Kapitel 10
Es war halb zehn.
Die Couch im Wohnzimmer war beiseitegeschoben, und um den großen, grünen Pokertisch saßen Ernie MacMillan, sein Freund Frederic Grant, der Kapitän der Ravenclaws Daniel Jensen und Gregory Goyle. Draco hatte einen Ersatz für Blaise finden müssen, und eigentlich hatte er keinen weiteren Hufflepuff einladen wollen, allerdings hatte sich auf die Schnelle kein anderer gefunden.
Und er hatte nichts gegen Hufflepuffs im Allgemeinen, allerdings war dieser Junge nicht wirklich… auf seiner Wellenlänge. Draco goss sich unbemerkt Whiskey in seinen Cherry-Coke Becher. Daniel Jensen hatte den Whiskey besorgt.
„Hey, wo… wo bleibt deine Mitbewohnerin?", wollte Frederic Grant zum dritten Mal von ihm wissen, und Draco nahm einen tiefen Schluck.
„Sie patrouilliert, und du kannst froh sein, dass sie noch nicht hier ist", bemerkte er spitz. Hoffentlich warf Granger diesen Freak als erstes raus.
Pansy unterhielt sich mit Millicent auf der breiten Couch, während sie verhexten Weißwein tranken. Zwei Ravenclaw Mädchen saßen auf den Sesseln, die zusammen gerückt waren, und warfen ihm ab und an undeutbare Blicke zu. Die eine war Elizabeth Gresham. Er hatte sie eingeladen, und sie hatte eine Freundin mitgebracht, deren Namen er schon wieder vergessen hatte.
Er fuhr sich durch die Haare, denn er hoffte inständig, dass er Frederic Arschloch Grant nicht noch seine Faust ins Gesicht rammen müsste.
„Ist das… ähm… ihr Zimmer?", wollte der Hufflepuff jetzt wissen, während Gregory die Karten erneut austeilte. Sie hatten gerade eine Proberunde gespielt.
Draco zog eine Augenbraue spöttisch in die Höhe. „Wessen Zimmer?", provozierte er den Jungen, es tatsächlich laut zu sagen, denn er musste Witze machen. Und Draco spürte, wie es ihn nervte, dass sich dieser Junge nach ihrem Zimmer erkundigte.
„Ähm, Grangers Zimmer", erwiderte der Jungte verwirrt, und Draco störte es sogar, dass der fremde Hufflepuff ihren Nachnamen nannte. Hastig trank Draco einen Schluck.
„Ja?", entgegnete Draco gefährlich ruhig, und er wusste, sie hätten diesen Abend in den Slytheringemeinschaftsraum verlegen sollen. Aber da wäre Blaise gewesen. Und er hatte keine Lust auf Blaise. Er hatte schon kaum Lust darauf, dass Granger gleich zurückkommen würde, um schlechte Laune zu verbreiten.
Er goss den Ravenclaw Mädchen eilig zwei Weißweinschorlen ein und trug sie zu den Sesseln.
„Zitronen-Limonade für die Damen", erklärte er lächelnd. Die Mädchen nahmen die Gläser mit erhobenen Augenbrauen und zuckenden Mundwinkeln entgegen.
„Danke, Draco", sagte Elizabeth, während ihre Freundin verhalten kicherte. Merlin, das würde zu einfach werden. Sobald er Pansy losgeworden war, natürlich!
„Um was spielt ihr?", wollte Pansy laut wissen, und Elizabeths Lächeln verschwand.
„Um Schokofrosch-Karten, Pansy", erwiderte Draco trocken. Pansy atmete aus.
„Ha ha, Draco. Wirklich witzig", warf sie bitter ein. „Ich meine, um wie viel Gold insgesamt?"
„Vielleicht sollten wir nicht um Gold spielen?", entfuhr es Ernie lachend.
„Ja! Wie wäre es mit Wahrheit oder Pflicht?"
„Was?", fuhr Draco den Hufflepuff an, den er sowieso schon abgeschrieben hatte.
„Ein Muggel-Spiel", erläuterte der Hufflepuff gereizt, der wohl auch Draco gegenüber nicht mehr freundlich gesinnt war. Frederic war ein Halbblut. Draco wusste das. Pansy hatte sich erhoben und balancierte anmutig auf den hohen Absätzen zum Tisch.
„Wie spielt man so etwas, und was wäre der große Nutzen daraus?", erkundigte sie sich, als ginge es um magische Portfolios, und sie würde sich ohne einen materiellen Vorteil nichts aus einem Freitagabend machen.
„Man braucht eine leere Flasche", begann Frederic, während seine Augen an Pansys Körper auf und ab wanderten.
„Klingt nicht sehr verlockend", erwiderte Pansy und leerte ihr Glas.
