„Und wenn schon, ich würde dich nicht hinbringen." Kühl betrachtete er sie und sein Starrsinn machte Astoria wahnsinnig.

„Es gelten auch für dich dieselben Regeln, wie für alle andere Schüler in diesem Schloss. Verlobte hin oder her. Solange diese Verlobung nicht offiziell ist, werde ich dich behandeln wie jeden anderen Schüler."

Malfoy trat einen Schritt zurück und gab damit dem Gang frei, aus dem sie gekommen war. Seine Geste war offensichtlich. Sie sollte in den Gemeinschaftsraum zurückkehren. Aber nicht mit ihr. So nicht. Außerdem hatte er ihr gerade den entscheidenden Punkt geliefert, damit sie weiter diskutieren konnte.

„Dann wirf mich raus!", herausfordernd blickte sie ihn und bewegte sich dabei keinen Zentimeter von der Stelle. Sie würde nicht gehen.

„Nein?" Wieder bekam ihr Blick etwas Schelmisches, Berechnendes. Sie sah, wie sich sein Blick verfinsterte. Sie wollte nicht rausgeworfen werden, war sich aber durchaus bewusst, dass er es immer noch tun konnte. Sie spielte und es machte ihr Spaß. Sie spürte wie das Adrenalin durch ihren Körper floss und ein Grinsen umspielte ihren Lippen.

„Wie jeden anderen Schüler", meinte sich nachdenklich, während sie ihre Position löste und langsam auf ihn zu zugehen begann. Sie spielte gerne und sie kannte ein paar gute Spiele. Ihr Gang nahm etwas leicht Kokettes an und sie hielt erst an, als sie dicht vor ihm stand. Sie spürte ihre Puls rasen, schob es aber auf den Adrenalinschub ab, der sie gerade beflügelte. Malfoy bewegte sich kein Stück. Nur sein Blick ruhte auf ihr, was ihn zwang, leicht nach unten zu sehen.

„Pass auf welche Wünsche du mir verwehrst, Draco Malfoy." Bestimmt drückte sie ihren Zeigefinger auf seine Brust und sah ihm dabei in die Augen. Mit lasziver Stimme fuhr sie fort, damit er ihre Andeutung auch wirklich begriff.

„Ich könnte ganz unangenehme Gerüchte verbreiten, wenn ich nun hinuntergehe, zurück in den Gemeinschaftsraum, zu spät vom Unterricht, gerade in deiner Wachschicht."

Sie begann mit ihrem Finger sanfte Kreise zu ziehen auf seiner Brust und wandte den Blick in einer sinnierenden Geste darauf. Noch immer zeigte er keine Reaktion. Frust breitete sich in ihr aus. Er musste einfach darauf reagieren. Sie ließ ihren Finger weiter auf seiner Kleidung Kreisen, wagte es aber nicht, den Blick zu heben. Mit jedem Augenblick, der verging, kam sie sich dümmer vor. Was machte sie da? Gerade als ihre Zweifel sie übermannen wollten, kam aber doch noch eine Reaktion.

„Sie würden dir nicht glauben." Seine Stimme war kühl und monoton, aber auch etwas zu energisch für die lange Pause, die es in Anspruch genommen hatte, sie zu erhalten. Fast ruckartig hob Astoria den Kopf und blickte ihn wieder direkt an.

„Nein?" Sie hatte das Spiel begonnen, jetzt musste sie auch weiter machen. Die Zweifel schob sie wieder zur Seite.

„Nein. Wenn du etwas überlegen würdest, hättest du selbst die Antwort darauf."

Astoria sah ihn herausfordernd an. Sie war sich sicher, dass man ihr glauben würde. Sie käme wohl nicht auf die Idee Gerüchte jener Art in die Welt zu setzten, doch wenn, dann würde man ihr glauben. Man glaubte immer dem unschuldigen Mädchen mit den blonden Haaren. Nun wollte sie seine Erklärung hören. Sie sah, wie sich eine seiner Augenbrauen in die Höhe schob.

„Wem glaubt man wohl eher? Einer Slyhterin, deren Schulakte zwei Handbreit dick ist, obwohl man weiss, dass für die meisten ihrer Vergehen, ihr bester Freund leiden musste oder einem Lehrer, der sich zwei Monate lang jeglichen Avancen entzogen hat und alle Auflagen seiner Anstellung erfüllt. McGonagall ist nicht dumm Astoria. Du vergisst, dass du die Rolle von Unschuld nicht sehr gut spielen kannst."

Astoria biss sich auf die Lippen. Das war möglicherweise ein Punkt. Dennoch, man glaubte immer dem Mädchen in Blond in solchen Angelegenheiten. Malfoy hatte aber noch nicht geendet.

