Late Night Encounters

Kapitel 7

Kein Beistand

Mit wem? Einer Freundin? ~E

Nein. ~B

Mein Magen sackte bei diesem einen, einfachen Wort nach unten, als hätte mich ein Boxschlag getroffen. Ich ging zurück in mein Büro, warf das Handy auf meinen Schreibtisch, krallte meine Hände in mein Haar und atmete schnaubend durch.

"Verdammte Scheiße!", stieß ich durch zusammengebissene Zähne hindurch aus. Ich riss heftig an meinem Haar und fegte einen Füller quer über meinen Tisch auf den Boden.

"Alles in Ordnung, Dr. Cullen?"

Ich drehte meinen Kopf in Richtung der immer noch offenen Türe und sah die zierliche, blonde Krankenschwester vom Empfang, an deren Namen ich mich nicht erinnern konnte, am Gang stehen. Aber ihr Name hatte mich noch nie interessiert. Alles in den letzten paar Wochen hatte sich nur um eines gedreht.

Bella. Die heute Nacht nicht da sein würde. Die ausging ... ein Date hatte ... mit einem anderen Mann.

"Ja, alles in Ordnung. Danke", ich machte eine Pause und sah diskret auf ihr Namensschild. "Lauren."

"Kein Problem", antwortete sie mit einem Zwinkern und drehte sich um. Sie schloss die Tür hinter sich.

Ich verdrehte die Augen und ließ mich schwer in meinen Stuhl zurückfallen. Ich drehte mich ruckartig um in Richtung Fenster. Nicht einmal der hübsche Anblick des Schnees, der vom Himmel herabrieselte und alles mit einer glitzernden, weißen Schicht bedeckte, konnte die Wut und damit einhergehend den Schmerz lindern, der von diesem einen Wort verursacht worden war.

Sie hatte mich belogen, und ich hatte ihr geglaubt. Sie hatte mir gesagt, sie traf sich mit niemandem. Hätte sie es mir nicht gesagt, wenn es kein echtes Date gewesen wäre, sondern etwas anderes? War dies bloß eine Art von Spiel für sie? War sie wirklich nicht anders als all die anderen oberflächlichen Frauen, denen ich in meinem Leben schon begegnet war?

Noch am Tag davor wäre es für mich beinah unmöglich gewesen, so über Bella zu denken.

Und in diesem Moment saß ich hier und ärgerte mich darüber, warum sie so etwas machen würde.

Alles, das wir zwischen uns hatten, war so unglaublich gewesen. Ich hatte mich eigentlich wirklich jeden Tag darauf gefreut, nach Hause zu kommen. Meine Wohnung erfüllte mich nicht länger mit einer gewissen Einsamkeit, vor der ich immer gerne flüchten wollte. Zum ersten Mal fühlte es sich wirklich wie ein zu Hause an, als ob da jemand wäre, zu dem ich nach Hause kommen konnte. Und das tat ich auch.

Denn sie wartete jede einzelne Nacht auf mich. Egal, wie spät es war oder in welchem Zustand ich war, nur ein Blick in ihr Gesicht oder nur ein Ton ihrer Stimme sorgte dafür, dass ich mich sofort entspannte. Sie hatte kein einziges Mal signalisiert, dass sie etwas anderes wollte, dass die Zeit, die wir miteinander verbrachten, nicht genug war.

Bis heute.

Ich war ein Idiot. Weil ich mir gestattet hatte, so persönlich und vertraut mit ihr zu werden. Weil ich ihr vertraut hatte.

Weil ich sie gebraucht hatte.

Ich drehte mich zurück zu meinem Tisch und griff nach meinem Handy. Ihre letzte SMS schrie mich vom Display aus immer noch an. Was hatte sich in weniger als einer Stunde verändert, seit unserem morgendlichen Ritual, in dem wir einander spielhaft geneckt hatten, während sie zur Vorlesung fuhr? Oder noch spezifischer, wer hatte dies bewirkt?

Bilder von irgendeinem College-Typen ohne Gesicht tauchten in meinen Gedanken auf, der das berührte und erregte, was mir gehören sollte. Ihr Lächeln und dieser hübsche Rotton auf ihren Wangen, wenn er sie um ein Date bat ... Wie sie sich auf die Lippe biss, wenn sie nervös war ... Wie ihre kleine Hand in seiner lag, so wie sie in meiner liegen sollte, wenn sie ihn herein bat. Seine Hände, wie sie sie berührten und über ihren Körper strichen. Wie er ihre volle Unterlippe zwischen seine Lippen zog und ihr all die süßen Geräusche entlockte, die Geräusche, die eigentlich nur ich ihr entlocken sollte. Ich sollte in ihrem Bett sein ... aber das war nicht möglich.

Ich drückte auf Antworten, bevor meine Gedanken noch weiter abschweifen und mich quälen konnten.

Hab einen schönen Abend. Edward

Ich schaltete mein Handy auf lautlos und versuchte, mich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Auf das, was real war.