„Man dreht sie auf dem Boden, und der auf den sie zeigt, wählt Wahrheit oder Pflicht!"
„Nein, nicht spannend", schloss Pansy, und Draco war ihr sehr dankbar. Immerhin musste Draco dann nicht, den Traum des Hufflepuff platzen lassen.
„Oh, du hast es wohl noch nie gespielt, Parkinson?" Ernie lächelte ein verschmitztes Lächeln. Draco verdrehte die Augen.
„Bitte! Leute, Pokern!", befahl er knapp.
„Draco, ich denke, wir könnten Spaß dabei haben. Von was für einer Pflicht ist die Rede?", wollte Daniel Jensen wissen, und es wunderte Draco überhaupt nicht, denn erst vor einem Monat hatte er Daniel erwischt, wie er mit dem Sucher seines Teams hinter dem Kapitänszelt sehr fragwürdige Techniken ausprobiert hatte.
„Völlig offen. Striptease, verrückte Zauber, denjenigen küssen, der neben einem sitzt, Potter einen Liebesbrief schicken!", fügte Frederic grinsend in Richtung Draco hinzu, und Gregory musste lachen.
„Oh ja, das wäre…" Aber er verstummte abrupt.
„Und Granger müsste mitspielen!"
Ganz sicher nicht. Wenn das eine Voraussetzung war, dann wäre er draußen. Weit weg von diesem Zimmer. Und in welcher Welt lebte der verrückte Hufflepuff eigentlich? Dachte er, Granger würde gleich freudig durch diese Tür spazieren, sich die Sachen vom Leib reißen und jeden küssen, auf den die verdammte Flasche zeigte?! Draco mochte diesen Junge nicht.
„Es ist ein dämliches Spiel, ein scheiß Vorschlag, und wir werden Pokern!" Dracos Stimme hatte sich abgekühlt. Der einzige Grund, Granger bei irgendetwas mitspielen zu lassen, wäre für sie, Pflicht zu wählen, damit sie ihm verdammt noch mal einen Blasen könnte. Kurz schloss er die Augen und zwang sich innerlich zur Ruhe.
„Wie wäre es, wenn wir abstimmen?" Der Hufflepuff war aufgestanden. Draco hob belustigt eine Augenbraue, während Pansy unruhig wurde.
„Wie wäre es, wenn du dein Maul halten würdest?", erwiderte er tatsächlich eine Spur belustigt und kam näher.
„Draco, bitte", murmelte Pansy gepresst.
„Ich glaube, du hast ein ernstes Problem, Malfoy!", begann der Hufflepuff kopfschüttelnd.
„Ja, ich ein Problem mit Leuten, die meinen, sie könnten sich bei mir durchsaufen und entscheiden ein dämliches Muggelspiel zu spielen, weil sie nicht genug Gold für Poker dabei haben!", wiederholte er eisig.
Daniel senkte den Blick zurück in seine Karten. „Lasst uns nicht streiten, ok?", murmelte er knapp, und der Hufflepuff sagte etwas Undeutliches zu Ernie.
„Ich hätte Lust?", sagte Elizabeth plötzlich, und Draco hob den Blick. Sie schenkte ihm ein offenes Lächeln. Oh, verflucht. Das war nicht ihr ernst?!
„Süße, tut mir leid, aber so läuft das hier nicht", korrigierte Pansy sie mit einem giftigen Lächeln. Elizabeth schenkte ihr einen überheblichen Blick.
„Ach nein? Wie läuft es dann? Alle tun, was du sagst, Parkinson?"
Nett. Pansy schien innerlich zu kochen, ließ es sich aber nicht anmerken.
„Nein, Gresham", wiederholte Pansy auch den Nachnamen ihrer gegenüber, und alle Jungen sahen den beiden gebannt zu.
„Nein? Was dann? Hast du Angst vor Wahrheit oder Pflicht?", wollte Elizabeth lächelnd wissen.
„Ich habe vor überhaupt nichts Angst, Elizabeth. Wenn dann wird es für dich bitter ausgehen, denn ich bin die Königin bei jedem Spiel, bei dem es um Herausforderungen geht."
„Ja? Und wenn du nackt im Gryffindorgemeinschaftsraum tanzen müsstest, das wäre kein Problem?" Draco gefiel allerdings, wohin dieses Gespräch führte. Kurz wechselten die Jungen einen auffordernden Blick.
„Dann würde ich hoffe, du hättest einen Ersatzplan, wie du mich gerne besiegen möchtest, Elizabeth", entgegnete Pansy selbstsicher, und Draco konnte sich geradeso daran hindern, die Augen zu verdrehen.
