Kapitel 9 – Ein ereignisreicher Nachmittag

„Ihr habt's gut!" Hermione streckte ihre Beine auf einer der Gartenbänke aus, die um ein paar Rosenstöcke gruppiert waren. „Wieso kann ich nicht auch von Professor McGonagall oder Remus betreut werden?"

Sie berichtete ihnen von ihrem Gespräch mit Professor Snape, der sie eine weitere geschlagene Stunde nach allen Regeln der Kunst über ihre letzten Jahre, ihre Schulzeit, ihre Klassenkameraden und über bestimmte Erinnerungen ausgequetscht hatte. Es hatte immer wieder Momente gegeben, in denen sich Hermione fast wohlfühlte, nur um kurz darauf der nächsten unangenehmen Frage ausgeliefert zu sein.

Angelina wippte mit den Zehen, als sie sich Hermione zuwandte. „Mir sind die anderen beiden zwar auch sympathischer, aber zumindest behandelt er dich um einiges freundlicher als uns, weil du ihm zugeteilt bist."

„Stimmt", ließ sich Harry vernehmen. „Ich komme mir langsam vor wie ein Pestkranker. Er macht einen Bogen, sobald er mich sieht."

„Er beobachtet dich immer so aufmerksam, Hermione", sagte Angelina. „Das heißt, er nimmt diese ganze Erinnerungssache bestimmt nicht auf die leichte Schulter."

„Sehe ich auch so", meinte Harry. „Selbst wenn er damals irgendwas vergeigt hat, als er dir deine Erinnerungen nahm, scheint er die Sache jetzt umso gründlicher anzugehen."

„Das ist mir nie aufgefallen", gab Hermione zu. Sie war nicht überzeugt.

„Hast du ihn denn mal gefragt, ob er auch anderen die Erinnerungen nehmen musste?", fragte Harry.

„Ja."

„Und?", hakte Angelina nach.

„Er sagte, dass ihm insgesamt sieben Jugendliche und zwei Kinder zugeteilt wurden."

„Und mit denen gab's keine Probleme?"

„Anscheinend nicht."


Nachdem sie noch eine Weile träge die milde Herbstsonne genossen hatten, entschied sich Hermione zu einem Spaziergang. Dieses Mal bog sie links in einen kleinen Weg ein, dessen Ränder von wunderschönen Kastanienbäumen gesäumt waren. Irgendjemand musste alle Kastanien aufgesammelt haben, denn auf der Straße lagen nur noch die leeren, zum Teil schon bräunlich verfärbten stacheligen Hüllen. Wie gesund diese Bäume hier im Vergleich zu denen in London aussahen, dachte sie flüchtig und wäre fast mit einem Kind zusammengestoßen.

„Oh, tut mir leid, ich hab dich ganz übersehen", entschuldigte sie sich rasch und bemerkte, dass es sich keineswegs um ein Kind handelte, sondern um einen Mann. Einen Liliputaner. Das Gesicht kam ihr vage bekannt vor. „Entschuldigen Sie bitte, ich war in Gedanken", murmelte sie, während ihr Röte in die Wangen schoss.

„Kein Problem, Ms. Granger", lächelte der Unbekannte, winkte ihr zu und lief ohne ein Wort weiter.

„Moment mal, kennen wir uns?", rief sie verblüfft und drehte sich um. Doch es war weit und breit keine Spur mehr von ihm zu sehen. Sie blieb stehen, bis sie sich langsam wieder beruhigte.

Die Häuser waren hübsch in dieser Gegend und die Gärten eine Pracht. Hier mussten wahre Pflanzenliebhaber wohnen. Der Weg endete an einer kleinen Weide und mehrere Ziegen kamen sofort zum Zaun gelaufen. Vor einer Holzhütte saß ein uralter Mann mit grauem Bart, anscheinend der Hirte. Plötzlich durchschnitt ein durchdringender Pfiff die Stille und die Ziegen rasten auf ihn zu. Er spähte mit misstrauischem Gesichtsausdruck zum Zaun und als er näher kam, hatte Hermione Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten.