Und doch lenkte es mich nicht einmal lange ab, wenn ich in meine Arbeit abtauchte. Sie hatte mich wochenlang komplett vereinnahmt. An sie zu denken war so natürlich geworden wie das Atmen. Egal wie sehr ich versuchte, sie zu verdrängen, sie war immer da.

Es traf mich am schlimmsten, als ich meine Wohnung betrat und quer durch das Zimmer zu meinem Computer sah. Mir wurde nun vollends klar, dass sie nicht da sein würde.

Ich nahm mir ein Bier aus dem Kühlschrank, zog mir die Jacke aus und warf das Handy von meiner Tasche auf den Tresen. Das rote, blinkende Licht in der einen Ecke, das mich schon den ganzen Tag über belästigt hatte, blinkte immer noch unaufhörlich. Ich hob die Flasche an meine Lippen und starrte weiterhin mein Handy an. Ohne Zweifel bedeutete dies, dass ich während des Tages unzählige e-Mails bekommen haben musste. Sie hatte sonst keinen Grund, mir zu schreiben.

Dennoch nahm ich es in die Hand und ging damit hinüber zu meinem Schreibtisch. Ich setzte mich auf meinen Stuhl und starrte das dunkle Display meines Handys an. Ich war mir nicht ganz sicher, was wohl schlimmer war. Eine Nachricht von ihr zu bekommen oder nicht.

ch schaltete den Bildschirm ein, öffnete meine e-Mails und wie vermutet, war nichts Wichtiges dabei. Dennoch blinkte mein Handy weiter.

Am Display erschien plötzlich ein ankommender Anruf und meine Kehle schnürte sich zu.

Bella.

Ich schnaubte und schüttelte den Kopf. Ich lehnte den Anruf ab und schickte ihn auf die Sprachbox, und ich sah, dass ich zumindest eine ungelesene Nachricht hatte. Ich öffnete den Posteingang und sah, dass sie von Bella war, von heute Vormittag.

Es tut mir Leid. Ich rufe dich dann an. ~B

Mir fiel nichts ein, was ich darauf antworten könnte, also schaltete ich mein Handy aus und die Nachricht verschwand vom hatte ich eigentlich erwartet? Sie besuchte auf der anderen Seite des Landes das College, sie war in keiner Weise an mich gebunden. Was hatte ich gedacht, wie lange das so gehen würde, bis sie gelangweilt wäre und etwas Wirklicheres wollte als das? Sie war noch so jung, viel zu jung, um sich selbst auf solche Art und Weise einzuschränken. Sie sollte ausgehen, sich verabreden, Spaß haben und das Leben genießen.

Also warum war ich so wütend?

Es kam alles so abrupt. Erst heute Morgen war sie noch meine Bella gewesen, und eine Stunde später war sie fort. Bis zu dem Augenblick, da sie weg war, war mir nicht klar gewesen, wie abhängig ich in solch kurzer Zeit von ihrer Präsenz in meinem Leben geworden war.

Es ging nicht mehr bloß um Sex, und ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann es das letzte Mal bloß Sex gewesen war.

Es waren die kleinen Dinge, so wie unsere nächtlichen Unterhaltungen über dies und das, die mir in den Sinn kamen. Kleine SMS-Nachrichten während des Tages, die nichts sexuelles in ihrer Natur hatten, sondern bloß hallo sagten. Und einmal war es bloß etwas Dummes, als sie um Mitternacht beschlossen hatte, eine Schale Müsli zu essen, und mich gefragt hatte, ob ich ihr Gesellschaft leisten wollte. Wir hatten darüber Scherze gemacht, dass dies unser erstes gemeinsames Essen war.

Ich fühlte mich wohl mit ihr, ich musste nie so tun, als wäre ich jemand anderes als der einfache Edward. Aber als ich in diesem Augenblick auf den Computerbildschirm starrte, schmerzte meine Brust förmlich wegen ihrer Abwesenheit. Auch wenn ich mich jetzt auf dieser Seite eingeloggt hätte, hätte ich nie mehr eine andere Bella gefunden, also verspürte ich auch nicht den Wunsch, das zu tun.

Ich trank mein Bier aus, schaltete den Bildschirm ab und machte mich auf den Weg in mein Schlafzimmer, wo ich mich immer noch voll bekleidet auf das Bett fallen ließ. Aufgrund der Anstrengungen des Tages und der einhergehenden Anspannung schlief ich rasch, aber nicht friedvoll ein.

Sie war da. Obwohl ich nicht zum ersten Mal von ihr träumte, war sie hier lebhafter denn je zuvor. Sie lag neben mir, ihr Körper war an meiner Seite an mich gepresst, und sie flüsterte, dass sie mich vermisste. Ihre Lippen strichen über meine nackte Schulter.

Ich zog sie an mich, vergrub mein Gesicht in ihrem langen braunen Haar und ihre Arme legten sich um meine Schultern. Ich rollte sie auf den Rücken, drückte ihr einen Kuss auf ihre vollen Lippen und hörte sie leise wimmern, während ich mich zwischen ihren Beinen niederließ. Ich blickte ihr in die Augen und sie starrte mich mit ihren seltsam grün-braunen Augen an. So eine Nuance hatte ich noch nie zuvor gesehen. Sie waren so hell, dass sie beinahe durchsichtig waren. Ich brachte mich in Position. Ihre Finger vergruben sich in meinem Haar und sie küsste mich sanft.