„Oh, keine Sorge!", versprach Elizabeth, und ihr Blick ruhte kurz auf ihm, Draco. Kurz regte sich seine Erektion. Er leerte sein Glas mit einem Nicken. Ihm fielen auch ein paar Dinge ein, mit denen Elizabeth Pansy besiegen konnte.
Es klopfte an der Tür. Er überlegte, ob Snape einen Kontrollbesuch machte, aber dann würde er nicht höflich klopfen. Das war nicht Snapes Stil. Und es störte ihn ernsthaft. Niemand hatte hier zu klopfen, als wäre es ein verdammtes Hotel!
„Wer ist da?", fragte Draco, über die Unterhaltungen der anderen hinweg.
„Blaise", vernahm er die Stimme von seinem ehemaligen Freund. Draco hob überrascht den Blick. Nicht wirklich? Was wollte dieser Idiot von ihm? Noch mal Prügel kassieren?! Draco zögerte. Pansy war zu ihm gekommen.
„Das ist perfekt, Draco", flüsterte sie. „Blaise will sich entschuldigen, du vergibst ihm, und wir reden ihm den Unsinn aus!" Draco verzog den Mund. Er wollte Blaise nicht sehen. Nicht wirklich. Warum auch? Aber Pansy war schon zur Tür geschritten.
Sie öffnete die Tür in einer lasziven Bewegung, um dann innezuhalten.
-Potter? Dracos Augen verengten sich sofort.
„Hermine schon zurück?", erkundigte sich Blaise, als hätte er gerade nicht Potter und Weasley mit im Schlepptau!
„Was?" Draco starrte ihn an, und Weasley hatte sich nach vorn gebeugt, um ins Wohnzimmer zu spähen. „Was soll das?"
„Ist sie schon zurück?", wiederholte Blaise seine lächerliche Frage.
„Ich… nein, ist sie nicht", antwortete Draco knapp und hielt die Tür besitzergreifend fest, als er neben Pansy getreten war. „Was wird das?", wiederholte er eisig.
„Na ja, du hast mich eingeladen", erwiderte Blaise und besaß die Dreistigkeit zu lächeln.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Deine Einladung hat sich erledigt, nachdem-"
„-du mich geschlagen hast?", beendete Blaise den Satz für ihn, und Dracos Mundwinkel sanken.
„So in etwa", entgegnete Draco.
„Weiß Snape davon? Nein, ich glaube nicht. Würde… es ihm gefallen? Ich glaube auch nicht."
„Was willst du, Zabini?"
„Hermine wohnt hier auch. Und ich denke, sie darf auch ein paar Freunde einladen."
„Was?" Draco war kurz davor, die Tür zuzuschlagen. Seit wann zählte Blaise zu Grangers Freunden? Seit wann hatte Granger überhaupt Freunde, neben ihren Wachhunden und ihren langweiligen Büchern? Der Whiskey zeigte Wirkung. Ansonsten würde er bei weitem nicht so ruhig hier stehen können.
„Du weißt schon. Jetzt, wo ihr alle auf Bewährung seid."
„Fick dich, Zabini."
„Lass mich rein."
„Warum?"
„Warum? Weil ich sonst zu Snape gehe." Arschloch. Dämliches, scheißglattes Slytherin Arschloch!
„Wir sind schon fünf Leute zum Pokern", erklärte er kalt.
„Um Gold? Ist das nicht verboten?", erkundigte sich Blaise scheinheilig, und Draco verdrehte gereizt die Augen.
„Ja, aber wir spielen jetzt Wahrheit oder Pflicht!", rief Pansy aus. Sie trug ihr Vertrauensschüler-Lächeln, hinter dem sie ihre Teufelshörner für gewöhnlich verbarg, und Draco spürte, wie sie ihn in die Seite knuffte. „Nicht wahr, Draco? Das kann man mit mehreren spielen?"
Draco schüttelte verständnislos den Kopf.
„Vielleicht wollen die Jungen mitspielen?", schlug sie deutlicher vor, und die Jungen, wie Pansy das Pack vor seiner Tür nannte, starrten sie an. Sie atmete entnervt aus. „Kommt schon, seid ihr alle feige?", wollte sie beleidigt wissen, und Weasley lachte tatsächlich auf.
„Gib mir einen guten Grund, Parkinson, weshalb wir mit dir Wahrheit oder Pflicht spielen sollten? Was für große Geheimnisse sollten dabei ans Tageslicht gebracht werden? Dass ihr alle Todesser wart? Dass eure Väter und Großväter Todessern waren? Dass ihr nichts mehr liebt, als euer Gold und Sklavenarbeit eurer Elfen?", fuhr Weasley bitter fort, und Pansys Blick wurde eisig.
„Im Gegensatz zu was, Weasley?", entgegnete sie wieder mit einem gefährlichen Lächeln. „Dass du Granger bei jedem Vertrauensschülertreffen anstarrst, als wäre sie das einzige Mädchen, dass tatsächlich in deiner Liga spielt, aber dass du deine Chance verpasst hast?" Draco hätte fast gelacht. Fast.