„Ausserdem würdest du damit riskieren, dass ich offenbare, dass es sich bei dir um meine Verlobte handelt, du wiederum müsstest dann dein Spiel weiter ziehen und die Verlobung gegen den Willen deiner Eltern aufheben, um weiter glaubhaft zu erscheinen. Damit wären eigentlich all unsere Probleme gelöst, abgesehen davon, dass du mein Erscheinen noch weiter in den Dreck ziehst, als es sonst schon ist. Doch aus mir noch unerfindlichen Gründen scheinst du diese Verlobung gar nicht aufheben zu wollen. Ich habe das Gefühl, deine Eltern würde dieses Spiel durchschauen und wären nicht sehr erfreut."

Mit jedem Wort, das Draco aussprach, wurde Astoria elender zu Mute. So viel zu ihrem wunderbaren Plan. Ihre Schultern sackten nach unten und sie nahm die Hand von seiner Brust. Ihr Blick wanderte zu Boden und sie wandte sich ab. Er hatte gewonnen. Sie würde zurück in den Gemeinschaftsraum gehen und irgendetwas erfinden, was ihre Verspätung erklärte. Allein die vollkommen richtigen Schlüsse, die er zu ihren Eltern gezogen hatte, zogen ihre Stimmung und ihre Gedanken wieder genug tief in ein Loch, um sich einfach seinem Wunsch zu beugen. Zurück waren die trüben Gedanken, welche sie zumindest seit dem Einsturz erfolgreich hatte verdrängen können. Wenigstens zum Teil erfolgreich. Langsam schlich sie davon.

Nachdenklich sah Draco ihr nach. Er hatte den Punkt getroffen. Einen Moment hatte er sich über den Ansatz, den sie gewählt hatte, amüsiert. Sie war gerissen, aber das hatte er schon früher festgestellt. Er hätte auf sie eingehen können. Doch das wollte er nicht. Irgendwo hatte er das Gefühl, alles nur noch schwerer zu machen, wenn er sich ihren Forderungen fügte. Darum hielt er dagegen. Es ging nicht nur darum, dass sie in Gefahr kommen könnte – tatsächlich wäre seine Anwesenheit und etwas Vorsicht, Schutz genug, um ihr tatsächlich zu zeigen, was geschehen war – es ging darum, dass er ihr mit jedem Schritt, den er tat und mit jeder Forderung, die er ihr erfüllte, näher kam. Er lernte sie kennen und es fiel ihm immer schwerer, sie so zu behandeln, wie er sollte.

Wie sollte das möglich sein, wenn er jetzt bereits an seiner Selbstbeherrschung zweifeln musste? Er verstand noch nicht einmal, was ihn dazu bewegte, zu wanken. Ihre Schritte verklangen. Sie würde zurückgehen. Darauf vertraute er. In Gedanken versunken begann er seine Runde in den Gängen fortzusetzen.

Der Rest der Nacht verlief ruhig. Thyes kam. um ihn abzulösen und Draco verschwand in seine Räume in den Kerkern. Schlafen aber konnte er nicht. Astoria geisterte in seinem Kopf herum. Seine Gedanken kreisten und er wurde nicht schlau daraus. Er hatte nicht das Gefühl, ihrer beiden Verhältnis mit seinen Worten verbessert zu haben, aber grob betrachtet, war es ihre Schuld. Vielleicht war es auch besser so. Wenn sie ihn wieder hasste, würde es leichter sein sie als normale Schülerin zu behandeln.

Erst in den frühen Morgenstunden fand er Schlaf und der nächste Tag begann entsprechend schwerfällig und matt. Er quälte sich aus dem Bett und wünschte sich einmal mehr, die Stelle als Lehrer in Hogwarts nicht angenommen zu haben. Doch eigentlich hatte er das ja auch gar nicht. Sie war ihm aufgezwungen worden. Zwiegespaltenerweise konnten ihm in diesem Zusammenhang die zwei Jahre, die Astoria noch zur Schule ging, nicht schnell genug vorbeigehen. Er war es Leid nach der Pfeife seines Vaters zu tanzen. Mit der Hochzeit würde das Manor mit allen Rechten an ihn übergehen und damit würde er das Wort im Hause haben. Zumindest war so seine Vorstellung davon. Was genau in zwei Jahren wirklich passieren würde, stand auf einem ganz anderen Blatt geschrieben. Draco war kein Narr. Er wusste, dass die Zukunft ein wankelmütiges Ding war. Nichts war in Stein gemeißelt. Nur, dass er Astoria Greengrass heiraten würde, schien ihm unumstößlich zu sein.

Mit ruhigen Fingern schloss er die obersten Knöpfe seines Umhangs und starrte sein Spiegelbild an, ohne es wirklich zu sehen. Astoria Greengrass.