"Ich werde dich nie verlassen, Edward", flüsterte sie gegen meine Lippen. Sie nahm meine Unterlippe mit ihren eigenen Lippen gefangen und zog mich näher.

Als ich mich bewegte, um in sie einzudringen, verschwand sie und ich fiel hinab in die Dunkelheit.

Das unnachgiebige Klingeln meines Weckers riss mich abrupt aus meinem ruhigen Schlaf. Ich schlug mit meiner Hand auf die Schlummertaste und wollte meine Augen nicht öffnen. Beinahe konnte ich die Berührung ihres Körpers an meiner Seite spüren, ihre warme Haut und ihre weichen Lippen. Und sobald ich meine Augen geöffnet hatte, wusste ich, dass alles wieder komplett verschwinden würde.

"Du bist schon weg, Bella", murmelte ich unbewusst in mein Kissen, das mich mit dem, das ich hören und sehen wollte, verhöhnte.

Ich drehte mich auf den Rücken, rieb mir mit den Handflächen meine Augen und ließ meine Hände dann auf meine Brust fallen. Ich starrte an die Decke.

Ich wollte noch nicht aufstehen, und das musste ich auch nicht wirklich. Heute war mein freier Tag und alles, das ich tun musste, konnte warten. Und doch war ich mir auch nicht sicher, ob ich wieder schlafen gehen wollte. Ein Teil von mir verfluchte mich selbst, weil ich am letzten Abend nicht daran gedacht hatte, den Wecker abzustellen. Gleichzeitig war ein anderer Teil von mir dankbar, dass dem doch nicht so war. Ich hätte mich gedanklich in Bellas süßen Tiefen verlieren können, aber wäre das wirklich besser gewesen?

Ich warf die Decke ruckartig zur Seite, schwang meine Beine aus dem Bett und stand auf. Ich ging quer durch das Zimmer zum Fenster und streckte mich dabei durch.

"Einfach verflucht perfekt", murmelte ich, als ich hinaussah. Ich sah nichts weiter als ein grelles Weiß, denn über Chicago zog geradesein heftiger Schneesturm.

Tja, da ging mein Plan dahin, heute raus zu gehen, dachte ich im Stillen, und ich stieß mich vom Fensterbrett ab und machte mich auf den Weg in die Dusche. Ich hatte schon genug Tage wie diese in der Notaufnahme verbracht, darum wollte ich nicht einer der nächsten Patienten werden.

Das verschaffte mir nur noch mehr Zeit zum Nachdenken und erlaubte meinen Gedanken, in eine Richtung zu wandern, die ich lieber nicht einschlagen wollte.

Bella.

Unwillig begann ich mich zu fragen, wie ihr Date letzte Nacht wohl gelaufen war. Hatte sie Spaß gehabt? Hatte er sie zum Lächeln und Lachen gebracht, so wie er es immer tat? Hatte er die Lippen gespürt, von denen ich nur träumen konnte, und gehört, wie sie ihm vor Erregung seinen Namen ins Ohr gestöhnt hatte? Hatte er ihr Haar wie einen Fächer über das ganze Kissen gebreitet?

Hatte er ihr den Orgasmus geschenkt, den sonst ich ihr schenken konnte?

Reiß dich zusammen, Cullen. Es geht nicht immer nur um Sex, weißt du noch? Meine Gedanken schrien mich förmlich an.

Ich lief nach meiner Dusche hinaus in meine Küche, mein Handtuch war noch um meine Hüften geschlungen. Ich drehte die Heizung höher und begann, meinen Kaffee zu brühen.

Nein, es ging nicht nur um Sex. Aber es war leichter, mich darüber weiterhin zu ärgern, als pathetisch den kleinen Dingen nachzutrauern, wie wenn er ihre kleine Hand in seiner halten könnte. Wie wenn ihr Kopf an seiner Schulter lehnen könnte und ihm die Möglichkeit gab, den Geruch ihres Haares einzuatmen. Ihre Augen, die ihn fasziniert ansahen, wenn er sprach.

Ich nahm den ersten Schluck Kaffee und ging hinüber zu meinem Tisch, wo ich in meine e-Mails sah, bevor ich mich anziehen und überlegen wollte, was ich mit dem heutigen Tag anfangen könnte. Ich war überrascht, dass ich eine e-Mail von Emmett vorfand, die er vor etwa einer Stunde abgeschickt hatte.

Hey Doc, geht's dir gut? Du hast nicht besonders gut ausgesehen, als du gestern Nacht gegangen bist, und du hast weder deine Anrufe angenommen, noch auf SMS reagiert. Ich hoffe, dass alles okay ist. Genieß deinen freien Tag, dieser Surm lässt nicht nach.

Em

"Shit", murmelte ich, schnappte mir mein Handy und schaltete es ein. Zwischenzeitig ging ich zu meinem Kleiderschrank und zog mir eine frische Jeans an. Währenddessen hörte ich schon mein Handy wie wild vibrieren, da ich so viele neue Nachrichten bekam. Ich zog mir ein Shirt über den Kopf, nahm mein Handy wieder in die Hand und sah auf das Display.

