In Aftokrator werden sämtliche Aufzeichnungen, die von unzähligen Spybugs übertragen werden, analysiert. Die meisten Übertragungen sind belanglos und Lamvanein beschwert sich: „Haben diese Meeden-Bewohner überhaupt ein Leben? Wie langweilig." Hairein wirft seinem Bruder einen tadelnden Blick zu. „Sei nicht so ungeduldig. Wer etwas erreichen will, muss Opfer bringen." Lamvanein murmelt etwas Unverständliches und fügt sich. Um den Störenfried ausfindig zu machen, haben sie keine andere Wahl, als so lange diese Aufzeichnungen anzusehen, bis sie auf etwas Hilfreiches stoßen.
Nach einigen Stunden sichten sie schließlich die Aufzeichnungen aus dem Tamakoma-Zweig und Hairein erkennt sofort Chika und Osamu. „Schaut hier", sagt er zu Lamvanein, Mira und Viza. Sie versammeln sich um den Monitor. „Die kennen wir doch. Der Goldene Babyvogel und ihr Beschützer mit der Brille." Viza nickt. „Und gegen den kleinen Weißhaarigen habe ich gekämpft. Er hat es mir alles andere als leicht gemacht." „Hören wir zu, was geredet wird", sagt Hairein und alle verstummen. „Das war sehr interessant", sagt Hairein erfreut. „Der Kerl mit den braunen Haaren hat also sein Gedächtnis verloren und seine Fähigkeit, die Zukunft zu sehen. Wenn er diese Fähigkeit noch hatte, als wir den goldenen Babyvogel fangen wollten, spricht doch einiges dafür, dass er derjenige ist, der die Fäden gesponnen hat, die unseren Erfolg vereitelt haben." Er grinst teuflisch. „Wie angenehm, dass er beeinträchtigt ist. Wir sollten uns beeilen, ihn auszuschalten, bevor er seine Erinnerung und seine Fähigkeit, die Zukunft zu sehen, wieder zurückerhält. So ist es ein Kinderspiel für uns. Wir sollten uns rasch auf den Weg nach Meeden machen."
Schon wenig später sitzen die Aftokratoren in ihrem Raumschiff und steuern auf Meeden zu. Die Zeit nutzen sie, um das Vorgehen zu planen, wenn sie angekommen sind. Hairein informiert die anderen über seine Gedanken: „Das Beste wäre, wenn wir den Braunhaarigen allein erwischen würden. Mithilfe von Miras Wurmlöchern wäre es ein Einfaches, ihn an Bord zu holen und hier festzusetzen. Wenn die Gelegenheit sich ergibt, sollten wir auch die Augen nach dem Goldenen Babyvogel offenhalten. Es wäre sehr erfreulich, wenn wir sie auch gleich gefangen nehmen könnten." „Wir sollten aber darauf achten, dass der Weißhaarige nicht in der Nähe ist, der Kleine kann sehr ungemütlich werden", gibt Viza zu bedenken. Lamvanein winkt ab. „Wir sind zu viert. Und wenn wir uns nicht unnötig aufhalten, sollte es doch möglich sein, uns diesen Floh vom Hals zu halten." Viza nickt und schlägt vor: „Ich erkläre mich bereit, mich um ihn zu kümmern. Es reicht ja aus, ihn so lange zu beschäftigen, bis wir sie an Bord haben." Mira stimmt zu: „Das klingt nach einem guten Plan. Ich werde dann die Wurmlöcher dort erzeugen, wo wir sie brauchen. Diesmal sollte alles gut klappen, da unser Angriff nicht vorhergesehen werden kann." „Sehr gut", sagt Hairein und schaut wieder auf den Monitor. „Und um noch besser vorbereitet zu sein, verfolgen wir einfach noch weiter, was auf Meeden vor sich geht."
Bei Tamakoma kehrt mittlerweile Ruhe ein. Das Abendessen ist beendet und alle ziehen sich in ihre Räume zurück. Durch die geschlossenen Türen kann der Spybug niemandem folgen, also verharrt er über dem Esstisch, bis am nächsten Morgen wieder alle zum Frühstück auftauchen.