Ihr anzüglicher, kleiner Auftritt gestern hatte ihn einiges an Selbstbeherrschung gekostet. Mehr als er erwartet hätte. Aber was genau hatte er denn erwartet? Dass es an ihm vorbei ging und ihn nicht interessierte? Wohl kaum. Er erinnerte sich zu gut an die beiden braunen Augenpaare, die ihn immer wieder heimsuchten. Das Gesicht, welches seine Gedanken verfolgte. Nein er konnte nicht erwarten, dass es einfach war ihrer wirklichen Erscheinung – die nicht nur seiner Einbildung entsprang – in einfacher Art und Weise entgehen zu können.

Schwer stieß Draco den Atem aus. Es machte alles nur noch komplizierter. Kurz huschte sein Blick nun tatsächlich über seine Erscheinung im Spiegel.

Ein grosser, blonder Mann, mit kühlem Blick und starrer Haltung sah ihm entgegen. Der dunkle Umhang lagt elegant an seinem Körper, perfekt auf ihn zugeschnitten, wie alle seiner Kleidungsstücke. Sein Augenmerk glitt zu seinem linken Unterarm und drohte ins Nichts über zuschweifen.

Das dunkle Mal.

Er hatte Astorias Blick gesehen und ihre Worte gehört, in denen sie dieser Möglichkeit entfloh. Sie hatte sich davor gefürchtet.

Nur wenige in diesem Schloss hatten Gewissheit darüber, dass er ihnen angehört hatte. Nur wenige wusste, dass das Mal dort auf seinem Arm war. Es schmerzte nicht mehr, der Lord war tot und nie wieder würde es schmerzen. Dennoch fühlte es sich an wie eine Last. Der Arm fühlte sich schwerer an, als hätte jemand ein Bleiband daran geheftet. Diese Vergangenheit würde er niemals ganz loswerden, doch seine grösste Angst war, dass sie ihn eines Tages einholen könnte. Zugegebenermaßen eine unbegründete Angst, der dunkle Lord war tot, dennoch suchte sie ihn des Nachts in den Träumen heim, in denen er erneut um das Leben seiner Mutter fürchten musste, wie um sein eigenes.

Der junge Lehrer schloss die Augen und atmete durch. Er musste sich zusammenreißen. Es war vorbei. Gedanken an die Vergangenheiten lohnten sich nicht. Er hatte hier und jetzt andere Dinge, denen er sich widmen sollte. Diese Vergangenheit würde noch früh genug, seine Aufmerksamkeit erfordern, ohne, dass er provozierte. Mit einem Ruck drehte er sich vom Spiegel weg und verließ in schnellen Schritten seine Räume, nicht ohne sie zu verschließen. Er traute keinem Schüler in diesem Schloss, aber er traute ihnen alles zu.

In der grossen Halle setzte er sich zu Simone, die sich nach dem letzten Abend erkundigte.

„Alles ruhig. Ich glaube sie haben es begriffen. Selbst die Astronomieschüler haben keinen Versuch unternommen."

Wieder einmal war er dankbar dafür, dass Lügen derart leicht über seine Lippen kamen. Simone nickte bestätigend.

„Ja ich denke auch. Zum Glück würde ich sagen, nicht auszudenken wenn eine Schüler allein auf eine Anomalie treffen würde." Die Lehrerin für Verwandlung faltete den Tagespropheten zusammen und reichte ihn Draco weiter, der mit einem Nicken ihre Aussage bestätigte. Kurz überflog er selbst die Artikel, fand aber nichts Interessantes und zu seinem Erfreuen, auch keinen weiteren Artikel über den Einsturz.

„Ist Flitwick schon weiter gekommen?" Er ließ seinen Blick kurz am Lehrertisch entlangschweifen, doch der kleine Lehrer für Zauberkunst war nicht anwesend. Simone schüttelte resigniert den Kopf.

„Ich fürchte nein. Minerva hat ihn gestern Nacht zum Schlaf gezwungen. Er wird wohl bereits wieder an der Arbeit sein. Ich hoffe nur er findet bald einen Weg das Geflecht zu erneuern."

„Oder auf zu lösen. Ich bin immer noch der Meinung, dass es die bessere Lösung, die beschädigten Stellen ganz zu erneuern", warf Draco ein, Simones Blick jedoch zeigte Skepsis. Wohl war er nicht der Einzige, der an diesem Vorschlag sinnierte, doch er war allein mit seiner Meinung, dass es der bessere Weg war.

„Du weißt selbst, dass es zu viele Risiken birgt. Wir haben keine Ahnung welche Zauber noch darin verwoben sind. Einen zu vergessen könnte verheerend sein."