In der Nacht hatte ich einige SMS von Emmett bekommen, aber nur eine Nachricht zog mich in ihren Bann.

Sie hatte letzte Nacht auch geschrieben.

Ich fuhr mir mit meiner freien Hand durch das Haar und meine andere fiel nach unten, sodass das Display an meinem Oberschenkel lag. Ich holte tief Luft. Warum tut sie das? Sie hatte ihre Wahl doch schon getroffen.

Dennoch nahm ich es wieder hoch und wählte ihre Nachricht aus. Ich musste wirklich prädestiniert für Bestrafungen sein.

Es tut mir so Leid, Edward. Schick mir eine SMS, wenn du kurz Zeit hast, bitte. ~B

Ich verdrehte die Augen und sah nach, wann sie mir die SMS geschickt hatte. Um 22:28 Uhr.

Da war es gerade erst 20:28 in ihrer Zeitzone. Das muss ja ein tolles "Date" gewesen sein.

Mein Computer im Zimmer nebenan gab ein Klingeln von sich und kündigte eine neue e-Mail an. Ich warf mein Handy auf das Bett und ging wieder hinaus ins Wohnzimmer.

"Mir geht's gut, Emmett", murmelte ich leise, bevor ich mich hinsetzte und genau wusste, dass er nicht aufgeben würde, ehe er eine Antwort bekommen hatte.

Er war ein toller Freund, aber lästig wie eine Mücke!

Als ich jedenfalls auf den Bildschirm sah, leuchtete mir nicht "Emmett McCarty" entgegen. Stattdessen las ich "Bella Swan".

Edward,

ich weiß, dass du vermutlich jetzt ziemlich wütend auf mich bist, und ich gebe dir keine Schuld, dass du meine SMS nicht beantwortet hast. Aber ich muss wirklich mit dir reden und alles erklären. Ich bin jetzt online und gehe nicht in den Unterricht. Ich bin viel zu müde und abgelenkt. Bitte.

Bella

Mein Bein wippte unruhig herum, während ich las.

Ist es spät geworden, Bella?, schnarrte ich in Gedanken und lehnte mich in meinem Sessel zurück. Ich wippte nach vor und zurück und klemmte meine Lippen zwischen Daumen und Zeigefinger ein ... aber mein Blick ruhte weiterhin auf dem Bildschirm.

Was könnte sie mir womöglich zu sagen haben? Und was würde ich ihr zu sagen haben? Ich sollte dem Ganzen einfach ein Ende bereiten, dachte ich. Aber allein der Gedanke daran löste einen Schmerz in mir aus. Ich wusste mit Sicherheit, dass das weder gesund, noch vernünftig war, aber einem Teil von mir war das egal. Ich wollte sie, ich begehrte sie mehr als jede andere Frau zuvor. Sie verstand mich besser als all die anderen Frauen ... zumindest hatte ich das gedacht.

Es gibt nichts zu erklären. Ich hoffe, du hattest einen schönen Abend und dass er es wert gewesen war.

Ich klickte auf senden, stand auf und ging in die Küche, wo ich meinen Kaffee aufwärmen wollte. Ich sah zu, wie die Crema langsam verschwand, während ich umrührte. Ich spürte wieder diesen Schmerz. Ich konnte mich nicht einmal überwinden, ihren Namen zu tippen, wie gestört war das bitte? Egal, ich wusste auch, dass ich mich so gut wie möglich ablenken musste, und nebenbei versuchen musste, so neutral wie möglich zu wirken.

Ich konnte mir nicht erlauben, sie wissen zu lassen, dass mich das alles in Wirklichkeit in Stücke riss – besonders nach dem Traum, den ich diese Nacht gehabt hatte.

Ich nahm gerade einen Schluck von meinem Kaffee, als dieses verdammte Klingeln wieder ertönte. Ich seufzte schwer und lief wieder zurück zu meinem Schreibtisch. Ich war erleichtert, dass es diesmal wirklich Emmett war, der geschrieben hatte.

Ed, verdammt, Mann. Ich weiß mit Sicherheit, dass dein Arsch nun wach ist. Also antworte endlich mal.

Em

Ich gluckste ein wenig und drückte auf antworten.

Em,

würdest du so auch mit deiner Mutter reden? Alles ist okay. Nur persönlicher Kram. Danke für dein Interesse.

Und jetzt geh endlich schlafen!

Edward

Sobald die Nachricht abgeschickt war, erschien in meinem Posteingang ganz oben eine neue e-Mail. Ich holte tief Luft, stieß sie schwer wieder aus und öffnete die Nachricht.

Edward,

oh doch. Bitte gib mir nur fünf Minuten.

Das Date war ein Desaster, wenn du es unbedingt wissen musst.

Bella

Ich lehnte mich auf meinem Schreibtisch etwas vor und vergrub meine Hände in meinem Haar.