Als Jin am Morgen aus seinem Zimmer kommt, sitzen schon alle am Frühstückstisch und schauen ihm forschend entgegen. Er fährt sich durch die Haare und setzt sich mit einem tiefen Seufzer an den Tisch. „Ich habe vielleicht einen Mist geträumt", sagt er und greift sich ein paar Pfannkuchen. „Was hast du denn geträumt?", fragt Osamu interessiert. „Träume sagen oft mehr aus, als man denkt." Jin reibt sich kurz über die Stirn, um die Müdigkeit zu vertreiben. „Ich habe von den Aftokratoren geträumt, an die ich mich gestern erinnert habe. Sie saßen in einem Raumschiff und haben auf einen Monitor gestarrt. Leider konnte ich nicht sehen, was sie sich angesehen haben. Aber sie sahen irgendwie zufrieden aus. Sie waren zu viert." „Anscheinend war der Traum eine Nachwirkung der gestrigen Erinnerung", vermutet Yūma. „Ja, vermutlich ist das so", murmelt Jin nachdenklich. „In meiner Erinnerung gestern habe ich zwar nur zwei Leute aus Aftokrator gesehen, aber anscheinend hat mein Traum gezeigt, dass ich mich an mehr als nur diese beiden erinnere."
Hyuse, der bisher damit beschäftigt war, einen Taiyaki nach dem anderen zu verspeisen, zeigt ausnahmsweise Interesse, geht es doch um seine Landsleute, die ihn hier zurückgelassen haben. „Als Viza und ich das Raumschiff verlassen haben, sind wir auf dich getroffen. Sind dir überhaupt weitere Personen vom Schiff begegnet?", fragt Hyuse. Jin runzelt die Stirn und denkt nach. „Ich weiß es nicht", antwortet er schließlich. „Meine Erinnerung ist noch viel zu begrenzt, um das mit Sicherheit sagen zu können. Aber da ich von vier Personen geträumt habe, muss ich sie ja wohl schon einmal gesehen haben." Hyuse hat da so seine Zweifel, schließlich war Jin die ganze Zeit bei ihm und hat gegen ihn gekämpft, behält diese Zweifel aber für sich. Vielleicht ist es Wunschdenken, dass ein Schiff aus Aftokrator unterwegs sein könnte, weil er sich so sehnlich wünscht, wieder nach Hause zurückzukehren. Es müsste doch irgendeine Möglichkeit geben, wieder an Bord zu kommen und sich dort so lange zu verstecken, bis sie zurück in Aftokrator sind. Wie genau das funktionieren soll, weiß er zwar noch nicht, aber zu gegebener Zeit würde sich schon irgendetwas ergeben. Aber möglicherweise war es ja wirklich nur eine Erinnerung und es ist kein Schiff auf dem Weg. Trotzdem schadet es nie, die Augen nach Möglichkeiten offen zu halten.
„Hyuse scheint es bei den Meeden ja ziemlich gut zu gehen", stellt Hairein fest, der auf dem Monitor dessen ausgiebiges Frühstück beobachtet. „Ich hätte ja erwartet, dass sie ihn in irgendeinem Gefängnis verrotten lassen. Aber das hier sieht ja schon fast familiär aus." „Die Meeden scheinen ihm tatsächlich zu vertrauen", sagt Viza. „Aber wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich jede Chance nutzen, dort wieder wegzukommen. Und sein Interesse, als die Sprache auf uns kam, könnte genau in diese Richtung zielen." Lamvanein grinst breit. „Er könnte uns noch hilfreich sein. Wenn sie ihm vertrauen, wir ihm aber anbieten, ihn wieder mit zurück nach Aftokrator zu nehmen, dürfte seine Loyalität den Meeden gegenüber schnell schwinden." „Eine Idee, die wir im Hinterkopf behalten sollten", stimmt Hairein zu.
