Liebe LeserInnen,
Ich weiß, die Pause seit dem letzten Update ist sträflich lang. Ich weiß gar nicht, ob Ihr überhaupt noch da draußen seid, und ob Ihr noch Lust habt, diese FF bis zu ihrem Ende zu verfolgen.
Fakt ist, dass ich mich wohl ein bisschen verschätzt hatte: ein eigenes Projekt und eine FF parallel laufen zu lassen, funktioniert nicht, zumindest nicht, wenn das eigene Projekt eine Deadline zur Fertigstellung hat. Aber jetzt bin ich vorübergehend zurück, vorübergehend heißt, so lange, bis Flashblack fertig ist (falls jemand es noch lesen möchte). Über den weiteren Fortgang der Textehexen-Schreiberei könnt Ihr Euch in meinem Profil hier auf der Seite informieren, das ich in den nächsten Tagen aktualisieren werde, und auch in meinem Weblog (Link im Profil).
Ich muss ja ehrlich sagen, ich habe ein wenig gezögert, nach dem vielen Stress mit dem eigenen Projekt mich gleich wieder an den schwierigen Stoff dieser FF zu machen, ich hatte Tendenzen, Flashblack auf unbestimmte Zeit zu verschieben, aber weil ich ja ein braves Mädchen bin :o) überwog der Ordnungssinn: man lässt angefangene Texte nicht einfach so herum liegen.
So, genug der Vorrede. Man entschuldige das lange Textzitat eingangs, es ist ja auch ein langes Kapitel dahinter.
Disclaimer: Mir gehört immerhin Wolframs Huhn.
Sieben: Entgleiten
Remember when you were
young,
You shone like the sun.
Shine on you crazy diamond.
Now
there's a look in your eyes,
Like black holes in the sky.
Shine
on you crazy diamond.
You were caught on the crossfire
Of
childhood and stardom,
Blown on the steel breeze.
Come on you
target for faraway laughter,
Come on you stranger, you legend, you
martyr, and shine!
You reached for the
secret too soon,
You cried for the moon.
Shine on you crazy
diamond.
Threatened by shadows at night,
And exposed in the
light.
Shine on you crazy diamond.
Well you wore out your
welcome
With random precision,
Rode on the steel breeze.
Come
on you raver, you seer of visions,
Come on you painter, you piper,
you prisoner, and shine!
(Pink Floyd, Shine On, auf "Wish you were here"
oooOOOooo
„Hofgang" sagt der Wärter, der soeben die Tür von Sirius' Zelle geöffnet hat. Sirius ist benommen von tiefem Schlaf, er hat es gerade noch rechtzeitig geschafft, aus dem Hund zu kommen. Taumelnd und steif kommt er auf die Beine.
„Bisschen plötzlich, Sieben-Vier-Eins" sagt der Wärter. Sirius senkt den Kopf und stolpert zur Tür. Das ist sein Name, Sieben-Vier-Eins, seine Nummer, und am meisten erschreckt ihn, wie sehr er sich schon daran gewöhnt hat. Manchmal sagt er sich seinen früheren Namen vor, um ihn nicht zu vergessen.
Der Gang ist mit Lichtzaubern grell und schmerzhaft erhellt. Zu beiden Seiten und auf der anderen Seite des Mittelschachtes reiht sich Zellentür an Zellentür. Die Welt besteht aus Schattierungen von Grau. Automatisch reiht Sirius sich in die Schlange der Häftlinge ein, graue Gesichter, grau gestreifte Anstaltsroben, Geruch nach ungewaschenen Leibern. Langsam geht es vorwärts, jeder einzelne von ihnen vorbei an zwei Wächtermagiern, die ihnen Ketten an Hände und Füße hexen. Die Kette, die Sirius' Hände verbindet, ist immer besonders kurz, seit er einmal versucht hat, einen anderen Häftling damit zu erwürgen. Dunkelhaft für zehn Tage, und der verfluchte Todesser ist nicht mal gestorben dabei.
Sirius hebt vorsichtig den Kopf und sieht sich nach Acht-Drei-Sechs um, einem kleinen, dünnen Vergewaltiger, mit dem er eine Vereinbarung hat. Acht-Drei-Sechs arbeitet in der Anstaltsküche und kann gelegentlich Essen nach draußen schmuggeln, das er Sirius gibt. Im Gegenzug schützt Sirius ihn vor Übergriffen durch die anderen Gefangenen. Vergewaltiger stehen ganz unten in der Hierarchie der Häftlinge. Massenmörder stehen ganz oben.
Sirius sieht sich um, und dann ist plötzlich eine schwarze Gestalt unter all den grauen: die schwarzen Roben bauschen sich um seine Beine, als er mit langen Schritten die Reihe der Gefangenen abschreitet, unbehelligt, als wäre Sirius der einzige, der ihn sehen könnte. Wie eine Krähe durchschneidet er den grauen Nebel mit seinen dunklen Flügeln und richtet den kohlschwarzen, obsidianglatten Blick auf Sirius.
„Komm mit" sagt der Schattenmann. „Ich bringe dich nach Hause."
oooOOOooo
„Nein!"
Kerzengerades Aufsitzen im Bett. Herz wie ein Hammer, Blut wie flüssiges Feuer. Laken und Kleider wie eine eisige Umklammerung auf der Haut.
Licht! Licht! Der verdammte Lichtschalter, aber hier, hier ist der Stab…
„Lumos!"
Die Schatten vergehen.
Sirius keucht und streicht sich mit der Hand übers Gesicht. Überall kalter Schweiß und Zittern.
Wie spät?
Blick auf die Uhr. Kurz nach zwei.
Kein Morgen in Sicht.
Mit weichen Knien streckt Sirius die Füße aus dem Bett und stemmt sich hoch. Mit Hilfe des Stablichtes schaltet er das Deckenlicht ein. Es schmerzt ihm in den Augen, aber nur so kann er die Schatten im Zaum halten, kann verhindern, dass sie sich wieder nähern, um ihn zu verschlingen. Für eine Weile steht er neben seinem Bett, mit kalten Füßen auf dem alten, rauen Holzboden, fröstelnd, und fragt sich, was er machen soll. Zurück ins Bett kommt nicht in Frage, obwohl er müde ist, hundemüde, denkt er, und spart sich das Lächeln, das sowieso nicht echt wäre.
Er beschließt, duschen zu gehen, um das klamme, klebrige Gefühl los zu werden, das ihm wie eine kalte Riesenschnecke den Rücken hinunter kriecht. Vielleicht kann er danach wieder schlafen. Aber da gibt es obsidianschwarze Augen, die sich in seine Seele bohren, oder wie immer dieser Teil von ihm heißt, der so seltsam weh tut, und deshalb geht er auf dem Weg ins Bad in der Küche vorbei, wo eine fast volle Flasche Grappa im Schrank steht. Trinken hilft gegen Ertrinken, so viel weiß er noch von früher.
Er macht Licht im Bad, lehnt die Tür an und dreht das Wasser in der Dusche auf. Der Flaschenhals schmiegt sich schlank in seine Hand, und der erste Schluck brennt ihm auf der Zunge und treibt ihm die Tränen in die Augen. Er steht am Waschbecken und trinkt in langsamen Schlucken, während er darauf wartet, dass warmes Wasser aus der Dusche kommt. Sein Gesicht im Spiegel macht ihm Angst: Es ist so leer, dass es jedem gehören könnte.
Er zieht sich die durchgeschwitzten Sachen aus und nimmt die Flasche mit unter die Dusche. Er achtet darauf, den Daumen über der Flaschenöffnung zu halten, damit kein Wasser hinein läuft.
Das Wasser ist fast zu heiß und hinterlässt kleine feurige Spuren auf seiner Haut. Er hebt den Kopf in den Wasserstrahl und lässt sich Augen, Nase und Mund verschließen, nichts denken, nichts spüren, nur die Berührungen von unzähligen kleinen Wasserhänden auf der Haut, sind ja schließlich die einzigen, die dort sein wollen, auf seinen Schultern, auf seinem Bauch, in der Innenwölbung des unteren Rückens und dort zwischen den Schenkeln, wo die Haut hell und weich ist. Er weiß, dass man vor Einsamkeit sterben kann. Er hat es zwölf Jahre lang nicht getan, aber jetzt ist er nah dran.
Er trinkt, und der Grappa entzündet in ihm ein Feuer, das ihn nicht wärmt. Er weiß nicht, ob er sich nach Moony sehnt oder nach Melodie oder nach einem Fabelwesen, das beide enthält, oder ob er sich nicht ohne Ansehen der Person an jeden klammern würde, der ihm eine Pause verspricht, ein bisschen Ruhe, ein bisschen Aufgehobensein. Was bleibt, sind heißes Wasser und Grappa, und er nimmt beides bis zur Neige, bis das Wasser kalt kommt und die enge Welt hinter dem Duschvorhang sich um ihn dreht.
Die Flasche zerschellt auf den Fliesen, als er aus der Dusche klettert und versucht, sich in der schwankenden Welt aufrecht zu halten. Er kniet sich hin und versucht, die Scherben aufzusammeln, doch sie zerfließen wie Wasser unter seinen Händen, und dann beißt ihn etwas, und rote Tropfen fallen auf den weißen Boden. Blut vermischt sich mit Wasser, und er dreht die Hand langsam und betrachtet das rote Muster, das auf seiner Haut entsteht. Und dann ist da eine andere Hand, die sich um seine schließt, eine narbige, die ihm in die Höhe hilft, und ein besorgter goldener Blick.
„Hier" sagt Remus. „Vorsicht. Du hast dich geschnitten. Warte. Ich mach dir ein Pflaster drum."
Sirius lehnt sich schwer gegen das Waschbecken. Der Spiegel darüber ist beschlagen. Sirius ist dankbar, dass ihm sein leeres Gesicht erspart bleibt.
Remus kramt im Badschrank und fördert ungeschickt eine Rolle Pflaster zu Tage. Er fährt mit dem Finger darüber, und ein Stück trennt sich ganz von selbst ab.
„Ich vergesse immer meine Brille" sagt er und lächelt entschuldigend. „Ich denke nicht dran, dass ich nicht mehr gut sehe, sobald das Licht an ist."
Er tritt zu Sirius und tupft ihm mit den Zipfel eines Handtuches das Blut von der Hand. Sirius denkt, ob Remus mit seinen Wolfsaugen sehen kann, wie leer Sirius' Gesicht ist, aber er beschäftigt sich mit der Hand, trocknet sie vorsichtig und klebt das Pflaster über die Verletzung. Sirius lehnt sich ein wenig nach vorne, hinein in die vertraute Wärme, den vertrauten Duft, er kann noch überdeutlich die kleinen Wasserhände auf der Haut spüren, und wenn der Gedanke ihn erregt, wird er es vor Remus nicht verbergen können. Doch Remus hebt den Blick von Sirius' Hand in seine Augen, und Sirius findet es auf eine trunkene Art lustig, wie er sich bemüht, den Blick nicht sinken zu lassen, und dann greift er hinter sich, nimmt einen Bademantel vom Haken an der Tür und wickelt Sirius hinein.
„So" sagt er und knotet ihm den Gürtel fest, als könnte er damit ein Bedürfnis an die Leine legen. „Und jetzt könntest du mir vielleicht sagen, was du hier machst?"
„Duschen" sagt Sirius.
„Um halb drei Uhr morgens" sagt Remus. „Ein Glück, dass Jerôme einen festen Schlaf hat, im Gegensatz zu mir."
„Entschuldigung" murmelt Sirius.
Remus seufzt und hebt das Handtuch, um Sirius' nasses Gesicht abzutrocknen, und Sirius dreht sich in die Berührung und küsst Remus' Hand durch den feuchten Stoff.
„Nicht" sagt Remus und nimmt die Hand weg, aber Sirius, mit dem Tanz von Wasserhänden auf der Haut und dem Feuer des Grappa in seinem Inneren, kommt ihm nach, umfasst ihn und presst ihn gegen das Waschbecken.
„Ich liebe dich" sagt Moony, seine Augen sind groß und voll von einer fernen Sehnsucht, die Sirius schmerzt wie Glasscherben. Er sieht aus wie ein Landstreicher, Moony, mager und abgerissen und grau, aber das Badezimmer um ihn ist königlich, weißer Marmor und goldene Armaturen. Hinter Sirius' Rücken rauscht Wasser in eine große Badewanne, er sieht es im Spiegel, neben seinem eigenen Gesicht, das jung und schön und lebendig ist zwischen Fluten von rabenschwarzem Haar.
„Ich liebe dich" sagt Moony, „ich habe nie damit aufgehört. All die Jahre. Die Erinnerung an dich war das Beste, was ich hatte."
„Ich weiß" sagt Sirius. „Sei nicht mehr traurig, Moony."
Er lehnt sich nach vorne und berührt Moonys Lippen mit den seinen, und sie schmecken süß wie das Leben, und dann umfasst Moony Sirius' Gesicht mit zehn narbigen Fingern und küsst ihn mit einer schmerzhaften, beglückenden Mischung aus Leidenschaft und Gewalt, und Sirius vergisst vor lauter Leben beinahe, zu atmen.
„Nicht" sagt Remus und klingt ein bisschen erstickt. „Sirius! Lass…"
„Ich sterbe" sagt Sirius auf Remus' Lippen. „Lass mich nicht sterben, bitte."
„Du bist betrunken" sagt Remus und schafft es, den Kopf weg zu drehen.
„Nein" sagt Sirius. „Ich bin leer, ganz leer. Ich sterbe. Ich liebe dich, Moony."
