ihren Arm aus. Er stellte sicher, dass er keinen Kontakt zu ihrer Haut hatte und apparierte mit ihr fort.
*
Sie landeten am Meer, wo die Sonne etwa eine Stunde davon entfernt war unterzugehen. Für einen Moment glaubte Hermine, dass das Dracos Vorstellung von einem kranken Scherz war – ein romantischer Sonnenuntergang? Was hatte er sich dabei gedacht?
„Äh, Granger, komm bitte mit mir." Sie folgte ihm, angewidert von sich selbst, dass sie überhaupt angenommen hatte, er wisse, wie Romantik aussehen könnte.
Sie liefen die Straße eines kleinen, am Strand gelegenen Dorfes hinunter. Ihr gefielen die Läden und lächelnden Einwohner, die es nicht wirklich eilig hatten. Einige winkten sogar. Sie sah zu Malfoy, dessen Haar nun schwarz war.
„Du siehst... annehmbar aus", sagte er.
„Hübsch, Malfoy, man sagt hübsch." Sie wartete auf eine Erwiderung, erhielt jedoch keine. „Ich muss um sechs zurück sein."
„Warum?"
„Ich habe ein Date."
Er versteifte sich und sagte: „Wie nett. Wer ist denn der Glückliche?"
„Seamus. Finnigan. Erinnerst du dich noch an ihn?"
„Irischer Gryffindor? Braunes Haar, nicht allzu gut in der Schule, vor allem in Zaubertränke?"
„Ja."
„Nö." Sie schnaubte. Er führte sie zu einem Restaurant mit Blick aufs Wasser.
„Deine Verabredung ist hier?", erkundigte sie sich.
„Ja." Sie setzten sich an einen Tisch und bekamen die Speisekarte vorgelegt. Hermine besah sich ihre kurz und entschied sich für ein Fischmenü. Malfoy betrachtete immer noch seine Karte – oder doch nicht? Er gab vor, sie zu lesen. Gerade in dem Moment trat ein Paar mittleren Alters ein und setzte sich nach draußen. Malfoy beobachtete sie genau. Als Hermine sich zu ihnen umdrehte, sah sie nichts besonders Interessantes, das seine Aufmerksamkeit erweckt haben könnte. Der Kellner kam und nahm ihre Bestellungen auf.
„Das ist ein Muggle- Restaurant, Malfoy."
„Ich weiß, Granger. Aber danke, dass du es mir sagst. Du wirst feststellen, dass unsere Aufmachung keine ungewünschte Aufmerksamkeit erregt hat. Sie ist so verzaubert worden, dass sie wie Muggle- Kleidung erscheint. Ich tue mein Bestes, um Probleme vorauszusehen und sie zu vermeiden." Er nahm einen Schluck von seinem Wasser und blickte aus dem Fenster.
„Seit wann weißt du etwas über Muggle?"
Er verdrehte die Augen. „Ich weiß eine ganze Menge."
Sie überkam allmählich der Frust. Er hatte sie hergeschleift und darauf beharrt, dass er ihre Anwesenheit erwünschte, und nun wollte er sich noch nicht einmal mit ihr unterhalten. Sie verschränkte die Arme und schwieg. Es verärgerte sie, wie wenig ihn das Schweigen zu stören schien, und wurde an ihre Fahrt nach Azkaban erinnert. Es schien ihr eine Ewigkeit her zu sein. Schließlich kam das Essen und sie hatten noch immer nicht wieder geredet.
Hermine betrachtete ihr Menü: Geschwärztes Kahawai mit Spargelspitzen in einer Cremesoße, Knoblauch und Kräuterkartoffeln. Es duftete köstlich und ihr Magen knurrte leicht, bevor sie ihre Gabel in die Hand nahm. Der erste Bissen war unglaublich. Der Fisch war saftig und voller Geschmack. Es war bei weitem die beste Mahlzeit, die sie seit langer Zeit eingenommen hatte. Sie sah zu Malfoy hoch. Er beobachtete sie mit einem erheiterten Gesichtsausdruck. Er hatte noch nicht mit seinem Essen begonnen.
Sie sah ihn finster an und schaute auf seinen Teller – Filet mit Broccoli. Es sah köstlich aus.
„Fängst du irgendwann noch an zu essen, Malfoy?"
Er feixte. „Natürlich. Es macht mir nur Spaß, dich essen zu sehen."
Ihr Blick wurde noch düsterer. „Nun, lass es. Iss."