Warum gibt sie nicht auf und lässt mich in Ruhe? Hatte sie wirklich gedacht, sie könnte mich vor und zurück werfen wie einen Ping-Pong-Ball?

Das Problem war ... dass sie wirklich diese Macht über mich hätte, wenn ich es zulassen würde.

Tut mir Leid, das zu hören. Aber ich werde nicht dein Notfallplan sein.

Edward

In dem Augenblick, in dem ich die Nachricht abschickte, bereute ich auch schon wieder, dass ich sie überhaupt geschrieben hatte. Sie war nicht nur unnötig grausam und brachte mich dazu, mir wie ein absolutes Arschloch vorzukommen, nein, sie war offenbar auch gelogen.

Mein Handy klingelte einen Augenblick später in meinem Schlafzimmer und ich ging hinüber, um zu erkennen, dass sie es war, die anrief.

Ich drückte den Anruf wieder weg, warf das Handy zurück auf das chaotische Bett und warf mich anschließend selbst darauf.

Was machte ich hier bloß? Ich war ein Feigling. Ich benahm mich, als wäre ich auf der High School und nicht der professionelle Erwachsene, der ich in Wirklichkeit war.

War ich eifersüchtig? Fuck, ja, das war ich.

War ich wütend? Natürlich.

War ich böse auf sie?

Als ich über diese Frage nachdachte, vibrierte mein Handy neben mir wieder und ich nahm es in die Hand. Ich nahm an, es wäre eine Sprachnachricht von ihrem Anruf. Stattdessen fand ich eine ungelesene SMS vor.

Edward, ich weiß, dass du da bist. Ich bitte dich nur um 5 Min. und bin bereit, mich komplett zu blamieren. Bitte antworte mir.

Ich seufzte schwer und rieb mir mit den Händen über das Gesicht. Sie würde wohl nicht aufgeben, aber wollte ich überhaupt ihre Stimme hören? Ich musste zugeben, es wäre um einiges leichter, als jetzt gerade ihr Gesicht zu sehen. Ihre Augen und das, was darin lag oder nicht mehr lag, zu sehen.

Aber ich konnte mir zumindest anhören, was sie zu sagen hatte.

Ich markierte ihren Namen auf dem Bildschirm, drückte auf wählen und nach einem Klingeln hörte ich ihre Stimme.

"Edward", antwortete sie in einem eiligen Atemstoß und ich merkte bei diesem Klang sofort, wie es in meiner Brust eng wurde. Ich konnte hören, wie sie sich am anderen Ende der Leitung räusperte, da ich nicht sofort antwortete. Daraufhin ertönte ein leises Schniefen. Weinte sie? Bevor ich ihr auch nur eine Frage stellen konnte, begann sie zu sprechen: "Ich weiß, dass du wütend bist. Nur bitte hör mir zu."

"Also, was willst du mir sagen?", fragte ich und versuchte, meine Stimme ausgeglichen und emotionslos klingen zu lassen.

"Wegen gestern Nacht", begann sie und ich atmete vorsichtshalber schon mal langsam durch die Nase ein. "Es ist nicht so, wie du glaubst."

"Oh, wirklich? Also war das gestern Abend kein Date?", fragte ich scharf. Ich setzte mich auf dem Bett auf und rutschte hoch, um mich am Headboard anzulehnen.

"Tja, doch", antwortete sie leise mit einem Seufzen.

"Nachdem du schon mit mir Pläne geschmiedet hattest?", fuhr ich fort.

"Ja, aber ..."

"Dann ist es genau das, was ich glaube", schloss ich und schüttelte den Kopf. "Das ist alles, das ich wissen muss."

"Nein!", rief sie laut, was mich dazu brachte, meine Augen weit aufzureißen, und mich davon abhielt, den Anruf zu beenden. "Das ist es wirklich nicht."

Ich wedelte frustriert mit meinem Arm herum, während mein Kopf immer noch am Kopfteil des Bettes lehnte, und spürte ein leichtes Stechen durch den Jeansstoff am Oberschenkel, als ich meine Hand darauf klatschen ließ. "Schön, dann kläre mich auf."

Ich schloss meine Augen und konnte sie mir fast vorstellen, wie sie sich auf die Lippe biss und eine ihrer langen Strähnen um ihren Finger wickelte, so wie sie es immer tat, wenn sie wegen irgendetwas nervös war.

"Es war ein Blind Date, das meine Freundin Alice arrangiert hatte. Ich kannte den Kerl nicht einmal", antwortete sie mit schwacher Stimme.

"Das hilft wirklich nicht weiter", antwortete ich gereizt. Meine Faust verkrampfte sich an meinem Bein. Auch bei der Entfernung war ich vertrauter mit ihr, als dieser Kerl es gewesen war, aber er war ihr dennoch nah genug, um sie zu berühren.

"Es ist nichts passiert, Edward", sagte sie in einem beinah wissenden Tonfall, dem ein kleiner Hauch Verzweiflung anhing. "Auch wenn ich gekonnt hätte, es ging einfach nicht."

Ihre Stimme war leise und sie schweifte ab. Ich öffnete langsam meine Augen und starrte hoch an die Decke. "Bella ..."

