Während des gesamten Rückfluges nach Bespin in die Wolkenstadt saß Savage regungslos auf einem Stuhl und sprach mit niemandem auch nur ein Wort. Er überlegte, ob er spontan bei „Calrissian Gas" kündigen sollte, entschied sich jedoch, damit bis zum nächsten Tag zu warten, wenn er einen Plan für seine Zukunft ohne Satine geschmiedet hätte.

Aber Savage fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Dieses Bett war ohne Satine fürchterlich kalt und unbequem. Seine Weichheit hatte sich nun in Wabbeligkeit verwandelt, seine Kuscheligkeit in eine geradezu widerwärtige Schleimigkeit. Plötzlich hörte er Mauls Stimme.

„Savage!", hörte er ihn besorgt und bestürzt rufen.

Genauso wie im Thronsaal, nachdem Darth Sidious seine beiden Lichtschwerter in seiner Brust versenkt hatte. Savage schreckte hoch, während die weiße Bettdecke dabei sanft um ihn herum raschelte. Das war nur ein Traum gewesen. Wirklich nur ein Traum? Er war gerade wieder am Wegdämmern, da hörte er es erneut:

„Savage!"

Er stand auf. Jetzt konnte er Mauls Präsenz deutlich fühlen. Er ging eine Weile witternd im Zimmer umher. Ihn beschlich das Gefühl, dass sich gleich etwas sehr bedeutsames in seinem Leben ereignen würde, wenn nicht gar etwas furchtbares. Wieder einmal. Dabei hatte er doch die Wahl: Er könnte sich jetzt einfach wieder hinlegen und darauf hoffen, endlich einzuschlafen. Die Präsenz und das Rufen seines Bruders waren bestimmt nur Einbildung. Maul konnte gar nicht hier sein. Ein weiterer schlechter Traum?

Wenn er sich jetzt einfach wieder hinlegen würde, bestünde zumindest der Hauch einer Chance, am nächsten Morgen aus diesem Traum zu erwachen. Unbeschadet! Und dann würde er neue Pläne schmieden, so wie er es sich heute vorgenommen hatte. Am besten wäre freilich, Satine würde an jenem nächsten Morgen wieder neben ihm im Bett liegen, so wie sie es an diesem, in weiter Vergangenheit scheinenden Morgen bereits getan hatte. Er könnte weiterhin Hoffnung hegen, zumindest bis morgen. Und noch etwas Schlaf finden. Ruhe, die er dringend brauchte.

Aber was, wenn Maul ihn jetzt brauchte? Genau jetzt?!

Savage ging auf die Dachterrasse, um noch einmal den Sternenhimmel von Bespins Nacht zu genießen. Er erschien ihm diesmal besonders ruhig und samtig. Viel schöner noch als in den vielen vorangegangenen Nächten, die er mit Satine hier verbracht hatte – den Sternenhimmel betrachtend, sie dabei küssend. Aber dieser erhabene majestätische Sternenhimmel Bespins war das genaue Gegenteil von ihm und seiner inneren Verfassung jetzt. In ihm brodelte es. Und Maul hatte ihn gerufen. Schon zweimal!

Mit einem unwirschen Ruck wandte er sich vom Sternenhimmel ab und der Terrassentür zu. Zügig und ohne weitere Verzögerung folgte Savage Opress nun der Präsenz seines Bruders durch das Dunkel des Hauses – wie ein verlassener Canide, der dem Geruch seines Herrchens hinterherschnüffelt. Die Spur von Mauls Präsenz führte ihn von der zweiten obersten Etage über die erste, dann weiter ins Erdgeschoß und von dort zur Kellertreppe. Als er vor den beiden Kellertüren stand, hielt er einen Moment lang inne. Er schaute zuerst nach rechts zur grauen Tür - er fühlte nichts. Dann wanderte sein Blick nach links zur grellrot angemalten Tür mit den schwarzen Mustern. Hinter dieser Tür konnte er deutlich Mauls Präsenz wabern fühlen.