„Ich weiß" sagt Remus. „Immer, wenn du betrunken bist und sonst niemanden hast."
Sirius lässt Remus los und macht einen Schritt rückwärts, und Remus schaut vor sich auf den Boden und geht mit dem Daumen über seine Lippen.
„Okay" sagt Sirius. „Beiß mich."
„Was?" sagt Remus und lässt die Hand sinken.
„Beiß mich" sagt Sirius. „Ich glaube, du kannst in den Wolf gehen, so wie ich in den Hund. Also los, tu es. Beiß mich."
„Ich höre wohl nicht richtig" sagt Remus.
„Doch" sagt Sirius. „Du hörst ganz prima. Komm schon, ich mein's ernst. Beiß mich. Ich will ein Werwolf sein. Ich will mit dir laufen."
„Du läufst mit mir" sagt Remus, als könnte er nicht glauben, dass dieses Gespräch tatsächlich stattfindet.
„Nein" sagt Sirius. „Anders. Ich will es wirklich spüren. Ich will wissen, wie es ist. Ich will deinesgleichen sein."
„Hast du nichts gelernt?" fragt Remus, in seinen Augen steht ein gelbes Leuchten, das nichts mit der trüben Badezimmerlampe zu tun hat, und seine Hände zittern sichtbar. „Wie lange kennen wir uns? Fünfunddreißig Jahre? Und du hast nichts gelernt?"
„Ich habe mir das gut überlegt" sagt Sirius.
„Gar nichts hast du" sagt Remus. „Teufel, Sirius! Lykantrophie ist ein Fluch, kein Spaß! Ich dachte, das hättest du spätestens nach dem großen Vorfall gelernt, von dem wir nicht sprechen."
„Dann will ich diesen Fluch mit dir teilen" sagt Sirius. Remus schüttelt den Kopf und wendet sich ab.
„Hör auf mit deinen Spielchen, Sirius" sagt er. „Werd erwachsen."
„Nun mach schon" sagt Sirius. „Beiß mich. Es muss toll sein für Werwölfe, einen anderen zu beißen. Wie ein Orgasmus. Hab ich gelesen."
Remus schüttelt den Kopf und geht aus dem Badezimmer hinaus auf den Flur. Sirius folgt ihm auf den Fersen, eine Mischung aus Wut und Verzweiflung schnürt ihm die Kehle ab.
„Beiß mich" sagt er. „Komm schon. Beiß mich. Beiß mich, beiß mich, beiß mich."
„Nein" sagt Remus, Sirius sieht im Halbdunkel, wie er die Fäuste ballt. Gleich.
„Beiß mich" sagt er. „Komm schon. Komm schon, Wolf, komm spielen. Du hast noch nie einen Menschen gebissen, stimmt's? Lass mich der erste sein."
„Geh weg" sagt Remus mit fremder Stimme. „Augenblicklich."
Sirius schließt auf, fängt Remus um die Mitte und beißt ihn in den Hals, dort, wo die lange, alte Narbe läuft. Remus keucht.
„Beiß mich" flüstert Sirius und bekämpft ein merkwürdiges Gelächter, das in seinem Inneren kocht. „Beiß mich, beiß mich. Komm schon. Es ist wie Sex. Beiß mich."
Und dann ist es soweit. Mit einer rohen Bewegung reißt Remus sich los, es ist der Wolf, der dem schmächtigen Mann Kraft verleiht, er wirbelt herum und stößt Sirius von sich, mit einer lodernden Gewalt, die Sirius gegen die nächste Wand fegt und krachend zu Boden schickt.
„Lass mich in Ruhe!" schreit Remus. „Ich will deine Spiele nicht mehr! Was muss ich tun, was muss ich tun, zum Teufel? Kann ich nicht einmal… was soll ich denn noch tun? Ich will nicht länger dein Ersatzmensch sein!"
Der enge Flur dreht sich um Sirius. Der Boden kommt ihm entgegen, er hat sich den Kopf gestoßen, in dem noch der Alkohol tobt. Er setzt sich, klammert sich an das gelbe Leuchten in Remus' Augen und lässt endlich das Lachen raus, das ihn zu ersticken droht, es klingt ihm verzerrt und wie das eines Wahnsinnigen in den Ohren. Remus stürmt davon, Sirius hört die Haustür klappen, und dann ruft Jerôme, verschlafen und ängstlich, und Emilia erscheint in der Schlafzimmertür.
„Seid ihr fertig?" fragt sie. „Ihr habt ja beide keine Ahnung, wer hier der Ersatzmensch ist."
Emilia geht nach Jerôme sehen, und Sirius kommt taumelnd auf die Füße. Immer an der Wand entlang tastet er sich durch den Flur, nach vorne, zur Haustür, die einen Spalt offen steht. Da ist die Abstellkammer, rechts neben der Tür, ein winziger, fensterloser, schwarzer Raum voller Mäntel und Gummistiefel. Er macht die schmale Tür auf und geht hinein, und die Wände saugen ihn ein, legen sich um ihn, schneiden ihm die Luft ab und zwingen ihn in die Knie. Mit zitternden Händen fasst er hinter sich und schließt die Tür, lauscht, wie sie ins Schloss fällt, dann sucht er sich einen winzigen Platz zwischen den Mänteln, schlingt die Arme um die Knie und erstickt an seinem Lachen.
oooOOOooo
Er weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist und ob er geschlafen hat, aber als die Tür sich schließlich von außen öffnet, dringt fahles Tageslicht in seine winzige Zelle. Er wimmert und presst sich tiefer in seinen dunklen Winkel, den Kopf zwischen den Knien, obwohl er weiß, dass es nichts nützt, sich klein zu machen, weil sie ihn finden werden, weil sie ihn immer finden, weil es keinen sicheren Ort gibt.
Und dann ist doch etwas anders, die neue Präsenz ist warm, nicht kalt, und verströmt einen schwachen Duft nach Lavendel anstelle von bodenloser Verzweiflung.
„Uff" sagt sie. Die Mäntel schaukeln auf der Kleiderstange, und sie verrenkt sich, um die Tür hinter sich zu schließen. „Hier bist du."
Die Tür quietscht leise, und dann senkt sich die gewohnte, erstickende Dunkelheit über ihn. Er spürt, wie die Besucherin über seine Beine klettert, und schaudert bei der Berührung. Dann hat sie sich neben ihm niedergelassen, wo eigentlich kein Platz mehr ist, er spürt ihren Atem und ihre Wärme.
„Lila" flüstert er.
„Ja" sagt Emilia. „Was machst du hier drin?"
„Ich weiß nicht" flüstert er. „Sterben."
„Ach Quatsch" sagt sie, und er spürt ihre Finger, die nach ihm tasten, und dann zieht sie seinen Kopf an ihre Schulter, und ein Laut kommt aus seiner Kehle, der so sehr verzweifelter Hund ist, dass er für einen Augenblick nicht weiß, in welchem Körper er steckt.
„Armer Paddy" sagt sie und streichelt seine Haare, und er drückt die Nase in ihre weichen Löckchen und atmet tief und zitternd.
„Willst du mir erzählen, was passiert ist?" fragt sie nach einer endlosen Weile, die mit Atemzügen zum Bersten angefüllt ist.
„Hat er das nicht getan?" fragt Sirius, seine Stimme ist heiser und klingt dumpf in der engen Dunkelheit.
„Wer?" fragt Emilia. „Du meinst den, der heute Nacht hinauf in den Wald gestürmt ist und sich seitdem nicht mehr hat blicken lassen? Nein, er hat nichts gesagt."
„Ich weiß nicht, was passiert ist" flüstert Sirius. „Ich glaube, er hat mich sterben lassen."
„Jetzt hör auf mit der Sterberei" sagt Emilia. „Hier wird nicht gestorben. Nicht nachdem wir uns so viel Mühe gegeben haben, dich zurück zu holen."
„Warum tut er so etwas?" flüstert Sirius. „Er hält mich so fest…so fest, dass es weh tut… aber er lässt mich verhungern. Mache ich etwas falsch?"
„Ich weiß es nicht" sagt Emilia und seufzt. „Er macht es mit mir genau so. Ich glaube, er kann nicht anders."
„Er soll aufhören" flüstert Sirius.
„Wie ist das mit dir und Melodie?" fragt Emilia.
„Er sagt, ich darf sie nicht sehen" flüstert Sirius.
„Und?" sagt Emilia. „Hältst du dich dran?"
„Nein" sagt Sirius und spürt ein bisschen Wärme in seinem kalten, verkrampften Körper. „Ich gehe sie besuchen. Mit der Lady. Sie sagt auch, dass wir uns nicht sehen dürfen. Aber sie schickt mich nicht weg."
„Weil sie sehr verliebt in dich ist."
„Aber ich bin nicht richtig im Kopf" sagt Sirius. „Ich spür's nicht, wenn ich bei ihr bin, aber es ist doch so, oder?"
„Ist es nicht" sagt Emilia. „Mit deinem Kopf ist alles in Ordnung. Und du solltest zu ihr gehen, wenn es dir gut tut."
„Ich kenne sie von früher, oder? Ich habe sie nur vergessen."
„Ja" sagt Emilia.
„Seltsam" sagt Sirius.
„Komm" sagt Emilia und klettert über seine Beine. „Trinken wir einen Kaffee. Der Kleine wacht bestimmt bald auf, und ich weiß nicht, ob ich ihn hier drin höre."
Sirius blinzelt im fahlen Tageslicht, das ihm grell und erbarmungslos vorkommt, aber er streckt seinen schmerzenden Körper und humpelt hinter Emilia in die Küche. Sie macht ihm Kaffee, und er sitzt am Küchentisch und sieht ihr zu, wie sie Milch und Zucker in die Tasse rührt, mit versunkenen Bewegungen.
„Manchmal denke ich an etwas" sagt sie, ohne sich zu Sirius umzudrehen. „An jemanden. Ich habe einen guten Freund. In England. Er hat mir ein anderes Leben angeboten, bevor wir nach Deutschland gingen. Ich hätte in sein Geschäft einsteigen können. Und… bei ihm bleiben."
„Muss ein ziemlich guter Freund sein" sagt Sirius.
„Ja" sagt Emilia. „Er ist ein bisschen merkwürdig, in vielen Dingen. Ein Eigenbrötler. Ich weiß nicht, ob er in mich verliebt war, oder ist, so wie du und Melodie. Er hat eine ganz eigene Gefühlswelt… er ist ein… ganz besonderer Mensch."
„Das klingt echt schräg" sagt Sirius. „Kann man den mal kennen lernen?"
„Besser nicht" sagt Emilia, und er hört sie lächeln. „Ich glaube nicht, dass ihr euch vertragen würdet. Ihr seid euch zu ähnlich, in vielen Dingen."
„Er kann nur charmant sein, wenn er mir ähnlich ist" sagt Sirius.
„Sagt einer, der die Nacht im Schrank verbracht hat" sagt Emilia.
„Krieg ich endlich meinen Kaffee, oder wie lange willst du den noch rühren?" sagt Sirius.
Emilia stellt ihm die Tasse hin und schenkt sich selber ein.
„Es gab da einen Vorfall" sagt sie. „Ganz am Anfang. Ich war gerade eine Woche in England. Es gab eine Art… Prophezeiung, die besagte, dass sich mein Schicksal eng mit seinem verknüpfen würde."
„Und Werwölfe kamen da nicht drin vor?" sagt Sirius.
„Nein" sagt Emilia. „Remus hatte ich zu dem Zeitpunkt gerade kennen gelernt. Ein netter Typ mit einer schrecklichen Strickjacke, und richtig süß, auf eine schüchterne Art…"
„Tja" sagt Sirius. „Das kann er gut. Nett sein."
„Manchmal frage ich mich, ob er mich jemals an sich heran gelassen hat, in den letzten drei Jahren" sagt Emilia.
„Vielleicht kann er's nicht" sagt Sirius. „Jemanden an sich ran lassen. Nur der Wolf kann das."
„Ich will aber nicht nur an Vollmond verheiratet sein" sagt Emilia.
„Willst du zu ihm gehen? Zu deinem Freund in England?"
Emilia rührt Zucker in ihre Tasse.
„Und du?" sagt sie, ohne aufzusehen. „Willst du ihn haben, deinen Moony?"
„Ich weiß nicht" sagt Sirius.
„Ich auch nicht" sagt Emilia.
Sie schweigen und trinken Kaffee. Emilia blättert die Zeitung von gestern durch, aber Sirius glaubt nicht, dass sie liest. Schließlich ist sein Kaffee leer, und Remus ist immer noch nicht zurück.
„Ich geh' ihn suchen" sagt Sirius und steht auf. „Ich hab' sowieso Lust auf frische Luft."
„Ich kann nicht mit" sagt Emilia. „Einer muss auf den kleinen Langschläfer warten."
„Ist okay" sagt Sirius. „Ich kann auch mal mit mir selber Gassi gehen."
„Zieh dir was an" sagt Emilia. „Sie halten dich sonst vielleicht wirklich für einen Verrückten, wenn du im Bademantel durch den Wald geisterst."
„Ich dachte an schwarzen Pelz" sagt Sirius. „Damit ist man immer passend angezogen."
Emilia lächelt müde und blättert die Zeitung um.
Sirius ist schon im Hund und halb aus der Tür, als sie ihn zurück ruft.
„Paddy?" sagt sie. „Ich möchte, dass du eines weißt. Egal, was passiert. Ich habe viel für dich getan, und ich habe es für dich getan, nicht für ihn. Ich bereue es nicht."