"Ich habe meine Periode bekommen", murmelte sie schnell und stieß einen zittrigen Atem aus. Damit unterbrach sie alles, was ich hätte sagen wollen. "Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte, und wir können ja nicht wirklich ... viel machen, wenn ich meine Tage habe. Ich wusste nicht, was ich tun sollte."

Ich seufzte schwer, fuhr mir mit der Hand durch mein Haar und lehnte meinen Kopf wieder zurück an das Headboard. "Also anstatt dass du mir einfach gesagt hast, dass du deine Periode bekommen hast, hast du beschlossen, lieber auf ein Blind Date zu gehen."
"Ich weiß, ich weiß! Das war dumm! Aber das ist nicht gerade das angenehmste Thema für eine Frau, weißt du", hauchte sie schwer und ich konnte beinahe hören, wie sie ihre Lippen frustriert spitzte. "Besonders wenn man sich die Natur unserer Beziehung genauer ansieht."

"Und was genau wäre die Natur unserer Beziehung?", gab ich schnappig zurück und schoss mit dem Kopf in die Höhe.

"Sex, Edward", sagte sie mit kaum hörbarer Stimme. Sie grummelte beinah verteidigend, bevor sie fortfuhr: "Ob wir uns nun berühren können oder nicht, es dreht sich um Sex!"

Ich hob meine Hand und drückte damit meine Nasenwurzel. Wir waren beide eine unendlich lange Zeit über still. Ich konnte ehrlich nicht sagen, was ich erwartete, weil ich mir wirklich nicht sicher war, aber ihre Worte fühlten sich an wie ein Schlag in den Magen. Meine Hand fiel in meinen Schoß und ein schwerer Seufzer entkam meinen Lippen. "Das ist es für dich?"

"Was sonst könnte es womöglich sein?", fragte sie schwach, gefolgt von einem tiefen Einatmen.

"Nein", gluckste ich humorlos, stand vom Bett auf und stürmte zurück ins Wohnzimmer. Ich kaufte ihr das über das Telefon nicht ab. Ich tippte mein Passwort für diese Seite ein und bekam sofort die Meldung, dass sie ebenfalls noch online war. "Schalte deine Webcam ein, Bella."

"Was?", antwortete sie atemlos vor Schock.

"Schalte deine Cam ein und lass mich dich sehen", antwortete ich streng durch zusammengebissene Zähne.

"Edward ..."

"Mach es. Du wolltest dich mit mir unterhalten, du wolltest, dass ich ins Internet einsteige. Ich bin hier. Also schalte jetzt deine Webcam ein."

Einen Augenblick lang herrschte Stille an ihrem Ende der Leitung, und dann tauchte am Bildschirm das Fenster ihrer Webcam auf. Ich schluckte hart, während ich auf das Bild wartete, und bereitete mich auf das Schlimmste vor. Und sobald das Bild da war, sah ich, dass sie den Kopf gesenkt, die Finger in ihrem Haar verwoben hatte und mit der anderen Hand ihr Handy ans Ohr presste.

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und sah sie an, obwohl ich ihr Gesicht noch nicht sehen konnte. Im Augenblick war sie immer noch da und ich wollte mir einen Moment Zeit lassen, um ihren Anblick in Erinnerung zu behalten. "Bella, bitte sieh hoch."

Ich hörte und sah, wie sie tief einatmete, mit ihrer Zunge ihre Lippen befeuchtete und sie fest zusammengepresst hatte. Und als sie endlich ihre Augen öffnete und den Blick hob, zerrte das, was ich sah, an meinem Herzen.

Ihre Augen waren geschwollen und mit Tränen gefüllt, und sie waren in dem Farbton, von dem ich letzte Nacht geträumt hatte, nämlich in diesem einzigartigen und beinah transparenten bräunlich-grün, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Weil ich sie noch nie zuvor weinen gesehen hatte.

Sie strich sich rau mit ihren Fingerspitzen über ihre Wange und sah unangenehm berührt im Zimmer herum. "Was?"

"Ich will, dass du mich ansiehst", sagte ich leise und wünschte mir so sehr, dass ich sie halten und ihre Tränen zum Versiegen bringen konnte. "Und dass du mir sagst, dass das alles ist, was es für dich bedeutet."

"Schalte auch deine Webcam ein", antwortete sie und biss sich auf die Lippe. Sie sagte kein weiteres Wort, bis ihr Blick über ihren Bildschirm wanderte, als ich meine Einladung schickte.

Mein Herz klopfte mit jedem Moment, den ich warten musste, schneller, bis ich mir sicher war, dass es gleich in meiner Brust bersten würde. Ich wartete darauf, dass sie meine schlimmsten Ängste bestätigen würde, dass sie mir sagte, dass es ihr egal war.

"Ich kann nicht", flüsterte sie und schüttelte den Kopf. Eine weitere Träne kullerte ihr über die Wange. Sie hatte ihre Stirn mit ihrer Hand abgestützt und schob sich ihr Haar zurück. "Das sollte es sein, ist es aber nicht. Es hat mich fast umgebracht, als ich dir gestern diese Sachen sagte. Egal, wie sehr ich auch versuchte hatte, mich davon zu überzeugen, wie unrealistisch und unmöglich das alles ist."