Der Zaubertränkelehrer enthielt sich einer Erwiderung. In den letzten Tagen hatten sie das Thema schon zu oft diskutiert. Er würde sich fügen, solange ihnen noch Zeit blieb. Nur wie lange das wirklich noch war, zeigte sich als ungewiss.

Mit einem Seufzen erhob sich seine Kollegin und verabschiedete sich. Nachdenklich ließ Draco seinen Blick über die Halle schweifen. Ein weiteres Mal blieb er an Astorias Haarschopf hängen. Den Rücken zu ihm gewandt hatte sie ihren Kopf im Tagespropheten vergraben, ihr gegen über Keaton und das japanische Mädchen, mit denen sie sich jeweils abgab. Es sah nicht so aus, als hätte sie irgendetwas erzählt, denn als Keaton seinen Blick auffing, entgegnete er nur die übliche ‚lass gefälligst Astoria in Ruhe'-Blick. Also war alles beim Alten. Kurz darauf erhob er sich ebenfalls und verließ den Lehrertisch, um sich in die Kerker zurückzubegeben.

Bald darauf fand der Donnerstag für Draco zu seinem normalen Ablauf zurück. Die Schüler füllten seinen Kerker, gaben ihre gewohnt mäßigen bis schlechten Tränke oder Essays ab und gingen wieder mit Frustration oder Unmut. Damit konnte Draco umgehen. Daran hatte er sich gewöhnt. Zwischen den Stunden widmete er sich einem Trank für Flitwick, der sich von allen Lehrern mit Magiegeweben am besten auskannte und Tag und Nacht an einer Lösung für das Problem suchte. Seine Stunden wurden an diesem Tag von McGonagall geführt und wohl so lange auch weiter, bis Flitwick eine Lösung gefunden hatte. Dracos Trank würde seine Konzentrationsfähigkeit steigern und ihn schneller Arbeiten lassen. Eine Droge für den Geist, ein Aufputschmittel, deren Nebenwirkungen nach Ende der Einnahme nicht zu gering sein würden, doch sie alle waren sich einige gewesen, dass es nötig war. Der kleinwüchsige Lehrer hatte sich einverstanden gezeigt zum Wohl des Schlosses den Trank einzunehmen. Um das Wohl des Lehrers selbst nicht weiter zu gefährden, ging Draco mit äußerster Vorsicht an seine Aufgabe.

Nach der letzten Stunde füllte er den Trank in Phiolen ab und brachte Flitwick vorbei. Der kleine Lehrer hatte niemals zu Dracos Freunden gehört, ob als Schüler oder nun selbst als Lehrer. Er war ihm zu freundlich, zu aufgedreht und motiviert. Umso erschreckender war sein jetziger Zustand. Er hatte dunkle Ringe unter seinen Augen und sein Gesicht war eingefallen, während seine Augen müde über die Zeilen hinwegflogen. Er hatte kein Mitleid an sich, mit dem kleinen Kerl, es war schließlich seine Aufgabe. Jeder hier hatte seine Aufgabe und erfüllte diese.

„Ich habe den Trank Filius." Es klang noch immer seltsam in Dracos Ohren den Lehrer so zu nennen, aber der kleine Kerl bestand darauf. Steif stellte er die Phiolen auf den kleinen Beistelltisch.

„Sie wissen ja um die Wirkung. Nicht mehr als fünf Tropfen, wenn sie den Nebenwirkungen nicht verstärken wollen."

„Danke, danke Draco. Ich weiss. Ich werde mich daran halten." Ein müdes Lächeln zeigte sich auf dem eingefallenen Gesicht. Draco nickte ihm nochmals zu und verließ den Raum wieder. Sollte er sich nicht daran halten, so war es in seiner eigenen Verantwortung.

Auch die Nacht war ruhig. Astoria tauchte nicht mehr auf während seiner Wache und auch sonst kein Schüler wagte es sich blicken zu lassen. Allein Granger war vorwitzig genug, nach ihrer Astronomiestunde bei ihm aufzutauchen. Vielleicht hätte sie es nicht getan, wäre er nicht gerade im Treppenhaus gewesen, als die siebte Klasse von ihrer Stunde zurückkehrte. Er hatte nicht bemerkt, wie sie sich bei ihren Freunden entschuldigte, dafür aber umso eher, wie sie zielstrebig auf ihn zugelaufen kam. Er verzog sein Gesicht.

Draco hatte wenig Lust gerade mit Granger zu reden. Als Schulsprecherin war sie an sich schon ätzend genug. Ihre Stellung gab ihr dafür auch noch die Berechtigung, was den ehemaligen Slytherin noch mehr störte. Kalt sah er sie an, als sie bei ihm angekommen war.