Mira, die neben dem Monitor, der das Geschehen auf Meeden zeigt, auch das Navigationssystem des Raumschiffs im Auge hat, unterbricht die Unterhaltung. „Wir sind da. Ich kann jetzt jederzeit Wurmlöcher erzeugen, um auf die Oberfläche von Meeden zu gelangen." „Sehr schön", sagt Hairein und lehnt sich zurück. „Jetzt müssen wir nur noch auf eine günstige Gelegenheit warten. In das Gebäude werden wir nicht eindringen können, die Gefahr, dass dort irgendwelche unangenehme Überraschungen auf uns warten, ist zu groß." „Außerdem beherbergt das Gebäude einige sehr talentierte Kämpfer", ergänzt Viza. Lamvanein verzieht das Gesicht, er ist nicht gerade das, was man sehr geduldig nennen könnte. „Dann hoffen wir mal, dass die sich bald mal auf irgendeinen Weg machen", murmelt er unzufrieden. „Ja", sagt Hairein. „Dass dieser Kerl von uns geträumt hat, gefällt mir nicht. Das könnte ein Zeichen sein, dass seine Erinnerung kurz davor ist, wieder komplett einzusetzen. Und dann kommt womöglich auch seine Fähigkeit komplett zurück, in die Zukunft zu sehen. Wir müssen ihn unbedingt vorher ausschalten. Wir haben keine Zeit zu verlieren."
In Tamakoma ist das Frühstück mittlerweile beendet und Reiji, Kyōsuke und Kirie gehen ihren Aufgaben nach. Die anderen bleiben noch einen Moment am Tisch sitzen und Shiori fragt in die Runde: „Habt ihr schon Pläne für heute?" Alle schütteln den Kopf. „Das trifft sich gut", sagt Yōtarō, der sich kurz vom Tisch entfernt hatte und nun mit begeistertem Gesichtsausdruck zurückkommt. „Ich habe gerade im Radio gehört, dass das diesjährige Kirschblütenfest begonnen hat." „Jetzt schon? Das fängt doch normalerweise erst Ende März an", wundert sich Shiori. „Ja, aber die haben gesagt, dass das Wetter für diese Jahreszeit ungewöhnlich mild ist und die Kirschbäume darum viel früher als sonst angefangen haben zu blühen." Er setzt einen Bettelblick auf. „Können wir da hingehen? Bitte!"
Shiori schüttelt den Kopf. „Ich kann nicht mitgehen, ich habe zu tun. Aber ihr anderen könntet doch gehen. Ein entspannter Tag würde euch doch bestimmt guttun. Und Yūma und Hyuse, ihr habt das Kirschblütenfest doch ganz bestimmt noch nicht gesehen. Es ist wirklich schön." Yōtarō hüpft vorfreudig durchs Zimmer. „Au ja, lasst uns alle gehen." Er springt vor Hyuse auf und ab. „Bestimmt gibt es auch einen Stand, an dem wir Taiyakis mit allen möglichen Füllungen kaufen können. Es gibt Vanillecreme, Schokoladencreme, Matchacreme. Die musst du probieren." Hyuse, der eigentlich schon nein sagen wollte, lässt sich von Yōtarōs Beschreibung der Taiyakis doch sehr schnell überzeugen. „Na gut, warum eigentlich nicht", stimmt er zu und auch Yūma reibt sich vorfreudig den Bauch. „Die muss ich auch probieren." Jin steht auf und sagt: „Und ich kann mich nicht erinnern, also wird es für mich auch wie ein erster Besuch." Shiori hat in der Zwischenzeit einen Korb geholt, in den sie Becher, Getränke und eine Decke gepackt hat. „Hier, damit könnt ihr es an einer schönen Stelle bequem machen." Yōtarō greift nach dem Korb und erklärt: „Ich trage ihn für euch!" Doch nach wenigen Schritten ächzt er schon. Jin ergreift lachend den Henkel des Korbs und sagt: „Du hast schon genug damit zu tun, dich um Raijinmaru zu kümmern." „Na gut", sagt Yōtarō etwas kleinlaut und steigt auf Rücken seines Capybaras. „Auf zum Kirschblütenfest!", ruft er und reitet den anderen voraus.