Hinter einer verschmierten dicken Brille funkelten unglaublich blaue Augen und Hermione fragte sich, wo sie diesen Farbton schon einmal gesehen hatte. Sie lächelte ihn freundlich an, doch seine Miene veränderte sich nicht im Geringsten. Er musterte sie ausgiebig, brubbelte etwas vor sich hin, aber dann trat ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht und er reichte ihr eine schmutzige Hand, die Hermione nur zögernd ergriff.

„Tapferes Mädchen", brummte er, drehte sich um und schlurfte zurück zu seinem Stuhl, ohne sie noch einmal anzusehen. Hermione schüttelte verwirrt den Kopf und beschloss, den Rückweg anzutreten.

An der nächsten Wegkreuzung bog sie links ab und bewunderte einen riesigen Garten, der vor Farben explodierte. Aus der Ferne ertönte leises Glockengeläut, das sich mit jedem Schritt verstärkte und schließlich fast unangenehm wurde. Als sie paar Minuten später einen verschnörkelten Gartenzaun passierte, dessen Gestaltung sie an keltische Symbole erinnerte, sah sie auch, woher der Lärm kam. Ein wildes Durcheinander an Glockenspielen und Traumfängern, gesäumt von riesigen Stauden lilafarbener Blumen, füllte die Fläche zwischen Zaun und Haus. Die Pflanzen waren gigantisch.

„Es sind Seelenblumen." Aus dem Nichts tauchte hinter einer Staude eine Frau auf. „Wunderschöne Seelenblumen."

Hermione brauchte erst mal eine Weile, um die Erscheinung in sich aufzunehmen. Die Frau trug die wildeste Haarmähne, die sie jemals außerhalb eines Zoos gesehen hatte und ihr Körper war mit einem Tuch in schreiend bunten Farben verhüllt. Ihre Augen wirkten riesig hinter einer übergroßen Brille. Irgendetwas an dieser schrillen Gestalt erschien ihr jedoch vertraut.

„Kennen wir uns vielleicht?", fragte sie vorsichtig.

„Die Vorsehung ist ein zerbrechliches Geschöpf, nicht wahr?", entgegnete die seltsame Frau mit träumerischer Stimme und verschwand wieder hinter ihrer Pflanze.

Hermione stand ein paar Sekunden wie angewurzelt und als sie Kurs auf das Haus des Ordens nahm, beschleunigte sie ihre Schritte unwillkürlich. Bizarre Leute, dachte sie unbehaglich und atmete erleichtert auf, als sie durch die Pforte trat und sich auf einer Bank im Garten fallenließ.


„Ist Ihnen ein Geist begegnet, Ms. Granger?"

Hermione zuckte zusammen. Konnte sich Professor Snape nicht ein einziges Mal HÖRBAR nähern? Doch seine Gegenwart bewirkte, dass das ungute Gefühl verschwand, das sie seit ihrem Spaziergang hatte. Immerhin war er im Gegensatz zu den anderen schrägen Gestalten in dieser Gegend inzwischen schon fast ein Bekannter.

„In einem merkwürdigen Umfeld haben Sie sich einquartiert", sagte sie.

Er hob eine Augenbraue.

„Ich war gerade in den Willow Gardens und Cherry Gardens spazieren."

„Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Bekanntschaft mit einigen unserer Nachbarn geschlossen haben?"

„Ja. Ich traf einen Liliputaner, der sich in Luft auflöste, einen steinalten Ziegenhirten und eine exzentrische Frau inmitten lauter Glockenspiele."

„Sie haben Talent, sich die illustresten Personen gleich zu Beginn auszusuchen."

Statt weiterzugehen, ließ er sich auf der gegenüberliegenden Bank nieder. Hermione beschloss, die unerwartete Gelegenheit zu nutzen, um Näheres über die Nachbarschaft herauszufinden.

„Wer ist diese Frau?"