Er gluckste und nahm einen Bissen. „Also, Granger, wie läuft die Arbeit?"
„Was geht dich das an?", keifte sie.
Er betrachtete sie kühl. „Nichts. Ich hatte nur den Eindruck, dass dir die Stille nicht behagt. Deshalb habe ich versucht, dich davon zu erlösen."
„Tja, jetzt da wir sprechen, stelle ich fest, dass ich die Stille vorziehe."
Er gluckste wieder. Oh, diese Seite an ihm trieb sie zur Weißglut. Er war so selbstsicher und großspurig, dass sie vor Frustration schreien wollte. Sie hasste es, dass er etwas wusste und sie nicht, nämlich weshalb sie hier waren. Sie vermutete, dass sie eine Rolle zu spielen hatte. Welch anderer Grund konnte es geben, sie über die Erdkugel zu schleifen, um mit ihm zu Abend zu essen? Sicherlich nicht um ihre Gesellschaft zu genießen. Selbst durch diese arrogante Maske konnte sie erkennen, dass er sich in ihrer Gesellschaft nicht wohlfühlte.
Ein paar Minuten vergingen in angestrengtem Schweigen. Dann sprach er wieder. „Meine Arbeit geht gut voran, danke der Nachfrage."
Hermine funkelte ihn an. Er lächelte leicht und kaute, bevor er das Essen hinunterschluckte. Als hätte er keine einzige Sorge auf der Welt. So viele Gesichter, so viele Masken. Welcher war der echte Malfoy? Gab es tatsächlich ein wahres Gesicht, ein Teil von ihm, der echt war? Wusste er überhaupt selbst, welcher es war?
Im Augenblick trug er eine schwarze Haarfarbe, die ihn verstörend blass erscheinen ließ, beinahe kränklich.
„Warum ist dein Haar schwarz?", wollte sie wissen.
„Ich werde auch hier gesucht, weißt du. Ich werde so ziemlich überall gesucht. Aber sie schauen immer nach dem typischen Malfoy- Haar. In England würde es niemanden, der wirklich nach mir fahndet, täuschen, wenn ich einfach meine Haar- und Augenfarbe ändere. Aber hier reicht es aus."
Hermine sah in seine Augen und runzelte die Stirn. „Sie sind blau", sagte sie.
„Sehr gut", erwiderte er sarkastisch. „Ausgezeichnete Beobachtung."
„Aber sind sie das nicht immer?"
Draco setzte eine verletzte Miene auf. „Oh, Granger, du weißt nicht, was meine Augenfarbe ist? Ich bin so getroffen!" Er nahm lässig einen weiteren Bissen von seinem Steak und zeigt ihr so, dass ihm nichts weniger ausmachen könnte als ihre mangelnde Beobachtung.
Hermines Gesicht verfinsterte sich und sie aß weiter. Doch sie konnte nicht anders als sich zu fragen, welche Farbe sie in Wirklichkeit hatten. Sie versuchte, sich an eine Zeit zu entsinnen, da sie ihm in die Augen gesehen hatte, und während seiner Zeit in Azkaban hatte es viele solcher Gelegenheiten gegeben. Doch sie konnte sich nicht an die Farbe seiner Augen erinnern. Alles, was sie noch wusste, war der Wirbelsturm an Emotionen – Furcht, Zorn, Hass, Erwartung – den sie in ihnen gesehen hatte. Sogar das eine Mal, da er ihr gestattet hatte, ihm tief in die Augen zu sehen, konnte sie sich nicht daran erinnern.
„Wie ist der Fisch?" Hermine wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Draco seine Hand zu ihr streckte, um einen Bissen von ihrem Teller zu nehmen. Sie stach seine Hand mit ihrer Gabel, ohne sich die Mühe zu machen, sachte vorzugehen. „Au!", sagte er. Er zog seinen Arm zurück und funkelte sie an.
„Iss dein eigenes Essen."
„Tsk, tsk, Granger. Schließlich bezahle ich das Essen. Und wenn ich dein Essen probieren will, dann werde ich es auch." Er langte wieder über den Tisch und diesmal ließ Hermine ihn gewähren, obwohl sie ihn unbarmherzig anfunkelte, um ihm zu versichern, dass sie keineswegs glücklich darüber war. Er steckte den Bissen in seinen Mund und konzentrierte sich auf den Geschmack des Fisches, während er kaute. „Er ist gut. Besser als meins. Ich schätze, du hast das Essen gewonnen, Granger."