„Was ist Miss Granger? Sollten sie sich nicht auf zum Gemeinschaftsraum begeben?" In manchen Fällen mochte er es doch, sich als Lehrer aufzuspielen. Insbesondere bei Granger und ihren grässlichen Freunden. Ihre Erwiderung war entsprechend harsch und unfreundlich, was ihm die innere Genugtuung gab, dass er sich zumindest unter Kontrolle halten konnte.

„Spiel dich nicht so auf Malfoy. Nur weil du jetzt Lehrer bist, bist du noch lange nichts Besseres als zuvor. Ich könnte hier auch Unterrichten, hätte ich mich nicht für einen ordentlichen Abschluss entschieden."

Draco gab sich ungerührt. Das war ihr Pech und das würde er ihr nun auch unter die Nase reiben.

„Deine Entscheidung Granger. Nun bist du nur Schulsprecherin, also verhalte dich auch dementsprechend", gab er starr zurück.

„Von dir nehme ich keine Vorschriften entgegen." Die braunen Augen funkelten finster, was Draco dazu bewegte seine Augenbrauen zu heben.

„Das solltest du aber", antwortete er gedehnt. Er hatte keine Lust mehr auf die Unterhaltung. Granger würde niemals nachgeben, selbst wenn ihr klar war, dass sie nach Schulregeln im Unrecht war. Nur leider hatte ihr McGonagall verantwortungslos viele Freiheiten und Sonderrechte gegeben, so dass die Besserwisserin nun das Gefühl hatte sich alles rausnehmen zu können.

„Also was willst du? Du redest nicht freiwillig mit mir, wenn du nicht etwas wissen willst." Hart fasste er sie in den Blick und wartete. Ganz ihrer Art getreu setzte sie ihren Besserwisserblick auf und schlug auch genau diesen Ton an, was Draco beinahe ein entnervtes Seufzen entlockt hätte.

„Ich wollte nur wissen, wie es mit der Anomalie steht. Ich hab das was gefunden, was vielleicht helfen könnte, wenn Flitwick noch nicht weiter gekommen ist."

Einen kurzen Moment fragte sich Draco, warum sie damit gerade zu ihm kam, doch der Grund war offensichtlich. Es war lediglich eine Fügung der Begebenheiten gewesen, dass er der Lehrer war, der zur Astronomiestunde Wache hielt. Wäre Thyes hier gewesen, hätte sie Thyes gefragt.

„Dann geh damit zu Flitwick, Granger. Meines Wissens haben wir noch keine endgültige Lösung." Nun schlug die Genervtheit in seiner Stimme durch.

„War es das?"

Granger bestätigte seine letzte Frage, in dem sie die Augen rollte und sich zum Gehen wandte. Als sie verschwunden war, entglitt Draco ein genervtes Seufzen und ein kurz schweiften seine Gedanken zu Astoria, die gestern eine ähnliche Gelegenheit erfasst hatte wie gerade Granger. Nur Astorias Erscheinen war im Nachhinein gesehen die angenehmere Begegnung gewesen, wenn auch in mancher Hinsicht heiklerer Natur.

Er beendete seine Runde als Thyes auftauchte, um ihn abzulösen. Nach kurzem Überlegen hatte er nochmals einen Blick bei Flitwick reingeworfen und war dann zurück seine Gemächer gegangen. Er musste nicht auf den Stundenplan sehen um zu wissen, wen er morgen unterrichten würde. Zumindest die letzte Stunde am Freitag war in seinen Kopf gebrannt, wie mit einem glühenden Eisen. Die sechste Klasse mit Astoria. Der Rest kümmerte ihn wenig. Unbewusst suchte er nach einem Grund um mit ihre zu reden. Irgendwie würde sie wohl nach der Stunde aufzuhalten sein ohne, dass jemand wieder auf dumme Gedanken kam. Einige Augenblicke später wurden ihm seine Gedankengänge bewusst und er schüttelte beinahe energisch den Kopf. Er sollte sie einfach wie jeden anderen Schüler behandeln. Sie nach dem Unterricht zurückzuhalten, wenn es offensichtlich nichts zu besprechen gab, war eine ganz und gar dumme Idee. Verstimmt stellte Draco fest, dass er dieses Wochenende bestimmt nicht würde fliehen können und im Schloss bleiben musste, um die anderen Lehrer zu unterstützen. Mit etwas Glück würden sie genug zu tun haben, dass er sich dennoch von Astoria ablenken konnte, doch er hatte eine unangenehme Vorahnung.