„Du bist eine verdammte-"
„Ron!", unterbrach ihn Potter knapp. „Pansy, wir wollen nicht spielen. Wir wollen Hermine sehen." Pansy zuckte die Achseln.
„Wusste nicht, dass du so feige bist, Harry Potter. Aber vielleicht gönnst du dir auch einfach keinen Spaß?"
Die anderen Jungen waren auch zur Tür gekommen.
„Hey, Harry!", rief Ernie grinsend. „Ihr solltet wirklich mitspielen!"
„Sie sind nicht eingeladen", schloss Draco ärgerlich, denn langsam reichte es ihm.
Er, Potter und Weasley tauschten einen kurzen Blick.
Es war… fast absurd. Und es war bezeichnend, wie wenig er die beiden Jungen leiden konnte. Wie wenig er Potter und Weasley mochte, aber dafür… hatte er kein Problem, mit Granger… gewisse Dinge zu tun.
War es nicht… irgendwie absurd, fragte er sich in einem Moment kurzer Klarheit. Potters Blick wurde genervter. War es einfach so, dass er, Weasley und Potter vielleicht doch eine einzige Gemeinsamkeit hatten?! Konnte es sein?
Eigentlich… nicht, überlegte er still. Eigentlich war das vollkommen unmöglich, denn er hasste alles, wofür Potter stand. Er hasste alles an Potter. Und er nahm an, es beruhte auf reiner Gegenseitigkeit. Und er hatte nicht vergessen, dass er mit Potter die Einsteiger leiten musste. Er hatte keine Ahnung, wie er es schaffen sollte! Er wollte zu den Prüfungen zugelassen werden! Er wollte hier sein. Wahrscheinlich, unterm Strich, gefiel ihm Hogwarts besser, als er wirklich zugab. Und er wollte vor allem nicht wegen Potter nicht zugelassen werden!
Wenn es wenigstens mit etwas anderem zusammen hing. Wenn er den Astronomie-Turm in die Luft jagte oder einen Großbrand im Verbotenen Wald legte – das hätte immerhin nichts mit Potter zu tun. Er spürte, wie sich seine Mundwinkel bitter nach unten zogen.
Er hätte nicht seinen Finger drauf legen können, wenn es zu seinem Hass auf Potter kam. Sicher, Potter hatte gegen Voldemort gekämpft. Potter hatte gewonnen. Potter, Potter, Potter… ja. Potter war ein verdammter Held, und jeder wusste es. Jeder wollte ein Stück von Potter haben. Außer er. Draco wollte nichts mit Potter zu tun haben. Er wollte nicht in Potters Schuld stehen, er wollte nicht mal Potters Luft atmen!
Er hasste Harry Potter. Wenn er etwas ganz sicher wusste, dann das. Und es fühlte sich gut an. Es fühlte sich richtig an, ihn nicht leiden zu können! Potter war… Potter war – höchstwahrscheinlich Jungfrau, wenn er schon von vorne anfangen musste. Er versuchte wirklich, einen Grund zu finden, den Jungen vor sich zu akzeptieren. Irgendwie. Irgendwo in seinem Innern. Denn natürlich war Draco nicht dumm. Die Todesser-Schiene mochte in Hogwarts Spaß machen, denn Potter regte sich so herrlich darüber auf. Es stand ihm, Draco, einfach gut. Er war gerne der Rebell, er war gerne derjenige, der die Aufmerksamkeit auf sich zog, gerade weil er nicht der Vorzeige-Potter war.
Denn Harry Potter war… ein Waisenkind. Es war so herrlich tragisch, dass Draco kotzen könnte. Ein armes, missverstandenes Waisenkind. Potter war… ahrg! Der Mann, der Dracos Jugend definiert hatte, der alles, was die Malfoys in den letzten Jahren symbolisierten, geformt hatte, hatte Potters Eltern getötet. Man konnte nicht auf verschiedeneren Seiten stehen. Und Draco Malfoy hatte keinen Menschen getötet. Sein Zauberstab hatte noch keinen Todesfluch begangen.
Und tatsächlich hatte Potter überlebt. Er hatte als Baby all das überstanden, was ausgewachsene Auroren nicht überleben konnten! Er hatte in einer anscheinend grausamen Muggel-Familie – aber waren sie nicht alle grausam? – nicht den Verstand verloren, nein, war sogar bescheiden und gutmütig und verflucht noch mal unmöglich dankbar zum Mann geworden.
Er war Dumbledores kleine Schlampe gewesen, hatte gekämpft und hatte verflucht noch mal sogar sein scheiß Leben für den Sieg über Voldemort gegeben! Und war auch noch zurückgekehrt!