Sie verdrehte die Augen. „Das Essen gewonnen?"
„Ja. Deine Wahl ist besser als meine. Möchtest du meins probieren und dir deine eigene Meinung bilden? Du bist schließlich immer so eifrig beim Teilen."
Hermine wollte sein Steak tatsächlich kosten. Es war die teuerste Speise auf der Karte, so dass es mit Sicherheit gut war, und es fiel ihr schwer zu glauben, dass ihr Fisch besser war. Doch sie wollte nicht von seinem Teller essen. Das war zu – vertraut.
„Ja, bitte. Würdest du mir ein Stück abschneiden und mir herüberreichen?"
Er warf ihr einen spöttischen Blick zu und kam dann ihrer Bitte nach. Er reichte ihr seine Gabel und sie legte das Stück Fleisch auf ihren Teller, bevor sie ihm seine Gabel zurückgab. Sie stach das Fleisch mit ihrer eigenen Gabel auf und steckte es in ihren Mund. Es war vollkommen. Vollkommen gewürzt, vollkommen gekocht, vollkommen köstlich. Er war verrückt. Das Filet war bei weitem die bessere Wahl.
„Und?", fragte er.
„Dein Essen ist besser."
Er lächelte, beinahe ein echtes Lächeln. „Wieder sind wir nicht einer Meinung."
„So sollte es doch auch sein, nicht wahr?", keifte sie.
Draco seufzte. Er wollte dieses Abendessen so schnell wie möglich hinter sich bringen. „Also, Granger. Erzähl mir etwas über dich."
„Was denn zum Beispiel?", fragte sie.
„Ich weiß nicht. Etwas, das ich noch nicht weiß."
„Du weißt nichts über mich."
Draco korrigierte sie beinahe, doch das würde einen Teil von ihm offenlegen, den preiszugeben er nicht bereit war. Wahrscheinlich würde er es niemals wollen, aber er würde es tun müssen, letztendlich.
„Dann bitte", sagte er freundlich, „klär mich auf."
„Was würdest du gerne wissen?"
„Ich weiß nicht, etwas. Irgendwas. Deine Entscheidung."
„Meine Lieblingsbuch ist Stolz und Vorurteil von Jane Austen."
Er verdrehte die Augen. „Wundervoll. Wirklich informativ."
„Was ist deins?"
„Was lässt dich denken, dass ich Bücher mag?"
„Weil du immer liest, wenn du nichts anderes zu tun hast."
„Eigentlich habe ich nicht wirklich eins."
„Wie kannst du kein Lieblingsbuch haben?"
Er zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht, es ist einfach so. Ich mag Bücher über Dunkle Künste und Dunkle Zauberer und welche, in denen die guten Kerle in den Schlamm geschubst werden."
Hermine funkelte ihn an und nahm sich vor, den Rest des Tages nicht mehr mit ihm zu sprechen.
Draco, der nichts von Hermines Entschluss wusste, sprach wieder mit ihr: „Also, heute Abend ist dein erstes Date mit Finnigan?"
Prompt vergaß Hermine ihren Vorsatz, der gerade mal 30 Sekunden angedauert hatte, als sie aufbrauste. „Das geht dich nichts an", keifte sie. „Wann ist überhaupt deine Verabredung? Ich will gehen."
„Aber du siehst wundervoll aus, wenn du jammerst", sagte er ohne ein Anzeichen von Belustigung in seiner Stimme, nur Wut, was ihn selbst überraschte. Sie stierte ihn weiter an.
„Hermine, ich bemühe mich nur, eine freundliche Unterhaltung zu führen, und du tust alles andere als das."
Ihr fiel beinahe die Kieferlade herab, als er ihren Namen benutzte, doch sie hielt ihr Gesicht völlig unter Kontrolle. „Freundlich?" Sie zwang sich zu einem Lachen. „Du? Du würdest nicht wissen, wie eine freundliche Unterhaltung aussieht, selbst wenn sie durch diesen Raum hüpfen würde mit einem riesigen Schild, auf dem steht: `Das ist eine freundliche Unterhaltung!´ Weißt du überhaupt, was das bedeutet? Denn wenn das dein Versuch zu einer freundlichen Unterhaltung ist, dann muss ich mich wirklich wundern."
Seine Augen blitzten. Sie feixte, froh, dass sie ihm endlich diese arrogante Miene vom Gesicht hatte wischen können.