Padfoot weiß nicht, wovon sie spricht, und er weiß nicht, ob es klarer wäre, wenn er im Zweibein wäre, aber er spürt ihre Zuneigung, geht zu ihr und leckt ihr die Hände, obwohl sie ihn dafür schimpft.
oooOOOooo
„Okay" sagt Sirius. „Wo ist das Gas?"
Melodie lacht, und die Sonne verwandelt ihre Haare in flüssiges Kupfer.
„Du musst erst mal die Handbremse lösen" sagt sie. „Gib ihr mehr Zügel."
„Okay" sagt Sirius, ganz Konzentration. „Moment. Das kann ich."
Er hantiert mit den Zügeln, die sich an seinen Fingern fremd anfühlen wie die Steuerelemente eines Raumschiffs, und die alte Stute beginnt gemächlich, sich um sich selbst zu drehen.
„Ha" sagt Siris. „Nein! Stop! Das war, das wollte, ich, aber…"
„Beide gleichmäßig" sagt Melodie, die sich offenbar prächtig amüsiert. Sirius lässt die Zügel fallen und klammert sich an den Sattel, als die Stute den Rückwärtsgang einlegt.
„Bleib gerade" sagt Melodie und setzt ihren eigenen Braunen in Bewegung. „So lange du nach vorne fällst, läuft sie rückwärts. Setz dich doch mal so, wie du dich auf dein Motorrad setzt."
„Das ist aber kein Motorrad" sagt Sirius und unterdrückt einen Anflug von Verzweiflung. Er fragt sich, was passieren muss, damit er lernt, seine große Klappe im Zaum zu halten. („Reiten?" höhnt seine eigene Stimme in seinem Kopf und hat eine kleine Beimischung von Moony. „Kein Problem. Verlernt man doch nicht, oder? Ich war ein prima Reiter, als Kind. Und später Quidditchkapitän, das kann doch nicht so viel anders sein?")
„Du unternimmst besser etwas" sagt Melodie freundlich. „Hinter dir kommt der Elektrozaun."
Sirius wirft sein Gewicht im Sattel zurück, und die alte Stute bleibt stehen.
„Brav" sagt Melodie. „Brave alte Troja."
„Die brave alte Troja hat den Spaß ihres Lebens mit mir" sagt Sirius empört.
„Ja" sagt Melodie und lacht, dass ihre Zähne glitzern. „Und ich erst."
Sirius atmet tief durch, schiebt den Cowboyhut aus der Stirn und wischt sich mit dem Ärmel Schweiß von der Stirn.
„Oh, Merlin" sagt er. „Was für eine Pleite. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt."
„Ich weiß" sagt sie. „Ich habe gesehen, wie du dich in die Brust geworfen hast. Du wolltest mich beeindrucken."
„Äh… ja. Mit meinen… unglaublich ausgefeilten… nur ein klein bisschen eingerosteten Reitkünsten."
„Aha."
„Zumindest mein Hut ist cool. Gib's zu. Wenigstens der Hut."
„Dein Hut ist sehr cool" sagt Melodie mit diesem amüsierten Lächeln, das ihm die Hitze in die unrasierten Wangen treibt. Er versucht einen schmelzenden Verführerblick unter der Hutkrempe, um sie zum Schweigen zu bringen, aber gerade in diesem Augenblick reißt Troja energisch den Kopf nach unten, um ein Maul voll Gras zu nehmen. Sirius, der die Zügel zu spät loslässt, wird unzeremoniell auf den warmen Pferdehals befördert und sieht sich für Sekunden mit dem Abgrund jenseits der Pferdeschulter konfrontiert. Ein warnender Schmerz südlich seines Gürtels belehrt ihn über die harten Stellen, die so ein Westernsattel aufzuweisen hat.
„Uff" sagt Sirius, richtet sich auf und versucht vergeblich, einen Rest seiner Würde zu bewahren.
„Aua" sagt Melodie und verzieht mitfühlend das Gesicht.
„Sie sollte das nicht wiederholen, wenn du jemals Kinder mit mir willst" sagt Sirius.
„Kinder?" sagt Melodie.
„Kinder?" sagt Melodie. „Haufenweise. Viele kleine Sternchen. Und ein Haus auf dem Land. Mit großen Fenstern."
„Ich bin hier" flüstert Sirius und füllt sich die Hände mit Trojas dichter, schneeweißer Mähne. „Ich bin hier. Ich bin hier. Ich bin hier. Ich bin hier. Ich bin…"
„Du bist hier" sagt Melodie, und er reißt den Blick von seinen verzweifelten Händen nach oben und starrt sie an, doch sie lächelt nur.
„Nimm die Zügel auf und setz dich gerade hin" sagt sie. „Sie soll jetzt nicht fressen."
„Was hast du gesagt?" sagt Sirius.
„Ich sagte, nimm die Zügel auf…"
„Nein. Vorher."
„Ich weiß nicht" sagt Melodie. „Aber lass uns reiten, oder willst du den Nachmittag hier auf der Wiese verbringen?"
Sirius senkt den Blick zu den Zügeln, die sich nicht in seine Hände ordnen wollen. Er hätte gerne nachgefragt, ob sie es weiß, was sie weiß, woher sie es weiß, aber dann wieder ist er sich nicht einmal sicher, ob er ihre Stimme tatsächlich gehört hat, außerhalb seines Kopfes. Er weiß schließlich, dass etwas in seinem Kopf nicht stimmt, und er muss sich sehr gut unter Kontrolle halten, damit sie es nicht bemerkt.
„Darf ich mal reiten? Lässt du mich mal reiten? Darf ich mal drauf?"
„Nein" sagt Sirius, schwingt das Bein nach vorne über den Sattelpauschen und zieht den Sattelgurt an. Unter ihm macht Rex ein paar Schritte und wirft den Kopf hoch.
„Das ist so unfair!" beklagt sich Regulus, zieht einen Flunsch und macht diese großen, runden Augen, mit denen er bei Mama immer alles durchsetzen kann.
Aber nicht bei Sirius.
„Du bist noch zu klein" informiert er den Bruder. „Du kannst noch nicht reiten."
„Das ist unfair!" wiederholt Regulus und stampft auf, dass der Sand spritzt. „Warum hast du ein Pony, und ich nicht?"
„Ich bin der Ältere" sagt Sirius, bringt sein Bein wieder in Position und nimmt die Zügel auf. „Du musst einfach warten, bis du an der Reihe bist."
„Wenn ich groß bin, habe ich einen Pegasus" trotzt Regulkus. „Kein blödes Pony. Und überhaupt ist Rex ein blöder Name! Das ist ein Name für einen Hund, nicht für ein Pony!"
„Ich find ihn gut" sagt Sirius. „Und es ist mein Pony. Ich kann es nennen, wie ich will."
Niemals, niemals würde er zugeben, wie sehr er das Tier liebt. Die Wärme des Pferdeleibs, der sich geschmeidig unter ihm bewegt, die struppige schwarze Mähne, die weiche Nase, wenn er sie in Sirius' Hände bohrt. Manchmal möchte Sirius nachts davon laufen und bei Rex im Stall schlafen, aber er hat Angst, dass jemand dann denken würde, er hätte das Tier lieb, und er hat früh gelernt, dass Dinge, die er lieb hat, schnell kaputt gehen.
Sachte bringt er die Schenkel gegen den Pferdeleib, und Rex tritt willig an.
„Ja!" sagt Melodie. „Genau! Prima!"
Unter ihm bewegt sich Troja, warm und willig, und sie ist weiß, nicht schwarz, und Regulus ist verschwunden, und Sirius atmet tief, Wiese und Leder und Pferd, und lächelt zittrig.
Plötzlich fühlt Reiten sich ganz vertraut an, und Sirius versucht, zu entspannen, um das Gefühl nicht wieder zu verlieren.
Melodie reitet voran, durch das Gatter auf den schmalen Feldweg und dann hinüber zum Waldrand. Ihr junger Brauner tänzelt unruhig, aber Troja lässt sich nicht beirren und folgt mit weiten, schaukelnden Schritten.
Der Waldboden ist weich und schluckt das Geklapper der Pferdehufe, und Sirius wird mutig, treibt Troja zum Trab und schließt auf, bis er neben Melodie ist, beinahe Knie an Knie.
„Du scheinst dich ja schnell zurecht zu finden" sagt sie. „Erstaunlich."
„Gelernt ist gelernt" sagt er. „Und ein Pferd ist schließlich kaum anders zu reiten als ein Hippogreif."
Melodie lacht. „Angeber" sagt sie. „Sag bloß, du wärest mal auf einem Hippogreif geritten."
„Bin ich" sagt er und spürt für einen Augenblick wieder den Fahrtwind, der an ihm zerrt, hört das Rauschen der gewaltigen Flügel, sieht die glatten, glänzenden Federn auf dem schlanken Hals des Hippogreifen.
„Ich weiß aber nicht mehr, wann und wo" sagt er verwirrt, während ihm ein Name immer wieder durch den Kopf geht: Seidenschnabel, Seidenschnabel…
„Ist auch nicht so wichtig" sagt Melodie, greift zu ihm hinüber zu berührt seine Schulter. „Hauptsache ist, du bist jetzt hier…"
„Ja" sagt er, nimmt ihre Hand von seiner Schulter und lässt sie nicht mehr los.
Melodie scheint den Wald gut zu kennen. Sirius hat schon bald die Orientierung verloren, und immer noch tiefer in den Wald führt Melodie ihn, sachte bergan auf verschlungenen Pfaden, bis einer schließlich auf einen breiten, erdigen Weg mündet, der von hohen Buchen überschattet ist wie ein von grünem Licht durchfluteter Bogengang. Troja nimmt den Kopf hoch und drängt gegen den Zügel.
„Meine Lieblings-Rennstrecke" sagt Melodie und lässt Sirius' Hand los, weil sie beide Hände an den Zügeln braucht. Der junge Braune tänzelt unruhig und schnaubt. „Wie sieht's aus? Traust du dir einen gemäßigten Galopp zu?"
„Wenn ich nicht plötzlich bremsen oder lenken muss" sagt Sirius.
„Alles, was du tun musst, ist drauf bleiben" sagt Melodie. „Und genießen."
Der Braune unter ihr macht einen ungeduldigen, knapp gebändigten Satz, und Troja drängt vorwärts und ist im Galopp, sobald Sirius ihr ein bisschen Zügel gegeben hat. Automatisch kommt er nach vorne, nimmt die Hände gegen den Hals und stellt sich in die Steigbügel, es ist, als würde sein Körper sich an Dinge erinnern, die sein Kopf vergessen hat, und dann rauscht ihm der Wind in den Ohren und der Wald gleitet als eine einzige gold-grüne Masse an ihm vorbei, und Troja unter ihm streckt sich, und er kann vergessen, dass sein Kopf sich nicht erinnert, die Körpererinnerung füllt ihn gänzlich aus und rauscht ihm wie eine heiße, süße Erregung durch jede Faser.
„Sie fliegt!"
Plötzlich ist das Gras unter den Rädern der Norton verschwunden, das Holpern abgerissen und ersetzt durch eine lautlose, pfeilschnelle Flugkurve, die ihn höher bringt und in sanftem Bogen über die Baumwipfel führt. Der Motor brummt und vibriert zwischen seinen Schenkeln, und um ihn ist nichts als süßer, duftender Wind, der ihm die Haare ins Gesicht schlägt und ihm den Atem vom Mund reißt. Irgendwo, tief unter ihm, sind die anderen Marauder: Prongs, begeistert, Peter, beeindruckt, und Moony, besorgt, wie immer. Er sieht ihre winzigen Gestalten tief unter sich, und dann nimmt er die Norton höher nach oben, dorthin, wo der Himmel durchsichtig blau ist, und er stemmt sich in die Höhe und reißt die Arme nach oben und schreit sein euphorisches, beinahe unerträgliches Glück hinaus, er wird ihn nie vergessen, diesen Augenblick, er ist golden, er ist für immer.
Und dann ist er nicht mehr alleine in der blauen Unendlichkeit, Melodie ist neben ihm, und dann ist er plötzlich nicht mehr oben, sondern auf dem Boden, und unter ihm bewegt sich ein Pferd, und die Norton ist verschwunden. Es gibt einen Augenblick der Irritation, Sirius wird durchgeschüttelt, gerät hinter die Bewegung, ihm wird schwindelig und sein Magen kommt ihm nach oben entgegen in einem beängstigenden Gefühl, zu fallen –
-fallen-
-fallen-
-fallen…,
und dann gleitet Troja in sanften Trab hinüber, verlangsamt weiter und bleibt stehen. Ihre Nüstern sind rosa und geweitet, als sie ihren Kopf zu ihm dreht und seinen Fuß im Steigbügel anschubst, als wollte sie ihm eine Frage stellen. Sirius klammert sich fest und keucht, als wäre er selbst gerannt, und Melodie treibt den schnaubenden Braunen dicht an Troja heran.
„Alles in Ordnung?" fragt sie besorgt.
Sirius nickt und bekämpft das eigenartige Gefühl, gefallen zu sein, obwohl er doch noch im Sattel sitzt.
„Gut" sagt Melodie. „Troja hat noch nie einen Reiter verloren, weißt du. Vielleicht reiten wir aber trotzdem langsamer weiter."
Sie lassen die Zügel lang, und die Pferde schreiten entspannt auf dem weichen Waldboden. Langsam kehrt Sirius' Magen an seinen angestammten Platz zurück, und das Lächeln geht ihm wieder leicht über die Lippen, als Melodie ihn mit seinem Hut aufzieht, und er kann sich Geschichten vom Reiterhof anhören und selber welche von Jerôme erzählen und ganz und gar hier sein, obwohl er nicht weiß, wie lange es anhalten wird.