„Sybil Trelawny. Sie ist Seherin."

Hermione verdrehte die Augen. „Hellseherin?" Kein Wunder, dass die Gute so überspannt gewirkt hatte, überlegte sie. Ihre Sympathien für Leute, die anderen auf diese Weise das Geld aus der Tasche zogen, hielten sich jedenfalls in Grenzen.

„Sie hat eine gewisse Trefferquote bei ihren Voraussagen." Er klang so kühl und düster, dass sie nicht weiter nachbohrte. Glaubte jemand wie er etwa an solchen Kokolores? Doch plötzlich kam ihr das Gespräch in den Sinn, in dem man ihr gesagt hatte, dass noch mehr Zauberer in der Nähe wohnten. Warum war sie nicht gleich darauf gekommen?

„Es handelt sich bei allen um Angehörige unserer Welt", bestätigte er prompt ihren Verdacht.

Hoffentlich bestand die Zaubererwelt nicht überwiegend aus solchen Leuten. „Was sind das für Zauberer?"

„Sie werden sich in Kürze an alle erinnern. Der Ziegenhirte ist ein Ordensmitglied namens Aberforth Dumbledore. Ihre andere Begegnung war Professor Flitwick, ein ehemaliger Hogwarts-Lehrer." Er musterte sie nachdenklich. „Kam Ihnen jemand bekannt vor?"

„Ja. Irgendwie schon. Alle."


Er fixierte sie erneut mit einem dieser unheimlichen Blicke, bei denen sie das Gefühl hatte, er würde in ihr tiefstes Inneres schauen. „Um eine Sache klarzustellen: Ich reiße mich nicht um die Aufgabe, Sie wieder mit Ihrer Vergangenheit vertraut zu machen."

„Kann das nicht einer der beiden anderen Professoren übernehmen?", fragte sie, überrascht über sein Statement und gleichzeitig erleichtert. Wenn auch er das nicht wollte, standen die Chancen gut, dass er von sich aus Professor McGonagall oder Remus vorschlagen würde. Aber seine Antwort nahm ihr jegliche Hoffnung in dieser Richtung.

„Derjenige, der den Gedächtniszauber ausgeführt hat, muss ihn auch wieder auflösen. Erst nach seinem Tod ist es durch Stellvertreter möglich."

„Das heißt, aus diesem Grund wurde Angelina Professor McGonagall zugeteilt und Harry Remus Lupin?"

„Mr. Potter war ein Sonderfall."

„Ein Sonderfall?"

„Professor Lupin und ich waren beide beteiligt, um den Zauber auszuführen."

Hermione wunderte sich, dass Harry das nie erwähnt hatte. Sie wusste zwar von einem Gespräch mit Snape, doch danach war er ausschließlich bei Remus Lupin gewesen.

„Es ist ausreichend, wenn sich Professor Lupin um ihn kümmert", erklärte Professor Snape. „Sie müssen also gezwungenermaßen mit mir vorlieb nehmen, sofern sich mein Daseinszustand in den nächsten Tagen nicht ändert." Er stand abrupt auf.

Hermione erhob sich ebenfalls. „Warten Sie bitte. So habe ich das nicht gemeint."

Er drehte sich um, doch seine Miene war unbeweglich.


„Professor McGonagall erzählte mir am ersten Tag, dass Sie in … in den Geist eines Menschen blicken können." Sie verwünschte sich selbst dafür, wie zaghaft sie plötzlich klang.

Überraschung und Interesse überflogen zu gleichen Teilen sein Gesicht. „Ist das der Grund, warum Sie Bedenken haben?"

Hermione riss sich zusammen. Ihr Leben war von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt worden und es missfiel ihr, seither so angreifbar zu sein. Sie hob den Kopf und nickte.

Er hielt ihren Blick und betrachtete sie unverwandt und ruhig. Sie wusste nicht, was in diesem Moment mit ihr geschah, aber es fühlte sich gut an. Nach ein paar Sekunden spürte sie, wie sie an der Schulter berührt und sanft zur Bank dirigiert wurde. Als er sich neben sie setzte, rückte sie unwillkürlich ein Stück zur Seite.