„Ja, ich weiß, was freundlich ist, obwohl ich, ehrlich gesagt, mehr vertraut mit Unerfreulichem bin. So wie jetzt zum Beispiel."
„Du bist unerträglich."
„Und da dachte ich doch tatsächlich, dass wir uns langsam etwas verstehen würden", sagte er. Er konnte kaum den Drang unterdrücken, sich gehen zu lassen und sie anzubrüllen.
„Uns verstehen? Wir beide? Lieber würde ich mich an einen Knallrümpfigen Kröter verfüttern lassen. Du bist ein bösartiger, skrupelloser, leerer Mann, Malfoy", zischte sie.
Es gab keine Zügelung seiner Zunge mehr, als er antwortete: „Und du bist ein lästiges, jämmerliches, verwöhntes kleines Mädchen, das sich für etwas Besseres hält, nur weil sie die ganze Zeit ihre Nase in Bücher steckt. Potter und Weasel geben deinen Wünschen immer nach, nicht wahr? Tja, lass dir eins sagen – ich werde es niemals tun. Also halt endlich die Klappe und hör auf, darüber rumzujammern, wie gemein ich bin oder wie unfair ich mich verhalte. Ich könnte sehr viel schlimmer sein."
Der Blick, den Hermine ihrem Speisegenossen zuwarf, hätte Harry und Ron auf der Stelle dazu gebracht, um ihre Vergebung zu betteln, doch Draco wirkte lediglich gelangweilt.
„Ich gehe", keifte sie. Sie warf ihre Serviette auf den Tisch und stand auf, um an ihm vorbeizuschreiten. Er packte sie am Arm.
„Noch nicht", zischte er und schob sie energisch zu ihrem Stuhl zurück, obwohl er achtgab, ihr nicht wehzutun.
Hermine schäumte. Sie wollte ihn verletzen, heftig und wiederholt. Doch wie? Sie sah sich im Raum um und suchte nach Inspiration. Ihr Blick fiel auf einen Weinständer, dann auf den Kellner. Sie begann, boshaft zu lächeln. Draco gefiel der Ausdruck in ihren Augen ganz und gar nicht.
„Ich bin gleich wieder da", sagte er und stand auf. Sie ignorierte ihn, als er sich von ihrem Tisch entfernte, beobachtete ihn aber dabei, wie er nach draußen zu dem Paar trat, das vorhin gekommen war. Sie versuchte zu lauschen, doch er blockte sie mit Leichtigkeit aus. Sie konnte nur zuschauen und was sie sah, ließ sie beinahe vom Stuhl fallen.
*
Draco ging langsam hinaus und zwang seine Nerven und sein Temperament zur Ruhe, bevor er sprach. Als seine Atemzüge sich beträchtlich verlangsamt hatten, näherte er sich dem Mann und der Frau, die kurz nach ihm und Hermine eingetreten waren.
„Hallo!", sagte Draco, aufrichtig lächelnd. Die Frau stand auf und umarmte ihn liebevoll. Der Mann schüttelte ihm die Hand.
„Draco", sagte die Frau. „Wie geht's dir?"
„Mir geht's – gut. Und euch?"
„So viel besser, nun da wir Hermine gesehen haben."
Draco fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Was das betrifft... tut mir leid, dass ich so barsch mit ihr gesprochen habe. Sie und ich – tja, ich denke, es ist offensichtlich, dass wir uns nicht gerade gut verstehen."
„Ich denke, das ist eine gewaltige Untertreibung", sagte der Mann. Er lächelte warm.
„Wie geht es ihr?", erkundigte die Frau sich.
„Abgesehen davon, dass es sie furchtbar ärgert, hier mit mir zu sein, geht es ihr gut. Es tut mir leid, dass ich sie nicht dazu bringen konnte, mehr von ihrem Leben zu erzählen. Ich bin nicht sehr gut im Smalltalk."
„Es ist okay, Sohn", sagte die Frau. „Das verstehen wir."
„Wie geht es mit deinem Plan voran?", fragte der Mann.
„Alles läuft nach Plan. Es ist aber noch sehr früh. Es gibt vieles, das schief gehen könnte, aber ich bin zuversichtlich, dass wir es bewältigen und unser Ziel erreichen können."
„Erzähl uns bitte mehr von Hermine."