Dann hört der Wald auf, und der Weg macht einen Knick, um dann sanft überschattet am Waldrand entlang zu führen. Vor ihnen wirft eine sommerliche Wiese sanfte Wellen, bevor viel weiter hinten wieder der Wald anfängt.
„Komm" sagt Melodie. „Ich zeige dir meinen Lieblingsbaum."
„So was gibt's?" sagt Sirius erstaunt.
„Natürlich, Stadtkind" sagt sie und lacht. „Bäume unterscheiden sich, wie alle Lebewesen. Nicht nur im Äußeren. Auch in der Aura. Es gibt knurrige und freundliche, und schläfrige, und ganz lebendige. Alle Arten von Bäumen."
„Echt" sagt Sirius. „Das klingt jetzt aber heftig nach Hippie."
„Na und" sagt Melodie. „Ich bin ein Blumenkind."
„Ich hatte bisher ein ganz einfaches Verhältnis zu Pflanzen. Essbar – nicht essbar. Macht lustige Effekte – macht keine lustigen Effekte."
„Ich weiß" sagt sie, und er wundert sich wieder einmal darüber, wie oft sie das zu ihm sagt. „Du musst noch viel lernen, weißer Bruder."
„Uff" sagt Sirius und verschweigt, dass Bäume ihn nicht im Geringsten interessieren, außer in bestimmten Situationen, wenn er im Hund ist, und er glaubt nicht, dass Melodie das gelten lässt. Dann macht der Weg eine Biegung, und Melodie zeigt auf einen, der genauso aussieht wie alle anderen: groß, mit dickem Stamm und niedrigen Ästen, die einen lichtgrünen Baldachin bilden.
„Das ist er" sagt sie.
„Aha" sagt Sirius. „Hallo, Baum."
„Sei nicht so hölzern" sagt Melodie.
„Er wird kaum aus seiner Haut können – Rinde, meine ich" sagt Sirius.
„Ich habe mit dir geredet, nicht mit ihm" sagt Melodie.
„Oh" sagt Sirius. „Ich bin eigentlich nicht so der Typ, der rumspringt und Bäume umarmt."
„Verlangt ja auch keiner" sagt Melodie fröhlich und rutscht aus dem Sattel. Sirius betrachtet sie, wie das grün gefilterte Sonnenlicht auf ihren Haaren tanzt, betrachtet das weiche dunkelgrüne Moos zwischen den dicken Baumwurzeln und denkt, dass Bäume vielleicht doch etwas für sich haben, auch wenn er nicht im Hund ist. Er lässt seinen Körper sich erinnern und schafft einen lässigen Abgang vom Pferd, indem er das Bein vorne über den Hals schwingt. Troja drückt den Kopf gegen seine Schulter und schnauft ihm in die Hand, und er kratzt sie hinter den Ohren, wo das Zaumzeug sitzt, und denkt an Rex, der sicher lange schon tot ist…
der gestorben ist, oder für ihn gestorben ist, an diesem grauen Oktobermorgen im Jahr 1970, am Frühstückstisch in der Großen Halle.
Er hat den Brief begierig aufgerissen, endlich ein Brief von Mama, er ist der einzige am Tisch, der seit Schulbeginn keine Post hatte.
„Na endlich" sagt James neben ihm. „Deine Eltern können ruhig öfter mal schreiben."
Findet Sirius nicht, nachdem er den Brief gelesen hat, es hat nicht lange gedauert, er besteht aus nicht mehr als vier Zeilen. Noch ein halbes Brötchen lang bewahrt er seine Fassung, dann knüllt er den Brief in der Faust und stürmt hinaus.
Es ist die Zeit, in der die heimlichen Unterschlupfe noch nicht entdeckt sind, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis Remus ihn auf dem Jungenklo findet und vorsichtig gegen die Tür der kleinen Kabine klopft.
„Sirius?" fragt er. „Alles in Ordnung?"
„Klar" sagt Sirius, und seine Stimme schallt hart und fast schrill von den Wänden. „Prima. Ich sperre mich nur zum Spaß auf diesem Scheiß-Klo ein."
Er hört Remus seufzen, er kann sich vorstellen, wie er sich da draußen die Unterlippe zerkaut, er kann gar nicht verstehen, wie jemand immer so viel Angst haben kann.
„Okay" sagt Remus schließlich. „Dann könntest du ja vielleicht… rauskommen?"
„Verpiss dich" faucht Sirius. „Such dir ein anderes Klo, wenn du eins brauchst."
„Ich brauch keins" sagt Remus, und das hat Sirius auch schon gelernt: dass er sich nicht einschüchtern lässt, der kleine dünne Junge mit der komischen Narbe am Hals, obwohl er sich gleichzeitig fast in die Hosen macht vor Angst. Und dass er auf eine entnervende Art hartnäckig sein kann.
„Ich warte hier" sagt Remus.
„Du verpasst Tränke" sagt Sirius.
„Du auch" sagt Remus.
Sirius putzt sich die Nase mit Klopapier, zerknüllt den Brief zu einem kleinen, festen Ball und spült ihn im Klo runter. Ohne Remus eines Blickes zu würdigen, stürmt er aus der Kabine und an ihm vorbei zum Waschbecken, wo er Wasser laufen lässt und sich spritzend die Hände wäscht.
„Glaub bloß nicht, ich wäre wegen Tränke da raus gekommen" sagt er finster. „Tränke ist mir egal, wirklich."
„Was hat denn drin gestanden, in dem Brief?" fragt Remus.
„In welchem Brief" sagt Sirius.
„In dem von gerade eben" sagt Remus. „Dem einzigen bisher, den du bekommen hast."
Sirius hebt den Blick und schaut in den Spiegel. Seine Augen sind rot gerändert, die Nase verschwollen. Es wird ein bisschen dauern, bis er wieder den Coolen geben kann.
„Ich hatte ein Pony" sagt er. „Meine Eltern haben's mir weggenommen und es Regulus gegeben. Meinem Bruder."
„Oh" sagt Remus. „Warum?"
„Falsches Haus" sagt Sirius und trocknet sich die Hände, als wollte er dem Handtuch den Hals umdrehen.
„Das tut mir leid" sagt Remus.
„Ist mir egal" sagt Sirius. „Ich brauch' kein blödes Pony. Ponys sind für Babys. Wenn ich groß bin, werde ich ein Motorrad haben, und es wird fliegen können."
„Es ist Zeit" sagt eine Stimme, und Sirius spürt eine Hand auf seiner elfjährigen Wange, und dann wird er wieder gerissen, sein verheultes Spiegelbild verschwindet, alles gerät in einen wilden Strudel, aber da ist ein goldener Faden, an dem er sich halten kann, und am Ende des Fadens sind Melodies weiche graue Augen und ihre Hände auf seinen Wangen, der Geruch nach Pferd und ein Vogel, der in den Zweigen zwitschert.
„Da bist du" flüstert Melodie. „Bleib noch ein bisschen bei mir, ja?"
„Ich kann nicht" sagt er, seine Stimme klingt, als presste man ihm ein Kissen aufs Gesicht. „Ich… Es zieht mich… ich bin immer wieder weg, und ich kann's nicht bremsen…"
„Es ist gut" flüstert sie und bringt ihre Lippen ganz nah vor seine. „Ich halte dich."
Dann küsst sie ihn, und er spürt nicht nur ihre Lippen auf den seinen, sondern auch ihre Gedanken in seinem Kopf, ein goldenes Licht, das durch die graue, chaotische Zelle geht, die sein Gehirn ist, und die zähen schwarzen Schatten vertreibt, die in den Ritzen lauern, und er füllt sich an mit einem goldenen Leuchten, taucht ganz ein und lässt sich überspülen, so lange, bis er von selbst leuchten kann und die Schatten ihren Schrecken verlieren.
Er fragt nicht. Er will nicht wissen, wie sie es macht oder ob es ein Zauber ist, er will nichts als strahlen für sie, die ihn zum Strahlen gebracht hat, und er will das Glück und die Zuversicht ausnutzen und das weiche Moos zwischen den Wurzeln, ehe alles wieder vergeht. Er vergräbt den Kopf an ihrer Schulter, er würde gerne in den Hund gehen, um sich noch vollständiger, noch farbiger mit ihrem Duft ausfüllen zu können, aber er kann nicht auf seine Hände verzichten, die sich an paradiesischen Orten aufhalten, er ist sicher, von allen Frauen hatte keine jemals so weiche Haut, hat keine ihn jemals mit einem Lächeln so entzündet. Und sie lächelt und gibt leise, schnurrende Geräusche von sich, während sie ihre geschickten Finger über seine Hemdknöpfe schickt, und dann fällt das Hemd hinunter ins Gras und wird von neugierigen Pferdenasen beschnuppert, und Melodie atmet ihm über die Brust und küsst die weichen Wirbel aus dunklen Haaren, die ihr den Weg hinunter zum Hosenbund weisen. Sirius atmet tief und zittrig, während das Leuchten sich in ihm zu einem heißen Drängen ballt, er geht zu ihr in die Knie und schiebt sie sachte rückwärts auf das Moosbett, und es könnte sein, dass sie einen oder zwei Zauber wirkt, während er die goldgesprenkelte Sonne auf ihre wundervollen Brüste scheinen lässt, aber er kann sich wirklich nicht darum kümmern, er ist viel zu beschäftigt, das Feuer, das in ihm brennt, auf sie zu übertragen.
Es ist ein Flammentanz, den er entfacht. In ihren Augen blitzen kleine Funken, er hat den Augenblick verpasst, in dem ihre Farbe von grau zu einem strahlenden Blau gewechselt hat, aber er weiß, dass die Flamme am heißesten ist, wo sie blau ist. Ihre Hände züngeln über seinen Körper und lösen Kleidung in Nichts auf, und er kann nicht genug haben von den Händen auf seiner Haut, die ihm Einsamkeit und Schatten weg streicheln, er fragt sich, wann er zuletzt von einer Frau so angefasst wurde, aber dann ist da ein goldenes Band, das sie um seine Seele schlingt und das ihn davor bewahrt, zu gleiten, und er denkt, dass er mit ihr den Weg gehen kann, bis zum Ende.
Es ist ein kurzer Weg, ein Inferno. Er hört sich selbst stöhnen, und Melodie unter ihm gibt leise, helle Töne von sich, und dann schlingt sie ihre Beine um ihn und dreht ihn auf den Rücken, unter sich spürt er Moos und Gras und flache Steine, und dann ist sie auf ihm, und dann ist er in ihr, und dann löst sich die Welt in gleißendem Licht.
Als er wieder sehen kann, befindet er sich in einer sanften, schaukelnden Bewegung. Er blinzelt und stellt fest, dass nicht er schaukelt, sondern die Zweige über ihm, an denen grün glänzende Blätter fröhlich im Wind tanzen. Melodie liegt schwer und warm auf ihm, und zwischen ihnen ist es feucht und ziemlich klebrig. Er denkt, wie aufregend es wäre, jetzt in den Hund zu gehen und mit dieser großen rosa Zunge…
Sie lächelt mit geschlossenen Augen. Er schlingt die Arme um sie und küsst ihre Wange.
„Ich liebe dich" sagt er.
Sie lacht leise in seine Brust.
„Unartiger Hund" sagt sie. „Ich weiß, was du tun wolltest, mit deiner Zunge."
„Ich hab nur mal drüber nachgedacht" sagt er träge, und, erst nach geraumer Zeit, weil sein Gehirn wohl doch noch nicht wieder optimal mit Blut versorgt ist: „Woher weißt du das?"
„Du bist so leicht zu durchschauen, mein Stern" sagt sie und küsst seine Brust. Er überlässt sich dem angenehmen Glühen, das ihre Lippen auf seiner Haut verursachen, er kann sich nicht erinnern, ihr von Padfoot erzählt zu haben, aber dann wieder kann er sich an so wenig erinnern, und irgendwann wird er es wohl getan haben, und wann, ist ihm egal.
„Willst du mein Frauchen sein?" fragt er.
„Ja" sagt sie.
„Geh nicht weg" sagt er. „Geh nie mehr weg."
„Versprochen" sagt sie.
„Ich liebe dich" sagt er.
„Ja" sagt sie, und ihre Augen sind sturmgrau und tief. „Ich liebe dich auch."
Das helle Gold auf den Blättern verwandelt sich schon in tiefes Kupfer, als sie schließlich zögernd in ihre Kleider finden. Sirius hat gerade den Gürtel seiner Jeans geschlossen, als ein Radfahrer mit knirschenden Reifen um die Biegung kommt, anhält und sich verwirrt umsieht. Sirius wirft einen Blick über die Schulter. Melodie schlüpft gerade in ihre Stiefel.
„Hallo" sagt der Radfahrer. „Äh… Entschuldigung."
„Hi" sagt Sirius lässig und bückt sich nach seinem Hemd.
„Ich… ich habe mich irgendwie verfahren" sagt der Radfahrer. „Komisch. Ist mir noch nie passiert. Eigentlich kenne ich den Wald gut, aber… könnten Sie mir den Weg zur nächsten Straße sagen?"
„Natürlich" sagt Melodie freundlich und schickt den Radfahrer mit detaillierten Anweisungen zurück in die Richtung, aus der er gekommen ist.
„Zerstreuungszauber?" fragt Sirius.
„Klar" sagt sie und grinst. „Oder wolltest du gerne von einem Förster überrascht werden, oder einem Jogger?"
„Nicht wirklich."
„Siehst du."
„Und die Pferde? Fesselzauber?"