Trotz der Müdigkeit, die ihn beherrschte schlief Draco unruhig. Die alten Träume verfolgten ihn, gemischt mit Bilden von Astoria. Immer wieder erwachte er, nur um gleich darauf wieder in denselben unruhigen, wenig erholsamen Schlaf zurückzufallen. Im Morgengrauen beendete er das Treiben, in dem er aufstand und sich in der liegengebliebenen Arbeit der letzten Tage vergrub. Er spielte mit dem Gedanken selbst einen Trank gegen die Ermüdung zu nehmen, ließ es aber, in Anbetracht dessen, dass ein müder Geist schneller abzulenken war als ein klarer, bleiben. Solange er arbeitete, konnte er jegliche anderen Themen beiseiteschieben.

Unruhig erwachte Astoria am Freitagmorgen in der Frühe. Draußen war es noch dunkel, was ihr sagte, dass es eigentlich viel zu früh war, um aufzustehen. Mit einem Stöhnen fiel sie zurück in ihr Kissen. Eine weitere Nacht, auf deren Träume sie hätte verzichten können. Eingestürzte Schlösser, Riley die irgendwelche Wetten abschloss, ihre Eltern, die auf sie ausschimpften, welche Schande sie über die Familie brachte und nicht zuletzt Malfoy. Das Gespräch welche sie geführt hatten, hatte Astoria noch lange beschäftigt. Jon und Sumi eine plausible Erklärung für ihre Verspätung aufzutischen war nicht all zu leicht gewesen. Schließlich aber hatte sie sich eine Geschichte aus den Fingern gesogen in der sie nach Astronomie ‚versucht' hatte in die oberen Stockwerke zu kommen, aber es nicht geschafft hatte, weil sie überall auf magische Barrieren gestoßen sei. Ob die beiden ihr wirklich geglaubt hatten, konnte sie nicht so sicher sagen. Auf jeden Fall war die letzte Nacht schon gefüllt gewesen mit Träumen, auf die sie hätte verzichten können und diese nun wieder.

Von Malfoy hatte sie dafür am letzten Tag nur wenig mitbekommen, wie so oft, wenn sie keinen Unterricht bei ihm hatte oder nichts Provokatives etwas unternahm, was sie zu ihm hätte führen können. Sie war nicht undankbar über diese Fügung. So wurde sie zumindest nicht unnötig an ihren peinlichen Auftritt im vierten Stock erinnert. Im Nachhinein empfand sie ihr Verhalten als lächerlich und noch schlimmer machte das Ganze, dass er dieses mit seinen Worten auch noch derart bloß gestellt hatte. Sie hätte es einfach bleiben lassen sollen, nach dem er eingewilligt hatte sie nicht rauszuwerfen. Aber nein, sie hatte es ja wieder mal nicht lassen können.

Ihr Frust schlug all zu bald in Zorn über. Zorn wegen ihrer Dummheit, aber auch wegen seiner skrupellosen Bloßstellung ihr gegenüber. Gut sie mochte sich dumm angestellt haben, dennoch war, seine Art ihr die möglichen Konsequenzen vor Augen zu führen, vollkommen unnötig gewesen. Was hatte sie auch erwartet? Es war Draco Malfoy. Ein kaltherziger Bastard. Er wollte sich selbst nur keine Blöße geben, darum war sie jetzt noch hier im Schloss.

Der Tag folgte demselben Muster wie der Letzte. Gekonnt ignorierte er Granger in seinem Unterricht, außer er ließ sich nicht vermeiden, was leider viel zu oft der Fall war. Es war nicht so, dass er Granger hasste wie zu Schulzeiten. Er mochte sie einfach nicht. Sie war besserwisserisch und altklug und das würde sie immer bleiben, egal was geschah. Allerdings kümmerte es ihn recht wenig während den beiden Stunden vor dem Mittag, denn seine Gedanken waren bereits weiter.

Nach dem Mittagessen eilte er kurz zu McGonagall, um wie alle Lehrer einen kurzen Bericht zu erhalten, wie die Dinge standen. Sehr zur Enttäuschung des Kollegiums hatten sie bis dahin keine Fortschritte erzielen können. Sie würde so auch diesen Abend wieder den Bann zum Schutz verstärken und Flitwick würde weitersuchen. Grangers kleiner Einwurf schien nichts genützt zu haben, was Draco eine innerliche Genugtuung gab. Natürlich war sie falsch, aber er konnte und wollte sich gerade nicht dagegen erwehren.

Als er für die Nachmittagsstunde beim Klassenzimmer ankam, wartete bereits die ganze Klasse vor dem Eingang. Astoria war nicht zu übersehen. Ihr helles Haar war ein Leuchtfeuer unter den anwesenden Schülern. Draco hütete sich ihr mehr als einen kurzen Blick zu schenken. Dieser reichte allerdings, um ihre kühle Abweisung zu erkennen. Während er die Tür zum Kerker aufschloss, zogen sich seine Augenbrauen kurz nachdenklich zusammen. Er hatte durchaus etwas in dieser Art erwartet, dennoch hätte er gerne gewusst, was sie gerade dachte.