Draco setzte sich zu dem Paar. „Okay, sie arbeitet immer noch im Ministerium. Sie ist sehr gut in dem, was sie tut. Sie macht ekelhaftes Rührei, sie liest immer noch unersättlich und sie wirft sich immer noch mit Feuereifer in alles, das sie tut. Sie ist glücklich, Harry zu helfen, aber ihr gefällt die Tatsache nicht, dass sie gleichzeitig mir hilft. Sie vermisst Ron und Ginny und wünscht sich, die beiden könnten ebenfalls von unserem Plan wissen."
„Und sie hat ein Date heute Abend?", fragte die Frau.
„Ja, scheinbar."
„Was denkst du darüber?", erkundigte sie sich.
Er kniff die Lippen zusammen und knirschte mit den Zähnen. „Es ist mir wirklich egal."
„Ah ja", machte der Mann grinsend.
„Liebst du sie?", fragte die Frau.
Draco musste seinen Kopf schütteln, im Glauben, sich verhört zu haben. „Sorry, was hast du gerade gesagt?"
„Liebst du sie?", wiederholte sie.
Als er die Frage ein zweites Mal hörte, entschied er, dass sein Gehör doch in bester Ordnung war, aber dass die Frau, die ihm gegenübersaß, ihren Verstand verloren haben musste. „Tut mir leid, aber sie lieben? Bist du verrückt? Wie kannst du das überhaupt fragen? Du hast uns doch gehört!"
Sie lächelte, jenes nervige Lächeln, das nur eine Mutter aufsetzen konnte, und sagte: „Ja, das habe ich."
Draco seufzte und legte seinen Kopf in die Hände. „Wie könnte ich sie lieben? Ich weiß nicht einmal, was Liebe ist. Ich weiß nicht einmal, wer sie ist."
„Die Wahrheit braucht Zeit, Draco."
„Die Wahrheit", gluckste er. „Die Wahrheit wird sie mich mehr hassen lassen, als sie es sowieso schon tut."
„Aber sie wird dir verzeihen", sagte die Frau und legte sanft ihre Hand auf seinen Arm.
Er fuhr sich wieder abwesend mit der Hand durchs Haar. „Ich weiß nicht. Sie ist so stur. Sie ist so wütend. Ich glaube nicht, dass sie mir jemals vergeben kann. Vielleicht in 20 Jahren..." Er stellte sich vor, wie sie an die Tür seines kleinen Insellandhauses klopfte, einen Kuchen in der Hand, ein breites Lächeln auf dem Gesicht... einen Ring am Finger, Kinder im Schlepptau... „Aber sie hat Feuer in ihr. Sie ist völlig – " Was? Gab es überhaupt ein Wort, das sie beschreiben konnte? Er schüttelte den Kopf. Nein, es war eine ganze Menge nötig. „ – sie ist ein ganzer Haufen von Sachen."
Der Mann lachte. „Das ist Hermine, wie sie leibt und lebt."
„Bitte hab Geduld mit ihr", bat die Frau.
„Das werde ich. Und wenn es euch nichts ausmacht, könntet ihr sie bitten, das gleiche zu tun?" Das Paar lachte. „Tja, ich sollte zurückgehen", sagte er, obwohl ihm vor dem Augenblick graute, da er diese beiden Menschen verlassen und in die harte Welt der Realität zurückkehren musste. „Möchtet ihr uns weiter zuhören? Vielleicht wird sie offener."
„Bitte", sagte die Frau. Sie stand auf, um ihn noch mal zu umarmen. „Und Draco, du weißt, dass wir dich lieben."
Er lächelte wieder, dasselbe aufrichtige Lächeln, das er nur für sie reserviert hatte. Er nickte und wandte sich um, um wieder hineinzugehen. Er fühlte sich an der Spitze der Welt, als er langsam zum Tisch zurückging. Sein Herz, mit dem er erst vor Kurzem Bekanntschaft gemacht hatte, fühlte sich leichter als je zuvor.
Hermine saß an ihrem Tisch und wirkte ein wenig zu zufrieden mit sich selbst und nur einen Hauch nervös. Draco wurde auf der Stelle wachsam. Er setzte sich und beobachtete sie aufmerksam.
Sie lächelte, ein Lächeln, das gezwungen wirkte, und sagte: „Hallo. Willkommen zurück." Etwas in ihrem Tonfall war kalt wie Eis. Er schauderte. „War das deine Verabredung?", erkundigte sie sich, wieder zu gezwungen, um echt zu sein. Er nickte, während jeder Nerv in seinem Körper nach Erlösung von der Anspannung schrie. „Ich habe Nachtisch bestellt."
Er stieß einen Atemzug aus und lachte beinahe vor Erleichterung. „Oh, das ist in Ordnung."