„Was denkst du?" sagt sie entrüstet. „Die sind einfach gut erzogen. Die sind es gewöhnt, dass ich manchmal Stunden hier zubringe."
„Ach so? Du machst das öfter?"
„Alleine" sagt sie und tätschelt beruhigend seine Schulter. „Kein Grund zu bellen, mein Bester."
Tatsächlich sind die Pferde nur etwa hundert Meter abgewandert, grasen friedlich und kommen auf Melodies Pfiff hin bereitwillig angetrottet. Sirius schüttelt Tannennadeln aus seinem Hemd und zieht es an, während Melodie Sättel und Zaumzeuge richtet, und dann sind sie auf dem Heimweg, obwohl Sirius nichts weniger will als das, und das reale Leben sickert durch die Poren seiner kleinen goldenen Zeitblase und bildet schlammige Pfützen in seinem Bewusstsein.
Emilia wird vielleicht wissen, wo er ist, und Remus wird es bestimmt wissen und wird traurig und wütend und verletzt sein auf diese Art, die Sirius nicht versteht, und er wird diesen Blick haben, unter dem Sirius sich schlecht fühlt, wie ein Hund, der Schuhe oder Möbel zernagt hat, dabei kann ihm doch niemand verbieten, mit Melodie glücklich zu sein, und schon gar nicht Remus, der ihn wegschiebt und immer wieder wegschiebt.
Sie reiten langsam, aber die Pferde zieht es zum Stall, und so lässt sich die Rückkunft nicht vermeiden. Als sie in den Hof einreiten, steht die Sonne schon tief über den Baumwipfeln, und der übereifrige Schnauzer versieht in schrillem Diskant seinen Dienst. Für einen Augenblick ist Sirius versucht, in den Hund zu gehen und dem Kleinen klar zu machen, wer hier die dicke Hose hat, aber er lässt es aus Rücksicht auf die anwesenden Pferde und den kleinen Erik, der aus dem Stall gelaufen kommt, um die Ankommenden zu begrüßen.
Ein wenig steifbeinig sitzt Sirius ab und lässt sich zeigen, wie man ein Pferd versorgt, was sich als deutlich aufwendiger heraus stellt als die Betreuung eines Motorrades. Schließlich ist alles aufgeräumt, und Sirius begegnet Melodie in der engen, dunklen Sattelkammer. Ihr Gesicht schimmert weiß in der Dämmerung, und sie sieht verloren aus.
„Und jetzt?" sagt er.
„Ich weiß nicht" sagt sie und schlingt die Arme um sich selbst. Ihr Leuchten hat sie verlassen. „Wir hätten das nicht tun dürfen."
„Nein" sagt er. „Oh nein, oh nein. Nein, nein. Komm mir nicht so. Fang gar nicht so an. Ich will das nicht hören. Du glaubst doch selbst nicht dran."
„Aber…" sagt sie.
„Hör auf" sagt er. „Hör endlich auf. Du kannst mich nicht rufen und mich dann bestrafen, wenn ich zu dir komme. Hör auf, ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir wissen, was gut ist, und das ist gut."
Er bewegt die Hände zwischen sich und ihr, ihm fehlen die richtigen Worte, und sie fängt seine Hände aus der Luft und küsst die Innenflächen.
„Siehst du" sagt er, und sie lächelt und seufzt, und dann küsst er sie und lässt sein Leuchten in sie fließen, bis die Angst aus ihren Augen verschwunden ist.
„Komm" sagt er. „Wir erschwindeln uns noch ein paar Stunden."
Er nimmt sie auf der Lady mit und steigt hoch in den durchsichtig blauen Abendhimmel, und stellt fest, dass er nicht gewusst hat, was Fliegen ist, bis er es in ihren Armen getan hat.
Hand in Hand in der Babenberger Fußgängerzone sagt sie ihm, dass sie eine Legilimens ist.
„Oh" sagt er. „Dann denke ich besser nicht an andere Frauen, was?"
„Ich lese die Menschen nicht, die mir nahe stehen" sagt sie. „Nicht ohne ihre Einwilligung. Das wäre unfair. Außerdem habe ich genug damit zu tun, die Gefühle zu filtern, die ich von ihnen empfange."
Später, bei einem Kaffee und einer Zigarette in einem Rasthof an der Autobahn, erzählt er von Remus.
„Er hat immer etwas gehabt, das mich gereizt hat" sagt er. „Das mir tödlich auf die Nerven gegangen ist, oder mich fasziniert hat, oder beides. Seine Unergründlichkeit, vielleicht. Dass ich so oft nicht weiß, was er denkt. Dass er immer so undurchschaubar ist. Außer, wenn der Wolf kommt. Ich glaube, es ist der Wolf, der ihn menschlich macht – verstehst du, was ich meine?"
„Ja" sagt sie.
„Er ist ein Werwolf, übrigens" sagt Sirius.
„Ich weiß" sagt Melodie, und er fragt nicht, woher.
„Er lässt mich nicht los" sagt Sirius. „Ich hatte Zeiten, da hätte ich alles gegeben, um diese Schale zu knacken. Um einmal zu sehen, was dahinter ist. Ob etwas dahinter ist. Manchmal frage ich mich, ob es den Menschen überhaupt gibt, den ich so… von dem ich so…"
„Den du so liebst" sagt Melodie.
„Ja" sagt Sirius. „Ich wollte das nicht sagen, ich will dir nicht weh tun, ich meine, das ist doch sicher blöd, wenn…"
„Ganz ruhig" sagt sie und lächelt. „Es ist in Ordnung. Ich weiß, was du fühlst."
„Tatsächlich?"
„Ich hab' nicht geguckt" sagt sie und zwinkert. „Indianer-Ehrenwort. Er ist wichtig für dich, und ich bin wichtig für dich. Ich weiß, dass man zwei Menschen gleichzeitig lieben kann, auf völlig unterschiedliche Art."
„Ich weiß nicht, ob ich ihn wirklich noch liebe" sagt Sirius und trinkt den kalten, bitteren Rest aus seinem Pappbecher mit einem großen Schluck. „Oder ob wir nicht einfach – so verstrickt sind, dass wir nicht voneinander los kommen. Ich meine, er hat geheiratet, und alles. Trotzdem lässt er mich nicht los. Er hält mich auf Armeslänge von sich weg, aber er lässt mich nicht los."
„Irgendwann wird er dich loslassen müssen, wenn du es willst" sagt Melodie. „Du bist ein Stern. Man kann dich nicht gegen deinen Willen halten."
Viel später, irgendwo über Norddeutschland, schaltet er den Motor aus und lässt die Lady, gehalten vom Levitatis und getragen nur vom eigenen Schwung, lautlos über das flache, dunkle Land gleiten, und Melodie erzählt.
„Nicht alles" sagt sie. „Aber du hattest recht. Wir sind uns schon begegnet. Als du… aus dem Koma wach geworden bist, war ich deine Therapeutin. Du warst sehr durcheinander, viel schlimmer als heute. Manchmal bist du so schnell zwischen… deinen Realitäten hin und her gesprungen, dass wir dir nicht mehr folgen konnten. Ich habe dir geholfen, Ordnung zu machen. Und mich in dich verliebt."
„Warum?" fragt er. „In einen Verrückten?"
„Nein" sagt sie. „In dein Lächeln. In dein Strahlen. Und dass du schön anzusehen bist, hat der Sache nicht geschadet."
„Und warum bist du dann verschwunden?"
„Das kann ich dir nicht sagen" sagt sie, und er hört, wie sie fast an den Worten erstickt. „Nicht, ohne dir sehr weh zu tun, und das kann ich nicht."
„Ein anderer Mann?"
„Nein" sagt sie. „Ja, vielleicht. Aber nicht so, wie du denkst. Für mich hat es keinen anderen gegeben, seit ich dich gesehen habe."
„Aber Karla sagte etwas von einem anderen, einem Engländer, über den du nicht weg wärest…"
„Das warst du, Blitzmerker" sagt sie und boxt ihn in den Rücken. „Unser erstes Mal."
„Oh" sagt er. „Ach so. Findest du es eigentlich klug, den Fahrer zu boxen, in fünfhundert Fuß Höhe?"
„Ich vertraue dir" sagt sie und lehnt ihre Wange gegen seinen Rücken. „Du wirst bestimmt nicht abstürzen."
Ein weiterer Zwischenstopp ihrer ziellosen Reise bringt sie auf einen weiten, leeren Platz inmitten einer Großstadt. Eine Kirchturmuhr schlägt halb drei, und Sirius schaut hinauf zu den hoch aufragenden, gelb beleuchteten Zwillingstürmen einer gewaltigen Kirche.
„Wow" sagt Melodie. „Die ist wunderschön."
„Wo sind wir?" fragt Sirius.
„Keine Ahnung" sagt sie. „Könnte Bremen sein. Aber auf Bildern sehen solche Kirchen immer anders aus. Komm!"
Sie hält ihm die Hand hin. Er ergreift sie und lässt sich ziehen.
„Wohin?" sagt er.
„Kirche angucken" sagt sie.
„Och nö" sagt er. „Ich finde diesen Muggel-Kirchenkram doof. Ich meine, sie foltern ihren Heiligen und stellen das bei jeder Gelegenheit zur Schau. Wie muss man denn da drauf sein?"
„Aber ihre Kirchen sind wunderschön" sagt Melodie. „Komm schon. Nur gucken."
Das Hauptportal ist verschlossen, aber nach einem leisen Alohomora ist es das nicht mehr. Der Innenraum ist kühl und riecht nach altem Stein und Kerzenwachs. Die kunstvollen Mosaikglasfenster spiegeln sanft die gelbe Fassadenbeleuchtung. Das Kirchenschiff liegt im Dunkeln.
„Quickie?" sagt Sirius.
„Aus" sagt Melodie. „Benimm dich."
Ihre Schritte hallen eigentümlich in dem stillen, hohen Gewölbe, als sie nach vorne zum Altar gehen. Sirius will ein Stablicht beschwören, aber Melodie hält ihn zurück.
„Ich war noch nie in einer dunklen Kirche" flüstert sie. „Es ist großartig."
Sirius löst seinen Blick von ihr und sieht nach oben, wo die Wände in anmutigem Rippengewölbe aufeinander zu streben. Etwas in seinem Inneren regt sich. Er denkt, dass er, wenn er es nur zulassen könnte, durchaus ergriffen sein könnte von der schieren Großartigkeit dieses Bauwerkes. Er versucht, sich vorzustellen, wie viele Menschen ihr Leben in die Errichtung dieser Kirche investiert haben, wie viele vielleicht dabei gestorben sind, wie lange es gedauert haben mag, bis sie stand, ganz ohne Magie. Die Zauberwelt kommt ihm plötzlich bescheiden vor. Das Pompöseste, was die Magier bauen, sind Quidditch-Stadien.
Und Gefängnisse.
„Ich würde jetzt gerne gehen" sagt er.
„Wieso?" sagt Melodie.
„Nur so" sagt er und merkt schon wieder, wie seine Stimme flach wird. „Ich kann nicht so gut mit dicken Mauern."
„Okay" sagt sie und begleitet ihn nach draußen, obwohl er ihr sagt, dass sie ruhig noch hier bleiben kann, wenn sie möchte. Das Geräusch der schweren Tür, die satt hinter ihm ins Schloss fällt, ist fast zu viel. Er klammert sich an das Gefühl des kühlen Nachtwindes auf seinem Gesicht – draußen, nicht drinnen – und holt mit zitternden Händen die letzte Zigarette aus der Schachtel. Melodie steht hinter ihm, während er raucht, und hat die Arme um seine Mitte geschlungen, und dann spürt er wieder ihre zarten Geisterfinger in seinem Kopf, sie streicheln und liebkosen, es ist, als würde er mental hinter den Ohren gekrault, und langsam wird er ruhiger.
„Willst du weiter fliegen?" fragt sie, als er den Zigarettenstummel unter dem Absatz löscht. „Wenn das hier Bremen ist, ist das Meer gleich in der Nähe."
„Nein" sagt er. „Nicht ans Meer."
„Warum nicht?" fragt sie. „Wir könnten zusehen, wie die Sonne aufgeht."
„Ich hatte zwölf Jahre Meeresrauschen" sagt er. „Ich kann's nicht mehr hören."
„Oh" sagt sie. „Das wusste ich nicht."
„Macht nichts" sagt er und bemüht sich um ein Grinsen. „Tut auch mal gut, wenn du etwas nicht weißt."
„Du musst nicht tun, als wärest du gut drauf, wenn du dich nicht so fühlst" sagt sie.
„Aber ist es nicht das, was man von mir erwartet?" fragt er.
„Ich nicht" sagt sie.
„Lass uns weiter fliegen" sagt er. „Die Sonne geht auch anderswo auf."
Die Sonne hat ihren höchsten Stand schon überschritten, als Sirius schließlich das Motorrad in der Einfahrt abstellt. Er fürchtet sich vor der Begegnung mit Remus, aber dann wieder nicht so sehr, dass es nicht auszuhalten wäre.
Da existiert plötzlich ein Teil seiner Seele völlig unbeeindruckt von Remus' emotionaler Befindlichkeit. Als wäre plötzlich vor ihm im Regen ein kleines Haus aufgetaucht, in dem er sich unterstellen kann, und er könnte schwören, auf dem Klingelschild steht Melodies Name.
Remus erwartet ihn in der Küche, er sieht blass aus und hat Ringe um die Augen, als hätte er nicht geschlafen. Er faltet sorgfältig seine Zeitung, bevor er Sirius ansieht.
„Kleiner Ausflug" sagt er. „Vierundzwanzig Stunden. Du hättest nicht anrufen können?"