Instinktiv streckte er seine Hand nach der Türklinke aus. Ein paar Millimeter trennten seine gelbe Hand noch von dieser Klinke. Savage hielt erneut inne. Er zögerte. Der Vermieter hatte es verboten! Was, wenn dieser gespenstische Ugnaught da wirklich herumspuken würde? Was, wenn er Maul etwas antun würde! Die rote Tür mit den schwarzen Mustern leuchtete ihn in der Dunkelheit an. Offenbar war dieses Rot eine fluoreszierende Farbe, dazu angetan, Besucher in der Dunkelheit zu leiten. Zu was und zu wem?

Kurz entschlossen entriegelte Savage die rote Tür. Ein unerwarteter Sog zog ihn ins Innere des kalten feuchten Raumes dahinter. Plötzlich fiel die Tür hinter ihm zu und er fand sich in vollkommener Dunkelheit wieder. Ein gemeines dreckiges Lachen ertönte über ihm. Savage kannte dieses Lachen. Es war das Lachen von Asajj Ventress, als ihre an einer langen Kette befestigte Sichelklinge auf Dathomir einen der Nachtbrüder getötet hatte, die angetreten waren, im Test den Besten unter ihnen zu ermitteln, dessen Schicksal es war, der verfluchten Nachtschwester zu folgen. Es war dasselbe fiese Lachen, welches er im Mülltanker auf Raydonia gehört hatte, nachdem er und sein Bruder auf der unteren Ebene des Mülltankers Kenobi bewusstlos geschlagen hatten.

„Zeigt Euch!", verlangte Savage jetzt wie damals von Dooku ehemaliger Schülerin. Aber Asajj Ventress zeigte sich nicht. Wenigstens lachte sie jetzt nicht mehr. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und wiesen ihm den Weg. Er versuchte, die Tür wieder zu öffnen – um sich eines Ausweges zu vergewissern. Aber die auch auf der anderen Seite rot gestrichene Tür war wie von einer unsichtbaren Macht verriegelt. Verzweifelt versuchte er immer wieder, sie zu öffnen, so daß ihm der Schweiß von der Stirn lief. Aber die Tür blieb zu! Savage holte tief Luft und sah sich um. Er sah einen Gang, welcher von der Tür weg führte. Er lief diesen Gang einige dutzend Meter entlang, dann machte der Gang eine Biegung nach rechts.

Kaum, daß Savage die Biegung genommen hatte, hielt er erstarrt inne. Hinter dieser Biegung sah er plötzlich Feral auf dem Boden liegen. Der Hals seines anderen, orangenen Bruders war unnatürlich gebogen, seine ebenfalls orangenen Augen, die ihn sonst immer so lebendig und temperamentvoll angefunkelt hatten, waren nun starr und leblos nach oben verdreht. Wie nach einem plötzlichen Genickbruch üblich. Savage ging zu ihm, berührte ihn. Ferals Körper war kalt und starr. Ihn schauderte. [style type="italic"]Er[/style] hatte das getan! Weil Ventress es vor einem Jahr als letzte der vielen Prüfungen befohlen hatte! Dooku hatte Recht. Er, Savage Opress, tat immer, was man von ihm verlangte.

Er wandte den Blick von seinem toten Bruder ab und schaute sich um. Überall im Kellergewölbe hingen graue Gespinste in den Ecken. Einige graue und braune Kanister standen an den Wänden. Savage wollte nicht wissen, was sich in ihnen befinden mochte. Er hatte jetzt nur eine Mission! Er setzte sich wieder in Bewegung.

Der Gang machte immer neue Biegungen, wand sich dabei immer weiter in die Tiefe – mal in schiefen Ebenen und Kurven, mal gar vermittels langer Treppen. Gerade hatte er eine dieser Treppen nach unten hinter sich gebracht, um gleich dahinter eine weitere Biegung nach rechts vor sich zu sehen. Es wurde kälter, aber Savage wußte, daß er auf dem richtigen Weg war, denn die Präsenz seines Bruders wurde mit jedem Meter, den er zurücklegte, immer deutlicher. Da hörte er wieder Mauls Stimme.