„Für alle im Restaurant." Dracos Lachen erstarb in seiner Kehle und er starrte sie an. „Und eine Flasche Wein für jeden Tisch." Seine Kieferlade fiel herab. „Und zwei für unseren Tisch. Ich will nicht teilen müssen." Sie lächelte ihn voller Abscheu an und begann, ihren Nachtisch zu verzehren, einen kremigen Schokoladenkuchen mit Fudge und Himbeeren. Sie hatte für ihn einen Schokoladenstreusel- Cookie mit einem einzelnen Klecks Creme darauf bestellt.
Draco konnte kaum sprechen. „W- Warum? Wie?"
Sie winkte ab, als wäre es nichts. „Oh, du brauchst mir nicht zu danken, Malfoy. Ich weiß, dass du es dir leisten kannst." Sie wandte sich glücklich wieder ihrem Nachtisch zu und ließ sich jeden Bissen auf der Zunge zergehen.
Draco sah auf seinen Cookie hinab. Ein Teil von ihm wollte ihr den Hals umdrehen und damit seinen ganzen Plan zum Fenster rauswerfen. Der andere Teil von ihm drohte laut aufzulachen. Er lächelte seinen Cookie und dessen erbärmlichen Klecks Creme an. „Der war gut, Granger", sagte er. Er nahm seine Gabel in die Hand und aß die Creme vom Cookie auf.
Hermine musterte ihn, während die Erregung über ihre Tat verblasste. Er lächelte nur und – war das eine Art Kompliment? Sie hatte fest erwartet, dass er brüllen und einen Aufstand veranstalten würde, doch stattdessen saß er einfach dort und genoss offensichtlich seinen Cookie. Sie schüttelte den Kopf.
„Du bist – so – merkwürdig und verwirrend, Malfoy."
„Danke", sagte er und schob sich den letzten Bissen in den Mund. Der Cookie war nicht sehr groß gewesen.
Sie sah zu, wie er seine Gabel auf den Teller legte und nach dem Wein griff. Er goss sich selbst ein und dann ihr.
„Prost", sagte er und nippte dann langsam von seinem Glas.
„Malfoy. Diese Menschen dort draußen – du sahst tatsächlich glücklich aus, oder zufrieden oder was auch immer nötig ist, um dich zum Lächeln zu bringen. Hat mein ganzes Bild von dir über den Haufen geworfen."
„Tut mir ja sehr leid.
Sie kicherte. „Wer sind sie?"
„Und warum sollte ich dir das verraten?"
„Sie sind ganz sicher nicht deine Eltern", sagte sie in der Hoffnung, Informationen aus ihm herauszukitzeln. Eine Aufgabe, in der sie bisher ziemlich erfolglos gewesen war.
Draco verwandelte sich stattdessen wieder in die grobe Person zurück, die er vor seinem Treffen gewesen war. „Nur dass ich mich vollkommen klar ausdrücke: Sprich nie wieder von meinen Eltern, hast du verstanden?" Er brüllte sie nicht an, doch sein Tonfall war hart, so verbissen, dass sie das Gefühl hatte, als würde er ihren Magen herausreißen und vor ihr auseinanderschneiden. Sie hatte Angst vor ihm, genau jetzt, in diesem Augenblick. Nur in dem Wagen nach Azkaban hatte sie sich jemals zuvor vor ihm gefürchtet und in beiden Situationen hatte sie seine Familie erwähnt. „Hast du verstanden?", fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.
Sie nickte, während sich Tränen in ihren Augen sammelten.
Dann, so schnell wie er aufgekommen war, verrauchte sein Zorn. „Ich mag es nicht, über sie zu sprechen. Und ich mag es nicht, dich anzubrüllen." Sie beäugte ihn wachsam, während er einen weiteren Schluck aus seinem Glas nahm. Dann realisierte sie, dass er sich, in einer verqueren Art, wie nur er sie hinbekam, entschuldigt hatte. Der Mann, der ihr gegenübersaß, ging über ihren Verstand.
„Bist du fertig?", erkundigte er sich ruhig und sah auf ihren halb aufgegessenen Kuchen.
„Ja", sagte sie leise.
Draco bedeutete dem Kellner, die Rechnung zu bringen. Als er sie sah, fiel er beinahe vom Stuhl.