„Tut mir leid" sagt Sirius. „Hab ich nicht dran gedacht."
Remus nickt und fährt sich mit den Händen übers Gesicht, als könnte er so die Müdigkeit abstreifen.
„Melodie war meine Therapeutin" sagt Sirius. „Du kennst sie. Deshalb hast du so auf den Namen reagiert." Er hat eine Erwähnung des belauschten Telefonates schon auf der Zunge, aber er verschweigt es. Es fühlt sich merkwürdig an, Remus etwas zu verschweigen. Merkwürdig vertraut.
„Hat sie dir das gesagt?" fragt Remus. Er lässt sich nichts anmerken, aber Sirius' feines Hundegespür entgeht nicht seine plötzliche Anspannung.
„Ja" sagt Sirius.
„Und was noch?" sagt Remus.
„Nicht viel" sagt Sirius. „Dass sie mir die ganze Geschichte nicht erzählen kann, weil mir das sehr weh tun würde. Was ist damals gewesen, Moony?"
„Ich weiß nicht, was du meinst" sagt Remus.
„Warum habe ich sie vergessen? Ich war noch nie so verliebt. Ich vergess' doch nicht mal so eben die Frau meines Lebens!"
„Ist sie das?" fragt Remus, und Sirius wappnet sich in seiner neu entdeckten Zuflucht gegen eine Flut von Bitterkeit und Trauer. „Meinen Glückwunsch, dann."
„Danke" sagt Sirius, geht zum Kühlschrank und nimmt sich eine Flasche Orangensaft. Er beobachtet Remus, während er in kleinen Schlucken den kalten Saft trinkt. Remus sieht aus wie einer, dem eine Zentnerlast auf den Schultern liegt.
„Kannst du kein Glas nehmen?" sagt Remus.
„Sonst hast du keine Probleme?" sagt Sirius. Remus schweigt, die Stirn in die Hand gelegt.
„Komm schon" sagt Sirius. „Spuck's aus. Du weißt, wozu es führt, wenn du mir etwas verheimlichst."
„Ich habe dir nichts verheimlicht, damals" sagt Remus müde. „Ich hatte nichts zu verheimlichen. Der Verräter war ein anderer, schon vergessen?"
Sirius trinkt Orangensaft und fragt sich, wie Remus jetzt auf damals kommt, auf die schlimmen Zeiten, als alle ihn für den Verräter hielten, wo er ihn doch nur daran erinnern wollte, dass er, Sirius, alles aus ihm heraus kriegt, er geht ihm einfach so lange auf die Nerven, bis Remus die Fassung verliert und die Wahrheit heraus schreit, das ist eine bewährte Methode und hat gar nichts damit zu tun, dass Remus für einen Verräter gehalten wird oder sich vielleicht als einer fühlt.
„Ich hab mit ihr geschlafen" sagt Sirius.
„Glückwunsch" sagt Remus und lässt den Kopf auf die Tischplatte sinken.
„Wir lieben uns" sagt Sirius. „Wenn du's mir nicht sagst, wird sie es tun, irgendwann."
„Prima" sagt Remus. „Dann kannst du ja gut auf mich verzichten."
„Ja" sagt Sirius.
Remus stemmt sich hoch und kommt mühsam zum Stehen.
„Ich geh' schlafen" sagt er. „Ich war die ganze Nacht auf. Ich kann nicht mehr."
Sirius bleibt alleine zurück, zwischen schwachem Kaffeeduft und Staub, der in Sonnenstrahlen tanzt, und versucht, auf Remus zu verzichten, aber dann hat er doch einen Blick auf das große, schwarze Tier geworfen, das Verzweiflung heißt und in Remus' Augen wohnt, und kann ihn damit nicht alleine lassen.
Er geht in den Hund und spürt Remus im Bett auf, wo er angezogen liegt und ins Leere starrt. Er springt hinauf, winselt und wedelt und schubst Remus mit der Nase an, und Remus lächelt unter Tränen und vergräbt Hände und Gesicht im weichen schwarzen Fell, und Padfoot hält still, bis Remus' Atemzüge ruhiger werden, und lässt sich von ihnen in sanften Hundeschlaf hinüber begleiten.
oooOOOooo
„Ich will eine Kippe" sagt Sirius. „Jetzt. Sofort."
„Ich weiß" sagt Emilia. „Aber der Witz ist ja, eine zu wollen, und trotzdem keine zu rauchen, so lange, bis man keine mehr will."
„Ich brauche aber eine" sagt Sirius und kippelt heftig mit dem Küchenstuhl. „Ich kriege Kopfweh, und ich denke ständig nur an eine blöde Kippe!"
„Entzugserscheinungen" sagt Emilia gelassen und schlägt den Hefeteig, den sie knetet, auf die Arbeitsplatte. „Tässchen Kaffee?"
„Nein, danke."
„Iste beste Kaffee, den du kannste kriegen auf der Welt, Siiirrrius."
„Ich weiß" sagt Sirius seufzend. „Trotzdem nicht."
Der Stuhl unter ihm knackt, und er stellt ihn vorsichtshalber wieder auf alle vier Beine.
Wäre das wunderbar. Eine heiße Tasse Kaffee, süß und schwarz, und eine kleine, unschuldige, süße Zigarette. Sirius stöhnt auf und presst die Stirn gegen die Tischplatte.
„Hast du ein Aua?" fragt Jerôme interessiert.
„Ja" sagt Sirius dumpf. „Ein Ganzkörper-Aua. Ich will eine Zigarette."
„Warum?" fragt Jerôme.
„Hab ich eben Lust drauf" sagt Sirius.
„Warum?" fragt Jerôme, und Sirius stöhnt dumpf in die Tischplatte.
„Jetzt stell dich nicht an" sagt Emilia und walkt den Hefeteig. „Lenk dich ab. Mach einen Spaziergang. Geh in den Hund, oder etwas."
„Das ist nicht dein Ernst" sagt Sirius. „Du willst keinen mies gelaunten, schwer gereizten Bernhardiner-Pony-Mix in deiner Küche haben."
„Du hast recht" sagt Emilia. „Blöde Idee. Dann mach was anderes."
„Zur nächsten Tankstelle fliegen und Kippen kaufen."
„Das nicht."
„Warum hab' ich mich nur darauf eingelassen?"
„Weil du gelegentlich Momente hast, in denen du ein vernünftiger, verantwortungsbewusster Mensch bist, und weil du in so einem Moment eingesehen hast, dass die Raucherei dich umbringt."
„Quatsch. Ich habe zwölf Jahre Azkaban überlebt. Da lach ich doch über so ein paar Schadstoffe."
Emilia schüttelt energisch den Kopf. „Ich weiß ja nicht, wie du in Azkaban gehustet hast" sagt sie, „aber das, was du hier jeden Morgen von dir gibst, klingt nicht gut."
Eine Pause tritt ein. Sirius lässt den Kopf auf der Tischplatte liegen und blinzelt zu Emilia hinüber, und sie wirft einen unsicheren Blick über die Schulter. Er fragt sich, seit wann er eigentlich Azkaban-Witze reißen kann, ohne betrunken zu sein.
„Paddy?" sagt Jerôme. „Was ist denn Asbaban?"
„Erklär ich dir andermal" sagt Sirius, der das Thema nicht überstrapazieren will.
„Mama? Was ist Asbaban?"
„Ein Ort, an dem Paddy für eine Weile gelebt hat" sagt Emilia, und Sirius weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll, am liebsten aber würde er eine rauchen, nur eine, und morgen dann wirklich damit aufhören.
„Was wird'n das eigentlich?" fragt er.
„Das?" sagt Emilia. „Pizza."
„Pizza!" jubelt Jerôme. „Ich will Salami drauf!"
„Und wann ist die fertig?"
„Wenn Remus von der Arbeit kommt. Gegen sieben."
„Hm" sagt Sirius.
„Denk nicht mal drüber nach" sagt Emilia. „Tankstelle ist gestrichen. Du hast es Remus versprochen."
„Er muss es doch nicht wissen."
„Er wird es riechen."
Sirius seufzt. „Ich hasse mein Leben" sagt er. Emilia lacht.
„Du wirst dich toll fühlen, wenn du erst mal den Anfang geschafft hast. Du wirst wieder über Zäune springen können wie ein Junger. Und du wirst toll aussehen."
„Hmmm" sagt Sirius, der auf nichts weniger Lust hat, als über Zäune zu springen, egal auf wie vielen Beinen. „Aber ich seh doch jetzt schon toll aus."
„Noch viel toller" sagt Emilia. „Und jetzt hör auf zu nölen. Du kannst Tomaten schneiden, wenn du willst."
Sirius will nicht, er findet, Zigarettenentzug ist schon Arbeit genug. Er kann ohnehin nicht stillhalten, er muss mit dem Fuß wippen, mit den Fingern trommeln, auf dem Stuhl herum rutschen, man sollte ihm besser kein Messer in die Hand geben. Schließlich treibt ihn die Verzweiflung in die Höhe und hinaus in den Flur, um zum wiederholten Mal die Taschen seiner Jacke abzuklopfen nach einer einzelnen, verirrten Zigarette, die vielleicht in einer verborgenen Falte die Razzia überstanden hat. Vergeblich, wie schon die Male zuvor. Sirius stöhnt auf. Er will doch nur ein bisschen Entspannung, aufhören zu zittern, die Kopfschmerzen loswerden, die Finger beschäftigen und die Lippen, ein bisschen runter kommen und ruhig werden, ist das zu viel verlangt? Er wird zur Tankstelle fahren müssen, wenn er hier keine findet, dieser Zustand ist unzumutbar, niemand kann das von ihm verlangen.
Er geht in sein Zimmer und klopft Hosentaschen ab, auf diese Art findet er immerhin sein Feuerzeug, und dann durchfährt ihn die Erinnerung wie ein Blitz: unter der Matratze, da hat er einmal welche versteckt, nach seinem letzten gescheiterten Versuch, es aufzugeben.
Er fällt vor seinem Bett auf die Knie, steckt die Hand unter die Matratze und tastet.
Etwas knistert.
„Ja!" sagt Sirius. „Ja. Kluger Hund. Immer schön Knochen vergraben. Gut so."
Die Schachtel ist zerknautscht und platt gelegen, aber es sind noch zwei drin, und Sirius würdigt die zerknitterten Papierbögen, die er mitsamt der Schachtel zu Tage gefördert hat, keines Blickes, ehe er nicht die ersten tiefen Züge gemacht hat. Er lehnt sich gegen das Bettgestell, streckt die Beine von sich und verfolgt, wie sein Kopf leicht und frei wird und eine wohlige, ruhige Entspannung sich in seinem Körper ausbreitet. Müßig sieht er sich nach einer Gelegenheit um, die Asche abzustreifen, und zieht das Papier raus, das zwischen Matratze und Bettgestell heraus schaut.
Zu seinem Erstaunen ist es seine eigene Schrift, mit der das Papier gefüllt ist. Er klemmt die Zigarette zwischen die Lippen und blättert. Er kann sich nicht erinnern, das geschrieben zu haben.
ist nichts, sagt er, und mach dir keine Sorgen, aber ich weiß, dass etwas passieren wird. SIE HABEN ETWAS MIT MIR VOR. Ich weiß ich weiß ich weiß es ich habe es GEHÖRT, und niemand will mir etwas sagen.
Ich darf ihm nicht vertrauen. Er lügt. Moony LÜGT.
Ich bin, wer bin ich, ich bin SIRIUS BLACK, das ist mein NAME. Ich bin ein Zauberer. Ich bin ein Hund. Ich bin ein Gefangener. Nein ich bin geflohen, und sie SUCHEN mich. Sie sagen, dass niemand mich mehr sucht, es war alles ein großer Irrtum, kann ein Leben ein Irrtum sein? Ich bin ein Irrtum.
Ich bin VERRÜCKT, ich werde verrückt. Ich war nicht im Koma. Wichtig. Ich war NICHT im Koma. Ein Vorhang, was für ein Vorhang? Der Schattenmann kommt, um mich zu holen, oder ist das nur ein Traum?
Sie kommen, um mich zu holen. Was machen sie mit mir? Moony ist auf ihrer Seite, ich darf ihm nicht vertrauen. Ich darf niemandem vertrauen.
Sie sind alle tot, James und Harry und Reg und MOONY, und manchmal nicht, oder vielleicht bin ich manchmal tot und manchmal nicht. Ich wollte, JAMES wäre hier. Ich kann niemandem vertrauen, nur ihm.
Sie kommen, um mich zu holen. James ist nicht hier. Wo bin ich? Ich will nach Hause gehen. Wo ist Harry? Jemand muss sich doch um ihn kümmern, er ist doch noch so klein.
Harry Jerry Harry Jerry Harry
Sie KOMMEN
„Ah!"
Sirius reißt die Hand hoch, auf der heiße Asche eine schmerzende rote Spur hinterlassen hat. Die Zigarette fällt aufs Papier, ein Rauchkringel steigt auf. Hektisch schüttelt er die Zigarette runter und drückt sie auf dem Holzboden aus. Obwohl das Papier nur einen verschmorten Fleck hat, brennt es in seinen Händen. Er rappelt sich auf, erst, als er versucht zu stehen, bemerkt er, wie sehr seine Beine zittern. Mit weichen Knien tastet er sich hinüber in die Küche, das Papier in der Faust.
„Lila!"
Sie sieht von Teig und Nudelholz auf, und plötzliche Besorgnis fällt über ihr Gesicht.
„Ist alles in Ordnung?" fragt sie.