„Sehen Sie mich an." Es war nicht als Bitte formuliert und dennoch konnte sich Hermione weder den hypnotischen Augen noch der unerwartet sanften Stimme entziehen, die sie mehr und mehr einlullte. Wärme breitete sich zwischen Stirn und Hinterkopf aus. Plötzlich war sie unglaublich müde.

„Ms. Granger?" Ein leichtes Rütteln an ihrer Schulter bewirkte, dass sie sich mit einem Ruck aufsetzte.

Ihr erster Eindruck war, dass Professor Snape nicht so unbeteiligt wirkte wie sonst, sondern eher bestürzt aussah.

„Was ist eben passiert?", fragte sie benommen.

„Der Widerstand, den Sie immer in meiner Gegenwart zeigten, ließ vorhin unverhofft nach."

Sie sah ihn verständnislos an.

„Darauf habe ich gewartet. Unsere bisherigen Treffen dienten dem Zweck, dass ich Zugang zu Ihren Erinnerungen erlangen kann."

Hermione war sprachlos.

„Wir sahen uns gezwungen, als erstes den Schlüssel zu Ihren Problemen zu finden", fuhr er fort.

„Sie waren in meinem Kopf? Warum haben Sie nicht gesagt, dass Sie das vorhaben?"

„Hätte ich meine Absicht angekündigt, hätten Sie sofort abgeblockt", antwortete er steif. „Sie wehrten bisher jeden Versuch mühelos ab."

„Ich habe nie irgendetwas gemacht", entgegnete sie ungläubig.

„Wir nennen diese Fähigkeit Okklumentik und theoretisch sollten Sie auch nicht dazu in der Lage sein, schon gar nicht in einem magielosen Zustand."

„Wie kann es dann sein, dass ich über Okkultumentik – oder wie auch immer das heißt – verfüge?"

„Der Schluss liegt nahe, dass damals ansatzweise Fähigkeiten von mir auf Sie übergangen sind." Professor Snape klang so ernst, als hätte ein Wirbelsturm sein Labor verwüstet und die Arbeitsergebnisse von Jahren vernichtet.

„Ist sowas denn normal?"

„Nein."

„Und warum ausgerechnet bei mir?"

Professor Snape wirkte beunruhigt, auch wenn er es zu überspielen versuchte.

„Haben Sie etwas gesehen, das die Erklärung dafür sein könnte?", bohrte sie weiter.

„Ja." Er stand auf. „Ich werde jetzt Professor McGonagall und Professor Lupin kontaktieren und die Angelegenheit überprüfen. Kommen Sie in einer halben Stunde in die Bibliothek."


Hermione focht ein stummes Duell mit ihm aus, versuchte, ihn mit aller Willenskraft dazu zu zwingen, mehr zu sagen. Doch die schwarzen Augen blieben unnachgiebig und er wandte sich zum Gehen. Wie sollte sie eine halbe Stunde Ungewissheit aushalten? Sie musste es jetzt wissen!

„Haben Sie etwas … Schlimmes gesehen?"

Er drehte sich um. Sie hatte alles mögliche erwartet, aber nicht, dass plötzlich ein Lächeln seine angespannte Miene überzog, das ihn zehn Jahre verjüngte. So schnell, wie es gekommen war, verflog es wieder.

„Ich bin überzeugt, dass der Schutzzauber nicht die Ursache für Ihre Schwierigkeiten ist."

„Und was ist dann der Grund?" Ihre Unruhe kehrte zurück.

„Wir werden keine Zeit mehr verlieren, sondern Ihnen Ihre Erinnerungen zurückgeben", erklärte er entschieden. „Erst dann können wir alle Antworten suchen und zu einem Gesamtbild vereinen."

Er schaute auf die Uhr und wiederholte: „Kommen Sie in die Bibliothek. In einer halben Stunde."