Nein, Draco wusste, was es war. Es kotzte ihn an, dass Potter auf der richtigen Seite stand. Auf der verdammten guten Seite. Und dass er, Draco, das eben nicht tat. Es war völlig offensichtlich. Es war glasklar. Und lächerlicherweise dachte er, dass, wäre es anders, sie vielleicht sogar hätten Freunde sein können. Unter Umständen.
Aber… er wusste, woran man den Bösewicht erkannte.
Er war das exakte Gegenteil des Helden. Potter spielte seine Rolle gut. Verflucht gut. Und ja, vielleicht hätte alles einfacher sein können. Aber das war es eben nicht.
Das war es nicht! Auch wenn Draco seine Anhänger verlor, auch wenn Blaise sich gehalten fühlte, die Seiten zu wechseln, so war es nicht einfach für Draco Malfoy. Denn mit seinem Namen ging das Böse einher.
Fast musste er lächeln. Er nahm an, es wäre alles anders, hätte Potter seinen Vater nicht heldenhaft verloren. Hätte Potters Vater nicht für seinen Sohn und seine Frau sein Leben gelassen. Hätte Potters Vater sich an der goldenen Gardinenstange seines Studierzimmers erhängt, und hätte Potter ihn persönlich von dort oben runterholen müssen.
Einen Monat nach der Beerdigung seiner Mutter. Draco spürte wie das Mal unangenehm laut pochte.
Und das war es eben. Es war wie es war. Und er wollte es gar nicht anders.
Denn er war nicht gut. Er war kein verdammter Held. Den Bösen zu spielen machte ohnehin mehr Sinn. Er hatte es so gelernt. Er musste doch das Erbe seines verdammten Vaters in Ehren halten, richtig?
Und er spürte es; spürte, wie er die Entscheidung wieder einmal traf. Spürte, wie er es hätte anders entscheiden können, denn anscheinend waren Weasley und Potter gerade dabei für Granger eine erhebliche Ausnahme zu machen. Sie standen vor seiner Tür und schienen abzuwägen, ihren Abend mit ihm zu verbringen. Für sie.
Aber Draco war so nicht. So tickte er nicht in seinem Innern. Er tat anderen keine Gefallen. Wofür sollte er? Niemand tat ihm einen Gefallen! Und sicher, er könnte. Natürlich könnte er, verflucht noch mal!
Er könnte über seinen Schatten springen, könnte die größere Person hier sein, er könnte sich erbarmen, könnte kein Arschloch sein, aber… er war eben nicht Potter.
Und er war verflucht dankbar dafür!
Seine Mundwinkel zuckten böse als er sprach. „Das Schlammblut ist nicht hier. Also verschwindet, bevor ich euch Punkte abziehen muss", sagte er mit einem bedauernden, falschen Lächeln, und es fühlte sich beruhigend an, so mit Potter zu sprechen. So, wie er es verdiente.
„Draco, du bist-"
„-was, Zabini? Der Schulsprecher? Ja. Bedauerlicherweise, nicht wahr?", wollte Draco glatt wissen, und er genoss die Stille, die folgte. „Und ich bin keine Eule. Ich nehme für das Schlammblut keine Nachrichten entgegen, und ich nehme auch keine Verräter bei mir auf", ergänzte er kalt. Und er beschloss, auch Zabinis Abend ziemlich beschissen aussehen zu lassen. Mit einem Lächeln begann er die Tür zu schließen.
„Ach, und ich bin mir sicher, ihr habt eine Menge zu besprechen, jetzt, wo du doch an Grangers Höschen willst, nicht wahr, Blaise?" Und Blaises Gesicht verlor ein wenig an Farbe. „Du und Weasley habt es bestimmt noch nicht ausdiskutiert", schloss er mit einem Nicken in Weasleys Richtung, der Blaise jetzt völlig entgeistert anstarrte.
Draco lachte auf. „Oh. Ich sehe, du hast es Potter und dem Wiesel noch nicht erzählt?", entfuhr es ihm mit gespieltem Bedauern. „Zu dumm. Das tut mir wirklich leid. Wirklich, Zabini", fügte er kopfschüttelnd hinzu und warf die Tür zurück ins Schloss.
Er hörte von draußen kein Geräusch.
Neben ihm seufzte Pansy auf. „Ich nehme an, das war nötig, Draco?", wollte sie wütend wissen, und er zuckte bloß die Achseln.
„Entweder wir spielen hier Black-Poker, oder ihr könnt alle verschwinden", sagte er jetzt unbeeindruckt, und hastig begann Gregory die Karten zu mischen. Pansy goss sich ihr Weinglas randvoll, während Elizabeth und ihre Freundin tuschelten. Immerhin waren sie nicht gegangen. Und das hieß wohl, dass Elizabeth noch keine Angst vor ihm hatte.