*
„1200 Pfund!", schrie er sie an, sobald sie aus der Tür waren. „Was für einen Wein hast du gekauft?" Zu sagen, dass er wütend war, war eine Untertreibung. Sein Kopf pochte so heftig vor Zorn, dass sich die Ränder seines Sichtfelds verdunkelten.
„Nur den besten", sagte sie und täuschte einen Blick der Verwirrung vor. „Probier mal. Er ist ziemlich gut."
„Es sollte besser der beste verdammte Wein auf der ganzen Welt sein", murmelte er. Sie schritten in eisigem Schweigen aus dem Dorf zum Wasser hinunter, wo sie herappariert waren.
Sie kamen gerade rechtzeitig an, um die Sonne über dem Horizont untergehen zu sehen. Hermine keuchte auf. „Oh, wie schön", sagte sie. Der Himmel war von leuchtenden Farben durchsetzt – Rosa, Lila, Blau, Orange – und die Sonne sandte Streifen von Licht durch die Wolken.
Hermine setzte sich in den Sand, um den Änderungen der Farben und Wolken zuzusehen. Draco verzog das Gesicht, als das teure Kleid, das er ihr gekauft hatte, zerknittert und schmutzig wurde. Er musste sich in Erinnerung rufen, dass er es für sie gekauft hatte und dass es ihr Recht war, es zu verunstalten, wenn sie es wollte. Doch eine Vene in seinem Hals zuckte immer noch leicht, während er sie beobachtete.
„Ehrlich, wer waren sie?", ertönte ihre leise Stimme, kaum hörbar über dem beständigen Krachen der Wellen.
Draco öffnete die Flasche Wein, die er vom Restaurant mitgenommen hatte, und setzte sich neben sie, viel näher, als er ihr jemals zuvor in einer nicht bedrohlichen Art und Weise gewesen war. Hermine warf ihm einen misstrauischen Blick zu, doch er nahm nur einige Schlücke direkt aus der Flasche. Dann trank er noch mehr. Vielleicht konnte er alles Böse wegspülen, das er jemals getan hatte.
„Menschen, um die ich mich sorge."
„Du kannst dich sorgen?", entfuhr ihr. Schon im nächsten Augenblick bereute sie ihre Frage.
Er seufzte und blickte auf das Wasser hinaus. „Granger, das wird langsam öde. Ich bin ein menschliches Wesen, auch wenn es die meiste Zeit nicht so erscheinen mag." Ein weiterer Schluck. Die Flasche war nun halbleer – oder war sie halbvoll? „Ja, ich kann mich sorgen. Ich kann vielleicht sogar lieben..." Seine Stimme verklang, während er die Weiten vor ihm anstarrte, ohne sie zu sehen. Weiten von Wasser und Luft. Zwei Dinge, die notwendig zum Leben waren. Was war das Leben überhaupt? Lebte er? Ertrank er darin? Er machte rasch eine Liste von allen, die er in seinem Leben jemals geliebt hatte. Es standen zwei Namen darauf und sie gehörten zu dem Paar, das er vorhin getroffen hatte.
„Obwohl es nichts ist, worin ich gut bin oder worin ich Erfahrung habe. Oder auch nur will, eigentlich, aber in Wahrheit gibt es verschiedene Arten von Liebe und ich kann mindestens eine davon empfinden. Aber diese andere... Ich bin mir ziemlich sicher, dass es unmöglich für mich ist." Er nahm einen weiteren Schluck von dem Wein und starrte in die Flaschenöffnung. „Ich werde betrunken werden", sagte er und warf wieder den Kopf zurück, um die Flasche anzusetzen. Doch keine Flüssigkeit kam in seinen Mund und er öffnete die Augen, um festzustellen, dass er nicht länger die Flasche hielt.
Sie war in Hermines Händen. „Nein", sagte sie, als reichte das aus, um ihn davon zu überzeugen, dass ihre Idee die bessere war. Er sah in beschwipstem Entsetzen zu, wie sie den Rest der Flasche ins Meer kippte.
„Hey!", brüllte er halb. „Ich habe 1200 Pfund dafür bezahlt!"
„Tja", sagte sie. „Trinken zerfrisst dein Gehirn. Und verlangsamt deine Reflexe. Und macht dich fett."
„Gar nicht", protestierte er, als sie ihm die leere Flasche reichte. Er sah wieder hinein. Es war wirklich alles verschwunden. Draco konnte jenes betäubende Gefühl spüren, das mit übermäßigem Trinken einherging, und entschied, dass es tatsächlich das Gehirn zerfressen musste. „Oh, Granger, du machst keinen Spaß."