„Nein" sagt er. „Ich habe da, ich habe…"
Sie streift sich Mehl von den Händen und kommt zu ihm, und er will sich an sie lehnen, ihre beruhigende, schwesterliche Wärme spüren und ihr all den wirren Inhalt seines Kopfes unterbreiten.
„Was ist los?" fragt sie.
Ich darf niemandem vertrauen.
„Nichts" sagt er und zerknüllt das Papier in der Faust.
oooOOOooo
„Nichts als ein blöder Gesteinsbrocken" sagt Remus. Er legt den Kopf in den Nacken und lässt Rauch ausströmen, bevor er die Zigarette an James zurückgibt. Es ist die letzte, und sie teilen sie brüderlich. Niemand weiß, wann sich die nächste Gelegenheit bietet, welche nach Hogwarts einzuschmuggeln.
„Ein öder, blöder, großer Stein" sagt Remus. Seine Aussprache ist verwischt, aus seinem Gesicht ist die übliche ruhige Beherrschung gewichen, er sieht aufgewühlt und blass aus, und das Licht des Dreiviertelmondes macht ihn durchsichtig wie teures Porzellan. „Er leuchtet nicht mal selbst! Er kann nichts als seine immer gleiche Runde drehen und mich durch die Hölle schicken. Es ist so demütigend."
„Er kann nicht anders" sagt James und wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. „Er hängt an der Erde. Und die Erde hängt an der Sonne und kann auch nicht anders…"
„Und das ist auch gut so…" wirft Peter ein.
James macht eine Geste, um Peters Punkt zu unterstreichen.
„Und die Sonne ist immerhin ein riesiger Ball aus Gas und brennendem… brennendem… jedenfalls riesig, und leuchtet selber. Vielleicht geht es dir besser mit der Vorstellung, dass die Sonne schuld ist."
Sirius sieht zu, wie Remus nachdenkt. Selbst mitten in der Nacht, betrunken, im feuchten Gras hinter den Gewächshäusern, denkt Remus noch nach.
„Irgendwie nicht" sagt er schließlich seufzend. „Aber danke."
„Flasche" sagt Sirius und streckt die Hand aus. „Der junge Mann braucht Unterstützung."
„Der junge Mann ist unterstützt genug" sagt James, Verwalter der Flasche, und schüttelt selbige, in der ein kleiner Rest gegen die Wände plätschert. „Wir sind alle ziemlich unterstützt, glaube ich."
„Flasche, du Flasche!"
James grinst und rückt die Flasche raus. Sirius nimmt einen Schluck, beugt sich über Remus und küsst ihm die bittere, scharfe Flüssigkeit in den Mund. Remus schluckt und schließt die Augen. James stöhnt.
„Hatten wir nicht ausgemacht, dass wir es nicht sehen müssen" sagt er dumpf.
„Hab dich nicht so" sagt Peter. „Wo die Liebe eben hinfällt."
„Das wirst du auch wieder anders sehen, wenn du wieder nüchtern bist."
„Tu ich nicht" sagt Peter aufmüpfig. „Mein Cousin Paul ist schwul. Ich hab da kein Problem damit."
„Ich bin nicht schwul" sagt Sirius. „Ich bin Moony."
„Ich bin Moony" sagt Remus. „Du bist Sirius."
„Im Ernst, jetzt?" sagt Sirius, und Remus lächelt schwach.
„Im Ernst, jetzt" sagt er. „Wem würde es schon gefallen, sich von einem riesigen Stein manipulieren zu lassen?"
„Fragst du das den, der seit zwei Jahren versucht, bei Evans zu landen?" sagt James, und Remus grinst.
„Gib ihm die Flasche" sagt er zu Sirius. „Er braucht jede Unterstützung, die er kriegen kann."
Und gleiten.
„Was mach ich nur" sagt Lily und lacht unter Tränen. „Jetzt sind alle aus dem Haus. Was mach ich nur?"
„Ein neues?" fragt James zwinkernd. Seine Worte gehen im Pfeifen des Hogwarts-Express unter, das die Nachzügler zum Einsteigen bewegen soll.
„Du achtest auf sie, ja?" sagt Lily zu Harry, fasst hinüber und streicht dem Halbwüchsigen den Kragen seiner Robe glatt. „Sag den großen Jungs, dass sie es mit dir zu tun kriegen, wenn sie sie ärgern. Und sie muss regelmäßig ihre Tropfen nehmen. Morgens und…"
„…abends. Ja, Mama" sagt Harry und wirft Sirius einen gleichermaßen entnervten wie hilfesuchenden Blick zu. Sirius grinst.
„Es ist nur Hogwarts, Lily" sagt er. „Reg dich ab. Wir haben das alle gut überstanden, damals."
„Ich weiß" sagt Lily schniefend und durchsucht die Falten ihrer Robe nach einem Taschentuch. „Aber sie werden so schnell groß. Warte, bis du Stella hier abgibst, Sirius. Dann sprechen wir uns wieder."
„Kannst du nicht aufhören zu weinen, Mama?" sagt Elyse, die aussieht, als wäre sie an jedem Ort der Erde lieber als hier. „Oder heimgehen? Das ist echt so peinlich."
„Ich habe ein Recht darauf, peinlich zu sein!" trompetet Lily. „Du bist mein Kind! Ich habe mich elf Jahre lang um dein Wohlbefinden gesorgt, da werde ich bestimmt nicht von einer Sekunde auf die andere damit aufhören!"
Und gleiten.
Eine Hand in seinem Fell. Sie krault nicht, sie rüttelt, und sie will nicht damit aufhören, obwohl er ein schläfriges Knurren ausstößt.
„Sirius? Komm aus dem Hund. Es geht los."
Padfoot öffnet die Augen. Etwas liegt über dem süßen, zarten Duft der Liebsten, ein Gemisch aus Schmerz und etwas Dunklem. Sie sitzt vor ihm und atmet tief. Ihre Augen glänzen.
„Das Baby kommt" sagt Melodie.
Sirius ist wie der Blitz aus dem Hund.
Und gleiten.
„Okay" sagt Sirius, dem das Herz bis zum Hals schlägt. „Einmal noch. Wir vier, so wie früher. Die Marauder landen ihren letzten großen Coup. Weiß jeder, was er zu tun hat?"
„Komm runter, Pads" sagt James, der im Dämmerlicht grau aussieht wie ein Geist. „Jeder weiß, was er zu tun hat, nur du weißt nicht, dass du jetzt mal die Klappe halten musst."
„Pssst" macht Remus vor ihnen, kaum mehr als ein Schatten in den Büschen. „Sie kommen."
Peter schließt die Augen und bewegt die Lippen. Sirius geht in den Hund. James umklammert die Phiole, bereit, den Stöpsel zu ziehen.
„Drei" zählt Remus leise. „Zwei. Eins. Ich liebe euch. Los."
Remus stirbt als erster.
Und gleiten.
„Wir finden das!" sagt Sirius. „Das kann doch nicht so schwer sein!"
„Wir sind schon zehn Minuten zu spät, und nicht mal in der Nähe. Wie lange wollen wir die Potters warten lassen?" sagt Remus ungeduldig.
„Es ist bestimmt hier gleich" beharrt Sirius trotzig. „Bergauf ist immer gut. Wir haben doch vorhin die Türme gesehen!"
„Ich frage jemanden."
„Wen denn? Sind doch auch nur alles Touristen hier!"
Doch Remus lässt ihn stehen, steuert in der heißen Mittagssonne auf ein eng umschlungenes Pärchen zu und packt sein bisschen Deutsch aus.
„Excuse me?" sagt er. „Wir suchen das… Cathedral…?"
„Den Dom?" sagt die junge Frau hilfsbereit, und Remus nickt erleichtert.
„Kein Problem" sagt die junge Frau. „Gehen Sie hier die Treppen rauf… the stairs… und dann links…"
Und gleiten.
„Ich will Erdbeer" sagt Harry.
Und gleiten.
„Sie haben Remus geschnappt" sagt James mit blassen Lippen.
Und gleiten.
„… haben Sie den Abgabetermin um fast eine Woche überschritten!" faucht Professor Chicarelli. „Was soll ich Ihrer Meinung nach mit Ihnen tun, Mister Black?"
Und gleiten.
„… haben wir beschlossen, deine eheliche Verbindung mit Narzissa schon im Frühjahr in die Wege zu leiten" sagt Mrs. Black.
Und gleiten.
„Ich liebe dich" sagt Remus.
Und gleiten.
„Ich liebe dich" sagt Melodie.
Manchmal ist es einfacher, sich treiben zu lassen. Die Augen zu schließen, den Widerstand aufzugeben, wie ein Stück Holz im strudelnden Fluss der Bilder und Biographien, Vater sein, Schüler sein, Rockstar, auf der Flucht, verliebt, unglücklich, ganz oben, ganz unten, viele sein, egal wer sein.
Es lebt sich schlecht mit einem verschmierten Klumpen ineinander geschmolzener Erinnerungen anstelle eines Gehirns, aber wenn er aufhört, nachzudenken, kommt er klar.
oooOOOooo
Dann ist Emilia weg.
Sirius ist nicht sicher, in welchem Leben er gerade steckt, aber der Zettel am Kühlschrank ist informativ genug:
„Bin in London bei S.S., einige Dinge klären. Jerome begleitet mich. Rückflug geplant für kommenden Mittwoch. Erreicht mich übers Handy, falls nötig. Jemand soll mich bitte um 17.00 am Flughafen abholen! E."
Die zweite Hälfte der Information sitzt am Küchentisch, hat die Brille weggelegt und starrt mit trüben Wolfsaugen in das halbvolle Whiskyglas, das die narbigen Hände umklammern, als gelte es das Leben.
Sirius sieht zwischen Tisch und Kühlschrank hin und her.
„S.S." sagt er. „Das ist der geheimnisvolle Freund aus England. Der, den sie vielleicht hätte haben können, wenn sie nicht lieber dich gehabt hätte. Stimmt's?"
„Woher weißt du denn davon" sagt Remus. Seine Stimme klingt kraftlos und erstickt, und er sieht Sirius nicht an.
„Sie hat's mir erzählt" sagt Sirius. Remus nickt, nimmt einen Schluck und verzieht das Gesicht, als hätte er es mit Wolfsbann zu tun.
„Und?" sagt Sirius.
„Was, und" sagt Remus.
„Was willst du unternehmen?"
Remus stößt ein Lachen aus, als würde er an etwas ersticken.
„Mich sinnlos betrinken" sagt er. „Das ist der Plan."
„Klingt, als hättest du da lange und gründlich drüber nachgedacht" sagt Sirius.
„Das habe ich, glaub mir" sagt Remus und trinkt einen Schluck.
Sirius steht zwischen Kühlschrank und Küchentisch und betrachtet Remus, der so ganz weit weg ist, auf seinem eigenen Planeten, eingesponnen in seine eigene Dunkelheit. Er will gar nicht anfangen, darüber nachzudenken, ob ein Remus ohne Emilia gut oder schlecht wäre, ob es gut wäre, diese vom Schicksal gezeichneten Hände nur noch für das eigene Fell zu haben, die goldenen Wolfsaugen nur noch im eigenen Orbit, die schmalen, schönen Lippen nur noch, oder endlich, oder endlich wieder auf den eigenen.
Nur, dass einer hier Licht machen muss, ist ihm klar.
„Wie wäre denn etwas anderes" sagt er. „Du apparierst nach London und haust S.S. auf die Schnauze, damit er sie nie wieder in dein Weibchen steckt."
Remus seufzt und schüttelt müde den Kopf. „Er ist ein Alpha" sagt er. „Ich haue ihm nirgendwohin."
„Du bist auch ein Alpha" sagt Sirius.
„Nein" sagt Remus. „Ich bin ein Omega. Einer, der nicht einmal ein Rudel hat. Ein Ausgestoßener."
„Du hast mich."
„Da bin ich mir nicht sicher."
Remus leert sein Glas, und Sirius rührt sich nicht, weil er sich selber nicht sicher ist, weil er es vielleicht nur aus Gewohnheit gesagt hat, weil er tatsächlich noch nicht weiß, ob er ihn denn nun haben will, seinen Moony, weil er aber auch von ihm nicht lassen kann, die alte Verstrickung ist zu eng.
Remus leert sein Glas und arbeitet sich in die Höhe. Er steht nicht mehr ganz sicher, sein Gleichgewicht hat immer schon zuerst gelitten. Er nimmt seine Jacke vom Stuhl und verfehlt ein paar Mal die Ärmel, ehe er sie zu einem Klumpen wickelt und unter den Arm klemmt.
„Was machst du?" fragt Sirius.
„In die Stadt apparieren" sagt Remus. „Ich halt's hier nicht mehr aus. Und der Whisky ist auch alle."
„Betrunken apparieren ist keine gute Idee" sagt Sirius mit einer Überzeugung, die aus Erfahrung kommt, obwohl er sich nicht erinnert. „Ich bringe dich."
Remus hält sich am Stuhl und sieht Sirius an, zum ersten Mal wirklich, seit Sirius die Küche betreten hat.
„Mit dem Auto" erklärt Sirius. „Komm schon. Sich alleine betrinken ist nur halb so lustig."
Remus nickt. Erleichtert hilft Sirius ihm in die Jacke und nimmt seine eigene vom Haken.
Es wird vielleicht kein Flutlicht werden, aber auch eine kleine Kerzenflamme tröstet, wenn es dunkel ist.
Er ist erstaunt, dass Remus auf dem Weg zur Garage zum Vordach hin abbiegt, wo die Lady unter ihrem Wachstuch-Überwurf steht.