Und das… war verdammt gut.
Er setzte sich zurück an den Tisch, wo die Jungen schweigend ihre Karten sortierten.
Er konnte nicht verhindern, dass sein Blick auf die Uhr fiel. Es war halb elf.
Sie war noch nicht zurück. Grimmig konzentrierte er sich auf sein überraschend gutes Blatt.
Glück im Spiel, Pech in der Liebe, hieß es. Aber wenn er sich Elizabeths verlangenden Blick näher betrachtete, dann schien er heute wohl eher verfluchtes Glück zu haben.
Sie gingen schweigend nebeneinander. Das Schloss lag ruhig und friedlich vor ihnen. Niemand war mehr unterwegs. Die flackernden Lampen beleuchteten schwach die Gänge. Der Himmel war noch zu erkennen draußen. Die Sonne blieb schon wesentlich länger am Himmel als noch vor zwei Wochen.
„Und jetzt?", wagte Ron zu fragen, denn er wusste nicht, was er sonst fragen sollte. Er hatte Harry schon vorgeschlagen, zu Snape zu gehen, Malfoy zu verpetzen, weil er trank und Hermine als Schlammblut bezeichnete, aber Harry hatte sich dazu noch nicht geäußert.
Und Ron war diese Sache auch primär nicht ganz so wichtig. Denn… Blaise hatte Hermine um ein Date gebeten. Er hatte sie verloren. Ron wusste, er hatte sie nicht mehr an seiner Seite. Und es war ein bodenloses Gefühl, denn er wusste, er hätte irgendwo im Laufe der Zeit eine echte Chance gehabt.
Harry hatte noch nichts gesagt. Nichts, seitdem Zabini gegangen war.
„Ich meine…", begann Ron wieder etwas ratlos. „Wir…" Doch Harry schüttelte plötzlich den Kopf.
„Wieso hat sie es nicht gesagt?", entfuhr es ihm, ohne dass er Ron ansah. Und er klang ziemlich wütend. Ron fuhr sich über das Gesicht. Sie blieben an der nächsten Weggabelung stehen. Hier führte die nächste Treppe hoch zum Gryffindorturm.
„Ich… ich weiß es nicht", erwiderte Ron still. Und er wusste es wohl Ganz einfach, weil Blaise ein Slytherin war. Ganz einfach, weil Hermine klar sein müsste, wie gut sie beide so eine Information verarbeitet hätten. Und er ärgerte sich, genauso wie Harry.
„Wir erfahren es von Malfoy? Wie erfahren so eine wichtige Sache von Malfoy!", knurrte Harry haltlos und lehnte sich gegen die Wand. „Was ist los mit ihr?", fuhr er böse fort, und sah ihn endlich an.
„Ich… keine Ahnung", sagte Ron wieder und vergrub unschlüssig die Hände in den Taschen.
„Macht es dich nicht wütend?", fuhr Harry ihn plötzlich an. Rons Augen weiteten sich.
„Mich?", wiederholte er verwirrt, aber Harry nickte gereizt.
„Ja. Ich meine… anscheinend sind wir nicht mehr ihre besten Freunde! Anscheinend-"
„-Harry, ich bin wütend. Aber wir können sie schlecht zwingen, uns alles zu erzählen, wenn du jeden Tag wegen allen Kleinigkeiten ausrastest!", sagte Ron endlich, was er die ganze Zeit über dachte.
„Was?", entfuhr es Harry scharf, und er schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist es, was du denkst? Wirklich verdammt kollegial von dir!", knurrte er jetzt.
„Harry, bitte!", sagte Ron eindringlich.
„Und ich bin der einzige, oder was?", schimpfte Harry weiter. „Weißt du, ich habe dich auch nicht exakt friedfertig erlebt, wenn es um Malfoy ging!"
„Nein, aber ich-"
„-aber was?", wollte Harry aufgebracht wissen. Ron atmete schließlich aus.
„Lass uns das nicht machen", sagte er schließlich.
„Was?", wollte Harry, immer noch angriffslustig, wissen.
„Uns streiten. Uns genau deswegen streiten", erklärte Ron kopfschüttelnd. „Ich habe keine Lust, mich deswegen zu streiten."
„Es ist dir also egal?", schloss Harry ungläubig aus seinen Worten, und Ron verdrehte die Augen.
„Nein, Harry! Kannst du dir das vorstellen? Es ist mir nicht egal! Aber was soll ich machen? Was genau soll ich tun?"
„Du hättest sie einfach um ein Date bitten sollen!", rief Harry jetzt zornig. „Einfach so, Ron!" Und Ron spürte, wie sich ein Kloß in seiner Kehle formte. Das dachte Harry? Wirklich?