„Wenn das ist, was du Spaß nennst, dann tut es mir nicht leid. Können wir jetzt bitte gehen?"
„Na schön", sagte er und versuchte aufzustehen. Er hatte über die Hälfte der Weinflasche in einer Zeitspanne von fünf Minuten verbraucht. Zu stehen fiel ihm nun nicht mehr so leicht. Er taumelte ein wenig und ging auf sie zu. Dann fiel er auf die Knie, als eine Welle von – irgendetwas – ihn traf. „Mutter", murmelte er.
Hermine verdrehte die Augen und half ihm aufzustehen. Dann hakte sie sich bei ihm unter und disapparierte mit ihm nach England zurück.
Als das vertraute Drehen aufhörte, fanden sie sich auf der Veranda von Malfoys Haus wieder. Draco war nicht in der Lage zu bemerken, dass sie aufgehört hatten, sich zu drehen. „Wow", sagte er und stützte sich gegen den Türrahmen. Er machte sich eine gedankliche Notiz, dass Trinken, Betrunkensein oder der Versuch betrunken zu werden sich nicht gut mit Apparieren vertrugen.
Hermine zwang Draco ins Haus. Harry saß im Wohnzimmer. „Malfoy ist betrunken", sagte sie.
„Gar nicht!", rief dieser. Er riss seinen Arm aus ihrem Griff und stolperte dann prompt gegen die Wand. „Ups. Wird nicht mehr passieren."
„Draco, es ist erst zwei Uhr nachmittags. Du hast wirklich ein Problem", zog Harry ihn auf.
„Gar nicht", jammerte er. „Ich hatte nur – "
„Die halbe Flasche!", sagte Hermine.
„Er war wirklich gut!"
Draco taumelte in die Küche und wühlte sich durch die Schränke. Harry und Hermine hörten ihn „Aha!" rufen
„Also, wie war Neuseeland?", erkundigte Harry sich.
„Wunderschön. Die Reise? Furchtbar."
„Warum?"
„Er."
Draco kehrte ins Wohnzimmer zurück, nun halbwegs nüchtern. „Hermine hat mich dazu gebracht, 1200 Pfund auszugeben, weil sie eine wütende, boshafte Person ist. Jeder im Restaurant hat Wein und Nachtisch bekommen, auf meine Kosten."
„Autsch", sagte Harry und grinste Hermine an. „Und wie war die Verabredung?", fragte er mit einem Blick zu Draco.
„Gut. Es war gut. Alles ist gut."
„Wunderbar", sagte Hermine ungeduldig. „Ich bin dann mal weg."
Draco drehte sich zu ihr um. „Dein Date ist doch erst um sechs!", sagte er mit Betonung auf dem Wort „Date".
„Ich werde einen Abstecher zur Arbeit machen", sagte sie und bedachte ihn mit einem Lächeln.
„Ich habe dir den Tag freigegeben!", erwiderte er. Wut kehrte in seine Stimme zurück.
„Der mir zur freien Verfügung steht. Da die erste Hälfte alles andere als freiwillig abgelaufen ist, werde ich sicherstellen, dass wenigstens der Rest des Tages erfreulich wird." Sie versetzte ihm ein selbstzufriedenes Feixen und verschwand durch die Vordertür. Sekunden später hörten sie das entfernte Geräusch von Disapparieren.
Draco ließ sich auf die Couch fallen, mit einem schweren Seufzer und dem Gefühl, als hätte er den ganzen Tag damit verbracht, Todesser zu bekämpfen oder gegen einen begabten Legilimentiker anzukämpfen.
„Wie geht es ihnen?", erkundigte Harry sich.
„Sie waren wunderbar. Hermine und ich haben uns gestritten, wie üblich."
„Haben sie es gehört?"
„Natürlich. Ich habe mich entschuldigt, aber es war ein übles Gefühl, dass sie es mitansehen mussten."
„Ich bin mir sicher, sie haben Verständnis dafür", sagte Harry.
„So schien es."
Schweigen.
„Du planst immer noch zu warten?"
„Natürlich. Das weißt du doch."
Harry seufzte und stand auf. „Ja, ich weiß, dass das dein Plan ist. Willst du ein Duell?"
Draco sah zu dem dunkelhaarigen Mann auf. „Warum will keiner einen Tag frei?" Harry sagte nichts, sondern grinste nur. „Ja, von mir aus. Gehen wir." Draco stand auf und folgte Harry hinaus.