„Bruder!", rief Maul mit gepeinigter gebrochener Stimme.

Savage beschleunigte seine Schritte. Immer schneller lief er den dunklen Gang entlang, immer Mauls Stimme hinterher.

„Von weit weit oben … dein Fall ist tief … klein wird sein … was einst war groß", hörte er Mauls Singsangstimme – genau wie damals, als er den völlig umnachteten spinnenbebeinten Maul vor einem Jahr vom Müllplaneten Lotho Minor weggeholt hatte. Sein neugefundener Bruder hatte eingesperrt im hinteren Teil des Mülltankers allerlei seltsames Zeug gemurmelt, gebrüllt oder einfach nur gebrabbelt.

Auf einmal fühlte Savage, wie er von hinten gepackt wurde. Seine grau-grünen, in der Dunkelheit wie bei allen Zabraks leuchtenden Augen machten zwei rote mit Krallen versehene Hände aus, die sich um seine Hüfte schlangen. Es waren genau die verwahrlosten Hände Mauls von Lotho Minor, mit denen dieser ihn damals in der Höhle auf dem Müllplaneten von hinten gepackt hatte.

Was hatte Sidious mit Maul gemacht?!

Savage wollte sich zu seinem in augenscheinlicher Pein befindlichen Bruder umdrehen, da fühlte er plötzlich eine weitere dunkle Präsenz. Und gleich darauf von hinten einen stechenden doppelten Schmerz in seiner Brust, wie er ihn schon einmal in seinem Leben gefühlt hatte. Darth Sidious war zurückgekommen, um sein Werk zu vollenden! Aber wo war Maul? Savage fühlte, wie die Luft erneut seinen zerfetzten Lungen entwich. Dann wurde er bewusstlos.

Als er wieder erwachte, fand er sich auf dem Boden des Thronsaals des herzoglichen Palastes von Sundari wieder. Er schaute um sich und sah seinen Bruder, der gebrochen und besiegt vor Darth Sidious auf dem Boden lag.

„Vergiß nie die erste und einzige Wahrheit der Sith – es sind immer nur Zwei. Und du wirst von heute an nicht mehr mein Schüler sein … Du wurdest ersetzt!" erklärte Sidious apodiktisch.

„Bitte … Habt Gnade", flehte Maul den älteren Sith an.

„Es gibt keine Gnade! Aber keine Angst. Ich werde dich nicht töten. Ich habe andere Pläne mit dir", hörte Savage Sidious in einer geradezu unheimlichen Stimmlage deklamieren.

Nach diesen seinen Worten brach der Oberste Kanzler der Republik in ein diabolisches infernalisches Gelächter aus, welches Savage unangenehm in den Ohren gellte.

Auf einmal wurde es unnatürlich grell in Savages gerade erst an die Dunkelheit angepaßten Augen. Er sah, wie Machtblitze aus den Fingern von Darth Sidious auf seinen Bruder zuschossen. Er kannte das von Dooku. Aber Mauls kybernetischer Unterleib würde das nicht lange aushalten. Mauls Beine würden einen Kurzschluß bekommen! Er sah, wie sich der rote, schwarztätowierte Körper seines Bruders unter dem unablässigen Machtblitzgewitter von dessen ehemaligem Meister vor Schmerz wand und krümmte. Maul schrie nicht. Aber Savage konnte in seinen gelben Augen einen unaussprechlichen unerträglichen Schmerz sehen. Denselben Schmerz, den er in ihnen auf Lotho Minor gesehen hatte, als er Mauls das erste Mal ansichtig geworden war. Seines unbekannten Bruders, der ihn – nein, den er nun wieder verlassen mußte!

Er konnte Maul nicht mehr helfen!

Savage spürte, wie die letzte Luft seinen Lungen entwich und das Leben zusammen mit dem grünen Ichor der Nachtschwestern aus seinem Körper strömte. Direkt in die Lebendige Macht hinein. Ihm wurde schwarz vor Augen.

Würde er in jener anderen Welt Satine wiedersehen? Sie konnte noch nicht weit sein …die Stelle, die sie gesucht hatte …