Und sie schwiegen kurz. „Dann wäre sie jetzt nicht dabei, mit irgendwelchen Slytherins auszugehen! Dann würden nicht ständig irgendwelche Jungen hinter ihr her stalken!", fuhr Harry wütend fort. „Siehst du es nicht?", fügte Harry ungläubig hinzu. Ron mied seinen Blick jetzt, und war froh, dass es so dunkel auf den Korridoren war, denn er spürte die Hitze in seinem Gesicht. „Und weiß Merlin, was noch passiert! Wenn Blaise Zabini nur der Anfang ist! Wenn andere auch ihr Glück versuchen?!"
Und Ron blickte starr nach vorne gegen die Wand.
„Wie Malfoy?", sagte er jetzt mit belegter Stimme und hörte Harry aufstöhnen. Daraufhin schwieg Harry. Er wirkte beinahe hilflos, wie er hier im Flur stand.
„Ich hasse all das! Denkt sich Blaise wirklich, er könnte einfach mit ihr ausgehen, ohne dass es uns etwas ausmacht? Ohne dass wir ein Problem damit hätten?" Anscheinend ignorierte Harry auch das Malfoy-Problem. „Und Hermine macht sich nicht mal mehr die Mühe, uns so etwas zu erzählen?!"
„Ich glaube, Malfoy wird-"
„-nein!", unterbrach ihn Harry und schüttelte heftig den Kopf. „Malfoy wird gar nichts, Ron!", brachte er gepresst hervor.
„Harry", begann Ron resignierend, aber Harry schoss ihm einen warnenden Blick zu.
„Du hast ihn gehört!", entgegnete Harry eindeutig. „Du hast gehört, wie er über sie redet! Du hast das Arschloch gehört, wie er einfach… einfach…" Harry schlug die flache Hand gegen die Mauer. „Ich hasse ihn", fügte er gepresst hinzu. „Ich hasse das!", ergänzte er bitter. „Wieso tust du nichts?", fuhr Harry ihn jetzt an.
„Was?" Ron spürte, wie er wütend wurde. „Was genau soll ich tun, Harry? Sie redet mit mir genauso wenig wie mit dir!"
„Wir sind ihre Freunde! Nicht Malfoy oder Blaise Zabini! Diese Schulsprecher-Sache ist einfach ungesund! Was ist in sie gefahren?", knurrte Harry verzweifelt.
„Ich weiß es nicht", wiederholte Ron leiser.
„Wir haben zusammen gekämpft! Sie kann doch nicht einfach… solche Entscheidungen…" Harry schien die richtigen Worte nicht zu finden. „Wieso tut sie das?", wollte er wieder wissen, als wüsste Ron die Antwort auf die Frage.
„Wir könnten mit ihr reden", schlug Ron jetzt vor.
„Mit ihr reden? Wann genau? Wenn sie mit Blaise Zabini bei Kerzenschein Champagner trinkt?", entfuhr es Harry gereizt, und Ron hob hilflos die Hände.
„Harry, ich weiß keine Lösung, ok? Wir können sie nicht zwingen! Wir sind ihre Freunde. Ich weiß, wir sind immer noch ihre Freunde!"
„Ich begreife es nicht, Ron! Anscheinend sind wir keine Freunde mehr", bemerkte Harry plötzlich mit resignierender Erkenntnis.
„Das ist Unsinn!", griff Ron sofort die Worte auf. „Harry, das ist-"
„- ich meine, sieh uns an!", forderte Harry ihn auf. „Was… was ist passiert?", flüsterte er fast. „Ich… habe das Gefühl, als…"
Und Ron atmete aus. „Du magst Hermine?", schloss er bitter. Harry sah ihn an. Direkt ins Gesicht. Das schwache Licht der Lampen spiegelte sich in seinen Brillengläsern.
„Was?", sagte er und schüttelte vage den Kopf. „Ron-"
„Schon ok", sagte Ron schließlich. „Anscheinend… tun wir das alle", bemerkte er still. „Und wir haben vergessen, dass wir eigentlich ihre Freunde sind."
Horror, echter Horror, war in Harrys Blick getreten.
„Ich… - nein! Nein, Ron!", sagte Harry heftig. Aber dann lehnte Harry den Kopf zurück an die Wand. Er nahm die Brille ab und bedeckte mit der Hand seine Augen. „Das… kann nicht sein!", murmelte Harry kopfschüttelnd, und Ron fühlte sich absolut nicht großartig. Er fühlte sich nicht gut. Gerade war etwas… kaputt gegangen. Und alles war innerhalb von wenigen Sekunden unangenehm und seltsam geworden.
„Hey! Schüler haben um die Zeit nichts mehr auf den Gängen…-"
Sie hatte überrascht innegehalten. Hastig stellte sich Harry gerade hin.