„Können wir das Motorrad nehmen?" fragt er.
„Wer bist du, und was hast du mit meinem Moony gemacht?" fragt Sirius und schafft ein beinahe echtes Grinsen. Remus' Lächeln ist ebenfalls wenig überzeugend, aber Sirius denkt, dass sie den Abend gut verbringen können, wenn sie einfach so tun, als ob.
Remus deckt die Lady ab und geht mit den Fingerspitzen über den chromblitzenden Lenker, während Sirius den Schlüssel aus der Jackentasche fingert. Remus umrundet das Motorrad, lässt die Fingerspitzen über das weiche dunkle Sattelleder gleiten und über die silbrige Tankklappe, die Sirius in einem nicht ganz gelungenen Gravurversuch mit seinen Initialen verziert hat. Für einen Augenblick kann Sirius die Finger spüren: warm, trocken und ein wenig rau auf seiner Brust, und sie folgen dem dunklen Flaum tiefer, über den Bauch in Richtung Hosenbund…
„… doch nur schnell duschen" sagt Sirius erstickt, während warme, sanfte Lippen der Spur folgen, die Fingerspitzen auf seinem Körper gelegt haben. Er spürt, wie Remus an seinem Bauch lächelt. Das Wasser spritzt dampfend in die Duschwanne und färbt sein sonnengebleichtes Haar dunkel. Sirius stöhnt, und Remus lacht leise.
„Ich halte dich nicht ab" sagt er. „Im Gegenteil. Ich folge deinem Beispiel. Gemeinsam duschen spart Wasser."
„Als ob wir's so nötig hätten" sagt Sirius atemlos und hält sich an der Wand. Der Strahl der Dusche spült ihm die Haare wie einen dunklen, glänzenden Teppich über die Schultern nach vorne. „Zu sparen, meine ich. Oh… ich… hm, mach das noch mal."
Remus grinst, kommt in die Höhe und presst sein nasses Gesicht gegen Sirius' Wange.
„Ich hab's nicht nötig" murmelt er, obwohl Sirius den eindeutigen Gegenbeweis an seinem Oberschenkel spürt. „Ich folge lediglich meinem ökologischen Gewissen."
„Was ist los?" fragt Remus.
„Nichts" sagt Sirius und hält seine Jeansjacke mit verschränkten Armen vor der Körpermitte.
Remus seufzt und lächelt und klettert mit unbeholfener Bewegung auf den Sozius.
„Dann komm" sagt er. „Ehe ich's mir anders überlege."
Sirius schlüpft in seine Jacke und steigt auf. Die Lady knattert und scheppert ein bisschen, als er sie anlässt, sie liegt schwer und glatt und beinahe atmend zwischen seinen Schenkeln, und vorsichtig steuert er sie vom Hof hinaus auf die enge Straße. Wie selbstverständlich schlingt Remus ihm die Arme um die Mitte und legt das Gesicht an seinen Rücken, und Sirius muss nicht fragen, er weiß, dass Remus fliegen will. Er gibt Gas, legt den kleinen Schalter um, der den Verschleierungszauber auslöst, und ehe die enge Straße die Rechtskurve ins Tal macht, zieht er die Lady sanft nach oben, über die Zweige der alten Obstbäume mit ihrem satten Grün, über die geflickten, krummen Dächer der alten Scheunen, über den Wolfswald, der schwarz und still unter ihnen liegt, hinein in einen Himmel, der golden übergossen ist vom Abendlicht.
Die Lady steigt bereitwillig höher. Die Luft ist kühl hier oben und feucht, und Sirius schließt für einen Augenblick die Augen und hält das Gesicht in den Fahrtwind, der ihn an den Haaren zerrt. Fliegen ist immer wieder das Größte.
Er gibt der Lady einen sanften Schwenk und steuert sie nach Süden. Remus hat nicht gesagt, welche Stadt, und so muss Sirius nicht die nächst gelegene nehmen, er hat wenig Lust, wieder zu landen.
Remus offenbar auch nicht, denn noch bevor die Autobahn hinter den Hügeln in Sicht kommt, hebt er den Kopf und bringt seinen Mund an Sirius' Ohr.
„Mach den Motor aus, ja?" sagt er. Sirius, erstaunt, gehorcht. Die Lady verstummt und gleitet lautlos, sicher gehalten vom Schwebezauber und noch angeschoben vom eigenen Schwung. Es ist sehr still, nur von der Autobahn kommt ein fernes Rauschen. Sirius wartet, aber Remus hat wieder die Arme um ihn geschlungen und schweigt. Sirius wirft einen Blick über die Schulter. Remus' Gesicht ist durch einen Wirbel aus schwarzen und silbrigen Haaren verborgen, aber offenbar schaut er hinunter. Es ist dichter Wald dort, dreihundert Fuß unter ihnen. Gelegentlich durchbricht heller Fels das Dach der Baumkronen. Eigentlich gibt es nicht viel zu sehen, aber Remus scheint gefangen in der Betrachtung.
„Und jetzt?" sagt Sirius nach einer langen Weile.
Remus löst die Umarmung und setzt sich aufrecht. Sirius dreht sich, bis er ihn sehen kann. Er sieht aus wie ein schöner, fremder Geist mit seinem silbrigen Haar, dem weißen Gesicht und den goldenen Augen.
„Ich weiß nicht" sagt Remus und schließt die Augen. „Springen, vielleicht."
Sirius atmet aus. Er ist ruhig, er hätte nie gedacht, dass er ruhig sein könnte in so einem Augenblick, aber plötzlich spürt er es wieder, das starke, goldene Band, die Leine, die ihn mit Remus verbindet, die so stark ist, dass sie nicht reißen kann, niemals reißen wird.
„Okay" sagt er. „Wenn du springst, springe ich auch."
Remus öffnet die Augen und sieht Sirius an.
„Erinnerst du dich?" flüstert er.
„Auf drei. Eins – zwei…"
Abgrund unter den Füßen, böiger Wind in den Roben und im Haar. Ein bockiger Schulbesen zwischen den Schenkeln und Remus in der Dachrinne, panisch.
Trotzdem keine Angst.
„Bereit? Okay. Ich zähl noch mal. Eins…"
„Sirius! Sirius! Sirius! Um Himmels Willen! Du bringst dich ja um!"
Und immer noch ist es ein Spiel, und Sirius ist unsterblich, Sterne sterben nie. Wölfe schon, also muss er diesen Wolf beschäftigt halten.
„Na klar, darum geht's doch, oder nicht? Eins…"
„Nein! Sirius! Nein!"
„Zwei…"
„Nein! Nein! Nein! Nein!"
„Drei" sagt Sirius, und Remus wirft sich nach vorne und umschlingt ihn mit einer Heftigkeit, die sie beide auf den Lenker der Lady befördert. Remus' Gewicht presst Sirius die Luft aus der Lunge, er keucht und hält sich am Lenker und schaut über den großen, runden Scheinwerfer hinunter in die Schatten, die dort im Abgrund lauern. Er ist sich heute nicht mehr sicher, ob Sterne unsterblich sind.
„Warte" sagt er und richtet sich vorsichtig auf. „Halt still. Spring nicht, okay? Ich springe auch nicht. Niemand springt."
„Okay" flüstert Remus.
Sirius stellt sich auf das Trittbrett, hält sich am Lenker und klettert vorsichtig, bis er verkehrt herum sitzt und Remus ansehen kann. Die Lady schaukelt sachte, sie ist beinahe zum Stillstand gekommen.
„Ich springe nicht" sagt Remus mit weißen Lippen und großen Augen. „Wieder nicht."
„Gut" sagt Sirius und versucht ein Lächeln. Remus streckt die Hand aus und berührt mit den Fingerspitzen Sirius' Wange, und Sirius hält still, als die Fingerspitzen über seine Lippen gehen, über sein Kinn und in seine Haare eintauchen, und dann gehen Remus' Lippen den gleichen Weg, und Sirius' eigene kommen ihnen entgegen, und sie treffen sich dreihundert Fuß über einem dunklen Wald, während die Nacht den Himmel überzieht wie Tinte in einem Wasserglas.
Es ist nur ein Kuss, aber es ist mehr als nur ein Kuss: es ist das Echo aller Küsse, die sie nicht geküsst haben über die Jahre. Er schmeckt nach Abschied, obwohl es der erste ist, und nach bitterer Verzweiflung und unterdrückten, tief vergrabenen Gefühlen, und als er endet, ist eine Last von Sirius' Schultern genommen.
Er hält Remus fest, der den Kopf an Sirius' Schulter vergraben hat, und atmet in das weiche, silbrige Haar, während der kühle Nachtwind ihm durch die Kleider bläst und seine Erregung lindert, die sich nur schlafend gestellt hat. Er fragt sich, ob Remus ähnlich beengte Verhältnisse um die Körpermitte hat. Er schielt hinunter, aber unter Jacke und losem Hemd kann er nichts erkennen. Er atmet und seufzt leise, es ist ja auch egal.
„Hm?" macht Remus leise.
„Nur so" sagt Sirius. „Zumindest weiß ich jetzt, warum Emilia dich genommen hat, und nicht den anderen. Du bist ein verteufelt guter Küsser."
Remus hebt den Kopf und lächelt, und Sirius kann nicht widerstehen und lässt sich erneut in den Kosmos ziehen, der aus Wärme und Licht und Leben und Remus' Zähnen, Zunge, Lippen, Dreitagebart, Atem besteht und aus den kleinen Geräuschen, die tief aus seiner Kehle kommen.
„Hattest du jemals wirklich Sex mit einem Mann?" fragt Remus irgendwann. Seine Lippen bewegen sich gegen Sirius' Mundwinkel. Sirius schluckt.
„Nun mach schon, Sieben-Vier-Eins. Schön nach vorne beugen. So ist's gut. Und jetzt entspann dich."
„Nein" sagt Sirius. „Du?"
„Nein."
„Keine Gelegenheit, oder kein Interesse?"
Remus hebt die Schultern. „Wie soll man wissen, ob es interessant wäre, wenn die Gelegenheit sich nicht bietet?"
„Keine Ahnung."
Remus sieht Sirius an, sein Blick ist tief und weich. Sirius weiß, dass er jetzt nein sagen muss, es bremsen, so lange er noch kann, einmal stark sein, einmal kein Durcheinander anrichten.
„Nein" sagt er.
„Wie bitte?" sagt Remus verwirrt.
„Wir tun's nicht" sagt Sirius. „Du und ich. Wir tun's nicht."
„Ich dachte, das wäre es, was du wolltest?"
„Willst du es denn?"
Remus atmet ein, atmet aus.
„Siehst du" sagt Sirius. „Du willst es, aber du weißt, dass es nicht richtig wäre."
„Seit wann kümmerst du dich darum, was richtig oder falsch ist?"
„Ich weiß nicht" sagt Sirius und kann ein nervöses Lachen nicht unterdrücken. „Vielleicht, seit du es nicht mehr tust. Ich meine, einer muss doch."
Remus nickt und seufzt. „Ich bin wohl einfach zu spät dran" sagt er.
„Wir sind beide zu spät dran" sagt Sirius. „Aber das macht nichts. Wir haben uns. Wir werden uns immer haben. Trotz Emilia, trotz Melodie. Nur… anders."
„Das ist eine erstaunliche Erkenntnis für eine triebgesteuerte Lebensform wie dich."
„Warte, bis ich endlich das Rauchen aufgebe."
„Und die Salamipizzas. Und die Besäufnisse. Und diese schrecklichen, geschmacklosen Fantasy-Horror-B-Movies."
„Ich will kein Heiliger werden, weißt du."
Die Nacht bringt Abkühlung mit sich, und langsam beginnt Sirius zu frieren. Er wärmt seine Hände in Remus' Ärmeln, und weil es nur folgerichtig ist, es zu Ende zu bringen, gibt er sich schließlich einen Ruck.
„Du solltest in London sein" sagt er. „Sehen, was sie macht. Den anderen in seine Einzelteile zerlegen, wenn er auch nur eine Kralle auf sie gelegt hat, egal, ob er nun ein Alpha ist oder sonst ein blöder Buchstabe."
Remus seufzt, nickt und kaut auf der Unterlippe.
„Kann ich dich hier alleine lassen?" fragt er schließlich.
„Klar" sagt Sirius und grinst. „Ich kann bei Melodie schlafen. Ich vermöbel den Terrier und nehme seinen Platz auf dem Sofa, wenn sich nichts Besseres bietet."
„Also gut" sagt Remus. „Ich bin bald zurück."
„Ruf an, wenn du Verstärkung brauchst. Es sind nicht mal sechs Stunden mit der Lady über den Kanal."
„Das wird nicht nötig sein" sagt Remus und lächelt. „Ich will nicht, dass du wieder an einem Baum niedergehst."
„Das war in unseren Anfängen" sagt Sirius und tätschelt die Lady. „Mittlerweile haben wir solche Missverständnisse ausgeräumt."
„Vielleicht bringst du uns trotzdem jetzt auf den Boden, ehe mir einfällt, dass ich Höhenangst habe."
„Wird gemacht."
Sirius richtet sich vorsichtig auf und turnt. Die Lady schaukelt leise, und Remus schließt die Augen und klammert sich fest. Sirius stiehlt sich einen letzten, schelmischen Kuss, wer weiß schließlich, wann er Remus mal wieder in dreihundert Fuß Höhe und suizidaler Grundstimmung antreffen wird, dann setzt er sich, wie es sich gehört, und lässt den Motor an.
Sterne können sterben, denkt er, aber ihr Licht glitzert auf der Erde noch lange nach ihrem Tod.