Ungeduldig wartete er, bis sich die Klasse eingerichtet hatte, nach dem er die Anweisungen für die Stunde an der Tafel hatte erscheinen lassen. Kurz darauf war Ruhe eingekehrt. Sein Blick schweifte über die Klasse und wieder fing er ihren abweisenden Blick auf, was ihn weiter missmutig stimmte.

„Sie sehen den Auftrag. Sie haben diese und die nächste Doppellektion Zeit. Beginnen sie jetzt", Waren Dracos einzige knappen Worte. Damit setzte er sich an seinen Tisch und begann Arbeiten zu korrigieren und neue Aufgaben aufzustellen für anderen Klassen. Sein Wille einen anspruchsvollen Unterricht zu führen, war mit Astorias offensichtlich kühler Haltung entschwunden. Dabei wusste er noch nicht einmal warum. Er hatte es erwartet. Natürlich war seine Laune zuvor nicht die Beste gewesen, was an den Begebenheiten im Schloss lag, doch dass ihn Astorias Verhalten nun ganz zu Boden schlug, damit hatte er nicht gerechnet.

Erst mit dem Verlauf der Stunde normalisierte sich seine Stimmung wieder auf die normale Unterrichtsentnervtheit. Nach dem die erste Stunde vorüber war, fühlte er sich sogar dazu in der Lage sich den dampfenden Flüssigkeiten der Schüler zu zuwenden. Tränke konnte man es nicht nennen, in manchen Fällen noch nicht einmal unfertige Tränke.

Nach dem ersten Tisch fand er sich in seinem gewohnten Unterrichtsrhythmus wieder. Er zeigte sich bereit zu helfen, wo es nötig war und Erklärungen abzugeben, wo sie gefragt wurde.

Was aber auch bedeutete, dass er wirklich alle Tische zu besuchen hatte. Es wäre zu auffällig gewesen, gerade Astorias Tisch auszulassen. Innerlich schalt er sich selber als Narr. Sie war nur ein Mädchen. Was wollte er mit einem Mädchen? Und warum sollte sie ihn nervös machen? Sie war seine Schülerin und mehr nicht. Dennoch waren die drei Schritte vom letzten Tisch zu dem von Astoria gefühlte länger und schwerer als normal. Keaton zu helfen war unnötig, also blieb noch Astoria und ihre japanische Freundin.

Der Trank der kleinen Japanerin hatte einen etwas zu tiefen Rot-Ton, doch würde sie wohl selbst fertig werden oder mit der Hilfe von Keaton, auch Astorias Arbeit sah eigentlich ganz ordentlich aus. Er hütete sich davor ihr zu nahe zu kommen, während etwas dichter heranging, um den Zaubertrank zu begutachten. Allerdings kam er nicht umhin zu bemerken, wie sie stur auf ihrer Angenwurzel herumschnippelte und nicht einmal aufsah. Dabei wurde das Ergebnis ihrer Schneiderei nicht unbedingt besser. Er warf noch einmal einen Blick in den Topf, nickte kurz und wollte gerade zum nächsten Tisch gehen, als sein Blick nochmals zu ihren Händen glitt, die noch immer wie wild mit der Wurzel beschäftigt waren. Auf ihrer rechten Hand zeichnete sich deutlich ein frisches Brandmal ab. Wahrscheinlich ein Tropfen des Trankes. Kurz runzelte er die Stirn, ging schließlich aber dennoch weiter.

War sie nun wieder so versessen darauf, nicht mit ihm zu reden, dass sie selbst eine Wunde nicht meldete. Ihr musste klar sein, dass mit Trankverbrennungen nicht zu spaßen war. Ein Gedanke in seinem Kopf ging jedoch in eine ganz andere Richtung, eine von der er nicht genau wusste, ob sie ihm gefallen wollte. Damit hatte er einen Grund sie am Ende der Stunde zurückzuhalten.

Er half den nächsten Tisch nur fahrig, bis gar nicht. Zu sehr war er damit beschäftigt, sich zu entscheiden, ob er sie tatsächlich deswegen im Klassenzimmer behalten sollte und die Einwirkungen ihrer Anwesenheit, so wie ihre Wut zu riskieren oder aber sie einfach gehen zu lassen. Bei zweiterem musste er darauf vertrauen, dass sie selbst für die Wunde sorgte. Was an sich kein Problem darstellen würde.