„Äh… was macht ihr hier?" Sie senkte ihren Zauberstab, und das helle Licht der Spitze leuchtete nicht mehr in seine Augen.
„Du bist spät dran", sagte Harry heiser, anstatt auf ihre Frage zu antworten. Ron senkte den Blick. Es war spät. Sie trug Jeans und ein dunkelblaues Oberteil. Es betonte ihren Oberkörper auf eine Art und Weise, so dass er sehen konnte, wie ihr Körper unter der Kleidung geformt war. Und sie war auch jetzt noch schön. Auch mitten in der Nacht. Auch wenn sie einen Pferdeschwanz trug, der ihr lang den Rücken hinab fiel.
Auch wenn sie eine Muggel war und das doch zumindest damals zumindest die Slytherins aufgehalten hatte. Er hatte sie immer schön gefunden. Und er hatte zu lange gewartet.
„Ja… ich… war noch… - was macht ihr hier auf dem Gang?", wiederholte sie die Frage, und Harry schien seine ganze Ansprache vergessen zu haben. Ron spürte, Harry suchte seinen Blick. Aber Ron erwiderte ihn nicht. „Alles… in Ordnung?"
Und Ron dachte, Harry würde sie darauf ansprechen. Auf Blaise – auf alles! Aber… das passierte nicht. Es passierte gar nichts. Und langsam hob sich sein Blick. Dann, als Harry viel zu lange nichts gesagt hatte. Es war beinahe unangenehm. Greifbar unangenehm. Und Harry hatte recht. Es war nicht mehr wie früher.
Etwas verloren stand Hermine vor ihnen. Der Meter Platz zwischen ihnen schien sich in eine Endlosigkeit auszudehnen, denn sie kam ihm meilenweit weg vor. Und Harrys Gesicht nahm einen steinernen Ausdruck an.
„Wir… sind auf dem Weg in den Gemeinschaftsraum", sagte er, beinahe teilnahmslos. Hermine sah ihn stirnrunzelnd an.
„Ok?", erwiderte sie unsicher, und Rons Schultern sanken. Harry sagte nichts! Harry sprach es nicht an! Er versuchte es nicht mal! „Und wo wart ihr vorher? Wart ihr bei meinen Räumen?", wollte sie unsicher wissen, aber Harry ruckte mit dem Kopf, ehe Ron sprechen konnte.
„Nein, wir waren nur… unterwegs. Also, gute Nacht, Hermine", verabschiedete er sich, und begann, zu gehen. Perplex sah ihm Ron zu. Hermine warf ihm einen fragenden Blick zu. Aber auch Ron konnte es nicht über sich bringen, hier zu stehen. Hier vor ihr zu stehen, und zu wissen, dass sie Ja zu Blaise Zabini gesagt hatte. Und er wusste, es war ein böses Gefühl. Es war nicht gerecht, niemandem gegenüber, aber er konnte jetzt gerade nicht daran denken, wie es aussehen musste. Was sie denken musste.
Er schaffte es nicht, loyal zu sein. Er schaffte es nicht mal, sie wirklich anzusehen. Denn sie würde ihn nie so ansehen, wie er sie ansah. Und es tat weh. Sie hatten sich alle nie etwas Derartiges versprochen, aber… hätte es erkennbar sein müssen? Hätte es? Dass er – und Harry! – irgendwann über ihre eigene Ignoranz stolperten und bemerkten, dass… dass… Hermine perfekt war? Ja, sie waren selber schuld, nahm er an.
„Gute Nacht", sagte er leise und folgte Harry, der bereits die Treppe erreicht hatte.
Ron wandte den Blick nicht mehr zurück. Er holte Harry nicht mehr ein. Er wollte Harry nicht mal mehr einholen. So sehr er auch oberflächlich gegen eine Verbindung von Harry und Ginny war – so völlig anders war das Gefühl bei Harry und Hermine.
Es war ein schlechtes Gefühl. Und er fühlte sich jetzt gerade so, als hätte er Harry nichts mehr zu sagen. Es war ein Scheißgefühl.
Und er gab Hermine die Schuld.
Allerdings nur für eine Sekunde. Aber in dieser Sekunde hasste er sie fast.
Es ähnelte nicht der Vision, die der Horkurx ihm gezeigt hatte. Nein. Denn im echten Leben schien sich Hermine Granger weder für ihn, noch für Harry Potter entscheiden zu wollen.
Und alles andere kam ihm nur noch schlechter vor.
Jede Alternative hierzu war einfach nur falsch!
Aber… es gab nichts, was er tun konnte.
Gar nichts, außer zu hoffen, dass Draco Malfoy sie wirklich hasste.
Und nichts anderes.
tbc...