Ich beobachtete ihre Augen, die auf meine fixiert waren, und unter der Traurigkeit und der Seelenqual befand sich nichts als Aufrichtigkeit. Ich senkte meinen Blick ein wenig und nahm einen Schluck von meinem nun kalten Kaffee. "Wolltest du ihn überhaupt?"

"Nein", antwortete sie leise, aber bestimmt, und ich sah hoch und merkte, wie sie den Kopf schüttelte. "Und das macht mir Angst. Ich hatte überhaupt keinen Grund, ihn nicht zu mögen. Außer dass er nicht du war. Alles, woran ich in dieser Nacht denken konnte, war, wie sehr ich gern zu Hause gewesen wäre, um mich mit dir zu unterhalten. Ich stellte mir vor, er wäre so wie du, nur damit ich das Abendessen rasch hinter mich bringen konnte. Ich musste immer daran denken, wie anders es mit dir gewesen wäre. Und zum Schluss war ich schon so genervt, weil er neben mir saß und du in Chicago böse auf mich warst."

Ihr Blick fiel mit dem letzten Satz nach unten, und als ich sie ansah, erhielt ich die Antwort auf meine vorige Frage. Ich war nicht auf sie böse. Sie hätte zwar besser mit diesem Vorfall umgehen können, aber ich konnte nicht böse auf sie sein.

Ich war aber irrationalerweise auf diesen Kerl sauer, wer auch immer er war, und zwar dafür, dass er versucht hatte, sie ihm wegzunehmen. Sauer auf diese Situation und sauer auf mich selbst, weil ich mir erlaubt hatte, sie

so ins Herz zu schließen. Aber ich war an dem Punkt, an dem es keine Umkehr mehr gab, und das wollte ich auch gar nicht.

"Bella", sagte ich sanft und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten. Sie hob ihr Gesicht wieder. "Wenn wir dies fortsetzen wollen, will ich dich mit niemandem teilen. Wenn du irgendwann beschließen solltest, auf ein Date zu gehen, kannst du mir das sagen und ich werde es dir nicht vorhalten. Aber ich muss dich komplett loslassen, ich kann dich nicht einmal haben und einmal nicht. Willst du, dass ich mich mit einer anderen Frau treffe, womöglich auch mit ihr schlafe, und dann wieder zurück zu dir komme?"

Ich beobachtete sie, wie sie sich sichtlich versteifte, ihr Rücken sich durchbog und sie sich mit der freien Hand an das Handgelenk griff, mit welchem sie das Handy hielt. Ihr Kinn verspannte sich und sie holte zitternd Luft.

"Nein", sagte sie mit strenger und gleichmäßiger Stimme. Sie schüttelte ruckartig den Kopf. "Also ... was sind wir nun? Exklusive Internet Lovers?"

Wir beide mussten zur gleichen Zeit lachen und sie bedeckte ihr Gesicht mit ihrer Hand, aber ihr Lächeln war erfrischend.

"Tja, das ist sicher eine interessante Art, wie man das bezeichnen kann", gluckste ich und starrte sie an. Sie hatte ihre Wange in ihrer Handfläche abgestützt und obwohl sie anscheinend müde war, war sie immer noch so verdammt schön. "Ich habe dich gestern Nacht vermisst."

"Ich habe dich auch vermisst. Ich musste die ganze Nacht lang an dich denken", antwortete sie, neigte ihren Kopf ein wenig zur Seite und starrte für einen langen Moment den Bildschirm an. "Du hast dich heute nicht rasiert."

Ich stieß ein keuchendes Lachen aus, rieb mir mit der Hand über mein Kinn und sah dann zurück zu ihr. "Tja, warum gehst du nicht ein wenig schlafen und ich gehe mich rasieren. Du kannst mich anrufen, wenn du aufwachst."

"Nein!", rief sie, setzte sich ruckartig wieder auf und biss sich dann auf die Lippe. "Bitte rasiere dich nicht, wenn du nicht unbedingt musst. Ich will noch nicht ins Bett gehen."

Ich lachte leise und schüttelte den Kopf. "Bella, ich werde immer noch für dich da sein, wenn du aufwachst. Heute ist mein freier Tag und es schneit wie die Hölle draußen. Ich bleibe heute zu Hause."

"Dann bleib noch ein wenig länger hier bei mir", antwortete sie müde. "Ich will dich einfach ansehen. Ich habe einen Entzug hinter mir."

Ich konnte nicht anders, ich musste bei ihrem letzten Kommentar einfach mit ihr mitlachen. "Dann nimm deinen Laptop mit in dein Zimmer und lege dich hin. Wir können uns noch ein wenig länger unterhalten, bis du bereit bist, schlafen zu gehen."

Sie nickte langsam und hielt ihr Telefon zwischen Schulter und Wange fest, während sie ihren Laptop nahm.

"Willst du auflegen und lieber das Mikro nehmen?", fragte ich, während ich ihr zusah, wie sie versuchte, die Balance zu halten.