Allerdings musste Draco zum Ende der Stunde feststellen, dass er wohl bereits schon am Tisch entschieden hatte, denn die Worte: „Miss Greengrass, bitte bleiben sie noch einen Moment", kamen automatisch über seine Lippen, als die Schüler begannen das Klassenzimmer zu verlassen.

Er sah, wie sich ihre Züge augenblicklich verfinsterten und sie erstarrt stehen blieb. Ein paar verwunderte Blicke gingen durch die Klasse und Draco erinnerte sich leidlich an den vergangenen Mittwoch. Die Gerüchte würden wohl neues Feuer bekommen, aber mindestens hatte er eine Ausrede, wenn auch nur eine schmähliche.

Diesmal wartete das zierliche Mädchen nicht, bis alle Schüler aus dem Zimmer waren, sonder wandte sich kurz nach seinen Worten trotzig zu ihm um und kam mit giftigen Zügen auf ihn zu. Er sah, wie die Japanerin und Keaton am Eingang des Zimmers warteten. Hatte sie das abgesprochen? Und wenn ja zu welchem Zweck?

Draco vermied es, die Stirn zu runzeln und damit unnötig viel von seinen Gedanken Preis zu geben. Keaton und die Japanerin rauszuschicken wäre ein etwas zu auffälliger Zug, gerade weil es nur um eine Handverletzung ging.

„Ja Professor?" Ihre Stimme war ähnlich gereizt wie ihr Gesichtsausdruck und trotz der Erwartung, die er bereits gehabt hatte, machte ihn ihr Verhalten unruhig.

„Was ist mit ihrer linken Hand?" Fordernd hob er seine eigene Hand, während er sie kühl anblickte. Ihr lodernder Blick wich kurz erstaunen, doch nur für einen Moment. Kurz darauf kehrte der Trotz zurück in ihre Züge.

„Nichts."

Ungläubig hob Draco eine Augenbraue über ihre offensichtliche Lüge. Er wartete einen Augenblick, doch Astoria starrte nur weiter zurück. Draco unterdrückte ein resigniertes Seufzen. Nun waren sie wohl wieder dort, wo sie angefangen hatte. War er nicht mit sich übereingekommen, dass dies das Beste sein würde? Es fühlte sich allerdings überhaupt nicht so an.

„Ihre Hand", forderte er nun noch einmal und erhielt ihre zierlichen Finger in einer widerwilligen, eher patzigen Geste. Nichtsdestoweniger kribbelte seine Hand unter ihrer Berührung. Ihre Hände waren zierlich und fein, aber kalt. Sorgsam, beinahe sachte drehte er ihre Hand leicht im Licht und betrachtete die kleine Verbrennung an ihrem Handrücken nun näher. Es war wirklich nichts Schlimmes und würde wohl lediglich eine Narbe hinterlassen, wenn es nicht behandelt wurde.

Noch einmal strich er sachte mit dem Daumen über die Wunde. Astoria zuckte kurz zusammen, was Draco dazu bewegte von der Hand aufzusehen. Verwundert sah er, dass der Zorn aus ihren Zügen gewichen war. An dessen Stelle war Verwunderung und eine Art von Entrücktheit getreten. Ein Schauer ging über Dracos Körper und schlagartig ließ er ihre Hand los.

„Eine Zaubertrankverletzung ist niemals zu vernachlässigen, Miss Greengrass. Gehen sie in den Krankenflügel um die Wunde versorgen zu lassen. Und geben sie Ms Pomfrey das..." Aus einem Affekt heraus nahm er die Feder zur Hand und schrieb schnell ein paar Worte auf ein Stück Pergament. Er faltete das Papier und drückte es Astoria in die Hand.

„Sie können gehen", fügte er kühl an und wandte sich etwas zu schnell zu seiner Arbeit zurück. Draco hatte seine liebe Mühe seinen Atem ruhig zu halten und sich darauf zu konzentrieren so zu tun als würde er Arbeiten. Denn Arbeiten konnte er nicht. Er starrte auf das Blatt vor sich und verstand kein Wort von dem, was er las. Seine Gedanken taumelten über dem, was gerade passiert war. Als er hörte wie die Tür hinter den drei Schülern ins Schloss fiel entließ er schließlich ein tiefes Seufzen. Sie waren wieder dort, wo sie begonnen hatten? Wohl kaum. Aber ob dies hier besser war? Draco bezweifelte es in diesem Moment stark. Mit einem Mal kam er sich dumm vor. Er hätte ihr die Nachricht nicht mitgeben sollen. Wären doch nur ihre dummen Freunde nicht anwesend gewesen. Doch was wäre dann passiert? Draco mochte es sich nicht ausmalen. In einer verzagenden Geste strich er sich mit der Hand übers Gesicht und durchs Haar. Warum machte man etwas, wenn man doch wusste, dass es falsch war?