"Nein", antwortete sie und stellte den Laptop neben ihr Bett. Sie kletterte hinein, zog die Decke über sich und legte das Handy an ihr Ohr. "So fühlt es sich an, als wärst du näher bei mir."

Ihre Augen schlossen sich bereits und sie begann zu murmeln, obwohl sie darum kämpfte, wach zu bleiben. Ich hörte über das Telefon, wie ihr Atem langsamer wurde. Ich sah auf die Uhr. Bei ihr war es erst halb acht?

"Bella, hast du gestern Nacht überhaupt geschlafen?", fragte ich sie leise und ihre Augen öffneten sich noch einmal kurz. Sie schüttelte den Kopf.

"Ich konnte nicht. Musste mit dir reden", murmelte sie und zog sich die Decke bis unters Kinn.

Ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden. Sie sah so friedlich und wunderschön aus, ihre Wimpern zuckten an ihrer Haut, ihre Lippen waren etwas gespitzt. Ich wusste, ich hätte ihr einfach eine gute Nacht wünschen und sie schlafen lassen sollen, aber Fuck, ich hatte sie eben vermisst.

"Du bist so still", murmelte sie, ohne ihre Augen zu öffnen.

"Tut mir Leid, du siehst einfach so müde aus", antwortete ich und sie nickte langsam. "Baby, schalte den Computer aus."

"Aber ..."

"Ich werde da sein, wenn du aufwachst, ich verspreche es", meinte ich und unterbrach ihren Protest.

"Okay", sagte sie sanft, öffnete ihre Augen und hauchte mir einen Kuss zu, bevor der Bildschirm dunkel wurde und ich auch meinen Computer herunterfuhr.

Ich gluckste, als ich ein leises Wimmern von ihr hörte. "Du solltest doch abschalten, Bella."

"Okay, okay. Fein", grummelte sie und ich hörte, wie sie den Laptop zusammenklappte und die Decke bei ihrem Handy raschelte. "Ist ausgeschalten."

"Und jetzt geh schlafen", drängte ich sie sanft und hörte ein leises Summen als Antwort ... und dann herrschte Stille.

Bella war während dem Telefonieren eingeschlafen.

Ich flüsterte leise eine gute Nacht und legte auf, bevor ich das Telefon auf meinen Schreibtisch legte.

Ich versuchte mich tagsüber beschäftigt zu halten, aber das Bild der schlafenden Bella in Kombination mit den Erinnerungen an meinen Traum von letzter Nacht jagten durch meine Gedanken. Was hätte ich alles dafür gegeben, jetzt bei ihr zu sein, ihr zuzusehen, wie sie einschläft, und ihr die Haarsträhne wegzuschieben, die ihr ins Gesicht gerutscht war. Neben ihr aufzuwachen und nur hinüberrollen zu müssen, um sie unter mir zu spüren.

Und diese Lippen, die sich an meine drückten, statt ihrer Fingerspitzen, die mir ihren Gutenacht-Kuss zuwarfen.

Mitten unter dem Schneiden einer Karotte auf dem Schneidebrett hielt ich bei diesem Gedanken inne. Wie wäre das wohl wirklich? Zum ersten Mal erlaubte ich mir selbst, ernsthaft darüber nachzudenken. Wir wussten zwar nicht, wie wir unsere Beziehung bezeichnen sollten. Auch als "exklusive Internet Lovers", wie sie es nannte, war sie im weitesten Sinne mein. So wie ich ihr gehörte. Würde uns eine Berührung wohl für immer verwehrt bleiben?

Ich konnte keinen Grund sehen, warum das so sein sollte.

Als mein Handy schließlich später an diesem Tag klingelte und ihr Name auf dem Display blinkte, war ich gespannt, ihre Stimme zu hören und mit ihr zu sprechen.

"Hey, tut mir Leid, dass ich so lang geschlafen habe. Es war eine lange Nacht, und sie lief auch nicht besonders gut", sagte sie, sobald ich abgehoben hatte.

"Ist schon gut. Das hat mir ein wenig Zeit zum Nachdenken verschafft", antwortete ich mit einem Lächeln, nahm einen Bissen von meinem Abendessen und einen Schluck von meinem Bier.

"Oh nein", hauchte sie und ich musste hart schlucken.

"Nein, kein 'oh nein'. Gar nichts in diese Richtung", antwortete ich ruhig, schob meinen Stuhl vom Tisch zurück und stand auf. Ihr erleichtertes Seufzen war über das Telefon zu hören. "Ich wollte dich eigentlich etwas fragen."

"Was?", fragte sie nervös.

"Was hast du in der Woche nach Weihnachten vor?", fragte ich, lehnte mich gegen den Fensterrahmen und starrte auf die weiße Stadt hinaus.

"Ähm, ich fliege zurück nach L.A., nachdem ich Weihnachten bei meinen Eltern verbracht habe. Sie machen sich nicht viel aus den großen Silvesterpartys. Warum?"

"Weil ich gerne Neujahr mit dir verbringen würde", antwortete ich und hörte, wie sie leise lachend als Antwort einatmete. "In New York."